Kitabı oku: «Eine Stunde hinter Mitternacht», sayfa 3
Albumblatt für Elise.
Mein Erstling du, meine Blonde, Frühlingbekränzte! Aus dem Frühlingsbilde des Sandro Botticelli blickst du mich zuweilen an, mit den vergessenen Zügen.
In einem unvergesslichen Frühsommer, zur Zeit meiner ersten Lieder, war parküberschattet wenig Tage lang eine selige Nähe um mich, ein auferstandener Traum, mit unfassbarem Traumgesicht, flüchtig und schwer mit Namen zu nennen. Und das warst du. Ohne Vorher und Hernach, wie ein einziger, niemals wiederkehrender Strahl glückfarben gebrochenen Lichtes – ich weiss nur noch, du hattest hellrote Mädchenlippen, du trugst einen schweren Bund blonden Haares und hattest eine zärtlich milde Liederstimme. Und hiessest Elise.
Du Fee! Du Blüte, du Leichte, Körperlose! Du gleitest über den ausgespannten Teppich meiner jugendlichsten Glücksträume wie eine lind bewegte Musik, oder wie eine duftende Erinnerung, oder wie der Geist einer verklärten, tiefgründigen Jugendzeit. Nimm meinen heimlichen Gruss! Nimm den Feiertagszauber jener Sommerfeste im Park, und den Schatz meines Andenkens an alle Märchen jener Zeit! Nimm, was meine verschwenderische Jugend hat, die verwunschenen Kleinode von Träumen, über denen jene versunkenen Junihimmel in fabelhafter Bläue lohten!
Nimm auch noch, Prinzessin, ein Lied von mir! Ich fand es dort, wo unser Tannenschlag endet und der Buchenhochwald der Berthaburg beginnt, auf der Bachbank, über unsrem durch den Waldrand leuchtenden Kornblumenfelde. Es ist das früheste meiner Lieder, dessen ich mich zu erinnern vermag.
Der Zeller Hirt treibt heim. Der laute Bach
Stürzt dunkle Wasser den besonnten nach.
Die Ferne raucht; die ganze Welt liegt weit.
So möcht’ ich stehen ein’ und alle Zeit.
So steh’n und hold mit Träumerblicken schaun
Lustwandeln dich, du schönste aller Fraun.
Da nahst du dich. Ich berge mein Gesicht
Von Thränen heiss. Du aber weisst es nicht.
Die Fiebermuse.
Meine Fiebermuse ist heute bei mir. Sitzt ruhig und hält sich stille, da doch sonst Gassenlaufen und Vagieren ihre Art ist. Sie hat eine Anwandlung, zu sitzen und mir zu schmeicheln wie vor Zeiten, da wir beide noch liebe Brautleute und Blondköpfe gewesen sind. Sie lehnt im tiefen Polsterstuhl, hat den Kopf zurückgelegt und hängt mit ihrem Blick an mir, mit dem blassen, allwissenden, fiebernden, der ihr seit vielen Jahren eigen ist. Dieser Blick ist über vielen meiner Nächte gewesen seit jenem ersten Jugendraub unserer Liebe, da wir beim Flackerlicht verbrennender Knabenlieder meinen Göttern Hohn sprachen und unsern Weg durch ewige Wildnisse zu nehmen uns gelobten.
Dieser Blick weiss von allem, was verborgen, tief und keimend ist, er erbricht alles Knospende und schändet jede Heimlichkeit. Jenseits entgötterter Tempel und verwelkter Liebesgärten erst beginnt dieser Blick das Spiel der Frage und Antwort und Gegenfrage, er fiebert nach Geheimnissen, welche nie ein anderes Auge erforscht hat.
Wir haben meine Seele ergründet und sind bis dahin gestiegen, wo Horchen Mord ist. Wir waren mit scharf geschliffenen Augen überall, wo brechende Farben und zerrinnende Laute sind, und waren begierig, die Gesetze des Zufalls zu finden. Die entgleisenden Wellen sterbender Töne und die blassen Irislichter sterbender Farben haben wir geliebt, und alle Grenzpunkte, wo Zittern war, und Zweifel, und Agonie.
Aus brechenden Zittertönen und flüchtigen, irisschimmernden Fieberfarben erbauten wir unsre Welt, unsre wunderbare, unbegriffene, unmögliche Welt. Meine Muse aber wurde blass und hager, und schöner von Traum zu Traum. Wenn sie in meinen Gedanken sich spiegelt, berückt ihr blasses Bild mit der Schlankheit der zarten Glieder, mit den schweren Hängelocken, mit den adligen Händen und Gelenken, und mit dem tiefblutroten Munde. Zu allen Zeiten haben wahnsinnige Maler in Augenblicken überirdischer Empfängnis solche Bilder geträumt und mit verzaubertem Pinsel die flüchtigste Oberfläche glänzender Farben in scheuen, ahnenden Linien ängstlich erprobt. Ein solches Bild, in scheuer Entrückung erschaut, verfolgte die silbernen Träume jenes Sandro Botticelli, und lockte aus ihm eine feine, wunderbare Kunst, und trieb seine verfeinerte Hand von Bild zu Bild, bis ihm Pinsel und Finger zerbrach.
Meine Muse lächelt, wenn sie sich seiner erinnert. Sie ist hinter ihm gestanden und lockte durch ihren Blick aus seinen Bildern die flüchtige Glut sehnsüchtiger Lippen und Augen. Sie lockte seine Kunst von Bild zu Bild, bis ihm Pinsel und Finger zerbrach. Mir aber erzählte sie von ihm und erklärte mir die unerhörten Wünsche seiner brennenden Seele, und führte mich durch die sich schneidenden Kreise seiner hageren Dantebilder.
In anderen Stunden lehnte sie neben der schmächtigen Gestalt eines kranken Klavierspielers und reizte seine geschmeidigen Finger nach dem Zartesten zu tasten, und lehrte ihn feine, brechende Klänge, die das klopfende Herz und den raschen Atem des Hörenden in ihre schwermütig wilden Takte zwingen. Diesen schmächtigen, kranken Chopin lockte sie von Reiz zu Reiz, sie lehrte ihn sein Herz belauschen und deuten und lehrte sein Herz in zitternd bewegten Takten schlagen, bis es in Müdigkeit und Sehnsucht vor dem treibenden Stachel erlag. Mir aber erzählte sie von ihm, liess mein Herz in seinen müden, stachelnden Rhythmen schlagen und lehrte mich mein Herz belauschen und deuten.
Nun sitzt sie hinter mir, spricht leise zu mir, und schmeichelt, und hüllt mich in ihren blassen, allwissenden Blick. Sie lockt meine Heimlichkeiten aus ihren Verstecken und entzündet meine Wünsche zu farbigen Spielen. Diese Muse tastet an das Zittern meines Blutes, und stachelt mein durstiges Auge von Sehnsucht zu Sehnsucht und lächelt dazu, bis mir Blick und Herzschlag zerbricht.
Als sie zum ersten Male zu mir kam, trug sie schwarze Kleider und liebte Rieselbäche in spätsommerfarbnen Gehölzen und Schaukelkähne an laubüberwölbten Seerändern. Da hing zitternd mein Herz am zerrissenen Faden einer knabenhaften Liebe, da rief meine Sehnsucht einen lieblichen Namen in widertönende Wälder, und meine Liebe wiederholte zärtlich in Flüsterlauten ein trauriges Liebesgespräch.
Damals kam meine Fiebermuse zu mir, an einem silbernen Bach, spielte Freundschaft mit mir und gab mir die schwarze Laute zu schlagen. Dann half sie mir ein verbotenes Schloss erbauen, das rote Liebesschloss, vor dessen Fenstern wir im Dunkeln froren, während Hochzeiten und klingende Feste hinter seidenen Gardinen lärmten und geläutete Krystallbecher und fiebernde Geigenreigen. Sie zog Schleier und keusche Decken von der Schatzkammer meiner Seele, sie reizte mein Auge und erweckte in mir eine plagende Begierde, Schlösser und fabelhafte Herrlichkeiten zu bauen und mich im Golde zu spiegeln. Wir schufen rote, flackernde Märchen, Lustgärten und Wildnisse, und bevölkerten südliche Landschaften mit schlanken, fürstlichen Wandelpaaren.
Ich lernte meine Traurigkeit in lassen Verstakten wiegen und in dunklen Reimen spiegeln. Ich lernte spitz zulaufende Jambengänge fügen und schwere Versbrücken, deren Pfeiler dunkle Molosser waren. Darauf begannen wir Fabeln zu ersinnen, in welchen alles Leben umgewendet war wie in einem Höllenspiegel, geborene Greise, welche sich jung lebten und am Ende als Kinder ängstlich dem Ende ins Auge sahen, unselige Liebesschicksale und Geschichten, die voll von Grausamkeiten waren.
Später, nachdem ich in einer Angstnacht meiner Muse in Untreue entlaufen war und mich auf die grünen Plane der Sonnenseite geschlagen hatte, kam sie noch manchmal, wie heute, und führte mich durch geisterbleiche Nächte, und heftete das schöne, allmächtige Auge voll List und Liebe auf mich, begierig, die grausame Wollust unserer früheren Träume zu erneuern.
Oft auch sehen wir uns verständig und traurig an wie geschiedene Liebende und wissen nicht, wer von uns der Dieb oder der Bestohlene ist. Dann öffnet sie leis die blutroten Lippen, regt die Hand und beschwört in mir das Bild des fensterroten Liebesschlosses und das verzweifelte Jauchzen lustgestachelter Geigenreigen. Sie sieht auch jetzt, was ich geschrieben habe, und seufzt, und hat den bleichen Tod im Blick.
Incipit vita nova.
In meinem Leben ist wie im Leben der meisten Menschen ein Punkt der Wandlung in’s Besondere, ein Ort der Schrecken, der Finsternisse, des Verirrt- und Alleinseins, ein Tag unerhörter Betäubung und Leere, aus dessen Abend neue Sterne am Himmel und neue Augen in uns hervorgehen.
Da ging ich frierend unter den Trümmern meiner Jugendwelt, über zerbrochene Gedanken und gliederzuckende, verzerrte Träume, und was ich anschaute, fiel in Staub und hörte auf zu leben. Freunde gingen an mir vorbei, welche zu kennen ich mich schämte, Gedanken sahen mich an, die ich vorgestern gedacht hatte, und waren so entfernt und fremd geworden, als wären sie hundertjährig und nie mein Eigentum gewesen. Alles wich von mir weg, ich war bald von einer ungeheuren Leere und Windstille umgeben. Ich hatte nichts Nahes mehr, keine Lieblinge, keine Nachbarschaft, und mein Leben stieg in mir als ein schüttelnder Ekel empor. Als wäre jedes Mass überfüllt, jeder Altar entheiligt, jede Süssigkeit verekelt, jede Höhe überklommen. Als wäre jeder Schimmer einer Reinheit verfinstert und schon jede Ahnung einer Schönheit verzerrt und mit Füssen getreten. Ich hatte nichts mehr, mich danach zu sehnen, nichts mehr anzubeten und zu hassen. Alles was Heiliges, Ungeschändetes und Versöhnendes noch in mir war, hatte Blick und Stimme verloren. Alle Wächter meines Lebens waren eingeschlummert. Alle Brücken waren abgebrochen und alle Fernen ihrer Bläue beraubt.
Als alles Lockende und Liebenswerte mir so verschwunden war und ich wie ein Schiffbrüchiger des Geistes erschöpft und unaussprechlich beraubt und arm zum Bewusstsein meines Elendes erwachte, da senkte ich das Auge, erhob mich mit schweren Gliedern und wanderte aus allen Gewöhnungen meiner Vergangenheit wie ein Gerichteter, der bei Nacht seine Wohnung verlässt, ohne Abschied zu nehmen und ohne die Thüren hinter sich zu verschliessen.
Wer hat je der Einsamkeit auf den Boden geschaut? Wer kann sagen, dass er das Land der Entsagung kenne? Meinen Blicken schwindelte, als ich mich über den Abgrund bückte, sie fielen ohne ein Ende zu finden. Ich wanderte durch das Land der Entsagung, bis meine Kniee vor Müdigkeit brachen, und noch lag die Strasse in unverminderter Ewigkeit vor meinem Schritt. Eine stille, traurige Nacht wölbte sich tröstend und schläfernd über mir. Schlummer und Traum kamen zu mir wie Freunde zu einem Heimkehrenden, und lösten eine tödliche Last wie ein Reisebündel von meinen Schultern.
Bist du schon schiffbrüchig gewesen und sahest Land und einen Schwimmer sich dir nähern? Bist du schon todkrank gewesen und thatest genesend den ersten Trunk frischer Gartenluft und spürtest das süsse Wallen des sich erneuernden Blutes? Wie diesen Erretteten und diesen Genesenen, so überflutete mich ein Wirbel von Dankbarkeit, Ruhe, Licht und Wohlsein, als ich in jener Nacht erkannte, dass unerforschliche Wesen sich freundlich zu mir neigten.
Der Himmel hatte ein anderes Ansehen als jemals zuvor. Die Stellung und Wiederkehr der Gestirne trat mit meinem innersten Leben in einen vorbestimmten Freundesbund und das Ewige verknüpfte etwas in mir deutlich und wohlthätig mit seinen Gesetzen. Ich fühlte in meinem aus der Wüste aufgerichteten Leben einen goldenen Grund gelegt, eine Kraft und ein Gesetz, nach welchem, wie ich mit herrlichem Erstaunen empfand, künftig alles Alte und Neue in mir sich in edlen Krystallformen ordnen und mit allen Dingen und Wundern der Welt wohlthätige Bündnisse schliessen müsste.
Incipit vita nova. Ich bin ein Neuer geworden, mir selber noch ein Wunder, ruhend zugleich und thätig, empfangend und schenkend, ein Besitzer von Gütern, deren werteste ich vielleicht noch nicht kenne.
Das Fest des Königs.
Im Schloss des Königs wurde ein Fest bereitet. Der Palast und alle vornehmen Häuser der Stadt waren mit Gästen überfüllt, denn zu den Festen des Königs pflegte der Adel des ganzen Landes sich einzufinden.
Die breite Allee, welche vom Schlosse in die Stadt führte und die an gewöhnlichen Tagen durch Ketten und Wächter versperrt wurde, war voll von Reitern, Wagen, Sänften, Lastträgern und Müssiggängern zu Fusse. Der König besass einen Marstall von hundert Schimmeln, und ausser den Prinzen und den Grafen des Landes durfte niemand ein weisses Ross reiten, bei Todesstrafe. Wenn nun auf dem überfüllten Fahrwege ein Schimmelreiter erschien, dem wurde eine breite Gasse gebahnt, und auf beiden Seiten drängte sich das wartende Volk, sich bückend und die Häupter zum Gruss entblössend. Da waren Handwerker mit Leitern, Seilen, Brettern, Teppichen und gemalten Schildern, buntgekleidete Musikanten, Trompeten, Geigen und grosse Trommeln tragend, Blumenverkäufer mit Karren, auf welchen bunte und rare Blumen in Haufen getürmt lagen, Herolde und Soldaten, Wagen, die mit vielerlei Geräte, Tapeten und Tüchern beladen waren. Unzählige Neugierige in Sonntagskleidern spazierten in dem geöffneten äussersten Ring des königlichen Parkes, durch den die Platanenallee gezogen war. Handwerker waren beschäftigt, zwischen den Bäumen lange Leinen mit aufgereihten, runden, rot und gelben Papierlaternen zu spannen, welche am Abend zur Belustigung des Volkes und als fröhlicher Anblick für die Herrschaften sollten angezündet werden. Die Arbeiter lachten oder fluchten durcheinander, je nachdem sie von der Menge ermuntert oder belästigt wurden. Trödler gingen umher, von vielen Kindern umringt, mit Schmuck und allerlei Spielzeug und Flittern handelnd, Weiber, welche Brot und Würste und Gebäck verkauften, und Blumenmädchen, die den jungen Städtern Veilchensträusse anboten. Diese alle erfreuten sich reichlichen Zulaufs, und zumal die Veilchenmädchen waren überall von eleganten, im Scherze feilschenden jungen Männern unter vielerlei Schmeicheleien und spasshaften Angeboten umringt.
Am dichtesten drückte sich das Volk vor dem geschlossenen eisernen Hauptportal des Schlosshofes. Landleute und Städter drängten sich dort zu dem selten gewährten Anblick des Schlosses und brannten vor Begierde, hinter den Bogenfenstern Einen vom Königshause zu erspähen, und wandten kein Auge vom Schlosshof, sobald ein Lakei in roter Livree sichtbar wurde, oder ein Offizier, oder nur ein gemeiner Diener, welcher Gerät trug oder Pferd oder Hund nach den seitwärts zurückliegenden Prachtställen führte.
Das Schloss bestaunte ein jeder, der es zum ersten Male sah, und am meisten die Landleute. Denn es war nach hierlands fremden Regeln unter dem Vater des jetzigen Königs von einem südländischen Werkmeister erbaut worden, von geringer Höhe, aber weitläufig und prächtig, und ganz aus Marmor. Dieses Schloss und der dahinter liegende alte Park, der dem Volke unsichtbar und niemals zugänglich war, galten als die Wunder des Landes. Die sichtbare vordere Seite des Schlosses, mit zweimal vierzig Bogenfenstern, war von einem breiten Giebel gekrönt, in dessen Dreieck ungeheure Menschen und Pferde auch aus Marmor gemeisselt standen, die seitwärtigen in allerlei Lagen knieend, fallend und liegend und so der Dreieckform lebendig angeschmiegt. Kleinere Figuren von feiner Arbeit standen über dem Hauptthore, den Empfang heimkehrender Sieger darstellend. Im Innern aber sollten Säle von unerhörter Höhe und Pracht und Zimmer mit seidenen und goldenen Wänden sein, angefüllt mit Schätzen aus vielen Zeitaltern und Kunstwerken berühmter Meister. Noch erstaunlichere Gerüchte wussten viele von dem geheimnisvollen Park zu erzählen, der sich drei Stunden weit erstreckte und von ausländischen Gärtnern und Förstern erhalten wurde, welchen verboten war, sich jemals ausserhalb der ungeheuren Ringmauer zu begeben, die den ganzen Park in stattlicher Dicke und Höhe umgab. Hirsche und unbekannte Tiere und farbige, fremde Vögel, als Fasanen und Pfauen, wusste man dort verborgen, und jahrhundertalte Wildnisse, ferner künstliche Gewässer, Seen und springende Brunnen, Brücken und Beete voll seltener Blumen, sowie ein fabelhaftes Jagdschloss, den Lustort des verwichenen Fürsten, wo dessen lang verblichene Geliebten häufig umgingen, die Buhlereien und Eifersüchte ihres vormaligen Sündenlebens erneuernd. Was immer an dunklen Mordgeschichten und unerhörten verliebten Lustbarkeiten von heissen Köpfen ersonnen und von eiligen Weiberzungen verschwatzt war, wurde auf das unbekannte Jagdschloss gehäuft, welches den einen als ein schimmernder Himmel auf Erden, den andern als Sammelort aller Schrecken und bösen Geister erschien.
Die müssige Menge sog begierig die Geschwätze und geflüsterten Sagen und den Duft des Wunderbaren ein, der sie nebst dem Rausch des Feiertages und der Erwartung erhitzte und betäubte. Man sprach von den Pferden und Wagen der Gäste, von den bevorstehenden Vergnügungen des Hofes und denen des Volkes, welchem auf den Abend ein Feuerwerk versprochen war. Neben den anpreisenden Rufen der Verkäufer waren die von lautem Gelächter begleiteten Spässe der Hanswurste zu hören, die Bettelreden sitzender Krüppel und umhergestossener Einarmiger oder geführter Blinder, die ermahnenden, aber wohlwollenden Stimmen anwesender Ratsherren, und das gelle Spassen und jache Lachen der Freudenmädchen. Die Trinkbuden bevölkerten sich, und mancher Unkluge nahm den erwarteten Genuss des Festtages im vorzeitigen Rausch vorweg. Andere umstanden ein Kasperltheater oder ein Loosrad oder die Wettspiele der Kinder, welche nach ausgehängten Preisen kletterten und sprangen. Balladensänger und Sackpfeifer wurden angehört, im Gedränge verloren sich Familien und Freunde auseinander und fanden sich Liebespaare, denen die Wirre des Festplatzes ersehnte Gelegenheit zu verbotenen Zusammenkünften gab.
In den gewundenen Spazierwegen des äusseren Parkes sassen und lustwandelten die Alten, die Angesehenen der Stadt, reiche Bürger, Räte und Richter, und langsame Pfarrer, im Genuss der gepflegten Zierbeete und Rasen und der schattigen Ruhebänke. Ein feister Ratsherr erklärte mehreren Fremden die Anlage der Alleen und Wege und die Lage des Schlosses, und rühmte den Wohlstand seiner Stadt und den freigebigen Reichtum seines Königs.
Der Lärm, das Bürgergespräch, die modisch gekleideten Städter und das glotzende, schwergestiefelte Landvolk schändeten die Alleen und die Gärten, und stachen hart von dem Ernst der alten Platanen und von der eleganten Schönheit der fürstlichen Anlagen ab, deren verschlungene Wege, von allerlei seltenem Laub überschattet, dazu bestimmt waren, von Prinzessinnen in adliger Gesellschaft oder von den Phantasiebildern eines fürstlichen Dichters beschritten zu werden.
