Kitabı oku: «Hermann Lauscher», sayfa 5
VI.
Spät am Abend desselben Tages dauerte Erich Tänzer noch in der Krone aus, bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er allein in der stillen Schenkstube war. Lulu saß noch mit am Tische; da stieß Erich plötzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des schönen Mädchens, sah sie an, räusperte sich und tat folgende Rede: „Fräulein Lulu, ich muß Ihnen eine Rede halten. Ich muß Sie anklagen. Der künftige Staatsanwalt regt sich in mir. Sie sind unerlaubt schön, Sie sind schöner als man sein darf und machen damit sich und andere unglücklich. Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo ist mein schöner Appetit? Und mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat sämtlicher Paragraphen des bürgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe von Meisels Repertorium so mühselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die Pandekten? Und das Strafrecht und der Zivilprozeß? Ja wo sind sie? In meinem Kopf steht nur noch ein einziger Paragraph, der heißt Lulu! Und die Fußnote heißt: O du Schönste, o du Allerschönste!“
Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus kühle Hand. Diese spähte ängstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Büffet schnarchte Herr Müller, sie mochte nicht rufen.
Da ward unversehens die Türe ein wenig geöffnet, eine Hand und ein Stück Flanellhemdärmels drang durch den Spalt, etwas Weißes entglitt der Hand und flatterte zu Boden; dahinter schloß sich eilends wieder die Türe. Lulu hatte sich losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt Briefpapier vom Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte plötzlich und las ihm das Blatt vor. Darauf stand:
Herrin, wirst du lachen müssen?
Sieh, ein heißes Dichterhaupt,
Das du stolz und kühl geglaubt,
Liegt beschämt nun dir zu Füßen,
Und ein Herz, dem alle höchste Lust
Wie das tiefste Leiden ward bewußt,
Zittert scheu in deiner kleinen Hand!
Rote Rosen, die ich Wandrer fand,
Rote Lieder, die ich Sänger sang,
Sehnen sich und welken bang,
Liegen arm zu deinen Füßen – — —
Wirst du lachen müssen?
„Lauscher,“ rief Erich entrüstet, „das Aas! Sie werden doch nicht glauben, es sei dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was schreibt er alle drei Wochen einer andren!“ Lulu gab dem Erregten keine Antwort, sondern lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinüber. Von dorther kamen wirre Guitarrengriffe geklungen, und eine Baßstimme sang dazu:
Ich stehe hier und harre
Und spiele die Guitarre . . .
O zögere nicht länger
Und liebe deinen Sänger!
Ein Windstoß warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte der Wirt im Büffet und kam verdrießlich aus der Schanktüre hervor. Erich warf Geld auf den Tisch, ließ sein Bier stehen, verließ ohne Gruß die Stube und rannte mit einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in den Rücken, der niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun mit Erich zankend und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging.
Die schöne Lulu löschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg in ihre Kammer hinauf. Sie hörte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers Zimmer aufgeregte Schritte und öftere lange Seufzer tönen. Kopfschüttelnd erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht sogleich einschlafen konnte, überdachte sie noch einmal den Abend; aber sie lachte jetzt nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie ein mißratenes Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen darüber, wie alle diese Menschen so töricht und enge bloß an sich selber dachten und auch an ihr im Grunde doch nur das hübsche Gesicht ehrten und liebten. Diese jungen Männer schienen ihr wie irregeleitete arme Nachtflügler um kleine Lichtlein zu taumeln, während sie große Reden im Munde führten. Es erschien ihr traurig und lächerlich, wie sie immerfort von Schönheit, Jugend und Rosen redeten, farbige Theaterwände von Worten um sich her aufbauten, indes die ganze herbe Wahrheit des Lebens fremd an ihnen vorüberlief. In ihrer kleinen einfachen Mädchenseele stand diese Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und daß die Kunst des Lebens im Leidenlernen und Lächelnlernen bestehe.
Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war schwül. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heißen Stirn empor und verloren sich in flüchtig verblassenden Träumen, ohne daß darüber die schwere Schwüle der Augustnacht und das zähe, peinigende Singen einiger Schnaken seinem Bewußtsein entschwunden wäre. Die Schnaken folterten ihn am meisten; bald schienen sie zu singen:
Vollkommenheit,
Man sieht dich selten, aber heut . . .
bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm plötzlich wieder in den Sinn, daß nun die schöne Lulu seine Verse in Händen habe und von seiner Liebe wisse. Daß Oskar Ripplein das Guitarreständchen gebracht, und daß wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schönen Mädchen Geständnisse gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rätselhafte im Wesen der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewußte Verknüpfung mit dem Philosophen Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig seelenvolle Schönheit und ihr alltäglich-graues Schicksal beschäftigten des Dichters Gedanken. Daß die ganze eng befreundete Runde des Cénacle plötzlich wie um den Magnetberg um das fremde Mädchen kreiste und daß er selbst, statt Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger vom Netz dieses Liebesmärchens umstricken ließ, das alles kam ihm nun vor, als wäre er und wären die andern lauter Traumgestalten eines phantasierenden Humoristen oder Figuren einer grotesken Sage. In seinem schmerzenden Haupte stieg die Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander und er selbst und Lulu wären ohnmächtige, willenlose Fragmente aus einem Manuskripte des alten Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte Teile einer unvollendeten ästhetischen Spekulation. Dennoch sträubte sich alles in ihm gegen ein solches unglückliches cogito ergo sum, er raffte sich zusammen, stand auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem Nachdenken erkannte er bald die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen Liebeserklärung; er fühlte wohl, daß die schöne Lulu ihn nicht liebe und im Grunde lächerlich fände. Traurig legte er sich ins Fenster, Sterne traten zwischen den leichten Wolken hervor, ein Wind lief über die dunkeln Kronen der Kastanien. Der Dichter beschloß, daß morgen sein letzter Tag in Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlösend drang das Gefühl der Entsagung durch seinen müden, vom Traum der letzten Tage schwül umfangenen Sinn.
VII.
Als Lauscher andern Tages früh in die Wirtsstube hinabkam, war Lulu schon mit den Tassen beschäftigt. Beide setzten sich zum dampfenden Kaffee. Lulu erschien dem Gaste merkwürdig verändert. Eine fast königliche Klarheit leuchtete auf ihrem reinen, süßen Gesicht, und eine besondere Güte und Klugheit blickte aus ihren schönen, vertieften Augen.
„Lulu, Sie sind über Nacht schöner geworden,“ sagte Lauscher bewundernd. „Ich wußte nicht, daß dies möglich wäre.“
Sie lächelte nickend: „Ja, ich habe einen Traum gehabt, einen Traum . . .“
Der Dichter fragte mit einem erstaunten Blick über den Tisch hinüber.
„Nein,“ sagte sie. „Ich darf ihn nicht erzählen.“
In diesem Augenblick trat die Morgensonne ins Fenster und glänzte durch die dunkeln Haare der schönen Lulu stolz und golden wie eine Glorie. Andächtig mit trauriger Freude hing des Dichters Blick an dem köstlichen Bilde. Lulu nickte ihm zu, lächelte wieder und sagte: „Ich muß Ihnen noch danken, lieber Herr Lauscher. Sie haben mir gestern Verse geschenkt, die mir hübsch erscheinen, obwohl ich sie nicht ganz verstehen kann.“
„Es war ein schwüler Abend gestern,“ sagte Lauscher und blickte der Schönen in die Augen. „Darf ich das Blatt noch einmal sehen?“
Sie gab es ihm hin. Er überlas es leise noch einmal, faltete es zusammen und verbarg es in seiner Tasche. Die schöne Lulu sah schweigend zu und nickte nachdenklich. Nun wurde der Wirt auf der Treppe hörbar, Lulu sprang auf und begann ihre Morgenarbeit. Grüßend trat der kleine, feiste Wirt herein.
„Guten Morgen, Herr Müller!“ antwortete Hermann Lauscher. „Ich bin heute zum letzten Mal Ihr Gast. Morgen früh reise ich.“
„Aber ich hatte doch gedacht, Herr Lauscher . . .“
„Schon gut. Auf heute abend stellen Sie ein paar Flaschen Champagner kalt und räumen uns das hintere Zimmer ein, zum Abschiedfeiern!“
„Wie Herr Lauscher befehlen!“
Lauscher verließ Stube und Gasthaus und begab sich auf den Weg zu Ludwig Ugel, seinem Liebling, um diesen letzten Tag mit ihm zusammen zu sein.
Aus Ugels kleiner Bude in der Steingaustraße klang schon Morgenmusik. Ugel stand in Hemdärmeln noch ungekämmt am Kaffeetisch und spielte seine brave Violine, daß es eine Lust war. Das ganze Stüblein war voll Sonne.
„Ist’s wahr, du willst morgen reisen?“ rief Ugel dem Dichter entgegen. Der war nicht wenig verwundert.
„Woher weißt du’s denn schon?“
„Von Drehdichum.“
„Drehdichum? Der Teufel werde klug daraus!“
„Ja, der Alte war die halbe Nacht bei mir. Ein toller Bruder! Er faselte wieder was Langes, Farbiges von seinen Prinzessingeschichten, Liliengärten und dergleichen. Meinte, ich müsse die Prinzessin erlösen; er hätte sich in dir getäuscht, du seiest nicht die wahre Harfe Silberlied. Verrückt, nicht? Ich verstand kein Wort.“
„Ich verstehe es,“ sagte Lauscher leise. „Der Alte hat recht.“
Noch eine Weile hörte er Ugeln zu, der nun die begonnene Sonate zu Ende spielte. Bald darauf verließen beide Freunde Arm in Arm die Stadt und wandten sich gegen die Plochinger Steige in den Wald. Sie redeten wenig; der Abschied machte beide stumm. Der Morgen lag warm und glänzend über den schönen Bergen der Alb. Bald bog die Straße in den tiefen Wald, und die Spaziergänger legten sich abseits vom Wege in das kühle Moos.
„Wir wollen einen Strauß für die schöne Lulu machen,“ sagte Ugel und begann im Liegen große Farnkräuter zu brechen.
„Ja,“ sagte der andere leise, „einen Strauß für die schöne Lulu!“ Er riß eine ganze hohe rotblühende Staude aus der Erde. „Nimm das dazu! Roter Fingerhut. Ich habe ihr sonst nichts zu geben. Wild, fieberrot und giftig . . .“
Er redete nicht weiter; süß und bitter stieg es in seiner Kehle auf, wie Schluchzen. Düster wendete er sich ab; Ugel aber bog den Arm um seine Schulter, legte sich an seine Seite und wies mit ablenkender Geberde empor in das wunderbare Spiel des Lichtes im hellgrünen Laub. Jeder von den beiden dachte an seine Liebe, und schweigend ruhten sie lange Zeit, Waldkronen und Himmel über sich. Über ihre Stirnen lief der kräftige, kühle Wind, über ihre Seelen spannte, vielleicht zum letzten Mal, die selige Jugend ihre blauen, ahnungsvollen Himmel aus. Leise begann Ugel ein Lied zu singen:
Die Fürstin heißt Elisabeth —
Ein Hauch von Sonne, die vergeht.
Ich wollt, ich hätte einen Namen,
Der sich verneigt vor lieben Damen,
Vor Schönheit, vor Elisabeth,
Der süß von zarten Rosen weht,
Von Blättern lind, so leicht, so laß,
Von Rosen weiß, von Rosen blaß,
Ein Schimmer späten Abendgolds
Und wie der Fürstin Mund so stolz
Und wie der Fürstin Stirn so rein,
Und müßte singen von Glück und Pein —
So froh und traurig müßt er sein!
Dem Freunde weitete die stille Traurigkeit der schönen Stunde die Brust in Schmerz und Lust. Er schloß die Augen; aus seiner Seele stieg das Bild der schönen Lulu auf, wie er sie am heutigen Morgen gesehen hatte, so sonneverklärt, so milde, so leuchtend, klug und unnahbar, daß sein Herz in erregten schmerzlichen Schlägen pochte. Seufzend fuhr er mit der Hand über die Stirn, fächerte sich mit dem roten Fingerhut und sang:
Ich will mich tief verneigen
Vor dir und ziehen den Hut,
Ich will dir Lieder geigen
Rot wie Rosen und rot wie Blut.
Ich will mich vor dir bücken,
Wie man vor Fürstinnen tut,
Und will dich mit Rosen schmücken,
Mit Rosen rot wie Blut.
Ich will auch zu dir beten,
Wie man vor Heiligen kniet,
Mit meiner wilden, verschmähten
Liebe und meinem Lied.
* *
*
Er hatte kaum geendigt, als aus dem innersten Walde hervor der Philosoph Drehdichum die Liegenden anrief. Aufschauend sahen sie ihn aus den Gebüschen treten.
„Guten Tag,“ rief er näherkommend, „guten Tag, meine Freunde! Nehmet dies zu euerm Strauß für die schöne Lulu!“ Damit gab er Lauschern eine große weiße Lilie in die Hand. Behaglich ließ er sich sodann den Freunden gegenüber auf einem moosigen Felsen nieder.
„Sagen Sie, Zauberer,“ redete Lauscher ihn an, „da Sie doch überall sind und alles wissen: wer ist eigentlich die schöne Lulu?“
„Viel gefragt!“ schmunzelte der Graubart. „Sie weiß es selber nicht. Daß sie die Stiefschwester der verdammten Müllerin sei, glauben Sie wohl nicht, und ich auch nicht. Sie selber hat nicht Vater, nicht Mutter gekannt, und ihr einziger Heimatbrief ist die Strophe eines merkwürdigen Liedes, das sie zuweilen singt und worin sie einen gewissen König Ohneleid ihren Vater nennt.“
„Dummes Zeug!“ fluchte Ugel ärgerlich.
„Weshalb, lieber Herr?“ entgegnete sanftmütig der Alte. „Aber dem sei wie ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . . Ich höre, Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land verlassen? Wie man sich täuschen kann! Ich hätte gewettet, Sie blieben noch länger hier, da Sie, wie mir schien, eben durch die Lulu . . .“
„Genug, genug, Herr!“ fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. „Was zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffären an!“
„Nicht so heftig!“ beruhigte lächelnd der Philosoph. „Davon, Wertgeschätzter, war ja gar nicht die Rede. Daß ich mich mit den Verwicklungen fremder Schicksale, besonders Dichterschicksale, beschäftigte, gehört zu meiner Wissenschaft. Für mich besteht kein Zweifel darüber, daß zwischen Ihnen und unserer Lulu gewisse subtile magische Beziehungen statthaben, wenn schon, wie ich ahne, ihrer ersprießlichen Wirkung zurzeit noch unüberwindliche Hemmnisse im Wege liegen.“
„Erklären Sie mir das doch, bitte, etwas näher!“ sagte der Dichter kühl, aber doch neugierig.
Der Alte zuckte die Achseln. „Ei nun,“ sagte er, „jedes irgend höher stehende Menschenwesen strebt instinktmäßig nach jener Harmonie, die im glücklichen Gleichgewicht des Bewußten und des Unbewußten bestände. Solange aber der zerstörende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein scheint, neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu Bündnissen mit entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche Bündnisse können ohne Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, können wie Verwandtschaften unerkannt, rein gefühlsmäßig leben und wirken. Jedenfalls sind sie vorbestimmt und stehen außerhalb der Sphäre des persönlichen Willens. Sie sind ein unermeßlich wichtiges Element dessen, was man Schicksal nennt. Es ist vorgekommen, daß das eigentliche, wohltätige Leben eines solchen Bündnisses erst im Augenblicke der Trennung und Entsagung begann; denn diese unterliegen unserm Wollen, dem die Macht jener Sympathie sich entzieht.“
„Ich verstehe Sie,“ sagte Lauscher mit verändertem Ton. „Sie scheinen mein Freund zu sein, Herr Drehdichum!“
„Zweifelten Sie daran?“ lächelte dieser fröhlich.
„Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!“
„Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfüllen . . . Aber vielleicht läßt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen!“ Er sprang auf, grüßte mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwärts führenden Straße.
Die Freunde blieben bis zum Mittag im Walde, beide von Abschiedsgedanken und jeder von seiner Liebe erfüllt und mit widerstreitenden Empfindungen gesättigt. Verspätet suchten sie den Mittagstisch der Krone auf. Sie fanden Lulu daselbst in fröhlicher Stimmung und mit einem neuen, hellen Kleide geschmückt. Freundlich nahm sie die mitgebrachten Blumen an und stellte den Strauß in eine Vase auf den Ecktisch, an dem die beiden zu speisen pflegten. Heiter und geschäftig bewegte sich die schöne Gestalt bedienend mit den Tellern, Schüsseln und Flaschen hin und wider. Nach Tisch, beim Weine setzte sie sich zu den Freunden. Man sprach von Lauschers geplanter Abschiedsfeier.
„Wir müssen das Zimmer und alles recht festlich zubereiten,“ sagte Lulu; „wie Sie sehen, habe ich an mir selber den Anfang gemacht und ein nagelneues Kleid angezogen. Es fehlt noch an Blumen . . .“
„Besorgen wir schon,“ fiel ihr Ugel in die Rede.
„Gut,“ lächelte sie. „Dann wäre es hübsch, ein paar Lampions und farbige Bänder zu haben.“
„Soviel Sie wollen!“ rief wieder Ugel. Lauscher nickte stumm.
„Sie sprechen ja kein Wort, Herr Lauscher!“ zürnte nun Lulu. „Sind Sie nicht einverstanden?“ Lauscher gab keine Antwort. Er sagte nur, während sein Auge an ihrer schlanken Gestalt und dem feinen Antlitz hing: „Wie schön Sie heute sind, Lulu!“ Und noch einmal: „Wie schön Sie sind!“
Er war unersättlich, die ganze ziere Gestalt immer wieder zu betrachten. Zu sehen, wie sie mit dem Freunde die Anstalten zu seinem Abschied betrieb, verursachte ihm eine eigentümliche Qual und machte ihn stumm und verdüstert. Jeden Augenblick kam ihm wieder der Gedanke, peinigend und bitter stachelnd, daß seine Entsagung und sein Fortgehen unwahr sei, daß er ihr zu Füßen stürzen und sie mit allen lodernden Flammen seiner Leidenschaft umgeben müsse, um sie werben, sie anflehen, sie zwingen und rauben – irgend etwas, nur nicht so tatlos vor ihr sitzen und fühlen, wie von den letzten Stunden ihrer Gegenwart ein seliger Augenblick um den andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch bezwang er sich in hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten Stunden ihr herrliches Bild sich glühend und schmerzlich in die Seele zu senken zu unvergeßlichem Heimweh.
Schließlich, da die drei noch allein im Zimmer saßen und Ugel zum Aufbruch drängte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und faßte ihre Hand mit seiner heißen, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen, feierlich komischen Ton: „Meine schöne Prinzessin, wollet geruhen die Darbietung meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte Euch, als Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren, befehlet mir . . .“
„Gut, mein Ritter,“ unterbrach Lulu ihn lächelnd. „Ich fordere einen Dienst von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter und Spaßmacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen helfe. Wollet Ihr das?“
Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, ließ sich mit komischer Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer Feierlichkeit: „Ich gelobe es, edle Dame!“
Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schöne Kunst- und Handelsgärtnerei beim Friedhofe auf und wüteten mit der Schere ohne Schonung in des Gärtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu halten. „Ich muß einen großen Korb voll Weiße haben,“ rief er wiederholt, wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schönen Lulu zu Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Gärtner, hieß ihn die Rosen auf den Abend in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo etwas Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fächer, Tücher, Seidenbänder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein starker Posten Kleinfeuerwerk, so daß in der Krone die schöne Lulu mit Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hände voll zu tun hatte. Dabei half ihr, ohne daß jemand darum wußte, der gute Drehdichum bis zum Abend.
VIII.
Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als alle beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die schöne Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren alle Wände mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger Laternen war an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen überstreut. Der Dichter überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen, steckte ihr eine halbgeöffnete Teerose ins Haar und führte sie an den Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und lärmend; ein im Chor gesungenes Lied eröffnete den Abend. Nun sprangen die Stöpsel von den Flaschen, überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten Gläser, wozu Erich Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste sich ab, mit Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum empfangen, Ugel und Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann sang die schöne Lulu ein Lied, das hieß:
Ein König lag in Banden
Und tief in Dunkelheit —
Nun ist er auferstanden
Und heißet Ohneleid.
Nun glänzen bunte Lichter
Und Lieder blank ins Land,
Nun tragen alle Dichter
Ihr farbigstes Festgewand.
Nun blühen Lilien und Rosen
So weiß und rot wie nie,
Nun singt die Harfe Silberlied
Ihre seligste Melodie.
Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz, Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an Mitternacht, und begann zu reden:
„Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen, doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr Philosophen, so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte von der Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des poetischen Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen, welche Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser, euch den zu lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen zu führen. Schauet her, ein askisches Stück!“
Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe von zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke Quelle umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so wunderbar, daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß man die Quelle sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles Rauschen stark vernahm.
Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten entzückt und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter achtete es nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf ihrem feinen Gesicht, matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in ihrem prachtvollen dunkeln Haar die weiße Rose.
Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell rollte der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in tiefer Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie er den Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne, Haar und Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von einem immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle und Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und rauschend zu erblicken waren.
Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit das Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der König Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht immer mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich bückenden Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der Schaubühne. Der Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und schauerte in fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern hin.
Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein großer, königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des Vordergrundes zur Seite, eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne herab. Im dunkeln Zimmer erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu, schritt über die hinter ihr wieder zurückweichende Treppe hinan und stellte sich in unsäglicher Schönheit als Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe; Tränen flossen aus seinen klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer gelösten Rose aus seinem Bart zur Erde.
Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie streckte die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die Harfe an ihre Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten. Ein Lied von unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten sich alle hohen Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die tönenden Zaubersaiten – da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang nieder. Einen Augenblick war er noch ganz von inwendigem Glanze durchleuchtet, in heftiger Bewegung tanzten die gestickten Lilien durcheinander, immer schneller und rasender, bis nur noch ein einziger silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis versank.
Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer. Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten und schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an die verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern hin.
Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden; doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen und hatte von innen geriegelt.
Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er über den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung machen. Denn er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß aufgeschrieben.

