Kitabı oku: «Hermann Lauscher», sayfa 6

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Schlaflose Nächte.

(Geschrieben 1901.)

Widmung.

Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an einsamen Betten sitzt?

An meinem einsamen Bette saß sie viele lange Nächte lang, sie legte mir die geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer müden Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der Liebe, des Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen Schlummers breitete sie über meine ermüdeten Augen den dünnen, farbigen Schleier der Erinnerung und der Phantasie.

O diese langen, schleichenden Nächte, in denen unser wahrstes Wesen alle tagüber gewobenen schmucken Gewänder von sich streift und uns mit Fragen, Bitten und Vorwürfen bestürmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider uns selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesündigt haben! Diese Kette von Blindheit, Grausamkeit und Mißverständnis, mit der wir uns selbst zu unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt es einen Menschen von solcher Reinheit, daß er nur eine einzige solche Nacht seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken könnte, ohne unzähligen Vorwürfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen?

Ich weiß es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler Lauer verborgen liegen, unberührt von ihrem giftigen Atem.

Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen Händen mich vom Abgrund zurückhielt. Ich danke dir, du Fremde, Phantastische, und widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam verträumten, wachen Nächte. Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über meine fiebernden Augen beugtest! Wie schön du warst, wenn du mit mir der Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn von einer losen Locke märchenblonden Haares überhangen! Wie schön du warst, wenn du weintest, wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weißen Bette meine Hand mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer verlorenen Liebe über dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten lief!

Wie schön du warst!

*                    *

*

Die erste Nacht.

Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du legst deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie Geschwister aussehen. Ich will dich Maria nennen.

Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither schöner geworden – ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle abgewartet, so wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an meinem Bette, um mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen zu helfen. Aber du nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns selber zum Ernst gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen zurückgefallen und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber.

Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft. Ich las dir vor bis zu jener traurigen Stelle – weißt du noch? Es war beinahe dunkel geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach hätten wir doch zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von deinem Schoß und liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang unsre Nachtigall.

Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind voll Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter, sogar gemein. Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf jenen Seiten, die du so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und stöhnen, und wollen gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar nie gewesen, denn die schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst du an jenem Abend im Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet – warum wolltest du sie nicht lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die Harfe klingt wie sonst, nur wenn die Melodie auf die gebrochenen Saiten springt, entsteht ein herzbeklemmend leeres Schweigen und reißt mitten durch das ganze Lied. Hast du nie auf einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite fehlte? War es dir nicht jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es gerade der süßeste, erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer das Süßeste, Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem Augenblicke fehlt?

Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih’ mir, Maria! Ich wollte es nicht tun, ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du noch an jenen fernen warmen Frühlingsabend denkst. Ich wollte nur dich erinnern, dich fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die träumerisch graziöse Bewegung, die schon damals mein knabenhaftes Herz entzückte. Denk’ dir, der Abend wäre heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schließen, zu lächeln und deine Hand auf meine Hand zu legen. Hörst du nicht den großen Ahorn rauschen? Siehst du nicht das Veilchenbeet und die Taxushecken? Hörst du nicht ein feines knisterndes Wiegen? Ein großes helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig und dreht sich leise durch die warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie damals. —

*                    *

*

O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig, bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin.

Und das große Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fällt, und liegt auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hör’s am Fallen, und wende das Gesicht zur Seite. Draußen ist Regen, Stille und Mitternacht.

*                    *

*

Die zweite Nacht.

Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht ist so lang! Was spielen wir?

Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen Torflügel, über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die geschwungene massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern vorbei in den großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden Porphyrsäulen so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tönenden Schale nieder, durch die offenen Fensterbogen blendet das weiße Mondlicht herein und verzittert auf dem sich kräuselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien. Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf der geräumigen Dreieckfläche einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus.

„Wir hätten sie weglassen sollen,“ sagt meine Muse.

Du hast recht. Sie ängstigt nur.

„Und doch haben wir sie in so vielen unvergeßlichen Mondnächten zusammen gelesen.“

Freilich – damals.

„Damals! Du mußt das nicht so tragisch sagen.“

Aber doch, – damals.

„Nein! Das macht traurig.“

Möchtest du lustig sein?

„Man kann es nicht in diesem Saal.“

Nicht? Wir waren’s doch, es ist nicht lange her.

„Er wird mir langweilig. Diese Säulen sind so plump, und immer dieses Brunnengeräusch, und dieser ewige Delphin.“

Wir müssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder über dem Platanenwald. Einen roten Saal. —

„Rot?“

Meinst du nicht?

„Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wände mit goldenen Palmenreliefs schmücken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurück und hören dem Brunnen zu. Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir hätten dann zwei Säle, in denen wir traurig sein können.“

Dann ist es besser, hier zu bleiben.

„Und traurig zu sein.“

Was fehlt dir nur?

„Ich weiß nicht. – Schenk mir was!“

Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfaß des Cellini schenken?

„Das mit dem Neptun? Nein, nein.“

Oder einen Garten? Ich weiß einen, auf den borromäischen Inseln —

„Ich weiß schon. Was soll er mir?“

Oder ich könnte dich malen lassen. Nicht in der Weise, wie dich Rossetti gemalt hat. In deinem Narzissenkleid, als Flora – ich weiß einen Maler, einen Franzosen —

„Oder Spanier, oder Russen. Nein, nein.“

Dann schenk ich dir eine Harfe. Es gibt eine zedernholzene, dreifüßige, aus den Schatzkammern des —

„Ich will keine Harfe.“

Dann – ja was willst du dann haben? Soll ich dir ein Lied singen?

„Ja, wenn du kannst. Ich warte.“

Aber ich kann doch nicht ohne dich —

„Also, was willst du?“

Du bist unersättlich. Was hab ich dir getan?

„Frag nicht! Frag nicht!“

So will ich dir erzählen. Willst du?

„Von den sieben Prinzessinnen?“

Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem kleinen Mädchen unter den blauen Fliedern saß. Der Knabe hatte das Mädchen lieb, und als sie beide größer geworden waren, an einem Abend im warmen Juni, hingen sie mit roten heißen Lippen aneinander. —

„Weiter! Und dann —?“

Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroßen Augen, ganz wie du sie hast. Die sang so schön und war so fremd und lockend, daß der Knabe sein liebes Nachbarkind vergaß. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes Land, wo die Sterne größer und die Nächte blauer sind. Sie bauten sich ein helles Schloß und darin einen Saal mit Porphyrsäulen, darin ein ewiger Brunnen in eine bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem Brunnen und sehen den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben kühle Hände ineinander gelegt und reden kühle Worte zu einander, und ich glaube, daß jedes von den beiden Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt und anders geworden ist. Ich weiß, daß er an seine Heimat denkt und daß eine verjährte, knabenhafte Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner Sprung durch klares Glas.

„Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?“

Noch nicht. Und ich glaube, der Schluß wird das traurigste sein. Glaubst du nicht auch?

„Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch immer liebt.“

Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen?

*                    *

*

Die dritte Nacht.

Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl auf deiner schönen Stirne diese leisen, schwermütigen Linien, ich sehe wohl beim Beugen deines Halses diese müde, kranke Bewegung, und ich vermag auch wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weißen Schläfe zu lesen.

Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch auf meiner Stirn und auf meinen Händen steht sie geschrieben, tiefer als auf deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefühl: es ist zu früh, es ist zu früh!

Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen können. Wir wollen diese Tränen und diese Trauer mit aller eifersüchtigen Sorge unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Tränen unser Kleinod, unsere Poesie, unser großes Lied, auf das wir warten.

Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorüber, aber sie rühren noch mit so viel zarten Fäden an uns – laß ihnen ihr schmerzlich schönes Vergangensein! Wir wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir wollen ihre hellen Erinnerungen wie scheue, geliebte Gäste durch Zartheit und schonende Pflege festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden, wie viele Frühlinge wir uns selber entblättert haben, ich und du; wir wollen denken: Es hat so kommen müssen, und wir wollen nicht aufhören uns zu schmücken und zu warten – auf unser Lied.

Unser Lied! Weißt du noch, wie wir von ihm träumten, in jener ersten Zeit unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klösterlichen Schweigsamkeit der gotischen Kreuzgänge verflocht. Weißt du noch? Und jene Abende! Die kühlen, mondhellen Abende jenes Spätherbstes, die so weich und traumverzaubert auf den Dächern des Klosters lagen, und auf dem kahlen Garten und über den duftigen, kühlen Bergen! Der Wind lief durch die steinernen Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewölben, der Mondschein lief über die breiten Simse und über die weißen Dielen des Oratoriums. Und ich erzählte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klöster und die großen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren und Äbten, deren bildnisgeschmückte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd und gespenstisch im weißen Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir, zumal in solchen Mondnächten, und auch die andern: schlanke, begeisterte Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer Freundschaft geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei – von den damaligen ist keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst mich noch, und bald oder spät, wenn auch die Freunde von heute tot oder fremd sein werden und kein Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den vergangenen schöneren Zeiten zu reden. Dann werden wir auch an heute denken und dieses traurige Heute wird uns wunderbar fern und lieb erscheinen wie eine ferne kleine Jugend. Und vielleicht wird dann aus diesem ferngewordenen, von Erinnerung verklärten Heute unser Lied aufsteigen. Unser Lied!

Das Lied wäre dann ein weiches, duftiges Bild voll Zauber und Seele, aus dessen dunkeltönigem Grund unsere Gestalten weich wie ein Traum mit schwebenden Konturen hervortauchten, der schlaflose Dichter mit der in die heiße Hand gestützten regen Stirn und an seine Schulter gelehnt der schöne, müde Blondkopf seiner knieenden Muse. Und dieses eine, zarte Bild würde allein übrig bleiben von meinem rastlosen Leben; lang nach meinem Tode noch würden spätgeborene Freunde es betrachten und lieben. „Der arme Dichter!“ würden sie sagen und doch den armen Dichter um sein einziges unsterbliches Bild und um seine blonde, unbeschreibliche, knieende Muse beneiden.

Du lächelst wieder? Küsse mich, meine blonde Muse! Küsse mich und verzeih mir und dir um unseres Liedes willen alle Qual und allen Jugendraub, den wir aneinander begangen haben!

*                    *

*

Die vierte Nacht.

Warum willst du die alte Geschichte wieder hören? Ich hatte sie selbst fast vergessen und das wäre für mich und für die Geschichte das beste gewesen.

– Der verstorbene Dichter Hermann Lauscher lebte noch und wanderte in den alten Straßen der Stadt Bern umher. Es war ein Tag im November, windig und regendrohend. Der vereinsamte Dichter genoß in vollen Zügen die ihm liebgewordene Stimmung, sich heimatlos am fremden Orte umzutreiben. Die alten dunkeln Straßen mit den festen, burgartigen Häusern, vorspringenden Kellerhälsen und finster traulichen Arkaden reizten in dem kranken Dichtergemüt jene bittere Stimmung aufs höchste, dazu kam die unwirtliche Rauheit des Tages, so daß der arme Heimatlose härter als je den Zwiespalt seiner krankhaft reizbaren Seele und an den Erinnerungen seines unsteten, zerrissenen und fruchtlosen Lebens litt. Wie er mir nachher erzählte, spielte seine Phantasie beim Anblick dieser dunkeln, engen Arkaden in melancholischer Laune mit hundert eingebildeten Möglichkeiten. Er dachte sich einen lang entbehrten Freund, eine verlorene Geliebte, an deren Begegnung die wichtigste und seligste Entscheidung seines Glückes hinge, in derselben Straße wandeln, zehn Schritte von ihm, von den Schatten der nächsten Arkade verborgen. Ein Augenblick vielleicht, in welchem die nahe Gestalt sichtbar ward, ja vielleicht herüberblickte – aber eben in diesem einen Augenblick hat er sich abgewendet und hat mit dieser kleinen, zufälligen Bewegung Augenblick und Zukunft verscherzt.

Er erschrak, als ich ihn plötzlich auf die Schulter klopfte, und in dieser Sekunde sah ich in seinen Augen zum erstenmal den flackernden, traurigen Glanz des Irrsinns zucken. Wir gingen nun zusammen durch die Straßen, erstiegen den Münsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen Gobelins im historischen Museum, aßen in einem Wirtshause tief unter der großen Aarebrücke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten Wanderung im Keller des Kornhauses.

Du weißt, der arme Lauscher war in jener letzten Zeit seines unglücklichen Lebens ein starker Weinzecher, und so saßen wir bald bei der zweiten und dritten Flasche. Es war der schäumige Neuenburger, den ich schlecht ertrage, so daß ich bald mit schwerem Kopf ihn ganz in seinen launisch wirren Reden gewähren ließ. Er kam auf jene Arkadenphantasie zu sprechen. Ich lachte ihn aus und rühmte mich, jenen wichtigen Augenblick erfaßt und ihn, den ich in Bern gewiß nicht zu treffen hoffte, gefunden zu haben. Er lächelte rauh und sagte: „Kein Beweis, mein Guter! Das Unglück trifft man überall. Aber weißt du denn, ob nicht eben in dem Moment, wo du mich so derb aus meinen Gedanken rissest, ob nicht eben in diesem Moment jemand hinter uns vorüberging, den du seit Jahren suchst und den du in Jahren nicht wieder treffen wirst?“ Mir wurde sonderbar zu Mut. „An wen denkst du denn dabei?“ fragte ich fast schüchtern. Er lachte. „Ei,“ sagte er dann, „ich denke an niemand besonders. Es ist ja nur eine Hypothese. Aber es hätte ja zum Beispiel eine gewisse blonde Maria sein können.“

Ich kann dir nicht sagen, wie bei diesem Namen mein Herz in Grauen und Liebe den Takt verlor. „Woher weißt du?“ fragte ich Lauschern heftig, „ich habe nie einem Menschen von Maria erzählt und glaubte, ich selbst hätte sie und ihren Namen vergessen. Kennst du sie? Lebt sie noch? Ist sie hier in Bern?“

Lauscher lachte wieder und steckte sich eine neue Zigarre an. „Ob sie noch lebt,“ sagte er, „weiß ich nicht. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht wiedergesehen.“

„Wann war das?“ fragte ich atemlos.

„Hab ich dirs nie erzählt?“ sagte er und nahm einen starken Schluck. „Sie war so schön! Sie saß mit mir auf einer grünen Bank im Veilchengarten, die Nachtigall sang zum erstenmal im Jahr. Wir lasen zusammen in einem großen Buch —“

„Halt ein,“ rief ich totblaß, „halt ein oder ich bringe dich um! Das war ja ich, das war ich, der mit Maria auf der grünen Bank saß, und das Buch —“

„Schrei doch nicht so,“ sagte Lauscher und schenkte mein Glas voll.

„Aber Lauscher, sag mir um Gotteswillen —“ flehte ich.

„Bibamus! Dein Wohl!“ lächelte er und stieß an. „Soll ich weiter erzählen? Das Buch enthielt eine schöne Jugendgeschichte und war höchst angenehm zu lesen. Zwischen den Lettern stiegen Maria und ich als kleine arabeskenhafte Figuren durch allerlei Blumenranken auf und ab.“

„Maria und ich!“ rief ich aus.

„Nun ja, wie ich sage,“ fuhr Lauscher fort. „Maria aber las unruhig und zerstreut. Und als die Geschichte anfing traurig zu werden, da schlug sie eine ganze Handvoll Blätter um und —“

„Und lief in den Wald, und die Nachtigall sang wieder – o Lauscher!“

„Bibamus,“ sagte Lauscher.

Ich legte den schweren Kopf in beide Hände und hätte am liebsten laut geschluchzt. Als ich nach einer Weile mich erhob, war Lauscher fort. Mit schmerzender Stirne und halb berauscht verließ ich den Keller. Es war kurz vor Lauschers Tod.

*                    *

*

Die fünfte Nacht.

Eigentlich waren die Veilchen an allem schuld, die Veilchen und der Frühling, und ohne sie wäre die ganze süße Pein mir fremd geblieben, an der seither mein Leben verblutet.

Jene Veilchen im Garten waren schuld, daß in meiner fröhlichen Knabenseele die duftend dunklen Schatten emporstiegen. Ihr Duft war daran schuld, daß die Frühlingsgeschichte in unserm Buche plötzlich so beklommen, traurig und sehnsüchtig wurde, daß die schöne Maria davonlief und daß die Nachtigall im dunkeln Abendlaub so angstvoll süß und herzbeklemmend zu singen begann.

O wenn ich diese Nachtigall nie gehört hätte! Dann hätten nicht die liebsten Lieder aufgehört mich zu erfreuen, dann wäre nicht die dunkle Sehnsucht in mir erwacht. Dann hätte ich nicht begonnen, von jenem Glück zu träumen, das irgendwo hinter dem Leben wie hinter einer verwunschenen Hecke schläft. Dann wäre auch der unselige Traum noch ungeträumt, daß das beste, seligste Stück meines Lebens in jenem Buche ungelesen und unerlebt geblieben sei. Dann wäre ich kein Dichter geworden und die traurig beredte, zweifelsüchtige Sprache des Leidens wäre mir unbekannt geblieben.

Aber Träume sind keine Schäume. Und das Lied unserer Nachtigall mit seiner letzten, grausam schönen Dissonanz klingt in mir weiter und sehnt sich nach seiner Lösung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdämmernde Takte mir in Blut und Leben übergegangen sind und mich stündlich mit ihren feinen, noch ungelösten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus deren Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte Göttinnen hervorspringen. Ich weiß, wieviel innerstes Leben und wieviel rotes Herzblut jeder einzige echte Vers getrunken haben muß, ehe er auf seinen Füßen stehen und wandeln kann. Und das wäre noch leicht zu ertragen. Aber dann jedesmal das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, so hübsch er sei, doch wieder nicht die Tiefe erschöpft, doch wieder den Keim der alten Dissonanz in sich trägt und doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und nicht der Spiegel seines glühend schönen, sehnsüchtigen Traumes ist! Und doch hat er so tief an unserm Leben sich genährt und so viel Herzblut mitgenommen! Ach und dann, wenn man älter wird und seine Grenzen ahnt – diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und Verschwendung, diese immer enger drückende, furchtbare Angst zu sterben, ehe der geträumte Ton erklang, zu sterben ohne Erfüllung nach einem lebenlangen Warten und Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln diese vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewußten entrissenen, gemarterten eigenen Seele, deren Entblößung nur durch das unberechenbare Glücken des großen, unsterblichen Wortes versöhnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wußten und wissen sie selber und halten es ängstlich geheim – sogar vor den eigenen Augen!

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Litres'teki yayın tarihi:
18 ocak 2025
Hacim:
144 s. 8 illüstrasyon
ISBN:
4064066115951
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