Kitabı oku: «Hermann Lauscher», sayfa 8

Yazı tipi:

Vitznau, 5. September 1900.

O wenn ich jetzt die naive Genußsucht meiner früheren Jahre wieder hätte, wenn noch mein Herz wie früher des berauschten schwelgerischen Schlagens fähig wäre!

Aber trotzdem – ich feiere täglich einen Kranz von Festen. Der See entschleiert sich allmählich meinem fleißigen Auge und hält mich nun fortwährend in einem Kreis von Lockungen, Reizen und Überraschungen gefangen. Zuweilen hält er an sich, läßt mich warten und wirft mich dann unversehens händevoll mit Kostbarkeiten, daß mir die Augen flimmern. Die wesentlichen Farbenwechsel der einzelnen Buchten, Himmelsrichtungen und Tageszeiten habe ich wohl erfaßt, aber was ist dieses Gerippe gegen das überströmend freudige Leben, das sich ohne Ziel und Norm von Augenblick zu Augenblick in unglaublicher Üppigkeit verblutet und erneuert!

Ich verbringe alle Stunden des Tages damit, dem See seine Farbenspiele und Geheimnisse abzuspähen. Nachdem ich in den ersten Tagen die Uferwege unzähligemal hin und her gestrichen, bringe ich nun ziemlich meine ganze Zeit auf dem Wasser selbst zu. Zuweilen versuche ich es noch mit dem Blick von oben her, ohne große Entdeckungen. Von der Höhe der Hammetschwand ist das Wasser für mein Auge eben noch zu genießen, darüber hinaus schwindet Glanz und Farbe von Meter zu Meter, und von Rigikulm aus ist der See stumpf und beinahe grau anzusehen. In geringerer Höhe gewährt er noch einige feine Reize, namentlich durch Wald hindurch betrachtet, wobei Buchen-, Kastanien- und Eichenlaub zuweilen köstliche Nuancen gewähren.

Doch wozu diese ärmeren und entlegeneren Blicke suchen und Zeit und Sonne daran vergeuden? Statt dessen kreuze ich den ganzen Tag im Boot auf der Fläche und in den Buchten umher. Ein leichtes Kielboot, für die Ruhepausen eine Zigarre und ein Band Plato, sowie Rute und Angelzeug, das ist meine Ausrüstung.

Ob der Tag noch kommen wird, an dem ich in Worten diese Flut von bunten Seligkeiten und farbig erregten Momenten werde zu Ende dichten können? Diese Lockungen, Lüsternheiten, Begierden, diese plötzlichen Befriedigungen, Ekstasen und Blendungen? Heute kann ich nur stammeln und prosaisch notieren. Vielleicht wird es dabei bleiben, vielleicht ist es überhaupt der Sprache nicht möglich, dem individuell forschenden und genießenden Auge auch nur bis über die ersten gröberen Nuancen weg zu folgen. Auch die Maler müssen ja schon bei den scheinbar simpelsten Mischungen sich dem Instinkt überlassen und problematische eigene Wege gehen. – Kann man sich einen sprachlichen Pointillisten denken? Und doch – was ist Blaugrün? Was ist Perlblau? Wie läßt sich das leise Überwiegen etwa des Gelb, des Kobaltblau, des Violett aussprechen? – und doch liegt in diesem leisen Überwiegen das ganze süße Geheimnis einer Stimmung, einer beglückenden Kombination beschlossen.

Vitznau, 6. September 1900.

Das ist mein Fluch und Glück, daß ich keine Schönheit grob und froh genießen kann, daß ich sie auflösen, durchdringen, in Einheiten zerlegen und über die Möglichkeit ihres Wiederaufbauens auf künstlerischem Wege nachdenken muß. Nur zuweilen kommt das alte schwere Wesen, das ich so konsequent von mir abstreifte, für Augenblicke anklingend wieder über mich – die alte unschuldig stumpfe Hingebung und rechenschaftslose Schwelgerei. Diese Augenblicke müssen immer seltener werden, ich darf um ihre kurze trübe Lust nicht mein Ideal verkaufen, denn ein völliges Zurückkehren in die harmlose Dämmerung ist mir doch nie mehr erlaubt. Wenn irgendwo, so liegt für mich Lust und Sinn des Lebens im Fortschreiten, im immer bewußteren Klarlegen und Durchdringen der Wesenheit und Gesetze des Schönen.

Eine Stunde jenes Zurückdämmerns hatte ich heute. Nach Mittag, in der herrlichen Sonnenglut, mitten auf dem breiten See, Weggis gegenüber. Ich lag über die Rudersitze hingestreckt und blickte über die Seefläche. Eine Flut von Rotblau und Gold schwoll vor meinem Blick breit und rastlos hin. Alle meine Sinne schliefen und träumten; ein warmes schwärmerisches Wohlsein hielt mich gebannt. Mein Auge vermochte keinen Kontur, keinen Strahl, keine Lichtgrenze zu unterscheiden, mein Blick verlor allen Willen und taumelte wie ein Freigelassener durch ein Meer von unverstandener Schönheit, von Rot, Blau und Gold, ungleich und ziellos wie der Flatterflug eines Falters.

Vitznau, 7. September 1900.

Der äußerste Vorsprung der „oberen Nase“, vom Lande unzugänglich, ist mit einer kleinen Pflanzung junger, ich schätze etwa fünfzehnjähriger Eichen bestanden. Das helle, in der Farbe herbe Laub gibt im Wasser einen wunderbaren Effekt. Der ganze Wasserfleck erscheint schon von ferne ausgezeichnet durch eine aparte, gelbliche Helligkeit, und überraschend köstlich ist es, aus dem tiefgrünen, vormittäglichen See in diese scharfbegrenzte, hellere Fläche zu fahren. Ich sah heute dort, leider ohne Sonne, den Spiegelkontur einer weißen Wolke diese eichengrüne Grenze zweimal schneiden. Das Weiß blieb unverändert und zeigte nur an der Seeseite schärfere Konturen. Während ich die schönen Linien verfolgte, ging ein Dampfer vorüber, in dessen Kielwasser plötzlich das Silber eines flüchtigen Sonnenblickes aufblitzte. Einige Sekunden lang blieb der ebene Wasserstreif im Silber, die jenseitigen Schiffswellen glänzten matt goldbraun, die diesseitigen blieben hellgrün mit weißen Lichtern. Einige Sekunden – und in diesen Sekunden verstand und genoß ich mit freiem Auge diese plötzliche, raffinierte Kombination wie das Lächeln einer Göttin, wie den aufleuchtenden, reimgeschmückten, prägnanten Vers eines Gedichtes.

Vitznau, 8. September 1900.

Ein unsicherer, windiger Tag, mit flüchtigen Sonnenblitzen. Ich fuhr Buochs gegenüber am Bürgenstock hin. Jenseits glomm der See gegen das Ufer hin unzähligemal in einer seltsamen, feinen, kühlen Farbenflucht auf, ganz wie blanker Stahl im Verkühlen: rotblau, rotbraun, gelb, weiß. Von halber Höhe des Bürgenstocks drang Geläute von Kuhglocken herab. Die schönen, welligen Matten standen lichtgrün in den blassen Himmel und zeigten jenen unsäglichen, traurig-kühlen herbstlichen Ton, den man nie entstehen sieht und der jedes Jahr wieder in irgend einer Stunde plötzlich da ist und uns erinnert, wie uns der Name eines lieben Toten erinnert – an den großen Wechsel, an die Unsicherheit des Grundes, auf dem wir bauen, an den Tod, an die unzähligen mühsamen Wege, die wir unnützerweise gegangen sind.

Ich ruderte aus, um die Tönungen der Wellen im Buochser See zu betrachten, um mein Gedächtnis mit dem Bild einiger Farbenvermischungen, einiger Lichtbrechungen, einiger Silbertöne zu bereichern. Ich ruderte aus, kühl, fröhlich und elastisch, einen Reim im Ohr, einen Vers auf den Lippen, um die Schönheit auf einigen mir noch fremden Wegen, in einigen neuen Spielen zu belauschen – und endete damit, diese Herbstmatten zu finden, die ersten dieses Jahrs, diese unabweislichen, zarten, traurigen Boten.

Ich wendete mich um und ließ das Auge lang auf dem bewegten, frischen Wasser ruhen, ich beobachtete in der Luft gegen Brunnen und an der Wand des Oberbauen einen einzelnen Sonnenstrahl; aber mein Gedanke verfolgte ihn nicht mit seinem rastlosen, elastischen Eindringen. Nur mein Auge sah die blaßgoldenen Reflexe zittern und verleuchten, mein Gedanke nahm nicht teil, er verweilte hinter mir, über dem steilen Walde, auf jenen bleichgrünen Matten. – Herbst!

Und ich besann mich, ob ich auf dem rechten Wege sei, ob mein rastloser Lauf mich meinem Sterne nähere oder entführe, ob er mich jemals in geistige Höhen führen könne, in welchen dieser Herbst und diese Traurigkeit mich nicht mehr würden berühren können.

Hier gab es in meinem Nachsinnen einen Moment, in welchem ich, hätte ich es in meiner Macht gehabt, den ganzen Schleier des äußeren Lebens von mir gelegt und alle Fäden der Lust, der Liebe, der Trauer, des Heimwehs und der Erinnerung abgeschnitten hätte. Ein Höhepunkt, ein kurzes, ruhiges Atemholen auf hohen Gipfeln: hinter mir alle Beziehungen des Menschlichen, vor mir die leichte, kühle Weite der Schönheit des Absoluten, des Unpersönlichen. Ein Augenblick – ein Atemzug!

Die Glockenlaute schwankten herab, ich schloß die Augen und sank und sank von der Höhe. Eine schwere, körperhafte Trauer bekam Gewalt über mich. Ich wollte entrinnen, mein Gedanke bäumte sich noch einmal wie ein mißhandeltes Roß, aber ich unterlag. Und jene schwere, müde Traurigkeit überwältigte mich, beugte mich tiefer und tiefer, löschte alle Sterne aus, quälte mich und feierte alle schmachvollen Triumphe eines grausamen Siegers.

Klar und nahe, wie durch eine plötzlich zerrissene Hülle, lag der helle Garten meiner frühesten Erinnerungen vor meinem Auge. Und meine Eltern. Und meine Knabenzeit, meine ersten Liebeszeiten, meine Jugendfreundschaften. In dieser bedrückten Stunde redeten sie alle eine so traurig-fremde, schöne Sprache, so heimwehmachend und so ernsthaft fragend wie die Züge von Toten, denen wir Tränen nicht getrocknet und Wohltaten nicht erwidert haben. Ich wies sie von mir, und sie gingen, eine tote Gegenwart hinterlassend.

Zugleich mit dem lastenden, schwächenden Herbstgefühl stieg eine peinigende Abschiedsstimmung in mir auf. Ich sah hinter den wenigen noch freien, einsamen Ruhetagen die Stadt und das wiederbeginnende aufreibende Leben auf mich warten, die vielen Menschen, die vielen Bücher, die unzähligen Nötigungen zu Lüge, Selbstbetrug und Zeitverderb. Und plötzlich brannte meine ganze Jugend in schmerzlicher Lebenslust in mir auf, ich warf mich in die Ruder, kreuzte auf der großen Bucht umher, kehrte um den Vorsprung des Bürgenstocks zurück, bis an die Matt, bis nach Weggis. Die notwendige Ermüdung sättigte mich nicht, gierig und verzweifelnd erfüllte mich ein klaffendes Ungenügen, eine Lust, alle Freiheit und Kraft meines Lebens in eine einzige Stunde gedrängt jäh und lachend zu vergeuden. Der See war mir zu schaal, die Berge zu grau, der Himmel zu niedrig. In Weggis nahm ich ein Bad und schwamm in den See hinein, drängte mich mit beiden Armen in das Wasser, tief atmend. Müde geworden legte ich mich auf den Rücken, ganz langsam schwimmend, und hing mit wartenden Augen am Himmel, unbefriedigt, überdrüssig. Ich hätte mein Leben für das Gefühl der Fülle und des Genusses gegeben, nach dem ich dürstete.

Und dann schwamm ich zurück und bestieg das Boot wieder mit der ganzen dumpfen Trauer des Herbstes, des Abschieds und der inneren Ungewißheit.

Seither bin ich ruhiger geworden. Mein Prinzip hat gesiegt, ich genieße nun diese Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie ich mich gewöhnt habe, auch schlechtes Wetter zu genießen. Sie hat ihre eigene Süßigkeit. Ich unterrede mich mit ihr und spiele auf ihr, wie ein Sänger auf einer schwarzen in Moll gestimmten Harfe spielt. Was will ich im Grunde anders von jedem Tag als eine Stimmung, eine ihm eigentümliche Farbe, und, wenn es glückt, ein Lied?

Vitznau, 9. September 1900.

Als ich heute mit der Angelrute am Ufer saß, der nachklingenden gestrigen Traurigkeit ergeben, trat mir plötzlich der Name Elisabeth auf die Lippen. Es gelang mir, ihre Gestalt scharf und rein in mir heraufzubeschwören, so daß sie mich aus meinem Traum wie aus einem tiefen Spiegel anblickte. Zugleich empfand ich eine mächtige Sehnsucht nach der Lektüre der vita nuova, so daß ich beinahe diesem herrischen Gelüste zulieb schon heute nach Basel zurückgekehrt wäre.

Bölsche könnte an mir einen eklatanten Fall von Distanzliebe konstatieren. Prüfe ich mich genau, so muß ich sagen, daß die Anziehungskraft, die Elisabeth auf mich übt, vom ersten Augenblicke an auf einer einzigen frappanten Profillinie beruhte, namentlich auf dem raffiniert eleganten Kontur des Halses und des Kinns im Profil. Aber – was ist an meinem Fall am Ende besonderes, da erwiesenermaßen schon eine Frisur, ja schon ein Kleid, ein Gürtel, ein Band diese Wirkung üben kann.

Ich besitze die Schönheit meiner Liebe in dieser Linie, wie man ein Meisterbild nach reichlicher Anschauung besitzt, so daß es nur an dem jeweiligen Versagen der Vorstellungskraft liegt, wenn ich noch nach ihrer körperlichen Gegenwart verlange. Und doch – ich tue Unrecht, meine Liebe, das arme Schoßkind, so formal zu deuten. Wie oft habe ich doch gewünscht, ihre feine Hand zärtlich zu berühren, sie zum Plaudern zu bringen, lang in ihre Augen zu sehen! In diese Gedanken und Begierden spielen schon alle unfaßbaren Reflexe der jenseitigen Schönheit herein. Sobald meine Skepsis einen Augenblick schläft, höre ich doch in meiner Liebe die Engel singen und Paradieserinnerungen an die Pforte meiner Seele pochen. Und sie selbst, meine Seele, leidet lächelnd unter allen Rohheiten und Vergewaltigungen des herrschsüchtigen Gedankens. Sie schläft unter dunklen Schleiern, schläft und träumt vielleicht von den innersten Geheimnissen jener Welt, an deren Toren mein bewußtes Leben in seinen höchsten Momenten noch beklommen stehen bleibt.

Und diese meine Seele erzählt mir in wohllaut-fremder Sprache von einer seligen Heimat, deren wir beide, Elisabeth und ich, verlaufene Kinder und verirrte Bürger sind. Wie ein fremdartig süßer Duft, wie Takte einer niegehörten, dennoch traumbekannten Melodie – wie Antwort auf nie gefragte, dennoch wohlgefühlte Fragen.

O diese Seele, dieses schöne, dunkle, heimatliche, gefährliche Meer! Während ich ihre schillernde Oberfläche unermüdlich prüfe, liebkose, befrage und bestürme, spült sie zuweilen immer wieder wie zum Hohn ein fremdfarbiges Rätsel aus bodenloser Tiefe vor mir aus, Muscheln, die von unermeßlichen, fremden Räumen reden, wie ein Stück uralten Schmuckes vereinzelte, unsichere Ahnungen einer versunkenen Vorzeit beschwört.

Dort liegt vielleicht auch meine Kunst, dort schläft vielleicht mein Lied, das heiße, stolze Lied mit den stürmenden, bacchischen Takten, während ich auf unfruchtbaren Feldern Kraft und Jugend vergeude. O, fände ich jene Stimmungen wieder, die in vergangenen Jahren mir jede Frühlingsnacht so reich und üppig gab, jenen schwärmerisch maßlosen Herzschlag, jenes satte Verlorensein an die Phantasie und an das erregte Klingen des eigenen Blutes!

Vitznau, 10. September 1900.

Ich kannte heute kaum die Menschen mehr, die seit acht Tagen neben mir zu Tische sitzen. Als wären seit gestern zehn Jahre vergangen. Meine Bücher, mein Zimmer, mein Angelzeug, meine Kleider, meine eigene Hand – alles fremd, alles mir nicht zugehörig, alles mich mit seiner unerwarteten Gegenwart bedrückend.

O diese Nacht! Zehn Stunden ohne Schlaf, jede Minute ein Kampf meiner unterdrückten Seele mit dem grausamen, gewaltherrischen Gedanken, ein Kampf mit Zähneknirschen und Schluchzen, ein Ringen ohne Waffen, Brust an Brust, mit allen Listen und Grausamkeiten der Verzweiflung. Alle Dämme und Grenzen, die ich meinem inneren Leben gezogen hatte, alle mühsam vorbereiteten Saaten, alle gelegten Grundsteine sind in diesen Stunden zertreten und vernichtet worden. Mir ist es noch wie ein Traum.

Nach einem schweren, traurigmüden Abend – es war ein Sonnenuntergang, wie ich nie einen gesehen – legte ich mich früh zu Bette. Vor meinem Fenster dampfte der See und schlug mit feinen, regelmäßigen Wellen an die Mauern. Ich sah vom Bett aus die Hammetschwand in den bleichen Himmel stechen. Da begann ich zu fühlen, daß die Stunde eines lang verschobenen Kampfes unerbittlich gekommen war, daß alles Unterdrückte, an Ketten Gelegte, Halbgebändigte in mir erbittert und drohend an den Fesseln zerrte. Alle wichtigen Augenblicke meines Lebens, in denen ich meiner Bestimmung einen neuen, engeren Kreis gezogen, in denen ich dem Gefühl des Ewigen, dem naiven Instinkt, dem eingeborenen, unbewußten Leben ein Feld entzogen hatte, traten in voller, feindseliger Schar vor mein Gedächtnis. Vor ihrem Andrängen begannen alle Throne und Säulen zu zittern. Und nun wußte ich plötzlich, daß nichts mehr zu retten wäre; freigelassen taumelte die ganze untere Welt in mir hervor, zerbrach und verhöhnte die weißen Tempel und kühlen Lieblingsbilder. Und dennoch fühlte ich diese verzweifelten Empörer und Bilderstürmer mir verwandt, sie trugen Züge meiner liebsten Erinnerungen und Kindertage.

Zugleich mit diesem Wiedererkennen drang ein scharfer Schmerz todesbitter durch mein innerstes Wesen, der mich in verzerrten, zwiespältigen Gefühlen marterte und aufrieb, lang, stundenlang, bis ich wurde wie ein gequältes, ratloses, verängstetes Kind. Ein Schluchzen überfiel mich, ein Schluchzen ohne Tränen, unsäglich bitter, zuckend und verzweifelnd.

Genug, genug! Die Nacht ist um; ich weiß, daß eine so entsetzliche nicht wiederkommen kann. Ich spüre keinen Schmerz mehr, nur eine träge Erschlaffung und ein Gefühl, ein müdes, rätselhaftes, unsicher schmerzendes, als wäre mir im Innern etwas gesprungen, ein Nerv zerrissen, ein Keim geknickt. Und ich glaube – . . . . Nein, nein!

Und dennoch: ich glaube nicht, ich fühle, ich weiß mit unabänderlicher Gewißheit – das ist meine Jugend, das ist meine Hoffnung, das ist mein Bestes und Heiligstes, dessen abgeknickte Ranke ich wie etwas Fremdes, Störendes in mir spüre. Herbst.

Es leidet mich nicht länger hier. Morgen will ich in die Stadt zurück. Dieser melancholisch stille See mit den bleichen Herbstmatten, diese kühlen Berge und dieser kühle Himmel ängstigen mich. Der mitgebrachte Plato liegt auf dem Tisch. Elende Scharteke! Was ist mir Plato? Ich muß Menschen sehen, Wagen fahren hören, neue Bücher und Zeitungen aufschneiden und den frischen, unreifen Duft des schnellen Lebens atmen, auch sehne ich mich danach, Nächte in kleinen Weinschenken zu verbringen, mit gemeinen Mädchen gemeine Gespräche zu führen, Billard zu spielen und tausend Nichtigkeiten zu treiben, die ich mir selber als tausend Gründe dieses Jammergefühls aufzählen kann, das ich ohne Gründe und ohne Betäubung nicht länger ertrage. Es muß noch Genüsse geben, die mir unbekannt geblieben sind, es muß noch Reize geben, auf die meine Nerven heftig reagieren, noch rare Bücher, die mir Freude machen können, noch irgend eine neue, raffinierte Musik.

Ich werde es nicht vergessen, mein Leben lang nicht. O diese Nacht! Ich werde in jeder schlaflosen Nacht an der Erinnerung dieser Qualen leiden, sie werden aus jedem Genuß, aus jeder Reizung wie verborgene böse Geister hervorblicken, alle Grenzen von Wohl und Weh verwischend und alle Empfindungen auflösend in jenes stachelnde, giftig süße, schmerzlich ermüdende Gefühl, das mich nie so wie in dieser Nacht gepeinigt hat. Das Presto jener unheimlichen B-Moll-Sonate von Chopin hat etwas davon – es ist einem dabei, als würden feine, feine bloßliegende Nerven streichelnd berührt. Prickelndes Wehgefühl, leiser süßer Schmerz – aber ein Takt zu viel und man fällt in alle Foltern einer verzweifelten, raffinierten Traurigkeit, die bis zum heftigen körperlichen Schmerz zu steigen vermag.

Elisabeth – . . . . .

Ziehen wir das Fazit! Mir bleibt bei leidlich jungen Jahren der noch respektabel konservierte Rest einer ehemals recht ansehnlichen Phantasie, eine gewisse, wenn schon etwas abgenützte Fähigkeit zum Genießen und Arrangieren schillernder Stimmungen, sowie ein kleiner Fonds von „Seele“, der bei vorsichtigem Gebrauch eventuell noch eine und die andere Liebe leichteren Genres zu inszenieren und zu überdauern vermag. Rechnen wir dazu eine durch lange Gewohnheit erworbene Fertigkeit im Tragisch-Idealischen und in der souverän duldenden Pose, so muß ich mir selbst zu so schönen dichterischen Fähigkeiten gratulieren und habe keinen Grund, um meine Zukunft als Autor besorgt zu sein. Ich werde Niels Lyhne nicht ohne persönliche Note imitieren und die sublimsten Wiener in Ekstasen übertreffen. Das heißt auf deutsch: Pfui Teufel! Aber wozu habe ich Neudeutsch und Wienerisch gelernt?

Basel, 16. September 1900.

Schon wieder genug und übersatt! Ich hatte mich auf meine Bücher gestürzt, die Pausen der vita nuova-Lektüre mit E. T. A. Hoffmann und Heine gefüllt, in müden Stunden zwischen den preziösen George und den lyrischen Hofmannsthal ein Kapitel Jakob Böhme eingeflochten. Übrigens Respekt vor meinem Antiquar! Er hat mir den unvergleichlichen 1730er Böhme verschafft, ed. Ueberfeld, mit angefügten Kupfern. Wenn nur der „Gottselige Hocherleuchtete Teutonicus Philosophus“ mit seiner ganzen Theosophia revelata etwas amüsanter wäre! Es sind Kapitel von besonderem Reiz vorhanden, aber man muß sparsam lesen, um der Sprache die fremde Tonart zu lassen. Den Spruch von der Galle, den ich heute bei ihm gelesen, will ich mir doch notieren: „Siehe, ein Mensch hat in sich eine Galle, das ist Gift, und kann ohne die Galle nicht leben, denn die Galle macht die siderischen Geister beweglich, freudenreich, triumphierend oder lachend, denn sie ist ein Quell der Freuden. So sie sich aber in einem Element entzündet, so verderbt sie den ganzen Menschen, denn der Zorn in den siderischen Geistern kommt von der Galle.“ Und dann: „Eben einen solchen Quell hat auch die Freude, und auch aus derselben Substanz wie der Zorn. Das ist, wenn sich die Galle in der liebhabenden oder süßen Qualität entzündet, in dem, was dem Menschen lieb ist, so zittert der ganze Leib vor Freuden, in welchem manchmal die siderischen Geister auch angesteckt werden, wenn sich die Galle zu sehr erhebt und in der süßen Qualität entzündet.“

Vor wenig mehr als zwanzig Jahren machte ich als kleiner, blonder Knabe den ersten Leseversuch. Mein Vater fand mich über ein Buch gebückt und nannte mir einige Lettern. Dann aber schloß er das Buch und erzählte mir nach seiner klugen, liebreichen Art von der großen Welt der Buchstaben und Bücher, die sich mir mit dem A-B-C erschließen würde und zu deren Kenntnis das längste Leben des fleißigsten Lesers nicht zum tausendsten Teil genüge. Er selber war damals schon über Büchern fast grau geworden und trug die Werte unzähliger Bände hinter seiner hohen, scharfen, allzu oft schmerzenden Stirn gespeichert. Zwanzig Jahre! Ich habe seither ein tüchtiges Stück dieser Buchstabenwelt umgeackert und manchen fast verschollenen Schmöker hervorgekramt und umgeblättert. Und jetzt – die wenigen überragenden Worte, die noch Gewalt über mich haben, würden keine zehn Bände füllen. Es gibt noch eine Zahl von seltenen alten Schriften, nach denen ich Verlangen habe und deren jede mich, wenn sie in meine Hände fällt, neugierig zu machen und zu erregen vermag – und dann ist es wie mit dem gefangenen Schmetterling: die Lust ist gebüßt, das seltene Exemplar hat einen Augenblick den erfreuenden Glanz gehabt, und übrig bleibt – ein Büchertitel und eine Lücke im Register der noch zu erhoffenden Befriedigungen.

Basel, ohne Datum.

Ich wartete gestern abends am Kasino, um das Publikum aus dem Konzertsaal kommen zu sehen. Es war kalt und regnete. Dann quoll die Menschenmasse heraus. Und auf der Treppe von den Balkonsitzen tauchte plötzlich zwischen bekannten Gesichtern das Gesicht Elisabeths hervor. Sie stieg langsam herab und verschwand mit ihren Begleitern in der Menge. Diese Minute, in welcher die ganze schöne Gestalt auf der beleuchteten Treppe warm und fröhlich heraustrat, gab mir eine eigentümliche Stimmung. Ganz wie in schönen antiquierten Romanen war ich der traurige Liebhaber, der vor erleuchtetem Festsaal in der Regennacht steht und seine Dame geschmückt und scherzend mit begünstigten Begleitern vorüberschreiten sieht. Sein Hut ist tief in die schmerzende Stirn gedrückt, sein grauer Mantel flattert im Wind. Sein Auge blickt Verachtung, aber auf den schmerzlich verzogenen Lippen liegt Liebesweh und zehrende Trauer. Er wendet sich ab, lüftet den Hut, streicht mit der heißen Hand über die heiße Stirn und das regennasse Haar und verschwindet in den Nebeln der unwirtlichen Regennacht.

Und zwar zu Frau Buser in die Fischerstube. Diese brachte mir in zahlreichen Bechern die „süße Qualität“ herbei, nachdem die Reaktion der Galle auf die „liebhabende Qualität“ den guten Böhme Lügen gestraft hatte. Ich hatte dort ein langes Gespräch mit Hesse, der mich natürlich wieder nörgelte und zwickte, bis ich grob wurde. Dann war er zufrieden, ich auch, und am Ende führte mich der Gute durch alle Fährlichkeiten wankender Häuserreihen und walzertanzender Gaslaternen meinen Penaten zu.

Basel, ohne Datum.

Wenn sich mein Jugendfreund Elenderle nicht in jener ärgerlichen Nacht im Tübinger „Walfisch“ erschossen hätte, würde ich ihn zur Aufnahme in unsern famosen Klub vorschlagen. Wir haben nämlich zu dreien einen „Klub der Entgleisten“ gegründet. Drei Mitglieder ist wenig, aber die Stadt Basel vermag in dieser Branche nicht mehr.

Basel, ohne Datum.

Hesse will mir einen Artikel über Tieck abjagen, den er doch besser kennen müßte als ich. Dabei fiel mir plötzlich die fabelhafte Ähnlichkeit auf, die zwischen jenem Märchendichter und mir besteht. Bei uns beiden dieselben sensibeln Nerven, derselbe Mangel an Plastik, derselbe Zug zum Flüchtigsten, Oberflächlichsten, zum Schillernden, Flackernden und Unfesten, dieselbe launenhaft bewegte Phantasie, dieselbe Verwandtschaft mit der Musik, dieselbe Tendenz zur Auflösung der Prinzipien, zur künstlerischen Ironie.

Basel, ohne Datum.

Ah! ce n’est point gai tous les jours, la bohème!

Basel, ohne Datum.

Das Weintrinken wird auch nicht lange vorhalten. Ich sitze zuweilen in der Wolfsschlucht, trinke Hallauer und blättere in Böhmes „Weg zu Christo“, wobei mir zuweilen die eigentliche Ruchlosigkeit dieser Lektüre für Augenblicke einen leisen Reiz gewährt. „Ich will dich aber gewarnet haben,“ sagt der Theosophus, „ist dirs nicht ein Ernst, so laß die teuern Namen Gottes, daß sie dir nicht den Zorn Gottes in deiner Seele entzünden.“ Und später: „Bist du nicht in ernstem Vorsatze, auf dem Wege zur neuen Wiedergeburt, so laß die obgeschriebenen Worte im Gebete ungenannt, oder sie werden dir in dir zum Gerichte Gottes werden.“

Der fromme Weise hat recht. Seine Worte machen mich unheiligen Leser traurig und „wirken Verzweiflung“, denn jedes von ihnen besitzt jene Kraft und ewige Jugend der Begeisterung und des Glaubens, deren Anblick mich mit Neid und Heimweh erfüllt.

Basel, ohne Datum.

Ich will verreisen. Mir träumte diese Nacht von meiner Jugend, als wohne sie irgendwo verzaubert in einem fernen Lande zwischen grünen Bergen. Auch war mir, als spielte eine schöne, wohlbekannte Frau auf dem Veilchenstraußflügel die Nocturne in Es-Dur von Chopin, jenes Lied, das nur Heimweh- und Flügelkranke ganz verstehen, mit seinen zarten, durch ein geheimes Leiden vergeistigten Takten. Ich holte meine vergessene und verstaubte Geige hervor und rief die zärtlich scheue Melodie mit leisem Striche wach, und aus dem alten, braunen Instrument sang meine verlorene Jugend in heimlichen Untertönen mit.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
18 ocak 2025
Hacim:
144 s. 8 illüstrasyon
ISBN:
4064066115951
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi: