Kitabı oku: «Hermann Lauscher», sayfa 7

Yazı tipi:

Die sechste Nacht.

Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nächte sind endlos für das winzige Taktmaß meiner tickenden Uhr und meines in den heißen Schläfen fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Tröstende versuche ich zu denken, ich beschwöre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des Gedankens und der Poesie, alle besänftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst, und kein Gedanke hält vor der bedrückenden Gegenwart dieser Stunde stand. Wenn jetzt selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle Zärtlichkeiten der Liebe und Erinnerung gewährte – ich würde lächeln und nicht weniger leiden.

O schlaflose Nacht! Alle Kräfte und Beziehungen meines Wesens und meines Lebens an die trübe Oberfläche dieser einen Nacht gedrängt zu machtlos müder Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid, hat kein Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine meiner liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsäglichen Leidens zu brechen? Alles, was mich jemals freute und über die Stunde erhob, hat Blick und Wärme verloren. Meine Götter sind steinern, und mein Leben war ein blasser Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie fremde Schattenbilder berühren.

Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf seinem Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen, deren jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und leidend. Ich grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern voneinander in vielen einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr leidet wie ich, ihr suchet mit großen Augen die unsichtbaren Gestalten der Finsternis und habt Schmerzen, sobald ihr die starren Lider schließet. Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an mich? Ach wenn wir alle aneinander dächten und alle das Gefühl dieser unsichtbaren schweigenden Gemeinde hätten! Ich glaube, wir verständen uns, unsre feinen, rastlosen Nerven wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir könnten uns ohne Worte über viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben, unsre Leiden und Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde Schicksale weinen und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und lieb. Wir würden Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben emporstiegen, bei Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir sähen die Fäden, deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über Erdteile und Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an einzelnen Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres Leben weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir allein nicht tun können.

Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht mich euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen.

Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner alleingelassenen Seele ein Gedanke der Güte aufstiege!

Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter, und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank, das ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber und hüllte mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung und Liebe schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse!

*                    *

*

Die siebente Nacht.

Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern – lauter Liebesgeschichten?

Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere, wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche mich mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria, Elise, Lilia – die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt ich nicht solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte mich. Eleonor! Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und feindselig zugleich. Ach, ich werde einmal von ihr singen —: Abend, Spätsommer, tiefsammetblau, Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in der Spätrosenlaube, ich und Eleonor, selig elend, eins des andern innersten Mangel kennend. Eleonor! Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende, tragisch hohen Stils, mit großen Gebärden und in jedem Blick schon unverhüllt der Anfang vom Ende! Und nahmen Abschied in einer wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten falben Rosen und rotem Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe der Leidenschaft aus zerspringenden Gläsern in die Nacht.

Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert ist, gelebt zu werden. – Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden! Sie liebten mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in großen gütigen Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und Eine davon verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie nicht mit Umarmungen zu stillen wäre.

Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als den Schmerz oder die Schönheit eines Liedes – es ist ja nur ein Lied! Daß einer liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe verzichtet und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und Traum in den Kreis der Sterne erhebt – wie sollten sie es auch verstehen? Sie wissen ja nicht, was Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem Fluß der Zeit, und fallen zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit irgend einem Faden an die Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder Dichter sein Leben lang, oft halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen einer Beatrice dichtet. Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom trüben Fluß der Tage, schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod – wo sollten wir mit unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild des Ewigen suchen, wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es dieselben sind, an denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge, traurige Auge des Dulders Odysseus hing.

O meine Muse, laß nicht die schönen Augen so mitleidig auf mir ruhen! Siehst du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes körperloses Leben in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du schon die Nacht, in der ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser, ruhiger; die Nacht, in der die letzten verzweifelten Flammen hinter dieser Stirn verglüht sein werden?

Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrät mir: du weißt, daß du meine letzte Liebe bist. Daß du Maria, Elise, Lilia und Eleonor hießest. Daß du Beatrice bist! Ich wußte es längst und brauchte es nicht aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen dantesken Zügen zu lesen. Vor deiner süßen Nähe zitterte mein Knabenherz unter der Blutbuche, und es waren deine Augen, aus denen ich in jener schwülen Spätsommernacht so viel Liebe und Elend las.

Und dein Blick verrät mir: du weißt, daß ich dein eigen bin und daß du mir den Fuß auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge jener Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes halbe Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben – und dahinter die spöttisch traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe?

Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie könnte ich dir mit Vorwürfen antworten! Aber ich kenne dich. Du hörst mich an, du lächelst, nickst sogar, wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch dich in mein Leben gekommen sind. Du hörst mich an, du lächelst, du nickst sogar und fragst zuletzt: Soll ich fortgehen?

Du weißt: Er sagt nicht Ja.

*                    *

*

Die achte Nacht.

Auch heute wieder! Dieses leise Sieden des Blutes, dieses Knistern hinter den Tapeten, diese langen Atemzüge des Windes! Eine Sekunde, eine Minute, noch eine, wieder eine, und so rinnt ein Tropfen des kurzen, kurzen Lebens um den andern fremd und unaufhaltsam an mir vorbei. Wieviele Stunden sind mir so unter den fiebernden Händen zerronnen? Vielleicht tausend, vielleicht zehntausend! Sie sind hin, sie haben kein Leid noch Glück mehr zu verschenken, sie sind ungelebt und doch abgezogen von dem mir Bestimmten.

Und dann werde ich weiß und schweigend liegen! Und unter geschmacklosen Förmlichkeiten in einem Holzkasten in die schmale feuchte Grube gelegt werden! Bekannte werden hinterher gehen, von Tagesgeschichten plaudernd. Ein Prediger wird vielleicht am Grabe in der entsetzlichen Sprache Jehovas die Lehre von Zeit und Ewigkeit verkündigen. Am Grabe eines Dichters!

Ja, lache nur, schöne Muse! Ich weiß, du wirst hinter dem Prediger stehen und deine süßen ironischen Staunaugen machen. Du bist ja schon an so vielen Gräbern gestanden. Und wie du aufhorchen wirst, wenn er von meiner unsterblichen Seele redet! Diese Seele ist ja du, oder ist doch ein Teil, ein Zug von dir. Sie lebt und ist ewig in einer deiner Geberden, in einer Art zu lächeln, in einer besonderen Biegung deiner Stimme, in einer Nuance deines Lockenfalls. Wieviele tote und vergessene Dichter haben an dir gedichtet, bis du zu mir kamst, bis du so gliederschön, schlank und biegsam wurdest! Und nun bist du mein! Wenn auch kein Wort noch Reim von mir mich überdauert, einen Zug von mir wirst du Unsterbliche doch weitertragen. Und den werden meine Nachfolger, die meinen Namen nicht kennen, ehren und verstehen. In dem unsterblichen Werke, das einer von ihnen vollenden wird, wird irgendwo, sei’s nur in einem Wort, einem Ton, einem kleinen zarten Zug, mein Leben verewigt sein. Eine kleine Stelle doch wird dich in den besonderen Zügen malen, die du mir verdankst. Eine kleine Schönheit doch wird in dem unsterblichen Werke sein, die ohne mich nicht wäre möglich gewesen, und der unerlöste Nachklang meines Lebens wird als willkommener Ton in eine Harmonie der Ewigkeit sich fügen. Ewigkeit! Was ist dann noch Tod, Grab und Prediger? Unbequeme Zufälle, wie tausend im Leben sind.

Und so arbeite ich bewußt an meinem Werk, an dem Völker, Erde und Gestirne unbewußt mitschaffen. Was sind Jahrtausende? Eine Spanne Zeit, Staub im Vergleich mit einem einzigen Blick des Ewigen. Jene schöne junge Nausikaa, die vor unendlichen Zeiten am Meere wandelte, ward von einem solchen Blick getroffen und ist heute so schön, jung und lebendig wie an jenem seit Jahrtausenden vergangenen Tage.

Du lächelst wieder? Meine schöne Muse, du bist ein Weib. Ihr Frauen stehet dem Ewigen so nah, daß ihr unser Händeausstrecken und Hinübersehnen nicht verstehet. Und was ihr nicht verstehet, darüber lachet ihr. „Wie komisch!“ – so könnt ihr ausrufen, wenn eines Andern Züge von Leiden entstellt sind, die ihr nicht kennt. Dir zuliebe werde ich einmal versuchen müssen elegant zu sterben!

Ich beneide dich, meine Muse! Ach, für dich ist mein ganzes Leben eine Episode, eine Herbstgeschichte, eine unruhige, kranke Nacht! Nachher wirst du wieder lachen und blühen, als wäre nichts gewesen, nichts als ein nervöser, unangenehmer Augenblick. „Nachher“ – das heißt: wenn ich tot sein werde. „Ein unangenehmer Augenblick“ – das heißt: mein Leben vom ersten bis zum letzten Lallen, mit der ganzen Welt von Jauchzen und Verzweifeln. Es wird ja nicht ins Leere fallen, aber was ist dieser Schimmer von Ewigkeit? Was sind selbst die größten Toten: der große Alexander, der große Tizian, der große Napoleon? Einem Hungernden ist ein Bissen Brot wichtiger als der große Alexander. Und wer hungert nicht? Wer ist nicht von tausend elenden Bedürfnischen umgeben, deren jedes ihm wichtiger ist als der große Alexander? Wieviel von meiner Unsterblichkeit würde ich geben, wenn ich jetzt schlafen könnte, wenn ich das leise, infame Fiebern der unflüggen Gedanken hinter meiner Stirn und den schmerzenden Augen zur Ruhe bringen könnte? Ein Viertel, die halbe, die ganze!

O wie du mich ansiehst! Wie du mich leiden siehst! Und alles um ein Weib, und alles um dich! Und jeder schwere Herzschlag in meiner Brust, und jedes schmerzliche Zittern meiner Lider, und jedes bedrückte heisere Atemholen meines Mundes ist ein Tropfen Leben für dich, ein Meißelführen, ein Pinselzug an deinem Bilde.

Ermahne mich nicht! Laß mich nicht denken, wie es wäre, das alles zu leiden nicht für dich, ohne dich, für Nichts! Lies mir ein Märchen vor! Sag mir, daß du mich liebst, daß die Ewigkeit an meinem Lager sitzt und mit mir leidet.

Wie deine Hand zu streicheln versteht! Ich fühle dabei die ganze Geschichte dieser Hand, die ganze adlige Kultur ihrer Form und Geste, an der schon die Maler des frühen Florenz gearbeitet haben, die auf so viel lorbeerbekränzten, ungenügsamen, scharfgefalteten Künstlerstirnen ruhte. Wo ist ein Fürst, dessen uradlig geborene Geliebte solche Hände hat? Und auch in meiner Hand und auf meiner Stirn ruht deine Rechte nicht vergebens, auch von mir geht der leise Strom eines eigenartigen und feinen Lebens in sie über. Sie wird, wenn niemand mehr von mir weiß, auf andern Stirnen liegen, andere Schultern berühren, und in ihrer Berührung wird mit allen tausend andern auch meine Schönheit, Krankheit und Kunst verewigt und tätig sein.

Und diese Kultur, dieser unsichtbare, leise, ununterbrochene Strom bewußten Lebens, in welchem Dante und Donatello nur schöne Windungen sind – das ist die Ewigkeit. Das ist die Ewigkeit! Das bist du, meine schöne Muse!





Tagebuch 1900.


Basel, 7. April 1900.

Abends. Ein dunkler, kühler Tag. Ich lege Tolstois „Auferstehung“ aus der Hand. Ich hatte geschworen, sie nicht zu lesen, aber alle Welt war voll davon, ich mußte darein beißen, und nun ist es hinter mir. Zwar etwas von der trostlos traurigen, rohen, schrecklichen Luft dieses Russen drückt mich noch – es ist körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Robert, mit Uhde, mit Hebbel und zwanzig andern Größen – sehe ich sie, so muß ich den Hut abnehmen, wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe. Tolstoi ist von einer imponierenden seelischen Größe, er hat einmal die Stimme der Wahrheit gehört und folgt ihr nun wie ein Hund und wie ein Märtyrer, durch dick und dünn, durch Schmutz und Blut. Was ihn so häßlich macht, ist eben das Russische an ihm, dessen Schwere, Düsterkeit, Mangel an Kultur, Mangel an Freude sogar den zarten Turgenjew ungenießbar macht. Die Heiligen Martin und Franziskus haben dieselbe Lehre wie Tolstoi gepredigt, aber bei ihnen ist Person und Lehre ebenso hell, elastisch und erfreuend wie bei Tolstoi dunkel, spröde und niederdrückend. Vielleicht, ich will nicht leugnen, kommt von dorther die Erneuerung der Welt; aber ehe aus diesen herben, frischen, rohen Keimen Kunst werden kann, müssen sie noch hundert Jahre und länger reifen.

Mir träumte einmal, ich wäre mitten in einer großen, sonderbar schweigsamen Gesellschaft. Ein starker Mann in einem zu weiten Frack trat mich plötzlich ernst, streng und herrisch an und fragte mit rauher Stimme: Glaubst du an Christus? Während ich mich besann, was ich antworten sollte, sah ich sein glühendes Auge und seine groben, herausfordernden Züge so unangenehm nahe, daß das Gefühl der Beleidigung sich mir aufdrängte; ich mußte ein eisiges, verächtliches Nein sagen, lediglich um diesen aufdringlichen Blick und die ganze unerwünschte Gegenwart des groben Fragers abzuweisen.

In dieser Weise fragt Tolstoi. Seine Stimme hat nicht nur die zitternde Glut des Fanatikers, sondern auch den peinlich rohen Gurgelton des östlichen Barbaren.

Ich habe Sehnsucht danach, mich am nächsten warmen Tage in den hellen Frühlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen.

Basel, 11. April 1900.

Glaubst du an Christus?

Es war gestern, auf Riehenhof, in der kleinen Halle gegen Abend; ich war zwei Tage bei Doktor Nagels zu Gast. Die freundliche Wirtin saß mit mir in herzlichem Gespräch in der zarten Abendglut, es war eine ungerufene glückliche Stunde; unsre Fragen rührten an alles Wichtige, Ernste, Beglückende, an den Tod, an die Sterne, an das Wunder. Auf die letzten Fragen gab kein Wort mehr Antwort, ein freundschaftlich vertrauendes Schweigen, ein Kopfnicken, ein Blick in die Röte des Himmels, ein stummes Deuten auf die sammetblauen Vogesen und den klaren, dunkelgrünen Schwarzwald —, und vor dem Schlafengehen lasen wir den dritten der Hymnen des Novalis.

Auf dem Kanapee im großen Gesellschaftszimmer auf Riehenhof stand ein fast vollendetes Bild von Fritz Burger: die Bachwiese mit reichem Obstblust. Bei solchen entstehenden oder eben entstandenen Kunstwerken empfinde ich immer Schmerz, Erhebung und Neid zugleich, denn ich stehe ja, mitten in Tag und Kram, ferner als je von meinem Werk, nach dem ich doch täglich lüsterner und sehnsüchtiger werde.

Basel, 15. April 1900.

Diese warmen, grünen Abende auf Riehenhof! Seit Monaten hatte sich mir keine Zeile gereimt, und jetzt – es quillt so weich und ohne Ende, Verse, Verse! Es ist ganz wie es in schönen Anthologien steht: Frühling, junges Grün und Amselgesang, und dem Dichter verhängt ein selig goldener Nebel die Welt. Ich liege im Rasen, ich wandere durch die Wiesen, ich lehne im Halbdunkel abends im Zimmer, ich gehe zum Wein, und meine Lippen sind heiß und rot von lauter Reimen. Kein Inhalt, kein Gedanke, nur Musik von schlanken, lachenden Worten, nur Takt, nur Reim. Ich weiß dabei wohl, daß diese Verse, wenn noch so gut, noch nicht einmal Lyrik sind, und weiß, daß ich schon bald an heute und gestern als an etwas Unbegreifliches, Schönes, Vergangenes denken werde, mit Schmerz und Ironie. Auch ist mir, ein Dichter hätte das, was ich eben denke, schon mit sehr schönen Versen zu Tode gesungen, und wenn ich mich besinne, so ist es der unangenehme Freund Heine und sind es die Zeilen:

Sag nicht, daß du mich liebst,

Ich weiß, das Schönste auf Erden,

Der Frühling und die Liebe,

Es muß zu schanden werden.

Der Frühling und die Liebe. Liebe? Ich weiß nicht. Es ist nur ein Name, und bei mir ist die Liebe eben dieser weich zerfließende Lyrismus, der mich als besondere Form des Sentimentalen jeweils befällt und eben so süß als schwächend ist. Oder soll ich dabei an Elisabeth denken? Ist das denn Liebe, daß ich manchmal Lust habe ihr mehr zu sagen, als man sonst Mädchen sagt? Daß es mich zuweilen traurig macht, wenn ich mir vorstelle, ich mache ihr Geständnisse und führe mit Schande von dannen? Müßte ich nicht den unsichern Grund meines ganzen jetzigen Lebens antasten, einen steinernen Grund legen und von da aus mit der roten Fahne der Leidenschaft, mit Stürmen und Opfern nach ihr jagen? Wenn ich mich jener ernstlichen, brennenden Leidenschaft erinnere, mit der ich noch als halber Knabe der ersten Frauenliebe verfiel, an jene Entzückungen, an jene durchweinten Nächte, an jene im Fieber entworfenen, von plötzlichen Selbstmordgedanken gekreuzten, dennoch selig frechen Lebenspläne, an jene Wut, den Namen Elise viele hundert Mal im Bette zu flüstern, im Garten zu singen, im Walde laut zu schreien – wenn ich an das alles denke, so muß ich traurig lachen und kann dieses zarte Hinüberneigen nicht Liebe nennen. Eine Stimmung, ein in Dämmerung angeschlagener Moll-Akkord, ein scheuer Anfang eines unsicher elegischen Gedichtes – und schließlich eben dennoch seit Jahren die einzige, wenn noch so leise Erregung, bei der mir der Name Liebe einfiel. Der lodernde Rausch von damals, durch viel Philosophie, viel Ästhetik, viel Kunst und viel Ironie jahrelang ins Blassere, Flüchtigere nuanciert, ists doch vielleicht. Aber ich träume doch zuweilen von jener alten Liebe so rot und feuerfarben, habe Sehnsucht nach einer Leidenschaft, die gellend und bacchantisch sich aus Übermut und Ungenügen zum Verhängnis wöbe. Ist dieser Traum und diese Sehnsucht alles, was ich vermag, ist es der Nachklang der alten Liebe oder Ahnung einer kommenden, noch möglichen? Und steigt dieser Traum rein aus dem unbewußten Leben, aus Instinkt und verlorener Erinnerung, oder hat er seine Farben von Böcklin und seinen großen, dämonischen Takt von Chopin und Wagner?

Ich glaube, daß kein anderer Mensch über die Gründe seines inneren Lebens und über die wahren Ursachen seines Begehrens und Ungenügens so durchaus im Dunkeln ist und immer tiefere Finsternis findet, wie eben der, der seine flüchtigsten Regungen beobachtet und dem Entstehen jeder Reizung nachspürt. Als ob dadurch sich das verscheuchte Unbewußte nur enger konzentrierte und sich, ängstlich geworden, vollends jedem vorsichtigsten Blick entzöge.

Axenstein, 3. Mai 1900.

Hier darf man nicht schreiben. Mir ists wie eine Ahnung von Gesundwerden.

Basel, 13. Mai 1900.

Der See wirkt noch leise nach. Seine Schönheit ist unerschöpflich und ist jetzt, da alle Berge noch tiefen Schnee haben, noch frischer und reiner. So oft ich ihn schon besuchte, er ist immer wieder neu, voll Trost und Reichtum. Jedesmal, wenn ich in Luzern an den Quai trete, beginnt seine Wirkung und ist jedesmal verstärkt oder verändert. Ich meine nicht die schönen Matten, nicht den Pilatus, die Wälder oder den Rigi, den langweiligsten aller Berge, – was mein Auge so begeistert, ist einzig die Schönheit dieses klaren Wassers, das vom Blauschwarz übers Grün und Grau bis zum silbernsten Silber jeder Farbe und Nuance fähig ist. Bald hat das Wasser ein metallen schweres Grau, bald bei schwachem Wellenschlag ein kühles Hellgrün, bald ist „Öl auf dem See“, wie die Maler verzweifelnd sagen. Dies ist das Schönste, diese Flecken von verschiedenster Farbe, oft mit scharfem Kontur begrenzt, oft in den verfeinertsten Übergängen aufgelöst, darauf tiefblau die Wolkenschatten und silbern oder bleiern, je nach der Sonne, die Schneespiegel. Aus großer Höhe verliert der See fast allen Reiz, am schönsten ist er vom Boot aus oder, wenn viel Sonne ist, von Morschach oder Seelisberg.

Ich sah neulich dort ein kühles, helles Blaugrün, ganz wie am Himmel das Spätblau nach dem Abendrot, aber nicht goldig, sondern silbern getönt, – diese unbeschreibliche Farbe und ihr Übergang zum völligen Mattsilber gewährte mir eine ganz überschwängliche Lust, ein Gefühl der Befreiung vom Gesetz der Schwere, ein Gefühl der Auflösung, als läge meine Seele kühl und ohne von mir zu wissen auf dem schweigenden Seebusen ausgebreitet, ganz Äther, ganz Farbe, ganz Schönheit. Nur äußerst selten hat mich ein Eindruck künstlerischer, poetischer oder philosophischer Art in diese Höhe und Ruhe versetzt. Das war nicht mehr die Freude am schönen Bild, die freundliche Selbsttäuschung, welche man sich vor guten Kunstwerken gestattet – im Anblick dieser Farbe genoß ich für Augenblicke den Triumph der reinen Schönheit über alle Regungen des bewußten und unbewußten Lebens. Hatte ich nicht doch zuweilen an meinem Stern gezweifelt und war geneigt, einigen landläufigen Angriffen gegen die „ästhetische Weltanschauung“ Recht zu geben? Ich weiß nun, daß meine Religion kein Aberglaube ist, daß es sich lohnt, alle körperlichen und geistigen Dinge nur in ihren Beziehungen zur Schönheit zu betrachten und daß diese Religion Erhebungen schenken kann, die an Reinheit und Seligkeit denen der Märtyrer und Heiligen nicht nachstehen. Daß sie zugleich nicht mindere Opfer verlangt und nicht geringere Qualen und Zweifel und Kämpfe bringt, wußte ich längst. Der Schönheit gegenüber ist in uns dieselbe Erbsünde, dasselbe Fallen und Wiederaufstehen, dasselbe mit Beseligungen abwechselnde Elendgefühl, wie im Leben des Christen. Überhaupt sind diese wahrhaftig Frommen für uns Ästheten die einzigen würdigen Feinde, denn sie allein kennen ebenso tief wie wir die Abgründe des täglichen Lebens, das Leiden unter der Gemeinheit, das auf Knien Liegen vor dem Ideal, die Ehrfurcht vor der Wahrheit und die schonungslose Konsequenz des Glaubens. Seit dem Untergang der von uns immer nur höchstens annähernd verstandenen Antike sind immer nur diese beiden Wege über das Gemeine hinausgegangen, denn nach meinem Gefühl ließen sich die Wege der Ästheten und der Christen durchaus auch in der Geschichte der Philosophie verfolgen. Jedenfalls führt auch der Weg des Denkers, sobald er irgend eine Stellung zum Ewigen bewahrt, durch dieselben Opfer und Leiden, durch schmerzhaftes Berühren einer immer offenen Wunde, durch Weltentsagung in irgend einem Sinn, durch niedergezwungenen Ekel und durch die Finsternisse des Zweifels am Ideal. Ist es der Philosoph, der Schönheitsucher oder der Christ, zu dessen Ideal die immer gleiche „Welt“ im peinlicheren Kontraste steht? Alle drei jedenfalls leiden und alle drei verschmähen die Kompromisse, also das „von Fall zu Fall“, und den Humor. Oder gibt es wirklich einen Humor, vom gemeinen Witz abgesehen, dessen letzter Grund nicht eine Schwachheit, ein Schwindeln und Zurücktreten vor der schmerzlichen Konsequenz des Idealisten ist? Spürt man die Grenze nicht in jedem witzigen Gespräch, wenn ein Mitredender noch so geistreich beginnt an Dinge zu rühren, deren Wesen Würde ist und deren Mithereinziehen in den Kreis des Witzes auch dem Gröbsten zuweilen ans Gewissen greift? Wie kann man Mitspieler in einem Lustspiel sein wollen, da man doch weiß, daß der Witz der Komödie auf der Erbärmlichkeit der Personen beruht? Jedoch liegt für den toleranten Idealisten ein höchster komischer Reiz eben im Untersinken eines Helden zum Gemeinen. Es gehört zu den Opfern, die wir dem Ideal schuldig sind, auch diesen überaus verführerischen Reiz zu töten. Die schwärmerischen Verliebten, die nach erfolgter Aufklärung über die geringe Mitgift so komisch Halt machen, die Helden, die auf dem Weg zu etwas Edlem im Augenblick des körperlichen Ermattens ihr Ideal für eine Mahlzeit verkaufen, diese und alle ähnlichen Lustspielfiguren haben unter ihren applaudierenden Zuschauern immer eine Menge von Brüdern, für welche der heftigste Reiz des Spiels im halberwachenden Gewissen liegt. Manche von diesen hätten vielleicht für Augenblicke Lust zur Entrüstung, da aber der Mut fehlt und da sie schon hundertmal an derselben Klippe gestrandet sind, applaudieren sie dem Helden und ahmen ihn nach, indem sie ihr Ideal für das Vergnügen zu lachen verkaufen. Ich kenne wenige, denen es gelingt, und mir selbst gelingt es selten, auch ein solches Spiel, falls dieses es verdient, rein als Kunstäußerung und ohne Bezug zur stofflichen Komik zu genießen. Die wenigen Lustspiele solcher Art, welche ich besuche, machen mich meistens nur ärgerlich oder traurig, je nach der künstlerischen Qualität.

Basel, 19. Mai 1900.

Elisabeth. Ich traf sie im Garten. Sie trug eine neue Sommertoilette, sehr einfach, matt hellblau. Sie saß auf der Schaukel und wiegte sich wie ein schöner Vogel, der weiß, wie schön er ist. Und dann kam Frau Doktor, und es wurde dunkel, man trank Tee und Eiswasser, Sterne kamen herauf. Ich begleitete sie nach Hause und fühlte, daß ich heute abend langweilig war. Ich erzählte sogar von einem Roman, den ich schreiben wolle und den ich ihr zu dedizieren versprach.

Jetzt scheinen mir die Sterne ins Zimmer. Etwas von der ehemaligen süßen Trauer klingt in mir an, eine Melodie von Chopin, aus der G-Moll-Ballade, fällt mir ein.

Basel, 23. Mai 1900.

Ironie! Wir sprachen den ganzen Abend davon. Natürlich schreib ich wieder nachts, ein Uhr. Ironie? Wir haben wenig davon. Und doch, sonderbar, lüstet mich oft nach ihr. Meine ganze schwerblütige Art aufzulösen und als schmucke Seifenblase ins Blaue zu blasen. Alles zur Oberfläche machen, alles Ungesagte mit raffinierter Bewußtheit sich selber als entdecktes Mysterium servieren! Ich weiß wohl, das ist Romantik. Das ist Fichte in Schlegel, Schlegel in Tieck und Tieck ins Moderne übersetzt. Warum nicht? Tieck ist unerreicht, auch von Heine unerreicht, und müßte eigentlich mit seiner unplastischen, musikalischen Grazie mein Liebling sein.

Basel, 30. Mai 1900.

Schopenhauer. Ich habe oft das Gefühl, er mime und habe nicht recht, ohne daß ich doch etwas besseres wüßte. Oder doch, ich weiß etwas besseres, aber es ist zu schwer und unversucht zum Sagen.

Basel, 6. Juni 1900.

Meine Märchennovelle ist fertig. Man lobt sie, zuweilen mit Verständnis. Mir genügt sie wieder nicht, so sehr die Lust beim Schreiben wuchs. Den Cäsarius hab ich zu Ende. In den Kapiteln de tentationibus (?) speziell de tentatione dormiendi (?) einige kleine reizende Stoffe. Meine Sammlung Romantica um zwei gute Stücke vermehrt, die „Minnelieder“ von 1803 und der erste Sternbald, erstere überaus köstlich. Hoffmann tritt mir als romantischer Erzähler immer mehr an die erste Stelle, Tieck versagt doch öfters, auch in den Märchen, Novalis ist nicht fertig geworden und Brentano ist doch zu bewußt formlos. Übrigens ist der Godwi ein geniales Buch, oberflächlicher, aber unendlich reizender als der Lovell. Den Ofterdingen abgerechnet, der nicht mehr Literatur ist, schätze ich doch eigentlich die „Brambilla“ am höchsten. Technisch betrachtet ist das meiste Seitherige minderwertig, auch Keller hat nur wenige Mal einen Stoff so von innen erleuchtet und so ganz zu Kunst gemacht. Wieviel Romantik übrigens in Kellers Technik noch steckt, ist auffallend.

Vitznau, 4. September 1900.

In den Uffizien von Florenz könnte ich nicht so fleißig, selig und eifersüchtig der Schönheit nachgehen wie auf diesem herrlichen Stück Wasser.

September. Vormittagsnebel; selten ein Regentag. Heiße Mittagsstunden, kühle Nächte bei zunehmendem Mond. Noch nirgends sieht man ein welkes Blatt, das Laub ist spätsommergrün und bekommt schon überall den Metallglanz des Septembers; Äpfel, Pfirsiche und Feigen fallen von den überladenen Bäumen. Die Abende sind ohne Ausnahme hell, farbig und leuchtend.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
18 ocak 2025
Hacim:
144 s. 8 illüstrasyon
ISBN:
4064066115951
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi: