Kitabı oku: «Die gute Schule», sayfa 2
Er entkleidete sich nicht; er wich nicht; er schaute nur und schaute. Es war ihm namenlos gut und als ob er keiner Nahrung und nichts mehr bedürfe, wenn er nur so schauen könnte, ewig, ohne Ende. Es zitterten ihm die Finger, und er erschrak, seine Augen im Spiegel zu sehen, so unheimlich glänzten sie, groß und tief, von einem schwarzen Feuer. Als die Nacht schon sich wendete, hatte er einen eiligen Traum. Es schritt eine helle Fee und warf Sterne auf sein Bild. Da erblühten Rosen in dem Grün und bläuliche Lichte vermischten sich, eine himmlische Wonne, und ein Schauer ging über die Wand, daß alle Farben sich verwandelten, noch tiefer leuchteten und noch heller fangen. Und er stürmte auf nach dem Pinsel, diesen Wechsel des Grüns zu erhaschen, und den anderen Abend, nach zwölfstündiger Lust, da, er begriff's noch kaum und wollte es kaum glauben, da wirklich, ja, war's fertig. Es war fertig. Ah, höhnische Spiegelfechterei der Hölle! Es war fertig. Wie er damals fortgegangen war, den Boulevard entlang durch den lachenden und jubelnden Frühling, wie ein König stolz, der zu Triumph zieht, selig wie ein Pilger, der von der heiligen Gnade mitbringt – und niemals waren die jungen Blüten so helle gewesen und niemals alle Mädchen so lieblich und küssig und zu den müden Arbeitern, die von der Fabrik kamen, hätte er reden mögen, trostreich, daß jetzt alle Not ein Ende hätte und die Hütten feiern sollten, und von den höchsten Türmen hätte er es verkündigen mögen, daß es fertig war, fertig, fertig, so unfaßlich es war, wirklich fertig!
Er stellte es sich ganz deutlich vor, ganz langsam, wie es gekommen war, in allen Teilen, eines nach dem anderen, damit er jedes einzelne für sich genieße und sich ganz mit seinem köstlichen Geschmacke erfülle. Er mußte lachen, wie er an Ledoyer dachte und die Sauce – übrigens, wenn die Gravitation vom Falle eines Apfels, dann mochte es sich die neue Kunst schon gefallen lassen, vom Glanze einer Sauce zu beginnen. Und dann: sein Grün, wie er es mit dem Hummer und den Radieschen befreundet hatte, unermüdlich mischend bald mit Schatten, bald mit Licht, bis es sich vertrug, und wie er es dann aus jener nächtlichen Erscheinung verwandelt hatte, sein Grün war zudem jetzt ja völlig ein anderes. Und da, plötzlich aus dem Hinterhalte über den Arglosen her, daß es ihm den Atem verschlug, mitten im Glück, hatte ihn dieser furchtbare Schreck überfallen, diese namenlose Angst: ob es denn überhaupt war, sein Grün, irgendwo in der Wirklichkeit, außer seiner Einbildung! Denn offenbar – ja, dieses war nicht zu leugnen: wenn es in seiner Erfindung bloß lebte, wenn es kein Gleichnis hatte in der Wirklichkeit, auf das es sich berufen konnte, wenn es erlogen und erheuchelt war, aus üppiger Laune, ja, dann – dann, es war ja nicht auszudenken! Es war ja nicht auszudenken, daß es dann wieder nur höhnischer Betrug gewesen, wieder nur äffender Wahn der Eitelkeit, und daß er wieder die Leinwand zerreißen und den verräterischen Pinsel zerfetzen konnte, um wieder von vorne anzufangen, wieder von Plan zu Plan hilflos zu irren und wieder ohne Rat und Rettung zu verzweifeln.
Und seitdem jagte er unstät wie ein Geächteter nach seinem Grün, immer nur nach seinem Grün, ob er es nirgends fände in der Wirklichkeit. Seitdem wanderte er durch alle Straßen, kroch in alle Winkel, lungerte in den Hallen, klomm auf alle Türme und schweifte durch die Dörfer. Und er wußte es nicht zu denken, wie er es denn machen sollte, dieses Leben zu ertragen fürderhin, auch nur noch acht Tage. Wohl redete er es sich vor, dem Zufall zu vertrauen, in Geduld zu harren und in Arbeit zu vergessen. Wohl verhing er das Bild und rüstete eine neue Wand. Aber er hatte die Kraft nicht mehr, sich aufzuraffen und das Leid zu verwinden. Er war ganz erschöpft und seine Seele hatte weggegeben, was sie an Mut, Wille und Entschlossenheit besaß. Wenn es nicht von außen kam, aus Zufall, ohne Zuthun, ein Geschenk – aber es hätte wohl bald sein müssen, wenn's nicht zu spät werden sollte. Manchmal meinte er, wenn der Tote erst aus dem Hause wäre, wenn er's vernichtete, in Stücke schnitte, verbrännte –! Er wagte nicht, nach der Mauer zu sehen, wo's lehnte, und es verschnürte ihm die Kehle, so oft er vorüber kam – aber doch wieder, wenn's nimmer dort hinge, dann war ja überhaupt alles aus, hoffnungslos. Und immer wieder, alle Tage, verschob er den Mord, ob nicht vielleicht doch in der höchsten Not noch irgendwie Hilfe erschiene.
Eine Hilfe, eine fremde Gnade, ein Ereignis. Er wußte nicht, was es sein konnte, aber er hoffte mit inbrünstiger Zuversicht, weil er ja anders nicht leben konnte. Freilich, es mußte wohl ganz was Besonderes und Seltsames sein, gar nicht vorzustellen, daß es zugleich mit Leidenschaft ihm das Geheimnis aus der Seele aufrüttle und dennoch auch wieder friedliche Gelassenheit und heitere Ruhe gewähre, zur Ordnung des Wirbels und Hut gegen raschen Betrug: wahrscheinlich, eben, wahrscheinlich konnte es doch nur ein Mädel sein, das kräftige und thätige Wunder. So wanderten seine Gedanken, während er wieder durch die wachsenden Flammen schritt, wieder nach dem Flusse, und maßen Vergangenheit und Zukunft an Wünschen und Hoffnungen. Sie schweiften weit zurück bis in den bescheidenen Frieden seiner ersten Jugend, so fruchtbar an Träumen, an holden und kühnen, da unten weit in seiner kleinen, stillen, niederösterreichischen Heimat. Sie schwelgten in jenen seligen ersten Erfolgen, als sein Name das erste Mal im Wochenblatt stand und er das erste Mal berühmt war. Nur wenn sie sich vorwärts wagten ins Künftige mit büßendem Vorwitz, da scheuten sie gleich, bäumten sich schreckhaft und erbebten, weil da nur Elend und Not überall war, grausamer jeden Tag und immer gefräßiger und – er wußte sich keinen Widerstand mehr, keine Rettung, keine Hilfe. Er schüttelte sich mit rascherem Schritte, um die Gedanken wie lästige Fliegen zu verscheuchen. Ja, vom Denken kam's, das klagte er an, vom Denken nur kam der ewige Fluch, weil er grübelte und sich quälte, statt drein zu leben und drein zu schaffen auf gut Glück wie die anderen. Und wenn er von allen Hoffnungen keine bewährte und von allen Versprechungen keine erfüllte mit allem großen und kühnen Talente, das kein Neid und keine Bosheit ihm leugnete – es war nur die Schuld der Gedanken. Die lähmten und entkräfteten mit Zaudern und Zögern, und indem sie alle Wege links und rechts durchforschten und durchwühlten mit Fragen und Zweifeln, nach allen Richtungen, nimmermehr zufrieden, blieb er unbeweglich nur am nämlichen Flecke ewig und kam nicht vorwärts mit aller Hast, nicht einen Schritt. Sie waren der alte Erbfeind seiner That und nimmermehr konnte er Redliches schaffen, wenn sie nicht gebändigt waren zuvor, erwürgt und erdrosselt, daß sie ihn dem Augenblick überließen, frisch und mutig, rüstig geradeaus ins Dickicht, durchs Gestrüpp über Stock und Stein, wie's gerade kam, nur vorwärts, unentwegt, wenn's auch vielleicht ein Umweg war – irgendwie fand man sich doch am Ende in der Nähe des Zieles. Er ermahnte sich durch manches Beispiel schon berühmter Freunde, deren Werke er selber nicht tadeln konnte, obwohl sie der Menge gefielen: wie sie die Arbeit herunterrissen, schlecht und recht, wie's sich gerade fügte, handwerksmäßig, alle Tage ein gemessenes Pensum, Stück für Stück, Gelungenes und Mißratenes durcheinander, ohne Schrullen, ob sie es nicht vielleicht noch besser vermöchten, ohne die blutige Nostalgie der Vollkommenheit, und wenn's heute nicht gelang, gelang's morgen, und wenn's niemals völlig gelang, es verlor sich nicht, es kamen schon andere später, und wenn die Sehnsucht der Jugendträume nicht Frieden fand, wenigstens am Ende, wenn sie zurücksahen auf das verlaufene Jahr, wenigstens war was vollbracht am Ende und es blieb eine Spur, daß sie gelebt und gewollt. Er beneidete solchen sorglosen Leichtsinn, der sich beschied mit der Gabe des Tages, genügsam, dankbar, hoffend, statt im Titanischen zu verschmachten, dem selbst das Kleine zuletzt versagte, ohne daß es das Große bezwang, trotz aller stürmenden, mörderischen Begierde. Es gelang ihnen alles, und ihm gelang nichts, weil sie nichts dachten, und er dachte an alles.
Nichts denken, nichts denken, nur rüstig geschaffen, wie es die launische Stunde gewährt, jetzt verschwenderisch und jetzt spröde. Aber freilich, geraten war billig, und diese Franzosen, ja freilich, hatten leicht singen und tanzen: sie hatten ein Volk und eine Geschichte. Da fand jeder ein reiches und stolzes Werk, die langsame. That aller Ahnen, und die Vorschrift war deutlich für seine Arbeit und Genossen waren mit, rüstig, werkfroh, hilfreich; da mochte das Kleine genügen, weil es am Großen geschah, und das Unfertige der Gesellen vollendete schon einmal ein Meister; da bedeutete auch der einzelne, so schwach und gering sein Vermögen, weil er in der kräftigen Gemeinschaft war. Aber die Deutschen! Tot seit zwei Geschlechtern, tot im Geiste und in der Kunst, zum Scheine nur mit den Körpern lebendig in der Gebärde des Fressens und Saufens – und das mußte wohl die That eines Riesen sein, der die Versäumnis fast eines Jahrhunderts einholte und den Starrkrampf brach mit wuchtigem Streiche! So verzweifelte er in seiner einsamen Folterkammer daheim und verzweifelte, wenn er sich flüchtete, im Gewühle der Straße und unter den Fröhlichen, wenn er zu Freunden ging, verzweifelte er erst recht und Grimm und Haß und Neid und Schmerz und Sehnsucht, wild durcheinander, fraßen an ihm und es half nichts, als daß er es eben einmal versuchte und irgend ein Weib nahm, nur sich zu beschäftigen und zu betäuben, damit er das Denken vertriebe. Das alles mit der großen Leidenschaft, das war ja dumm. Ein lustiges, frisches und vergnügliches Weibchen – wenn sie nur lachte und lärmte. Ein Weib gegen die einsame Qual, wie man Cigaretten nimmt gegen Zahnschmerz oder Opium, wenn der Schlaf zaudert; irgend ein beliebiges Weib, welche Sorte ihm just der Zufall zuwarf – es konnte ihm ja nicht fehlen im Quartier, es gab ihrer wahrhaftig gerade genug. Und indem er sich die Manschetten hervorschwippte und den Stock in die Rocktasche schob, daß der schwere silberne Knopf gerade an die Krempe des Seidenhutes zu lehnen kam, rüstete er sich zur Schürzenjagd und versandte werbende Blicke. Schürzenjagd, Mädchenfang, nur immer rein ins Vergnügen, nach dem Beispiel der Bummler und Gaffer da ringsum, nur freilich sub specie aeterni, nicht für das eigene Gelüst, sondern im Dienste der Kunst, daß sein Abenteuer eine Wiedergeburt des Geistes begänne und die Erneuerung der Menschheit.
Er musterte, die vorübergingen. Manche konnte gefallen. Einer mit lechzenden Augen – er war für das Heiße, Spanische, gleich mit dem Dolch, und Rasse, Rasse mußte sie haben – folgte er. Er hätte sie wohl anreden mögen. Aber wie er sich auch entschloß, er wußte es nicht einzurichten, und da lächelte sie seiner Verlegenheit und da ließ er sie wieder, weil es ihn verdroß. Nein, schüchtern war er nicht; aber das mochte er wohl gestehen, daß er eitel war, sehr eitel, heillos, wie nun einmal die Künstler alle, und um keinen Preis hätte er was Gemeines und Tägliches gesagt, wie die anderen begannen, mit der nächsten Albernheit, sondern aufs erste Wort gleich, daß kein Zweifel möglich, müsse sie es gewahren, aber sofort, daß er ein besonderer wäre, einer für sich, anders wie die anderen. Und indem er so nach einer gefälligen und reizenden Einleitung grübelte, munter und wunderlich zugleich, deren sich kein Lustspiel zu schämen brauchte, indem verpaßte er jedesmal die Gelegenheit und verspätete sich. Und es wuchs sein Ärger, daß es in diesem Geringen selbst ihm nimmermehr glücken wollte – Thorheit, daß er erst suchte; es fehlte ihm doch einmal das Talent zum Glücke. Und dann überhaupt: suchen durfte man nicht, man mußte es finden. Wenn er nur fleißig wanderte, bummlerisch, schlenderisch, geduldig, faul und zuversichtlich, gewiß, dann kam es schon von selber. Und er wanderte wieder. Aber es ward ihm endlich zu dumm. Es sausten ihm die Ohren und die Knie wankten ihm. Nein, das Gewühle, vor Heulen und Drängen, war nicht länger erträglich. Er wollte noch einmal hinunter, den Louvre noch einmal zu sehen und noch einmal seinen geliebten Strom, und dann drüben bei Dreher neben dem Chatelet im Wiener Bier sich mit den nötigen Schoppen gründlich begießen, bis er schwer und voll und dumpfig genug wäre, daß er schläfrig sich heimwagen könnte.
Auf der Brücke verweilte er. Er konnte sich nicht sättigen an diesem Bilde, wie in rotem Feuerrahmen die finsteren Türme unserer lieben Frau gespenstisch grauten, hinter einem schwanken, aus silbernen Nebelstreifen gewobenen Schleier, ein köstliches Märchenwunder, schaurig und traulich zugleich. Und grüner, gelber, roter Blitz, in eiligem Wechsel, schoß über das schwarze Wasser, das feindlich stöhnte. Da gewahrte er ein kleines Mädchen, ganz klein, das völlig allein war und stille für sich in dem lauten Schwarm. Offenbar, sie hatte nichts zu thun, sondern schlenderte wie er. Sie trippelte ganz gemächlich, hatte neugierig den Kopf in die Höhe nach allem Schauwürdigen, und lange guckte sie an der Brüstung nach dem rauschenden Strome. Offenbar aber suchte sie auch keine Gesellschaft und war nicht gesonnen, sich eine gefallen zu lassen, sondern wenn sich wer an sie drängte, schaute sie ihn, ohne eine Wort zu erwidern, nur aus großen grauen Augen verwundert an und kehrte ihm den Rücken. Wann aber einem das noch nicht genug war, wie diesem geckischen Gymnasiasten, der seine betreßte Uniform unwiderstehlich glaubte, beschleunigte sie ihren kleinen Schritt ein wenig, indem sie mit hochmütig aufgezogenen Lidern das Köpfchen rückwärts zur Seite neigte, und fing, indem sie ungeduldig mit den Fingern schnappte, daß es schnalzte, leise vor sich zu singen an, daß ihm wohl die Lust vergehen mußte, in so verlorener Werbung zu verharren. Er lachte hell auf, daß es den gravitätischen Gymnasiasten mit den schweren weißen Handschuhen, deren steife Fühler sich stachelig weit über die Fingerspitzen hinaus borsteten, gewaltig verdroß, wie er traurig und nachdenklich, ohne sich's erklären zu können, davonstorchte. Es war so drollig, und keines lieblicheren wußte er sich, es war lange her, zu erinnern, als dieses so ganz kleinwinzigen und so unnahbar hoheitsvollen Fräuleins, das sich kaum herabließ, nur überhaupt diese gemeine Erde zu berühren, wenn sie wie ein spöttisches Hochmutsteufelchen dahin schritt, sondern es war vielmehr, als schwebe und gleite sie bloß durch die Luft und werde von einem verliebten Zauber behutsam und zärtlich getragen, den man nur nicht sehen konnte. Ganz gewiß, das war sein Abenteuer – sonnenklar. Bequeme Musterung von seinem Posten. Sie konnte nichts merken, weil sie nur auf's Wasser sah, wie die grellen Fackeln schossen, und dann wieder in die blauen Wolken, wohin manche prasselnde Rakete schweifte. Aber neben sich auf die Menschen sah sie mit keinem flüchtigen Blicke. Er prüfte scharf – oh, er war ein Kenner! Nein, Genreuse durchaus nicht, wenigstens von der hohen mondänen Marke nicht, Corylopsis, sondern höchstens von der pudelmäßigen montmartresken allenfalls, Henri Boutet. Mit allen Seufzern konnte er das nicht leugnen: auf Chic nämlich war er versessen und hielt viel auf die richtige »Emballage« der Schönheit, weil sie zum mindesten doch »dekorativ wirken« sollen, die Weiber. Aber es hat diese Sorte dafür den Vorzug, daß sie wenigstens rasch ausgezogen und angezogen ist, ohne lange Geschichten.
Ganz klein war sie, zerbrechlich anzuschauen, und ihr schmächtiger Leib war biegsam wie Schilf, aus welchem das zause Lockenzöpfchen unter der hellgrünen Kapotte wie eine gelbe Wasserlilie guckte. Und Gesicht – ja, Gesicht, stellte er fest, hatte sie überhaupt keins: was man so ein rechtschaffenes Gesicht nennen könnte, deutliche Züge, die man merkte und an welchen man sie von den anderen unterschiede; sondern es war nur eine leere Bühne, auf der noch nichts aufgestellt und noch nicht gespielt worden war, als hätte unter dem schwarzen Schleier, der mit großen Sternen getupft war, ein feiner Pinsel rosenrot hingewischt, ganz eilig, und nur das aufgeschürzte Näschen flatterte heraus wie ein widerspenstiges, in zwei zitternde Fäden ausgefranztes Bändchen. Wenn man sie wiedererkennen wollte, mußte es wohl an den großen grauen Augen geschehen, die aber eigentlich gar nicht grau, sondern vielmehr grün, aber von einem hinter einem silbernen Gewebe verschleierten Grün und in einen schmalen, leuchtenden Reif wie in einen Heiligenschein gefaßt waren – ein schönes, technisches Problem, das herauszukriegen! Nein, es war doch nicht sein Abenteuer. Freilich, zuletzt war's Wurst, weil sie ja nur zur Beruhigung der Nerven und ein Instrument für seine Arbeit sein sollte. Aber gar zu weit durfte sie sich doch nicht von der idealen Frau entfernen, von der gewissen idealen Frau – und überhaupt die Blondinen mochte er nicht leiden. In seinen Hoffnungen spielte sie eine sehr große Rolle, diese ideale Frau. Freilich, er lief nicht mehr wie der fünfzehnjährige Knabe weinend über die Wiesen, ganze Tage bis tief in die Mondnächte des Frühlings, in atemloser Hast, unstät nur vorwärts, nur vorwärts, durch den tiefen Wald in die einsamste Schlucht, von stacheliger Begierde gepeitscht, ob ihm die gute Fee nicht begegnete, die jeden Schlaf in seine Träume kam, mit heißen, schwarzen Augen und sehr bleich, so todesbleich. Aber immer noch, jedesmal, wenn er an das Glück dachte, ob es sich ihm wohl jemals beschiede, sah er sie immer vor sich, sehr groß, sehr königlich und den herrschaftlichen Stolz von einer sanften Trauer gemildert, wie von einer langen Sehnsucht nach ihm, in der sie freudlos gewandert war; für die »schweren Weiber, Pinzgauer Schlag«, wie sein Freund Marius das hieß, als wären sie eben erst vom Sockel heruntergestiegen, kaum zum Leben erweckter Marmor – ja, für solche statuäre Schönheit hohen Stiles hatte er immer eine besondere Schwäche gehabt. Er hatte sie so oft geschaut, so greifbar deutlich, die ideale Frau, daß er sie auf den ersten Blick erkennen mußte, wann er sie endlich fand. Im Detail allerdings hatte sich manches verwandelt: oft war sie eine adelige Fürstin gewesen, die durch seine Wahl ein jauchzendes Volk begnadete, und sehr oft eine wilde Kunstreiterin, wegen der brennenden Reise, oder auch eine sehr lasterhafte, gesunkene Courtisane, welche er durch Liebe zur Tugend bändigte und magdalente. Aber anders immer als die anderen und über das gewöhnliche Maß, seltsam und unfaßlich, daß der Pöbel ehrfürchtig wich und in scheuer Andacht sich neigte, wenn sie sich in breiten Straßen der Bewunderung zeigten – das war er schon seiner Künstlerschaft schuldig.
Was ihn reizen konnte allenfalls an dieser Kleinen, das war nur ihre Gangart: dergleichen hatte er nimmermehr geschaut und in jedem Schritte schwelgte er wie in einer sehr sehnsüchtigen, schmachtenden Musik klagender Geigen, in den süßesten und feinsten Strichen. Die schneidige und rauhkantige Bewegung, welche den weiblichen Leib, wenn er ausschreitet, entstellt, vermied sie, und nur an dem Erfolge bloß wurde man es gewahr, daß sie wirklich ging; aber es schien vielmehr der Boden unter ihr zu gehen, damit er ihr die Mühe erspare, und sie ließ es sich nur ruhig gefallen. Er wußte sich das Rätsel nicht zu erklären, wie sie diesen Schein vollbrachte, und wußte nur, daß es unsäglich hold und anmutig war. Und ganz entschieden auch ihre Augen, ja – auch diese Augen mit ihrer schmerzlich fragenden Sehnsucht, als ob sie Heimweh hätten nach einem unbekannten Lande, und könnten es verwundert nicht begreifen, wo anders als dort zu sein. Also, wenn er es wog: den Abend würdig zu schließen, und weil es drollig sein müßte, wie sie sich anstellen würde – versuchen konnte er es immerhin, weil einmal schließlich keinmal ist bei den Weibern; morgen früh schied man wieder auf Nimmerwiedersehen. Und wenn sie etwa nicht mitkam, wenigstens war eine Stunde vertrieben. Nur galt es, sich durch das Beispiel des Studenten zu warnen und pfiffiger zu verfahren. Weil dieses schwieriger war, zweifelte er nicht, daß es ihm leichter gelänge, als in den gewöhnlichen Fällen. Und wie ihm eine lächerliche Erinnerung aus einer dummen Operette einfuhr, vertraute er sich diesem Mittel. Er näherte sich mit höflichem Anstand, zog artig den Hut, und mit einer ritterlichen Verbeugung, wie sie in den Komödien der alten Galanterie zu sehen sind, sagte er würdig, wie was Selbstverständliches und Unvermeidliches, das sich gebührte: »Sie würden mich, mein Fräulein, sehr verbinden, diesen Knopf an meinen Rock zu nähen, gütigst, weil er abgerissen und es mein bester Rock ist, sicherlich, ohne welchen ich morgen nicht zur Eröffnung der Ausstellung könnte, wo ich doch ein großes Bild habe, ›Bei Vater Lunette‹, Nachtscene, in der österreichischen Abteilung, wie Sie an meinem Accent bereits gemerkt haben dürften, im zweiten Saale gleich links, wenn man hineinkommt, den Charlemonts gegenüber, in der Gegend des Hirschl aber, Gott sei Dank, nicht ganz so galgenmäßig hoch wie dieses unglückliche Genie« – hier ging ihm der Atem aus in seiner hastigen und immer eiligeren Rede, die er sonst vielleicht noch auf allerhand Wissenswertes ausgestreckt hätte. So aber nahm er den Knopf und überreichte ihn, wie kein Page je zierlicher die holdeste Romanze seiner Dame, und war verwundert und stolz zugleich seiner glücklichen Kühnheit.
Sie empfing den Knopf, und sachverständig betrachtete sie ihn genau und die Stelle am Rocke, wohin er gehörte, und nachdem sie sich durch so gewissenhafte Probe überzeugt hatte, daß es wahr war, wie er es gesagt, und eine Weile in ihren Taschen gestöbert hatte, sagte sie ernsthaft mit einer kleinen, hellen, warmen Stimme, ganz nur mit dem Sachlichen beschäftigt: »Aber da müßten wir schon zu Ihnen gehen, ich habe weder Nadel noch Faden.« Aha, dachte er sich vergnügt. Aber er erwiderte bloß: »Oh, das macht ja nichts.« Da blickte sie plötzlich mit einem raschen, gelben Schusse aus ihren hellen Katzenaugen zu ihm empor, und indem sie lustig den Knopf weit weg schnippte, mit einem tüchtigen Stüber, daß er geschwind die Brüstung entlang und ins Wasser kollerte, fing sie hell laut zu lachen an. Sie hatte die Finte begriffen. Und gleich wie an einen alten Freund hängte sie sich zutraulich an seinen Arm, und indem sie immer noch kicherte und sich freute, erklärte sie ihm, warum es nicht möglich war, heute: daß die Cousine ohnedies schon wieder wettern würde, dieses Scheusal, aber begleiten durfte er sie bis ans Thor. Und gleich als von höchster Bedeutung erzählte sie ihm ihr ganzes Kreuz mit der Cousine, mit beweiskräftigen Belegen, wie sie ihr jede harmlose und unschuldige Freude neidisch vergällen wolle, aus reiner Bosheit, und daß sie selbst alt und gescheit genug sei, allein über sich zu wachen und schon von selber zu wissen, was sie zu thun und was sie zu lassen hätte, und daß man leicht anderen Vorschriften predigen könne, wenn man selber alle Morgen bis zehn Uhr in den Tag hinein schnarche, faullenzend in den warmen Federn. Er hielt es erst nur für windiges Geziere, bei jüngeren und noch ein wenig schüchternen Semestern schandenhalber beliebt, und ernsthafter, eindringlicher bekräftigte er seine Bitte. Doch fand er, ohne daß sie sich erzürnt hätte, einen so unbeugsam und unabänderlich entschlossenen Widerstand, daß er, sobald er nur der Höflichkeit genügt und sie von seiner redlichen Absicht überzeugt hatte, die vergebliche Mühe ließ. Entweder, sagte er sich, hat sie ein festes Verhältnis, gegen das nicht so leicht aufzukommen ist, oder sie kann heute wirklich nicht, wahrscheinlich; das gehörte auch zu seinem Pech, an die Weiber zu geraten gerade in den kritischen Tagen. Es war ihm leid, weil es mit diesem heiteren und geschwätzigen Mädchen, das von drolligen Vergleichen und närrischen Einfällen strotzte, eine recht vergnügliche Nacht hätte geben können. Doch war ihm zuletzt nicht gar so darum; auch fiel ihm gerade ein, daß er wieder versäumt hatte, eine Seife zu kaufen, was er sich seit acht Tagen alle Morgen vorsetzte und alle Abende wieder vergaß – das hätte sie am Ende nur verstimmt und verdrossen, da sie doch mit der Weise der Künstler wenig vertraut schien. Also wie er gutmütig war, begleitete er sie heim, gar nicht weit, und indem er ihr alle schönen Dinge sagte, welche ihm einfielen, sehr feurig, bat er sie um ein Wiedersehen, aus Höflichkeit und um ein gutes Andenken zu lassen; doch dachte er im Ernste gar nicht daran und wußte auch ganz sicher, daß sie nicht kommen würde.
»Ich habe nur Sonntag Zeit,« sagte sie. »Also nächsten Sonntag, wenn's Ihnen recht ist, vier Uhr zum Beispiel. Wieder hier auf der Brücke. Da ist übrigens die Adresse meines Magazins, wo ich arbeite. Dahin könnten Sie mir einen Brief schreiben, das habe ich sehr gern, weil's die Woche ein bißchen verkürzt.« Sie gab ihm die Adresse auf einem zierlichen, rosenroten Blättchen, fein gestochen, das gut roch, und indem sie die Arme um ihn schlang, sich auf die Zehen hob und das Köpfchen an seiner Brust hinauf schob, küßte sie ihn geschwinde und war mit einem freundlich winkenden Gruße in die schwarze und düstere Rue de l'Arbre-Sec verschwunden: bis ans Thor nämlich durfte er nicht mit, von wegen der bösen Cousine. »Pas de chance«, sagte er, indem er ihr nachguckte. Es war wirklich zu wunderlieb zu schauen, wie sie so schwebte und flatterte. Und er grüßte noch einmal mit der Hand und rief: »Auf Wiedersehen – aber gewiß!« Schade. Aber wenigstens waren die Grillen fort und er hatte eine liebliche Erscheinung gewonnen, eine holde Wiege der Sinne, und gehörigen Durst dazu, um sich die nötige Bettschwere anzuschoppen – was wollte er denn noch mehr von solchem flüchtigen Abenteuer, das eilig verrauschte wie die braune Woge da unten, wie die gelbe Rakete da oben, wie jeder lächelnde Gruß des Glücks?
