Kitabı oku: «Die gute Schule», sayfa 3
II. Kapitel
Aber endlich mußte er, es half nichts, endlich doch aus den Federn. Längst elfe durch. Und zudringlich, ob er sich auch wehrte, und vorwitzigen Übermutes kitzelte ihn die Sonne mit ihren langen goldenen Flaumen, wohin er sich auch in die Kissen vergrub. Er schlief gern, den Tag lieber als die Nacht. Und das besonders war seine Leidenschaft, schon erwacht wieder einzuschlafen, oft drei-, viermal hintereinander, um nur von jenem hastigen und gedrängten Schlafe zu kosten, der einen Augenblick währt und eine Ewigkeit dünkt, sich seiner selbst bewußt und seines Genusses, in welchem Traum und Wachen mit verwischten Grenzen in einander schwimmen und nicht mehr zu sondern sind. Dafür hatte er sich, feinschmeckerisch, einen umständlichen Dienst eigens eingerichtet, indem zuerst, in aller Frühe, nur an die Thüre gepocht ward, daß er schreckhaft emportaumelte, aber, ohne sich recht zu besinnen, gleich wieder versank, und später der Kaffee, den er eilig schlürfte, und endlich, noch eine Stunde später, die Zeitung gebracht wurde, zu welcher nun erst sich behaglich das erste Pfeifchen schmauchte; nachher, da schmeckte der letzte Traum dann noch einmal so gut. Er dehnte sich lange faul hin und her. Und er betrachtete das Barometer, wie er es hieß. Er forschte mit umständlicher Prüfung, in welcher Stimmung er sich befinde.
Schönes Wetter, wolkenlos, wie draußen. Sein Bild? Mochte es stauben in seinem Verstecke. Später einmal, ja, er kannte das, würde es ihn schon wieder überfallen, eine neue Idee, es zu verwandeln und was Erträgliches draus zu gestalten. Das war immer so. Er hatte immer so in Stößen gearbeitet – Ebbe und Flut. Bis dahin – ich habe die Ehre! Und er machte eine ehrfürchtige Geberde, mit lustigem Ingrimm. Einstweilen wollte er das Porträt wieder vornehmen. Es war lange genug verbummelt. Es sollte einen Abgeordneten darstellen: Baumwollindustrieller, Radikaler und hauptsächlich Schafskopf, ungeheuer einflußreich natürlich. Eigentlich freilich hatte er im Tierstück geringe Erfahrung, aber, mein Gott, es war ja im Dienste der heiligen Galette! Und dann, dieses gerade, geistlos, sehr langweilig, drauf los, ohne daß man zu denken braucht, vom Frühling träumen, der seine nackten Blüten an die Scheiben hob, während der Pinsel auf eigene Faust herumwirtschaften mochte – dieses gerade that ihm ja not, nach diesen Stürmen. Das konnte ihn einlullen und sänftigen. Beschlossen und verkündigt. Und er holte den kahlen Schädel des würdigen Ehrenlegionärs aus der Ecke, pustete die Spinnweben herunter und überlegte. In drei Tagen konnte er's machen: ein wenig herausputzen, die Töne verbinden, ein bißchen aufhellen hie und da, daß er nicht gar wie Limburger Käse gerötet war – peinture aimable halt. Gewiß, es würde ihm gut thun. Er wollte gleich anfangen, gleich morgen. Für heute war dieser Entschluß allein schon Tagewerk genug – und außerdem, Montag, das bringt Unglück, der Lenz lockte zu süß. Das zwitscherte und jauchzte und es war durch die Fenster von den rosigen Kastanien herein ein köstliches Duften. Es schwoll in ihm und ward ihm ein völlig faustisch österlich Gefühl. Allein freilich mopste man sich nur draußen. Schade, daß er die Kleine von gestern nicht haben konnte. Unbeweibt ist die Landschaft immer minder. Es kitzelte angenehm sein Gefühl, indem er, im Lehnstuhl schaukelnd, die Nägel reinigte, sich die Kleine vorzustellen – sie hatte ihm nicht einmal den Namen gesagt – daß sie mit ihm unter den blühenden Äpfeln sich haschte, während ein lauer Wind atmete, oder am Abend, wenn sie heimwärts über das Wasser glitten im engen Boote, den bebenden Leib an seine Brust schmiegte. »Tant pis pour elle,« sagte er, indem er aufstand und die kleine Schere im Bogen nach dem Tische warf. »Nachlaufen werde ich ihr nicht. Es giebt ihrer genug.«
Im Grunde war's ein Glück. Gutmütig und wie er keiner Stimmung widerstehen konnte – es wäre höchstens noch eine verwickelte Dummheit daraus geworden. Denn dieses war doch ausgemacht, daß sie ganz sicher nicht sein Stil war. Nein, sie war nicht seine ideale Frau und nicht einmal eine weitläufige Verwandte hundertsten Grades. Wie er jetzt, den Schlafrock abgeworfen, die Beine in der Krätsche über das Kissen gespreizt, sich vor dem Spiegel niederließ, an das Meisterwerk seiner Toilette, die Locken behutsam in träumerische Ringel biegend und die stolze Lanze seines geschmeidigen Spitzbartes ausziehend, lange, sehr lange, mit vielem Brillantin, und sich aufmerksam mit Liebe und Wohlgefallen musternd, da wieder einmal, da stand sie wieder einmal so handgreiflich vor ihm, so kaiserlich und junonisch – und diese scheue, ahnungslose Schwalbe daneben, die reine Psychè des Gérard, ja, wirklich, selbst – er erinnerte sich – die nämlichen »Schneckerln« hatte sie im Haar, vorne, in die Stirne herein. Nein, es war kein Vergleich; sie mochte ja ganz lieb sein für bescheidene Ansprüche, aber er, leider, war schon vergeben, bedaure sehr. Er verweilte lange in diesen gefälligen Bildern, weil er lange vor dem Spiegel verweilte, nach schlimmer Gewohnheit, bis seine Mähne endlich gebändigt und die umständliche, in bunte Zipfel flatternde Masche kunstgerecht geknotet war. Er mußte lachen, wie er nach der Uhr sah, daß er zwei Stunden wieder einmal vergeudet hatte, sich schön zu machen – wie eine Cocotte, sagten seine Freunde, aber der bringt's Zinsen. Und sie wußten sich nicht genug über seine Eitelkeit. O nein, er war nicht von der gemeinen Eitelkeit, die sie dachten. Ja, er liebte das Kostüm, und wenn er sich anders tragen konnte, wider den Brauch, auffällig und wunderlich, das freute ihn. Ja, er hatte ein kostbares Spitzenhemd mit breitem, weichem, umgeschlagenem Kragen, wonnesam gestickt, daß der alte d'Aurevilly neidisch geworden wäre. Ja, er hatte einen perlgrauen Sombrero mit ungeheurer Krempe, wie nur je der stolzeste andalusische Picador, daß ihn mancher für einen Lastträger hielt, aus den Hallen. Aber es war nicht um den Beifall der Menge und er rechnete nicht, die Blicke der Weiber zu gewinnen. Sondern nur die Begierde quälte ihn, im Äußeren gleich sich von den anderen zu unterscheiden, von denen er sein Inneres so unvergleichlich unterschieden wußte. Er war einmal anders als die anderen, warum sollte er es nicht auch scheinen? Und er brauchte die Versicherung und Bestätigung, alle Tage, wider aufdringliche Zweifel, daß er wirklich einer für sich und nicht vom Dutzend war. Wie anders, wie konnte er sonst seine Kunst jemals vollbringen? Nein, allein ging er nicht aufs Land, sondern Marius mußte mit. Er kriegte ihn schon dazu – früher wich er ihm einfach nicht von der Bude. Und alle Fragen der Kunst, die großen und die kleinen, wie verzwickt sie sein mochten, sollten wieder einmal gelöst und die ganze Zukunft der Kultur deutlich vorausbestimmt werden auf zweitausend Jahre. Marius natürlich würde sich wieder gehörig verdrießen, der das nicht leiden konnte. Ein bißchen Philister, der gute dicke Marius; Verdauung und Ordnung – das war seine Losung; Regel und Maß betete er an und meißelte nach dem Glockenschlag, Sommer und Winter, Schön und Regen, wie man Semmeln bäckt. »Und nur nicht Kunst reden, nur nicht Kunst denken – Kunst machen, wenn's möglich ist.« Aber man mußte nur erst mit stacheligen Paradoxen seinen Ärger aufzuzwicken verstehen – dann, gegen allen Vorsatz, verhaspelte er sich doch jedesmal wieder in Fehde. Und merkwürdig, was er so unwillig verschmähte, wenige konnte es schlagfertiger und treffgewisser. »Ich wollte gerade zu Ihnen,« sagte der Bildhauer Marius. »Der Frühling rumort mir in allen Eingeweiden – man muß es sich herauslaufen. Wollen Sie nicht mit aufs Land?«
Aber der Maler, ohne was zu erwidern, geradewegs auf die Büste los, öffnete behutsam die nassen Fetzen, in welche sie geschlagen war, und indem er bald sich näherte, bald sich entfernte und dann wieder langsam herumkreiste, begann er lange Erklärung mit Vorschlägen, Einwürfen und Räten. Wohl eine Stunde schwand, indem der Bildhauer Rechenschaft gab, wie er es sich gedacht hatte, und manchmal die Achsel zuckte, als bedauerte er, es nicht ändern zu können. Nämlich, es war seine Gewohnheit, alle Urteile anzuhören und auf keines zu hören; nicht aus Hochmut, daß er sich geckisch unfehlbar geglaubt hätte, und verächtlich der anderen, sondern aus Furcht, daß nicht in ihm selber das Kritische erwache, von welchem doch nur Qual und keine Hilfe kam. Doch auch als nichts mehr über die Büste zu sagen und alles erledigt war, manches zweimal sogar, sehr umständlich, stöberte er nur in den Büchern und Skizzen am Boden herum und schnellte von Frage zu Erzählung, immer wieder ein neues an das Gespräch anzustückeln, damit er nur jenem Vorschlage, den er eigentlich selbst hatte thun wollen, nicht zu antworten brauche, als hätte er ihn nicht gehört. Aber Marius, ungeduldig, der wanderfertig war, wiederholte ihn. Da entschuldigte er sich mit Geschäften ohne Aufschub, daß er leider keine Zeit hätte. Und dann auf einmal, als Marius ihn auslachte, mit einem plötzlichen Satze in leidenschaftliche Wallung, brauste er in stürmischen Güssen seine Klagen heraus, sein Leid mit dem Bilde, diesen ganzen verhaltenen Schmerz, der ihn fast um den Verstand brachte, alles Entsetzliche, wie es ihn seit acht Tagen verzweifelte. Und bevor er es nicht überwände und sein Bild nicht gerettet hätte, seine Hoffnung, seinen Stolz, seinen Ruhm, nein, bis dahin sollte man ihn lassen, an die Staffel geschmiedet, auf der sich sein Schicksal entschied. Marius, auf einem Schemel vor der Büste, hörte ihn geduldig an, ohne es viel zu achten. Dann, in einer Pause, als die erste Wut des Malers sich erschöpft hatte, meinte er nur: »Ja, ja.. so geht's, wenn man sich erst ins Suchen einläßt. In zehn Jahren werden Sie sich's auch abgewöhnt haben. Aber wir können davon in Bougival ebenso gut sprechen und besser.«
Nun ärgerte sich der Maler erst recht. Er litt die lehrhafte Überlegenheit nicht und mochte die ewige Mahnung nicht, daß der Bildhauer zehn Jahre mehr hatte. »Wenn die zehn Jahre um sind,« – und er spitzte jedes einzelne Wort – »die einen so weise machen, können Sie mich ja abholen; vorderhand bin ich noch nicht so weit.«
Marius sah ihn nur gründlich an mit einem wehmütigen Ta-twam-asi-Blick, als blickte er in seine eigene Jugend! Wie traut und altbefreundet ihm jede dieser Launen war, aus vielen Leiden, und wie heimisch er sich fühlte in ihrem Weh! Aber um es nicht noch zu verschlimmern, sagte er kühl: »Wie Sie wollen – mir kann's gleich sein.«
Aber er war einmal im Zuge: »Ich lasse mich überhaupt nicht hofmeistern und gängeln, tyrannisch und tantenhaft, was ärger ist. Ich will meine Suppe ganz allein verspeisen, verstehen Sie? Ganz allein, wie ich mir sie ganz allein einbrocken will, nach meinem eigenen Rezepte. Ich glaube, ich bin alt genug, daß ich nach niemandem zu fragen habe, und jedenfalls schadet's mir allein, was mein souveränes Menschenrecht ist und niemanden was kümmert, gar niemanden auf der ganzen Welt, wenn es mir Spaß macht.«
Und durch die hartnäckige, unverbrüchliche Ruhe des Marius erbost, daß sein kriegerischer Sturm nicht einmal der Abwehr gewürdigt wurde: »Sie möchten mein ganzes Leben nach Ihren Grundsätzen einrichten, das wäre Ihnen recht! Sie mischen sich in alles. Wenn Sie arbeitsmüde sind, soll ich aufs Land, und nächstens werde ich essen müssen, wenn Sie hungert. Und Ihren Schrullen zu Liebe soll ich kein Weib nehmen und einsam bleiben, weil Sie recht gut wissen, wahrscheinlich, daß allein kein Künstler was schafft, sondern nur unnütz verfault, ohne die Liebe. Aber darin wenigstens sollen Sie sich gründlich getäuscht haben. Die neidische Hoffnung war etwas verfrüht, Verehrtester!«
»Aha,« sagte der Bildhauer jetzt. »Kann man sie sehen? Haben Sie sie schon drüben?« Dem Maler schmeichelte diese Vermutung. Eine angenehme Vorstellung, sich den Neid und die eifersüchtige Mißgunst der sämtlichen Nachbarn zu denken, wenn er eines Tages mit diesem frischen und fröhlichen Kinde anrücken würde, vor dem sie ihre geschminkten und verfärbten Mätressen verstecken konnten, alle mitsammen. Weil er sich aber besann, vorläufig noch allein zu sein, und gegen diesen Gleichmut nicht aufzukommen war, erwiderte er lieber gar nichts, sondern wandte sich fort. »Wenn Sie die crémaillère aufhängen, bin ich doch hoffentlich geladen?« rief ihm Marius lustig nach. Aber es kam eine Antwort. Der hatte die Thüre schon zugeworfen.
Lange blieb Marius noch in der Werkstatt, und er kraute die roten Zacken seines stacheligen Schnurrbarts und dachte dem Freunde nach und maß Vergangenes ab und hatte Mitleid mit allen Menschen. Es war so traurig, daß jeder erst wieder von vorne anfing, den nämlichen Kreuzweg, unerbittlich eine Station für die andere, und keine Erfahrung der früheren jemals ein Leid den späteren ersparte, auch nicht ein einziges Leid. Wenn es wenigstens den anderen zum Guten gewesen wäre, das Böse, das man selber erduldet! Aber jeder neue rang und stöhnte aufs neue, in dieser Qual, nicht zu wissen, was er denn wolle, und keiner wollte es glauben, bevor er es selber in Thränen erlebt, daß überhaupt nichts zu wollen ist. Aber er entriß sich dem unnützen und hilflosen Schmerze und nach zärtlichem Abschiede von seinem Werke, in dem das Vergessen war, wanderte er. Er wanderte durch den Frühling, der blühte und zwitscherte, und sonnig schimmerte es in allen Augen. Er wurde sehr froh, weil er es gelernt hatte, längst nichts zu begehren, aber was unvermutet geschenkt ward, irgend woher, dankbar zu genießen als unverdiente Huld.
III. Kapitel
Und da war er, eine Stunde seitdem, müßig, einsam auf dem heißen Sofa, der Diener schaffte das Dejeuner. Aber er konnte nicht essen, und er konnte nicht lesen, und er konnte nichts. Kraft und Wille waren ihm weggeschöpft. Und er haderte nur mit sich selbst. Und er bäumte sich wehrhaft gegen den Hader und stopfte die Ohren und verhärtete und verstockte sich mit Fleiß und trotzte der Reue. Möglich, daß es dumm und läppisch gehandelt war und häßlich noch obendrein an dem Freunde. Aber nun war es geschehen und es hatte ihm einmal beliebt. Er würde sich hüten, wieder umständlich Reue und Leid zu erwecken zur eigenen Qual und niemandem zu Nutz. Dieser Wahnsinn war heillos. Er hatte Proben. Und nein – und nein – es war kein Wahnsinn. Die Gerechtigkeit schuldete er sich selbst, daß es Grund und Vernunft hatte, deren er sich nicht zu schämen brauchte. Nur freilich die Wirkung war dumm. Von seiner besten Tugend gerade, ja, das war deutlich, kam's her, von seinem freien Stolze, ohne den er nimmermehr dieser verwegene Künstler geworden, von seiner einsamen Kühnheit, welche die Art des Pöbels verschmähte, vom freudigen Bewußtsein seiner sicheren Kraft, die außer sich nichts brauchte und darum nichts dulden wollte außer sich. Nein, er hatte sich nicht zu schämen, ob es den anderen auch Narrheit galt, dem Urteile nach dem Scheine. Stolz konnte er sein, vielmehr, und sich loben, und wenn er sich nur recht deutlich wurde und den Zusammenhang erkannte, das war bei weitem vernünftiger, als sich vor sich selber zu verheimlichen und über sich selbst zu belügen aus Gehorsam, bloß gegen das Beispiel der anderen. Er hatte es nicht nötig. Ja, es verlor ihm manchen Freund und oft, viele Stunden schon hatte es ihm verbittert. Immerzu! So war er einmal beschaffen, so war er es von Geburt, daß er den Zwang nicht vertrug und sich auflehnte gegen das fremde Gebot, fanatisch zugethan der Freiheit. Er war immer so gewesen, so lange er sich erinnerte, unwandelbar; es war ihm die Freiheit – anders ließ es sich nicht sagen – ein körperliches Bedürfnis, und als körperlichen Schmerz geradezu, als brännte ihn heißes Eisen, empfand er es, fremdem Willen zu begegnen, daß noch etwas da war außer ihm, anders als er und etwa gar feindselig gegen ihn, was er, wenn er es recht überlegte, nimmermehr zu fassen vermochte. Das Fremde, das Andere, was nicht er selbst war, – wie vor einem tödlich Schaurigen und Gespenstigen entsetzte er sich davor, das über die Vernunft und widernatürlich war, und es gab ihm Fieber und Krämpfe. Er konnte es nicht verwinden, mit allen Entschlüssen und Vorsätzen nicht.
Einen Trotzkopf deshalb nannten sie schon den Knaben, der Eltern und Lehrern, später manchem Freunde, aber sich selbst immer am meisten, Leid damit anthat, und schalten, daß er eigensinnig sei bis zur Narrheit. Aber nein, sein Wille war gar nicht trotzig, wie sie ihn beschuldigten, unbändig und überwachsen, sondern oft umgekehrt, wenn er sich besann, hatte er sich vielmehr der Schwäche angeklagt, und sichere Kraft seiner Entschlüsse vermißt. Vorsätze auszuführen mißlang ihm häufig, und manche Absicht entbehrte der inneren Gewalt zum Dienste. Erst wenn er einem anderen begegnete, der ihn beugen wollte oder auch nur sich dessen verdächtig machte, dann erst, wie von plötzlichem Stoß und Erschütterung, erwachte sein Wille auf einmal aus so langer Ohnmacht, mit hastiger Begierde nachzuholen, was er in der Lähmung versäumt, und zu ersetzen. Das freilich wuchs dann ohne Maß.
Launisch nannten sie ihn. Ja, warum ließen sie ihn denn nicht und mischten sich immer in ihn und kneteten jeder an ihm, und jeder wollte ihn verwandeln und jeder ihn nach seiner Vorschrift zwingen und keinem war er recht! Da freilich verlor er alle Besinnung zuletzt, von so viel Feindschaft gehetzt, und schlug mit den Flügeln gegen Decke und Boden, wirr im Kreise flatternd mit hastigen Stößen, taumelnd vor Todesangst, wenn ohne Unterlaß so immerfort an allen Stäben des Käfigs getrommelt und gehämmert ward, ein höllisches Toben. Warum ließen sie ihn denn nicht frei? Das hatte ihn verdorben, dieses allein, ohne seine Schuld, daß der Zwang, nichts als ewig der Zwang, der dumme, rohe, herrische Zwang überall auf ihn lauerte, aus tausend Fallen, bald räuberisch mit offener Gewaltthat, bald tückisch, in schmeichelnden Rat vermummt und mit Güte und Freundschaft geschmückt, aber unnachgiebig in täglichen Fehden; da war denn am Ende dieser Verfolgungswahn über ihn gekommen, in dem er sich peinigte und die anderen, rastlos, mißtrauisch, argwöhnisch gegen die ganze Welt. Ja, es war ein Wahn, krankhaft und wider die Vernunft, er leugnete es gar nicht. Eben dieses wieder mit dem Bildhauer – das neueste Beispiel; doch war er um Beispiele nicht verlegen, die alle Tage vorkamen. Übrigens, der würde sich trösten, rasch, es war ihm nicht bange; der hatte darin schon manche Erfahrung.
Immer die nämliche Geschichte, immer dieselbe. Er hatte ja aufs Land gewollt, er selber und er zuerst, und darum allein war er hinüber. Aber da ihm der andere zuvorkam mit diesem nämlichen Vorschlage, mit seinem eigenen Vorschlage, da er seinem Willen in dem anderen begegnete, in diesem Augenblicke –ja, da ... ja, erklären ließ sich das nicht, erklären ließ es sich nicht; es war ohne Zweifel Wahnsinn, nichts weiter.
Aber nur immer: dieses sollte er thun und jenes sollte er lassen, die gleiche Litanei seit der ersten Kindheit, und immer nur »sollte« und »sollte«, und was er wollte, das einzig wurde er niemals gefragt, und so, in dieser entsetzlichen Knechtschaft, war der ungeheure Drang über ihn gekommen, einmal er selbst zu sein, endlich, und die ungeheure Angst, immer ein anderer zu sein, ewig. Nun mochten sie's tragen, wenn sie davon litten. Ihre Schuld, ihre Schuld allein, ganz allein, der Verschworenen gegen seinen Willen, wenn er kopfscheu und toll geworden, am Ende. Was ließ ihn der Bildhauer nicht seinen Vorschlag thun, geduldig, bis er seinen Willen entfaltete? Nun wären sie draußen im duftenden und singenden Frühling längst, nach dem er so glühende Sehnsucht trug, unter Blüten und in Scherzen – statt dieser einödigen Pein mit häßlichen und unnützen Gedanken in dem verfluchten Marterloch! Konnte er nicht warten? Mußte er ihn gleich mit seiner Absicht überfallen, feindlich über ihn her, daß er verschüchtert, geängstigt, überrumpelt, in dieser großen Not alle Besinnung verlor?
Er wollte aufs Land – ja, er selber, genau wie es der andere vorschlug, gewiß. Aber er wollte aufs Land aus freiem Entschlusse, weil es sein Wille war, und nicht auf fremden Vorschlag, dem anderen zu Liebe und zu Gefallen. Und eher, bevor er fremdem Willen sich beugte, eher verzichtete er noch auf den eigenen lieber; und übrigens, seit es der andere wollte, da war es ihm verdorben, es selber zu wollen. Eine Dummheit sicher in diesem Falle; denn dem Bildhauer fehlte die feindliche Absicht. Eine Dummheit, und verdarb ihm den ganzen Tag mit Verdruß, denn morgen würde es schwer sein, sich gegen Marius zu betragen. Aber er konnte sich einmal nicht, konnte sich nicht erniedrigen, nicht vor dem liebsten Freunde, um keinen Preis, und bevor er sich vergewaltigen ließ – jeden anderen Schimpf wollte er lieber ertragen. Er hätte nur nicht erst mit langen Lügen und umständlichen Vorwänden sich feige ausflüchten sollen, heuchlerisch wie die anderen. Das nächste Mal, er versprach es sich, wollte er es ihm gleich offen erklären, deutlich und ohne Rest, wie es war. Die Freiheit, die Freiheit – ja, das war notwendig, daß er ihm einmal seine ganze Begierde sagte, wie sehnsüchtig er sie liebte mit diesem herrischen Instinkte. Das verdroß ihn am meisten, indem er jetzt überlegte, daß er nun erst recht seinen Willen verloren hatte, durch seine Verteidigung gerade. Nun war er erst recht nicht aufs Land. Nun war ihm durch seinen mannhaften Mut gerade erst recht der Wunsch verstümmelt und erwürgt. Aber so ging's mit Freunden immer. Marius, trotzdem, war noch von den besten, ganz sicher, weil er selber vieles gelitten; und auch er beschäftigte sich um sich selbst zu sehr, als daß er die anderen viel achtete. Aber am Ende, wenn man's verglich, waren sie alle gleich, einer wie der andere, und immer zuletzt, früher oder später, einmal erwachte der Tyrann in jedem. Ach, es war nicht zu begreifen, das schaurige, tödliche Rätsel! Daß sie nicht nebeneinander wohnen konnten, der hier, der dort, für sich jeder in seinem Bezirke, ohne Räuberei über die Grenze des anderen! Daß jeder nur aus sich heraus in den anderen drängte, rastlos das ganze Leben im anderen sich festzusetzen und über ihn zu herrschen! Daß man niemals man selbst sein sollte und durfte, nicht eine selige Stunde, sondern ewig nur auf sich verzichten, sich verwandeln, sich zerstückeln, zur Wollust des anderen, immer des anderen! Nein, er begriff's nicht. Knechtschaft und Dienst – das heischten sie alle und von jedem. Die Lust, in einem anderen sich selber wiederzufinden, den fremden Rest zum Eigentum zu unterjochen und in einem zweiten Leibe dem Willen eine neue Heimat zu schaffen, fremdes Fleisch für die eigene Seele – dieser gierig verschlingende Hunger fraß jede andere Begierde und das hieß Freundschaft! Und er, der verging vor dieser namenlosen Sehnsucht nach einem wirklichen Freunde, der, statt nur immer nehmen zu wollen, sich ihm ergeben und seine Seele bereichert hätte, statt nur immer zu sengen und zu plündern in ihr, unersättlich vampyrisch!
Einsam, einsam – warum wollten sie einen nicht einsam lassen? Gab es nicht ohnedem Qual genug, daß einen grausam noch dieses foltern mußte, unbarmherzig das ganze Leben, das blutige Leiden an der Nachbarschaft? Aber es wühlte und zerfleischte und er sah keine Hoffnung und verzweifelte und selbst die Tiere verdarb es ihm oft und selbst die Dinge und überhaupt alles, was nicht gedacht war. Ja, dazu am Ende hatte es ihn gebracht, alles zu hassen, was nicht seine Vorstellung war. Er konnte es nicht ertragen. Und er erinnerte sich, daß Geringes oft, lächerlich Geringes, Tobsucht und Tollwut in ihm entzäumte, wie ein auf der Straße gepfiffenes Lied, das im Ohre haftete, die eigenen Gedanken verscheuchte und mit allem Vorsatze unvertreiblich nicht wieder hinauszubeuteln war, oder ein erwünschter Brief, der von der Post nicht ankommen wollte, obwohl er in seinem Bewußtsein längst angekommen war, oder wenn an einem Schalter, während sein Geist es schon erledigt hatte, Gewühl ihn aufhielt – alle diese tausendfältigen mörderischen Erinnerungen, jeden Tag, daß er nicht allein, daß er nicht frei war. Es kam dann manchmal über ihn, daß er alles hätte zertrümmern mögen, ringsherum, mit Feuer und Schwert alles Lebendige verwüsten, mordbrennerisch und vandalisch jede fremde Spur zerstampfen, um nur ein Ende zu machen mit dem ewigen an ihm herum kommandieren von Menschen und Dingen, das nicht länger zu ertragen war, und sich die Wüste zu schaffen, die stille, stumme Wüste. Es war die Stimmung des »großen Reinemachens«, wie er es nannte. Nämlich mit seinen Freunden, die ihm zunächst waren, räumte sein Grimm dann auf und die Absagebriefe schwirrten an diesen Tagen, Kündigungen der Freundschaft, mit zornigen Anklagen. Das erleichterte ihn etwas, wenn er so manchen Genossen verbannte, der ihn getäuscht hatte und auch nur ein Mensch war. Allein, allein – hoch oben irgendwo im Eise oder tief auf dem Grunde des schnaubenden Meeres, wohin kein geller Lärm des täglichen Lebens dränge, und verborgen vor den rauhen, kralligen Griffen des anderen! Die gewöhnlichen und gemeinen – ja, die vielleicht mochten es ertragen, daß ihnen das Ich gestohlen und das Fremde eingeschoben ward: denn sie brauchten das Ich nicht. Aber der Künstler – wie denn, ohne sein Handwerkszeug, wie konnte er denn leben? Es war der Künstler offenbar, der Künstler in ihm, von dem das Leid kam. Dieses tröstete ihn und erweckte ihm eine beinahe behagliche Vorstellung, in die er sich müde einwickelte, auf dem schweren, breiten, üppigen Divan, über welchem die wilden japanischen Masken höhnisch grinsten, mit ihren struppigen Roßbärten und zerrissenen Maules. Es tröstete ihn, weil es ja gar nicht ein Leid heißen konnte, wenn es ein Zeichen von der Kunst war.
Ja, offenbar der Künstler, der Künstler ... er ward nicht müde, es sich durch Wiederholung oftmals zu bekräftigen. Natürlich, die andern hatten nicht dieses Gefühl des Ich, so überschwenglich und maßlos, und diesen grimmigen Trotz, wie ihm was nahen wollte, und nicht atemlos und fieberisch diese Todesangst, es zu verlieren. Ihnen lag nichts daran, ob sie es besaßen, weil sie sich seiner ja doch niemals bedienten, und ohne es zu merken, entbehrten sie es leicht. Sie konnten glücklich sein. Aber der Künstler! Freilich, ein Trost war es schon, weil es den Stolz befriedigte, aber diese Folge konnte er sich nicht verhehlen, daß deshalb sein Leid unabänderlich war, ohne Hilfe, hoffnungslos, nicht ein Zufall bloß, der wechseln mochte, sondern ein notwendiges, unwandelbares Schicksal, wenn es nicht an der Welt und ihrer Tücke lag, sondern an ihm selbst vielmehr und seiner Kunst. Und das wieder verdroß ihn gewaltig, nicht daß es so war, aber daß er es begriff. Das nahm ihm nur unnütz erst den Mut und alle Kraft zum Wunsche und selbst den fröhlichen Haß der Menschen und der Welt, der doch, mit Klage und Hoffnung gemischt, immerhin wenigstens eine angenehme Bewegung der Seele gewährte. Er konnte, so lange er sich über die Wahrheit betrog, das Glück beschuldigen und der Zukunft trauen. Jetzt umnachtete es sich völlig. Aber das war auch von seinen unseligen Gewohnheiten eine, der er durch keinen beschworenen Entschluß sich jemals entwand, tagelang so auf dem Sofa sich in Gedanken unablässig zu schaukeln, eiliger immer und immer höher bis in reißenden Schwindel, und unnachgiebig sich im Gehirn zu stochern, tiefer und tiefer, an die letzten Wurzeln. Er hatte es von Jugend auf, das neugierige Denken über sich, und es war natürlich auch wieder der Künstler, immer der Künstler, der also sich alle Tage die Beichte abzunehmen und alle Winkel des Gewissens zu erforschen nimmermehr ermüden wollte. Wie anders auch durfte er sonst hoffen, am Ende doch einmal das große Geheimnis zu entdecken, irgendwo tief unten am Grunde der Seele, das schlummerte und nicht erwachte?
Dann forschte er denn und forschte in sich und ging sich mit der Laterne ab, als wäre er's gar nicht selbst, sondern irgend ein merkwürdiges Ungetüm, über welches ihm Wache befohlen. So horchte er, hielt den Atem an und beugte sich lauschend, ob es sich noch immer nicht regen wollte, jenes Wunder. Und einstweilen wenigstens verzeichnete er eifrig Zug um Zug, was er fand, damit er sich dann vergewissern könnte, daß er wirklich ein besonderer für sich war, superiore Natur und homme d'élite. So stellte er seine Seele vor den Spiegel, kämmte sie durch und scheitelte sie. Er dürstete nach der Wahrheit über sich und mit besonderem Eifer vor allem sammelte er aus allen Verstecken das Seltsame gerade, welches ihn von den Gewöhnlichen schied. Er bestimmte es und betrachtete es lange, wie es ihm stünde, und immer wieder versicherte er sich, daß es noch da wäre in seinem Winkel, indem er jeden Augenblick besorgt danach griff. So bewahrte er ängstlich vor allem Wandel seinen Charakter und bekräftigte ihn auf diese Weise, indem Flüchtiges und Vergängliches allmählich unauslöschlich und beharrlich ward durch diese so häufige Wiederholung. So stärkte und festigte er künstlich seine Natur und vielleicht bereicherte er sie sogar. Diese unablässige Gewohnheit war am Ende dahin gelangt, ihn mitten auseinander zu spalten, in zwei, einen der wahrnahm, empfand und schuf, eben jenen Extramenschen höherer Ordnung, und einen, der alle Empfindung und Schöpfung des anderen mit seiner Neugier begleitete und sich gar nicht genug verwundern konnte, einen Durchschnittsverstand mittlerer Güte – in einen Schauspieler und einen Zuschauer. Ja, wirklich, es war das reine Theater: der andere folgte nur müßig in seinem Stuhle den Schicksalen des Darstellers, manchmal bewegt, von Mitgefühlen ergriffen, hingerissen, als wäre er es selbst und geschähe es in ihm, mit Thränen und Rührung, manchmal auch wieder kritisch, ärgerlich, geschüttelten Kopfes, mit Zischen und Oho. Oft selbst verlor er jedes Bewußtsein, daß es im Grunde zuletzt doch nur er selbst war, den er betrachtete, und so fremd und völlig unverträglich mit der eigenen Weise erschien er ihm, daß solche Menschenart ihm völlig unbegreiflich wurde. Es war zwischen dem vor ihm Handelnden und dem über ihn Denkenden keine Gemeinschaft mehr. Wenn er sich mit zwei Leibern gefunden hätte eines Tages, es hätte ihn keineswegs überrascht, weil es das Natürliche gewesen wäre.
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