Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 23
Elftes Kapitel
Er war in Nachdenken versunken und ließ seine Augen von der Großtante zu Marsinka hinüberschweifen, um sie mit Zärtlichkeit auf dieser ruhen zu lassen.
»Wie wäre es,« dachte er, »wenn ich mich gleichfalls zu dem Schicksalsglauben der Tante bekehrte? Hier scheint die gläubige, demütige Unterwerfung ja in der Luft zu liegen! Wie wäre es, wenn ich meinen Nacken unter das Joch dieses ruhigen, sanften Lebens hier beugte und mich zum Helden eines stillen Romans machte? Vielleicht hält das Schicksal auch für mich hier ein klein wenig Glück in Bereitschaft . . . wie wäre es, wenn ich hier heiratete? . . .«
Er dehnte sich und gähnte, sah auf Marsinka und betrachtete mit Wohlgefallen ihre schöne weiße Stirn, die zarten, gesunden, frischen Wangen und die feinen, weichen Hände.
Doch so aufmerksam er sie auch betrachtete, von welcher Seite er auch in ihr Wesen einzudringen suchte – er sah bisher nur so viel, daß sie ein lebhaftes, gesundes und frisches blondes Mädchen von etwas vollen Formen war.
Sie war fleißig, nähte gern und zeichnete auch ganz hübsch. Saß sie an einer Näharbeit, dann vertiefte sie sich ganz ernsthaft und schweigsam darein und konnte stundenlang dabei sitzen; setzte sie sich ans Klavier, dann spielte sie unbedingt das Stück zu Ende, das sie vornahm; ein Buch las sie immer aus, vorausgesetzt, daß es gut ausging, und wenn es ihr gefiel, erzählte sie lange und gern, was sie gelesen hatte. Sie sang, sie pflegte ihre Blumen und Vögel, sie war sehr häuslich und naschte gern.
Sie hatte ein Schränkchen, in dem stets Rosinen, Backpflaumen und Konfekt vorrätig waren. Sie liebte die frische Luft und machte sich nichts daraus, wenn die Sonne sie bräunte. Gleich der Eidechse liebte sie die Sonnenwärme.
Ihre Bedürfnisse und Neigungen entsprechen ganz dem Kreise, in dem sie lebt. Sie hat es gern, wenn zu Ostern trockenes, schönes Wetter ist, wenn in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest scharfer Frost herrscht, daß der Schnee unter dem Schlitten knirscht und die Kälte in die Nase zwickt. Sie liebt das Schlittschuhlaufen und den Tanz, die bunte Volksmenge und den Festtrubel, und sie ist entzückt, wenn Gäste kommen, oder wenn sie selbst Besuch machen kann. Sie ist eine Freundin von Putz und Schmuck und hat gern kleine Nippsachen auf den Tischen und Etageren.
Aber obwohl sie gern Bälle mitmacht, erwartet sie doch mit Ungeduld den Sommer, die Zeit der Früchte. Sie hat es gern, wenn recht viel Kirschen an den Bäumen hängen, wenn die Wassermelonen recht groß werden und nirgends so viel Äpfel sind wie in ihrem Garten.
Überall im Hause ist Marsinka zu hören und zu sehen. Bald hört man sie lachen, bald laut sprechen. Sie hat eine angenehme, tiefe, wohlklingende Stimme. Jetzt hört man im Garten, wie sie oben im Hause ein Liedchen singt, und eine Minute darauf schallt ihre Stimme schon vom anderen Ende des Hofes, oder ihr Lachen aus dem Gemüsegarten.
Schon als Kind pflegte sie, wenn sie hörte, daß einem Bauern eine Kuh oder ein Pferd gefallen war, sich der Großtante auf den Schoß zu setzen und so lange zu bitten, bis diese den Verlust zu ersetzen versprach. War ein Bauernhaus baufällig oder irgendwo ein Hofgebäude zu errichten, so wußte sie stets das nötige Holz von der Großtante zu erbitten.
Starb einer Bäuerin ein Kind, und saß dann die unglückliche Mutter wie zerschmettert, unfähig, etwas zu tun, im Winkel, so besuchte Marsinka sie, saß bis zu zwei Stunden bei ihr, sah sie an, sprach ihr Trost zu und kam mit vom Weinen verschwollenen Augen nach Hause.
Ward ein Bauer von schwerer Krankheit befallen, dann ruhte sie nicht, bis Iwan Bogdanowitsch, der Arzt, ihn zu besuchen versprach, und sprang selbst zu ihm in den Wagen, um ihn zu dem Kranken zu begleiten.
Jeden Augenblick hatte sie eine Bitte an die Tante: bald verlangt sie ein Stück Leinwand oder Baumwollstoff, bald Zucker, Tee, Seife. Den Mädchen gibt sie ihre alten Kleider und verlangt von ihnen, daß sie sich sauber halten. Dem blinden alten Manne im Dorfe bringt sie irgendeine Leckerei oder beschenkt ihn mit Geld. Sie kennt alle Frauen, alle Kinder beim Namen; den letzteren kauft sie Schuhe, näht ihnen Hemdchen und hebt fast alle Neugeborenen aus der Taufe.
Ist eine Hochzeit im Dorfe, dann kennt Marsinkas Freigebigkeit keine Grenzen: nur mit Mühe vermag sie die Tante zurückzuhalten. Sie schenkt Wäsche und Schuhwerk, denkt sich irgendeinen hübschen Ausputz für die Braut aus, verschwendet ihr ganzes Taschengeld und muß dann lange knausern und sparen.
Nur Trunkenbolde waren ihr, wie der Großtante, zuwider, und einmal schlug sie sogar mit dem Regenschirm auf einen Bauern los, der in betrunkenem Zustande seine Frau prügeln wollte, während Marsinka dabeistand.
Schreitet sie durch das Dorf, dann sind die Kinder sogleich wie närrisch hinter ihr her: kaum haben sie sie erblickt, so sind sie auch schon in Scharen um sie herum. Sie schenkt ihnen Pfefferkuchen und Nüsse, nimmt auch wohl einige von ihnen mit ins Haus, wäscht sie und spielt mit ihnen.
Alle Hunde im Dorfe kennen und lieben sie, und auch unter den Kühen und Schafen hat sie ihre Lieblinge.
Alles Sinnen und Brüten war Marsinka fremd, sie sah den Dingen keck und offen ins Gesicht.
War sie allein im Zimmer, dann hatte sie Langeweile und ging dahin, wo sie Menschen traf. Stockte das Gespräch auch nur einen Augenblick, so empfand sie das schon peinlich, gähnte und ging fort, oder begann selbst zu sprechen.
An Wochentagen trug sie ein einfaches Woll- oder Leinenkleid mit einfachem Besatz, des Sonntags dagegen hatte sie unbedingt ihr gutes Kleid an, im Winter aus feinem Wollstoff oder Seide, im Sommer aus Musselin. Sie hielt sich dann überhaupt ganz feiertäglich, setzte sich vor Beendigung des Gottesdienstes nicht auf den ersten besten Platz, vermied alle häuslichen Arbeiten, zeichnete auch nicht und spielte höchstens nach dem Mittagessen ein wenig Klavier.
»Glückliches Kind!« dachte Raiski und betrachtete sie mit Wohlgefallen – »wirst du wohl je erwachen, oder wirst du dein ganzes Leben so spielend und singend verbringen, unter dem Schutze des ›Schicksals‹, an das die Tante so fest glaubt? Was würde wohl geschehen, wenn jemand versuchte, dich aus deinem Schlummer zu wecken?«
»Komm, Marsinka,« sagte er eines Tages bald nach seiner Ankunft – »laß uns ein wenig spazierengehen! Zeig’ mir die Wirtschaft, mach’ mich mit den Hofleuten bekannt, führ’ mich in dein Zimmer, und auch in Wjerorschkas Zimmer. Ich habe mich noch gar nicht umgesehen im Hause.«
Er hätte ihr keine größere Freude bereiten können. Fröhlich lief sie voraus, um ihm zuerst ihr Zimmer zu zeigen, öffnete die Türen vor ihm, lenkte seine Aufmerksamkeit auf jede Kleinigkeit, schwatzte, hüpfte und sang.
In ihrem Zimmer war alles so heiter, so zierlich klein, so behaglich. Blumen auf den Fenstern, Vogelbauer, ein kleines Heiligenbild über dem Bett, eine Unmenge von Schächtelchen und Kästchen, in denen alle möglichen Dinge enthalten waren, Flicken, Zwirn, Seide, Stickarbeiten – sie stickte nämlich sehr zierlich in Wolle und Seide. Weiter fanden sich da Reste von Wachskerzen, getrocknete Blumen, zusammengewachsene Nüsse, Muschelschalen und bunte Steinchen vom Ufer der Wolga.
An der Wand stand ein großes Kleiderspind – alles war darin wohlgeordnet, glatt hingelegt oder hingehängt. Auf dem kleinen Bett lag eine ganze Anzahl von Kissen, und eine seidene Steppdecke, hübsch gemustert und mit einer Musselinborde verziert, war darüber gebreitet.
An den Wänden hingen englische und französische Stiche, die aus dem alten Hause herübergeholt waren und Szenen aus dem Familienleben darstellten: einen Greis, der am Kamin eingeschlafen war, eine alte Frau, die in der Bibel las, eine Mutter im Kreise ihrer Kinder, ein paar Kopien von Teniersschen Bildern, endlich der Kopf eines Hundes und eine Anzahl von Tierabbildungen, die aus irgendeinem Buche ausgeschnitten waren, auch einige Modebilder.
Sie öffnete ein Schränkchen, dem der süßliche Duft von Leckereien entströmte.
»Essen Sie ein paar Mandeln?« fragte sie.
»Nein, ich danke.«
»Oder Rosinen? Sie haben keine Kerne und schmecken sehr süß.«
Sie knackte mit den Zähnen eine Nuß auf und steckte zwei kleine Rosinen in den Mund.
»Nun möchte ich auch Wjeras Zimmer sehen,« sagte Raiski.
»Das liegt im alten Hause – ich lasse rasch den Schlüssel holen.«
Raiski wartete auf dem Hofe, bis Jakow den Schlüssel brachte.
Marsinka ging dann mit ihm die breite Freitreppe hinauf. Sie betraten das große Vorzimmer, gingen durch den Korridor, stiegen zum oberen Stockwerk hinauf und blieben an der Tür von Wjeras Zimmer stehen.
Raiski hatte sich bereits in seiner Vorstellung ein Bild von diesem Zimmer zurechtgemacht: er sah die Möbel, die Dekorationen, die Bilder an der Wand, allerhand Kleinigkeiten – alles das stellte er sich ganz anders vor, als es bei Marsinka gewesen.
Neugierig überschritt er die Schwelle, sah sich im Zimmer um und – war in seiner Erwartung getäuscht: nichts von alledem, was er sich vorgestellt, war darin zu sehen.
»Tantchen würde sagen, das Schicksal habe mit mir seinen Scherz getrieben,« dachte er. »Du erwartest es so – und findest es, eh’ du dich versiehst, ganz anders!«
Ein einfaches Bett mit einem hoch hinaufreichenden Vorhang stand an der Wand, und nur ein einziges Kissen und eine dünne Baumwolldecke lag darauf. Ein Diwan, ein Teppich auf dem Fußboden, ein runder Tisch vor dem Diwan, am Fenster ein mit Wachstuch überzogener kleiner Schreibtisch, der indes nur wenig benutzt zu werden schien, ein kleiner alter Spiegel und ein einfaches Kleiderspind – das war alles. Keine Bilder an der Wand, keine Bücher, keine Nippsachen, die einen Schluß auf den Geschmack der Bewohnerin gestattet hätten.
»Wo hat sie denn ihre übrigen Sachen?«
»Sie hat nichts weiter.«
»Wie denn? Kein Tintenfaß, kein Schreibpapier? . . .«
»Das ist alles im Tischkasten drin – den Schlüssel hat sie immer bei sich.«
Raiski trat erst an das eine und dann an das andere Fenster. Die Aussicht ging auf der einen Seite über die Felder hinweg nach dem Dorfe, auf der anderen Seite nach dem neuen Hause, dem Park und der Schlucht.
»Kommen Sie, Bruder – hier ist es so öde und unheimlich!« sagte Marsinka. »Daß Wjera sich hier nicht fürchtet: ich würde sterben vor Angst! Und dabei hat sie es nicht einmal gern, wenn sie jemand hier besucht. Vor nichts fürchtet sie sich! Wenn’s sein muß, geht sie mitten in der Nacht nach dem Kirchhof dort – sehen Sie?«
Sie zeigte nach einem Hügel, ein wenig abseits von den Bauernhöfen, auf dem zahlreiche Grabkreuze, ganz dicht nebeneinander gedrängt, zu sehen waren.
»Und du – gehst du nicht hin?« fragte er.
»Am Tage wohl, doch nehme ich immer Agafja oder eins von den Kindern aus dem Dorfe mit. Auch wenn einmal ein Bauer begraben wird, geh’ ich mit. Es stirbt, Gott sei Dank, bei uns nur selten jemand.«
Raiski warf noch einen Blick in das Zimmer und suchte sich die Züge der kleinen Wjera, die er einstmals gekannt hatte, ins Gedächtnis zurückzurufen; er erinnerte sich nur eines sehr schlanken, brünetten kleinen Mädchens mit dunkelbraunen Augen, weißen Zähnchen und nicht immer sauberen Händchen.
»Wie mag sie jetzt aussehen? Sehr hübsch, sagen Marsinka und die Großtante – nun, wir werden ja sehen!« dachte er, während er hinter Marsinka herschritt.
Zwölftes Kapitel
Sie gingen nach dem zweiten Hofe, auf dem sich die Wirtschaftsgebäude, Speicher, Gesindewohnungen, Kellereien und Stallungen befanden.
Ein lebhaftes Treiben herrschte hier, in der Küche flackerte das Herdfeuer, in der Gesindestube aßen die Leute zu Mittag, im Wagenschuppen putzte Taras die Kalesche sauber, während Prochor die Pferde zur Tränke führte.
Aus der Gesindestube konnte man das Gespräch der Leute deutlich hören. Raiski und Marsinka vernahmen ein grobes Lachen und ein Durcheinander von Stimmen, das plötzlich verstummte, als der Herr und das Fräulein durchs Fenster sichtbar wurden.
Nur ein kleines Bruchstück der freundschaftlichen Unterhaltung drang an ihr Ohr.
»Du wirst nicht mehr lauge machen, Motka, wirst bald ins Gras beißen!« sagte irgend jemand, vielleicht Jegorka oder Waska.
»Wie kannst du ihm das sagen – das ist doch sündhaft!« sagte der nachdenkliche, fromme Jakow in vorwurfsvollem Tone.
»Nein, wirklich, Kinder,« versetzte die erste Stimme – »denkt an mein Wort: wem die Brust so einfällt, und die Haare so verschießen, und die Augen so tief in die Höhlen zurückfallen – der stirbt unbedingt bald . . . Leb’ wohl, Motinka, wir wollen dir einen hübschen Sarg zimmern lassen und ein Holzscheit unter den Kopf legen . . .«
»Na, da kannst du noch lange warten: kannst bis dahin noch manchmal Prügel von mir besehen . . .« sprach eine dritte Stimme, die jedenfalls Motka gehörte.
»Riechst schon ganz nach Weihrauch, und ereiferst dich noch! Küsse ihn doch mal, Matrona Fadejewna, er ist doch so hübsch: kein Toter kann hübscher sein! Sogar gelbe Flecke hat er auf den Backen! Leb’ wohl, Motja . . .«
»So hör’ endlich auf, den Herrgott zu erzürnen!« suchte Jakow den Redestrom des anderen zu hemmen.
Auch die Mägde nahmen sich des Kranken an und schalten den frechen Spötter.
Das Gespräch ward plötzlich durch ein lautes Geschrei unterbrochen, das von einer anderen Seite her ertönte. Aus der Tür der zweiten Gesindestube stürzte Marina heraus und lief, so rasch ihre Füße sie tragen konnten, über den Hof. Ein Holzscheit, das sie offenbar hatte treffen sollen, flog ihr nach, doch verfehlte es, dank ihrer Behendigkeit, sein Ziel. Ihr Haar jedoch war ganz zerzaust, in der Hand hielt sie einen Kamm und heulte laut.
»Was hat das zu bedeuten?« fragte Raiski, doch ehe er noch eine Antwort bekommen hatte, stand Marina schon vor ihnen.
»O Gott, gnädiger Herr!« schrie sie und wandte ihnen das blutig geschlagene Gesicht zu, während sie zugleich nach der Tür zeigte, aus der sie geflohen war. »O Gott, wie er mich zugerichtet hat, gnädiges Fräuleinchen – ich kann so nicht weiterleben!«
Aus allen Türen guckten neugierige Gesichter sie an, bei deren Anblick sie plötzlich mitten durch ihre Tränen zu lachen begann, wobei ihre blinkend weißen Zähne sichtbar wurden. Im nächsten Augenblick jedoch ward das Lachen schon wieder durch lautes Wimmern und Klagen abgelöst.
»Ich geh’ zur gnädigen Frau, er schlägt mich noch tot!« sagte sie und lief nach dem Herrschaftshause zu.
»Was hat das zu bedeuten?« fragte Raiski die Leute.
Jegorka sah ihn grinsend an, ein paar von den Weibern lachten gleichfalls; die übrigen senkten den Kopf und schwiegen.
»Was hat das zu bedeuten?« wiederholte Raiski, zu Marsinka gewandt.
Aus dem Hause vernahm man abwechselnd die Klagen Marinas und die Vorwürfe der Großtante.
Raiski begab sich ins Haus.
»Da – sieh, wie ihr Mann sie zugerichtet hat!« wandte sich Tatjana Markowna an ihn. »Und er hat alle Ursache dazu – ja!«
»Nein, gnädige Frau, nicht im geringsten! Weiß der Henker, was ihm wieder eingefallen ist – daß er doch krepieren wollte, der Hund! Ich ging ins Gebüsch, um trockene Äste zu holen, und da traf ich zufällig den Gärtner vom Grafen: komm, sagte er, ich will dir helfen, und nun trug er mir die Äste bis ans Hoftor. Ssawelij aber hat sich gleich wieder was ausgedacht . . .«
»Lüge nicht, lüge nicht, du Nichtsnutzige!« fiel die Großtante ihr streng ins Wort. »Nicht umsonst hat er dich geprügelt!«
»In die Erde will ich hier sogleich versinken! Nicht bis morgen soll Gott mich leben lassen! . . .«
»Nun schwört sie auch noch! Schweig! In voriger Woche batest du, zum Abendgottesdienst gehen zu dürfen – und dann hat man dich mit dem Feldscher in der Vorstadt gesehen . . .«
»Nein, Gnädige, das bin ich nicht gewesen, auf der Stelle soll mich der Herrgott hier tot hinsinken lassen . . .«
»Wie denn? Jakow hat dich doch selbst gesehen, der wird doch nicht lügen!«
»Nicht ich war’s, Gnädige – das muß wohl der Teufel gewesen sein, in meiner Gestalt . . .«
»Fort, aus meinen Augen! Ruft mir den Ssawelij her!« befahl schließlich die Großtante. »Boris Pawlytsch, du bist hier der Herr im Hause, nimm sie dir mal beide vor!«
»Ich versteh’ nicht das geringste!« sagte Raiski.
Ssawelij traf mit Marina auf dem Hofe zusammen. Raiski vernahm einen dumpfen Schlag, als wenn er sie mit der Faust auf den Rücken oder in den Nacken geschlagen hätte, dann hörte man wieder ihr Weinen und Jammern.
Marina riß sich von ihm los und lief rasch über den Hof nach dem Gesindehaus, wo sie mit lautem Gelächter empfangen wurde. Sie antwortete darauf, während sie sich mit der Schürze die Augen trocknete und den Kamm in das zerzauste Haar steckte, gleichfalls mit einem Lachen. Dann aber gewann der Schmerz und Zorn wieder die Oberhand bei ihr.
»Der Satan! Der Waldteufel! Krepieren soll er!« rief sie aufschluchzend, während alle ringsum boshaft grinsten. Ssawelij, der zur Herrin gerufen worden war, trat mit gesenktem Blick, verlegen und schwerfällig, über die Schwelle des Zimmers und blieb in der Ecke stehen.
»Warum beherrscht du dich nicht, Ssawelij?« begann die Großtante vorwurfsvoll. »Wie leicht kann eine Sünde geschehen! Du wirst sie einmal so schlagen, daß sie tot liegen bleibt. Wie wird’s dir dann ergehen?«
»Ein Hund stirbt eben auf Hundeart!« sagte Ssawelij finster, während er zu Boden sah.
Auf seiner Stirn hatten sich tiefe Falten gebildet, und er war ganz bleich.
»Nun, wie du willst – ich kann dich dann aber hier nicht mehr brauchen, ich will keinen Strafprozeß im Hause haben. Ist denn das eine Art, so mit dem ersten besten Gegenstand zuzuschlagen, der dir in die Hand kommt? Ich sagte dir gleich damals: heirate sie nicht! Aber du hast darauf bestanden, hast nicht auf mich gehört – jetzt hast du die Bescherung!«
»Ja, es ist schlimm . . .« murmelte Ssawelij leise vor sich hin, während sein Kopf auf die Brust sank.
»Daß mir das nicht wieder vorkommt!« versetzte die Großtante. »Geschieht es noch einmal, dann schicke ich sie nach dem andern Gute.«
»Was soll ich mit ihr machen?« fragte Ssawelij leise.
»Was hilft das Schlagen? Sie bessert sich doch nicht danach!«
»Sie bekommt doch . . . wenigstens Angst . . .« sagte Ssawelij, ohne aufzuschauen.
»Geh jetzt! Und daß es das letztemal war, hörst du?«
Er blickte langsam auf und warf zuerst auf Tatjana Markowna und dann auf Raiski einen unsicheren, finsteren Blick. Dann drehte er sich langsam um, ging in Nachdenken versunken über den Hof, öffnete die Tür und überschritt mit der Schulter voran die Schwelle seiner Wohnung. Jegorka wies, während Ssawelij über den Hof schritt, höhnisch lachend mit dem Finger nach ihm, schob Marina nach dem Fenster hin und meinte, sie solle sich ihren Mann doch einmal ansehen.
»Laß mich in Ruhe, du Satan!« sagte sie und holte mit der Hand nach ihm aus; dann lachte sie übers ganze Gesicht und zeigte ihre Zähne.
»Was hat das alles zu bedeuten, Tantchen?« fragte Raiski.
Die Großtante erklärte ihm den Vorfall. Marina war als sechzehnjähriges Mädchen aus dem Dorfe auf den Hof genommen worden. Sie übertraf an Begabung und Gewandtheit alle anderen Mädchen und erfüllte alle Erwartungen, die nur an sie gestellt werden konnten.
Es gab keine Arbeit, zu der sie nicht geschickt gewesen wäre, und wo andere eine Stunde brauchten, ward sie in fünf Minuten fertig.
Wenn andere erst noch lange über einen Auftrag nachdachten und sich den Kopf und den Rücken kratzten, war sie längst am anderen Ende des Hofes, tat, was verlangt wurde, führte es tadellos aus und war schon wieder zurück.
Ob sie den jungen Damen beim Ankleiden helfen, ob sie Wäsche plätten, ob sie eine Besorgung machen, etwas einkaufen oder in der Küche helfen sollte, stets führte sie alles zur vollsten Zufriedenheit aus. Es war etwas Blitzartiges in ihr, eine ungewöhnliche Behendigkeit und Fingerfertigkeit, die ein scharfes, sicheres Auge unterstützte. Sie bemerkte alles, erriet alles, machte sich von allem sogleich ein klares Bild und griff immer gleich tatkräftig zu.
Sie war ewig in Bewegung, tat immer irgend etwas, und ruhte sie einmal, so sah man es doch ihren Händen an, daß sie soeben noch tätig gewesen waren oder sich anschickten, wieder etwas vorzunehmen.
Dabei war sie von größter Ehrlichkeit, stahl nichts, versteckte nichts, war überhaupt nicht eigennützig noch habgierig. Nicht einmal genäschig war sie, und sie aß auch nur wenig – nur so mitten bei der Arbeit, was etwa von der Tafel der Herrschaft geblieben war, ein paar Löffel Suppe, eine Gurke, ein Stückchen Brot; noch während sie daran kaut, ist sie schon wieder bei der Arbeit.
Tatjana Markowna wußte sie nicht genug zu schätzen. Sie hatte sie zuerst zum Aufräumen der Zimmer verwandt und dann auf Wjerotschkas Bitten sie zu deren Kammerzofe gemacht. In dieser Stellung hatte Marina wenig zu tun, und sie fuhr fort, wie bisher, alle sonstige Arbeit zu machen und zu helfen, wo sie konnte. Wjerotschka hatte sie sehr gern, und auch Marina war ihrem Fräulein sehr zugetan und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab.
Trotz alledem aber hatte die Großtante sich veranlaßt gesehen, Marina aus ihrer bevorzugten Stellung als Kammerzofe zu entfernen und wieder unter die Hofmägde zu stecken, ja zuletzt mußte sie sogar die gewöhnlichste Arbeit verrichten, das Geschirr aufwaschen, die Fußböden scheuern, die Wäsche besorgen.
Nur ihrem gewandten Benehmen hatte sie es zu verdanken, daß sie doch noch zu dem alten Hause in Beziehung blieb und von Wjera, die ihr ihr Vertrauen nicht entzogen hatte, Aufträge entgegennahm.
Der Grund, weshalb Marina bei ihrer Herrin in Ungnade gefallen war, lag darin, daß sie »der Liebe Lust und Leid« in allzu großem Umfange kennengelernt hatte, wobei zuerst Nikita, dann Peter, dann Terentij und all die anderen ihre Partner gewesen waren.
Es gab keinen Lakaien auf dem Hofe, keinen stattlichen Burschen im Dorfe, auf dem nicht einmal ihr Blick mit Wohlgefallen geruht hätte. Ihre Liebschaften waren ungezählt und unbegrenzt.
In Moskau, in Petersburg oder sonst einer größeren Stadt hätte die Angst ums liebe Brot, um Stellung und Verdienst ihrem ungezähmten Liebesbedürfnis wohl die Zügel angelegt. Hier aber, als leibeigene Hofmagd, die wenigstens ihr Stück Brot hatte, überließ sie sich ganz ihrer zügellosen Leidenschaft.
Sie wußte, daß man sie nicht fortjagen, nicht des Lebensunterhalts berauben würde, und an die Schande konnte sie sich schließlich gewöhnen, sobald erst alle, die mit ihr verwandt oder durch Gevatterschaft verbunden waren, sich mit der Sache abgefunden hatten.
Marina war nicht gerade eine Schönheit, doch lag etwas in ihrem Wesen, das unwillkürlich reizte und anzog, obschon man nicht recht sagen konnte, was eigentlich ihre zahlreichen Verehrer so bezauberte. Vielleicht war es der rasch über alles hinhuschende, nirgends lange haftende Blick ihrer gelbgrauen, listigen, kecken Augen, oder das eigentümliche, nervöse Zucken ihrer Schultern und Hüften, oder das bewegliche Spiel ihrer Lippen, ihrer Wangen, ihrer Hände, ihrer ganzen Gestalt; vielleicht war es alles das zusammen – und dazu noch der leichte, schwebende Gang, das jähe, plötzlich wie ein grelles Leuchten über das ganze Gesicht zuckende Lachen, das die blitzend weißen Zähne sichtbar werden ließ, doch ebenso jäh oft verschwand und durch lautes Weinen oder Schluchzen abgelöst wurde.
Wer mit ihr sprach, mit ihr einen Blick tauschte, oder ihr auch nur begegnete, fühlte sich versucht, umzukehren und ihr zu folgen.
Sie hielt dabei nicht einmal besonders auf ihr Äußeres, namentlich seit sie wieder unter die Hofmägde versetzt worden war. Sie trug einen groben Rock, die Ärmel hatte sie stets aufgestreift, und Hals und Arme waren bis über die Ellbogen hinauf von der Sonnenhitze und der Arbeit gebräunt; dort aber, wo die braune Färbung aufhörte, setzte unmittelbar die feine weiße Haut ein. Ihr Wuchs war vortrefflich: die schlanke, geschmeidige, durch kein Korsett und keine Krinoline eingezwängte Taille trat, wenn sie über den Hof hinschwebte, in gefälligen Linien über den Hüften hervor.
Es war mit Ssawelij genau so gegangen wie mit den anderen: er hatte sie zweimal mit seinem finstern Blick angesehen und war ebenso wie die anderen durch ihr wohlwollendes Lächeln und sonstige Gunstbezeugungen beglückt worden. Er war dann zu Tatjana Markowna gegangen und hatte sie um die Erlaubnis gebeten, Marina zur Frau zu nehmen.
»Hast du den Verstand verloren?« sprach Tatjana Markowna ganz verblüfft.
»Ich bezahle die Loskaufsumme für sie,« versetzte Ssawelij.
»Nicht darum ist es mir zu tun – aber du weißt doch, wie es mit ihr steht: wie willst du mit ihr auskommen? . . .«
»Das ist meine Sache,« sagte Ssawelij.
Tatjana Markowna gab ihm zwei Wochen Frist zum Überlegen, und als die zwei Wochen um waren, trat Ssawelij auf die Minute pünktlich ins Zimmer und stand finster im Winkel.
»Was willst du?«
»Erlauben Sie mir, Marina zu heiraten,« lautete die Antwort.
»Aber sie wird nicht Vernunft annehmen!«
»Sie wird’s!«
»Nun, tu was du willst – aber die Verantwortung fällt auf dich selbst! Ich will an Boris Pawlowitsch schreiben, denn Marina gehört ja nicht mir, sondern ihm. Er soll entscheiden.«
Die Großtante hatte ihm auch wirklich geschrieben, aber Raiski hatte nicht geantwortet, und weil er’s nicht verboten hatte, so heiratete sie Ssawelij.
Marina dachte nicht daran, sich zu ändern, und hatte überhaupt vom Wesen der Ehe nur eine sehr dunkle Vorstellung. Kaum zwei Wochen waren vergangen, als Ssawelij eines Tages einen Unteroffizier der Garnison in seiner Wohnung als Gast antraf, der bei seinem Erscheinen rasch aus der Tür schlüpfte und über den Zaun kletterte.
Ssawelij erbleichte und sah mit fragendem Blick auf seine Frau; die schwur Stein und Bein, daß nichts geschehen sei, doch es half ihr nichts. Er sann eine Weile nach, legte die Stirn in tiefe Falten, verschloß dann die Tür, streifte langsam die Ärmel auf, nahm ein altes Lenkseil, das an einem Nagel an der Wand hing, und begann langsam und schwer Schlag auf Schlag zu führen, wohin es gerade traf.
Marina suchte mit der ganzen ihr eigenen Behendigkeit den Schlägen auszuweichen, wand sich wie eine Schlange, lief aus einer Ecke in die andere, sprang auf Bänke und Tische, aufs Fensterbrett, auf den Ofen, versuchte sogar in den Ofen selbst zu kriechen – aber das Seil folgte ihr überallhin und erreichte sie überall, bis sie schließlich durch einen glücklichen Zufall die Türklinke zu fassen bekam, den Riegel zurückschob und so zerzaust und verprügelt, wie sie war, unter Weinen und Heulen auf den Hof hinausstürzte.
Das Hofgesinde lief zusammen und sah ganz erschreckt das mißhandelte Weib, dessen Schluchzen und Klagen schließlich bis ans Ohr der Herrin drang. Voll Unruhe war Tatjana Markowna auf den Balkon hinausgetreten, und da stand nun das Opfer des eheherrlichen Zornes schluchzend und klagend vor ihr und stieß dieselben Klagen, Schwüre und Flüche aus, deren Zeuge Raiski soeben gewesen.
Die Lektion, die Ssawelij ihr erteilt hatte, war völlig wirkungslos. Marina blieb in jeder Beziehung die alte, bekam eine Tracht Prügel nach der anderen und lief entweder zu Tatjana Markowna, um sich zu beklagen, oder versteckte sich drei, vier Tage lang vor ihrem Manne auf den Böden und in den Scheunen, bis sein erster Zorn verraucht war.
Sie hatte die Lebenskraft und die Widerstandsfähigkeit einer Katze, erholte sich rasch von den Schlägen, die sie bekommen, und wenn das Hofgesinde über die Eifersucht Ssawelijs, über seine vergeblichen Versuche, Marina zu bessern, und über die Prügel, die sie bekam, spöttisch lachte, lachte sie selber mit – ganz gemütlich und unverfroren, ohne eine Spur von Scham.
Aber Ssawelij veränderte sich zusehends, er magerte ab, zeigte sich seltener in der Gesindestube unter den Leuten und ward immer nachdenklicher und verschlossener.
Seine Frau sah er nun gar nicht mehr an, doch wußte er in jedem Augenblick, wo sie war, und was sie trieb.
Sie konnte sich selbst nicht genug darüber wundern: so geschickt sie auch war, und so schlau sie es auch anstellte, wie ein Schatten von Tür zu Tür zu huschen, sich vom Hofe nach der Vorstadt oder vom Garten nach dem Walde zu stehlen – er merkte es jedesmal, als ob ein Gefühl es ihm sagte, und ehe sie sich’s versah, tauchte er, fast stets mit dem Lenkseil in der Hand, vor ihr auf. Für das Hofgesinde war der Kampf der beiden eine unerschöpfliche Quelle des Vergnügens, ein wahres Theater.
Ssawelij verlor allen Mut, er betete, saß finster und schweigend wie ein Wehrwolf in seiner Klause oder ächzte schwer. Dann fiel er wieder ganz aus der Rolle: war Jahrmarkt in der Stadt, so gab er alles Geld für Marina aus, kaufte ihr Kleider, Tücher, Schuhe oder Spangen. In der Osterwoche führte er sie, ohne ein Wort zu sagen, an die Schaukeln und kaufte Nüsse, Pfefferkuchen, Johannisbrot und sonstige Näschereien in solcher Menge, daß sie das ganze Hofgesinde damit beschenken konnte.
»Was sagst du nun dazu?« fragte Tatjana Markowna, nachdem sie ihrem Großneffen alle diese Einzelheiten mitgeteilt hatte.
»Das ist ja köstlich!« sagte dieser. »Das ist ja ein ganzes Drama!«
Und schon hatte er im Kopfe den Entwurf einer Dorftragödie fertig. Dieser finstere, verschlossene Typus eines Bauern schien ihm eine originelle, kraftvolle, in sich gefestigte Gestalt und so recht geeignet zum Träger einer Leidenschaft, die selbst einem solchen Abgrund von Lasterhaftigkeit gegenüber standhielt.
Er war ganz entzückt über diesen Stoff und war fest entschlossen, das Wesen dieses Charakters tiefer zu ergründen. Auch Marina sah er in künstlerischer Beleuchtung: er erblickte in ihr nicht schlechtweg die liederliche Hofmagd, die etwa in dem unverbesserlichen Trunkenbold ihr männliches Gegenstück fand, sondern die selbstlose Priesterin der sinnlichen Liebe, der »Mutter der Lust« . . .
»Was soll mit ihnen geschehen?« fragte die Großtante.
»Hast du darüber nachgedacht? Soll man sie nicht verschicken?«
»Ach nein, Tantchen – lassen Sie sie laufen!« rief er fast ängstlich. »Sie würden mir dieses naturwüchsige Drama zerstören . . .«
»Aber ich bitte dich um des Himmels willen: er wird sie ja totschlagen!«
»Was tut’s? Bei uns gibt’s überhaupt kein Leben, keine echten Dramen: schlagen sie sich gegenseitig tot, dann geschieht es im Rausche, bei einer Prügelei, wie die Wilden. Und hier kommt einmal in hundert Jahren ein lebendiges menschliches Interesse ins Spiel, der Knoten eines Dramas schürzt sich – und Sie wollen da störend eingreifen! Lassen Sie sie, um Gottes willen! Wir wollen sehen, wie die Sache endet – ob blutig, oder . . .«