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Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 24

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»Eins will ich jedenfalls tun,« sagte Tatjana Markowna – »ich will den Geistlichen bitten, daß er mit Ssawelij spricht, und auch du mußt ihm ins Gewissen reden, Borjuschka! Bist doch ein sonderbarer Mensch: freust dich, daß ein anderer Mensch so in Seelennot ist!«

»Sagen Sie, Tantchen: ist Marina die einzige, die es hier so treibt – oder . . .?«

Tatjana Markowna machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Alles ist hier verschwägert miteinander,« sagte sie mit einer Miene, die ihren Widerwillen ausdrückte. »Matroschka steckt ewig mit Jegorka zusammen, und Maschka – die als junges Mädchen auf die Kinder acht gab, erinnerst du dich? – ist immer bei Prochor in der Scheune. Akulina hält es mit Nikitka, Tanja mit Waska . . . Nur Wassilissa und Jakow sind anständige Leute; die anderen treiben es wenigstens nur heimlich – doch diese Marina! . . .«

Sie spuckte aus, und Raiski mußte lachen.

»Ich geh’ jetzt gleich, ich muß das alles unbedingt zu Papier bringen . . .« sagte er. »Gott sei Dank, endlich die Leidenschaft! Dieser Ssawelij!«

»Du sagst wieder ›unbedingt‹!« sprach die Großtante warnend.

Er sprang lebhaft vom Stuhl auf und wollte soeben in sein Zimmer eilen, als er plötzlich durchs Fenster Paulina Karpowna Krizkaja erblickte. Schon hatte auch sie, die Treppe emporsteigend, durch die halbgeöffnete Tür ihn gesehen, so daß an ein Entkommen nicht mehr zu denken war.

»Da hast du dein ›unbedingt‹!« flüsterte Tatjana Markowna ihm zu. »Siehst du, jetzt wird sie jeden Augenblick hierher gelaufen kommen, gar nicht mehr loswerden wird man sie! Die fehlte uns hier noch – die paßt zur Marina! Was meinst du, ist das nicht auch eine Heldin für ein Drama?«

»Nein, die gehört mehr . . . in die Komödie!« sagte Raiski und sah unwillkürlich im Geiste Paulina Karpowna als Heldin einer Possenszene.

»Bon jour, bon jour!« rief Paulina Karpowna in zärtlichem Flüsterton. »Wie glücklich bin ich, daß Sie zu Hause sind! Sie wollten mich nicht besuchen – und da bin ich wieder selbst hergekommen. Guten Tag, Tatjana Markowna!«

»Guten Tag, Paulina Karpowna!« antwortete die Großtante lebhaft, indem sie plötzlich einen höchst vergnüglichen Ton anschlug. »Bitte, treten Sie nur näher, setzen Sie sich dahin, auf den Diwan! Wassilissa – rasch Kaffee! Und daß das Frühstück bald fertig wird!«

»Nein, merci, ich habe schon Kaffee getrunken.«

»Aber ich bitte Sie, ein Täßchen! Es ist doch noch so früh, so weit hin bis Mittag!«

»Nein, ich danke Ihnen, ich mag nicht.«

»Nicht doch, Sie müssen . . . Es ist ein so weiter Weg hierher . . .«

Und die Großtante blieb dabei, daß sie noch einmal Kaffee trinken müsse.

Raiski musterte nicht ohne Neugier die stark herausgeputzte Besucherin: sie war gepudert, trug Locken und rosa Bändchen an dem kleinen Hute wie an der Bluse, die wieder nicht ganz schloß, und ihre Füße steckten in den Stiefelchen eines fünfjährigen Kindes, daß das Blut ihr förmlich zum Kopfe schoß. Sie trug neue gelbe Glacéhandschuhe, die jedoch an den Nähten geplatzt waren, da sie zu klein waren für ihre Hände.

Hinter ihr her kam ein soeben aus dem Kadettenhaus entlassener junger Mensch, auf dessen Oberlippe kaum der erste Flaum sichtbar war. Er trug Paulina Karpownas Schal, Sonnenschirm und Fächer. Kerzengerade stand er hinter ihr und wagte kaum zu atmen.

»Gestatten Sie, daß ich Sie miteinander bekannt mache,« sagte sie, zu Raiski gewandt – »Michel« (sprich:Mischel) Ramin, augenblicklich bei uns hier auf Urlaub . . . Tatjana Markowna kennt ihn bereits.«

Der junge Mann neigte sich mit seiner ganzen Gestalt nach vorn, als wollte er tauchen, errötete übers ganze Gesicht und stand dann wieder starr und unbeweglich auf seinem Platze.

»Dites quelque chose, Michel!« sagte die Krizkaja leise zu ihm.

Aber Michel errötete nur noch tiefer und blieb auf seinem Platze.

»Asseyez-vous donc,« sagte sie und nahm selbst Platz. »Es ist so heiß,«

fuhr sie lispelnd fort – »tres cheux!s Wo ist mein Fächer? Geben Sie ihn mir, Michel!«

Sie begann sich Luft zuzufächeln und sah Raiski dabei an. »Ich habe vergeblich Ihren Besuch erwartet!« wiederholte sie.

»Ich bin nirgends gewesen,« sagte Raiski.

»Reden Sie nicht, verteidigen Sie sich nicht! Ich weiß den Grund: Sie fürchteten sich . . .«

»Wovor?«

»Ah, le monde est si méchant!«

»Was will sie, zum Teufel?« dachte Raiski, während er sie groß ansah.

»Ich hab’s erraten – nicht wahr?« sagte sie. »Ich habe sogleich das erstemal bemerkt, que nous nous entendons! Jene beiden Blicke – erinnern Sie sich? Voila, voila, tenez . . . O, das war er wieder, dieser Blick! Und ich errate, was er sagen will . . .«

Er lachte laut auf.

»Ja, ja – nicht wahr? O, nous nous convenons! Was mich betrifft, so weiß ich die Welt und ihre Meinung zu verachten. Nicht wahr, sie verdient nichts anderes? Dort, wo die Aufrichtigkeit, die Sympathie, wo die Menschen einander verstehen, selbst ohne Worte, nur mit solch einem Blick . . .«

»Ein Täßchen Kaffee, Paulina Karpowna!« unterbrach sie Tatjana Markowna und schob ihr die Tasse hin. – »Höre nicht auf sie!« flüsterte sie mit einem Seitenblick auf die halbentblößte Brust der Krizkaja Raiski zu. »Sie lügt, die schamlose Schwätzerin! – Bitte, trinken Sie,« sagte sie, sich zu dem jungen Manne wendend – »und da ist auch Weißbrot!«

»Débarrassez-vous de tout cela,« sagte die Krizkaja zu ihm und nahm ihm den Schirm und den Schal ab.

»Ich habe allerdings schon getrunken . . .« näselte der Kadett, nahm jedoch die Tasse, suchte sich die größte Semmel aus und biß mit einem Hiebe die Hälfte davon ab, wobei er wiederum sehr heftig errötete.

Paulina Karpowna pflegte, seit sie Witwe geworden, mit Vorliebe von ihrer »unglücklichen Ehe« zu reden, obschon alle Welt sagte, daß ihr Gatte ein überaus gutmütiger, stiller Mensch gewesen sei, der sich nie in ihre Angelegenheiten gemischt habe. Sie aber seufzte, nannte ihn einen Tyrannen, behauptete, ihre Jugend sei freudlos dahingeflossen, sie habe niemals Glück und Liebe kennengelernt, und war fest überzeugt, daß »ihre Stunde noch schlagen, daß noch einmal eine ideale Liebe sie beglücken und beseligen werde«.

Tatjana Markowna hatte nicht ganz recht gehabt, als sie sie mit Marina verglich. Paulina Karpowna besaß ein ruhiges Temperament: sie hatte es nie darauf abgesehen, zu »fallen«, und keine Verletzung der ehelichen Pflichten belastete ihr Gewissen.

Sie war auch nicht sentimental, und wenn sie seufzte, die Augen gen Himmel erhob, sich in zärtlichen Redensarten gefiel, so war das alles bei ihr nur Verstellung, nur Koketterie.

Es war ihr geradezu Bedürfnis, daß immer irgend jemand in sie verliebt wäre, daß die ganze Stadt es wüßte und davon redete. Überall, in den Häusern, auf der Straße, in der Kirche sollten die Leute sich erzählen, daß der und der ihretwegen »leide«, heimliche Tränen vergieße, nicht schlafen noch essen könne. Und ob auch nichts von alledem den Tatsachen entsprach – wenn nur davon geredet wurde, so viel wie möglich!

In der Stadt hat man sie schon durchschaut, und sie verlegt sich jetzt zumeist darauf, ganz grüne Neulinge, Studenten, die zu Besuch weilen, Fähnriche und junge Beamte anzulocken.

Sie tut schön mit ihnen, füttert sie, setzt ihnen Leckerbissen vor, reizt ihre Eigenliebe. Sie essen, trinken und rauchen bei ihr nach Herzenslust und empfehlen sich dann wieder. Sie aber setzt dann unter der Hand das Gerücht in Umlauf, daß dieser oder jener sterblich in sie verliebt sei.

»Pauvre garcon!« sagt sie bedauernd. Augenblicklich hat sie Herrn Michel Ramin, einen in der Stadt zu Besuch weilenden Jüngling, der frisch von der Schulbank auf Urlaub gekommen ist, ihrer Person attachiert. Steif schreitet er überall hinter ihr her, die tadellose Uniform stets bis oben fest zugeknöpft, und antwortet auf die an ihn gerichteten Fragen unter heftigem Erröten mit einem schüchternen, heiseren Baß. Für seine ungewöhnlich großen Hände ist nirgends ein Glacehandschuh zu finden, er trägt daher stets nur Gemslederne. Er besitzt den ganzen unverwüstlichen Appetit eines Kadetten und ist imstande, drei Pfund Konfekt auf einmal zu verzehren, was Paulina Karpowna allerdings etwas zu viel scheint. Sie nimmt ihn überallhin mit und läßt ihn als getreuen Pagen ihre Mantille, ihren Fächer und ihren Schirm tragen.

»Je veux former le jeune homme, ce pauvre enfant!« pflegte sie über ihre Beziehungen zu ihm offiziell zu erklären.

»Was haben Sie heute vor? Ich bleibe bei Ihnen zu Tisch: ce projet vous sourit-il?« wandte sie sich an Raiski.

Ein Schauer lief Tatjana Markowna bei dieser Eröffnung über den Rücken, sie ließ sich jedoch nichts anmerken, sondern tat sehr erfreut.

»Ach, wie liebenswürdig von Ihnen! – Marsinka, Marsinka!«

Marsinka trat ein. Die Krizkaja begrüßte sie mit heiterer Miene, und der Jüngling errötete tief. Marsinka musterte Paulina Karpownas Toilette und hätte am liebsten hell aufgelacht, doch wußte sie sich zu beherrschen. Als sie den Adjutanten der schönen Witwe erblickte, wäre sie beinahe herausgeplatzt.

»Marfa Wassiljewna!« ließ plötzlich der junge Mann seinen Baß ertönen – »ich habe eine Ziege in Ihrem Gemüsegarten gesehen! Daß sie nicht etwa in den Park läuft!«

»Ich danke Ihnen, ich lasse sie sogleich hinausjagen,« versetzte Marsinka. »Das ist meine Maschka – die sucht mich, ich will ihr Brot geben.«

Tatjana Markowna flüsterte ihr ins Ohr, was sie noch für die unerwarteten Gäste an Extraschüsseln bereiten lassen solle, und Marsinka ging hinaus.

»In der Stadt spricht alles nur von Ihnen, man wundert sich sehr darüber, daß Sie noch nirgends gewesen sind, weder beim Gouverneur, noch beim Bischof, noch beim Adelsmarschall,« wandte Paulina Karpowna sich an Raiski.

»Genau dasselbe habe ich ihm gesagt!« versetzte Tatjana Markowna. »Aber es ist jetzt nicht Mode, auf die alten Leute zu hören. Es ist sehr unrecht von dir, Boris Pawlowitsch; du solltest wenigstens Nil Andreitsch deine Aufwartung machen, der alte Herr verdient es und wird es dir nicht verzeihen, wenn du nicht hingehst. Ich lasse die Kutsche instand bringen, und du fährst hin . . .«

»Ich fahre zu keinem Menschen, Tantchen,« sagte Raiski gähnend.

»Und zu mir?« fragte die Krizkaja.

Er sah sie an und schwieg höflich.

»Tun Sie sich durchaus keinen Zwang an: de grace, faites ce qu’il vous plaira. Jetzt kenne ich Ihre Denkweise, ich bin davon überzeugt« – sie gab diesen Worten eine ganz besondere Betonung – »daß Sie wohl möchten, aber die Welt scheuen . . . die bösen Zungen . . .«

Er lachte.

»Nicht wahr, ich habe es erraten? Ja, ja! O, wir werden glücklich sein! Enfin! . . . flüsterte sie vor sich hin, doch so, daß er es hörte.

»Ob sie mich noch oft heimzusuchen gedenkt?« dachte Raiski und sah sie ganz entsetzt an. »Wohin soll ich vor ihr fliehen? Und dabei kann ich sie nicht einmal für meinen Roman gebrauchen: sie ist schon gar zu sehr Karrikatur, kein Mensch wird so etwas für möglich halten . . .«

Dreizehntes Kapitel

Still flossen die Tage dahin, still erhob sich der glühende Sonnenball im Osten und beschrieb seinen Bogen an dem blauen Himmel, der sich über der Wolga und ihrem Ufergelände wölbte. Langsam zogen die weißen Wolkenberge um Mittag daher, ballten sich bisweilen zu dicken Knäueln zusammen, verdunkelten das Lasurblau des Himmels, sandten ihren Regen auf Felder und Gärten herab, kühlten die Luft ab und zogen weiter, während ein leiser, lauer Wind über das Land hinstrich.

Stand dagegen eine schwarze Wetterwolke über der Stadt und dem Gute, die sich, oft mit tropischer Gewalt, mit Blitz und Donner entlud, dann begann alles zu zittern und zu zagen, und das ganze Haus nahm, wie beim Herannahen des Feindes, eine abwehrende Haltung ein. Tatjana Markowna glich dann einem Schiffskapitän zur Zeit des Sturmes.

»Löscht die Feuer aus! Schließt die Fenster und Türen, deckt die Schornsteine zu!« tönten laut ihre Kommandorufe. »Geh doch, Wassilissa, sieh nach, ob nicht jemand raucht! Daß nirgends Zugwind entsteht! Tritt vom Fenster zurück, Marsinka!«

Solange der Sturm die Bäume schüttelte und ihre Wipfel tief zur Erde beugte, solange er den Staub emporwirbelte und über die Fluren hinwegfegte, solange die Blitze durch die Luft zuckten und der Donner dumpf und schwer wie ein wildes Lachen am Himmel dahinrollte, wandte die Großtante kein Auge von dem Naturschauspiel ab, ging, wenn es Abend war, nicht zu Bett, schritt hastig von einem Zimmer ins andere, sah nach, was Marsinka und Wjerotschka machten, bekreuzte sie und sich selbst und beruhigte sich erst, wenn die Wolke ihre flammende Kraft verloren hatte, wenn der Donner verstummte und das finstere Gewölk erblichen war und weiterzog.

Am Morgen ging dann wieder in ihrer ganzen Herrlichkeit die Sonne auf und spielte in jedem Tropfen, der an den Blättern hing, in jeder Regenpfütze, guckte durch jedes Fenster und sandte ihren warmen Schein durch jede Öffnung, jeden Spalt in das behagliche Heim. Einförmig folgten sich so die Tage und Wochen auf Malinowka. Raiski fühlte es nicht, hatte kaum die Empfindung, daß er lebte.

Er hatte das Porträt Marsinkas beendet und die literarische Skizze »Natascha« überarbeitet, die er später in seinen Roman einfügen wollte, sobald dieser erst in seinem Kopfe bestimmtere Formen angenommen hätte und weiter ausgereift wäre. Noch war da indes alles im Entstehen, noch sollten all die einzelnen Personen erst zu Fleisch und Blut werden und in folgerichtige, logische Beziehungen zueinander treten, daß jeder Leser zu dem Bekenntnis gezwungen wurde: »Das fehlte noch in unserer Literatur, das mußte kommen!«

Er wollte nach dem Plane, den er entworfen, den Roman in Episoden schreiben, die Figuren und Szenen, die ihn besonders interessierten, zuerst schriftlich fixieren und dann sich selbst mitten hineinstellen, immer dahin, wohin das Gefühl, die Stimmung, die Leidenschaft – ja, vor allem die Leidenschaft! – ihn führten.

»O, daß doch der Himmel sie mir senden wollte, diese Leidenschaft!« flehte er zuweilen, wenn die Langeweile ihn plagte.

Der Überdruß hätte sich auch hier, in seinem kleinen Malinowka, seiner bemächtigt, und er wäre wohl schon weitergewandert, um irgendwo an einem anderen Orte das »Leben« zu suchen, im Rausche der Leidenschaft seinen Becher zu leeren – oder, wie es ihm stets erging, in dem Zwiespalt zwischen der Wirklichkeit und seinen Idealen mutlos zu werden, wieder einmal die Unvollkommenheit des Bestehenden einzusehen und in schlaffe Gleichgültigkeit gegen alles in der Welt zu verfallen.

Schon fürchtete er fast, daß es ihm auch hier wieder so gehen würde. Doch noch hatte er nicht alle die Eindrücke in sich aufgenommen, die seine naive Umgebung ihm zu bieten vermochte. Noch hatte er seine Freude an dem köstlichen Sonnenschein, dem treuherzigen Blick der Tante, dem bereitwilligen Diensteifer des Hofgesindes und der zärtlichen Sympathie Marsinkas – an dieser vielleicht mehr als an allem anderen.

Mit stillem Wohlgefallen sah er sie des Morgens ins Frühstückszimmer treten, in der gestreiften Baumwollbluse, ohne Kragen und Manschetten, die Augen noch leicht verschleiert: sie erhob sich auf die Fußspitzen, legte ihren Arm auf seine Schulter, um den Morgenkuß mit ihm zu tauschen, schenkte ihm den Tee ein und sah ihm dabei in die Augen, um jeden seiner Wünsche zu erraten und sogleich zu erfüllen. Und dann setzte sie den breitrandigen Strohhut auf und schritt neben ihm oder an seinem Arme über die Felder oder durch den Park – und das Blut strömte rascher durch seine Adern, er empfand nichts von Überdruß oder Langerweile. Auch der Verkehr mit der Großtante machte ihm noch Freude: er ließ sich ihre mütterliche Sorge gefallen und hörte lächelnd, wie sie ihm Verhaltungsmaßregeln gab, ihn an Ordnung zu gewöhnen suchte, ihn vor den Lockungen des Lasters warnte und seine zigeunerhafte Lebensauffassung durch ihre so lieben, verständigen Grundsätze zu ersetzen suchte.

Auch Tit Nikonytsch gefiel ihm immer noch, dieser letzte Zeuge einer vergangenen Zeit, der ganz in respektvoller Höflichkeit, gutem Ton und zuvorkommenden Manieren aufging, der allen alles verzieh, nichts übel nahm, stets um seine Gesundheit bangte, allen zugetan war und von allen geliebt wurde.

Wenn er seine gute Stunde hatte, fand er zuweilen selbst an der exzentrischen Art Paulina Karpownas Gefallen. Sie hatte es verstanden, ihn in ihr Haus zu locken, zum Mittagessen, und suchte ihm einzureden, daß er »entweder gegen sie nicht gleichgültig sei, jedoch sein wahres Gefühl verberge, oder daß er doch nahe daran sei, sich in sie zu verlieben und sich nur noch ein klein wenig sträube, mais que tot ou tard cela finira par lá et comme elle sera contente, heureuse! etc.«

Er wiegte sich gleichsam in diesem ruhigen Leben und machte nur von Zeit zu Zeit eine kleine Aufzeichnung für seinen Roman – irgendeinen charakteristischen Zug oder eine Szene, irgend etwas, das die Großtante oder Marsinka, Leontij oder seine Frau, Ssawelij oder Marina betraf. Dann schaute er wieder auf die Wolga und ihren Lauf, lauschte auf die schläfrige Stille der Landschaft, der am Ufer zerstreuten Dörfer und Weiler, suchte in diesem Ozean des Schweigens gewisse Laute und Töne zu erhaschen, die nur er allein vernahm, setzte sich ans Klavier, um sie nachzuspielen und nachzusingen, hielt die Motive fest, die er erhorcht hatte, um sie gelegentlich zu verarbeiten – – er hatte ja noch so viel Zeit vor sich und so wenig zu tun!

Er vertiefte sich auch in jene Bilder und Szenen, die er seinerzeit der Bjelowodowa so getreu geschildert hatte, daß sie ihr die Nachtruhe raubten. Er studierte die stumpfe, grüblerische Nachdenklichkeit des Bauern, die grobe, langsame, schwere Arbeit, die er verrichtete, wenn er am Ufer entlang die Barke am Ledergurt stromaufwärts zog oder durch die Furchen des Ackerfeldes hinterm Pflug daherschritt, bedächtig, ganz in Schweiß gebadet, als hätte er das Pferd samt dem Pfluge zu tragen. Oder er sah der schwangeren Bäuerin zu, die im heißen Sonnenbrande mit der Sichel das Korn schnitt.

Er skizzierte diese sonnengebräunten Gesichter, diese Bauernhütten, diese Gerätschaften, suchte die Luftstimmung in seinen kleinen Studien festzuhalten und legte die unfertigen Blätter in sein Portefeuille – gleichfalls für später . . .

»Was habe ich nun aber damit erreicht, wenn ich diese Natur, diese Menschen schildere? Was ist der Sinn dieser Schöpfung, wo der Schlüssel dazu?«

»In der Schöpfung selbst muß er liegen,« sagte ihm sein künstlerischer Instinkt, und er warf die Feder hin und ging zur Wolga hinab, um über das Wesen der künstlerischen Schöpfung nachzudenken, um zu ergründen, warum sie an sich selbst einen Sinn haben müsse, wenn sie wirklich eine Schöpfung sein solle, und wann sie eigentlich eine solche sei.

Und da tauchten die Hindernisse und Schwierigkeiten vor seinem Geiste auf: die Allmählichkeit der Entwicklung, die Vollendung und Abrundung der Charaktere, der Zusammenhang zwischen ihnen – und hinter dem künstlerischen Gebilde trat die Analyse hervor und kühlte sein Interesse ab . . .

»Une mer á boire«, sprach er mit einem Seufzer, legte die Blätter in das Portefeuille und holte Marsinka zu einem Spaziergange durch den Park ab.

Er hatte sich das Wort darauf gegeben, bei der nächsten sich darbietenden Gelegenheit zu ergründen – nicht, was Marsinka eigentlich sei, denn das lag gar zu sehr auf der Hand, sondern was einmal aus ihr werden würde. Dann erst, sobald er das ergründet hätte, wollte er sein eigenes Verhalten gegen sie endgültig bestimmen. War sie einer weiteren Entwicklung fähig, oder hatte sie ihre Herkulessäulen schon erreicht?

Und wenn er »wider Erwarten« in ihrem Wesen plötzlich auf eine Goldader stieß – eine Möglichkeit, die bei Frauen nicht selten ist – dann wollte er hier, in diesem stillen Erdenwinkel, seinen häuslichen Opferaltar errichten und sich ganz der Entwicklung dieses holden Geschöpfes weihen: sie und die Kunst sollten fortan seine Ideale sein. Dann würden auch alle diese Episoden, Skizzen und Szenen sich rasch zu einem Ganzen formen. Die Zersplitterung wird dann endlich für ihn aufhören, das Leben wird ihm etwas Ganzes, Geschlossenes werden.

Aber seine Experimente mit Marsinka schritten vorläufig nur sehr langsam fort, und wenn sie nicht so hübsch gewesen wäre, hätte er die undankbare Aufgabe, sich mit ihrer Entwicklung zu befassen, längst aufgegeben.

So eifrig er auch auf ihren Verstand, ihre Eigenliebe, ihr Gemüt einzuwirken suchte – es gelang ihm nicht, sie über den Kreis der Begriffe, die sie seit ihrer frühen Kindheit sich zu eigen gemacht hatte, des stark ausgeprägten Häuslichkeitssinnes, der traditionellen, von der Großtante ihr tief eingeprägten und streng überwachten Denkweise hinauszuführen.

Sie war noch immer das junge Mädchen, nie hatte er das reifende Weib bei ihr zum Durchbruch kommen sehen. Daß sie unvermählt bleiben würde, war nach ihrer gesunden Veranlagung und der einfachen, auf die häuslichen Tugenden gerichteten Erziehung, die sie genossen, nicht anzunehmen.

Immerhin war sie jetzt das werdende, erblühende Weib: wie aber würde sie sich weiter entfalten?

Unwillkürlich stellte er in Gedanken sich selbst mit ihr zusammen. Er analysierte sein eigenes Ich – »wie dies ja alle tun,« dachte er, nur daß nicht alle sich dieses jedem Menschen angeborenen Triebes so sehr bewußt werden wie er: die einen wollen nur so gut wie möglich scheinen, die anderen es nicht nur scheinen, sondern auch sein und in immer höherem Grade werden, was sie eben zu ernsten, aufrichtigen, tief angelegten Naturen stempelt. Er suchte sich darüber klar zu werden, welche Rolle er diesem blühenden jungen Wesen gegenüber einnehmen solle: ob wirklich nur die des Bruders, des ritterlichen Beschützers und Bildners, wie er es ja von Rechts wegen sein mußte – oder etwa die eines künftigen Gatten.

Kaum hatte er versucht, sich diese letztere Möglichkeit vorzustellen, als er auch schon aus tiefem Herzensgrunde aufseufzte: er sah voraus, daß entweder er selbst oder sie bis zum Tage der Hochzeit von der Höhe des Ideals niedersteigen, daß die Poesie verfliegen oder sich zum Regenschauer einer kleinbürgerlichen Komödie verflüchtigen würde. Und er erkaltete, gähnte und fühlte schon die Anzeichen der kommenden Langenweile.

Sich so ohne Zweck und Ziel aufzuregen und obendrein auch sie zu beunruhigen, erschien ihm unsittlich. Was sollte er tun? Wie sollte er sich verhalten?

Nur so einfach den Bruder, den Vetter, den Verwandten zu spielen, war ihm unmöglich: sie war schon gar zu lieb und reizend, gar zu warm, ihre Berührung erhitzte ihn, erregte seine Nerven. Er war ja auch nur ihr Vetter dritten Grades, und wenn sie ihn Bruder nannte, so war’s eben nur der Name, und nichts weiter. Die Nähe einer solchen Schwester war gefährlich . . .

Er hatte ihre zärtlichen Liebkosungen bereitwillig hingenommen und erwidert, und es war mehr als die Zärtlichkeit des Bruders, was er empfand: züngelnde Schlangen lauerten in den Küssen, mit denen er ihre Küsse erwiderte . . .

»Noch eine Probe,« dachte er, »eine Unterredung noch, und sie wird mein Weib, oder . . . Diogenes suchte mit seiner Laterne den ›Menschen‹ – ich suche das Weib: das ist der Schlüssel all meines unruhigen Spürens und Tastens! Und wenn ich in ihr nicht finde, was ich suche – und ich fürchte, ich finde es nicht – dann werde ich natürlich meine Laterne nicht auslöschen, sondern weitersuchen . . . Aber, mein Gott – wo wird dieses rastlose Suchen enden?«

Er gähnte.

»Ich will fort von hier und meinen Roman schreiben: ein Bild dieses welken Lebens, dieses trägen Schlafes . . .«

Er gähnte aber- und abermals.

»Sag’, Marsinka,« begann er eines Tages, als er in der Dämmerstunde neben ihr auf der Rasenbank unter der Akazie saß – »langweilst du dich hier nicht? Wirst du ihrer nicht überdrüssig, dieser lieben Tante, dieses guten Tit Nikonytsch, des Parks, der Blumen, der kleinen Liedchen, der Bücher mit dem glücklichen Ausgang?«

»Nein,« sagte sie, erstaunt über seine Frage – »was brauche ich denn sonst noch?«

»Scheint dir das alles nicht zuweilen . . . gar zu eintönig, gar zu öde und banal?«

»Öde? Banal?« wiederholte sie nachdenklich. »Nein! Ist es denn hier so öde?«

»Das ist doch alles so kindisch, Marsinka: die Blumen, die Liedchen – du bist doch schon ein erwachsenes Mädchen« – er warf einen raschen Blick auf ihre Schultern und ihre Büste – »kommt dir nicht manchmal etwas anderes, Ernsteres in den Sinn? Hast du nicht noch für andere Dinge Interesse?«

Sie schlug die Augen zu Boden und begann nachzusinnen. Es war ihr peinlich, und sie schämte sich ein wenig, daß man sie noch für ein Kind hielt.

»Und ich bin doch kein Kind mehr, schon lange nicht: ich brauche vierzehn Ellen Stoff zum Kleide, ebensoviel wie die Großtante – nein, mehr: die Tante läßt ihre Kleider nicht so weit nähen,« ging’s ihr durch den Kopf. »Ach, mein Gott, was für törichtes Zeug kommt mir da in den Sinn? Was soll ich ihm nur sagen? Wenn doch Wjerotschka bald nach Hause kommen wollte! . . .«

Sie wußte nicht, was sie tun sollte, um nur ja nicht als Kind zu erscheinen, um von den anderen als erwachsen angesehen und demgemäß behandelt zu werden. Sie sah sich unruhig um, spielte nervös mit dem Schürzenzipfel und blickte auf ihre Füße.

Es ging ihr mit einem Male so vieles durch den Kopf – die Gedanken drängten sich förmlich, Fragen auf Fragen tauchten auf, doch alles das war so blaß und nebelhaft, daß sie es gar nicht recht zu erfassen vermochte, und daß es entschwunden war, ehe sie noch Worte dafür gefunden hatte.

»Denken Sie nur nicht, Bruder,« begann sie endlich, »daß ich noch so ganz und gar ein Kind bin, weil ich die Vögel und die Blumen liebe: ich weiß mich doch auch schon ein wenig nützlich zu machen! Tantchen läßt mich häufig die Einnahmen und Ausgaben notieren, ich weiß auch, wie viel Roggen und wie viel Hafer zur Aussaat nötig ist, wann diese oder jene Getreideart reif wird, wohin und wann das Getreide zu verschiffen ist. Ich weiß, wie viel Holz ein Bauer haben muß, wenn er sich ein neues Haus bauen will . . .« Sie sah ihn schon ein wenig mutiger an. »Ich könnte auch schon die Aufsicht über die Feldarbeiten führen, aber Tantchen will es nicht haben. Ja – und noch manches andere!« fügte sie hinzu, sah ihn dabei groß an und suchte zu erraten, ob sie wohl in seinen Augen wenigstens ein klein wenig gewachsen sei.

»Ja, das ist gewiß alles sehr schön, und mit der Zeit wirst du vielleicht eine zweite solche Tante werden. Möchtest du das?«

»O, wenn’s Gott gäbe – aber dazu fehlt doch noch recht viel!«

»Und du möchtest überhaupt nicht anders sein?«

»Warum? Wenn ich anders wäre, würde ich doch hier gar nicht am Platze sein . . .«

»Sehr hübsch gesagt, Marsinka – aber müßtest du denn gerade hier sein? Du hast von Moskau, von Petersburg, von Paris und London gehört: möchtest du nicht einmal dahin reisen?«

»Was soll ich dort?«

»Was du dort sollst? Du liest doch Bücher und siehst daraus, wie andere Frauen leben: Helene zum Beispiel in dem Roman der Miß Edgeworth. Sehnst du dich nicht danach, auch einmal dieses andere Leben kennen zu lernen? . . .«

Sie schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf.

»Nein,« sagte sie – »was man nicht kennt, danach sehnt man sich auch nicht. Wjerotschka, ja, die ist anders, die langweilt sich immer und ist oft schwermütig, sitzt wie versteinert da, alles scheint ihr hier fremd und gleichgültig. Aber ich – ach, ich fühle mich hier so wohl: auf dem Felde, bei meinen Blumen und Vögeln, wie heiter und glücklich bin ich da! Wie lustig ist es hier, wenn Bekannte zu Besuch kommen! . . . Nein, nein, ich bin nun mal eine Hiesige, bin aus dem Sand, aus dem Gras hier geschaffen! Ich will nirgends hin. Was würde ich dort anfangen – in Petersburg, oder im Ausland? Ich würde sterben vor Sehnsucht . . .«

»Du würdest dort nicht allein sein . . .«

»Mit wem denn? Tantchen geht doch nie von hier fort!«

»Warum gerade Tantchen? Mit deinem Manne . . . mit mir . . . Würdest du mit mir hinfahren wollen?«

Sie schüttelte verneinend den Kopf.

»Warum nicht?«

»Ich würde Angst haben, daß Sie sich mit mir langweilen . . .«

»Du würdest dich an mich gewöhnen.«

»Nein, das würde ich nicht . . . Sie sind nun schon fast zwei Wochen hier . . . und ich fürchte mich noch immer vor Ihnen.«

»Warum denn? Ich bin doch ein so einfacher Mensch: wir sitzen und plaudern zusammen, gehen zusammen spazieren, zeichnen zusammen . . .«

»Nein, Sie sind kein einfacher Mensch. Sie haben manchmal so etwas in den Augen . . . Nein, ich würde mich nicht an Sie gewöhnen . . .«

»Aber das ist doch trostlos langweilig: das ganze Leben so mit der Tante zusammen zu bleiben, nicht einen Schritt ohne sie zu tun . . .«

»Ich wünsche mir doch gar nichts anderes – was soll ich denn ohne sie tun?«

Sie blickte unruhig zur Seite und schämte sich wieder, daß ihr so gar keine andere Antwort einfiel.

»Ach, mein Gott! Er wird mich für ein dummes Gänschen halten . . . Was soll ich ihm nur sagen . . . Etwas recht Gescheites muß es sein! O Herr, hilf mir!« betete sie im stillen.

Aber es wollte ihr gar nichts »Gescheites« einfallen, und sie begann wieder mit dem Schürzenzipfel zu spielen.

»Gibt es denn nichts, was dich so innerlich ein klein wenig quälte? Nicht so . . . irgendeine kleine Unruhe in der Seele?« sprach er auf sie ein.

Sie seufzte tief auf.

»Tantchen meinte, ich solle mich um das Abendbrot bekümmern – das beunruhigt jetzt meine Seele. Aber wie kann ich ihm das sagen? . . .« dachte sie. Und nach einem Weilchen sagte sie laut, mit ernster, fast trübseliger Miene: »Gewiß gibt es manches! Ich bin doch erwachsen, bin kein Kind mehr!«

»Ah!« sagte er rasch – »also doch irgendein Sündchen, Gott sei Dank! Und ich war schon ganz verzweifelt! So sprich doch, sprich!«

Er rückte näher an sie heran und nahm ihre Hand.

»Sprechen?« wiederholte sie nachdenklich, ohne ihm ihre Hand zu entziehen. »Man hat so Gewissensbisse . . .« »Gewissensbisse? Oh, oh! Das läßt ja Schreckliches vermuten!«

Er lachte laut auf, aber plötzlich fiel’s ihm ein, daß vielleicht hinter ihrer Naivität wirklich irgendeine ernstere Schuld stecken könnte, daß ihre äußere Ruhe nur gemacht war.

»Was kannst du groß auf dem Gewissen haben? Vertrau’ dich mir an, wir wollen gemeinsam überlegen: vielleicht kann ich mich dir nützlich machen.«

»O, was ich auf dem Gewissen habe – das hat wohl jeder Mensch . . .«

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10 aralık 2019
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