Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 25
»Nun, zum Beispiel?«
»Hören Sie doch einmal an, was Vater Wassilij predigt – wie wir leben, was wir tun sollen! Und wie leben wir in Wirklichkeit: tun wir auch nur die Hälfte von dem, was er uns tun heißt?« sagte sie voll Eifer. »Nicht einen Tag leben wir so, wie wir leben sollen! Wir sollen uns selbst verleugnen, sollen unseren Brüdern dienen, sollen alles den Armen geben, sollen die anderen mehr lieben als uns selbst, sogar diejenigen, die uns beleidigen, sollen nicht zornig sein, nicht träg, nicht zu viel an Putz und eitle Dinge denken, nicht törichte Reden führen . . . o Gott, wie schwer ist das alles . . . Wenn man so darüber nachdenkt, wird man ganz wirr und bekommt einen Schreck. Das Leben reicht gar nicht aus, um das alles wieder gut zu machen, was man gesündigt hat! Selbst die Tante – sie ist so klug, so gut wie sonst kein Mensch auf der ganzen Welt – und selbst sie . . . sündigt . . .« sprach Marsinka im Flüsterton – »sie läßt sich vom Zorn hinreißen, sie kann Anna Petrowna Tokejewna nicht leiden und bietet ihr nicht einmal den Ostergruß, sie findet Paulina Karpowna unausstehlich, schilt die Leute auf dem Hofe, ist zu streng gegen sie; die Weiber nennt sie Heuchlerinnen, wenn sie kommen und darüber klagen, daß sie Not leiden . . . sie ist auch sehr geizig . . .« flüsterte Marsinka noch leiser. »Und wenn sie sich in etwas irrt, gibt sie es nie zu – sie ist stolz und hochfahrend! Und doch ist sie besser als wir anderen – was sind wir, ich und Wjerotschka, gegen sie! O, wenn ich nur wüßte, wie ich sein soll, um . . .«
»Bleib ruhig so, wie du bist,«’ sagte Raiski.
»Nein . . .« Sie schüttelte nachdenklich den Kopf. »Ich verstehe so vieles nicht und weiß daher oft auch nicht, wie ich handeln soll. Wjerotschka – die weiß es, und wenn sie es dennoch nicht tut, so ist’s, weil sie es nicht tun will: ich aber kann’s nicht . . .«
»Und das quält dich dann?«
»Ja – und wenn die Rede darauf kommt und die Tante mich ausschilt . . . dann weine ich wohl, aber das vergeht rasch, und ich bin wieder lustig und ausgelassen, als ob es mich gar nichts anginge, was Vater Wassilij da predigt! Das ist das Schlimme!«
»Und weiter quält dich nichts, du glückliches Kind?«
»Als ob das nicht genug wäre! Machen Sie sich denn darüber gar keine Gedanken?« fragte sie verwundert.
»Nein, mein Herzchen. Ich habe ja auch nicht gehört, was Vater Wassilij predigt!«
»Wie leben Sie denn eigentlich: es muß doch etwas geben, womit Ihre Seele sich beschäftigt?«
»Augenblicklich beschäftigt sie sich mit dir!«
»Mit mir? Solange die Tante lebt, wird die schon für mich sorgen . . .«
»Und wenn sie stirbt?«
»Die Tante? Um Gottes willen!« rief sie ganz entsetzt und bekreuzte sich.
»Man muß doch damit rechnen . . .«
»O Gott – was für Reden führen Sie, was für Gedanken kommen Ihnen! . . .«
Sie wollte nichts mehr davon hören.
»Meinst du denn, sie werde ewig leben? . . .«
»Hören Sie auf, um Gottes willen: ich mag es nicht hören!«
»Nun – und wenn es doch geschieht?«
»Dann sterbe auch ich, und auch Wjerotschka, denn ohne die Tante . . .«
Sie seufzte tief auf.
»Du siehst eben: es wird nicht immer so weitergehen mit den Vögelchen, den Blumen und all den netten kleinen Sachen hier. Du mußt auch andere Interessen, andere Beziehungen und Sympathien pflegen . . .«
»Was soll ich denn tun?« fragte sie fast verzweifelt.
»Du mußt jemanden liebgewinnen, einen Mann,« sagte er nach einem Weilchen, während er ihre Stirn leicht mit den Lippen berührte.
»Sie meinen, ich müsse heiraten? Ja, Sie sagten mir das schon früher, und auch die Tante machte Anspielungen – aber . . .«
»Aber . . . was?«
»Woher soll ich ihn nehmen?« sagte sie ganz verschämt.
»Gibt’s denn keinen, der dir besonders gefiele? Unter den jungen Leuten hier . . .«
»Was gibt’s hier für junge Leute? Da sind die drei jungen Botschkows; die versammeln jeden Abend ihre Freunde bei sich, trinken mit ihnen und spielen Karten. Am nächsten Tage haben sie dann alle ganz rote Augen. Und der junge Tschetschenin – der war neulich auf Urlaub und erklärte gleich von vornherein, er müsse hunderttausend Rubel Mitgift haben, und dabei ist er ein so erbärmliches Kerlchen, schlimmer als Motka, so klein und krummbeinig, und raucht immer! Nein, nein . . . Dann wäre noch Nikolaj Andreitsch – ein hübscher Mensch, gutmütig und von heiterem Wesen, aber . . .«
»Aber was?«
»Er ist zu jung: höchstens dreiundzwanzig Jahre!«
»Wer ist dieser Nikolaj Andreitsch?«
»Der junge Wikentjew – sie haben ein Gut jenseits der Wolga, nicht weit von hier. Koltschino heißt es, gegen hundert Seelen sind da. Außerdem besitzen sie noch dreihundert Seelen in der Gegend von Kasan. Seine Mutter hat mich und Wjerotschka eingeladen, aber die Tante läßt uns allein nicht hin. Einmal nur waren wir drüben, doch nur einen Tag . . . Nikolaj Andreitsch ist der einzige Sohn, mehr Kinder sind nicht da. Er hat in Kasan studiert und ist jetzt hier beim Gouverneur angestellt, als Beamter für besondere Aufträge.«
Sie hatte das alles sehr lebhaft und rasch erzählt, mit strahlendem Gesichte.
»Ah! Der gefällt dir also: Wikentjew!« sagte er, während er ihre Hand an seine linke Seite preßte. Unbeweglich saß er da und hatte sein Wohlgefallen daran, zu sehen, wie harmlos und unschuldig Marsinka seine Zärtlichkeiten hinnahm. Sie schien sie kaum zu bemerken und nichts dabei zu fühlen.
»Ein einziger Funke,« dachte er, »ein warmer Händedruck kann sie plötzlich aus dem kindlichen Traumzustand erwecken, ihr die Augen öffnen – und unversehens tritt sie in eine neue Lebensphase ein . . .«
Sorglos wie ein Vögelchen zwitscherte sie weiter. »Was denken Sie: Wikentjew!« sagte sie nachdenklich, als ob sie selbst erst insgeheim prüfte, ob er ihr gefiel oder nicht.
»Es ist jetzt dunkel, und man sieht nichts – aber sicherlich bist du errötet!« neckte sie Raiski, während er ihr ins Gesicht sah und ihre Hände drückte.
»Durchaus nicht! Warum sollte ich erröten? Seit zwei Wochen habe ich ihn nicht gesehen, und ich vermisse ihn nicht im geringsten . . .«
»Sag’ mal – gefällt er dir?«
Sie schwieg.
»Nicht wahr, er gefällt dir?«
»Was reden Sie da! Ich sage nur, daß er besser ist als die anderen: das sagen alle von ihm . . . Der Gouverneur hat ihn sehr gern und läßt ihn nie eine Untersuchungssache führen. ›Was soll er sich mit solchem Schmutz abgeben,‹ sagt er, ›mit Mord und Diebstahl! Seine Moral muß darunter leiden, mag er lieber unter meinen Augen bleiben!‹ Er tut jetzt Dienst bei ihm, und wenn er nicht bei uns ist, speist er dort zu Mittag und tanzt und spielt dort . . .«
»Mit einem Wort: er ›tut Dienst!‹ » sagte Raiski mit leichtem Spott.
»Er hat auch schon einen Orden: so ein ganz kleines Kreuzchen!« fügte Marsinka mit Genugtuung hinzu.
»Ist er oft hier?«
»Sehr oft: nur in letzter Zeit ist er weggeblieben. Vielleicht ist er zu seiner Mutter gefahren, nach Koltschino. Wenn er kommt, will ich ihn ausschelten, daß er wegfährt, ohne etwas zu sagen. Oder die Tante kann es tun: er hat großen Respekt vor ihr . . . Er sitzt nicht einen Augenblick still, wenn er hier ist: springt umher und singt. So ein lustiger, mutwilliger Wildfang! Und wie viel er ißt! Neulich hat er eine große Pfanne voll Pilze ganz allein aufgegessen! Zum Tee verzehrt er einen ganzen Haufen Semmeln – was man ihm gibt, ißt er auf. Die Großtante hat ihn darum sehr gern, und ich auch . . .«
»Liebst du ihn?« fragte Raiski lebhaft, während er sich vorneigte und ihr in die Augen sah.
»Nein, nein!« – Sie schüttelte abwehrend den Kopf.
»Nein – ich liebe ihn nicht, aber . . . er ist ein so prächtiger Junge! Er ist besser als alle anderen, die hier sind – hält auf sich, geht nicht in die Restaurants, spielt nicht Billard, trinkt nicht . . .«
»Ein prächtiger Junge!« wiederholte Raiski, während er ihr das Haar an der Schläfe zurückstrich. »Und du bist ein prächtiges Mädchen! Wie schade, daß ich so alt bin, Marsinka: wie würde ich dich lieben!« fügte er leise hinzu, während er sie dichter an sich zog.
»Sie sind doch nicht alt!« sagte sie mit gewisser Nachsicht, während sie seine Liebkosungen hinnahm. »Erst ein paar graue Haare haben Sie im Barte . . . und wenn Sie lachen, oder etwas lebhaft erzählen, sehen Sie sogar sehr hübsch aus. Aber wenn Sie dann wieder so finster gucken, so ganz merkwürdig . . . dann könnte man meinen, Sie sind schon achtzig Jahre alt . . .«
»Findest du mich wirklich nicht sehr häßlich und alt?«
»Durchaus nicht.«
»Und wenn du mir einen Kuß gibst . . . tust du es gern?«
»Sehr gern.«
»Nun, dann küsse mich einmal.«
Sie erhob sich leicht, stützte sich mit dem Knie gegen sein Bein und küßte ihn, daß es laut schmatzte. Dann wollte sie sich wieder setzen, aber er hielt sie fest.
Sie suchte sich loszumachen, es war ihr unangenehm, so dazustehen; endlich setzte sie sich, ganz rot vor Anstrengung, und steckte den Zopf auf, der sich gelöst hatte.
Er dagegen saß ganz bleich da, den Kopf gegen den Baum zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, und hielt wie unbewußt ihre Hand fest umschlossen.
Sie wollte sich erheben, um sich bequemer hinzusetzen, aber er hielt sie fest, daß sie sich mit der Hand gegen seine Schulter stützen mußte.
»Lassen Sie mich nur, ich muß Ihnen doch zu schwer sein,« sagte sie. »Ich bin ja so dick – sehen Sie nur, was für Arme! Fassen Sie einmal an!«
»Nein, du bist mir nicht zu schwer . . .« versetzte er leise, zog ihren Kopf wieder ganz nahe an sein Gesicht und blieb eine Weile in dieser Haltung.
»Ist dir wohl so?«
»Ja – aber so heiß, die Backen und die Ohren brennen so. Sehen Sie nur: sie müssen ganz rot sein! Ich habe so viel Blut: wenn Sie mit dem Finger gegen den Arm tippen, entsteht gleich ein weißer Fleck, der dann erst langsam verschwindet.«
Er schwieg und saß immer noch mit geschlossenen Augen da. Sie aber fuhr fort, über alles mögliche zu plaudern, wie es ihr gerade in den Kopf kam, sah bald da, bald dort hin und zeichnete mit der Spitze ihres Schuhes Figuren in den Sand.
»Lassen Sie sich den Bart abnehmen!« sagte sie. »Sie werden dann besser aussehen. Wer hat nur diese dumme Mode des Barttragens erfunden? Das machen sie den Bauern nach! Tragen in Petersburg alle Männer einen Bart?«
Er nickte mechanisch mit dem Kopfe.
»Sie lassen sich ihn abnehmen, nicht wahr? Wenn Nil Andreitsch Sie so sieht, wird er schelten. Er kann die Bärte nicht leiden: er sagt, daß nur die Revolutionäre sie zu tragen pflegen.«
»Ich tue alles, was du verlangst,« sagte er zärtlich. »Warum liebst du nur diesen Wikentjew?«
»Schon wieder fangen Sie davon an! Aber so sind Sie immer: bringen selbst das Gespräch darauf, und wollen mir dann einreden, daß ich ihn liebe! Wie soll ich ihn denn lieben? Wie ist denn das möglich? Und er – würde er denn an so etwas nur zu denken wagen? Was würde denn die Tante sagen?« fügte sie hinzu, während sie zerstreut mit Raiskis Bart spielte, ohne zu ahnen, daß das Spiel ihrer Finger seine Nerven erregen, sein Blut in Wallung bringen und sein klares Denken trüben mußte. Jede Bewegung ihrer Finger steigerte den Rausch, der seine Sinne umfing.
»Liebe mich, Marsinka, mein Schwesterchen, meine Freundin! . . .« flüsterte er wie im Fieber, während er seinen Arm um ihre Taille legte und sie fest an sich zog.
»O, Sie tun mir weh! Lassen Sie mich los, um Gottes willen – ich kann nicht atmen!« sagte sie und sank wider Willen an seine Brust.
Wiederum preßte er ihre Wange gegen die seinige und flüsterte abermals:
»Ist dir wohl so?«
»Ich sitze so unbequem.«
Er ließ sie los, und sie richtete sich empor und nahm dann von neuem neben ihm Platz.
»Warum liebst du nur die Blumen, die jungen Katzen, die Vögel?«
»Wen soll ich denn sonst lieben?«
»Mich, mich!«
»Ich liebe Sie ja!«
»Nicht so, anders!« sagte er und legte ihr die Hand auf die Schulter.
»Dort ist ein Stern, dort noch einer, dort ein dritter – so viel sind ihrer!« sagte Marsinka, zum Himmel aufblickend. »Ist es wahr, daß dort oben auf den Sternen gleichfalls Menschen wohnen? Vielleicht sehen sie anders aus als wir . . . Ach, ein Blitz! Nein, es ist nur ein Wetterleuchten dort jenseits der Wolga . . . ich fürchte mich so vor dem Gewitter! Wjerotschka öffnet das Fenster, setzt sich hin und sieht zu, wenn ein Gewitter niedergeht, und ich krieche jedesmal ins Bett und ziehe die Decke über den Kopf, und wenn es gar zu grell blitzt, dann lege ich mir ein großes Kissen auf den Kopf und halte mir die Ohren zu, daß ich nichts sehen noch hören kann . . . Da! Eine Sternschnuppe! Es dauert noch ein Weilchen bis zum Abendbrot!« fügte sie nach kurzem Schweigen hinzu. »Wären Sie nicht hier, dann würden wir zeitig Abendbrot essen und um elf Uhr schlafen gehen; wenn keine Gäste da sind, gehen wir früh zu Bett.«
Er hatte die Wange an ihre Schulter gelegt und schwieg.
»Sie schlafen?« fragte sie.
Er schüttelte verneinend den Kopf.
»Doch, Sie waren eben eingenickt: Ihre Augen waren geschlossen. Auch ich schlafe immer gleich ein, wenn ich mich hinlege, manchmal komme ich nicht einmal dazu, mir die Strümpfe auszuziehen. Wjerotschka schläft immer erst sehr spät ein: die Tante tadelt sie deshalb, nennt sie eine Nachtwandlerin. Geht man in Petersburg früh schlafen?«
Er schwieg.
»Bruder!«
Er schwieg noch immer.
»Warum sind Sie denn so schweigsam?«
Er fuhr leicht auf, sank jedoch wieder in seine starre Haltung zurück. Er hielt das Glück in seinen Armen und sann darüber nach, ob es für ihn wohl ein dauerndes werden könnte. Er klammerte sich daran und wollte es nicht loslassen. Sie gähnte über das ganze Gesicht, daß ihr die Tränen in die Augen traten.
»Wie warm es ist!« sagte sie. »Ich bitte die Tante zuweilen, mich doch im Pavillon schlafen zu lassen – aber sie erlaubt es nicht. Auch in der Stube muß ich immer die Fenster schließen.«
Er sprach nicht ein Wort.
»Er schweigt immer – wie kann man sich da an ihn gewöhnen?« dachte sie und lehnte arglos ihren Kopf an den seinigen, während ihr Blick zerstreut über den Himmel hinschweifte, zu den zwischen den Ästen und Zweigen hindurchschimmernden Sternen. Dann schaute sie stumm nach den dunklen Waldmassen hin, lauschte auf das Rauschen des Laubes und merkte plötzlich, als sie so still und sinnend dasaß, wie es unter ihrer Hand an Raiskis linker Seite heftig schlug und pochte.
»Wie sonderbar!« dachte sie. »Wovon pocht es bei ihm nur so stark? Und bei mir?« Sie legte ihre linke Hand an die Seite. »Nein, bei mir pocht es nicht!«
Dann wollte sie aufstehen, doch fühlte sie, daß er sie fest umfangen hielt. Ein Unbehagen beschlich sie.
»Lassen Sie mich los, Bruder!« flüsterte sie verschämt. »Ich muß jetzt ins Haus!«
Er wollte sie nicht lassen – es war ihm, als müßte er sie für immer verlieren.
»Sie tun mir weh, lassen Sie mich . . .« sagte Marsinka mit wachsender Unruhe, während sie sich vergeblich von ihm loszumachen suchte. »Ach, wie unbequem!«
Endlich gelang es ihr, sich aus seinen Armen zu befreien.
Er atmete tief auf.
»Was ist Ihnen?« erklang ihre ruhige, kindliche Stimme über ihm.
Er sah sie an, schaute dann um sich und seufzte, als sei er soeben aus dem Schlafe erwacht.
»Was ist Ihnen denn?« wiederholte sie. »Wie sonderbar Sie sind!«
Er ward plötzlich nüchtern, sah mit großen Augen auf Marsinka, als ob er sich wunderte, sie vor sich zu sehen, ließ dann seinen Blick in die Runde schweifen und erhob sich rasch von der Bank. Ein verzweifeltes »Ach!« entrang sich seinem Munde.
Sie legte ihm die eine Hand auf die Schulter, strich mit der anderen sein in Unordnung geratenes Haar glatt und wollte sich wieder neben ihn setzen.
»Nein, Marsinka, laß uns von hier fortgehen!« sagte er erregt, während er sie fortzuziehen suchte.
»Wie sonderbar Sie sind: ich erkenne Sie nicht wieder! Ist Ihnen nicht wohl?«
Sie legte ihre Hand auf seine Stirn.
»Komm nicht zu nahe heran, liebkose mich nicht, mein liebes Schwesterchen!« sagte er, während er ihre Hand küßte.
»Wie soll ich Sie nicht liebkosen, wenn Sie doch selbst so lieb zu mir sind! Sie sind so gut, haben uns so gern . . . Das Haus und den Garten haben Sie mir geschenkt . . . Soll ich denn wie eine kalte Statue dastehen? . . .«
»Ja, bleib ruhig eine Statue! Erwidere meine Liebkosungen niemals so wie heute . . .«
»Warum nicht?«
»So; ich habe bisweilen solche Anfälle . . . dann mußt du mich immer allein lassen . . .«
»Wollen Sie nicht etwas dagegen einnehmen? Tantchen hat Hoffmannstropfen im Schrank. Ich will sie holen – soll ich?«
»Nein, laß nur. Aber, um des Himmels willen – wenn ich einmal gar zu zärtlich gegen dich werden sollte, oder sonst jemand, dieser Wikentjew zum Beispiel . . .«
»Der sollte es nur versuchen!« rief Marsinka ganz empört.
»Wenn wir ›Fang schon!‹ spielen, wagt er nie, mich an der Hand zu fassen, sondern hält immer nur meinen Ärmel fest. Was Ihnen einfällt: Wikentjew! Dem würde ich’s geben!«
»Weder er, noch ich, noch sonst jemand in der Welt . . . Merk dir’s, Marsinka: wenn einer dir gefällt, dann liebe ihn, aber bewahre dein Geheimnis tief im Herzen, sei streng gegen ihn wie gegen dich selbst, bis . . . die Tante und Vater Wassilij ihre Einwilligung geben! Denk’ an die guten Lehren, die er predigt . . .«
Sie schritt nachdenklich neben ihm her und hörte ihm schweigend zu. Sein »Anfall« gab ihr zu denken. Sie erinnerte sich, daß er kurz vorher ganz anders gesprochen hatte, und sie wußte nicht, was sie denken sollte.
»Aber, sehen Sie, Sie sagten doch selbst vorhin, daß . . .« begann sie.
»Ich hatte mich geirrt: was ich vorhin sagte, gilt nicht für dich. Ja, Marsinka, du hast recht, es ist sündhaft, etwas zu wollen, was nicht im eigenen Wesen begründet liegt, ein Leben zu ersehnen, wie es jene Damen in den Büchern führen. Gott bewahre dich davor, daß du anders zu sein suchst, als du jetzt bist! Liebe die Blumen und die Vögel, mach’ dich in der Wirtschaft nützlich, lies nur Bücher, in denen alles gut ausgeht, strebe auch in deinem eignen Leben nur nach dem glücklichen Ausgang . . .«
»Ist das denn nicht dumm und kindisch . . . die Vögel zu lieben? Reden Sie im Ernst – oder machen Sie sich über mich lustig?« fragte sie schüchtern.
»Nein, nein, du bist eine Perle, ein Engel an Reinheit: du bist so keusch, so klar, so durchsichtig . . .«
»Durchsichtig?« fragte sie lachend – »kann man wirklich ganz durch mich hindurchsehen?«
»Du . . . du. . .«
Er wußte in seiner Begeisterung nicht, wie er sie nennen sollte.
»Du bist – ein einziger Sonnenstrahl!« sagte er. »Verflucht soll der sein, der ein unreines Korn in deine Seele wirft! Leb’ wohl! Nähere dich mir nie allzusehr, und wenn ich dir nahekomme – dann flieh!«
Sie waren bis an die Schlucht gekommen.
»Wohin wollen Sie denn? Kommen Sie doch, wir essen sogleich Abendbrot! Und dann gehen wir früh schlafen . . .«
»Ich mag nicht – weder essen noch schlafen will ich . . .«
»Sie wollen wieder nicht zum Abendbrot kommen? Die Tante wird sich darüber . . .«
Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als Raiski bereits den Abhang der Schlucht hinuntergeeilt und in den Büschen verschwunden war.
»Mein Gott!« dachte er und erbebte in seinem Innern – »noch vor einer halben Stunde war ich so ehrenhaft, so rein und stolz, und die eine halbe Stunde hätte genügt, um dieses edle, heilige Wesen, dieses Kind in ein klägliches Geschöpf, den ›reinen, stolzen‹ Mann aber in einen ausgemachten Schuft zu verwandeln! Der stolze Geist wäre dem allmächtigen Fleische erlegen, das Blut, die Nerven hätten hohnlachend triumphiert über alle Philosophie, alle Moral und Bildung! Aber der Geist ist fest geblieben, Blut und Nerven sind unterlegen: die Ehre ist gerettet . . .«
»Gerettet – doch wodurch?« fragte er sich, während er an einem Spalt in dem Abhang Halt machte. »Vor allem . . . durch die Kraft meines Willens, durch die bewußte Erkenntnis, wie schändlich es gewesen wäre . . .« sagte er sich, während er sich hoch emporrichtete. Doch schon im nächsten Augenblick durchzuckte es ihn: »Nein, nein, das kam alles erst nachher – und was war vorher? Hat ihr Schutzengel unsichtbar neben ihr gestanden? Hat das ›Schicksal‹ der Tante sie behütet? . . . Oder was war es sonst?« Was es auch gewesen sein mochte – jedenfalls verdankte er es diesem rätselhaften »oder«, daß er ein ehrenhafter Mensch geblieben war. Ob dieses »oder« in ihrer schamhaften, keuschen Unwissenheit, oder in ihrem Gehorsam gegen den ehrwürdigen Vater Wassilij, oder endlich in ihrem sympathischen Temperament lag – jedenfalls hatte es in ihr und nicht in ihm gelegen . . .
»O, wie abscheulich, wie abscheulich!« rief es in ihm, als er eben einen Spalt übersprungen hatte und sich zwischen den Sträuchern hindurch zum sandigen Ufer den Weg bahnte. Marsinka sah ihm lange nach und ging dann still und nachdenklich nach Hause. Mechanisch pflückte sie von Zeit zu Zeit ein Blatt von den Sträuchern ab und kühlte sich damit Wangen und Ohren.
»Wie erhitzt ich bin – ich muß, glaub’ ich, ganz rot sein!« flüsterte sie vor sich hin. »Was er nur damit meinte – ich solle nicht zu nahe an ihn herangehen? Er ist mir doch kein Fremder! Und er ist selbst so lieb zu mir . . . O, wie meine Backen brennen!«
Sie berührte mit der Hand bald die eine, bald die andere Wange.
Die Tante brummte ärgerlich darüber, daß Raiski wieder einmal vom Abendbrot wegblieb. Schweigend aßen sie zu dreien mit Tit Nikonytsch und trennten sich dann.
Marsinka, die gewohnt war, alles der Tante zu erzählen, schwankte doch, ob sie es ihr sagen sollte, daß der Bruder sich ein für allemal ihre Liebkosungen verbeten habe, und ging schließlich schlafen, ohne ihr etwas gesagt zu haben. Mehr als einmal hatte sie schon davon anfangen wollen, doch war sie immer wieder stumm geblieben, da sie nicht wußte, wie sie ihre Rede einleiten sollte. Sie sagte auch nichts von dem »Anfall« des Bruders. Sie legte sich sehr früh zu Bett, konnte jedoch lange nicht einschlafen: ihre Wangen und Ohren brannten gar zu heiß.
Wohl ein Stunde mochte sie so dagelegen haben – da stand sie auf, ging nach der Vorratskammer, wusch ihr Gesicht mit Gurkenwasser, das sie sonst als Mittel gegen den Sonnenbrand anzuwenden pflegte, bekreuzte sich darauf und schlief ein.