Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 28
»Mark?! Soll ich nicht lieber zur Polizei schicken? Wie kommt er hierher? Wie kommst du in seine Gesellschaft?« flüsterte sie ganz entsetzt. »Punsch trinkt er mit Mark, mitten in der Nacht! Was ist denn in dich gefahren, Boris Pawlowitsch?«
»Ich habe ihn bei Leontij getroffen,« antwortete er, sich an ihrem Schrecken weidend. »Wir hatten beide Hunger, er lud mich ein, mit ihm in ein Wirtshaus zu gehen . . .«
»In ein Wirtshaus? Das fehlte gerade noch!«
»Ich brachte ihn statt dessen lieber mit hierher – und wir aßen Abendbrot . . .«
»Warum hast du mich nicht geweckt? Wer hat euch serviert? Was hat man euch aufgetischt?«
»Sterlet und Pute: Marina brachte uns alles herein.«
»Lauter kalte Schüsseln! Warum hat man mich nicht geweckt? Es ist Fleisch da, und junge Hühner . . . Ach, Borjuschka, was für Schande machst du mir!«
»Wir sind auch so satt geworden.«
»Und die Mehlspeise?« versetzte sie rasch – »davon ist doch nichts übriggeblieben! Was habt ihr denn statt dessen gehabt?«
»Gar nichts. Mark zog es vor, einen Punsch zu brauen. Wir sind satt.«
»Satt! Ein Abendbrot ohne warme Mehlspeise! Ich will gleich etwas Eingemachtes herschicken . . .«
»Nein, nein, lassen Sie nur! Wenn Sie wollen, wecke ich Mark und frage ihn . . .«
»Was fällt dir ein? Um Gottes willen! Ich bin doch im Unterrock!« fiel Tatjana Markowna ihm ins Wort und retirierte rasch in den Korridor. »Gott mit ihm: laß ihn ruhig schlafen! Sieh doch, wie er daliegt – ganz zusammengerollt, wie ein kleiner Hund!« fügte sie mit einem Seitenblick auf Mark hinzu. »Aber das ist ja eine Schande, Boris Pawlowitsch: als ob’s keine Betten im Hause gäbe! Ach, du mein Gott! So lösch’ doch endlich diese abscheuliche Flamme aus! Nein, so was: ein Abendbrot ohne Mehlspeise!«
Raiski blies die blaue Flamme aus und umarmte die Tante. Sie schlug das Kreuz über ihm, schielte noch einmal zu Mark hinüber und ging auf den Zehen hinaus.
Er war eben dabei, sich ins Bett zu legen, als es abermals an der Tür klopfte.
»Wer ist denn da noch?« fragte Raiski und schob den Riegel zurück.
Marina trat ins Zimmer, stellte ein Glas mit eingemachten Früchten auf den Tisch und brachte dann ein Deckbett nebst zwei Kopfkissen herein.
»Die Gnädige schickt mich her, vielleicht essen Sie noch etwas Eingemachtes?« sagte sie. »Und hier sind Betten – wenn Mark Iwanytsch erwachen, möchten sie sich doch darauf legen . . .«
Raiski mußte noch einmal recht von Herzen lachen. Zugleich aber war er fast zu Tränen gerührt durch die Güte der Großtante, durch den Zartsinn ihres echten Frauenherzens und ihre Prinzipientreue, die sie nicht um einen Finger breit von den Gesetzen der Gastlichkeit abweichen ließ.
Sechzehntes Kapitel
Früh am Morgen weckte ein leises Geräusch am Fenster Raiski aus dem Schlafe. Es rührte von Mark her, der eben durchs Fenster den Weg ins Freie nahm.
»Er liebt die geraden Wege nicht!« dachte Raiski, als er sah, wie sich Mark durch die Blumenanlagen und den Gemüsegarten schlich, um dann zwischen den Bäumen dicht am Rande der Schlucht zu verschwinden.
Boris hatte kein Bedürfnis, noch länger zu schlafen, und begab sich, in einen leichten Morgenpaletot gehüllt, in den Garten, um Mark womöglich einzuholen. Er sah ihn jedoch bereits weit unten am Ufer der Wolga daherspazieren.
Raiski stand ein Weilchen oben am Rande der Schlucht: es war noch früh am Tage; die Sonne war noch nicht hinter den Hügeln hervorgekommen, doch vergoldeten ihre Strahlen schon die Wipfel der Bäume; in der Ferne schimmerten die taugetränkten Fluren, und eine leichte Morgenbrise brachte angenehme Kühlung. Die Luft erwärmte sich rasch, alles versprach einen heißen Tag.
Raiski machte einen Gang durch den Garten. Dort regte sich bereits das Leben; die Vögel sangen in fröhlichem Chor und flogen, ihr Frühstück suchend, geschäftig hin und her; die Bienen und Hummeln summten um die Blumen. Aus der Ferne, vom Felde her, ließ sich das Brüllen der Kühe vernehmen, und eine Staubwolke, die von einer Schafherde aufgewirbelt ward, stieg empor; im Dorf knarrte ein Hoftor, man hörte das Holpern eines Bauernwagens; im Roggenfelde schlugen die Wachteln.
Auch auf dem Hofe war die Arbeit des Tages bereits im Gange. Prochor tränkte und putzte im Stalle die Pferde, irgend jemand, Kusma oder Stepan, hackte Holz, Matrona ging mit einer Mulde voll Mehl nach der Küche, und Marina huschte wohl drei- oder viermal mit den frischgeplätteten Unterröcken der Gnädigen, die sie weit vor sich hingestreckt hielt, über den Hof.
In einem Winkel des Hofes, am Brunnen, machte Jegorka Toilette; er schnaubte, spuckte, spritzte um sich und warf zwischendurch Marina, die an ihm vorüberging, einen spöttischen Blick zu. Jakow kniete auf der Freitreppe des Gutshauses und verrichtete, das Gesicht dem Kreuze auf der hinter den Dorfhütten sichtbaren Stadtkirche zugewandt, sein Morgengebet.
Auf dem Hofe drängten sich um einen Trog mit irgendeinem Brei die Enten und Hühner, liefen den Vorübergehenden zwischen die Beine oder wimmelten vor der Leutestube umher, während die Hunde überall frech herumschnüffelten, in ihrem Hungergefühl alles anbellten und zuletzt wütend aufeinander loskläfften.
»Gestern, heute, morgen – alle Tage dasselbe!« flüsterte Raiski für sich.
Er blieb ein Weilchen mitten im Hofe stehen, sah sich träg nach allen Seiten um, kratzte sich, gähnte und verspürte plötzlich alle Symptome der Krankheit, die ihn auch schon in Petersburg gepeinigt hatte.
Er empfand Langeweile. Vor ihm lag der ganze lange Tag mit all den Eindrücken und Empfindungen von gestern, von vorgestern. Ringsum dieselbe ihm naiv zulächelnde Natur, derselbe Wald, dieselbe einförmig melancholische Wolga, dieselbe unveränderliche Atmosphäre.
Immer standen, vom Augenblick des Erwachens an, die gleichen Bilder und Vorstellungen wie eine unbewegliche Kulisse vor ihm; und dieselben Gesichter, dieselben Kreaturen huschten an ihm vorüber.
Er verspürte die Einwirkung einer Kraft, die ihn zugleich anzog und abstieß. Er sehnte sich nach Leontij, den er schätzte und liebte, und kaum war er bei ihm, so trieb es ihn auch schon wieder von ihm fort. Leontij kam ihm vor wie eine Skulptur, die für immer ihre Form angenommen hat, für immer starrer Stein bleibt, an deren Bestimmung nichts mehr zu ändern ist. Er selbst strebte etwas anderes an, das ihn vor diesem passiven, unbewußten Versteinern bewahren sollte.
Er suchte das Zimmer der Großtante auf: dort, auf dem ledernen Kanapee, trat ihm doch wenigstens noch etwas entgegen, das nach pulsierendem Leben aussah. Dort gab es noch ein Stück Arbeit zu leisten, einen harten, zähen Widerstand zu brechen.
Tatjana Markowna machte es ihm nicht leicht, seinen Standpunkt zu behaupten, es bedurfte dazu von seiner Seite eines gehörigen Aufwands an dialektischer Schärfe und Temperament. Als Ergebnis des Kampfes konnte er dann ein paar Perlen praktischer Lebensklugheit und einige originelle Beobachtungen über dieses seltsame, stagnierende Leben verzeichnen, das ihm unter dem Einfluß naiven Vertrauens und Glaubens oder vielmehr krassen Aberglaubens in ein Stadium langsamer Vergiftung geraten zu sein schien.
Immerhin gab es hier doch etwas, das ihn in Erregung versetzte: es gab Ärger, Lachen, selbst eine Anwandlung von Rührung. War freilich der Streit vorüber, so erlosch auch sein Interesse, und er sah auch hier nur die einfachen, reizlosen Formen eines ungegliederten, ziel- und zwecklosen Lebens.
Marsinka war seit dem gestrigen Abend für ihn nur noch die Schwester: sie konnte ihm nie etwas anderes werden. Und auch als Schwester war sie ihm nicht viel, er fühlte recht wenig brüderliche Zärtlichkeit für sie.
Er empfand nicht mehr das Bedürfnis, sie umzumodeln: eine andere Erziehung, eine andere Lebensauffassung, jede Entwicklung überhaupt hätte auf diese in sich abgeschlossene Natur nur als Störung gewirkt, hätte ihr das Naive, Kindliche, Falterartige genommen. Und was hätte sie als Ersatz dafür erhalten? Einer starken Leidenschaft, eines machtvollen, kühnen Aufschwungs, eines kraftvollen Strebens nach einem fernen Ziel war ihr Naturell nicht fähig. Nur ein Chaos, ein uferloses Meer von Zweifeln wäre in ihrer Seele entstanden. Es wäre für sie schon eine Leistung gewesen, wenn sie sich zu einer Fahrt nach Moskau entschlossen, einen Ball in der Adelsversammlung mitgemacht und eine elegante Robe von der Schmiedebrücke heimgebracht hätte. Das hätte ihr dann bis in ihre alten Tage Stoff zum Renommieren vor den Frauen der kleinen Provinzbeamten gegeben.
Tit Nikonytsch und die wenigen sonstigen Personen, mit denen Raiski gelegentlich zusammengekommen war, huschten an seinem geistigen Auge nur ganz flüchtig vorüber – wie etwa die ledernen Kanapees, die Spinde, die sächsischen Porzellantassen und böhmischen Kristallgläser drinnen im Hause.
Blieben nur Mark und vielleicht noch Wjera als nebelhaft unbestimmte Gestalten übrig.
Mark hatte er nun kennengelernt, und so sehr sich dieser auch Mühe gab, in seinem Diogenesfasse versteckt zu bleiben, so hatte doch Raiski die Hauptzüge seiner Physiognomie zu erhaschen vermocht.
Ihn eingehender zu studieren, sein Wesen endgültig zu ergründen, verspürte er kein Bedürfnis: er hätte sich dann mit ihm betrinken, ihm Geld borgen und sich vermutlich seine wenig unterhaltenden Histörchen anhören müssen, wie er seinem Regimentskommandeur grob gekommen sei, oder einen Juden durchgeprügelt, oder im Wirtshaus seine Zeche nicht bezahlt habe, wie er irgendwo die Fahne des Aufruhrs gegen die Kreis- oder Landschaftspolizei erhoben, dafür aus dem Dienste gejagt und als Polizeiaufsichtling nach irgendeinem weltverlorenen Neste verschickt worden sei.
Raiski schritt, tief in Gedanken versunken, über den Hof, ohne den Gruß des Gesindes zu beachten oder die Hunde zu bemerken, die schweifwedelnd um ihn herum waren; mitten in eine Schar von jungen Enten geriet er und hätte beinahe einige von ihnen zertreten.
»Was für eine Existenz ist das nun!« sagte er sich. »Seinen Blick so auf den Erscheinungen ruhen zu lassen, ihre Bilder in sich aufzunehmen, für einen Augenblick zu erglühen und sogleich wieder zu erkalten und Langeweile zu empfinden, um erst wieder mit Gewalt, durch künstliche Mittel, in sich die Lebenslust, wie etwa den Appetit zum Essen, periodisch aufzufrischen! Das ganze Geheimnis der Lebenskunst läuft also lediglich darauf hinaus, diese Lustperioden nach Möglichkeit auszudehnen – was doch im Grunde genommen gar kein Geheimnis, sondern eine unbewußte, natürliche Gabe ist. Mit geschlossenen Augen und Ohren muß man leben – dann lebt man leicht und lange! Und diejenigen haben recht, denen der Stachel des Denkens nicht im Gehirn sitzt, die kurzsichtig sind und stumpf von Sinnen, die wie im Nebel dahinschreiten und die Illusion nicht verlieren. Wie soll man es nur anfangen, um alles immer bunt und reizend zu schauen, um die Augen vor der nüchternen Wirklichkeit zu verschließen und nicht zu sehen, daß das Laub gar nicht grün, und der Himmel nicht blau ist, daß Mark kein bezaubernder Held, sondern nur ein kleiner liberaler Frondeur und Marsinka nur ein Zuckerpüppchen ist, und daß Wjera . . .«
»Ja, was ist eigentlich Wjera?« fragte er sich und gähnte dabei.
Er zog die Schultern empor, als wenn ihm ein Frostschauer über den Rücken liefe, runzelte die Brauen und ging, die Hände in den Taschen, im Garten auf und ab, ohne die bunte Farbenpracht des Morgens zu bemerken oder den warmen Lufthauch zu verspüren, der seine Nerven kosend umschmeichelte, ohne selbst der Wolga einen Blick zu schenken. Er lag ganz im Banne ödester Langerweile, und mit Schrecken sah er eine endlos lange Reihe ziel- und zweckloser Tage vor sich liegen.
Ein Gedanke, der ihm schon früher zuweilen gekommen war, schoß ihm durch den Kopf: das »Buch der Langenweile« zu schreiben. Das Leben, sagte er sich, ist doch so vielseitig und vielgestaltig, und wenn diese breite, kahle, an die einförmige Steppenlandschaft gemahnende Langeweile im Leben selbst begründet liegt und etwas Vorhandenes, Seiendes ist, wie die uferlosen Sandflächen, die Kahlheit und Dürftigkeit der Wüste, dann kann und darf auch die Langeweile als eine der vielen Seiten des Lebens ein Gegenstand des Denkens, der Analyse, der Darstellung durch Feder oder Pinsel werden.
»Ja,« sagte er sich, »ich will dieses endlos breite, nebelhaft einförmige Wesen der Langenweile in meinem Romane schildern, und die Kälte, der Widerwille, die Bitterkeit, die von meinem Innern Besitz ergriffen, sollen dem Bilde Farbe und Kolorit geben. Es soll der Wirklichkeit entsprechen, dieses Bild . . .«
Raiski wollte sich eben in sein Zimmer begeben, um seine ersten Aufzeichnungen »über die Langeweile« zu Papier zu bringen, als er plötzlich bemerkte, daß die sonst verschlossene Tür des alten Hauses offen stand. Er hatte das Gebäude nur das eine Mal, als er mit Marsinka in Wjeras Zimmer war, ganz flüchtig in Augenschein genommen. Jetzt kam ihm plötzlich der Einfall, es näher zu besichtigen, und in dieser Absicht betrat er den Vorflur.
Nicht mit pochendem Herzen, wie dereinst, sondern apathisch und gleichgültig durchschritt er den düstern Saal mit den Säulengängen und die Gesellschaftsräume mit den Statuen, Bronzeuhren und Rokokoschränken. Ohne irgendeinen dieser Gegenstände seines Blickes zu würdigen, begab er sich nach den Zimmern der oberen Etage. Er erinnerte sich, daß einst hier oben die Kinderstube und sein eignes kleines Schlafzimmerchen lag, in dem seine Mutter so gern gesessen hatte. Träg und langsam zogen die bleichen Bilder der Vergangenheit an seinem Geiste vorüber: er erinnerte sich, wie die Mutter ihn liebkoste, ihm zärtliche Worte ins Ohr flüsterte, seine kleinen Finger auf die Klaviertasten legte und ihn ein Liedchen klimpern ließ, dann aber ihn vergaß und selbst eine ganze Weile weiterspielte, während er, an ihr Knie geschmiegt, ihrem Spiele lauschte, und wie sie ihn dann nach dem Eckzimmer führte, von dem aus sie auf die Wolga und die Niederung jenseits des Stromes herabschaute.
Nach einem flüchtigen Blick in den einen und anderen der Räume begab er sich nach dem Eckzimmer, um einen Blick auf die Wolga zu werfen. Ganz in Gedanken versunken, stieß er leise mit dem Fuße die Tür auf, sah hinein und – blieb wie versteinert stehen.
In dem Zimmer befand sich ein lebendes Wesen.
Mit gespannter Aufmerksamkeit nach dem Flußufer schauend, stand da, die Hand auf das Fensterbrett gestützt und das Gesicht ihm zugewandt, ein junges Mädchen von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren. Das bleiche, fast weiße Gesicht, das dunkle Haar, die schwarzen Samtaugen und die langen Wimpern fesselten seinen Blick und blendeten ihn förmlich.
Das Mädchen stand unbeweglich da und sah voll Spannung in die Ferne, als folge es jemandem mit den Augen. Dann nahm ihr Gesicht einen gleichgültigen Ausdruck an; sie überschaute flüchtig die Landschaft, warf einen Blick in den Hof, wandte sich um und fuhr jäh zusammen, als sie Raiski erblickte.
Ihr Gesicht drückte Überraschung aus, die alsbald einem starken, durch einen leichten Schatten von Unzufriedenheit nuanzierten Erstaunen wich und zuletzt in gemessene Erwartung überging.
»Schwester Wjera!« rief Raiski aus.
Ihr Gesicht erhellte sich, und ihr Auge blieb mit dem Ausdruck verhaltener Neugier auf ihm haften.
Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und wollte sie küssen. Sie neigte sich ein wenig zurück und wandte ihr Gesicht leicht zur Seite, daß seine Lippen nur ihre Wange statt des Mundes berührten.
Sie setzten sich am Fenster einander gegenüber.
»Wie sehnsüchtig habe ich Sie erwartet: Sie haben Ihren Besuch am Ufer drüben etwas lang ausgedehnt!« sprach er und sah voll Ungeduld ihrer Antwort entgegen, um ihre Stimme zu vernehmen.
»Die Stimme, die Stimme!« rief seine Phantasie, die nach einer Ergänzung dieser blendenden Erscheinung verlangte.
»Ich habe erst gestern von Marina gehört, daß Sie hier sind,« antwortete sie.
Ihre Stimme hatte nicht jenen Wohlklang, den Marsinkas Stimme besaß: sie klang frisch und jugendlich, doch leise, mit einem Timbre tiefen Flüsterns, das auch dann, wenn sie laut sprach, durchklang.
»Tantchen wollte Sie holen lassen, aber ich bat sie, Ihnen von meiner Ankunft keine Mitteilung zu machen. Wann sind Sie zurückgekehrt? Mir hat niemand etwas gesagt.«
»Ich bin gestern nach dem Abendessen angelangt, die Tante und die Schwester wissen noch nichts, nur Marina hat mich gesehen.«
Sie saß mit dem Rücken an den Stuhl gelehnt da, stützte den einen Ellenbogen auf das Fensterbrett und sah Raiski nicht offen und voll, sondern nur wie beiläufig an, als ob er gerade an der Reihe wäre, mit einem Blicke bedacht zu werden.
Er aber betrachtete sie mit der ganzen Kraft einer lange verhaltenen Neugier. Nicht eine ihrer Bewegungen entging seinem heißhungrigen Blicke.
Schon ihre eigenartige, ihm völlig neue Schönheit, die ganz anders war als die Schönheit Marsinkas oder der Bjelowodowa, machte auf ihn einen tiefen Eindruck. Sie besaß nicht jene strenge Regelmäßigkeit der Gesichtszüge, jenes zarte Kolorit, jene Weiße der Stirn und Offenheit des Ausdrucks, die bei aller Kälte Sophie so sympathisch erscheinen ließen. Sie hatte auch nichts von, dem kindlich frischen, an die Schönheit eines Cherubim erinnernden Hauche Marsinkas. Wohl aber lag in ihrer ganzen Erscheinung etwas Bezauberndes, Geheimnisvolles, ein verborgener Reiz, der in dem strahlenden Blick, der jähen Wendung des Kopfes, der verhaltenen Grazie der Bewegungen gleichsam blitzartig zum Ausdruck kam und sich unwiderstehlich in die Seele stahl.
Die dunklen Augen hatten etwas Samtartiges, der Blick erschien tief wie ein Abgrund. Der Teint des Gesichts war weiß, von mattem Glanze, mit weichen Schatten um die Augen und im Nacken. Das dunkle, leicht ins Kastanienbraune schimmernde Haar lag in dichter Masse um Stirn und Schläfen, deren blendendes Weiß von feinen blauen Äderchen durchzogen war.
Mehr ärgerlich als verschämt nahm sie einen Haufen von Unterröcken, die Marina gebracht hatte, vom Stuhle und warf sie ins anstoßende Zimmer; dann räumte sie flink ein Bündel weg, das sie vermutlich am Abend beiseite geworfen hatte, und rückte ein kleines Tischchen ans Fenster. Alles das war in zwei, drei Minuten erledigt – dann nahm sie wieder auf dem Stuhle vor ihm Platz, frei und ungezwungen, als wenn er überhaupt nicht anwesend wäre.
»Ich habe mir Kaffee bestellt – wollen Sie eine Tasse mit mir trinken? Drüben gibt es noch lange nichts, Marsinka steht spät auf.«
»Ja, ja, mit Vergnügen,« sagte Raiski und fuhr dabei fort, ihre Physiognomie, ihre Bewegungen, jeden ihrer Blicke, jedes Lächeln zu studieren.
Ihr Blick war bald reizend und lockend, als zöge er einen irgendwohin in eine unergründliche Tiefe, bald durchdringend und scharf prüfend. Noch fiel ihm das zwiefache Mienenspiel auf, das zuweilen über ihre Züge huschte, und das Zittern des Kinns, wenn sie lachte, und die wohlgeformte, nicht allzu schlanke Taille mit dem beim Gehen leicht wogenden Busen, und der unhörbare, fast katzenartige Gang.
»Was für ein reizvolles, rätselhaftes Wesen!« dachte Raiski – »und welcher Gegensatz zur Schwester: jene dort lauter heller Sonnenschein, lauter Licht und Wärme, und diese hier ein einziges Flimmern und Glitzern, geheimnisvoll wie die Nacht, voll Nebel und Funken, voll Lockungen und Wunder . . .«
Mit der Leidenschaftlichkeit des Künstlers gab er sich ganz dem unerwarteten neuen Eindruck hin. Sophie sowohl wie Marsinka wurden wie durch Zaubermacht in den Hintergrund gebannt, und die Langeweile war plötzlich ganz verschwunden. Wiederum schlug ihm ein warmer Hauch entgegen, wieder erschien die Natur ihm schmuck und frisch, und alles ringsum atmete neues Leben.
Voll Eifer ging er daran, von neuem seine Diogeneslaterne anzuzünden und mit ihr diese neue, plötzlich vor ihm aufgetauchte Erscheinung zu belichten.
»Sie haben mich wohl schon ganz vergessen, Wjera?« fragte er.
»Nein,« sagte sie, während sie den Kaffee einschenkte, »ich habe noch alles im Gedächtnis.«
»Alles – nur nicht meine Wenigkeit, nicht wahr?«
»Auch Sie.«
»Was wissen Sie denn noch von mir?«
»Nun – alles.«
»Ich habe, offen gestanden, nur noch eine schwache Erinnerung an Sie beide. Ich weiß, daß Marsinka immer weinte und, Sie nicht; Sie hatten so etwas Listiges, machten still für sich Ihre mutwilligen kleinen Streiche, aßen heimlich Johannisbeeren, liefen allein in den Garten und hierher ins alte Haus.«
Sie antwortete mit einem Lächeln.
»Trinken Sie den Kaffee süß?« fragte sie, im Begriff, ihm ein Zuckerstückchen in die Tasse zu legen.
»Wie kalt sie ist, und . . . wie ungezwungen, so gar nicht verlegen!« dachte er.
»Ja, süß . . . Sagen Sie, Wjera – haben Sie wohl bisweilen an mich gedacht?« fragte er.
»Sehr oft: Tantchen hat uns ja so viel von Ihnen vorgeschwärmt!«
»Tantchen! Und Sie selbst?«
»Haben Sie denn an uns gedacht?« fragte sie, während sie achtgab, wie der Kaffee aus der Kanne in die Tasse floß, und nur ganz flüchtig zu Raiski aufblickte.
Er schwieg. Sie reichte ihm die Tasse und stellte ihm das Brot hin, während sie selbst den Kaffee mit dem Löffelchen zu sich nahm und von Zeit zu Zeit ein Stückchen Weißbrot auf den Löffel legte.
Hundert Fragen, die ihm durch den Kopf schwirrten, hätte er ihr vorlegen mögen, doch lief alles so wirr durcheinander, daß er nicht wußte, womit er anfangen sollte.
»Ich war bereits in Ihrem Zimmer . . . entschuldigen Sie meine Neugier . . .« sagte er.
»Es gibt hier nichts zu sehen,« versetzte sie, während sie aufmerksam umherspähte, ob sie nicht etwas liegengelassen hatte.
»Allerdings . . . Was für ein Buch haben Sie da?« fragte er und wollte ein neben ihr liegendes Buch aufnehmen.
Sie legte das Buch rasch auf ein hinter ihr befindliches Wandbrett. Er mußte lachen.
»Ganz so wie damals: rasch mit der Johannisbeere in den Mund! Zeigen Sie mir doch das Buch!«
Sie schüttelte verneinend den Kopf.
»So—o: also Sie lesen Bücher, die Sie niemand zu zeigen wagen!« scherzte er.
Sie schloß das Buch in den Schrank ein, setzte sich, die Arme über der Brust gekreuzt, ihm gegenüber und blickte zerstreut um sich. Zuweilen sah sie zum Fenster hinaus und schien seine Anwesenheit ganz vergessen zu haben. Nur wenn er eine Frage an sie richtete, sah sie ihn einfach und ungezwungen an.
»Trinken Sie noch eine Tasse?« fragte sie.
»Ja, wenn ich bitten darf. Hören Sie, Wjera – ich hätte Ihnen so viel zu sagen . . .«
Er erhob sich und durchschritt das Zimmer; gar zu gern hätte er ein Thema gefunden, das ihm die Möglichkeit bot, ein zusammenhängendes Gespräch mit ihr anzuknüpfen.
Er erinnerte sich, daß auch die Unterhaltung mit Marsinka anfänglich nur stockend vor sich gegangen war. Aber bei der lag der Grund in einer kindlichen Verschämtheit, von der hier nicht die Rede sein konnte. Nein, Wjera war nicht schüchtern – das sah man auf den ersten Blick; wohl aber hatte sie etwas Kaltes in ihrem Wesen und nahm anscheinend an ihm gar kein Interesse.
»Was hat das zu bedeuten: ist dieser Mangel an Furcht und Verlegenheit eine Folge ihrer angeborenen Unkenntnis, oder sind List und Verstellung mit im Spiele?« dachte er und gab sich alle Mühe, die Wahrheit zu erraten. »Ich bin doch für sie eine neue Erscheinung! Oder hält sie es vielleicht für unklug, Mund und Augen aufzureißen und mir zu verraten, welchen Eindruck ich auf sie mache? Nein, das kann nicht sein, das wäre gar zu subtil, gar zu fein gedacht und sähe einem solchen Dämchen vom Lande gar zu unähnlich. Doch wes Geistes Kind sie immer sei – jedenfalls ist sie anders als Marsinka. Und wie schön sie ist, mein Gott! In diesem Winkel hier solch eine Schönheit zu finden – wie seltsam!«
Er gab sich alle Mühe, sie aus ihrer vorsichtigen Haltung herauszulocken, auf eine lebendige Ader bei ihr zu treffen und sie zu aufrichtigen Erklärungen zu veranlassen. Aber je mehr Mühe er sich gab, je gereizter er wurde, desto kühler wurde sie. Unsicher tastete er von Frage zu Frage.
»Sie haben sich in meiner Abwesenheit meiner Bibliothek angenommen?« fragte er.
»Ein wenig, ja – dann nahm Leontij Iwanowitsch sie in seine Obhut. Ich war herzlich froh, die Sorge los zu sein.«
»Hoffentlich hat er nicht alle Bücher fortgenommen? Sie haben doch einiges für sich behalten?«
»Nein, er hat alles fortgebracht . . . doch es kann sein, daß Marsinka einige Bände behalten hat.«
»Und Sie? Hatten Sie nicht den Wunsch, etwas davon für sich zu nehmen?«
»Nein. Ich las, was mir gefiel, und stellte es wieder zurück.«
»Und was gefiel Ihnen denn?«
Sie schwieg.
»Nun, Wjera?«
»Sehr vieles; was es war, hab’ ich schon vergessen,« sagte sie und blickte dabei zum Fenster hinaus.
»Es sind verschiedene historische Werke darunter, auch einige Poesie . . . Haben Sie das alles gelesen?«
»Ja, so manches . . .«
Was zum Beispiel?«
»Ich weiß es wirklich nicht mehr!« versetzte sie träg – seine Fragen schienen ihr offenbar lästig zu sein.
»Lieben Sie Musik?« fragte er.
Sie sah ihn bei dieser neuen Frage forschend an.
»Lieben? Wie meinen Sie das? Soll das heißen, ob ich selbst musiziere, oder ob ich gern Musik höre?«
»Das eine wie das andere . . .«
»Nein, ich musiziere nicht selbst, und was das Anhören betrifft. . . wo bekommt man hier gute Musik zu hören?«
»Was lieben Sie überhaupt?«
Sie sah ihn wieder fragend an.
»Sind Sie gern in der Wirtschaft tätig? Befassen Sie sich mit Handarbeiten, mit Stickereien? . . .«
»Nein. Aber Marsinka versteht sich auf alle diese Dinge.«
Raiski sah sie an, machte ein paar Schritte durchs Zimmer und blieb dann vor ihr stehen.
»Sagen Sie, Wjera – Sie . . . fürchten sich wohl vor mir?« fragte er.
Sie verstand seine Frage nicht und sah ihn groß an, mit einer naiv erstaunten Miene, die so gar nicht zu ihren klugen, durchdringend scharfen Augen paßte.
»Warum sprechen Sie sich nicht frei aus? Warum halten Sie vor mir hinterm Berge?« fuhr er fort. »Sie denken vielleicht, ich könnte mich . . . über Sie lustig machen oder geringschätzig von den Dingen reden, die Sie interessieren . . . mit einem Wort: meine Fragen sind Ihnen peinlich, machen Sie verlegen und schüchtern . . .«
Sie blickte mit einem Ausdruck so spöttischer Verwunderung auf ihn, daß er nicht einen Augenblick darüber in Zweifel blieb, wie wenig von Verlegenheit und Schüchternheit bei ihr die Rede sein konnte.
Er begriff, daß seine Frage einfach töricht war, und er war auf sich selbst ernstlich erzürnt.
»Marsinka nämlich fürchtet sich vor mir,« sagte er, in der Absicht, den schlechten Eindruck zu verwischen, den seine Worte auf sie zu machen schienen. »Und dabei liegt gar kein Grund vor . . .«
»Ganz recht: auch ich sehe keinen Grund, mich vor Ihnen zu fürchten, und ich fürchte mich auch wirklich nicht . . .« antwortete sie mit einem feinen Lächeln.
»Aber sagen Sie: was lieben Sie überhaupt?« sprach er, die alte Frage wieder aufnehmend. »Bücher interessieren Sie anscheinend nicht besonders . . . in der Wirtschaft sind Sie, wie Sie sagen, nicht gern tätig . . . Irgend etwas muß es aber doch geben, das Ihnen Freude macht . . . Haben Sie Blumen gern?«
»Blumen? Wenn sie im Garten draußen stehen, hab’ ich sie gern, aber nicht im Zimmer, da machen sie zu viel Schererei.«
»Und lieben Sie die Natur . . . im allgemeinen so, mein’ ich . . .?«
»O ja – diesen lauschigen Winkel hier, die Wolga, die Schlucht, den Wald dort, den Garten: das alles liebe ich sehr!« versetzte sie, und ihr Auge ruhte mit offenbarer Freude auf dem Landschaftsbilde vor ihrem Fenster.
»Was fesselt Sie denn so sehr an diesen Winkel hier?«
Sie schwieg und fuhr fort, gleichsam jeden Baum, jeden Hügel, jede Biegung des Flusses mit entzückten Blicken zu liebkosen.
»Alles,« entgegnete sie gleichmütig auf seine Frage.
»Gewiß, das alles ist schön und anziehend, aber es dürfte doch auf die Dauer nicht genügen: diese Aussicht, dieses Ufer, die Berge, der Wald – es muß Sie doch mit der Zeit langweilen, wenn nicht irgendein lebendes, gleichfühlendes Wesen Ihre Sympathien teilt und immer wieder auffrischt . . .«
»Ganz recht: es müßte mich mit der Zeit langweilen . . .« pflichtete sie ihm bei.
»Sie haben also hier jemanden, mit dem Sie Ihre Sympathien teilen und Ihre Gedanken austauschen?«
Sie schwieg und tat, als höre sie ihn nicht.
»Wie steht’s damit, Wjera?«
»Wie? . . . Sie wissen doch, daß ich hier nicht allein lebe,« sagte sie. »Ich habe die Tante, habe Marsinka . . .«
»Sollten Sie wirklich mit ihnen Ihre Sympathien teilen und Ihre Gedanken austauschen?«
Sie sah ihn ein wenig verwundert an: »Warum nicht?« stand in ihren Augen zu lesen.
»Nein,« fuhr er fort, »nicht die Ihrigen hier meine ich. Doch vielleicht gibt es sonst jemanden, mit dem Sie gern dort am Rande der Schlucht stehen oder im dichten Gebüsch sitzen – es ist ja auch eine Bank da . . . mit dem Sie den Morgen, den Abend, die ganze Nacht dort zubringen, ohne zu merken, wie die Zeit verrinnt, ohne Unterlaß plaudernd oder auch halbe Tage lang schweigend, ganz im Gefühl des Glücks, des gegenseitigen Verstehens . . . so daß Sie nicht nur wissen, was der andere denkt, wenn er spricht, sondern auch, wenn er schweigt . . . daß er in dem abgrundtiefen Blicke Ihres Auges das Geheimnis Ihrer Seele, das Flüstern Ihres Herzens zu lesen vermag . . . das, ja – das müßte schön und herrlich sein!«
Sie saß mit gesenkten Wimpern da, wie in tiefes Nachdenken versunken.
»Vielleicht gibt es solch einen Partner Ihres Wesens,« fuhr er, während er sie forschend ansah, in seiner Rede fort – »der, wenn er gleich in der Ferne weilt, doch ewig um Sie ist, daß Sie seine Nähe fühlen, daß er einen Teil Ihres Seins in sich trägt, wie Sie einen Teil seines Herzens, seines Denkens, seines Schicksals in sich tragen, daß Sie diese Berge und Wälder nicht mit Ihren Augen allein sehen, dieses Rauschen nicht mit Ihren Ohren allein hören, daß vom lauen Hauch der dunklen Nacht nicht Ihr Antlitz allein umfächelt wird, sondern überall jenes zweite, verwandte Wesen mit Ihnen ist . . .«
Sie machte plötzlich eine rasche Bewegung und warf ihm einen Blick zu, der ihn wie ein jäher Lichtstrahl traf. Unwillkürlich hielt Raiski einen Augenblick inne, doch der Strahl erlosch, und sie saß wieder unbeweglich da.
»Nur dann,«’ fuhr er, während er in ihren Zügen zu lesen suchte, fort – »ja, nur dann hat alles das einen Sinn, nur dann bedeutet es Freude und Glück. Mein Gott, und welch ein Glück! Haben Sie hier solch einen Partner – solch ein zweites Herz, eine zweite Seele, die Sie in innigem Austausch teilnehmen lassen an dem Leben Ihres Herzens und Ihrer Seele? Existiert es, dieses zweite Wesen?«