Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 29
»Ja, es existiert!« sagte sie, und deutlich klang jener seltsame, tiefe Flüsterton in ihrer Stimme mit.
»Es existiert?! Und wer ist dieses glückliche Wesen?« fragte er in einem Tone, aus dem es wie Neid und Eifersucht, ja fast wie Furcht hervorklang.
Sie schwieg ein Weilchen.
»Es ist . . . die Frau des Popen, bei der ich zu Gaste war— man hat Ihnen wohl von ihr erzählt?« antwortete Wjera, erhob sich von ihrem Stuhle und strich mit der Hand über ihre Schürze, um die Zwiebackkrümchen davon zu entfernen.
»Die Frau des Popen!« wiederholte Raiski ungläubig.
»Ja, sie ist mein Seelenpartner. Wenn sie mich besucht, blicken wir oft stundenlang auf die Wolga und können uns nicht satt sehen und satt plaudern. Und auch auf jener Bank sitzen wir, wie Sie richtig erraten haben . . . Trinken Sie nicht mehr? Dann lasse ich abräumen . . .«
»Die Frau des Popen!« wiederholte er, in Nachdenken versunken, ohne zu hören, was sie sagte, und ohne zu bemerken, daß sie lächelte, und daß ihr Kinn dabei bebte.
Auf sein Gesicht aber legte sich eine Wolke von Zweifel, Mißtrauen und grundloser, unmotivierter Trauer. Er begann sich selbst zu analysieren und mußte sich gestehen, daß er Wjera keineswegs aus Teilnahme nach diesem »jemand« ausgeforscht hatte, mit dem sie ihre Sympathien austauschte, sondern um sie auszuhorchen und vor ihr zu prunken, sie einen Blick in seine reiche Gedanken- und Gefühlswelt tun zu lassen. Er mußte sich sagen, daß er insgeheim die Hoffnung gehegt hatte, in ihr ein ebenso jugendlich-knospenhaftes Wesen zu finden wie in Marsinka, und daß er, zunächst wohl unbewußt, im stillen sich selbst die Rolle zugeteilt hatte, die junge Knospe zur Entwicklung zu bringen, die Landschaft da draußen für sie zu beleben und ihr »Partner« zu werden.
Dieselben Wünsche und Bestrebungen, mit einem Wort, die bei der Begegnung mit der Bjelowodowa und mit Marsinka sich in ihm geregt hatten, traten auch jetzt zutage, und zwar um so stärker und unwiderstehlicher, als Wjeras Schönheit etwas so geheimnisvoll Lockendes hatte und der ganze Reiz ihres Wesens nicht auf einmal zutage trat, wie bei jenen beiden und so vielen anderen, die er gekannt hatte, sondern sich hinter dem Schleier der Zurückhaltung barg und seine Phantasie schon bei dieser ersten Begegnung aufs
lebhafteste reizte. Was würde die Zukunft ihm noch über sie enthüllen: wer war sie, was war sie? Eine listige Kokette, eine geschickte Schauspielerin – oder eine tief angelegte, zarte Frauennatur, eins von jenen Wesen, die ganz nach Willkür mit dem Leben eines Menschen spielen, ihn mit Füßen treten, seine Existenz vernichten – – oder ihm ein Glück gewähren, wie es köstlicher, heißer, lebendiger einem Sterblichen nicht gewährt werden kann?
»Wollen Sie noch Kaffee trinken?« fragte Wjera zum zweiten Male.
»Nein, ich danke. – Sagen Sie einmal, Wjera – Lieben Sie die Großtante und Marsinka?« fragte er nachdenklich, um auf ein anderes Thema überzugehen.
»Wen sollte ich denn sonst noch lieben?«
»Und lieben Sie mich?« fragte er plötzlich, einen scherzhaften Ton anschlagend.
»Auch Sie werde ich lieben,« sagte sie, ihn mit heiterem Blick ansehend, – »wenn Sie . . . es verdienen!«
»Ah, so—o! Aber ich bin doch Ihr Bruder: Sie sind mir auch ohnedies Liebe schuldig!«
»Ich bin keinem Menschen etwas schuldig!«
»Wie Sie prahlen können! ›Ich bin niemand verpflichtet, beuge mich vor niemand, fürchte niemand: ich bin stolz!‹ . . . Ist’s nicht so?«
»Nein, durchaus nicht.«
Raiski schwieg einen Augenblick.
»Sie ist über diese Gemeinplätze noch nicht hinweg – noch zu sehr Provinz,« dachte er, während er verstimmt im Zimmer auf und ab schritt.
»Und wie muß man es denn anfangen, um ein solches Glück zu verdienen?«
»Welches Glück?«
»Das Glück, Ihre Liebe zu erringen . . .«
»Es heißt, daß die Liebe so gegeben wird, ohne Verdienst, daß sie blind ist . . . Ich weiß im übrigen nicht . . .«
»Zuweilen keimt sie doch auch zwischen Sehenden auf,« versetzte Raiski – »auf dem Wege des Vertrauens, der Achtung, der Freundschaft. Mit diesen möchte ich beginnen, um mit der Liebe zu enden. Was muß ich also tun, liebe Schwester, um Ihre Blicke auf mich zu ziehen, Ihre Aufmerksamkeit zu verdienen?«
»Was Sie tun müssen? Mich überhaupt nicht beachten,« sagte sie nach kurzem Schweigen.
»Wie – ich soll so tun, als bemerke ich Sie gar nicht? . . .«
»Sie sollen nicht so große Augen machen, wie eben jetzt!« fiel sie ihm ins Wort. »Dann sollen Sie auch nicht in mein Zimmer gehen, wenn ich nicht da bin, und mich nicht fragen, wen und was ich liebe oder nicht liebe . . .«
»Wie stolz! . . . Aber sagen Sie, Schwester – entschuldigen Sie meine Offenheit: ist dieser Stolz nicht ein bißchen übertrieben?«
Sie schwieg.
»Wollen Sie nicht ein klein wenig mit Ihrem unabhängigen Charakter prahlen? Sie halten es vielleicht mit dem Selfgouvernment, wollen zeigen, daß Sie sich von den hiesigen Autoritäten, von Tantchen, von Nil Andreitsch usw. emanzipiert haben?«
»Sie wollen anscheinend jetzt gleich den Anfang damit machen, mein Vertrauen und meine Freundschaft zu verdienen?« versetzte sie lachend, nahm dann aber eine ernste Miene an und sah müde und gelangweilt aus. »Ich verstehe nicht ganz, was Sie eigentlich sagen wollen,« fügte sie hinzu.
»Ich sagte das alles nur darum, weil Tantchen mir mehrfach versicherte, Sie seien sehr stolz.«
»Tantchen? Wie konnte sie das sagen? Ich bin durchaus nicht stolz. Wie kam sie dazu, Ihnen das zu versichern?«
»Ich habe mich entschlossen, Ihnen und Marsinka das alles hier, die beiden Häuser, die Gartenanlagen und den Park, zum Geschenk zu machen. Sie meinte nun, Sie würden das Geschenk nicht annehmen – hat sie recht gehabt?«
»Es ist ganz mir gleich, ob es Ihnen oder mir gehört, wenn ich nur hier bleiben kann,« sagte Wjera.
»Sie selbst wollte aber nicht hierbleiben – sie wollte nach Nowosselowo ziehen . . .«
»In der Tat?« rief Wjera jäh aus, und es klang wie Angst aus ihrer Stimme.
»Nun, ich habe alles wieder ins gleiche gebracht: welchen Sinn hätte es für Sie, hier fortzuziehen? Marsinka hat das Geschenk angenommen, jedoch nur unter der Bedingung, daß auch Sie einwilligen. Auch Tantchen ist schwankend geworden und wartet offenbar mit ihrer Entscheidung, bis Sie sich geäußert haben. Nun – und was werden Sie sagen? Werden Sie es annehmen, als Schwester vom Bruder?«
»Ja, ich nehme es an,« sagte sie hastig. »Oder nein: warum sollen Sie es mir schenken? Ich kaufe es Ihnen ab. Verkaufen Sie mir das alles hier – ich bin nicht ohne Mittel, ich zahle Ihnen dafür fünfzigtausend Rubel.«
»Nein, darauf lasse ich mich nicht ein.«
Sie stand einen Augenblick sinnend da und warf einen Blick auf die Wolga, die Schlucht und den Park.
»Gut, wie Sie wollen – ich bin mit allem einverstanden, wenn wir nur hier bleiben.«
»Dann kann ich also die Schenkungsurkunde ausstellen lassen?«
»Ja . . . ich danke Ihnen,« sagte sie, trat auf ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen. Er nahm sie, schüttelte sie und küßte sie dann auf die Wange. Sie erwiderte durch einen kräftigen Händedruck und einen Kuß in die Luft.
»Sie scheinen diesen Winkel und das alte Haus wirklich sehr zu lieben?« »Ja, sehr . . .«
»Hören Sie, Wjera: überlassen Sie mir ein Zimmer hier im Hause – wir wollen zusammen lesen, studieren . . . Interessieren Sie sich für wissenschaftliche Dinge?«
»Was sollen wir denn studieren?« fragte sie verwundert.
»Nun, sehen Sie: ich möchte für Marsinka einen praktischen Kursus der Literatur- und Kunstgeschichte arrangieren. Haben Sie keine Angst,« fügte er rasch hinzu, als er sah, daß ein Schatten sich auf ihr Gesicht legte – »unser Kursus wird sich auf etwas Lektüre und die daran anschließende Unterhaltung beschränken . . . Wir werden alles mögliche lesen, Altes und Neues, Einheimisches und Fremdes . . .
Wir werden uns gegenseitig unsere Eindrücke mitteilen und über das Gelesene diskutieren . . . Das wird für mich eine angenehme Beschäftigung sein und vielleicht auch Ihnen Vergnügen machen. Lieben Sie die Kunst?«
Sie gähnte leise in die vorgehaltene Hand, und er bemerkte es.
»Es scheint, daß sie keine Lust hat, die Schülerin zu spielen: entweder weiß sie schon alles, oder sie will nichts wissen,« entschied er im stillen.
»Wie lange gedenken Sie hier zu bleiben?« fragte sie ihrerseits nach einem Weilchen, ohne auf seine Frage zu antworten.
»Ich weiß es nicht: das hängt von den Umständen ab, und . . . von Ihnen . . .«
»Von mir?« wiederholte sie und sah, in Nachdenken versunken, zur Seite.
»Gehen wir hinüber in das andere Haus,« schlug er vor. »Ich will Ihnen meine Skizzenbücher und meine Zeichnungen zeigen, wir wollen miteinander plaudern.«
»Gut, gehen Sie voraus, und ich komme nach. Ich habe mich hier noch gar nicht wieder eingerichtet und muß erst meine Sachen einräumen . . .«
Er zögerte. Sie hielt die Türklinke in der Hand und wartete, ob er nicht gehen würde.
»Mein Gott, wie schön sie ist! Und was für eine seltsame, stechende Schönheit!« dachte er, während er sich nach seinem Zimmer begab und zu ihrem Fenster hinaufblickte.
»Wjera Wassiljewna ist angekommen!« sagte er lebhaft zu Jakow, den er im Vorzimmer traf.
»Tantchen, Wjera ist angekommen!« rief er laut, als er am Kabinett der Großtante vorüberging, und klopfte an die Tür.
»Marsinka!« schrie er an der Treppe, die zu Marsinkas Zimmer führte – »Wjerotschka ist angekommen!«
Ein hastiges Laufen, Lärmen und Rufen, vermischt mit dem Klirren von Schlüsseln und dem Fauchen des Samowars, war die Antwort auf die Nachricht, die er brachte.
Er begann hastig in seinen Mappen und Papieren zu wühlen, trug, was er ausgewählt hatte, in den Salon, breitete es dort auf dem Tische aus und wartete mit Ungeduld, bis Wjera, nachdem sie alle Umarmungen, Zärtlichkeiten und Fragen der Großtante und Marsinkas überstanden hätte, endlich zu ihm eilen würde, um das begonnene Gespräch fortzusetzen, das, wenn es nach ihm gegangen wäre, nie ein Ende gefunden hätte. Er wunderte sich selbst über seine Behendigkeit und schämte sich sogar ein wenig dieser Geschäftigkeit, die wirklich so aussah, als wolle er um jeden Preis »ihre Aufmerksamkeit, ihre Freundschaft und ihr Vertrauen verdienen«.
»Wart’ nur,« dachte er, »ich will dir beweisen, daß du im Vergleich zu mir nichts weiter bist als ein unbedeutendes kleines Provinzdämchen!«
Er wartete mit Ungeduld, aber wer nicht kam, war Wjera. Er hatte es sich so zurechtgelegt, daß er sie zunächst in ein endloses Gespräch über die Kunst verwickeln würde, um dann auf das Wesen der Schönheit, die Welt der Gefühle usw. überzugehen.
»Noch hat dir die Frau des Popen nicht alles offenbart!« dachte er. »Noch sind dir gar weite Gebiete des Geistes- und Gefühlslebens verschlossen geblieben – wir wollen doch sehen, ob du deiner selbst wirklich so sicher bist, wenn du erst . . .«
Doch sie kam und kam nicht. Er wurde ganz ernsthaft böse, packte seine Zeichnungen zusammen und wollte sie eben in sein Zimmer zurücktragen, als plötzlich die Tür weit aufging und . . . Paulina Karpowna vor ihm stand, in einem wolkenartigen Musselinkleide, mit blauen Bändern um den Hals, auf der Brust, über dem Magen, an den Schultern und einem durchsichtigen Hütchen mit Ähren und Vergißmeinnichtblüten auf dem Kopfe. Hinter ihr her kam, mit Fächer und Klappstuhl beladen, ihr Kadett ins Zimmer stolziert.
»O mein Gott!« rief Raiski, und ein schmerzliches Zucken ging über sein Gesicht.
»Bon jour!« rief sie ihm entgegen. »Sie haben mich nicht erwartet? Ich sehe es, ich sehe es! Du courage! Ich kann alles begreifen. Ich machte mit Michel einen Spaziergang durchs Gehölz und dachte: du wirst einmal bei ihnen vorsprechen! – Michel! Saluez donc monsieur et mettez tout cela de côté! – Was haben Sie denn da? Ah, Ihre Skizzenbücher und Zeichnungen, die Erzeugnisse Ihrer Muse. Ich bin schon ganz hin vor lauter Entzücken, ehe ich noch etwas gesehen habe. Zeigen Sie her, zeigen Sie her, um Gottes willen! Setzen Sie sich hierher – so, näher heran, näher heran . . .«
Sie brauchte den Diwan und noch ein paar Stühle dazu, um ihr Kleid darauf auszubreiten. Raiski hätte ihr am liebsten die Mappen und Hefte an den Kopf geworfen. Er stand da und wußte nicht, ob er aus dem Zimmer gehen und sie allein lassen, oder ob er sich vor seinem Schicksal demütig beugen und ihr die Zeichnungen zeigen sollte.
»Nicht so zaghaft, immer Mut, Mut!« rief sie ihm zu. »Michel, allez vous promener un peu dans le jardin! Setzen Sie sich doch hierher, näher zu mir!« sagte sie, als der Kadett hinausgegangen war.
Raiski brach plötzlich in ein nervöses Lachen aus und setzte sich neben sie.
»So ist’s recht!« sagte sie, und im Flüsterton fügte sie hinzu: »Ich sehe, daß Sie mich verstehen . . .«
Raiski erlangte seine gute Laune wieder.
»Die spielt ihre naive Komödienrolle wenigstens offen, ohne die Winkelzüge und Heimlichkeiten, wie sie der andern belieben . . .« dachte er.
»Nein, wie lieb! Charmant, ce paysage!« schwatzte die Krizkaja drauf los, während sie die Zeichnungen betrachtete. – »Qu’est-ce que c’est que cette belle figure?« fragte sie, ein Aquarellporträt der Bjelowodowa eingehend prüfend. – »Ah, que c’est beau! Das ist wohl der Gegenstand Ihrer Anbetung? Bekennen Sie!«
»Ja.«
»Ich wußte es – oh, vous êtes terrible, allez!« sagte sie und versetzte ihm mit dem Fächer einen leichten Schlag auf die Schulter.
Er lachte.
»Es seufzen doch sicher sehr viele nach Ihnen – n’est-ce pas? Gestehen Sie es nur! Und was hier noch alles zu erwarten steht!«
Sie warf ihm einen langen, schelmisch forschenden Blick zu.
»Monstre!« rief sie dann mit komischer böser Miene.
»O, Gott, wie widerwärtig ist sie doch: prügeln möchte man sie!« dachte er, wieder in seinen ganzen Ingrimm zurückfallend, und knirschte mit den Zähnen.
»Ich habe eine Bitte an Sie, Mr. Boris – hoffentlich darf ich mir die kleine Vertraulichkeit erlauben, Sie so zu nennen? . . .Faites mon portrait!«
Er schwieg.
»Ma figure y prête, j’espére?«
Er schwieg noch immer.
»Sie schweigen – also ist die Sache abgemacht? Wann darf ich Ihnen sitzen? Was für ein Kleid soll ich anziehen? Raten Sie mir, ich verlasse mich ganz auf Sie, bin ganz Ihre ergebene Dienerin . . .« flüsterte sie in einschmeichelndem Lispelton, wobei sie ihn zärtlich ansah und fast geneigt schien, ihren Kopf an seine Schulter zu legen.
»Lassen Sie mich hinaus, um Gottes willen: ich muß in die frische Luft!« rief er in höchster Qual und erhob sich, seine Beine nur mit Mühe aus dem Gefält ihrer Röcke befreiend.
»Ah, Sie sind erregt – ganz natürlich, ja, ja, ich habe das beabsichtigt, und ich habe es erreicht!« rief sie triumphierend und fächelte sich das Gesicht. »Wann fangen wir also mit dem Porträt an?«
Er wickelte schweigend seine Beine aus dem Gewirr ihrer Röcke heraus.
»Oh, oh – Sie sind gefangen: ich lasse Sie nicht los!« neckte sie ihn und suchte ihn in der Umstrickung festzuhalten.
»Lassen Sie mich los – sonst schrei’ ich!«
In diesem Moment ging leise die Tür auf, und Wjera erschien auf der Schwelle. Sie stand ein paar Augenblicke da, ehe die beiden sie bemerkten. Die Krizkaja sah sie zuerst und rief in scherzendem Tone:
»Ah, Wjera Wassiljewna! Sie sind zurück? Welch ein Glück! Sie haben uns gefehlt: sehen Sie nur, Ihr Cousin ist gefangen – wie ein Löwe, der in die Falle geraten ist, nicht wahr? Wie geht’s Ihnen, meine Liebe? Sie sehen recht frisch aus, haben zugenommen . . .«
Und sie erhob sich, um Wjera durch einen Kuß zu begrüßen.
Wjera hatte schweigend die sonderbare Szene betrachtet: um ihr Kinn zitterte ein feines Lachen.
»Ich habe Sie schon längst erwartet,« bemerkte Raiski trocken zu ihr.
»Ich habe gut daran getan, nicht eher zu kommen,« sagte Wjera ironisch, doch dabei höflich, als sie die Krizkaja begrüßt hatte. »Paulina Karpowna ist zur rechten Zeit gekommen . . .«
»N’est-ce pas?«
Sie hat jedenfalls mehr Verständnis für diese Sachen als ich: ich habe in Dingen der Kunst kein Urteil, und auch mein Geschmack ist nicht weit her,« fuhr Wjera fort, nahm zwei oder drei Zeichnungen auf, betrachtete sie flüchtig, legte sie wieder hin und trat vor den Spiegel, in dem sie sich aufmerksam betrachtete.
»Wie blaß ich heute bin: der Kopf tut mit etwas weh – ich habe heute Nacht schlecht geschlafen. Auf Wiedersehen, Cousin, ich will noch etwas ruhen. Entschuldigen Sie mich, Paulina Karpowna!« fügte sie hinzu und schlüpfte zur Tür hinaus.
Man hörte ihre Schritte nicht, nur das Knarren der Treppe ließ darauf schließen, daß sie zu Marsinka hinaufging.
»Nun sind wir wieder allein!« sagte Paulina Karpowna, während sie den Diwan und den halben Tisch mit ihren Röcken bedeckte. »Lassen Sie sehen! Setzen Sie sich hierher, ganz nahe zu mir!«
Raiski raffte schweigend, mit einer einzigen Handbewegung, alle Zeichnungen und Hefte in einen Haufen zusammen, schob alles in die größte Mappe hinein, klappte sie heftig zu und ging, ohne sich umzusehen, mit zornigem Schritt zur Tür hinaus.
Siebzehntes Kapitel
Raiski beschloß, Wjera durch Gleichgültigkeit zu bestrafen, ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Statt dessen jedoch ging er drei Tage lang schmollend umher. Wenn er ihr begegnete, wechselte er höchstens zwei, drei Worte mit ihr, doch sprach aus diesen sein ganzer verhaltener Ärger.
Er verschloß sich in seinem Zimmer, arbeitete an dem Plane seines Romans und schrieb einige Bemerkungen »über die vergiftende Wirkung der Langenweile« nieder, die bereits für den Roman bestimmt waren. Er analysierte dieses Leiden, das ihn seit einiger Zeit wieder peinigte, indem er das Tatsachenmaterial aus seinem Innenleben hervorholte. Er wollte abreisen, irgendwohin, wo es noch stiller, noch einsamer wäre, vielleicht nach Nowosselowo, dem Gute der Großtante, um dort in gänzlicher Abgeschiedenheit an dem Aufbau seines Romans, dem Netz all der mannigfachen Beziehungen und Handlungen, zu arbeiten, den beherrschenden Mittelpunkt für das geplante Gemälde zu finden, alle Zusammenhänge logisch einzuordnen und seine zukünftige Schöpfung von vornherein zum Range des Kunstwerkes zu erheben.
Hier war alles seiner Arbeit hinderlich. Eben hat Marsinka im Garten ein Liedchen angestimmt: »Du mein herziger Schatz, o wie lieb’ ich dich treu!« singt sie mit ihrer reinen, wohltönenden Stimme, und nicht eine Spur von Liebe klingt dabei aus dieser Stimme, die durch die Stille des Gartens und Parkes schallt; dann hört man, wie sie mitten im Gesange innehält und Matrona zuruft, sie solle Kopfsalat zum Mittagessen ausschneiden; und wieder nach einer Welle hört man ihr helles Lachen schon irgendwo aus einer Gruppe von Bauernkindern.
Ein paar Bauernfuhren, mit Hafer oder Mehl beladen, kommen auf den Hof gefahren; die Räder knarren, das Hofgesinde läuft schwatzend hin und her, Türen werden geschlagen – kurz, alles stört und hindert ihn.
Weiter hinaus sieht er aus dem Fenster den goldig schimmernden Hain, die weißen Buchweizenfelder, die blühenden Mohnbeete und Kleeschläge, die das Bild der Landschaft so mannigfach bunt färben und Augen und Sinn von den Heften abziehen.
Lange kämpfte Raiski mit sich selbst, um nicht nach Wjeras Fenster hinaufzusehen: endlich aber hielt er’s nicht mehr aus und schielte wenigstens heimlich hinüber. Es war ganz still dort, sie selbst war unsichtbar, nur der lila Vorhang wurde leicht vom Winde bewegt.
Gestern hatte sie den ganzen Abend im Kabinett Tatjana Markownas zugebracht: alle, auch Marsinka und Tit Nikonytsch, waren da zusammengewesen. Marsinka hatte eine Handarbeit vor, goß den Tee ein und spielte später Klavier. Wjera schwieg; wurde sie nach etwas gefragt, so antwortete sie, ergriff jedoch niemals selbst das Wort. Sie trank keinen Tee, stocherte beim Abendbrot nur in zwei, drei Tellern mit der Gabel herum, nahm ein paar Bissen in den Mund, aß einen Löffel Kompott und ging sogleich nach dem Abendbrot, um sich schlafen zu legen. Je weniger Raiski sie beachtete, desto freundlicher war sie gegen ihn; doch küßte sie ihn nie, obschon die Großtante darauf bestand, nannte ihn auch nicht Bruder, sondern Cousin, und wollte ihn, dem Befehl der Tante zum Trotz, nicht duzen, wiewohl er selbst längst zum traulichen »Du« übergegangen war. Sowie er sie jedoch groß ansah und auszufragen begann, wurde sie mißtrauisch und vorsichtig und verschloß sich vor ihm gleichsam in sich selbst.
Raiski ärgerte sich darüber, daß ihr Bild sich immer und immer wieder in seinen Vorstellungskreis drängte. Wenn sie schon sein Erscheinen kaum zu bemerken schien, so suchte er sich erst recht in den Mantel der Unnahbarkeit und Gleichgültigkeit zu hüllen und zu vergessen, daß sie mit ihm unter einem Dache lebte. Und zwar tat er das nicht bloß zum Schein, um sich vor ihr aufzuspielen, sondern in dem ernsthaften Bestreben, seine Beziehungen zu ihr auf einen rein äußerlichen Fuß zu stellen.
Aber je mehr er sich Mühe gab, diesem Ziele näherzukommen, desto lebhafter regte sich zu seinem Ärger in ihm der Drang, jeden ihrer Schritte, jede Bewegung, jedes Wort in kleinlicher und zudringlicher Weise zu überwachen. Zuweilen gelingt es ihm, sich für ein Weilchen zu beherrschen, aber schon bohrt die Neugier wieder in ihm, er muß einen raschen, verstohlenen Blick nach ihr werfen – und alles ist vorüber. Und dann vermag er schon gar nicht mehr, die Augen von ihr abzuwenden.
Alles schien ihm wie umgewandelt, sobald sie ins Zimmer trat: als wenn ein anderes Licht auf alle Gegenstände fiele; der schlichteste Raum wurde durch ihren Eintritt für ihn zum Tempel, und sie selbst stand, ob sie sich gleich in den äußersten Winkel flüchtete, stets im Vordergrunde, wie auf einem Piedestal, wie von magischen Flammen oder von silbernem Mondschein beleuchtet.
Kam sie, während er bei herabgelassenem Vorhang in seine Arbeit vertieft war, auf dem Gartenpfade daher, dann hätte er, ohne den Kopf zu heben, ruhig weiterarbeiten sollen; statt dessen lüftete er in dem krampfhaften Bemühen, nur ja nicht zu verraten, daß er ihr Kommen bemerkt habe, ganz behutsam, wie ein verliebter Narr, einen Zipfel des Vorhangs, beobachtete, wie sie ging, was für eine Miene sie machte, worauf ihr Blick sich richtete, und suchte ihre Gedanken zu erraten. Natürlich bemerkte sie es, daß der Zipfel gehoben wurde, und erriet auch, weshalb es geschah.
Geht er selbst über den Hof oder durch den Garten, dann beginnt er, statt geradeaus zu gehen und sich nicht lange umzusehen, auf seltsame Art zu manövrieren, guckt erst nach der von ihren Fenstern abgewandten Richtung und hebt dann plötzlich den Blick zu ihnen empor, um natürlich ihrem Blick zu begegnen, dem, wie ein fein ironisches Lächeln ihn belehrt, seine Manöver nicht entgangen sind. Oder er fragt Marina aus, wo sie ist, und was sie treibt, und hat er sie aus den Augen verloren, so läuft er umher und sucht sie überall wie eine Stecknadel, um dann, sobald er sie entdeckt hat, wieder den Gleichgültigen zu spielen.
Zuweilen sprach er zwei Tage lang hintereinander mit Wjera kein Wort, traf sie nicht ein einziges Mal – und wußte doch in jedem Augenblick ganz genau, wo sie war, und was sie vorhatte. Er besaß von jeher eine sehr scharfe Beobachtungsgabe, die, wenn es sich um einen Gegenstand handelte, der ihn interessierte, sich zur höchsten Feinheit und Eindringlichkeit steigern konnte, jetzt aber, bei der schweigsamen Überwachung Wjeras, schon fast die Stufe des Hellsehens erreichte.
Er vernahm ihre Stimme durch die Wände hindurch und konnte in jedem Augenblicke, gleichsam instinktiv, voraussagen, was sie reden, und wie sie handeln würde. Innerhalb weniger Tage hatte er ihre Gewohnheiten, ihren Geschmack, verschiedene ihrer kleinen Neigungen genau kennengelernt, freilich nur solche, die sich auf ihr äußerliches, häusliches Leben bezogen.
Ihr sittliches Ich dagegen blieb für ihn noch immer in Dunkel gehüllt.
In der Unterhaltung ließ sie sich nie von seiner glühenden Phantasie mit fortreißen, seine Scherze beantwortete sie nur mit einem leichten Lächeln, und wenn es ihm gelang, sie richtig zum Lachen zu bringen, dann konnte er wohl sehen, wie ihr Kinn zu zittern und zu zucken begann, doch verfiel sie alsbald wieder in gleichgültiges Schweigen oder stilles Sinnen, über dem sie seine Anwesenheit völlig zu vergessen schien. Weckte er sie daraus durch eine Frage oder eine Bewegung, dann fuhr sie wie aus tiefem Schlafe jäh empor.
Sie hatte es nicht gern, wenn jemand zu ihr in das alte Haus kam. Auch die Großtante ließ sie dort unbehelligt, und Marsinka, die ohnedies das alte Haus mied, wurde von ihr ohne weiteres fortgeschickt.
Kam Raiski hinüber, so wartete sie, ob er nicht bald wieder gehen würde, und wenn er Miene machte, länger zu verweilen, so blieb sie aus Höflichkeit vielleicht zehn Minuten, um ihn dann allein zu lassen.
Jede persönliche Zuneigung schien ihr, so unnatürlich das bei einem jungen Mädchen auch sein mochte, gänzlich fremd zu sein: diesen Eindruck wenigstens machte äußerlich ihr Verhalten, und in ihre Seele ließ sie niemanden schauen. Von der Großtante und Marsinka sprach sie stets in ruhigem, fast gleichgültigem Tone.
Eine regelmäßige Beschäftigung hatte sie nicht. Wenn sie las oder nähte, so tat sie es ganz beiläufig und sprach auch nicht viel von dem, was sie gelesen hatte. Auch Klavierspielen war nicht nach ihrem Sinn; ab und zu griff sie ein paar lose, unzusammenhängende Akkorde, denen sie dann eine ganze Weile lauschte; wenn Marsinka neue Noten bekam, suchte sie dies oder das heraus, sagte: »Spiel’ das einmal!« und dann: »Jetzt das . . . und dann das . . .« – hörte eine Weile zu, blickte starr zum Fenster hinaus und erwähnte das durchgespielte Stück nie wieder mit einer Silbe.
Es fiel Raiski auf, daß die Großtante, die Marsinka jeden Augenblick mit Belehrungen und Warnungen aller Art bedachte, in dieser Hinsicht Wjera gegenüber weit zurückhaltender war, einerseits in gewisser Rücksichtnahme, andererseits, weil sie nur wenig Hoffnung hatte, daß das ausgestreute Samenkorn viel Frucht tragen würde.
Es kam jedoch vor, daß Wjera plötzlich von einem fieberhaften Tätigkeitsdrange ergriffen wurde; dann entwickelte sie eine erstaunliche Behendigkeit und eine Fülle von kleinen Geschicklichkeiten, die man ihr nicht zugetraut hätte. Es handelte sich dabei zumeist um Angelegenheiten der Wirtschaft oder der Toilette, die wohl zu unwichtig waren, um Raiski, in der ersten Zeit wenigstens, besonders aufzufallen. So fertigte sie einmal aus einem Stück Nesseltuch in kaum anderthalb Stunden zwei Häubchen, eins für die Großtante und eins für die Krizkaja, und bewies dabei einen überaus feinen Geschmack und eine große Gewandtheit. Fünf Minuten später dachte sie nicht mehr an die Häubchen und saß wieder untätig da.
Zuweilen glaubte sie in den Augen der Großtante einen Vorwurf zu lesen – dann gab sie sich mit ganz besonderem Eifer diesem Tätigkeitsdrange hin. Sie begann Marsinka in der Wirtschaft zu helfen und brachte in zehn, zwölf Minuten, gleichsam stoßweise, alles mögliche zustande. Sie nimmt etwas vor und beendet es rasch, wendet sich ab und vergißt es, greift dann nach etwas anderem, macht es ebenfalls fertig und verschwindet so rasch, wie sie gekommen ist.
Zuweilen klagt die Tante, daß sie mit der Unterhaltung der Gäste nicht zu Rande kommt, und ist unwillig darüber, daß Wjera ihr nicht helfen will. Wjera runzelt die Brauen, sie leidet offenbar selbst darunter, daß sie sich nicht zu zwingen vermag. Dann aber erscheint sie ganz plötzlich und unerwartet unter den Gästen, so heiter, die Augen so voll warmer, treuherziger Güte, die Rede so voll Geist und Grazie, daß die Großtante ganz hin ist vor lauter Erstaunen. Und so bleibt sie während des ganzen Abends, zuweilen während eines ganzen Tages, und morgen ist alles wie abgeschnitten: sie ist wieder ganz in sich gekehrt, und niemand weiß, was ihren Sinn beschäftigt, was in ihrer Seele vorgeht.
Das war alles, was Raiski bisher hatte beobachten können: es war nicht mehr als das, was auch die andern sahen und wußten. Aber je dürftiger das Tatsachenmaterial war, das er gesammelt hatte, desto eifriger arbeitete seine Phantasie in Verein mit dem analysierenden Verstande, um endlich den Schlüssel zu dieser verschlossenen Tür zu finden.
Seit er sich mit dem neuen Problem »Wjera« abgab, wurden seine Debatten mit der Großtante seltener und kühler, während Marsinka ihn fast gar nicht mehr beschäftigte, zumal nach jenem Abend im Garten, als er seine Hoffnung, aus dem naiven, ein wenig beschränkten Kinde ein Weib zu machen, für immer aufgegeben hatte.
Im übrigen waren die drei – Raiski, die Großtante und Marsinka – unzertrennlich. Nach dem Tee pflegte Raiski ein Stündchen in Tatjana Markownas Kabinett zu verbringen, nach dem Mittagessen desgleichen, und bei schlechtem Wetter saß er den ganzen Abend bei ihr.
Wjera kam nur für ein Weilchen herüber, um die Großtante und die Schwester zu begrüßen, und ging dann nach dem alten Hause zurück; was sie dort trieb, war nicht in Erfahrung zu bringen. Manchmal erschien sie überhaupt nicht, sondern ließ sich durch Marina den Kaffee hinüberholen.
Die Großtante zog wohl die Stirn in Falten und murmelte vor sich hin: »Wieder einmal launisch – die richtige Wilde!« – doch widersetzte sie sich im übrigen den Launen Wjeras nicht.
Gegen alles in der Welt, was nicht Schönheit war, völlig gleichgültig, hegte Raiski für diese eine wahrhaft sklavische Verehrung, blieb kühl gegen alles Unschöne und verschmähte, ja verabscheute jede Art von Häßlichkeit.
Nicht nur von der äußeren Welt, der Welt der Formen, verlangte er gebieterisch Schönheit, auch die sittliche Welt sah er nicht so, wie sie ist, mit ihren unausgeglichenen, rohen Dissonanzen, als eine von Urbeginn an einsetzende, noch unvollendete Arbeit der Menschheit, sondern als ein harmonisches Ganzes, als den fertigen Inbegriff hehrer Ideale, die er selbst sich geschaffen, die aus seinem Innern Lebenskraft und Farbe, Feuer und Pulsschlag empfingen.
Er besaß nicht die Geduld, sich in diesem Lärm, dieser Unruhe, diesem Getriebe des Werkeltaglebens heimisch zu machen und mit Mühe und Ausdauer seine Kräfte für jenen feierlichen Moment vorzubereiten, in dem die Menschheit fühlen würde, daß sie der Vollendung nahe ist und den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht hat, in dem der Strom des Lebens, für alle Zeiten in seiner Richtung bestimmt, in den Ozean der Ewigkeit einmünden würde.