Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 35
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Raiski hielt sich zwar nicht gerade für einen der allermodernsten Köpfe, aber ebensowenig für einen rückständigen Philister. Er erklärte offen, daß er an den Fortschritt glaube, ja er äußerte sogar seinen unverhohlenen Ärger über das »Schildkrötentempo«, in dem sich dieser Fortschritt vorwärts bewegte. Dabei hatte er es jedoch durchaus nicht eilig damit, sich in irgendein, kaum in den Umrissen erkennbares »Jahrzehnt« einrubrizieren zu lassen und leichten Herzens auf alle Überzeugungen, Beobachtungen und Erfahrungen zu verzichten, die durch die Geschichte überliefert, durch die Wissenschaft errungen oder durch die Praxis des eigenen Lebens erworben waren, um an ihre Stelle das kaum empordämmernde Morgenrot irgendwelcher scheinbar neuen Ideen und mehr oder weniger glänzenden oder scharfsinnigen Hypothesen zu setzen, auf die er die Jugend sich in heißer Gier stürzen sah.
Er pflegte auf seine Jahre hinzuweisen und sagte, daß für ihn die Zeit des vorsichtigen Abwartens gekommen sei: dort, wo die Phantasie ihn nicht mit fortriß, trottete er geduldig hinter seinem Zeitalter her.
Er interessierte sich für den allgemeinen Gang und die Entwicklung der Ideen, der Triumphe der Wissenschaft, doch er wartete erst sichere Resultate ab, machte keine Luftsprünge mit, beeilte sich nicht, den neuen Glauben anzunehmen, der die Geister mit allen möglichen waghalsigen Spekulationen lockte.
Er hieß jeden kühnen Schritt auf dem Gebiete der Kunst willkommen, freute sich aller neuen Erfindungen und Entdeckungen, die das alte Leben zwar ummodelten, aber doch nicht zerbrachen, begrüßte jedes neue, auf natürliche Weise, ohne Anwendung von Gewalt hervortretende Bedürfnis, wie er das junge Grün des Frühlings begrüßte, hegte jedoch dabei durchaus keine unfruchtbare, undankbare Feindschaft gegen die abgetane Ordnung der Dinge und die absterbenden Elemente, glaubte vielmehr fest an ihre historische Notwendigkeit und ihren engsten Zusammenhang mit dem jungen Frühlingsgrün, so neu und frisch sich dieses auch präsentierte.
Wenn er daher jetzt in der Hitze des Gefechts gelegentlich eine »Bombe« in das Lager der starrsinnigen alten Zeit warf und bei seinem Eintreten für die Idee der Menschlichkeit aller despotischen Willkür und altbojarischen Selbstsucht entgegentrat, so haftete doch seiner Kriegsführung, soweit sie sich gegen Tatjana Markowna wandte, ein Zug von Gutmütigkeit und Versöhnung an, da er sah, daß hinter den eingelernten alten Maximen sich ein reichliches Maß von gesundem Menschenverstand und Lebensklugheit barg, daß in ihnen die Keime derselben Elemente enthalten waren, aus denen auch die neue Zeit ihre Lebensauffassung aufbaute, und daß diese Keime dort, in der alten Ordnung der Dinge, nur durch das Unkraut der Vorurteile überwuchert und niedergehalten waren.
Als er nun in Wjera ganz unerwartet diese Kühnheit des Verstandes, diese Freiheit des Geistes, diesen starken Drang nach dem Neuen entdeckte, war er zuerst höchst verwundert, dann durch diese seltene Verbindung äußerer und innerer Schönheit in hohem Maße entzückt und endlich, als sie es abgelehnt hatte, als »weise« zu gelten, sogar ein wenig befremdet. »Ich bin kein weises Mädchen!« hatte sie gesagt, und ein Schauer hatte sie dabei überlaufen. Und er hatte sie »wunderlich« gefunden und sich seine Gedanken über sie gemacht.
Nein, das war kein schlichtes, harmloses Kind, wie Marsinka, und auch kein »gnädiges Fräulein«. Sie fühlte sich beengt und unbehaglich in dieser veralteten, verschrobenen Lebensform, in die das geistige Leben, die Sitten, die ganze Bildung und Erziehung der jungen Mädchen bis zu ihrer Verheiratung seit so langer Zeit gepreßt worden waren. Sie fühlte die Verlogenheit dieser Lebensform und suchte sich ihr im ehrlichen Ringen nach Wahrheit zu entwinden. Er fand in Wjera viel von dem, was er vergeblich in Natascha, in der Bjelowodowa gesucht hatte: Geist, Selbständigkeit, Eigenart des Denkens wie des Charakters – kurz alle jene Kräfte, die den Typus des neuen, echten, selbstbewußten Weibes gestalten, die seinem eigenen Leben wie dem Leben der andern die Richtung geben und dem ganzen Kreise, in den das Schicksal es gestellt, Licht und Wärme bringen sollten.
Noch war Wjera fast ein Kind, doch ein Kind mit titanischen Kräften: es kam nur darauf an, daß diese Kräfte richtig entwickelt und vernünftig geleitet würden. Raiski hätte seine ganze Kraft daran wenden mögen, um ihr die Erreichung ihres Zieles zu erleichtern, hätte mit Begeisterung die Saat seines Wissens, seiner Erfahrungen und Beobachtungen auf einen so fruchtbaren und dankbaren Boden ausstreuen wollen: das wäre kein »Phantom« gewesen, sondern ein Triumph des menschlichen Geistes und die Erfüllung einer Pflicht, die uns allen obliegt, ohne die ein Fortschritt undenkbar ist.
Doch ach, welche Hindernisse traten ihm da entgegen! Sie leistete ihm Widerstand, versteckte sich vor ihm, verschanzte sich hinter ihr Recht, hinter die Wand ihres jungfräulichen Gemachs – sie will also nichts von seiner geistigen Hilfe wissen. Und dabei ist sie doch unzufrieden mit ihrer Lage, sehnt sich aus ihr heraus, hat also ein Bedürfnis nach einer anderen Luft, nach anderer Nahrung, anderen Menschen. Wo sind diese Menschen? Wer soll ihr die neue Luft, die neue Nahrung gewähren?
Er ist ihr Verwandter, ihr natürlicher Beschützer – er hat somit ein Recht darauf, ihr gegenüber diese autoritative Rolle zu spielen. Auch die Großtante hatte ja geschrieben, daß sie ihm diese Rolle zuweise.
Wjera ist wohl ein verständiges Mädchen, doch er ist erfahrener und kennt das Leben. Er kann sie vor groben Irrtümern bewahren, kann sie Lüge und Wahrheit unterscheiden lehren; er wird, als Denker wie als Künstler, seine erzieherische Arbeit an ihr verrichten, wird ihrem Freiheitshunger Nahrung geben, ihr die Ideen des Guten und Wahren vermitteln, wird als Künstler sich bemühen, die innere Schönheit ihres Wesens ans Tageslicht zu fördern. Er wird ihr Schicksal, ihre Lebensaufgabe erraten und . . . und . . . mit ihr gemeinsam an deren Erfüllung arbeiten. »Mit ihr gemeinsam« – das war es, wonach sein Wunsch ging. Diesem Wunsche zu entsagen, war ihm unmöglich, seine Absicht war somit nicht selbstlos – und das war das zweite der Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellten.
Und noch ein drittes Hindernis war vorhanden: er sah es erst noch ganz im Nebel, erriet es erst halb und halb, doch schien es tatsächlich vorhanden zu sein und die Sachlage ganz besonders schwierig zu gestalten: es war der Umstand, daß schon irgend jemand ihm zuvorgekommen war, daß sie bereits einen andern dazu ausersehen hatte, ihr Schicksal zu erraten und »mit ihr gemeinsam« an der Erfüllung ihrer Lebensaufgabe zu arbeiten.
»Das ist das Fatalste an der Sache!« sagte er sich und zog den Schluß, daß es für ihn das Vernünftigste wäre, ohne erst lange Erklärungen, ohne erst die Bestätigung seiner Vermutung über das Vorhandensein dieses Mitbewerbers abzuwarten, auf ihre Freundschaft zu verzichten und sich aus dem Staube zu machen.
Wenn irgendein unschuldiger Junge vom Schlage Wikentjews sich etwas vormachen ließ, so wäre das wohl verzeihlich gewesen – ihm dagegen, dem welterfahrenen, herzenskundigen Lebemann, ziemte es zu wissen, daß alle diese verliebten Schwärmereien, Tränen und Zärtlichkeiten nichts weiter sind als die Blumen, hinter denen sich Satyr und Nymphe verstecken . . .
<Er mußte wissen, daß all dieses Spiel und Getändel spurlos vorübergeht, wenn Satyr und Nymphe sich nicht in Mann und Frau verwandeln oder sonstwie auf Lebenszeit befreunden.
»Aber meine Nymphe will mich doch nun einmal nicht zu ihrem Satyr wählen,« sagte er sich mit einem stillen Seufzer – »also ist auch nichts mit der Hoffnung auf eine Verwandlung in Mann und Frau, auf Glück, auf einen langen, gemeinsamen Lebensweg. Und was ihre Schönheit betrifft – nun, mit der werde ich mich schon abfinden, die soll mir nichts weiter anhaben . . .«
In den Morgenstunden fühlte er sich immer ganz besonders frisch und kampfmutig: der Morgen verleiht Kräfte, bringt einen ganzen Schwall von Hoffnungen, Einfällen und guten Vorsätzen für den ganzen Tag. Man geht am Morgen entschlossener an die Arbeit, nimmt die Bürde des Lebens mutiger auf die Schultern.
Auch Raiski fühlte diese heilsame Wirkung der Morgenstunden: der Gedanke an Wjera quälte ihn um diese Zeit weniger als sonst. Der neue Tag brachte neue Gedanken, brachte Begegnungen mit den Hausgenossen, mit neuen Menschen, brachte den erfrischenden Gang durch die Fluren, die Zeitungen, die neuen Bücher, mahnte ihn an den Roman, an dem er schrieb – alles das verschaffte ihm Zerstreuung.
Gegen Abend laufen dann all die Fäden der Tageserlebnisse in einen Knoten zusammen, und mehr oder weniger bewußt zieht jeder die Summe des Erlebten. Wenn Raiski am Abend diese Tagesbilanz aufstellte, mußte er feststellen, daß von allen Gedanken, Wünschen, Empfindungen, Unterhaltungen und Eindrücken des Tages ihm nichts übrig blieb als einzig und allein – Wjera. Voll Ärger und Unwillen wälzte er sich auf seinem Lager und schlief schließlich mit dem einen Gedanken ein – um mit demselben Gedanken wieder zu erwachen.
»Ich bedarf der Tätigkeit, der Beschäftigung,« sagte er sich, und da er keine wirkliche Tätigkeit hatte, warf er sich auf allerhand »Phantome«: er fuhr mit der Großtante zur Heuernte, besichtigte die Haferfelder, machte lange Spaziergänge, begleitete Marsinka ins Dorf, studierte die Lage bei Bauern, machte Lustfahrten auf der Wolga oder Besuche in Koltschino bei Wikentjews Mutter, ging mit Mark auf den Fischfang oder die Jagd, stritt sich mit ihm herum und vertrieb sich die Zeit mit allerhand sonstiger Kurzweil.
»Ich muß mich beherrschen lernen, muß das Versprechen, das ich Wjera gegeben, erfüllen,« dachte er und sah sie bisweilen drei, vier Tage lang nicht.
Sie ließ sich den Kaffee auf ihr Zimmer bringen, er war häufig zum Mittagessen nicht zu Hause, und so ging alles bestens vonstatten.
Auch sonst suchte er seine Gedanken auf alle mögliche Weise abzulenken. Er hatte eines Tages irgendwo in einem Fenster in der Vorstadt einen hübschen Frauenkopf bemerkt und sich vor der Unbekannten lächelnd verneigt. Sie hatte gleichfalls gelächelt und war dann verschwunden. Er brachte in Erfahrung, daß sie die Tochter irgendeines Aufsehers sei – was für eines Aufsehers, konnte er nicht herausbekommen, es gibt bei uns in Rußland gar zu viel Arten von Aufsehern. Jedenfalls aber konnte er feststellen, daß dieser Aufseher es mit der Beaufsichtigung seiner Tochter nicht genau nahm, denn wie er alsbald bemerkte, beglückte sie noch manchen andern, der an ihrem Fenster vorüberkam, mit ihrem holden Lächeln. Er warf ihr eine Kußhand zu, und sie verneigte sich dankend. Zwei- oder dreimal hielt er, wenn er vorüberschritt, an ihrem Fenster, begann ein Gespräch mit ihr und versicherte ihr, daß er sie sehr hübsch finde und bis über die Ohren in sie verliebt sei.
»Ach, Sie schwi-indeln ja!« versetzte sie, die Worte lang dehnend – »ich glaube Ihnen nicht! Ihr Männer seid alle schlecht!«
Wirklich – alle?«
»Gewiß doch! Die Männer! Wie viele waren schon bei mir – ich kenne sie! Nein, mich werden Sie nicht betrügen! Machen Sie, daß Sie weiterkommen!«
Lange noch belustigte ihn diese durch Erfahrung erworbene Weisheit der braven Bürgerstochter . . .
Aus allen Kräften arbeitete er so an dem Werke der Selbstüberwindung, ohne sich die Frage vorzulegen, was eigentlich der treibende Grund seines Eifers war: ob die aufrichtige Absicht, Wjera in Ruhe zu lassen und seiner Wege zu gehen, oder das Bestreben, ihr ein »Opfer« zu bringen, ihr gegenüber »Großmut« zu üben. Um nun diesem Werke die Krone aufzusetzen, versprach er der Großtante, mit ihr zusammen in der Stadt Besuche zu machen, ja sogar unter den Gästen zu erscheinen, die sie am nächsten Sonntag »zu einer Pastete« besuchen wollten.
Zweites Kapitel
Am Sonntag traf Raiski in Tatjana Markownas Empfangszimmer eine große Gesellschaft. Alles glänzte und strahlte nur so. Von den karmesinroten Polstermöbeln waren die Überzüge weggenommen, der Fußboden war frisch gewachst, und die Familienporträts waren von Jakow mit einem feuchten Lappen gesäubert worden, daß sie nun noch einmal so ernst und streng dreinschauten als sonst.
Jakow trug einen schwarzen Frack und eine weiße Halsbinde, während Jegorka, Petruschka und der eben erst frisch vom Dorfe unter die Lakaien aufgenommene Stepka, der das Geradestehen noch nicht gelernt hatte, mit alten, entweder zu großen oder zu kleinen Livreeröcken ausstaffiert waren, von denen ein dumpfer Modergeruch ausging. Gegen Mittag waren im Saal und im Empfangszimmer Räucherkerzen angezündet worden, deren Duft an irgendeine süßliche Brühe erinnerte.
Tatjana Markowna saß im seidenen Kleide, die Haube im Nacken und den Schal um die Schultern, auf einem Diwan. Um sie herum hatten im Halbkreise die Gäste ihrem Range nach auf Sesseln Platz genommen.
Auf dem ersten Platze saß Nil Andrejewitsch Tytschkow, im Frack, mit dem Ordensstern, ein würdevoller Greis mit zusammengewachsenen Augenbrauen, einem großen, verschwommenen Gesichte und einem Kinn, das tief in die Halsbinde hinabreichte. Er hatte eine sehr herablassende Art zu sprechen und war von einem tiefen Bewußtsein seiner Würde durchdrungen, das in jeder seiner Bewegungen zum Ausdruck kam.
Dann folgte als nächster im Range der bescheidene und höfliche Tit Nikonytsch, gleichfalls im Frack, allen zulächelnd und die Tante mit anbetungsvollem Blicke betrachtend; neben ihm der Geistliche im seidenen Kirchengewand, mit breitem, gesticktem Gürtel, dann ein paar Gerichtsräte, der Oberst der Garnison – ein dicker, kurzgeratener Herr mit rotem Gesicht und blutunterlaufenen Augen, die jeden Augenblick fürchten ließen, daß ihn ein Schlaganfall traf – weiterhin zwei, drei Damen aus der Stadt, ein paar flüsternd in der Ecke stehende junge Beamte und einige Freundinnen Marsinkas, schüchterne, noch nicht ausgewachsene junge Dinger, die sich vor lauter Verlegenheit immer wieder die Hände drückten und jeden Augenblick erröteten.
Endlich war da noch ein in der Nähe der Stadt begüterter Landedelmann mit seinen drei unerwachsenen Söhnen, der eigens nach der Stadt gekommen war, um Visiten abzustatten. Diese Söhne waren der Stolz und das Glück ihres Vaters; sie erinnerten an schlecht erzogene junge Hunde von großer Rasse, deren Köpfe und Pfoten schon ausgewachsen sind, während der übrige Körper noch in der Ausbildung begriffen ist, die Ohren weit vom Schädel abstehen und der Schwanz kaum seine halbe Länge erreicht hat. Sie springen überall täppisch herum, wissen nicht, was sie mit ihren unförmlich langen Pfoten anfangen sollen, können Bekannte und Fremde nicht unterscheiden, bellen ihren Vater an und sind imstande, einen Bastwisch aufzufressen oder den eignen Bruder ins Ohr zu beißen, wenn es ihnen zufällig zwischen die Zähne kommt.
Der Vater rekommandierte diese hoffnungsvollen Sprößlinge, von denen der älteste vierzehn Jahre zählte, allen Anwesenden insgesamt und jedem einzelnen im besondern, gab seinen Hoffnungen für ihre Zukunft beredten Ausdruck, berichtete alle möglichen Einzelheiten über ihre Geburt und ihre Erziehung, schilderte ihre Fähigkeiten, ihren Witz und ihre Schelmenstreiche und bat, ihre Kenntnisse, namentlich ihre Fertigkeit im Französischen, zu prüfen.
Da sie noch nicht erwachsen waren, hatte man ihnen ihre Plätze in einer bescheidenen Ecke angewiesen. Dort saßen sie nun mit ihren jugendlichen, dummen Gesichtern und blickten mit halbgeöffnetem Munde auf die übrigen Gäste, jungen Raben vergleichbar, die, die gelben Schnäbel weit öffnend, im Neste sitzen und ewig gefüttert sein wollen.
Ihre langen Beine fanden unter den Stühlen keinen Platz, sondern reichten bis in die Mitte des Zimmers hinein, wo sie durcheinander gerieten und die übrigen Gäste am Gehen hinderten. Der Vater hatte ihnen ans Herz gelegt, hübsch leise zu sprechen, aber so redlich die armen Kerlchen sich auch abmühten: statt des anempfohlenen Flüsterns entrang sich der vierzehnjährigen Brust ein dröhnender Baß, und wenn der Vater ihnen sagte, sie sollten fein artig dasitzen und die Händchen hübsch am Leibe halten, so hinderte das nicht, daß diese Händchen, die sich bereits zu großen, knochigen Fäusten ausgewachsen hatten, die ganze Zeit über nicht wußten, wo sie bleiben sollten. Die armen Burschen hatten eine wahre Folter zu erdulden, und sie keuchten und schwitzten förmlich, bis endlich Tatjana Markowna – teils aus Mitleid, teils weil sie im Zimmer zu viel Platz wegnahmen und »nach Stockfisch rochen« – ihnen gestattete, in den Garten zu gehen, wo sie sogleich im Vollgenuß der Freiheit und in froher Erwartung des Frühstücks wild umherzutoben begannen, daß die Ruten nur so von den Sträuchern flogen.
Raiski kam als letzter zu der Gesellschaft, nach der Pastete, als eben irgendeine süße Speise gereicht wurde. Er befand sich etwa in der Stimmung eines berühmten Schauspielers, der zum erstenmal auf einer Provinzbühne auftreten soll, nachdem allerhand Nachrichten und Gerüchte über ihn seinem Auftreten vorausgegangen sind. Alle verstummten plötzlich bei seinem Eintritt, hielten im Kauen inne und sahen ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an.
»Mein Großneffe, der Sohn meiner verstorbenen Nichte Sonitschka!« stellte Tatjana Markowna ihn vor, obschon alle Anwesenden ihn sehr gut kannten.
Der eine und andere der Gäste stand auf und verneigte sich; Nil Andreitsch sah ihn nur herablassend an und erwartete offenbar, daß er zu ihm hinkommen würde, und die Damen nahmen eine gezierte Haltung an und schielten verstohlen nach dem Spiegel.
Die jungen Beamten in der Ecke, die ihr Frühstück stehend, mit dem Teller in der Hand, einnahmen, begannen auf ihren Plätzen hin und her zu trippeln; die Mädchen wurden über und über rot und hielten sich, wie im Augenblick einer großen Gefahr, gegenseitig krampfhaft fest; die vierzehnjährigen Jünglinge aber, die, dem Fortgang der Fütterung entgegensehend, ein wenig ruhiger geworden waren, streckten für einen Moment die langgeratenen Gliedmaßen von sich, zogen sie gleich wieder an den Leib und ließen dabei ihre Mützen fallen.
Raiski machte eine leichte Verbeugung, die für die ganze Gesellschaft berechnet war, und setzte sich dann ohne weiteres neben die Großtante auf den Diwan. Eine allgemeine Bewegung entstand.
»Da, wie er sich hingepatzt hat!« flüsterte einer der jungen Beamten seinem Nachbar zu. »Und wie ihn Seine Exzellenz angucken . . .!«
»Da ist Nil Andreitsch,« sagte die Großtante – »er wünscht dich schon lange kennen zu lernen . . . Vergiß nicht, daß er Exzellenz ist!« fügte sie flüsternd hinzu.
»Wer ist denn die junge Dame dort?« fragte Raiski leise die Großtante. »Was für prächtige Zähne sie hat, und was für einen üppigen Busen . . .«
»Pfui, schäme dich, Boris Pawlytsch! Du bringst mich in Verlegenheit!« flüsterte Tatjana Markowna.
»Mein Neffe wollte längst Ihre Bekanntschaft machen, Nil Andreitsch . . .« wandte sie sich dann an diesen.
Raiski öffnete den Mund, um irgend etwas einzuwenden, doch Tatjana Markowna trat ihm auf den Fuß.
»Warum haben Sie mir altem Manne noch nicht das Vergnügen Ihres Besuches gemacht?« versetzte Nil Andreitsch gutmütig. »Ich freue mich immer, wenn brave Menschen mich besuchen. ’s ist freilich langweilig, mit uns Alten zu verkehren, das junge Volk von heute liebt uns nicht, was? Sie sind wohl auch so einer von den Neuen, sagen Sie’s nur offen!«
»Ich teile die Menschen nicht in alte und neue ein,« sagte Raiski, während er sich ein Stück Pastete auf den Teller legte.
»So warte doch mit dem Essen, sprich erst mit ihm!« flüsterte die Großtante ihm zu.
»Ich kann doch sprechen und dabei essen,« antwortete Raiski laut.
Die Großtante wurde verlegen und wandte sich ärgerlich von ihm ab.
»Stören Sie ihn nicht, Mütterchen,« sagte Nil Andrejewitsch – »die Jugend soll ihr Recht haben! Wie beurteilen Sie also die Menschen, lieber Freund?« wandte er sich an Raiski. »Ich bin wirklich neugierig!«
»Ich beurteile sie nach dem Eindruck, den sie auf mich machen.«
»Sehr lobenswert! Diese Aufrichtigkeit gefällt mir. Nun, welchen Eindruck mache ich beispielsweise auf Sie?«
»Vor Ihnen fürchte ich mich.«
Nil Andrejewitsch lächelte zufrieden.
»Warum denn, wenn ich fragen darf? Sprechen Sie sich ganz offen aus!« sagte er.
»Warum ich mich vor Ihnen fürchte? Ja, sehen Sie . . .«
»Nenne ihn doch Exzellenz!« raunte die Großtante ihm zu, doch Raiski hörte nicht auf sie.
»Man sagt, daß Sie gern allen Leuten den Text lesen,« versetzte er. »So sollen Sie einem jungen Manne gehörig den Kopf gewaschen haben, weil er nicht in der Sonntagsmesse war – die Großtante hat mir’s erzählt . . .«
Tatjana Markowna war ganz außer sich. Sie nahm sogar ihre Haube ab und legte sie neben sich, so heiß war ihr plötzlich geworden.
»Was redest du da, Boris Pawlytsch? Warum ziehst du mich hinein?« fiel sie ihm ins Wort.
»Lassen Sie ihn nur, Mütterchen, mag er ruhig sprechen! Ganz recht, daß Sie es ihm gesagt haben, ich liebe es, wenn man von mir die Wahrheit spricht!« bemerkte Nil Andreitsch.
Doch die Großtante war nicht so leicht zu beruhigen, sie bedauerte es schon, die Gäste eingeladen zu haben.
»Das stimmt schon, daß ich den Leuten gern den Text lese – erinnerst du dich noch?« sagte Nil Andreitsch, nach der Richtung hingewandt, in der die jungen Beamten sich durcheinander drängten.
»Freilich erinnere ich mich, Exzellenz!« gab rasch der eine von ihnen zur Antwort, während er seinen Fuß vorstellte und die Hände auf den Rücken legte. »Ich hab’ auch mal mein Teil abbekommen . . .«
»Hm – und wofür?«
»Weil ich mich zu bunt kleidete . . .«
»Ganz recht: eines Sonntags nach der Messe machte er bei mir einen Besuch, was ich ja sehr schön fand – aber statt des Fracks hatte er solch ein Röckchen angezogen, einen richtigen Lappen . . .«
»Wohl so, wie ich es trage?« fragte Raiski.
»Ja, beinahe so, und dazu gewürfelte Pantalons, und eine gestreifte Weste – der reine Hansnarr!«
»Und du – hast du auch mal was von mir zu hören bekommen?« wandte er sich an einen zweiten jungen Mann.
»Auch ich bekam meine Strafpredigt, Exzellenz,« antwortete dieser, sich bescheiden verneigend und mit der Hand seinen Scheitel glättend.
»Warum hab’ ich dich getadelt?«
»Wegen meines lieben Papas . . .«
»Sehr richtig – er ließ sich nämlich beikommen, über seinen eignen Vater herzuziehen. Der Alte hat einen kleinen Fehler, er trinkt. Und der Herr Sohn nimmt sich heraus, ihm, seinem Vater, deshalb Vorwürfe zu machen und ihm das Geld wegzunehmen! Da hab’ ich mir ihn ganz gehörig gekauft! Na, und fragen Sie die jungen Leute einmal, ob sie mir nicht dafür dankbar sind!?«
Die Beamten waren von dieser Belobigung ganz entzückt und beleckten sich danach förmlich die Lippen.
»Ich frage euch: hat’s euch gut getan oder nicht? Da hört man immer solche Redensarten, wie zum Beispiel: ›Das Alte taugt nichts, und die alten Kerle sind dumm, und es ist Zeit, ihnen den Mund zu stopfen‹,« fuhr Tytschkow fort. »Wenn man diesen Herrchen den Willen ließe, würden sie uns am liebsten bei lebendigem Leibe begraben und sich selbst auf unsern Platz setzen – das ist der Zug der Zeit! Es gibt da ein französisches Sprichwort, wie heißt es doch gleich, Natalia Iwanowna?« wandte er sich an eine der Damen.
»Ote-toi de lá, pour que je m’y mette . . .« sagte diese.
»Na ja – also: das ist’s, was sie gern möchten, diese schlauen Leute in den kurzen Röckchen! Wie heißen doch diese Röckchen auf französisch, Natalia Iwanowna?« fragte er abermals die Dame, während er Raiskis Jackett musterte.
»Ich weiß es nicht,« lautete die verschämte Antwort.
»O, du weißt es schon, Mütterchen,« versetzte Nil Andreitsch und drohte ihr schalkhaft mit dem Finger – »aber du willst es hier nicht so vor allen Leuten sagen, weil’s nicht ganz anständig klingt. Nun, dafür lobe ich dich!« Und zu Raiski gewandt, fuhr er fort: »Sehen Sie also: wenn ich an einem jungen Menschen so was bemerke, wenn ich Redensarten höre, wie zum Beispiel: ›Ich bin selbst schlau genug, ich brauche niemand um Rat zu fragen‹ – dann nehme ich mir den Betreffenden eben ganz gründlich vor und wasche ihm den Kopf, ob’s ihm gefällt oder nicht!«
»Es führt auch zu nichts Gutem, dieses neue Wesen,« bemerkte der Gutsbesitzer. »Da ist zum Beispiel der ungarische und der polnische Aufstand: was soll der? Das kommt alles von diesen neuen Grundsätzen!«
»Meinen Sie?« fragte Raiski.
»Ja, ich bin dieser Meinung – doch möchte ich gern hören, wie Sie darüber denken . . .« versetzte der Gutsbesitzer, während er näher an Raiski heranrückte. »Unsereins sitzt sein Leben lang auf dem Dorf und weiß nicht, was in der Welt vorgeht, um so mehr freut man sich, einmal einen gebildeten Menschen zu hören . . .«
Raiski machte ihm eine ironische Verbeugung.
»Da liest man in der Zeitung, wie gestern zum Beispiel, daß der König von Schweden die Stadt Christiania besucht hat – ja, aus welchem Grunde denn? Davon erfährt man nichts!«
»Interessiert Sie denn das so sehr?«
»Warum schreibt man erst in der Zeitung darüber, wenn der König keinen besonderen Grund hatte, Christiania zu besuchen . . .«
»Ist nicht vielleicht in der Stadt eine große Feuersbrunst gewesen? Steht davon nichts drin?« fragte Raiski.
Iwan Petrowitsch, der Gutsbesitzer, machte große Augen.
»Nein, von einer Feuersbrunst wurde nichts geschrieben, es stand da nur, daß Seine Majestät die Volksversammlung besucht haben.«
Tit Nikonytsch und der eine der Gerichtsräte sahen einander lächelnd an, verhielten sich jedoch schweigend.
»Noch eins wollte ich fragen,« begann der Gutsbesitzer von neuem. »Jetzt ist doch in Frankreich wieder ein Napoleon Kaiser geworden. . .«
»Ganz recht – und was weiter?«
»Na, der hat sich doch mit Gewalt des Kaiserthrones bemächtigt . . .«
»Wieso mit Gewalt? Man hat ihn doch zum Kaiser gewählt . . .«
»Was waren das aber für Wahlen! Es heißt doch, man habe Soldaten geschickt, die die Wähler mit Gewalt heranschleppten, man habe die Stimmen gekauft . . . Ich bitte Sie, was für Wahlen sind denn das: da lachen ja die Hühner!«
»Und wenn auch ein bißchen Gewalt dabei war – was soll man schließlich mit ihm machen?« fragte Raiski, den dieser Dorfpolitiker interessierte, neugierig.
»Wie können denn das die andern Fürsten dulden? Warum jagen sie ihn nicht mit Waffengewalt fort?«
»Versuch’s doch mal!« fiel ihm Nil Andreitsch ins Wort – »wie sollen sie denn das anfangen?«
»Sie sollen eine Armee aufstellen, aus jedem Staate ein paar Regimenter, und sollen gegen ihn ziehen, wie gegen den verstorbenen Bonaparte . . . Damals bestand die Heilige Alliance . . .«
»Sie sollten einen Feldzugsplan entwerfen,« bemerkte Raiski – »vielleicht würde man ihn annehmen . . .«
»Gott bewahre!« versetzte der Gast bescheiden. »Ich rede nur so, aus Wißbegierde . . . Dann wollte ich Sie noch eins fragen . . .« fuhr er, zu Raiski gewandt, fort.
»Warum gerade mich?«
»Nun, Sie haben doch in der Residenz gelebt, dort waren Sie sozusagen an der Quelle . . . nicht so, wie wir hier auf dem Lande . . . Ich wollte also fragen: die Türken haben doch von jeher die Christen unterdrückt, haben sie mit Feuer und Schwert ausgerottet, haben ihre Frauen . . .«
»He, du, Iwan Petrowitsch, hüte deine Zunge, daß du nicht etwas Unpassendes sagst . . .! Sieh nur, wie Nastassja Petrowna errötet ist . . .« mischte sich Nil Andreitsch ins Gespräch.
»Was reden Exzellenz nur wieder . . .! Warum sollte ich denn erröten? Ich habe nicht einmal gehört, wovon gesprochen wurde . . .« versetzte die eine der Damen in keckem Tone, während sie kokett ihren Schal zurecht zupfte.
»Kleine Schelmin!« sagte Nil Andreitsch und drohte ihr mit dem Finger, worauf er sich an den Geistlichen wandte:
»Hat sie sich nicht in der Beichte beklagt, Väterchen, daß ihr Mann . . .«
»Ach, was reden Sie nur alles zusammen, Exzellenz!« unterbrach die Dame ihn hastig.
»Bah, schon gut, schon gut . . .! Also, mein lieber Iwan Petrowitsch: was haben die Türken den Christenfrauen angetan? Was hast du darüber gelesen? Nastassja Petrowna möchte es gar zu gern wissen. Sieh dich nur vor, Nastassja Petrowna, daß du nicht schließlich selbst in die Türkei ausrückst!«
Iwan Petrowitsch hatte mit Ungeduld gewartet, daß Nil Andreitsch endlich mit seinen Späßen aufhören möchte, und wandte sich nun wieder an Raiski, dem er seine Fragen jedesmal wie eine Pistole auf die Brust setzte.
»Ich wollte Sie also fragen, warum man eigentlich die Türken nicht zur Vernunft bringt . . .?«
»Weil die Weiber auf seiten der Türken sind,« fuhr Nil Andreitsch fort zu scherzen. »Diese da zum Beispiel ist die erste . . .«
Er zeigte nach derselben Dame, die er vorher bereits einer Anrede gewürdigt hatte.
»Ach, Tatjana Markowna . . . warum haben Exzellenz es heute gerade auf mich abgesehen . . .?«
Sie tat, als sei sie im höchsten Maße verlegen.
»Ich wollte Sie also fragen, warum eigentlich nicht alle Mächte sich aufraffen und gegen die Türken ziehen,« wandte sich Iwan Petrowitsch in seiner hartnäckigen Weise an Raiski – »warum sie zum Beispiel nicht das Grab des Heilands ihrer Gewalt entreißen?«
»Ich habe, offen gestanden, nicht tiefer darüber nachgedacht,« sagte Raiski, »doch will ich der Sache jetzt meine besondere Aufmerksamkeit zuwenden, und wenn Sie mich darüber genauer informieren wollten, wäre ich nicht abgeneigt, mich an der Lösung der orientalischen Frage zu beteiligen . . .«
»Ja, sagen Sie,« fiel der Gast ihm lebhaft ins Wort —
»Sie sagten soeben: ›orientalische Frage‹, und ich lese das Wort so häufig in der Zeitung: was versteht man eigentlich unter dieser orientalischen Frage?«
»Das, was Sie soeben von den Türken sagten – weiter nichts . . .«
»So, so . . .« sagte der Gutsbesitzer nachdenklich. »Aber das ist doch eigentlich gar keine Frage!«
»Jetzt gibt es alle möglichen Fragen,« bemerkte der vollblütige Oberst mit heiserer Stimme. »So habe ich neulich aus Petersburg von unserem Regimentsadjutanten einen Brief erhalten, in dem er schreibt, daß man sich jetzt sehr lebhaft mit der ›Frage‹ der Uniformänderung in der Armee beschäftige . . .«
Die Gäste schwiegen.
»Da ist zum Beispiel Irland!« begann Iwan Petrowitsch mit neuem Anlauf, nachdem er in der kurzen Redepause frische Kräfte gesammelt hatte. »Es heißt, es sei ein armes Land, die Einwohner hätten keine andere Nahrung als Kartoffeln, und auch die mißrieten nicht selten . . .«