Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 36
»Nun, also was?«
»Na, Irland ist doch unter der Botmäßigkeit Englands, und England ist doch ein reiches Land: solche Gutsbesitzer, wie dort, gibt es sonst nirgends in der Welt. Warum nimmt man nun nicht aus England, sagen wir: die Hälfte allen Getreides und allen Viehes, um damit Irland zu unterstützen?«
»Was fällt dir ein, mein Lieber – du predigst ja den Aufstand!« rief Nil Andreitsch plötzlich dazwischen.
»Was für einen Aufstand, Exzellenz? . . . Ich frage doch nur aus Wißbegierde!«
»Was würdest du sagen, wenn in Wjatka und Perm Hungersnot ausbräche und du die Hälfte deines Getreides dorthin abgeben solltest – hä?«
»Das ist doch ausgeschlossen! Bei uns liegen doch die Dinge ganz anders . . .«
»Wenn deine Bauern dich so hörten, was wäre die Folge?« fuhr Nil Andreitsch in ernsthaftem Tone fort.
»Davor möge mich Gott bewahren!« sagte der Gutsbesitzer.
»Um des Himmels willen!« sprach auch Tatjana Markowna.
»Schon jetzt spitzen sie die Ohren, obgleich sie noch nichts weiter wissen,« fuhr Nil Andreitsch fort.
»Was denn? Was ist denn passiert?« fragte die Bereschkowa ganz erschrocken.
»Na, von der Aufhebung der Leibeigenschaft reden sie. Man hat dem Gouverneur gemeldet, daß auf Mamyschtschews Gute Unruhen ausgebrochen sind . . .«
»Gott beschütze uns!« riefen abermals sowohl der Gutsbesitzer wie Tatjana Markowna.
»Exzellenz haben vollkommen recht!« bemerkte der Gutsbesitzer. »Man soll’s nur versuchen, ihnen die Freiheit zu geben – dann geht’s gleich in die Schenke und zur Balalaika: trinken sich voll und trotten an einem vorüber, ohne auch nur die Mütze vom Kopfe zu ziehen.«
»Die Sache geht übrigens gar nicht von den Bauern aus,« versetzte Nil Andreitsch mit einem Seitenblick auf Raiski. »Das Übel ist vielmehr überall verbreitet, wie eine Epidemie. Zuerst hört solch ein Bürschchen auf, die Nachtmesse zu besuchen: das ist so langweilig, sagt er; dann findet er es überflüssig, dem Vorgesetzten am Feiertag seine Aufwartung zu machen, er sei kein Bedienter, sagt er; dann erscheint er in einem unpassenden Anzug zum Dienste und läßt sich den Bart wachsen« – wiederum folgte ein Seitenblick auf Raiski – »usw. usw., und schließlich erklärt er, wenn man ihn gewähren läßt, es gebe keinen Gott im Himmel, und es habe keinen Zweck zu beten! . . .«
Eine allgemeine Bewegung ging durch die Gesellschaft.
»Ja, ja, so ist’s! Da hatte mein Gutsnachbar einen Hauslehrer, der kam sogar direkt vom Priesterseminar!« erzählte der Gutsbesitzer, zu dem Geistlichen gewandt. »Anfangs ging alles ganz still und friedlich zu: ganz im Flüsterton brachte er den älteren Kindern dies und jenes bei – bis eines Tages das eine Mädchen der Mutter sagte: ›Es gibt keinen Gott, Nikita Sergjeitsch hat es von jemand gehört.‹ Man nahm ihn sogleich ins Gebet: was soll das heißen – es gibt keinen Gott? Der Vater der Kinder fuhr zum Bischof, es gab eine große Untersuchung im Seminar . . .«
»Ja, ich erinnere mich,« sagte der Geistliche. »Man fand verbotene Bücher . . .«
»Nun, sehen Sie!«
»Sagen Sie doch, bitte,« wandte sich Iwan Petrowitsch wieder an Raiski – »wie kommt es nur, daß die Völker sich empören?«
»Welche Völker?«
»Na, zum Beispiel die Indier! Das sind doch lauter heidnische Schufte, gar keine Christen: Lumpenpack, das nackt herumläuft, und unverbesserliche Säufer! Und dabei soll das Land reich sein, die Ananasse wachsen dort so massenhaft wie bei uns die Gurken . . . Was wollen sie noch mehr?«
Raiski schwieg. Das Gefühl der Langenweile begann über ihn zu kommen.
»Was für ein abscheuliches Laster ist sie doch in Wahrheit, diese vielgerühmte slawische Tugend der Gastfreiheit!« dachte er. »Was für Mißgeburten hat sich die gute Großtante hier auf den Hals geladen!«
Auch die übrigen schwiegen, das reichliche Frühstück hemmte ihre Sprechlust. Iwan Petrowitsch trug ganz allein die Kosten der Unterhaltung.
»Jetzt hat man den Chinesen den Amur weggenommen,« begann er von neuem; »auch ein reiches Land! Wir werden jetzt unsern eigenen Tee haben, brauchen keinen mehr vom Ausland zu kaufen – das ist sehr angenehm und vorteilhaft! . . .«
»Du kümmerst dich auch um alles mögliche, Iwan Petrowitsch!« sagte Tytschkow mit leichtem Tadel.
»Ich rede doch nur aus Wißbegierde, weil eben der Herr in der Residenz gelebt hat . . . Neulich las ich auch in der Zeitung, daß der Papst . . .«
In diesem Augenblick stürzte vom Saal her Paulina Karpowna geräuschvoll ins Zimmer, im Musselinkleide, mit weiten Ärmeln, die ihre vollen weißen Arme fast bis an die Schultern hinauf sehen ließen. Hinter ihr her schritt Michel, der Kadett.
»Eine entsetzliche Hitze! Bonjour, bonjour!« sagte sie, sich nach allen Seiten hin verneigend, und setzte sich neben Raiski auf den Diwan.
»Es wird uns hier etwas eng werden,« meinte Raiski und nahm auf einem Stuhle nebenan Platz.
»Non, non, ne vous dérangez pas,« sprach sie, während sie ihn festzuhalten suchte. »Wie langweilig!« fuhr sie dann flüsternd fort. »Sie haben das Haus voll Gäste, und ich möchte Sie so gern unter vier Augen sprechen!«
»Warum?« fragte er laut. »Haben Sie irgendein Anliegen?«
»Allerdings!« entgegnete sie, immer noch flüsternd, mit einem geheimnisvollen Lächeln.
»Was ist’s denn?«
»Nun, das Porträt . . .«
»Das Porträt? Was für ein Porträt?«
»Mein Porträt! Sie haben doch versprochen, mich zu malen – wissen Sie das nicht mehr? Undankbarer!«
»Ah, Dalila Karpowna!« rief Nil Andreitsch gedehnt – »seien Sie willkommen! Wie geht’s Ihnen?«
»Ich danke,« sagte sie trocken, ohne ihn anzusehen.
»Warum beglücken Sie mich nicht mit einem holden Blicke? Wenden Sie sich doch zu mir herum, lassen Sie mich Ihren Schwanenhals bewundern . . .«
In der Gruppe an der Tür ließ sich ein Lachen vernehmen, und auch die Damen lächelten.
»Der Grobian: er wird gleich irgendeine Gemeinheit vorbringen!« flüsterte Paulina Karpowna Raiski zu.
»Denk nicht gering von dem Alten, er könnte darauf verfallen, dir einen Heiratsantrag zu machen! Oder gefällt er dir nicht . . . ist er dir nicht mehr jung genug? Er kann dich zur Generalin machen!«
»Ich sehne mich nicht nach dieser Ehre . . .« entgegnete sie, ohne ihn anzusehen. »Bonjour, Natalia Iwanowna – wo haben Sie Ihr reizendes Hütchen gekauft: bei Madame Pichet?«
»Mein Mann hat es aus Moskau kommen lassen,« sagte Natalia Iwanowna mit einem schüchternen Blicke auf Raiski – »es sollte eine Überraschung sein . . .«
»Sehr, sehr niedlich!«
»Aber so sehen Sie mich doch endlich an: ich habe wirklich die Absicht, mich um Ihre Hand zu bewerben!« setzte Nil Andreitsch ihr von neuem zu. »Ich brauche eine Frau im Hause, ein bescheidenes Frauchen, das nicht kokett ist, nicht verwöhnt, nicht putzsüchtig . . . das keinen andern Mann ansieht als nur mich allein . . . Nun, und in dieser Hinsicht stehen Sie doch in unserer Stadt als ein Muster da . . .«
Paulina Karpowna tat, als höre sie ihn nicht; sie bewegte ihren Fächer hin und her und suchte Raiski in eine Unterhaltung zu ziehen.
»Sie geben doch allen unsern Müttern und Töchtern ein gutes Beispiel,« fuhr Nil Andreitsch unbarmherzig fort. – »Sie knien so fromm in der Kirche, verwenden keinen Blick von den Heiligenbildern, sehen sich nicht um, haben keine Augen für die jungen Leute . . .«
Das Lachen an der Tür wurde lauter, und die Damen verzogen ihre Gesichter, um ihr Lächeln zu verbergen. Tatjana Markowna suchte die Attacke des Alten von ihrem Gaste abzulenken.
»Essen Sie doch von der Pastete, Paulina Karpowna – ich werde Ihnen etwas auftun,« sagte sie.
»Merci, merci, ich muß danken – ich habe soeben erst gefrühstückt!«
Auch das half nicht – Nil Andreitsch erneuerte immer wieder den Angriff auf sein Opfer.
»Sie kleiden sich wie eine Nonne, Schultern und Arme hüllen Sie hübsch ein . . . Überhaupt betragen Sie sich ganz so, wie es Ihrem ehrwürdigen Alter geziemt,« sagte er.
»Warum setzen Sie mir denn heute so zu?« sprach Paulina Karpowna – »est-il bête, grossier?« fügte sie, zu Raiski gewandt, hinzu.
»Ja, ja, parlez-vous francais . . .« unterbrach sie Tytschkow.
»Ich will Sie heiraten, meine Gnädige, darum setze ich Ihnen so zu: wir beide passen doch prächtig zueinander!«
»Ich verzichte auf die Ehre, zu Ihnen zu passen!« versetzte die Krizkaja, ohne ihn anzusehen.
»Gewiß passen Sie zu mir, erlauben Sie einmal: ich war noch Kollegienassessor, als Sie den verstorbenen Iwan Jegorytsch heirateten. Das sind jetzt . . . wieviel Jahre sind’s doch gleich?«
»Wie heiß es ist – on étouffe ici: allons au jardin! Reichen Sie mir die Mantille, Michel! . . .« wandte sie sich an den Kadetten.
In diesem Augenblick trat Wjera ins Zimmer.
Alle erhoben sich und umringten sie, und das Gespräch nahm eine andere Wendung. Raiski war aller dieser Menschen, zumal nach den letzten Szenen, bereits überdrüssig geworden und wollte sich schon entfernen, doch bei Wjeras Eintritt loderte plötzlich das Gefühl der »Freundschaft« für sie so heftig in ihm auf, daß er wie festgenagelt auf seinem Stuhle sitzen blieb.
Wjera überschaute mit flüchtigem Blicke die Gesellschaft, wechselte mit dem einen und andern der Anwesenden ein paar Worte, drückte den jungen Mädchen, die ihr Kleid und ihre Frisur mit Aufmerksamkeit musterten, die Hand, lächelte den Damen mit gleichgültiger Freundlichkeit zu und nahm dann auf einem Stuhle neben dem Kamine Platz. Die jungen Beamten zupften an ihren Röcken herum, Nil Andreitsch schmatzte wohlgefällig mit den Lippen, und die jungen Mädchen verwandten kein Auge von Wjera.
Marsinka kam gar nicht zum Sitzen: bald schenkte sie jemandem ein Glas Wein ein, bald bot sie Erfrischungen an oder bemühte sich, ihre Freundinnen zu unterhalten.
»Wjera Wassiljewna!« begann Nil Andreitsch – »nehmen Sie sich meiner an, mein schönes Kind!«
»Hat man Sie gekränkt?«
»Gewiß hat man das! Dalila . . . oder vielmehr Pelageja Karpowna hat mich gekränkt . . .«
»Impertinent!« flüsterte die Krizkaja empört, erhob sich vom Platze und ging nach der Tür zu.
»Wohin, Paulina Karpowna? Wollen Sie denn gar nicht von der Pastete kosten? Marsinka, halt sie doch zurück! Paulina Karpowna!« rief Tatjana Markowna.
»Nein, nein, Tatjana Markowna: ich bin immer gern zu Ihnen gekommen, und ich bin Ihnen so dankbar,« sagte die Krizkaja bereits vom Saal aus – »doch mit diesem Grobian will ich nicht zusammen sein, weder bei Ihnen noch sonstwo . . . Wenn mein Mann noch lebte, würde er es nicht gewagt haben . . .«
»Seien Sie dem Alten nicht böse, er meint es nicht schlimm, er ist sonst ein so ehrenwerter Mensch . . .«
»Nein, nein, lassen Sie mich, bitte – ich komme ein andermal, wenn er nicht da ist . . .«
Tief gekränkt, mit Tränen in den Augen, fuhr sie davon. Die andern blieben in heiterer Stimmung zurück, und Nil Andreitsch konnte aus ihrem Lachen mit Genugtuung den Schluß ziehen, daß man sein Verhalten billigte. Nur Raiski und Wjera lachten nicht. Einen so komischen Eindruck auch Paulina Karpowna auf Raiski machte, die groben Sitten dieser Leute und zumal der Ausfall des Alten empörten ihn. Er saß in düsterem Schweigen da und bewegte nervös die Fußspitze.
»Na, ist sie fort? Sie hat sich wohl beleidigt gefühlt?« begann Nil Andreitsch, als Tatjana Markowna, offenbar erregt über das Vorgefallene, zurückkam und sich wieder schweigend auf ihren Platz begab.
»Tut nichts, mag sie’s herunterschlucken!« fuhr der Alte fort. »Was braucht sie hier halb nackt vor aller Welt herumzulaufen: hier ist doch keine Badeanstalt!«
Die Damen senkten die Augen, und die jungen Mädchen erröteten heftig und drückten sich gegenseitig die Hände.
»Was braucht sie in der Kirche sich nach allen Seiten umzusehen und die jungen Leute an sich zu ziehen? . . . Auch du, Iwan Iwanytsch, kamst ja kaum noch von ihr fort. Wie steht’s denn: gehst du immer noch hin?« fragte er einen der jungen Leute in strengem Tone.
»Ich hab’s längst aufgegeben, Exzellenz: es paßte mir nicht, ihr ewig Komplimente zu machen.«
»So, so – du hast es aufgegeben! Was für ein schlechtes Beispiel ist das für unsere jungen Frauen und Mädchen! Sie ist längst über vierzig, und geht noch immer in Rosa gekleidet, mit lauter Bändchen und Schleifen . . . Wie soll man ihr da nicht den Text lesen? Sie sehen,« wandte er sich an Raiski – »ich bin nur dem Laster furchtbar – und dabei sagten Sie, Sie fürchteten sich vor mir! Man muß Ihnen ja wahre Mordgeschichten von mir erzählt haben – wer war’s denn, der mich Ihnen so schilderte?«
»Wer es war? Mark war es,« sagte Raiski.
Eine allgemeine Bewegung entstand – einige der Anwesenden befiel sogar ein Zittern.
»Was für ein Mark?« fragte Tytschkow, die Brauen runzelnd.
»Mark Wolochow . . . der hier unter Polizeiaufsicht lebt.«
»Dieser Räuber? Sind Sie denn mit ihm bekannt?«
»Wir sind Freunde.«
»Freunde?« rief der Alte ganz verblüfft und ließ einen Pfiff hören. »Tatjana Markowna, was muß ich da vernehmen?«
»Glauben Sie ihm nicht, Nil Andreitsch, er weiß selbst nicht, was er spricht! . . .« versetzte die Großtante. »Wie kannst du den Menschen nur deinen Freund nennen?«
»Wie denn, Tantchen? Hat er nicht bei mir zu Abend gegessen und übernachtet? Haben Sie nicht selbst angeordnet, man solle ihm ein recht weiches Lager zurecht machen? . . .«
»Boris Pawlytsch, erbarme dich, schweig!« flüsterte die Großtante zornig.
Doch es war schon zu spät: Tytschkow sah Tatjana Markowna mit höchst entrüsteten Augen an. Die Damen betrachteten sie mit Mitleid, die Herren standen mit offenem Munde da, und die jungen Mädchen drängten sich ganz dicht zusammen.
Um Wjeras Kinn aber zuckte und zitterte ein Lächeln. Sie musterte mit sichtlichem Vergnügen die ganze Gesellschaft und warf Raiski einen freundschaftlich dankbaren Blick zu, als Entgelt für diesen Genuß, den er ihr ganz unverhofft bereitete. Marsinka versteckte sich, so gut es ging, hinter der Großtante.
»Was muß ich hören!« rief Nil Andreitsch mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens. »Sie haben wirklich diesem Barrabas den Zutritt zu ihrem Hause gewährt?«
»Nicht ich habe es getan, Nil Andreitsch, sondern Borjuschka hat ihn zur Nachtzeit hierher mitgebracht. Ich wußte gar nicht, wen er in seinem Zimmer beherbergte.«
»Sie treiben sich also zur Nachtzeit mit ihm herum?« wandte Tytschkow sich nun an Raiski. »Wissen Sie denn auch, daß er ein höchst gefährlicher Mensch ist, ein Feind der Regierung, ein Abtrünniger, der von Kirche und Gesellschaft nichts wissen will?«
»Entsetzlich!« riefen einige der Damen.
»Und der hat Ihnen also meine Person geschildert?« fragte Nil Andreitsch.
»Allerdings . . .«
»Er hat Ihnen wohl erzählt, ich sei ein wildes Tier, ein Ungeheuer, das die Menschen frißt? . . .«
»Das nicht gerade – aber das sich aus irgendeinem Grunde herausnimmt, sie zu beleidigen.«
»Und Sie haben ihm geglaubt?«
»Bis zum heutigen Tage nicht . . .«
»Und heute?«
»Heute glaube ich’s.«
Staunen und Schreck bemächtigten sich der Anwesenden. Einige der Beamten schlichen sich leise nach dem Saal und horchten von dort her, was weiter geschehen würde.
»Ei, sieh doch!« sprach Tytschkow, verblüfft und hochfahrend zugleich, und zog die Brauen zusammen. »Und warum glauben Sie es?«
»Weil ich soeben selbst Zeuge war, wie Sie eine Frau beleidigt haben.«
»Hören Sie, was er sagt, Tatjana Markowna?«
»Borjuschka! Boris Pawlytsch!« suchte die Großtante Raiski zu beschwichtigen.
»Diese alte Kokette, diese Verführerin, diese windige Person! . . .« fuhr Nil Andreitsch heraus.
»Was geht sie Sie an? Wer gibt Ihnen ein Recht, sich zum Richter über fremde Schwächen aufzuwerfen?«
»Und woher nehmen Sie, junger Mann, das Recht, mir Vorhaltungen zu machen? Wissen Sie auch, daß ich fünfzig Jahre lang gedient habe und nicht ein einziger Minister mir auch nur die geringste Rüge erteilt hat? . . .«
»Woher ich das Recht dazu nehme? Daher, daß Sie in meinem Hause eine Frau beleidigt haben – ich wäre ja ein ganz erbärmlicher Wicht, wenn ich das zuließe! Sie scheinen das nicht zu begreifen – nun, um so schlimmer für Sie!«
»Wenn Sie in Ihrem Hause eine Frau empfangen, von der die ganze Stadt weiß, daß sie ein leichtfertiges, windiges Flittchen ist, daß sie sich für ihre Jahre viel zu jugendlich kleidet, daß sie ihre häuslichen Pflichten vernachlässigt . . .«
»Nun, was weiter?«
»Dann verdienen Sie, ebenso wie Tatjana Markowna, daß ich Ihnen beiden ganz gehörig den Text lese! Ja, ja, ich trug mich längst mit dieser Absicht, Mütterchen . . . Sie dulden es, daß diese Person hierher kommt . . .«
»Nun, ihre Leichtfertigkeit, ihr windiges Wesen, ihre Koketterie sind doch weiter keine großen Verbrechen,« sagte Raiski – »von Ihnen dagegen weiß die ganze Stadt, daß Sie Bestechungsgelder genommen und sich damit ein Vermögen gemacht haben, daß Sie Ihre eigne Nichte ausgeplündert und ins Irrenhaus gebracht haben – und doch hat meine Großtante, habe auch ich Ihnen dieses Haus geöffnet, obwohl das was Sie auf dem Gewissen haben, weit schlimmer ist als ein bißchen Koketterie! Dafür sollten Sie uns einmal den Text lesen!«
Eine unbeschreibliche Szene des Schreckens spielte sich nun ab. Die Damen sprangen auf und drängten sich in dichtem Haufen nach dem Saale, ohne von der Gastgeberin Abschied zu nehmen, und hinter ihnen her flüchteten gleich jungen Lämmern die Mädchen. Alles brach auf. Die Großtante gab Marsinka und Wjera einen Wink, sie möchten sich entfernen. Marsinka gehorchte, Wjera aber blieb. Nil Andreitsch war ganz bleich geworden.
»Wer. . . wer hat dir diese Gerüchte mitgeteilt? Sprich! Auch dieser Räuber, der Mark? Ich fahre sofort zum Gouverneur! Tatjana Markowna, entweder ist’s aus mit unserer Bekanntschaft, oder dieser Bursche da« – er wies auf Raiski – »darf nie mehr Ihr Haus betreten! Sonst sorge ich dafür, daß er sowohl wie das ganze Haus, und auch Sie selbst, innerhalb vierundzwanzig Stunden abgeführt werden, dahin, wo der Pfeffer wächst . . .«
Tytschkow rang nach Atem und wußte in seinem Zorne selbst nicht, was er sprach.
»Wer . . . wer hat ihm das gesagt? Ich will es wissen! Wer? . . . Gesteh es!« kam es röchelnd aus seiner Kehle.
Tatjana Markowna hatte sich plötzlich von ihrem Platze erhoben.
»Schwatz’ keinen Unsinn, Nil Andreitsch! Sieh, wie dir das Blut ins Gesicht geschossen ist: ehe du dich versiehst, kriegst du vor lauter Bosheit einen Schlaganfall. Trink einen Schluck Wasser! Als ob’s Gott weiß was für ein Geheimnis wäre, was er da gesagt hat! Nun denn, wenn du es durchaus wissen willst: ich hab’s ihm erzählt! Und es ist die Wahrheit, was ich ihm erzählt habe!« fügte sie hinzu. »Die ganze Stadt weiß es!«
»Wie dürfen Sie, Tatjana Markowna! . . .« brüllte Nil Andreitsch.
»Seit fünfundsechzig Jahren heiße ich so, ganz recht. Nun, und was darf ich oder darf ich nicht? Dir geschieht nur, was du verdient hast! Immer mußt du auf alle Welt losbelfern! Du hast in einem fremden Hause eine Frau beleidigt, hast dich nicht so benommen, wie es sich für einen Edelmann schickt – wenn dir der Hausherr deshalb die Wahrheit sagt, so ist das nur in der Ordnung . . .«
»Wie dürfen Sie es wagen, mir so zu begegnen!« brüllte Tytschkow von neuem.
Raiski war vorgestürzt, um sich auf Tytschkow zu werfen, doch die Großtante hielt ihn mit einer so gebieterischen Geste zurück, daß er wie versteinert stehen blieb und wartete, was nun weiter folgen würde.
Sie richtete sich plötzlich hoch empor, setzte ihre Haube auf, wickelte sich fester in den Schal und trat dicht an Nil Andreitsch heran. Voll Erstaunen blickte Raiski auf die Großtante. Sie war es, nicht Nil Andreitsch, die seine Aufmerksamkeit fesselte. Sie war plötzlich zu so überlegener Größe emporgewachsen, daß er selbst sich ihr gegenüber klein vorkam.
»Wer bist du denn?« sagte sie – »ein ganz erbärmlicher Kanzlist, ein Parvenu! Und du wagst es, eine Frau von altem Adel anzuschreien? Du vergißt dich, mein Lieber – du mußt eine Lehre haben! Ich will sie dir ein für allemal erteilen, daß du daran denken sollst! Du hast vergessen, daß du einstmals, als junger Mann, wenn du meinem Vater die Akten vom Gericht brachtest, dich in meiner Gegenwart nicht einmal zu setzen wagtest und so manches Mal von mir ein Trinkgeld in die Hand gedrückt bekamst. Wenn du ein ehrlicher Mensch wärest, würde dir niemand solche Dinge vorhalten – aber du hast Geld zusammengestohlen, mein Neffe hat nur die reine Wahrheit gesagt! Und wenn man dich hier gelitten hat, so geschah es nur aus Schwäche, und darum solltest du schweigen und jetzt, kurz vor deinem Ende, Buße tun für dein schwarzes Sünderleben. Doch du kennst kein Maß, du platzt ja vor lauter Hochmut, und Hochmut ist ein Laster, das den Menschen betrunken macht, daß er sich selbst vergißt. Wohlan, ernüchtere dich wieder, steh auf und verneige dich, vor dir steht Tatjana Markowna Bereschkowa!! Und hier steht mein Großneffe, Boris Pawlytsch Raiski, siehst du: hätte ich ihn nicht zurückgehalten, er hätte dich die Treppe hinuntergeworfen, aber ich will nicht, daß er sich die Hände an dir beschmutzt – um dich aus dem Hause zu befördern, dazu genügt ein Lakai! Ich habe jemanden, der für mich eintritt – geh, such’ du dir erst einen Fürsprecher! Heda, Leute!« rief sie laut, klatschte in die Hände, reckte sich in ihrer ganzen Größe empor und sah mit blitzenden Augen um sich. Wie sie so dastand, glich sie Zug um Zug einer der vornehmen Frauen ihres Geschlechtes, deren Bildnis da mitten unter den übrigen Porträts an der Wand hing. Tytschkow stand da und ließ die blöden Augen in die Runde gehen.
»Ich werde nach Petersburg schreiben . . . die Stadt ist in Gefahr . . .« sprach er hastig, mit dumpfer Stimme. Dann ging er, von ihren blitzenden Augen gefolgt, mit gebücktem Nacken zur Tür hinaus und wagte nicht einmal zurückzuschauen.
Er hatte das Haus verlassen. Tatjana Markowna stand noch eine ganze Weile hoch aufgerichtet, mit zornig blitzenden Augen da und zog in der Aufregung ihren Schal hin und her. Raiski war aus seinem Staunen erwacht und trat schüchtern auf sie zu – es war, als erkenne er sie nicht wieder, als sehe er in ihr nicht sein gutes, liebes Tantchen, sondern eine andere Frau, die er bisher nicht gekannt hatte.
»Wie konnten Sie von diesem Tölpel erwarten, daß er Ihre Größe erkennen und sich vor ihr beugen würde!« sagte er. »Nehmen Sie dafür meine Huldigung entgegen – nicht als Tante vom Neffen, sondern als Frau vom Manne! Ich spreche Tatjana Markowna, der besten der Frauen, meine Bewunderung aus, und ich verneige mich vor ihrer Frauenwürde!«
Er küßte ihr die Hand.
»Ich nehme deine Anerkennung gern entgegen, Boris Pawlytsch, und ich betrachte sie als eine große Ehre. Nicht umsonst wird mir deine Anerkennung zuteil: ich habe sie verdient! Für dein tapferes Eintreten aber danke ich dir mit diesem Kusse, den ich dir nicht als deine Tante gebe, sondern als Frau . . .«
Sie küßte ihn auf die Wange. Und in demselben Augenblick fühlte er auch auf der andern Wange einen Kuß.
»Und das ist der Dank von einer andern Frau!« sprach leise Wjera, die ihn gleichfalls geküßt hatte und nun rasch aus dem Zimmer schlüpfte.
»Ach!« rief Raiski leidenschaftlich, während er die Hand nach ihr ausstreckte.
»Wir haben uns nicht verabredet,« sagte Tatjana Markowna – »aber wir haben dich beide verstanden. Wir reden beide nur wenig miteinander, doch sind wir einander sehr ähnlich!« sagte Tatjana Markowna.
»Tantchen! Sie sind eine ganz ungewöhnliche Frau!« sagte Raiski und betrachtete sie voll Entzücken, als sähe er sie zum ersten Male.
»Und du bist ein ganz abscheulicher Mensch, doch dabei ein prächtiger Junge!« versetzte sie und klopfte ihn auf die Schulter. »Nun mußt du gleich zum Gouverneur fahren und ihm alles ganz haarklein so erzählen, wie es sich zutrug, bevor dieser Halunke ihn noch angelogen hat. Ich fahre inzwischen zu Paulina Karpowna, um ihr eine Entschuldigungsvisite zu machen.«