Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 39
Sechstes Kapitel
Als Raiski nach der Lektüre dieses Briefes seine Fassung wiedererlangt hatte, war sein erstes, daß er Wjeras Brief Wort für Wort abschrieb und ihn als Material zu ihrer Charakteristik seinem Romanentwurf einverleibte. Dann versank er von neuem in tiefes Brüten, nicht über das, was sie von ihm geschrieben hatte, denn er fühlte sich durchaus nicht verletzt durch ihr strenges Urteil, noch auch durch den Vergleich mit irgendeiner verliebten Daschenka – »was kann sie vom Wesen einer künstlerisch veranlagten Natur begreifen?« sagte er sich.
Ihn interessierte nur die eine Tatsache, daß dieser Brief ihm Antwort gab auf die Frage, ob sie sich über seine Abreise freue. In dieser Hinsicht blieb ihm nun kaum ein Zweifel. Es focht ihn jetzt wenig an, ob seine Abreise ihr angenehm war oder nicht: um ihres Befindens willen dieses Opfer zu bringen, fiel ihm nun nicht mehr ein. Sobald erst der Wurm des Zweifels sich wieder in seiner Seele geregt hatte, gewann der grobe Egoismus von neuem Oberhand in ihm, sein Ich trat vor ihn hin und verlangte »Opfer«.
Von wem mochte nur jener dritte Brief sein? – diese Frage quälte ihn unaufhörlich. In Nachdenken versunken, ging er den ganzen Tag umher, aß halb unbewußt zu Mittag, sprach weder mit der Großtante noch mit Marsinka, ließ die Gäste, die sich am Abend einfanden, sitzen, ohne ein Wort mit ihnen zu wechseln, und gab Jegorka Befehl, den Koffer wieder auf den Boden zu tragen und die Reisevorbereitungen abzubrechen.
Der Gedanke an den Brief stellte die Erscheinung Wjeras wieder ganz in den Vordergrund seines Interesses, sie nahm in seiner Vorstellung die Gestalt einer geheimnisvollen, in Schönheit prangenden bösen Zauberin an, und der Reiz ihrer Schönheit übte auf ihn eine um so quälendere Wirkung. Er bekam Eifersuchtsanfälle, ging der Reihe nach alle Gäste des Hauses durch, forschte sorgfältig bei Marsinka und der Großtante, mit wem sie im Briefwechsel ständen.
»Mit wem sollen wir im Briefwechsel stehen?« sagte die Großtante. »An mich schreibt kein Mensch, und Marsinka hat nur neulich vom Kaufmann einen Brief bekommen . . .«
»Das war doch kein Brief, Tantchen, sondern eine Rechnung über die Wolle und die Stickmuster, die ich neulich bei ihm gekauft habe!«
»Hat der Kaufmann nicht auch an Wjera geschrieben?« fragte Raiski.
»Gewiß – sie hat für die Frau des Geistlichen Ware bei ihm entnommen . . .«
»Gebraucht er vielleicht blaßblaue Briefbogen?«
»Ja, er schreibt immer auf blaßblauem Papier. Woher wissen Sie denn das?«
Er gab keine Antwort, doch war ihm, als fiele ihm eine schwere Last von der Brust. »Warum hat sie dann aber den Brief versteckt?« ging’s ihm sogleich wieder durch den Kopf, und abermals begannen ihn Zweifel und Sorge zu plagen.
»Ach, was geht es mich schließlich an, der Teufel mag sie holen! Ich bin doch nicht verliebt in diese kalte Statue!« dachte er, blieb mitten auf dem Gartenwege stehen und schaute wie betäubt mit den rollenden Augen um sich.
»Dort nistet sie, die Schlange!« dachte er und blickte voll Ingrimm nach ihrem Fenster, an dem der Wind den Vorhang hin und her bewegte.
»Ich will nur gehen, sonst glaubt sie am Ende, ich interessiere mich für sie . . . die Närrin!« brummte er halblaut vor sich hin, während seine Beine ihn schon nach der Freitreppe des alten Hauses trugen. Er hatte jedoch nicht den Mut, die Tür ihres Zimmers zu öffnen, und ging rasch nach seinem Zimmer, wo er, den Kopf auf den Ellbogen gestützt, bis zum Abend verblieb.
»Was mache ich nun aus meinem Roman?« dachte er. »Ich hatte schon mein Schlußkapitel fertig, und nun ist alles wieder anders gekommen, und ich sehe kein Ende!« Er schleuderte die Hefte in die Zimmerecke.
Alles andere war wieder herausgeflogen aus seinem Kopfe: die Gäste der Großtante, Mark, Leontij, die ländliche Idylle, die ihn umgab – alles das existierte für ihn nicht. Nur Wjera stand ganz allein auf dem Piedestal, von hellem Sonnenschein beleuchtet, in marmorner Gleichgültigkeit erstrahlend, mit gebieterischer Handbewegung jede Annäherung abwehrend; und er schloß vor ihr die Augen, neigte den Kopf und sprach in Gedanken:
»Wjera, Wjera, verschone mich – sieh, wie mich deine böse, stechende Schönheit zugrunde richtet! Nie hat ein Weib mir so tiefe Wunden geschlagen . . .«
Zuweilen erschien sie ihm in seltsamem Halbdunkel, wie die leibhaftige Nacht, von Sternenglanz umleuchtet, mit bösem Lächeln, geheimnisvoll-zärtlich mit irgend jemandem flüsternd, ihm selbst jedoch spöttisch drohend, wie ein Irrlicht verschwindend und kommend, bald zitternd und zaghaft, bald wieder kühn und verwegen.
In der Nacht fand er keinen Schlaf, und am Tage sprach er mit niemandem, aß nur wenig und magerte sogar etwas ab – und alles dies um solcher Kleinigkeiten willen, alles wegen der einen lächerlichen Frage: wer ihr jenen Brief geschrieben?
Wenn sie ihm wenigstens sagte: der und der war es, oder die und die, dann wäre alles gut, dann würde er sich beruhigen. Es war doch wirklich nichts weiter als eine unbändige, aufgestachelte Neugier, was ihn quälte. Befriedigte sie diese Neugier – dann war alle Qual, alle Unruhe vorüber. Das war das ganze Geheimnis.
»Ich muß es um jeden Preis erfahren, von wem dieser Brief ist,« sagte er sich, »sonst verzehre ich mich im Fieber. Nur dieses eine will ich in Erfahrung bringen – dann habe ich meine Ruhe wieder und reise ab!«
Sogleich nach dem Tee begab er sich zu Wjera hinauf. Sie war nicht zu Hause – Marina sagte, das gnädige Fräulein habe den Hut aufgesetzt, die Mantille umgehängt, den Sonnenschirm genommen und sei fortgegangen.
»Wohin denn?«
»Gott mag’s wissen,« antwortete sie – »spazieren ist sie gegangen; weiß denn unsereins, wo die Herrschaften hingehen?«
»Sagt das Fräulein es denn nicht?«
»Niemals – und fragen darf man nicht, da gibt’s gleich Schelte!«
Auch zum Mittagessen erschien Wjera nicht. Ein neuer Schreck befiel ihn.
»Wo ist Wjera?« fragte er die Großtante.
Sie runzelte die Stirn und gab keine Antwort. Da wandte er sich mit seiner Frage an Marsinka.
»Ich weiß nicht, wo sie ist, Bruder,« versetzte diese. »Ich sah vorhin aus dem Fenster, daß sie nach dem Dorfe zuging.«
»Wo ißt sie denn zu Mittag?«
»Sie bittet sich etwas Milch von den Bauern aus, oder sie ißt, wenn sie kommt, Marina bringt ihr dann irgend etwas.«
»Lauter solche Einfälle – gar nicht wie andere Leute!« murmelte die Großtante vor sich hin. »Ganz so sonderbar, wie die Mutter war: an den Nerven liegt’s bei ihr, wie bei der Mutter. Auch der Doktor redet immer nur von den Nerven: lassen Sie sie in Ruhe, schonen Sie sie, widersprechen Sie ihr nicht! Sie tanzt einem auf der Nase herum mit ihren Nerven!«
»Warum fragen Sie nicht, wohin sie immer ihre einsamen Spaziergänge macht?« fragte Raiski.
»Wie darf ich mir denn erlauben, sie danach zu fragen? Sie würde ja böse werden!« versetzte Tatjana Markowna ironisch. »Mitunter schließt sie sich für eine halbe Woche in ihrem Zimmer ein, und die Großtante darf nicht ein Wort sagen.«
»Wohin geht sie denn – so allein?« sagte Raiski leise.
»Sie sagt es nicht. Sie geht immer allein aus, schon von jeher,« antwortete ihm Marsinka.
»Und du?«
»Ich würde um keinen Preis allein weggehen, ich würde mich fürchten!«
»Wovor?«
»Es gibt doch so vielerlei, wovor man sich fürchten muß: vor Schlangen, Fröschen, Hunden, großen Schweinen, Räubern, Gespenstern . . . Auch vor Arina fürchte ich mich.«
»Wer ist Arina?«
»Eine Verrückte hier im Dorfe.«
»Und Wjera?«
»Die fürchtet sich vor nichts: sie ließe sich über Nacht in der Kirche einschließen, ohne auch nur einen Augenblick ängstlich zu werden.«
»Frag’ sie doch morgen, Marsinka, wo sie heute gewesen ist!«
»Das würde sie sehr übel nehmen!«
»Alle Welt fürchtet sich vor ihr – wirklich sonderbar!«
Tags darauf verließ sie wieder am frühen Morgen das Haus und kehrte erst am Abend wieder heim. Raiski wußte nicht, was er beginnen sollte vor innerer Qual und Ungewißheit. Er spähte überall in Garten und Feld nach ihr aus, er ging nach dem Dorfe, fragte dort sogar die Bauern aus, ob sie ihr nicht begegnet seien, forschte in den Bauernhütten nach und verstieß auf jede Weise gegen sein Versprechen, ihr nicht nachzuspüren.
Es war bereits dunkel geworden, als er, im dichten Gehölz der Schlucht umherirrend, sie plötzlich von weitem erblickte: zwischen den Bäumen und Sträuchern, mit denen der Abhang bestanden war, tauchte sie ganz unerwartet auf. Ein Schreck durchfuhr ihn förmlich, als er sie so unvermutet sah, und er stürzte so hastig auf sie zu, daß auch sie erschrak und stehen blieb.
»Wer ist da?« fragte sie.
»Bist du es . . . Wjera?«
»Ja, ich bin es . . . warum?«
»Man hat dich überall gesucht . . . Niemand wußte, wo du steckst?«
»Wer hat mich gesucht?« fragte sie, die Stirn runzelnd.
»Tantchen und Marsinka waren so besorgt . . .«
»Was ist ihnen plötzlich eingefallen? Niemals haben sie sich um mich Sorgen gemacht, und nun mit einem Male! . . . Sie hätten ihnen sagen sollen, ihre Angst sei überflüssig, kein Mensch brauche sich meinetwegen zu beunruhigen.«
»Auch ich hatte Befürchtungen . . .«
»Auch Sie? Weshalb denn, wenn ich fragen darf?«
»Es kann dir so leicht etwas zustoßen . . .«
»Was zum Beispiel?«
»Nun, irgendein Unfall – was passiert nicht alles! Betrunkene treiben sich herum, dann gibt es Schlangen, und Räuber, und Hunde, große Schweine, Gespenster . . .« fuhr er fort, all die Dinge, vor denen Marsinka sich fürchtete, im Scherz aufzählend. »Sie könnten dir einen Schreck einjagen . . .«
»Das können nur Sie – vor Räubern und Gespenstern fürchte ich mich nicht, dort wenigstens« – sie zeigte nach der Schlucht – »gibt es nichts derartiges.«
»Ein Unglück ist rasch geschehen,« bemerkte er – »wie leicht kommt man mitunter zu Schaden! . . .«
»Wenn ich einmal zu Schaden kommen sollte, würde ich natürlich vorher nicht verfehlt haben, mir dazu von Ihnen oder von Tantchen die Erlaubnis auszubitten,« sagte sie spöttisch und wandte sich zum Gehen.
»Welch ein hochmütiges Geschöpf!« flüsterte er vor sich hin. Dann sagte er laut: »Auf einen Augenblick noch, Wjera: entschuldige, daß ich dir den Brief an deine Freundin noch nicht zurückgegeben habe. Hier ist er. Ich wollte dir ihn selbst bringen, aber du warst nicht da.«
Sie steckte den Brief in die Tasche.
»Und was ist mit dem anderen Briefe, der noch da drin steckt? . . .« fragte er, sich nach ihr hinneigend, in freundlichem Tone, doch mit zitternder Stimme.
»Welcher andere Brief. . . und wo soll er stecken?«
»Der auf blaßblauem Papier . . . den du noch in der Tasche hast . . .«
Mit banger Erwartung sah er ihrer Antwort entgegen. Sie kehrte ihre Tasche um.
»Ach, du hast ihn nicht mehr bei dir!« sagte Raiski. »Von wem war er denn eigentlich?«
»Der Brief auf dem blaßblauen Papier? . . . Der war von der Frau des Geistlichen, meiner Freundin,« sagte sie nach einem Weilchen. »Sie hatte mir geschrieben, und mein Brief war die Antwort auf ihr Schreiben.«
»Von der Frau des Geistlichen!?« rief er laut, daß es weithin durch den Garten klang.
»Ja, natürlich!« bestätigte sie nochmals in gleichgültigem Tone und ging weiter.
»Von der Frau des Geistlichen!« wiederholte er im Stillen, und es war ihm, als würde ein Berg von seinen Schultern genommen. »Ich habe mich abgequält und mir den Kopf zerbrochen – und die Lösung des Rätsels ist so einfach! Von der Frau des Geistlichen! Die Sache ist ganz klar, Brief und Antwort steckten in derselben Tasche! Nichts einfacher als das! Und daß sie mir diesen Brief nicht zeigen wollte, ist wohl begreiflich: wer zeigt denn auch fremde Briefe herum, in denen von anderer Leute Geheimnissen die Rede ist? . . . Das ist doch so einleuchtend! Aber warum hat sie mir das nicht gleich gesagt, warum mußte sie mich erst noch lange quälen? Wie seltsam übrigens: dieser plötzliche Übergang von toller Unrast und Aufregung zu vollem inneren Frieden! Jetzt herrscht wieder Ruhe und Harmonie im ganzen Organismus. Mein Gott, welch ein herrlicher Abend! Dieser leuchtende Himmel, diese lauen Lüfte – wie köstlich ist das! Wie frisch, behaglich und wohl ist mir zumute! Jetzt weiß ich alles, was ich wissen wollte, jetzt kann mich nichts mehr länger halten: in zwei Tagen reise ich ab!«
»Jegor!« rief er, als er auf den Hof kam.
»Was befehlen der Herr?« fragte eine Stimme aus dem Fenster der Gesindestube.
»Hol’ doch morgen ganz früh den Reisekoffer vom Boden herunter!«
»Sehr wohl, gnädiger Herr . . .!«
Im Handumdrehen war er gesund und munter geworden, eilte rasch ins Haus, bat sich irgend etwas zu essen aus, verwickelte die Großtante in ein unterhaltsames Gespräch, brachte Marsinka durch seine lustigen Bemerkungen zum Lachen und aß so viel, daß es für drei Tage gereicht hätte, und daß die Großtante ganz außer sich war vor Freude. »Nun, Gott sei Dank!« sagte sie. »Drei Tage lang ist er herumgeirrt, als wenn eine Schraube in ihm los wäre – nun scheint endlich wieder alles in Ordnung! . . . Wo steckt denn Wjera: hast du sie gesehen?« fragte sie.
»Der Brief ist von der Frau des Geistlichen,« platzte er statt der Antwort heraus.
»Welcher Brief?« fragten Marsinka und die Großtante zu gleicher Zeit.
»Nun, der auf dem blaßblauen Briefbogen, von dem ich neulich sprach . . .«
Er schlief in der nächsten Nacht so trefflich, daß alle die schlaflos verbrachten Stunden der letzten Nächte wett gemacht schienen. Wie einfach doch die Lösung des Rätsels war – und er hatte sich drei Tage lang wahre Folterqualen auferlegt!
»Eine alte Erfahrung übrigens,« sagte er sich – »gerade die einfachsten Lösungen findet man oft am schwersten. Das Ei des Kolumbus in einer neuen Gestalt . . .«
Dieser Vergleich gab ihm viel zu denken.
Am nächsten Morgen erhob er sich frisch und munter, das Herz von neuer Kraft und frohen Hoffnungen geschwellt. Und alles das hatte der Umstand bewirkt, daß der blaßblaue Brief – von der Popenfrau war . . .
Er setzte sich rasch an den Schreibtisch, nahm seine Hefte vor und brachte alle seine Zweifel und Seelenqualen zu Papier, samt der Lösung, die sie schließlich gefunden. Die geistvollen Bemerkungen, die scharfsinnigen Einfälle, die Szenen und Reden flossen ihm nur so zu. Er wollte noch einmal lesen, was Wjera in ihrem Briefe an die Freundin über ihn selbst geschrieben, und holte die Abschrift hervor, die er von ihrem Briefe genommen.
Begierig durchflog er ihre Zeilen, las mit stillem Lächeln die wenig schmeichelhafte Darstellung, die sie in großen Zügen von seinem Charakter gegeben, seufzte bei jener Stelle, die ihm ein für allemal bestätigte, daß er auf eine zärtliche Neigung von ihrer Seite niemals hoffen könne, las voll Betrübnis ihre Klagen über seine ihr so unerwünschten Annäherungsversuche, blieb aber doch bei alledem ganz ruhig und gelassen, während gestern – er dachte mit Entsetzen daran – ein wilder Sturm seine Seele durchtobt hatte.
»Wohlan denn: ich will abreisen!« sagte er sich – »ich will ihr die Ruhe, den Frieden wiedergeben. Welch ein stolzes, unbeugsames Herz! Ich habe hier nichts mehr zu suchen – wir beide haben einander nichts zu sagen . . .«
Noch einmal überflog er flüchtig die Zeilen – und plötzlich weiteten sich seine Augen, er erbleichte und las:
»Ich habe niemanden gesehen, an niemanden geschrieben, nicht einmal an Dich . . .«
»Niemanden gesehen . . . an niemanden geschrieben . . . diese Worte sind unterstrichen!« flüsterte er vor sich hin, und seine Lippen bebten, während seine Augen wild zu rollen begannen. »Dahinter steckt irgend jemand, den sie sonst gesehen, an den sie geschrieben hat. Mein Gott – der Brief auf dem blaßblauen Papier war also doch nicht von der Popenfrau!« sprach er ganz entsetzt.
Ein Schauer begann ihn zu schütteln, er streckte sich lang aus auf dem Diwan und faßte sich verzweifelnd an den Kopf.
Siebentes Kapitel
Am nächsten Tage, gegen zehn Uhr morgens, klopfte jemand an seinem Zimmer. Bleich, mit finsterer Miene öffnete er die Tür und ward starr vor Erstaunen. Vor ihm standen Wjera und Paulina Karpowna, die letztere in einem grellgelben Tüllkleide, das sie wie ein Nebel umgab, mit tiefem Brustausschnitt und kurzen Ärmeln, ganz mit Blumen, Bändern und Löckchen bedeckt. Sie glich jenen weißen, kleinen Pudeln, die, hübsch glatt geschoren und mit Schleifen, Halsbändern und sonstigem Schmuck verziert, im Zirkus vorgeführt werden.
Raiski musterte sie ganz entsetzt, sah dann finster auf Wjera und hierauf wieder auf Paulina Karpowna. Sie hatte die Lippen zu einem süßlich-sanften Lächeln verzogen und sah ihn schweigend an, mit einem Blicke, der sich tief in ihn hineinzubohren suchte; in ihrem ekstatischen Zustande, der durch die Hitze noch gesteigert schien, erinnerte sie an einen weichen, halb zerschmolzenen Bonbon. Alle drei schwiegen.
»Ich liege zu Ihren Füßen!« begann die Krizkaja endlich mit verhaltenem Flüstern.
»Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte er wütend.
»Zu Ihren Füßen . . .« wiederholte sie – »Ihr ritterliches Eintreten für mich . . . ich finde keine Worte . . . bin ganz hin . . .«
Sie führte ihr Taschentuch an die Augen.
»Was hat das zu bedeuten, Wjera?« fragte er ungeduldig. Wjera sagte kein Wort, nur ihr Kinn begann zu zittern.
»Nichts, nichts – verzeihen Sie . . .« begann Paulina Karpowna hastig – »vos moments sont précieux: ich bin bereit!«
»Ich schrieb an Paulina Karpowna, daß Sie eingewilligt haben, ihr Bild zu malen,« sagte Wjera endlich.
»Ach!?« tönte es scharf aus Raiskis Munde.
Er rieb sich heftig die Stirn.
»Das war’s, was mir noch fehlte!« murmelte er zähneknirschend.
»Kommen Sie, wir wollen gleich anfangen!« sprach er dann in entschiedenem Tone. »Erwarten Sie mich dort, im Saale!«
»Gut, gut, befehlen Sie, und wir werden . . . Allons, chére Wjera Wassiljewna!« sagte die Krizkaja hastig und zog Wjera mit sich fort.
Er hätte sich Paulina Karpowna ohne Umstände vom Halse geschafft, wenn Wjera nicht bei den Sitzungen zugegen gewesen wäre. Das wurde ihm sogleich klar, als die beiden sich entfernt hatten.
Das an Feindseligkeit streifende Mißtrauen, das Wjera gegen ihn hegte, und vor allem dieser rätselhafte Brief hatten ihn so heftig gereizt, daß er sie beinahe haßte – und doch schien ihm jede Minute, die er mit ihr zusammen verbringen konnte, ein köstlicher Gewinn. Noch immer brannte er vor Verlangen, zu erfahren, von wem der Brief war.
Er holte aus einer Ecke des Zimmers eine auf den Rahmen gespannte Leinwand hervor, die eigentlich für ein Porträt Wjeras bestimmt war, und nahm Palette und Farben. Er ließ von Wassilissa eine Art Vorhänge zum Abdämpfen des eindringenden Lichtes in den Saal bringen und verhängte alle Fenster bis auf eins. Die Krizkaja musterte er nur zwei- oder dreimal mit flüchtigem, finsterem Blick, stellte ihr einen Stuhl hin und nahm selbst vor der Leinwand Platz.
»Sagen Sie, bitte, wie ich sitzen soll! Setzen Sie mich richtig hin!« sagte sie in einem Tone, aus dem zugleich Demut und Zärtlichkeit hervorklang.
»Setzen Sie sich, wie Sie wollen, nur sitzen Sie still und sprechen Sie nicht, das stört mich,« antwortete er kurz.
»Nicht einmal atmen werde ich! . . .« flüsterte sie, neigte den Kopf anmutig zur Seite, schloß die Augen ein wenig und setzte ein süßes Lächeln auf.
»Was für eine abscheuliche Fratze!« ging es Raiski durch den Kopf. »Wart’, meine Liebe, ich will dich schon abkonterfeien! . . .«
Ohne Umstände schickte er die Großtante und Marsinka die gekommen waren, um zuzusehen, aus dem Saal fort.
Jegorka, der gesehen hatte, daß der gnädige Herr ein »Paträt« zu malen begann, kam herein, um zu fragen, ob er nicht den Reisekoffer auf den Boden tragen solle. Raiski wandte sich schweigend um und wies ihm die Faust.
Boris begann zunächst die Umrisse des Kopfes mit Kreide hinzuzeichnen, wobei er immer wütender auf die »abscheuliche Fratze« schaute, und so fest setzte er dabei die Kreide auf, daß die abspringenden Stückchen nach allen Seiten flogen.
Wjera saß an der Tür, stichelte mit der Nadel an einer Stickarbeit herum und gähnte häufig; nur wenn sie einen Blick auf Paulina Karpownas Gesicht warf, begann ihr Kinn zu zittern und ihr Mund zu zucken, als müsse sie mit Gewalt ein Lächeln unterdrücken.
»Suis-je bien comme ca?« wandte sich die Krizkaja flüsternd an Wjera- »Oh, oui, tout-á-fait bien!« antwortete Wjera.
Raiski machte eine unwillige Bewegung.
»Ich wage nicht zu atmen!« stammelte Paulina Karpowna erschrocken und erstarrte in ihrer Pose.
Raiski war mit der Kreideskizze fertig; er nahm nun die Palette und begann, während er der Krizkaja feindselige Blicke zuwarf, Augen und Nase zu untermalen.
»Arme Alte, ach, wohin
Schwand die Schönheit dein?
Niemand, niemand denkt daran
Als nur du allein!«
zitierte er unwillkürlich.
So oft sie seinem Blick begegnete, bemühte sie sich, noch süßer und zärtlicher zu lächeln.
Nach zwanzig Minuten war sie, da sie das Stillsitzen und Nichtatmen fast buchstäblich nahm, so erschöpft, daß ihre Stirn sich mit großen, an weiße Johannisbeeren erinnernde Schweißtropfen bedeckte und ihre Schläfenlöckchen ganz feucht wurden.
»Es ist so heiß!« flüsterte sie.
Doch Raiski sah sie mit strenger Miene an und malte unbarmherzig weiter. Noch eine Viertelstunde verging.
»Un verre d’eau!« flüsterte die Krizkaja kaum hörbar.
»Unmöglich, warten Sie noch!« sagte Raiski streng. »Ich bin eben bei den Lippen.«
Paulina Karpowna suchte sich zu beherrschen, als sie vernahm, daß er »ihr Lächeln« male. Nur stoßweise, mit größter Anstrengung, wagte sie Atem zu schöpfen, und in ihrem Bemühen, sich nur um keinen Preis zu rühren, begann sie auch an Hals und Brust zu schwitzen. Raiski aber malte und malte, als ob er nichts bemerkte.
»Paulina Karpowna ist erschöpft!« sagte Wjera.
Raiski schwieg. Die Unterlippe der Krizkaja sank schlaff herunter, so sehr sie sich auch bemühte, sie an ihrem Platze festzuhalten. Aus ihrer Brust kam ein leichtes Pfeifen.
Raiski tat nichts als nur malen, malen. Paulina Karpowna bewegte tonlos die Lippen, als wolle sie etwas sagen, und die Schweißtropfen rollten ihr schon von der Stirn auf die Arme hinab.
»Warten Sie noch ein Weilchen,« sagte Raiski.
»Ich kriege keinen Atem!« kam es pfeifend aus Paulina Karpownas Munde.
Raiski war selbst schon ermattet, doch seine Wut beherrschte ihn ganz, und er fühlte weder Müdigkeit noch Mitleid mit seinem Opfer. Noch fünf Minuten gingen hin.
»Ach . . . ach . . . je n’en puis plus . . . ach, ach!« rief die Krizkaja und fiel vom Stuhle.
Raiski und Wjera sprangen auf sie zu und brachten sie nach dem Diwan. Sie holten Wasser, Eau de Cologne, einen Fächer, und allmählich kam sie, mit Wjeras Hilfe, wieder zu sich. Sie ging in den Garten, und Raiski blieb mit Wjera allein zurück. Er warf ihr einen raschen, feindlichen Blick zu.
»Der Brief ist nicht von der Frau des Popen!« zischte er.
Wjera antwortete ihm gleichfalls mit einem Blicke, so jäh und rasch wie der Blitz; dann ließ sie ihre Augen auf ihm ruhen, die nun wieder so durchsichtig und gläsern erschienen wie Nixenaugen.
»Wjera, Wjera,« sprach er leise, mit trockenen Lippen, während er ihre Hand ergriff – »du hast kein Vertrauen zu mir!«
»Ach, lassen Sie mich!« sagte sie ungeduldig und entzog ihm ihre Hand. »Was soll Ihnen mein Vertrauen? Wozu bedürfen Sie seiner?«
Sie begab sich zu Paulina Karpowna in den Garten.
»Ja, sie hat recht: was soll mir ihr Vertrauen? Und doch – ich muß es besitzen, mein Gott, um endlich dieser Aufregung Herr zu werden, um hinter ihr Geheimnis zu kommen – denn ein solches liegt vor – und dann abzureisen. Nein, ich kann nicht abreisen, ohne dahinter gekommen zu sein, wer und was sie ist!«
»Jegor!« sagte er, ins Vorzimmer hinaustretend – »bring den Koffer wieder nach dem Boden!«
Er arbeitete noch eine halbe Stunde lang an dem Porträt der Krizkaja, setzte die nächste Sitzung auf den folgenden Tag fest und wandte nun wieder seine ganze Aufmerksamkeit der Lösung der Frage zu, von wem der blaßblaue Brief sein könnte. Nur dies wollte er noch in Erfahrung bringen – weiter nichts, dann wollte er ganz bestimmt abreisen. Das Schlimme an der Sache war eben diese Heimlichkeit; sie war es, die ihm so viel Pein bereitete.
Mit mißtrauischem Blicke sah er auf die Großtante, auf Marsinka, auf Tit Nikonytsch, auf Marina – ja, namentlich auf diese, die ja Wjeras Kammerzofe war und ihre Vertraute zu sein schien.
Marina aber huschte nach wie vor, sich in den schlanken Hüften wiegend, wie eine Eidechse über den Hof, bald mit dem Bügeleisen und frisch geplätteten Unterröcken, bald auf der Flucht vor den Schlägen Sawelijs, laut heulend und gleich darauf übers ganze Gesicht lachend, und wie sie sonst den Knütteln oder Ziegelstücken auswich, die ihr Mann ihr nachwarf, so ging sie jetzt den Fragen Raiskis aus dem Wege. Sie wandte, sobald sie ihn sah, ihr Gesicht ab, senkte die gelben, frechen Augen zu Boden und suchte ihn in möglichst großem Bogen zu umgehen.
»Diese Kanaille scheint in alles eingeweiht zu sein!« dachte er, doch scheute er davor zurück, sie eingehender zu befragen, weil er dann wieder den Vorwurf des Spionierens auf sich geladen hätte, und weil sein eigenes Gefühl sich doch gegen eine solche Schnüffelei sträubte.
Da hatte er ihr nun in so feierlicher Weise sein Wort verpfändet, sich beherrschen zu wollen, ihr ein Freund im einfachen, wahren Sinne dieses Wortes zu werden. Zwei Wochen hatte er sich dafür als Frist gesetzt – o Gott, und was hatte er nun erreicht! Welche törichte Qual hatte er da seiner Seele aufgeladen, ohne Liebe, ohne Leidenschaft – ganz freiwillig hatte er sich einer Folter unterzogen, die ihm nur Leiden bot, nur peinliche Empfindungen bereitete. Nun schien es doch fast, daß er, der so wählerisch, so unabhängig und stolz war – er wenigstens hielt sich für stolz – daß er sie wirklich liebte, und daß man, wie der scharfsinnige Zyniker Mark sich ausdrückte, »ihm dies am Gesichte ansah«.
Mitten in diesem Kampfe aber, diesen inneren Qualen regte sich in seinem Herzen das Vorgefühl einer großen Leidenschaft: er schwelgte im Vorgenuß der köstlichen Empfindungen, die ihm bevorstanden, lauschte voll Entzücken auf das Rollen des fernen Gewitters und malte sich aus, wie herrlich es sein müßte, seine Seele so ganz in Luft und Wonne zu baden, sein Leben im Feuer höchsten Gefühles zu läutern und einen befruchtenden Regen auf das verdorrte Feld seines Daseins niedergehen zu lassen.
Was war die Kunst, was war selbst der Ruhm gegenüber diesen süßen Stürmen des Herzens! Was bedeuteten, im Vergleich damit, all die stickigen, schwülen Gase der politischen und sozialen Stürme, in denen nur Ideen kämpfen, schattenhafte Schemen ohne Glut, ohne Nerven, nicht wert der Begeisterung, mit der die Jugend ihnen anhängt! Diese »Leidenschaften des Kopfes« sind doch nichts weiter als ein Spiel der kalten Selbstsucht, Ideen ohne Schönheit, oft nur nachgebetet und zusammengelesen, bar alles inneren Feuers, aller Lust und Qual.
»Nein, ich will nichts weiter als die ganz gewöhnliche, lebendige, animalische Leidenschaft, mit all ihrem Blitz und Donner. Ach, die Leidenschaft, die Leidenschaft! . . .« hätte er am liebsten aufgeschrieen, wie er so durch den Garten schritt und in vollen Zügen die frische Luft einatmete.
Doch Wjera gab sie ihm nicht, diese Leidenschaft, und es schien ihrer Eigenliebe so gar nicht zu schmeicheln, sie in ihm zu erregen.
Auch in ihm hatte ja nicht die Eigenliebe allein die Hoffnung genährt, daß er doch endlich Wjera näher treten würde. Er hatte sich nicht mit der vermessenen Absicht getragen, mit Gewalt von ihrem Herzen Besitz zu ergreifen, wie es dem Wesen eines ersten besten Don Juans mit glatten Wangen und kleinem Hirn entsprochen hätte, dem es nur darauf ankam, um jeden Preis einen Erfolg zu erringen. Seine Hoffnung war von schüchterner, stiller Art gewesen – vielleicht, hatte sie ihm zugeflüstert, würde er doch noch einmal auf Wjera Eindruck machen; doch auch diese Hoffnung war nun geschwunden.
Als er Wjeras Brief an die Freundin las, hatte diese leise Hoffnung, ohne daß er selbst es merkte, wieder einige Nahrung erhalten. Sie hatte in dem Briefe bekannt, daß er, Raiski, viel Verstand und Wissen, viel Geist und Talent besitze, daß sie sich vielleicht früher von diesem Wirbel hätte fortreißen lassen, doch jetzt . . .«
Dieses »vielleicht«, das den Menschen auch in der verzweifeltsten Lage noch nach dem rettenden Strohhalm ausschauen läßt, zog jetzt auch Raiski, zwar nicht in die eigentliche Wolke der Leidenschaft, aber doch in ihre heiße Atmosphäre hinein, aus der sich nur starke, wahrhaft stolze Charaktere zu retten vermögen.
Ja, immer noch glühte in ihm dieses Fünkchen von Hoffnung auf eine gegenseitige Annäherung oder sonst ein Etwas, über das er sich selbst noch nicht völlig klar war; und mit jedem Tage wurde es ihm, wie er deutlich fühlte, immer schwerer und schwerer, sich jener heißen, betäubenden Atmosphäre zu entziehen.
Nicht vor einer Woche – nein, vor einem Monat, oder vor Wjeras Ankunft, oder gleich nach der ersten Begegnung mit ihr hätte er daran denken sollen, abzureisen, sich vor ihr zu retten: jetzt würde Jegorka wohl kaum wieder in die Lage kommen, den Reisekoffer vom Boden zu holen.
»Gib mir diese Leidenschaft!« stöhnte er, während er sich in der schwülen Sommernacht zwischen den weichen Betten der Großtante wälzte. »Gib sie mir, die volle, ganze Leidenschaft, die mich verzehrt und zugrunde richtet – ja, mag sie es nur tun! – die mich aber auch in vollen Zügen, bis zur Sattheit, trinken läßt aus ihrem Becher! Oder sag’ mir kurz und bündig, von wem der Brief ist, und wen du liebst, seit wann du ihn liebst, und ob diese Liebe ewig dauern wird! Dann werde ich zur Ruhe kommen und gesunden – denn die Hoffnungslosigkeit macht gesund! Jetzt aber raunt eine blinde, törichte Hoffnung mir immer wieder ins Ohr: verzweifle nicht, fürchte ihre Strenge nicht, sie ist jung – wenn dir jemand zuvorgekommen ist, so kann das erst kürzlich geschehen sein. Noch kann in diesem Hause, wo Dutzende von Augenpaaren sie beobachteten, wo Vorurteile, Befürchtungen und die altfränkische Moral der Großtante sie auf Schritt und Tritt hemmen, ihre Liebe zu jenem andern nicht weit gediehen sein. Wart’s nur ab – du wirst den Eindruck verwischen, und dann . . . usw. Und solange diese Hoffnung noch flüstert: so lange kann die Gesundung nicht erfolgen!«
»Ich will zu ihr gehen! Ich halte es nicht mehr aus!« entschied er eines Tages, als eben der Abend hereingedämmert war. »Ich will ihr alles, alles sagen . . . und die Antwort, die sie mir gibt, soll mein Schicksal entscheiden. Entweder Heilung – oder Untergang!«