Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 38
»Das wäre nach Ihrer Meinung wohl ein Beweis bürgerlichen Mutes gewesen?« sagte Raiski.
»Ich weiß nicht, was es gewesen wäre – doch will ich Ihnen durch ein Beispiel klarzumachen suchen, was ich etwa unter Mut verstehe. Seit einiger Zeit treibt sich der Polizeimeister etwas gar zu häufig hier vor unsern Gärten herum: es scheint, daß Seine Exzellenz sich ein wenig darüber beunruhigen, wie es mir geht, und womit ich mir die Zeit vertreibe. Na, mir soll’s recht sein . . . Ich habe mir aber ein paar Bulldoggen angeschafft, die ich mir abrichte: noch keine acht Tage habe ich sie, und nicht eine Katze läßt sich mehr in den Gärten sehen! . . . Jetzt habe ich sie in einen finsteren Schuppen gesperrt, und sowie der Polizeimeister oder jemand von seinem Gefolge sich wieder hier zeigt, stürmen meine Lieblinge aus dem Hinterhalt los . . .«
»Nun – ich bin gekommen, um mich von Ihnen zu verabschieden,« unterbrach ihn Raiski. »Ich verreise . . .«
»Sie verreisen?« fragte Mark ganz verblüfft.
»Ja. Warum?«
»Ich muß mit Ihnen noch über etwas reden . . .« versetzte Mark leise, in ernstem Tone.
Raiski sah ihn seinerseits ganz erstaunt an.
»Womit kann ich Ihnen dienen?« sagte er. »Brauchen Sie wieder Geld?«
»Auch das könnte ich gebrauchen – aber diesmal handelt es sich um etwas anderes. Ich kann jetzt nicht davon sprechen, ich komme zu Ihnen . . .«
Er winkte mit dem Kopfe nach Koslows Frau hinüber, die in demselben Zimmer saß; offenbar wollte er in deren Gegenwart sein Anliegen nicht vorbringen.
Leontij war von seinem Sitz aufgefahren, als er hörte, daß Raiski abreisen wolle, während seine Frau ein böses Gesicht machte.
»Was fällt Ihnen ein?« flüsterte sie. »Glauben Sie wirklich, daß man Sie fortlassen wird? Sie sind mir nett, so denken Sie an Ihre Ulinka? Nicht ein einzigesmal waren Sie in Abwesenheit meines Mannes hier . . .«
Sie ergriff seine Hand und hielt sie lange fest, während ihr Blick, halb traurig und halb lächelnd, auf ihm ruhte.
»Haben Sie das Geld mitgebracht?« fragte ihn plötzlich Mark – »die dreihundert Rubel, die ich in der Wette gewonnen habe?«
Raiski sah ihn ironisch an.
»Wo sind denn Ihre Hosen – wie?« sagte er.
»Nur her mit den dreihundert Rubeln, ich scherze nicht!«
»Wofür denn? Ich bin nicht verliebt, wie Sie sehen.«
»Ich sehe im Gegenteil, daß Sie bis über die Ohren verliebt sind!«
»Woran sehen Sie das?«
»An Ihrem Gesichte . . .«
»Sie sind sehr im Irrtum: der Monat ist vorüber, was Sie prophezeiten, ist nicht eingetreten, und Ihre Hosen sind mein. Doch ich brauche sie nicht – ich schenke sie Ihnen als Zugabe zum Paletot.«
»Du willst also wirklich . . . abreisen?« sagte Koslow schmerzlich bewegt. »Und die Bücher?«
»Was für Bücher?«
»Nun, deine Bücher – die hier in den Regalen stehen, wohlgeordnet, nach dem Katalog . . .«
»Ich habe sie dir doch geschenkt!«
»So laß endlich die Scherze – sag’, was soll mit ihnen werden?«
»Lebt nun wohl, ich habe keine Zeit. Laß mich in Ruhe mit den Büchern, sonst verbrenne ich sie,« sagte Raiski.
»Nun, Sie weiser Mann, der Sie am Gesichte erkennen, ob jemand verliebt ist oder nicht – leben Sie wohl! Ich weiß nicht, ob wir uns je wieder begegnen . . .«
»Rücken Sie erst mit dem Geld heraus – es ist nicht nobel, sich so um eine Schuld herumzudrücken,« sagte Mark.
»Ich sehe Ihnen doch die Liebe an: sie ist wie die Masern, noch sieht man sie nicht, doch müssen sie jeden Augenblick herauskommen . . . Da, das Gesicht ist schon ganz rot!
Wie dumm, daß ich einen Termin gesetzt habe! Durch meine eigne Schuld verliere ich nun dreihundert Rubel!«
»Leben Sie wohl!«
»Sie werden nicht abreisen«, sagte Mark.
»Ich besuche dich noch einmal, Koslow . . . In der nächsten Woche reise ich ab«, wandte sich Raiski an Leontij.
»Und ich sage: Sie werden nicht abreisen!« wiederholte Mark.
»Wie steht es denn mit deinem Roman?« fragte Leontij – »du wolltest ihn doch hier beenden!«
»Ich bin schon an den letzten Kapiteln – nur muß ich noch alles richtig ordnen. Das soll dann in Petersburg geschehen.«
»Sie werden Ihren Roman nie zu Ende führen – weder den, den Sie selbst gern erleben möchten, noch den, den sie schreiben!« bemerkte Mark.
Raiski drehte sich lebhaft nach ihm um – er wollte irgend etwas sagen, doch wandte er sich unwillig ab und ging.
»Warum, glaubst du, wird er seinen Roman nicht beenden?« fragte Leontij seinen Gast.
»Wie sollte er!« antwortete Mark mit höhnischem Lachen – »er ist eben ein Pechvogel!«
Fünftes Kapitel
Raiski ging nach Hause, um so bald wie möglich eine Aussprache mit Wjera herbeizuführen, wenn auch nicht in dem Sinne, wie es zwischen ihnen abgemacht worden war. Der Sieg, den er über sich selbst errungen, war so sicher, daß er sich seiner früheren Schwäche schämte und sogar an Wjera ein klein wenig Revanche nehmen wollte – dafür, daß sie ihn in eine solche Situation gebracht hatte.
Er legte sich unterwegs wohl zehn verschiedene Fassungen dieser letzten Unterredung mit ihr zurecht. Seine Phantasie malte es ihm ganz deutlich aus, wie er vor ihr in einer ganz neuen, unerwarteten Gestalt erscheinen würde, kühn, voll überlegener Ironie, frei von allem törichten Hoffen, unempfindlich gegen ihre Schönheit – oh, wie wird sie staunen . . . und vielleicht betrübt sein!
Er entschied sich endlich für eine Fassung dieser letzten Unterredung, die zwar in der Tonart durchaus freundschaftlich und rücksichtsvoll sein, dabei jedoch eines gönnerhaften Anstrichs nicht entbehren und vor allem einen zurückhaltenden, gleichgültigen Charakter tragen sollte. Er wollte ihr sogar, natürlich in angemessener, ihrem Verständnis angepaßter Form, eine Art Generalbeichte über alle seine Herzenserlebnisse ablegen, wollte dabei die Bjelowodowa besonders hoch erheben und im Lichte strahlender Schönheit und Frauenanmut erscheinen lassen, damit die arme Wjera sich neben ihr wie ein Aschenbrödel vorkäme – und dann wollte er ihr erklären, daß auch diese Schönheit sein Herz nur für kurze acht Tage in ihren Bann geschlagen habe.
Auch Marsinka sollte ihr Teil von seinem glühenden Lobeshymnus abbekommen, und zu guter Letzt wollte er dann flüchtig auch Wjera erwähnen und in herablassendem Tone ihre Reize anerkennen, die er nur zu rasch habe auf sich wirken lassen. Während so alle übrigen in den hellen Vordergrund traten, sollte Wjera möglichst im Schatten bleiben.
Er zitterte vor freudiger Erwartung, als er in seiner Phantasie sich das alles ausmalte – wie sie vor ihm stehen, wie die Erregung, das Bedauern in ihren Zügen zum Ausdruck kommen würde, Empfindungen, die er in ihrem Herzen hervorgerufen, deren sie sich vielleicht jetzt noch nicht völlig bewußt war, die aber dann, wenn er nicht mehr in ihrer Nähe weilte, ganz zum Durchbruch kommen mußten.
Er wollte diese Szene ganz so, wie er sie hier entworfen, als Schlußkapitel seinem Romane anfügen und dabei über seine Beziehungen zu Wjera einen geheimnisvollen Schleier breiten, der die Dinge halb im Dunkel ließe: er reist ab, von ihr unverstanden und ungewürdigt, voll Abscheu gegen alles, was Liebe heißt, und was unter diesem Namen die einfachen, natürlichen Beziehungen zweier Menschenkinder trübt und fälscht – während sie mit einem Gefühl der Reue zurückbleibt, noch nicht zwar die Liebe selbst im Herzen, wohl aber eine Vorahnung zukünftiger Liebe, und die Trauer über einen Verlust, und eine dunkle Empfindung des Grams, der ihr Tränen hervorlockt und ihre Seele bedrückt – bis sie eines Tages irgendeinen Bezirksrichter heiratet . . . Vielleicht wird die Sache in Wirklichkeit nicht so verlaufen, aber der Roman ist eben nicht ganz identisch mit der Wirklichkeit, gewisse kleine Abweichungen gestattet eben die poetische Lizenz.
Sein Atem stockte förmlich vor Entzücken, wenn er sich vorstellte, wie effektvoll das alles, in der Wirklichkeit sowohl wie im Roman, sich ausnehmen werde.
Als er nach Hause kam, begegnete ihm zu allererst die Großtante, die bereits von Jegorka gehört hatte, daß der gnädige Herr den Koffer habe nachsehen lassen und für die nächste Woche seine Kleider und seine Wäsche in Ordnung gebracht haben wolle.
Die Neuigkeit hatte sich im Fluge durch das ganze Haus verbreitet. Alle hatten gesehen, wie Jegorka den Koffer nach dem Schuppen trug, um ihn dort von Staub und Spinnengeweben zu reinigen, und wie er unterwegs ihn der an ihm vorübergehenden Anjutka auf den Kopf stülpte, die vor lauter Schreck eine Kanne mit Sahne zu Boden fallen ließ, worauf Jegorka sich leise kichernd aus dem Staube machte.
Raiski machte ein ziemlich saures Gesicht, als die Großtante, die über die unerwartete Nachricht ganz verblüfft war, ihn mit Fragen zu bestürmen begann.
»Du willst abreisen, Borjuschka – was fällt dir ein?« sagte sie vorwurfsvoll. Aber Raiski machte sich so schnell wie möglich von ihr los und ging zu Wjera.
Ganz leise ging er die Treppe zum alten Hause hinauf – er brannte vor Ungeduld, in der neuen Gestalt vor ihr zu erscheinen. Unbemerkt gelangte er in ihr Zimmer, schritt über den weichen Teppich und trat dicht hinter sie. Die Ellenbogen auf den Tisch stützend, saß sie da und war in die Lektüre eines Briefes vertieft. Es war ein Brief auf billigem blaßblauem Papier, und die Schriftzeilen liefen, wie er flüchtig bemerkte, ziemlich unregelmäßig durcheinander. Mit dunkelbraunem Siegellack war das Schreiben verschlossen gewesen.
»Wjera!« rief er leise.
Sie fuhr vor Schreck so jäh und heftig zusammen, daß auch er zu zittern begann. Im Augenblick hatte sie die Hand mit dem Briefe in die Tasche ihres Kleides versenkt.
Starr blickten sie beide eine ganze Weile aufeinander.
»Verzeih – du bist beschäftigt?« begann er, langsam zurückweichend, ohne sich indes zu entfernen.
Sie schwieg und erholte sich allmählich von ihrem Schreck, doch sah sie ihn immer noch an und stand so, wie sie sich vom Platze erhoben hatte, da, die Hand tief in der Tasche versenkt haltend.
»Ein Brief?« fragte er mit einem Blicke nach der Tasche. Ihre Hand verschwand noch tiefer in dem Kleide. Ein jäher Verdacht stieg in ihm auf, und es fiel ihm ein, wie sie ihn auch neulich getäuscht habe, als sie sagte, sie sei an der Wolga gewesen, während sie offenbar nicht dort gewesen war.
»Was bedeutet das alles?« dachte er, und die helle Angst befiel ihn.
»Wohl ein sehr interessanter Brief, und ein wichtiges Geheimnis?« sagte er gezwungen lächelnd. »Du hast ihn so rasch weggesteckt . . .«
Sie setzte sich auf den Diwan, ohne ihren Blick von ihm abzuwenden, doch schaute sie nun schon wieder mit der gewohnten Gleichgültigkeit drein.
»Nein,« dachte er im stillen – »deine Gleichgültigkeit soll mich nun nicht mehr täuschen!«
»Zeig« mir doch den Brief. . .« sagte er in scherzendem Tone, doch mit einer Stimme, deren Klang seine Erregung deutlich verriet.
Sie sah ihn erstaunt an und hielt die Hand noch fester in der Tasche.
»Du willst ihn nicht zeigen?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Warum wollen Sie ihn sehen?« fragte sie dann.
»Ich habe natürlich kein besonderes Interesse daran: was kümmern mich fremde Briefe? Aber du kannst mir jetzt beweisen, daß du Vertrauen zu mir hast, und daß du dich wirklich mit mir befreunden willst. Du siehst, ich bin vollkommen gleichgültig gegen dich. Ich war eben zu dir unterwegs, um mit dir zusammen über meine törichte Schwärmerei und deine übertriebene Ängstlichkeit zu lachen. So sieh mich doch an: komme ich dir nicht ganz anders vor als früher? . . .« Im stillen freilich mußte er sich sagen: »Hol’s der Teufel, dieser Brief will mir nicht aus dem Kopfe!«
Sie sah ihn prüfend an, ob er auch wirklich so völlig gleichgültig sei, und sein Gesicht schien in der Tat seine Worte zu bestätigen, doch seine Stimme bettelte gleichsam um ein Almosen . . .
»Du willst mir den Brief nicht zeigen? Nun, wie du willst!« sagte er resigniert. »Ich gehe jetzt.«
Er wandte sich der Tür zu.
»Warten Sie noch,« sagte sie.
Dann suchte sie ein Weilchen in der Tasche, zog einen Brief heraus und reichte ihn Raiski hin.
Er besah das Schreiben von beiden Seiten und blickte nach der Unterschrift: »Pauline Krizki«, las er.
»Das ist nicht der Brief von vorhin,« sagte er, ihr das Schreiben zurückreichend.
»Haben Sie denn einen anderen Brief gesehen?« fragte sie trocken.
Er scheute sich, zuzugeben, daß er ihn gesehen habe – sie sollte ihn nicht wieder des Spionierens beschuldigen.
»Nein,« sagte er.
»Nun, dann lesen Sie doch!«
»Ma belle charmante, divine Wjera Wassiljewna!« – so begann der Brief – »ich bin entzückt, ich knie vor Ihrem herzigen, edlen, herrlichen Bruder! Er hat mich gerächt, ich triumphiere und vergieße Freudentränen. Er war groß, erhaben! Sagen Sie ihm, daß ich ihn als meinen Ritter betrachte für alle Zeiten, und daß ich ewig seine demütige Sklavin sein werde. Ach, wie ich ihn hochschätze! . . . Ich möchte meinen Gefühlen so gern Worte leihen . . . sie schweben mir auf der Zunge – aber ich wage nicht, sie auszusprechen . . . Doch warum soll ich es nicht wagen? Ja, ich liebe ihn – oder nein vielmehr, ich vergöttere ihn! Alle Männer sollten vor ihm in die Knie sinken! . . .«
Raiski gab ihr den Brief zurück.
»Bitte, lesen Sie nur weiter,« sagte Wjera – »da steht auch noch eine Bitte an Sie.«
Raiski ließ einige Zeilen aus und las dann weiter.
»Ich bitte Sie, tragen Sie Ihrem Bruder mein Anliegen vor – er betet Sie an, nein, nein, bestreiten Sie es nicht: ich habe seine leidenschaftlichen Blicke bemerkt . . . O Gott, warum bin ich nicht an Ihrer Stelle? – Bitten Sie ihn also, herzallerliebste Wjera Wassiljewna, mein Porträt zu malen, er hat es mir versprochen. Es ist mir nicht so sehr um das Bild zu tun – nein: mit ihm, mit dem Meister, will ich zusammen sein, will ihn sehen, mich an seinem Anblick erquicken, will mit ihm sprechen, mit ihm die gleiche Luft atmen! Ich fühle, ach, ich fühle . . . Ma pauvre tête, je deviens folle! Je compte sur vous, ma belle et bonne amie, et j’attends la réponse . . .«
»Was soll ich ihr antworten?« fragte Wjera, als Raiski den Brief auf den Tisch gelegt hatte.
Er schwieg. Er hatte ihre Frage gar nicht gehört und dachte nur immer daran, von wem wohl der andere Brief sei, und warum sie ihn so ängstlich verstecke.
»Soll ich ihr schreiben, daß Sie einverstanden sind?«
»Gott bewahre – um nichts in der Welt!« rief Raiski, aus seinem Brüten erwachend, unwillig aus.
»Ja – was machen wir dann? Sie will doch mit Ihnen dieselbe Luft atmen . . .«
Um ihr Kinn zuckte ein heimlicher Spott.
»Der Teufel soll sie holen! Ich würde ersticken in dieser Luft . .«
»Und wenn ich Sie darum bäte?« sagte sie mit ihrer tiefen, weichen Flüsterstimme, während sie ihn kokett ansah.
Sein Herz erbebte in jähem Hoffen.
»Du? Du bittest mich darum? Aus welchem Grunde?«
»Ich möchte ihr eine Freude machen . . .« sagte sie, verschwieg jedoch wohlweislich, daß es ihr vor allem darauf ankam Raiskis Aufmerksamkeit wenigstens in etwas von ihrer eigenen Person abzulenken. Sie wußte, daß Paulina Karpowna ihn mit allen Mitteln festhalten und nicht so leicht wieder loslassen würde.
»Du würdest es als einen Beweis meiner Freundschaft ansehen, wenn ich deinen Wunsch erfüllte?«
Sie nickte mit dem Kopfe.
»Aber es wäre doch ein Opfer, das ich dir da bringe?«
»Sie haben sich ja zu Opfern bereit erklärt: also . . .«
»Du verlangst es?« sagte er, näher auf sie zutretend.
»Nein, nein, ich verlange gar nichts!« versetzte sie hastig, fast in Angst, und wich zurück.
»Siehst du: gleich beim ersten Opfer, das ich dir bringen will, erschrickst du! Wohlan – bring auch du mir zwei kleine Opfer, damit du nicht in meiner Schuld bleibst! Du bist ja der Meinung, wahre Freundschaft dürfe nicht verpflichten: ich akzeptiere deine Theorie! Tu, was ich verlange, und wir werden quitt sein.«
Sie sah ihn fragend an.
»Erstens: sei auch du bei den Sitzungen zugegen, sonst laufe ich gleich das erstemal fort. Bist du einverstanden?« Halb wider Willen nickte sie mit dem Kopfe. Sie sah, daß ihre List mißlungen war, daß sie ihn auf diese Weise nicht los wurde und überdies bei ihm noch in eine moralische Schuld geriet. Doch konnte sie andererseits seinen Wunsch nicht ablehnen, um seinem Mißtrauen keine Nahrung zu geben.
»Und zweitens . . .« fuhr er stehenbleibend fort, während sie voll Spannung wartete – »zeig’ mir den andern Brief . .«
»Welchen Brief?«
»Den du so rasch in die Tasche gesteckt hast . . .«
»Ich habe keinen andern Brief.«
»Doch – ich sehe, wie die Tasche absteht . . .«
Sie fuhr mit der Hand wieder in die Tasche.
»Sie sagten doch, Sie hätten keinen andern Brief gesehen: ich zeigte Ihnen doch schon einen Brief! Was wollen Sie noch mehr?«
»Diesen Brief hättest du nicht so ängstlich versteckt. Willst du mir den andern nicht zeigen?«
»Sie wollen durchaus auf Ihrem Schein bestehen,« sagte sie vorwurfsvoll und begann in ihrer Tasche zu suchen, aus der sich in der Tat das Geräusch knisternden Papieres vernehmen ließ.
»Nun, laß nur – ich habe gescherzt! Denk nur um Gottes willen nicht wieder, daß ich den Despoten oder den Spion spielen wollte – es war alles nur Neugier, nichts weiter. Behalt ruhig deine Geheimnisse für dich!« sagte er und erhob sich, um das Zimmer zu verlassen.
»Ich habe gar keine Geheimnisse,« antwortete sie trocken.
»Weißt du schon, daß ich bald abreise?« sagte er plötzlich.
»Ja, ich hörte es. Ist’s wahr?«
»Warum zweifelst du daran?«
Sie schwieg und schlug die Augen nieder.
»Dir ist’s recht, daß ich abreise?«
»Ja . . .« antwortete sie leise.
»Warum?« fragte er düster und trat näher zu ihr hin.
Sie schwieg.
»Warum? . . .« fragte er noch einmal.
Sie dachte ein Weilchen nach, dann begann sie wieder in ihrer Tasche zu suchen und zog einen zweiten Brief hervor. Sie überflog ihn rasch, nahm die Feder, strich sorgfältig einige Stellen aus, daß sie unleserlich wurden, und reichte ihm den Brief.
»Ich sagte es Ihnen schon, warum – aber weil Sie mich wieder danach fragen . . . so lesen Sie dies da!« sagte sie und fuhr mit der Hand in ihre Tasche.
Er versenkte sich in die Lektüre des Briefes, während sie zum Fenster hinaussah.
Der Brief zeigte eine zierliche, feine Handschrift, die offenbar von einer Frau stammte.
Raiski las: »Ich bin Dir gegenüber in schwerer Schuld, meine liebe Natascha . . .« »Wer ist diese Natascha?« fragte er.
»Die Frau des Priesters, meine Pensionsfreundin . . .«
»Ach, die Popenfrau? – Der Brief hier ist also von dir? Oh, wie interessant!« sagte Raiski und rieb sich vor Vergnügen die Knie in Erwartung des Genusses, der ihm bevorstand. Voll Spannung begann er nochmals von Anfang an zu lesen:
»Ich bin Dir gegenüber in schwerer Schuld, meine liebe Natascha, weil ich Dir seit meiner Heimkehr noch nicht geschrieben habe. Wie gewöhnlich, ist auch diesmal meine Faulheit schuld gewesen, doch lagen auch noch andere Gründe vor, die Du sogleich erfahren sollst. Den hauptsächlichsten Grund weißt Du – es war . . .« – an dieser Stelle waren drei Worte ausgestrichen – »und das beunruhigte mich allen Ernstes. Doch darüber wollen wir ausführlicher sprechen, sobald wir uns wiedersehen.
»Ein anderer Grund ist die Ankunft unseres Verwandten Boris Pawlowitsch Raiski. Er wohnt jetzt hier bei uns, und zu meinem Unglück geht er fast gar nicht aus dem Hause, so daß ich in diesen letzten zwei Wochen nur immer darauf sinnen mußte, wie ich ihm entwischen könnte. Wieviel Verstand und Wissen, wieviel Geist und Talent, und nebenher auch Spektakel, oder Leben, wie er es nennt, ist mit ihm ins Haus gekommen! Alles hat er in Unruhe und Aufregung versetzt, von uns – der Großtante, Marsinka und mir – angefangen bis zu Marsinkas Geflügel. Vielleicht hätte auch ich mich früher von diesem Wirbel mit fortreißen lassen, doch jetzt ist mir das alles, wie Du Dir denken kannst, peinlich, ja unerträglich . . .
»Er scheint, nachdem er jetzt seinem Gute einen Besuch abgestattet hat, nicht nur dieses Gut, sondern auch alles, was darauf lebt und webt, für sein Eigentum zu halten. Auf Grund irgendeiner verwandtschaftlichen Beziehung, die kaum noch als solche zu bezeichnen ist, und auf Grund der Tatsache, daß er mich und Marsinka einmal als kleine Kinder gekannt hat, behandelt er uns jetzt wie Schulmädchen oder Pensionatsfräulein. Ich versteck’ mich, versteck’ mich, und kann es nur mit Mühe erreichen, daß er mich nicht auch noch im Schlafe belauert, nicht meine Träume, meine Gedanken und Hoffnungen kontrolliert.
»Ich bin fast krank geworden infolge dieser Nachstellungen, habe niemanden gesehen, an niemanden geschrieben, nicht einmal an Dich, und es war mir, als sitze ich in einem Gefängnis. Es ist, als spiele er mit mir – vielleicht, ohne es selbst zu wollen. Heute ist er kalt und gleichgültig, und morgen glänzen und glühen seine Augen, und ich fürchte mich vor ihm, wie man sich vor einem Wahnsinnigen fürchtet. Das Schlimmste aber ist, daß er selbst sich nicht kennt, und daß darum auf seine Entschließungen und Versprechen kein Verlaß ist: heute nimmt er sich das eine vor, und morgen tut er etwas ganz anderes.
»Er ist nervös, leicht erregbar und leidenschaftlich, wie er selbst, anscheinend mit Recht, es nennt. Er ist kein Schauspieler und verstellt sich nicht – dazu ist er zu klug und zu gebildet, und vor allem zu anständig. Er hat einmal solch ein ›Naturell‹, wie er sich ausdrückt.
»Er ist eine Art Künstler: er zeichnet, schriftstellert, phantasiert ganz allerliebst auf dem Klavier, geht ganz in der Kunst auf, scheint aber im übrigen nicht viel mehr zu tun als wir übrigen Sterblichen und verbringt sein ganzes Leben, wie er sagt, im Dienste der Schönheit – auf unsere Weise ausgedrückt: er ist ein verliebter Racker, wie unsere Daschenka Sjemerschkina im Pensionat, weißt Du noch – die einmal sogar in einen spanischen Prinzen verliebt war, dessen Bild sie im Kalender gesehen hatte, und vor deren Liebe kein Mensch, nicht einmal der Klavierstimmer Kisch, sicher war. Bei alledem aber ist er ein herzensguter, vornehm denkender Mensch, von großem Gerechtigkeitssinn, dabei heiter und freimütig, nur kommt das alles bei ihm immer in plötzlichen Ausbrüchen zum Vorschein, daß man nie weiß, woran man mit ihm ist.
»Jetzt wirbt er um meine Freundschaft, doch auch vor seiner Freundschaft ist mir angst – alles, alles, was von ihm ausgeht, erfüllt mich mit Bangen . . .« – an dieser Stelle waren drei ganze Zeilen ausgestrichen. »Ach, wenn er doch wieder abreisen wollte! Schrecklich, zu denken, daß er jemals . . .« wieder folgten ein paar durchgestrichene, unleserliche Worte.
»Ich brauche nur eins: Ruhe und wieder Ruhe! Auch der Arzt meint, meine Nerven seien angegriffen, ich müsse geschont, dürfe nicht gereizt werden, und zum Glück hat er das alles auch der Großtante klar zu machen verstanden, so daß man mich jetzt in Ruhe läßt. Ich möchte nicht aus dem Lebenskreise heraustreten, den ich um mich herum gezogen habe – ich habe mich so zu stellen gewußt, daß niemand jetzt diese Linie überschreitet, und darauf beruht nun meine Ruhe und all mein Glück.
»Sollte Raiski in irgendeiner Richtung über diese Grenze hinausgehen, dann bleibt mir nur eins übrig: ich muß von hier fort! Das ist freilich leicht gesagt: wohin sollte ich fliehen? Andererseits empfinde ich auch wieder Gewissensbisse: er ist so gut, so lieb zu mir, als seiner Schwester, er überschüttet uns förmlich mit seiner Liebenswürdigkeit, seinen Freundschaftsbeweisen, ja er will uns sogar diesen lieben Winkel hier schenken . . . dieses Paradies, in dem ich mir bewußt geworden bin, daß ich lebe, daß ich geborgen bin auf dieser Welt . . . Es liegt mir schwer auf der Seele, daß er uns so viel unverdiente Güte zuteil werden läßt, daß er mir so viel Aufmerksamkeit widmet und in mir ein zärtliches Gefühl zu erwecken sucht, während ich ihm doch jede Hoffnung in dieser Hinsicht benommen habe. Ach, wenn er wüßte, wie vergeblich alle seine Anstrengungen sind!
»Nun sollst Du noch einiges hören über dieses . . .«
An dieser Stelle brach der Brief ab. Raiski hatte ihn zu Ende gelesen – und starrte immer noch auf die Zeilen, als erwarte er noch etwas, als wolle er irgend etwas erraten, was zwischen den Zeilen stand. Von Wjera selbst sagte ihm der Brief so gut wie gar nichts – sie blieb im Schatten, nur auf ihn fiel alles Licht: ach, und welch ein grelles Licht!
Er sann und brütete noch eine ganze Weile über dem Briefe, den er von allen Seiten betrachtete. Dann erwachte er plötzlich wie aus einer Betäubung.
»Auch das ist nicht der richtige Brief: jener war auf blaßblauem Papier geschrieben!« sagte er schroff, sich zu Wjera umwendend – »und dieses Papier ist weiß . . .«
Doch Wjera war nicht mehr im Zimmer.