Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 41
Neuntes Kapitel
»Wer ist da?« fragten beide auf einmal.
Die Tür ging auf, und Wassilissas verträumtes Gesicht erschien in der Öffnung.
»Ich bin es,« sagte sie leise. »Sie sind hier, Boris Pawlowitsch? Man fragt nach Ihnen – bitte, kommen Sie rasch, es ist kein Mensch im Vorzimmer. Jakow ist in der Nachtmesse, und Jegorka holt Fische unten an der Wolga. . . . Ich bin ganz allein da mit Paschutka.«
»Wer fragt nach mir?«
»Ein Gendarm ist vom Gouverneur gekommen: der Gouverneur läßt Sie bitten, doch, wenn möglich, gleich zu ihm zu kommen, wenn’s aber heute nicht geht, dann morgen in aller Frühe: es sei sehr eilig, läßt er sagen.«
»Was mag da los sein?« sagte Raiski verwundert. »Nun, gut – sag’ also, ich käme gleich . . .«
»Nur kommen Sie, bitte, recht rasch,« bat ihn Wassilissa – »es ist außerdem noch ein Gast da . . .«
»Wer denn noch?«
»Na, jener mit der großen Stirn . . .«
»Mit der großen Stirn? Wer ist das?«
»Na, der nächstens die Knute bekommen soll, wie die Leute sagen . . . Hat sich da groß und breit im Saal hingepflanzt und erwartet Sie. Und die gnädige Frau ist mit Marfa Wassiljewna in der Stadt . . .«
»Ja, hast du denn nicht nach dem Namen gefragt, Wassilissa?«
»Das hab ich wohl, und er sagte ihn auch, aber ich hab’ ihn vergessen.«
Raiski und Wjera sahen einander verwundert an.
»Daraus soll jemand klug werden! Irgendein Bekannter aus der Stadt – wie überflüssig!«
»Nicht doch, es ist ja derselbe, der sich damals hier betrunken hat und in Ihrem Zimmer über Nacht blieb . . .«
»Mark Wolochow etwa?«
Wjera machte eine Bewegung.
»Gehen Sie rasch – hören Sie, was ihn hierher führt!« sagte sie.
»Was bist du denn so erschrocken? Er ist doch kein Hund, kein Gespenst, kein Räuber, sondern nur . . . ein harmloser Landstreicher . . .«
»Gehen Sie, gehen Sie,« sprach Wjera hastig, ohne auf ihn zu hören. »Die Sache ist interessant . . .«
»Nur rasch, bitte, Boris Pawlowitsch!« trieb auch Wassilissa ihn an. »Wir haben ihn im Saal eingeschlossen und uns im Zimmer eingeriegelt . . .«
»Warum denn?«
»Wir fürchten uns vor ihm.«
»Weshalb?«
»So, wir fürchten uns eben. Ich bin zum Fenster hinausgekrochen, auf den kleinen Hof, um hierher zu kommen. Daß er dort nicht irgend etwas wegschleppt.«
Raiski lachte und folgte ihr. Er entließ den Gendarm, dem er sagte, daß er in einer Stunde beim Gouverneur sein würde; dann ging er zu Mark hinein und führte ihn in sein Zimmer.
»Na, wollen Sie wieder einmal hier übernachten?« fragte er Wolochow.
Er konnte nicht mehr anders mit ihm reden als in ironischem Tone. Diesmal jedoch lag ein sorgenvoller Ausdruck auf Marks Gesichte. Als dann aber Licht ins Zimmer gebracht wurde und er Raiskis erregtes Gesicht sah, glitt ein boshaft kaltes Lächeln über seine Züge.
»Sie sind also noch da?« sagte er spöttisch – »und ich fürchtete schon, Sie seien längst über alle Berge!«
»Ich habe noch Zeit,« versetzte Raiski mit leichter Geringschätzung.
»Nein, jetzt ist’s zu spät: was für Augen machen Sie denn?«
»Was ist mit meinen Augen? Gar nichts!« sprach Raiski und sah in den Spiegel.
»Auch abgemagert sind Sie: die Masern kommen schon zum Vorschein.«
»Reden Sie keinen Unsinn,« versetzte Raiski, seinem Blicke ausweichend. »Sagen Sie lieber, was Sie mitten in der Nacht hierher führt!«
»Ich bin doch ein Nachtvogel: am Tage kümmern sich die Leutchen schon gar nicht mehr um mich. Es dürfte auch für Ihre Großtante so weniger peinlich sein. Eine prächtige alte Dame – daß sie den Tytschkow hinausgeworfen hat, war wirklich brav!«
Er nahm plötzlich eine ernsthafte Miene an.
»Ich habe ein Anliegen an Sie,« sagte er.
»Ein Anliegen?« versetzte Raiski – »das ist interessant.«
»Ja, das ist’s. Hören Sie also! Ich war soeben auf der Polizei, d. h. ich bin natürlich nicht selbst hingegangen, um dort meine Aufwartung zu machen, sondern bin vom Polizeimeister eingeladen und sogar mit einem Schimmelpaar abgeholt worden.«
»Warum? Ist etwas vorgefallen?«
»Eine Lappalie: ich hatte hier ein paar Bücher verborgt . . .«
»Was für Bücher? Aus meiner Bibliothek, die bei Leontij ist?«
»Ja, auch solche, und außerdem noch andere – hier ist das Verzeichnis.«
Er reichte Raiski einen Zettel.
»Wem haben Sie die Bücher gegeben?«
»Allen möglichen Leuten, Seminaristen bekamen sie und Gymnasiasten – auch ein Lehrer . . .«
»Haben Sie denn sonst nichts zu lesen?«
»Was sollen die Leute hier lesen? Koslow zum Beispiel – der liest seit fünf Jahren mit den Jungen nichts weiter als den Sallust, den Xenophon, Homer, Horaz: das eine Jahr von vorn nach hinten und das nächste Jahr von hinten nach vorn. Das junge Volk versauert dabei, der Schimmel hat sich schon im Gymnasium angesetzt . . .«
»Hat man denn dort gar keine neueren Bücher?«
»Sie haben da wohl noch solch einen Esel, der sich Literaturlehrer nennt und ihnen den Karamsin und Puschkin auslegen soll, aber diese Burschen haben eine so fade Manier . . .«
»Und da wollten Sie nun ein wenig Salz hinzutun, nicht? Wollen einmal sehen!«
»Oh, wie feierlich das eben klang: wollen einmal sehen! Der richtige Nil Andreitsch!«
Raiski überflog den Zettel, den ihm Mark gereicht hatte, und sah seinen Gast ganz erstaunt an.
»Na, was gucken Sie mich denn so verblüfft an?«
»Sie haben den jungen Leuten diese Bücher gegeben?«
»Ja; warum?«
Raiski blickte noch immer mit allen Zeichen der Verwunderung auf Mark.
»Das soll eine passende Lektüre für die Jugend sein?« flüsterte er.
»Sie scheinen noch zu den gottgläubigen Seelen zu gehören?« fragte Mark.
Raiski ließ noch immer seinen Blick auf ihm ruhen.
»Sie waren wohl heute zur Nachtmesse, wie?« fragte Mark in demselben kühlen Tone weiter.
»Und wenn ich dort gewesen wäre?«
»Nun, dann wundere ich mich auch nicht, daß Sie sich verlieben und Tränen vergießen können . . . Warum haben Sie dann aber Herrn Tytschkow aus dem Hause geworfen? Er ist doch auch einer von den frommen Brüdern!«
»Ich frage Sie nicht nach Ihrem Glauben: wenn Sie schon, als Sie beim Regiment waren, nicht an den Oberst und auf der Universität nicht an den Rektor glaubten, und wenn Sie jetzt so handgreifliche Dinge wie den Gouverneur und die Polizei negieren – wie sollten Sie da noch an den lieben Gott glauben!« sagte Raiski. »Reden wir doch lieber von der Angelegenheit, die Sie herführt – um was handelt es sich?«
»Ja, sehen Sie – ein junger Mensch, der Sohn des Advokaten, verstand einen Satz in einem der französischen Bücher nicht und zeigte das Buch seiner Mutter. Die ging damit zum Vater, und der lief zum Staatsanwalt. Als dieser den Namen des Verfassers hörte, meldete er die Sache dem Gouverneur. Der Junge wurde ins Gebet genommen und gehörig verprügelt, und unter der Fuchtel gestand er, daß er das Buch von mir bekommen habe. Na, und heute wurde ich nun vernommen . . .«
»Und was haben Sie gesagt?«
»Was ich gesagt habe?« versetzte Mark und sah Raiski lächelnd an. »Als man mich fragte, woher ich die Bücher hätte, und wem sie gehörten, da . . .«
»Nun?«
»Da sagte ich, ich hätte sie . . . von Ihnen. Einen Teil davon hätten Sie mitgebracht, und die übrigen, wie den Voltaire, hätte ich in Ihrer Bibliothek gefunden . . .«
»Ich danke ergebenst: wie kommen Sie dazu, mir diese Ehre zu erweisen?«
»Weil ich seit dem Tage, an dem Sie Trytschkow den Laufpaß gaben, Sie für einen leidlich vernünftigen Menschen halte.«
»Sie hätten mich vorher um meine Einwilligung fragen sollen. Ich weiß nicht, ob das alles sich mit den Gesetzen der Ehre verträgt . . .«
»Nun, ich habe ohne Ihre Einwilligung gehandelt, und was die Gesetze der Ehre betrifft – so wollen wir darüber später einmal reden. Was verstehen Sie überhaupt unter Ehre?« fragte er finster.
»Ich denke, davon soll später die Rede sein? Meine Einwilligung gebe ich jedenfalls nicht.«
»Ich meine, die Ehre kommt hier überhaupt nicht in Frage – es handelt sich darum, was mir von Nutzen ist . . .«
»Wenn es mir auch hundertmal Schaden bringt . . . eine herrliche Logik!«
»Ja, auf die Logik kam es mir eben an,« sagte Mark. »Nur fürchte ich, daß wir beide zwei verschiedene Arten von Logik haben . . .«
»Und vielleicht auch zwei verschiedene Arten von Ehre,« fügte Raiski hinzu.
»Ihnen wird man nichts tun, Sie stehen bei Sr. Exzellenz in hoher Gunst,« fuhr Mark fort, »und Sie leben hier auch nicht als Verbannter. Ich dagegen werde sogleich irgendwohin an einen dritten Ort geschickt, nachdem ich schon an zweien gewesen. Zu einer andern Zeit wäre mir das ziemlich gleichgültig, doch gerade jetzt . . .« fügte er nachdenklich hinzu – »möchte ich lieber hier bleiben . . . für unbestimmte Zeit . . .«
»Nun – und was weiter?« sagte Raiski kalt.
»Nichts weiter. Ich wollte Ihnen nur berichten, was ich getan habe, und Sie fragen, ob Sie die Sache auf Ihre Kappe nehmen wollen oder nicht?«
»Und wenn ich es nicht will? Und ich will es nicht!«
»Nun, dann ist nichts zu machen – dann schiebe ich eben alles auf Koslow. Der Mensch braucht eine Abwechselung, er verschimmelt sonst ganz – mag er ein Weilchen auf der Hauptwache sitzen! Dann kann er wieder seine alten Griechen vornehmen . . .«
»Die wird er dann kaum noch vornehmen können, denn die Sache wird ihn seine Stellung kosten.«
»Ja, das ist möglich . . . das war also nicht logisch gedacht. Dann ist’s schon besser, Sie nehmen die Sache auf sich.«
»Was berechtigt Sie, von mir einen solchen Dienst zu verlangen?«
»Das, was mich auch dazu berechtigt hat, von Ihnen Geld zu leihen: ich brauchte eben Geld, und Sie hatten welches. Ganz ähnlich liegt die Sache hier – wenn Sie die Schuld auf sich nehmen, geschieht Ihnen gar nichts, während man mich auf den Schub bringt. Das ist doch wohl logisch, sollte ich meinen?«
»Und wenn mir daraus Unannehmlichkeiten erwachsen?«
»Was für Unannehmlichkeiten? Nil Andreitsch wird Sie einen Räuber nennen, der Gouverneur wird über den Fall nach Petersburg berichten, man wird ein schärferes Auge auf Sie haben . . . Ermannen wir uns doch endlich: solange wir diese Ängstlichkeit zeigen, bringen wir die Gouverneure nicht zur Raison . . .«
»Sie haben doch aber selbst Angst, die Sache auf sich zu nehmen!«
»Ich habe durchaus keine Angst, es paßt mir nur nicht, jetzt von hier fortzugehen.«
»Warum nicht?«
»Darum . . . es paßt mir eben nicht. Später werde ich selbst hingehen und sagen, daß die Bücher mir gehören. Und wenn Sie einmal etwas auszubaden haben sollten, dann schieben Sie es nur auf mich: ich bin gern bereit, für Sie einzutreten . . .«
»Es ist ein sonderbarer Dienst, den Sie da von mir verlangen – ich soll da etwas auf mich nehmen . . .«
»Versuchen Sie es nur! Und wenn die Angelegenheit eine gar zu ernste Wendung nehmen sollte, was, wie Sie zugeben müssen, kaum zu erwarten ist, dann bleibt eben nichts weiter übrig, als mich anzugeben. Zu dumm, diese ganze Geschichte!« brummte Mark vor sich hin. »Dieser Junge hat alles verdorben! Das begann hier schon alles so hübsch sich zu regen!«
»Ich will jetzt gleich zum Gouverneur fahren,« sagte Raiski – »er hat nach mir geschickt. Leben Sie wohl!«
»Ah – er hat nach Ihnen geschickt!«
»Was soll ich tun? Was soll ich ihm sagen?«
»Der Gouverneur wird die Geschichte vertuschen, wenn Sie sagen, daß die Bücher Ihnen gehören. Er berichtet nicht gern etwas nach Petersburg. Ich muß aus der Sache wegbleiben – ich stehe hier unter Polizeiaufsicht, und er hat jeden Monat über mich Bericht zu erstatten, ob ich gesund bin, und wie es mir geht. Er möchte mich am liebsten loswerden und wünscht nichts sehnlicher, als daß man mir gestatten möchte, die Stadt zu verlassen; ich bin ihm, möcht’ ich sagen, ein Dorn im Auge. Neulich schon konnte er berichten, daß ich Reue zeige: wenn jetzt die Geschichte mit den Büchern für mich gut abläuft, kann er melden, ich sei ein loyaler und ehrbarer Staatsbürger geworden, wie weder Rom noch Sparta einen aufzuweisen gehabt hätten. Man wird mich dann aus der Polizeiaufsicht entlassen. Wenn Sie also die Geschichte jetzt auf Ihre Kappe nehmen, erweisen Sie auch ihm einen Gefallen . . . Im übrigen tun Sie, was Sie wollen!« sagte Mark zum Schluß in gleichgültigem Tone. »Kommen Sie, auch ich muß fort!«
»Wohin wollen Sie denn? Da hinaus geht es . . .«
»Nein, ich möchte lieber durch Ihren Park gehen, den Abhang hinunter . . . ich habe es da näher . . . Beim Fischer auf der Insel will ich abwarten, welchen Ausgang die Sache nimmt.«
Sie gingen bis an den Rand der Schlucht, wo Mark in den Büschen verschwand, während Raiski umkehrte und sich zum Gouverneur begab. Gegen zwei Uhr nachts kehrte er zurück. Obschon er erst spät zu Bett gegangen war, stand er doch früh auf, um Wjera zu berichten, was sich zugetragen hatte. Ihre Fenster waren dicht verhängt.
»Sie schläft,« dachte er und ging nach dem Garten. Wohl eine Stunde lang spazierte er in den Parkwegen auf und ab und wartete, ob nicht endlich der lila Vorhang zurückgezogen würde. Aber nichts bewegte sich an dem verhüllten Fenster. Er gab acht, ob nicht Marina über den Hof gehen würde, doch auch Marina bekam er nicht zu sehen.
Im Zimmer der Großtante gingen die Vorhänge in die Höhe, im Hausflur zischte und brodelte der Samowar, und die Tauben und Spatzen begannen sich an dem Platze zu sammeln, an dem sie von Marsinka ihr Futter entgegenzunehmen gewohnt waren. Türen wurden geöffnet und zugeschlagen, die Kutscher und Lakaien erschienen auf dem Hofe – und der Vorhang bewegte sich noch immer nicht.
Jetzt tauchte auch Ulita in der Nähe des Kellers auf, die Frauen und Mädchen erschienen auf dem Hofe, und nur Marina blieb unsichtbar. Bleich und düster trat Sawelij auf die Schwelle seiner Wohnung und blickte stumm auf den Hof hinaus.
»Sawelij!« rief Raiski ihn an.
Mit seiner breiten Gangart kam Sawelij auf ihn zu.
»Sag’ doch Marina, sie möchte es mich sogleich wissen lassen, wenn Wjera Wassiljewna aufgestanden ist und sich angezogen hat!«
»Marina ist gar nicht da!« sagte Sawelij ein wenig lebhafter als sonst.
»Wieso denn? Wo ist sie?«
»Sie ist beim Morgengrauen mit dem gnädigen Fräulein über die Wolga gefahren, zur Popenfrau.«
»Mit welchem Fräulein: mit Wjera Wassiljewna?«
»Ganz recht.«
Raiski war starr vor Erstaunen und sah Sawelij fast erschrocken an.
»Wer hat sie denn hingebracht?« fragte er nach einem Weilchen.
»Prochor bringt sie immer mit dem Falben auf dem kleinen Wagen hin.«
Raiski schwieg.
»Gegen Abend kommen sie zurück,« fügte Sawelij hinzu.
»Du meinst, sie kommen heute noch zurück?« fragte Raiski lebhaft.
»Das werden sie wohl – Prochor wenigstens mit dem Pferd, und auch Marina. Sie begleiten das Fräulein und kommen dann noch am selben Tage zurück.«
Raiski starrte mit weit geöffneten Augen auf Sawelij, ohne ihn zu sehen. Lange noch standen sie so einander gegenüber.
»Befehlen Sie sonst noch etwas?« fragte Sawelij dann langsam.
»Wie? Was?« fuhr Raiski aus seinem Brüten auf.
»Du . . . wartest wohl auch . . . auf Marina?«
»Verrecken soll sie, die Ruchlose!« sagte Sawelij finster.
»Warum schlägst du sie immer? Ich wollte dir schon lange den Rat geben, das zu unterlassen, Sawelij.«
»Ich schlage sie jetzt nicht mehr.«
»Seit wann?«
»Seit einer Woche . . . seit sie sich besser aufführt . . .«
Die Falten auf seiner Stirn begannen eifrig zu arbeiten, um seinen Worten Nachdruck zu geben.
»Geh, ich brauche jetzt nichts weiter . . . Nur schlag, bitte, die Marina nicht mehr, laß ihr volle Freiheit: es wird für dich wie für sie besser sein . . .« sagte Raiski.
Den Kopf tief gesenkt, ging er nach seinem Zimmer, nur einen kurzen, schmerzlichen Blick nach Wjeras Fenster werfend. Sawelij stand noch eine ganze Weile da, die Mütze in der Hand, und sann verwundert über Raiskis letzte Worte nach.
»Auch ein Opfer der Leidenschaft!« dachte Raiski. »Armer Sawelij – wir können uns gegenseitig trösten!«
Zehntes Kapitel
Alle Schrecken der Einsamkeit suchten Raiski heim, seit Wjera abgereist war. Er kam sich ganz verwaist vor, die ganze Welt erschien ihm so trostlos und öde; er hatte das Gefühl, als befinde er sich in einer dürren Wüste, und er übersah ganz, daß diese Wüste in üppigem Blätter- und Blütenschmuck prangte, und fühlte nicht, daß die köstlich warme Sommerzeit, die draußen die Natur in vollem Schmucke erprangen ließ, auch ihn umschmeichelte und umkoste.
Er hatte für nichts mehr Sinn, nicht für Tatjana Markownas häusliches Walten, noch für das muntere Wesen Marsinkas, die ihre traulichen Liedchen sang und mit dem frischen Springinsfeld Wikentjew fröhlich plauderte, noch für die Gäste, die sich zuweilen einfanden – die stets komisch wirkende Paulina Karpowna, den lärmenden Openkin, die sorgfältig frisierten, elegant gekleideten Damen und die jungen Stutzer: nichts, nichts interessierte ihn. Sie belustigten ihn nicht und langweilten ihn nicht, sie machten ihm nicht kalt noch warm – er sah nur immer wieder das eine: daß der lila Vorhang sich nicht bewegte, daß die Fenster Wjeras drüben im alten Hause dicht verhängt waren und die Bank im Parke leer blieb, daß, mit einem Worte, Wjera nicht da war, was für ihn so viel hieß, wie, daß niemand und nichts da war, daß das ganze Haus und die ganze Umgegend ausgestorben waren.
Nicht lieben wollte er Wjera – und wenn er es selbst gewollt hätte, so hätte er’s doch nicht gedurft: alle Rechte, alle Hoffnungen waren ihm ja genommen. Die einzige zärtliche Bitte, die sie jemals an ihn gerichtet hatte, lautete immer wieder: »Reisen Sie so bald wie möglich ab!« —
Und er war doch so ganz von dem Gedanken an sie, an sie allein erfüllt, er kannte und sah nichts anderes!
Selbst ihre Schönheit schien die Macht über ihn verloren zu haben – es war eine andere Kraft, die ihn jetzt zu ihr hinzog. Er hatte das Gefühl, daß er nicht durch belebende, vielversprechende Hoffnungen, nicht durch ein erwartungsvolles Beben der Nerven mit ihr verknüpft war, sondern durch ein feindseliges, hirnaufstachelndes Gefühl des Schmerzes, durch Empfindungen und Beziehungen, die eher mit dem Gegenteil der Liebe als mit der Liebe verwandt waren.
Ihn peinigte vor allem jetzt das geheimnisvolle Rätsel, wie es möglich war, daß sie so plötzlich vor aller Augen aus dem Hause, dem Park verschwinden konnte, um dann plötzlich wieder zu erscheinen, als steige sie vom Grunde der Wolga empor, einer Nixe gleich, mit leuchtenden, durchsichtigen Augen, mit diesem Stempel der Unergründlichkeit und der Täuschung im Gesicht, mit der Lüge auf den Lippen – – nur der Kranz aus Wasserrosen fehlte noch auf dem Kopfe, damit sie einer wirklichen Nixe gliche!
Wie schön, wie drohend und berückend schön leuchtete ihm dieses geheimnisvoll strahlende Nachtwesen entgegen!
Aber wenn es nur das gewesen wäre: doch sie hatte ihm da ein halbes Geständnis abgelegt, daß sie liebe, daß es irgend jemanden hier in der Nähe gebe, der ihrem Leben Inhalt verleiht, der ihr diesen Winkel teuer macht, der diesen Bäumen, diesem Himmel, diesen Fluten in ihren Augen alle Reize gibt.
Kaum hatte sie die geheimnisvolle Tür für einen Augenblick geöffnet, als sie sie auch schon wieder eigenwillig zuschlug und plötzlich verschwand, unter Mitnahme der Schlüssel zu allen diesen Geheimnissen: zu ihrem Charakter, zu ihrer Liebe, zu der ganzen Sphäre ihrer Gedanken und Gefühle, diesem ganzen sonderbaren Leben, das sie führte. Alles, alles hatte sie mitgenommen – und vor ihm stand wieder die einzig verschlossene Tür.
»Alle Schlüssel hat sie mitgenommen!« sprach er ärgerlich für sich, als er sich mit der Großtante über Wjera unterhielt.
Tatjana Markowna hatte die Worte gehört und war vor Schreck zusammengefahren.
»Welche Schlüssel hat sie mitgenommen?« fragte sie voll Angst.
Er schwieg.
»So sprich doch!« drängte sie ihn und begann in allen Taschen und Körbchen zu suchen. »Welche Schlüssel denn? Es scheint doch, daß alle da sind! Marsinka, komm doch einmal her: welche Schlüssel hat Wjera Wassiljewna mitgenommen?«
»Ich weiß es nicht, Tantchen; sie nimmt nie irgendwelche Schlüssel mit, höchstens den Schlüssel von ihrem Schreibtisch.«
»Aber Borjuschka sagt doch, sie habe sie mitgenommen! Sieh einmal nach, und frag’ auch Wassilissa, ob alle Schlüssel da sind, ob nicht vielleicht diese windige Person, die Marina, die Schlüssel von der Vorratskammer mitgenommen hat. Geh, mach’ rasch! Warum tust du denn so geheimnisvoll, Boris Pawlowitsch? So sag’ doch, welche Schlüssel sie mitgenommen hat: hast du sie gesehen?«
»Ja, ich habe sie gesehen,« sagte Raiski boshaft. »Sie zeigte sie mir und versteckte sie dann wieder . . .«
»Wie sehen sie denn aus: hatten sie einen Bart, oder glichen sie diesem hier? . . .«
Sie zeigte ihm einen Schlüssel.
»Es waren die Schlüssel zu ihrem Geiste, ihrem Herzen, ihrem Charakter, ihrem Denken und ihren Geheimnissen. . .«
Der Großtante fiel eine Last von der Seele.
»Die Schlüssel meinst du!« sagte sie, wurde nachdenklich und seufzte dann. »Ja, deine Allegorie enthält die Wahrheit. Diese Schlüssel überläßt sie niemandem. Und doch wäre es besser, wenn sie an Tantchens Gürtel hingen!«
»Warum?«
»Nun, so . . .«
»Sagen Sie mir, Tantchen – wes Geistes Kind ist eigentlich Wjera?« fragte Raiski plötzlich, während er neben Tatjana Markowna Platz nahm.
»Du siehst es doch selbst: was soll ich dir’s erst sagen? Wie du sie siehst, so ist sie.«
»Ich sehe aber nichts . . .«
»Uns allen geht es nicht besser: sie hat ihren Kopf für sich, siehst du, und ihr freier Wille geht ihr über alles. Wehe, wenn Tantchen einmal nach etwas fragt: ›Nein, nein, es ist nichts, ich weiß von nichts, von gar nichts!‹ Von ihrer Geburt an hatte ich sie bei mir, all die Zeit war sie bei mir im Hause, und doch weiß ich nicht, was in ihrem Kopfe vorgeht, was sie liebt oder haßt. Selbst wenn sie krank ist, sagt sie es nicht: klagt nicht, will keine Arznei haben, sondern schweigt nur um so hartnäckiger. Man kann sie nicht gerade faul nennen, und doch tut sie nichts: näht nicht, stickt nicht, treibt keine Musik, macht keine Besuche – sie ist einmal so von Geburt an. Nie habe ich gesehen, daß sie einmal so recht von Herzen lachte, oder daß sie Tränen vergoß. Wenn sie schon das Lachen ankommt, so unterdrückt sie es, als wäre es etwas Sündhaftes. Und sowie ihr etwas Unangenehmes widerfährt, oder irgend jemand sie ärgert, zieht sie sich gleich in ihren Turm zurück und macht ihren Kummer, ihre Freude ganz mit sich allein ab. So ist sie, siehst du!«
»Aber das ist doch nur zu loben: sie hat Charakter, hat ihren eigenen Willen, hat Selbstbewußtsein! Das sind doch bei einem jungen Mädchen sehr schätzbare Eigenschaften!«
»Ich danke! Wozu braucht ein junges Mädchen seinen eigenen Willen? Bestärke sie nicht noch darin, Boris Pawlowitsch, ich bitte dich sehr darum. Du bist doch ein verständiger, guter, ehrenhafter Mensch, und du wünscht den beiden Mädchen sicherlich alles Gute, mitunter aber platzst du mit etwas heraus . . .«
»Womit bin ich denn schon herausgeplatzt, Tantchen?«
»Womit? Hast du nicht Marsinka den Rat gegeben, sie solle, wenn sie jemanden liebgewinnt, nicht erst lange die Tante fragen? Überleg’ einmal, ob das recht gehandelt war! Ich hätte das von dir nicht erwartet! Wenn du dich auch selbst meiner Botmäßigkeit entzogen hast, so brauchst du darum noch nicht dem armen Mädchen den Kopf zu verwirren.«
»Ach, Tantchen, was für eine herrschsüchtige Frau Sie doch sind: immer wollen Sie recht haben! Wie oft haben wir schon miteinander darüber gestritten, daß es keine Liebe auf Kommando gibt . . .«
»Sieh, Borjuschka, darauf hätte dir nun Nil Andreitsch die richtige Antwort gegeben – ich vermag’s nicht. Leider haben wir den aus dem Hause geworfen. Ich weiß nur so viel, daß du Unsinn redest, nimm mir’s nicht übel! Sind das am Ende die neuen Prinzipien?«
»Ja, Tantchen, das sind sie; die alte Zeit ist vorüber, sie kann nicht wieder von vorn beginnen. Auch das Neue muß doch einmal an die Reihe kommen!«
»Sie scheint ja sehr merkwürdig auszusehen, deine neue Zeit!«
»Urteilen Sie doch selbst, Tantchen: die Zeit der Liebe ist gleichsam der Frühling im Leben eines Mädchens. Und nun wird solch einem jungen Wesen die Möglichkeit freien Aufblühens genommen, man schließt es ab, entzieht ihm die frische Luft, pflückt seine Blüten von den Zweigen . . . Mit welchem Rechte wollen Sie beispielsweise Marsinka zwingen, nach Ihrem Rezept glücklich zu werden, und nicht nach ihrer eigenen Neigung und Wahl?«
»So frag« doch einmal Marsinka, ob sie sich glücklich fühlen wird, und ob ihr überhaupt ein Glück erstrebenswert scheint, zu dem die Tante nicht ihren Segen gibt.«
»Ich habe sie schon gefragt.«
»Nun, und? . . .«
»Ohne Sie, sagt sie, tut sie keinen Schritt.«
»Da siehst du es!«
»Ja – ist denn das in der Ordnung: wo bleibt denn da die Freiheit, das Recht? Sie ist doch ein denkendes Wesen, ein Mensch – wie kann man ihr denn einen fremden Willen, ein Glück, das sie gar nicht haben will, aufzwingen wollen?«
»Wer zwingt ihr denn etwas auf? So frage sie doch einmal! Als ob ich sie hier beide unter Verschluß hielte, als ob sie nicht lebten wie die Vögel in der Luft und tun könnten, was ihnen gefällt . . .«
»Ja, Tantchen, das ist richtig,« sagte Raiski in aufrichtigem Tone – »in dieser Hinsicht haben Sie recht. Nicht Furcht und Autorität ist in Ihrem Verhältnis zu ihnen maßgebend, sondern die warme Zärtlichkeit eines Taubennestes . . . Und sie vergöttern Sie auch, gewiß . . . Aber dennoch fehlt da etwas in Ihrem Erziehungssystem: warum wollen Sie ihnen durchaus diese veraltete Anschauungen einimpfen und sie großziehen wie die Vögel im Käfig? Lassen Sie sie doch selbst ein klein wenig Erfahrung sammeln im Leben . . . Solch ein Vogel, der immer nur im Käfig eingeschlossen war, entwöhnt sich des freien Fluges, und wenn man ihm dann das Pförtchen öffnet, wagt er sich nicht hinaus. Dasselbe habe ich auch zu unserer Cousine Bjelowodowa gesagt: dort ist die eine Art von Unfreiheit, hier die andere.«
»Ich habe weder Marsinka noch Wjerotschka irgend etwas eingeimpft; von Liebe war noch nie auch nur mit einer Silbe die Rede, ich fürchte mich, daran auch nur zu tippen: das aber weiß ich, daß Marsinka ohne meinen Rat und meinen Segen niemals ihr Herz verschenken würde.«
»Das will ich wohl glauben,« sagte Raiski nachdenklich. »Und wenn du, oder sonst jemand, sie zu dieser Freiheit der Liebe bekehren und sie sich danach richten sollte, dann. . .«
»Dann würde sie das unglücklichste Geschöpf werden – gewiß, Tantchen, das will ich glauben; und wenn Marsinka Ihnen das Gespräch mitgeteilt hat, das ich über diesen Punkt mit ihr hatte, dann hätte Sie Ihnen auch sagen sollen, daß ich ihren Standpunkt billigte und ihr den Rat gab, stets auf Sie und auf Vater Wassilij zu hören . . .«
»Auch das weiß ich: alles habe ich mir von ihr wiedererzählen lassen, und ich sehe, daß du nur ihr Gutes willst. Laß sie also in Ruhe, rede ihr nichts ein, sonst kommt es schließlich darauf hinaus, daß nicht ich, sondern du ihr ein Glück aufzwingen willst, das sie gar nicht mag, und daß der Vorwurf des Despotismus, den du mir machst, auf dich zurückfällt. Glaubst du vielleicht,« fuhr sie nach kurzer Pause fort – »wenn irgendein reicher Mann von gutem Herkommen, von Rang und Stand sich um Marsinkas Hand bewerben, ihr aber mißfallen sollte – daß ich dann auch nur einen Augenblick daran denken würde, sie umzustimmen?«
»Nun gut, Tantchen, ich will Ihnen Marsinka gern abtreten – aber dafür lassen Sie mir Wjera in Ruhe! Marsinka und Wjera sind so grundverschieden! Wenn Sie bei Wjera dasselbe System versuchen sollten, würden Sie sie unglücklich machen.«
»Wer – ich?« fragte die Großtante. »Sie täte gut daran, nicht so stolz zu sein und mehr Vertrauen zur Tante zu haben: vielleicht würden wir auch noch Verstand genug haben, um ein anderes System anzuwenden.«
»Tun Sie ihr nur keinen Zwang an, lassen Sie ihr ihren Willen. Es gibt Vögel, die für den Käfig geboren scheinen, und andere, die nur in der Freiheit leben können . . . Sie wird ihr Schicksal schon selbst zu lenken wissen . . .«
»Tu’ ich ihr denn Zwang an? Lege ich ihr denn etwas in den Weg? Sie vertraut mir nicht, sie versteckt sich, schweigt, lebt ganz nach ihrem Kopfe. Ich wage es nicht einmal, bei ihr nach den Schlüsseln zu fragen – und du scheinst dir deshalb Kopfschmerzen zu machen?«
Sie sah ihm forschend ins Gesicht.
Raiski errötete, als die Großtante ihm plötzlich so schlicht und klar bewies, daß ihr ganzer »Despotismus« auf der Grundlage mütterlicher Zärtlichkeit und unermüdlicher Sorge um das Glück ihrer geliebten Waisen beruhte.
»Ich sehe nur immer wie ein Polizeimeister darauf, daß draußen auf der Straße alles in Ordnung ist, in die Häuser gehe ich nicht hinein, solange man mich nicht hineinruft,« fügte Tatjana Markowna hinzu.
»Ei nun, das ist ja das Ideal, die Krone der Freiheit! Tantchen! Tatjana Markowna! Sie stehen auf dem Gipfel der geistigen, sittlichen und sozialen Entwicklung! Sie sind in jeder Beziehung ein fertiger, vollendeter Mensch! Und Sie haben dieses Ziel ganz mühelos erreicht, während unsereins sich quält und quält, um zu ihm emporzuklimmen. Schon einmal habe ich mich vor Ihrer Frauenwürde gebeugt – ich tue es nun zum zweiten Male und erkläre mit Stolz: Sie sind groß!«
Sie schwiegen beide.
»Sagen Sie, Tantchen, was für eine Popenfrau ist denn das, mit der Wjera verkehrt, und was für Beziehungen bestehen zwischen ihnen?« fragte Raiski.
»Du meinst Natalia Iwanowna, die Frau des Priesters? Sie waren zusammen in der Pension und haben sich dort befreundet. Wir haben sie oft hier zu Gaste. Sie ist eine gute, brave Frau, und so bescheiden . . .«
»Wie kommt es, daß Wjera ihr so zugetan ist? Sie scheint eine geistig hervorragende, charaktervolle Person zu sein?«
»Oh, nicht im geringsten – was heißt da Charakter? Sie ist nicht dumm, hat gut gelernt, liest viele Bücher und kleidet sich gern nett. Ihr Mann, der Geistliche, hat eine gute Stelle. Michajlo Iwanytsch, sein Patron, hat ihn gern – er lebt für einen Popen so recht aus dem Vollen. An nichts fehlt es ihm, nicht an Getreide, noch sonst an was; Wagen und Pferde hat er ihm geschenkt, ja er schickt ihm sogar Zimmergewächse aus seiner Orangerie. Der Pope ist ein kleiner Mensch, einer von den ›Jungen‹ – nur daß er sich schon gar zu weltlich benimmt, er hat das so von seinem Verkehr mit den Gutsbesitzern her an sich. Französische Bücher liest er sogar, und raucht auch, was eigentlich zu seinem Meßgewande sehr wenig paßt . . .«
»Nun, und die Frau des Geistlichen? Sagen Sie: warum ist Wjera ihr so zugetan, wenn sie, wie Sie sagen, nicht einmal Charakter besitzt?«