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Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 43

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»Nein, ich darf nicht . . .« dachte er und bemühte sich, das römische Profil und die weit geöffneten, funkensprühenden Augen nicht zu sehen. »Jetzt ist der Augenblick da, jetzt will ich meinen Stein gegen diese kalte, herzlose Statue schleudern . . .«

Er machte sich aus ihrer Umarmung los, strich sein zerzaustes Haar zurecht, trat einen Schritt zurück und stellte sich in Positur.

»Und die Scham – wo ist Ihre Scham geblieben, Uliana Andrejewna?« sagte er schroff.

»Die Scham . . . die Scham . . .« flüsterte sie tief errötend und barg ihren Kopf an seiner Brust – »die Scham will ich in Küssen ersticken!«

Sie preßte wieder und immer wieder ihre Lippen auf seine Wangen.

»Lassen Sie mich! Kommen Sie zur Besinnung!« sagte er streng. »Wenn sich im Hause meines Freundes ein Dämon eingenistet hat, so will ich als Schutzengel über seinem Frieden wachen . . .«

»Reden Sie nicht, oh, reden Sie nicht so schreckliche Worte! . .« rief sie fast stöhnend. »Wie kommen Sie dazu, mich zur Scham zu rufen? Jeder andere . . . ja! Aber Sie? Haben Sie denn vergessen? . . . O, mir ist so entsetzlich zumute, dieser Schmerz . . . ich werde krank werden, ich werde sterben . . . Ich hab’s schon über, dieses Leben, diese schreckliche Langeweile hier . . .«

»Stehen Sie auf, fassen Sie sich . . . vergessen Sie nicht, daß sie eine Frau sind . . .« sagte er.

Sie schmiegte sich noch leidenschaftlicher, fast krampfhaft, an ihn an und barg ihren Kopf an seiner Brust.

»Ach,« sagte sie – »warum, warum . . . müssen Sie mir das sagen? . . . Sie, Boris, mein lieber Boris . . . warum?«

»Lassen Sie mich los! Ich ersticke in Ihrer Umarmung!« sagte er. »Ich habe das heiligste Gefühl – das Vertrauen eines Freundes verraten . . . Möge diese Schande auf Ihr Haupt kommen! . . .«

Sie zuckte zusammen, nahm plötzlich den Schlüssel aus der Tasche, den sie von der Tür abgezogen hatte, und warf ihn Raiski vor die Füße. Dann sanken ihre Arme schlaff herab, und während sie mit trübem Blicke, wie geistesabwesend, auf Raiski sah, stieß sie ihn heftig zurück. Ihr Auge irrte durchs Zimmer, ihre beiden Hände fuhren nach dem Kopfe, und plötzlich stieß sie einen so jähen Schrei aus, daß Raiski heftig erschrak und sein Unterfangen, das schlummernde Gefühl der Scham in ihr zu wecken, aufs tiefste bereute.

»Uliana Andrejewna! So fassen Sie sich doch! Kommen Sie zur Besinnung!« sprach er und suchte sie an den Armen festzuhalten. »Ich habe das nur so hingeredet . . . nur gescherzt . . . verzeihen Sie mir! . . .«

Doch sie hörte seine Worte nicht, sondern schüttelte ganz verzweifelt den Kopf, riß sich an den Haaren, rang die Hände, krallte sich die Nägel ins Fleisch und schluchzte ohne Tränen.

»Was bin ich? Wo bin ich?« rief sie, mit entsetzten Blicken um sich schauend. »Die Scham . . . die Scham . . .« kam es abgerissen aus ihrer Brust – »o mein Gott, die Scham. . . ja, sie brennt so – da, da!«

Sie riß sich das Chemisett von der Brust.

Er knöpfte, oder riß vielmehr ihr Kleid auf und legte sie auf den Diwan. Sie warf sich hin und her, wie in heftigem Fieber, und schrie, daß man sie auf der Straße hörte.

»Uliana Andrejewna, so kommen Sie doch zu sich!« rief er, vor ihr niederkniend und ihre Hände, ihre Stirn, ihre Augen küssend.

Sie sah ihn wie zufällig an und machte dann große Augen, als sei sie erstaunt, ihn zu sehen. Dann warf sie sich plötzlich krampfhaft zuckend an seine Brust, stieß ihn wieder von sich und rief von neuem: »Die Scham! die Scham! es brennt so . . . da, da . . . ich ersticke . . .«

Er begriff in diesem Augenblick, daß, wenn er ihr längst eingeschläfertes Schamgefühl hatte wecken wollen, dies nur ganz allmählich, nur mit größter Schonung hätte geschehen müssen – vorausgesetzt, daß dieses Gefühl überhaupt bei ihr noch vorhanden und nicht schon abgestorben war. »Es ist wie mit den Trunkenbolden,« ging’s ihm durch den Kopf – »auch die kann man nur allmählich entwöhnen . . .«

Er wußte nicht, was er tun sollte, öffnete die Tür, lief in das Eßzimmer, geriet dann, in seiner Verzweiflung hin und her eilend, in einen dunklen Winkel und gelangte schließlich in den Garten. Von da kam er in die Küche, rief vergeblich nach der Köchin, traf jedoch im ganzen Hause keinen Menschen und eilte, die Türen laut hinter sich zuschlagend, wieder zurück, nachdem er unterwegs eine Karaffe mit Wasser erwischt hatte.

Einen Augenblick schwankte er, ob er sich nicht aus dem Staube machen sollte, doch erschien es ihm grausam, sie in dieser Lage zurückzulassen.

Er kam in das Zimmer zurück, wo sie noch immer sich stöhnend hin und her warf. Das aufgelöste dichte Haar fiel ihr über Brust und Schultern. Er kniete neben ihr hin, verschloß ihr den Mund, um ihr Stöhnen nicht länger hören zu müssen, mit seinen Lippen und küßte ihre Hände, ihre Augen.

Allmählich verstummte ihr Schreien, sie lag ein paar Minuten wie selbstvergessen da und kam endlich zu sich. Sie richtete den müden, matten Blick auf ihn, fiel ihm dann plötzlich in wilder Raserei um den Hals, preßte ihn leidenschaftlich an sich und flüsterte:

»Sie sind mein . . . mein! . . . Sprechen Sie nicht mehr so Entsetzliches zu mir! . . . ›Laß deine Drohung, schilt Tamara nicht!‹ » zitierte sie aus Lermontow mit müdem Lächeln.

»O Gott, was soll ich tun?« klang es verzweifelt in seinem Innern.

»Bleiben Sie!« bat sie flüsternd, während sie seinen Kopf wie eingezwängt in ihren Armen hielt – »Sie sind mein!«

Raiski konnte seinen Kopf in ihren Armen nicht rühren, während er selbst ihren Nacken und Hals in den Händen hielt: die römische Kamee lag ihm gleichsam auf der flachen Hand, in all dem Reiz ihrer flehenden Augen, ihrer halbgeöffneten, glühenden Lippen . . .

Er konnte den Blick nicht von ihrem Profil losreißen, ein jäher Schwindel befiel ihn . . . Ihre glühend roten Wangen färbten sich noch tiefer und versengten ihm förmlich die Augen. Sie küßte ihn, und er erwiderte ihren Kuß. Sie umschlang ihn noch leidenschaftlicher, noch heißer und flüsterte kaum hörbar:

»Jetzt sind Sie mein: niemand sonst soll Sie haben! . . .«

Er schalt nicht mehr, sprach kein einziges »entsetzliches« Wort mehr . . . Der Donner hörte auf zu rollen . . .

Dreizehntes Kapitel

Nachdem Raiski so seine Freundespflicht erfüllt hatte, schritt er langsam bergan durch die Gasse und blickte gleichgültig auf die im Straßengraben wuchernden Brennnesseln, auf die oben am Abhang weidende Kuh, das an der Hecke seine Löcher wühlende Schwein und den einförmigen, sich lang hinstreckenden Zaun. Er warf einen Blick zurück, nach Koslows Hause, und sah, daß Uliana Andrejewna immer noch am Fenster stand und ihm mit dem Taschentuche winkte.

»Ich habe alles getan, was ich konnte, alles!« sagte er, sich entsetzt von dem Fenster abwendend und seine Schritte beschleunigend.

Oben auf dem Hügel angelangt, blieb er stehen und rief in ungeheucheltem Schrecken: »Mein Gott, o mein Gott!« »Hamlet und Ophelia!« fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf, und er schüttelte sich bei diesem Vergleich vor Lachen so heftig, daß er sich am Gitter des Kirchhofs, an dem er gerade vorüberkam, festhalten mußte. Uliana Andrejewna – und Ophelia! Daß er sich selbst mit Hamlet verglich, kam ihm nicht lächerlich vor: jeder Mann, sagte er sich, hat zuweilen seine Hamletstunde. Der sogenannte Wille spielt uns allen irgendeinmal einen Streich! – »Nein, der Mensch hat keinen freien Willen« – sagte er – »wohl aber gibt es eine Lähmung des Willens, eine Willenlosigkeit, die er nötigenfalls willkürlich ins Spiel setzen kann. Das, was man den freien Willen nennt, diese vermeintliche Seelenkraft, steht dem Herrn der Schöpfung durchaus nicht zur Verfügung, sondern ist gewissen von ihm unabhängigen Gesetzen unterworfen, nach denen sie wirkt, ohne daß er um seine Einwilligung gefragt wird. Gleich dem Gewissen meldet sie sich immer erst dann, wenn der Mensch das getan hat, was ihm nicht richtig scheint; zeigt er wirklich einmal festen Willen, so geschieht das nur zufällig, oder in Dingen, die ihm gleichgültig sind.

»Leontij!« rief er plötzlich aus und faßte sich an den Kopf – »in wessen Hände ist dein Glück gelegt! Mit welcher Miene werde ich ihm das nächste Mal gegenübertreten! Und doch – wie fest war mein guter Wille?«

Wie aufrichtig und ehrlich hatte er sich für diese edle Rolle eines Schutzengels vorbereitet, wie erhaben war ihm die Idee freundschaftlicher Pflichterfüllung erschienen, und welche sittliche Genugtuung hätte es ihm bereitet, wenn . . .

»Doch was sollte ich tun?« fragte er sich zum Schluß, und allmählich richtete er den Kopf wieder empor, reckte und streckte sich, die düsteren Runzeln verschwanden von seiner Stirn, und sein Gesicht wurde wieder ruhig.

»Ich habe alles getan, was ich konnte – ja, alles, was ich konnte!« sprach er, sich selbst beschwichtigend. »Nur ist die Sache leider anders verlaufen, als sie sollte . . .« flüsterte er mit einem Seufzer.

Mit diesem »leider« und diesem Seufzer kam er, in seinen eigenen Augen leidlich gerechtfertigt, zu Hause an, wo er, zu Tantchens höchster Freude, ganz vergnügt und mit gutem Appetit in ihrer und Marsinkas Gesellschaft zu Mittag aß.

»Dieses Kapitel muß ich in dem Roman auslassen . . .« dachte er, als er am Abend seine Hefte vornahm, um die Charakteristik Uliana Andrejewna zu ergänzen. – »Übrigens, warum soll ich lügen, mich verstellen, auf Stelzen einherschreiten? Ich will es doch so lassen, wie es sich wirklich zugetragen, nur etwas mildern will ich dieses Rendezvous . . . will vor die Nymphe und den Satyr eine Girlande ziehen . . .

Voll Eifer vertiefte sich Raiski in seinem Roman. Er sah darin gleichsam sein eigenes Leben, in lauter Flocken zerrissen, an seinem Geiste vorüberziehen.

»Ein naiver Leser wird freilich annehmen, ich selbst sei so, und zwar nur einzig so, wie der Held des Ganzen da geschildert ist,« sagte er sich, während er seine Niederschriften durchblätterte. »Er wird sich nicht vorstellen können, daß es sich hier nicht um mich, nicht um irgendeinen Karp oder Sidor handelt, sondern um einen allgemeinen Typus; daß im Organismus eines Künstlers viele Epochen, viele verschiedenartige Persönlichkeiten stecken . . . Was soll ich mit allen diesen Gestalten anfangen, wie soll ich diese zehn, zwanzig mannigfachen Typen im Rahmen des Ganzen unterbringen? . . .«

»Es wird eben nichts anderes übrig bleiben, als auch diese zehn, zwanzig Typen noch zu formen und zu gestalten,« flüsterte eine Stimme in ihm. »Das ist eben die Aufgabe des Künstlers, wenn er ein echtes Werk schaffen und nicht beim Phantom stehen bleiben will!«

Er stieß einen Seufzer aus.

»Wie kann ich daran denken, solch ein Werk zu schaffen – ich, der ›Pechvogel‹!« dachte er resigniert.

Nach dem Rendezvous mit Uliana Andrejewna waren einige Tage vergangen. Es war gegen Abend, und ein Gewitter zog am Himmel herauf. Über der Wolga stand ganz schwarzes Gewölk, auf dem Hofe herrschte erdrückende Schwüle, und auf dem Felde und der Straße jagte der Wind dichte Staubwirbel empor.

Unheimliche Stille lag über der Landschaft. Tatjana Markowna hatte alles auf die Beine gebracht, um die üblichen Vorbereitungen für das Gewitter zu treffen. Fenster, Türen, Schornsteinen wurden verschlossen. Sie hatte nicht nur selbst Angst vor dem Gewitter, sondern verurteilte diejenigen, die keine Angst davor hatten, unbarmherzig als schlimme Freigeister. Alles bekreuzte sich im Hause, sobald nur ein Blitz zuckte, und wer es nicht tat, den nannte sie einen Tölpel. Jegorka wurde von ihr aus dem Vorzimmer nach dem Gesindehaus gejagt, weil er auch angesichts des Gewitters nicht aufhörte, mit dem Stubenmädchen zu schäkern und zu kichern.

In majestätischer Pracht kam das Gewitter herangezogen; von ferne ließ sich das Rollen des Donners vernehmen, immer dichtere Staubsäulen zogen auf der Straße daher.

Plötzlich zuckte ein jäher Blitz über den Himmel, und im selben Augenblick erdröhnte gerade über dem Dorfe ein furchtbarer Donnerschlag.

Raiski nahm Mütze und Schirm und ging rasch nach dem Garten, um das gewaltige Naturschauspiel unmittelbar beobachten zu können und dann nachträglich seine Schilderung nebst der Analyse dessen, was er selbst dabei empfunden, in seinen Plan einzutragen.

Tatjana Markowna sah ihn aus dem Fenster und klopfte gegen die Scheibe.

»Wohin denn, Boris Pawlowitsch?« fragte sie, ihn ans Fenster rufend.

»An die Wolga, Tantchen, ich will mir das Gewitter ansehen.«

»Bist du bei Troste? Komm sogleich zurück!«

»Nein, ich geh’ hin . . .«

»Bleib hier, sag’ ich dir!« rief sie im Befehlston ihm zu. Wieder zuckte ein Blitz, und der Donner knatterte und rollte. Die Großtante floh entsetzt, Raiski aber stieg in die Schlucht hinab und schritt auf dem kaum erkennbaren, gewundenen Flußpfade vorwärts.

Der Regen goß wie aus Eimern, Blitz auf Blitz fuhr nieder, der Donner dröhnte und grollte. Alles war von der Dämmerung und den finsteren Wolken in tiefes Dunkel gehüllt. Raiski bereute gar bald seine künstlerische Absicht, das Gewitter zu studieren: der Regenschirm hielt längst nicht mehr dicht gegenüber den Fluten, die auf ihn niederströmten, und er war am ganzen Leibe durchnäßt. Seine Füße versanken in dem aufgeweichten Lehm, er verlor den Weg im Dickicht, stieg auf Hügel und Baumstämme oder geriet in tiefe Löcher und Gruben.

Jeden Augenblick mußte er stehen bleiben, und wenn ein Blitz niederfuhr, tat er ein paar Schritte vorwärts. Er wußte, daß da irgendwo auf dem Grunde der Schlucht ein Pavillon gestanden hatte, als die Sträucher und Bäume, die am Abhange der Schlucht wuchsen, noch einen Teil des Parks bildeten.

Ganz kürzlich erst hatte er, als er zum Ufer hinabstieg, diesen Pavillon flüchtig im Dickicht gesehen; jetzt wollte er dahin, um Schutz zu finden und gleichzeitig von dort aus das Gewitter zu beobachten, doch wußte er nicht, in welcher Richtung er den schützenden Zufluchtsort zu suchen hätte.

Auch den Rückweg wollte er nicht antreten: zwischen den dichten, nassen Sträuchern, über Löcher und Hügel hinweg emporzuklimmen, hatte bei dem herrschenden Dunkel und dem weichen Grund seine Schwierigkeiten. Er entschloß sich daher, sich noch eine Strecke weiterzuschleppen bis zum nahen Berge, über den ein schmaler Weg hinführte, dort über den Heckenzaun zu klettern und auf dem Wege ins Dorf zu gehen.

Seine Stiefel waren ganz durchnäßt, er kam kaum vorwärts in dem weichen Boden und dem hoch emporgewucherten Unkraut. Er mußte sich auch eingestehen, daß dieses unerträglich grelle Leuchten der Blitze und dieses ewig drohende Grollen des Donners über seinem Haupte ihn nicht ganz gleichgültig ließ.

»Ich hätte doch von meinem Zimmer aus den Anblick des Gewitters bequemer genießen können,« sagte er sich im stillen:

Endlich war er an die Hecke gelangt, tastete sich mit den Händen daran entlang, wollte eben den Fuß ins Gras setzen und – fiel ausgleitend in einen tiefen Graben. Mit Mühe und Not kroch er heraus, kletterte über den Heckenzaun und kam auf den Weg. Dieser war steil und gefährlich und wurde von den Bauern höchstens benutzt, wenn sie mit leerem Einspänner fuhren und ihre abgetriebenen, geduldigen kleinen Pferdchen keinen großen Umweg machen lassen wollten.

Von oben bis unten triefend, den überflüssig gewordenen Schirm unterm Arme, schritt Raiski, jedesmal vor den blendenden Blitzen die Augen verschließend, langsam und schwerfällig bergan, immer wieder in dem weichen Straßenkot ausgleitend und stehen bleibend. Da vernahm er plötzlich das Knarren von Wagenrädern.

Er horchte auf: ja, jetzt hörte er das Geräusch ganz in der Nähe. Er machte Halt, immer deutlicher vernahm er das Knarren, und bald hörte er auch das Keuchen und Stampfen der mühsam bergan schreitenden Pferde, ihr Prusten und Schnauben und den Zuruf eines Mannes, der sie antrieb. Es blitzte jetzt schon seltener, und so konnte Raiski den Wagen noch nicht unterscheiden.

Er trat an die Seite und hielt sich an der Hecke fest, um das Gefährt, sobald es ihn erreicht hätte, auf dem schmalen Wege vorüberzulassen.

Jetzt zuckte wieder ein Blitz auf, und bei seinem Aufleuchten konnte er den Wagen deutlich unterscheiden: es war eine breite, mehrsitzige Droschke mit einem Verdeck, unter dem mehrere Personen saßen; ein Paar wohlgenährte, anscheinend ausgezeichnete Pferde waren vorgespannt.

Wider fuhr ein Blitz herab – und Raiski ward starr vor Erstaunen, als er unter den Insassen des Wagens Wjera erkannte.

»Wjera!« rief er, so laut er konnte.

Der Wagen machte Halt.

»Wer ist da?« erklang ihre Stimme.

»Ich bin’s . .«

»Sie, Bruder!? Was tun Sie denn hier?« fragte sie höchst verwundert.

»Und wie kommst du hierher?«

»Ich bin auf dem Heimwege begriffen.«

»Und ich desgleichen.«

»Woher kommen Sie denn?«

»Ich trieb mich in der Schlucht umher und habe den Weg verloren. Nun gehe ich wieder über den Berg nach Hause. Doch du – wie konntest du dich nur auf diesen steilen Weg wagen? Wer fährt denn da mit dir? Wem gehört der Wagen? Könnte ich nicht mit einsteigen?«

»Bitte ergebenst, wir haben Platz genug. Reichen Sie mir die Hand, ich will Ihnen beim Einsteigen helfen,« sagte eine männliche Stimme.

Raiski hielt seine Hand hin, und irgend jemand zog ihn mit kräftigem Griff unter das Schutzdach des Wagens. Dort fand er außer Wjera auch noch Marina vor. Sie saßen beide dicht aneinander geschmiegt wie ein paar nasse Hühner und suchten sich durch das Schutzleder so gut, wie es ging, gegen den von der Seite einfallenden Regen zu decken.

»Mit wem fährst du denn da? Wem gehört der Wagen, wer lenkt ihn?« fragte Raiski leise, zu Wjera gewandt.

»Iwan Iwanytsch.«

»Was für ein Iwan Iwanytsch?«

»Der Forstmeister . . .« flüsterte sie ihm leise zu.

»Der Forstmeister? . . .« sagte Raiski, und wollte weiter fragen, aber Wjera stieß ihn zum Zeichen, daß er schweigen solle, in die Seite, da der Forstmeister dicht vor ihnen saß und sie leicht hören konnte.

»Später!« flüsterte sie.

»Der Forstmeister!« dachte Raiski, und sogleich fiel ihm das Gespräch mit der Großtante ein, die den Mann da vorn so gelobt und als eine gute Partie bezeichnet hatte. »Das also ist der Held des Romans: der Forstmeister . . . der Forstmeister!« sprach er zu sich, und war ganz aufgeregt.

Er versuchte es, sich den Forstmeister etwas näher anzusehen, doch bekam er nichts weiter zu Gesicht als einen großen, niedrigen Hut mit breiter Krempe, der dicht vor seiner Nase über einem mit einem Segeltuchmantel bekleideten kräftigen Schulternpaar auf und nieder wippte. Vom Gesicht sah er nur – im Profil – etwas von der Nase und, wie ihm schien, einen Vollbart.

Der Forstmeister lenkte die Pferde recht geschickt den steilen Berg hinan, trieb bald das eine, bald das andere an, ermunterte sie gelegentlich durch einen Pfiff und zog die Ziegel fester an, wenn sie beim Zucken der Blitze zusammenfuhren.

»Nun, wie befinden Sie sich, Wjera Wassiljewna?« erkundigte er sich teilnehmend, während er sich nach den Insassen des Wagens umwandte. »Sind Sie nicht naß geworden? Frieren Sie nicht?«

»Nein, nein, mir ist ganz wohl, Iwan Iwanowitsch, der Regen dringt nicht bis zu mir durch.«

»Sie sollten meinen Mantel nehmen . . .« schlug Iwan Iwanytsch ihr vor. »Daß Sie sich nur nicht erkälten: ich würde es mir mein Lebtag nicht verzeihen, daß ich diese Fahrt mit Ihnen gemacht habe . . .«

»Ach, reden Sie doch nicht – ich kann’s wirklich nicht hören!« antwortete Wjera in freundschaftlichem Tone. »Fahren Sie nur zu, achten Sie auf Ihre Pferde!«

»Wie Sie befehlen,« sagte Iwan Iwanowitsch gehorsam und sah wieder nach seinen Pferden.

Immer wieder trieb er sie mit Pfiff und Zuruf an, doch konnte er nicht umhin, von Zeit zu Zeit, gleichsam heimlich, nach Wjera zurückzuschauen, um zu sehen, was sie machte.

Sie fuhren um den Gutshof herum und gelangten vor das Hoftor.

Der Forstmeister sprang von seinem Sitz herab und klopfte mit dem Peitschenstiel gegen das Tor. An der Freitreppe vorfahrend, überließ er den Wagen samt den Pferden den dienenden Geistern, die herbeieilten, und während die Prochor, Taraska und Jegorka sich um die Pferde mühten, trat er selbst rasch auf Wjera zu, stieg auf den Wagentritt, nahm sie in seine Arme und trug sie wie eine kostbare Last sorgsam und ehrerbietig die Treppe hinauf. An den mit Kerzen herbeieilenden, verdutzt dreinschauenden Lakaien und Mädchen vorüber schritt er mit seiner Bürde nach dem Saal, wo er sie sanft auf den Diwan niedersetzte. Beschmutzt und durchnäßt, wie er war, folgte ihm Raiski auf dem Fuße, und nicht eine Bewegung, nicht ein Blick des andern entging ihm.

Sobald Wjera im Saal untergebracht war, ging der Forstmeister ins Vorzimmer zurück, legte seine Überkleider ab und brachte seinen Anzug in Ordnung. Dann fuhr er sich mit den gespreizten Fingern wie mit einem Kamm durch das dichte Haar und bat die Diener um eine Bürste oder einen Badequast, um sich zu säubern.

Die Großtante hatte inzwischen Wjera begrüßt und ihr ganz gehörig den Kopf gewaschen, daß sie sich auf solche Tollheiten einlasse, bei solchem Unwetter, mitten in der Nacht, bei dem steilen Wege, daß sie so wenig auf ihre eigene Gesundheit achte, auf sie, die Großtante, gar keine Rücksicht nehme, sie ewig in Unruhe versetze und sie noch ins Grab bringen werde. Dann hieß sie sie so rasch wie möglich Kleider und Wäsche wechseln, ermahnte sie, sich nur ja recht warm zu halten, ließ den Samowar bereitstellen und alle Vorbereitungen zum Abendbrot treffen.

»Ach, Tantchen, wie hungrig bin ich, und wie durstig!« rief Wjera, die Großtante gleich einer Katze umschmeichelnd – »Tee möchte ich haben, und Suppe, und Braten, und Wein! Und auch Iwan Iwanytsch wird Appetit haben. Nur rasch, liebes Tantchen!«

Sie wußte sehr gut, wie die Großtante am schnellsten zu beruhigen war.

»Gleich, gleich – das ist ja ausgezeichnet! Alles, alles sollst du haben! – Und wo ist denn Iwan Iwanytsch? – Iwan Iwanytsch!« rief sie dem Forstmeister zu, – »so kommen Sie doch, was machen Sie denn dort? – Marsinka! Wo ist Marsinka? Wo steckt sie denn? Wohl noch in ihrem Zimmer?«

»Ich will mich nur etwas in Ordnung bringen, Tatjana Markowna,« ließ eine Männerstimme aus dem Vorzimmer sich vernehmen.

Jegor, Jakow und Stepan bürsteten, rieben und striegelten förmlich an dem Forstmeister wie an einem teuren Pferde herum. Alsbald trat er ins Zimmer und küßte der Großtante und Marsinka die Hand – die letztere war eben erst aus ihrem Zimmer herbeigeeilt, wo sie so lange aus Angst vor dem Gewitter, in ihre Kissen vergraben, sich verborgen hatte.

»Zu verkriechen brauchst du dich nicht vor dem Gewitter,« sagte die Großtante – »nur beten mußt du, dann trifft dich der Blitzstrahl nicht!«

»Davor fürchte ich mich auch nicht,« sagte Marsinka – »der Blitz trifft ja fast immer nur die Bauern – aber so, im allgemeinen, ängstigt man sich doch!«

Raiski stand immer noch, durchnäßt wie er war, am Fenster und musterte den wieder eintretenden Gast mit gespannter Aufmerksamkeit.

Iwan Iwanowitsch Tuschin war eine recht stattliche Erscheinung. Er war hochgewachsen und breitschultrig, doch dabei wohl proportioniert; er mochte gegen achtunddreißig Jahre zählen, hatte dichtes, dunkles Haar, kräftige Gesichtszüge, große graue Augen, die schlicht und bescheiden, ja fast ein wenig schüchtern dreinschauten, und einen dichten dunklen Vollbart. Seine Hände waren, dem Wuchse entsprechend, groß, mit breiten Nägeln besetzt und stark gebräunt.

Er trug einen grauen Überrock, eine »falsche Weste« und ein Hemd aus Hausmacherleinen, dessen weicher Umlegekragen breit über die Krawatte fiel. Die Hände steckten in gemsledernen Handschuhen und hielten eine lange Peitsche mit silbernem Griff.

»Ein ganzer Kerl, und hübsch dabei – aber wie schlicht – um nicht noch mehr zu sagen – in Blick und Manieren! Sollte das wirklich Wjeras Held sein?« dachte Raiski, immer wieder den Gast anschauend, und von Erwartung gespannt, was die weitere Beobachtung ergeben würde. »Nun – warum sollte er’s nicht sein?« dachte er weiter, und die Eifersucht regte sich lebhaft in ihm. »Die Frauen lieben diese hochgewachsenen Gestalten, diese offenen Gesichter, diese großen, kräftigen Hände – diesen muskulösen, zur Arbeit geschaffenen Typus . . . Aber Wjera – sollte gerade sie . . .?«

»Und du, mein Lieber, was stehst du denn hier herum?« rief plötzlich die Großtante, die jetzt erst Raiski bemerkte, und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Wie siehst du denn aus? Heda, Leute, Jegorka! – Wie seid ihr denn eigentlich zusammengekommen? Wie aus dem Dunkel der Hölle taucht ihr auf! Sieh doch, wie es von dir trieft – eine ganze Pfütze ist auf dem Fußboden! Borjuschka! Du willst dich wohl mit Gewalt umbringen? Die anderen fuhren hierher und wurden überrascht – aber du, wer hat dich aus dem Hause geschickt? Nun geh rasch, zieh dich um – und nimm dann einen tüchtigen Schuß Rum in den Tee! Iwan Iwanytsch – auch Sie sollten gleich Tee mit Rum trinken . . . Doch Sie sind wohl gar nicht miteinander bekannt? Mein Großneffe, Boris Pawlytsch Raiski – Iwan Iwanytsch Tuschin! . . .«

»Wir kennen uns schon,« sagte Tuschin sich verneigend – »wir haben Ihren Herrn Neffen unterwegs getroffen und im Wagen mit hergebracht . . . Ich danke ergebenst, ich brauche nichts weiter – doch Sie sollten sich rasch umziehen, Boris Pawlytsch, Ihre Schuhe sind ganz durchnäßt!«

»Ihr müßt es einer alten Frau nicht verübeln – aber, offen gesagt: ihr kommt mir wirklich alle miteinander ein bißchen verrückt vor! Bei solchem Unwetter wagt sich kein Tier aus seiner Höhle! . . . Da, o Gott, wie das noch immer blitzt! Schließ die Fensterläden ganz dicht zu, Jakow – rasch, rasch! Und ihr fahrt an einem solchen Abend über die Wolga!«

»Ich habe doch meine eigene Fähre, die ist fest und zuverlässig,« sagte Tuschin. »Ein geschlossenes Verdeck ist darauf – Wjera Wassiljewna war dort so sicher wie in ihrem eigenen Zimmer: nicht ein Regentropfen drang durch.«

»Aber diese Gewitter – schrecklich geradezu!«

»Ein Gewitter kann doch höchstens noch alte Weiber schrecken . . .«

»Ich danke verbindlichst – bin ich nicht auch ein solches?« versetzte die Großtante rasch.

Tuschin wurde verlegen.

»Verzeihung – es ist mir so entfahren, ich sagte das wirklich nicht mit Absicht! Es gilt doch auch nur von den Weibern aus dem Volke . . .«

»Nun, Gott wird Ihnen verzeihen!« sagte die Großtante lachend. »Ich weiß, Sie dachten sich nichts dabei. Und daß Sie sich nicht fürchten – Gott hat Sie eben so geschaffen!

Aber Wjera – daß die keine Angst hat: woher kommt dir eigentlich dieser Heldensinn, meine Liebe?«

»Wenn ich mit Iwan Iwanowitsch zusammen bin, fürchte ich mich vor nichts, Tantchen.«

»Iwan Iwanytsch geht doch auch auf die Bärenjagd – würdest du auch da mitgehen?«

»Gewiß, Tantchen, sehr gern würde ich dabei sein. Nehmen Sie mich doch einmal mit, Iwan Iwanytsch . . . das muß sehr interessant sein . . .«

»Mit dem größten Vergnügen, Wjera Wassiljewna: wenn ich im Winter wieder losziehe, lasse ich es Ihnen sagen . . . Die Sache hat wirklich ihren Reiz.«

»Sehen Sie, so ist sie!« sagte Tatjana Markowna. »Und daß die Großtante sich tot ängstigt, das ist dir natürlich gleich?«

»Ich habe doch nur gescherzt, Tantchen!«

»Nein, nein – dir trau’ ich alles zu! Wie konntest du überhaupt Iwan Iwanowitsch so in Anspruch nehmen . . . diese weite Strecke . . .«

»Daran bin ich schon ganz allein schuld,« versetzte Tuschin.

»Sowie ich von Natalia Iwanowna hörte, daß Wjera Wassiljewna nach Hause fahren wolle, bat ich gleich um die Ehre, sie hierher zu bringen . . .«

Er blickte bescheiden, fast demütig, zu Wjera hinüber.

»Eine schöne Ehre – bei solchem Unwetter . . .«

»Macht nichts, wir hatten es wenigstens hell genug . . . und Wjera Wassiljewna hatte auch gar keine Angst.«

»Wie geht es denn Anna Iwanowna, ist sie gesund?«

»Ja, Gott sei Dank, sie läßt Sie vielmals grüßen. Sie schickt Ihnen auch etwas von ihren Früchten: Pfirsiche aus der Orangerie, und Kirschen, und Pilze – es ist alles noch im Wagen . . .«

»Warum macht sie sich solche Umstände? Wir haben selbst so viel Obst . . . das heißt: für die Pfirsiche lasse ich bestens danken, die haben wir nicht,« sagte die Großtante. »Ich will ihr dafür von meinem Tee etwas schicken. Eine ausgezeichnete Sorte, Borjuschka hat ihn mir mitgebracht, und ich hab’ auch an Sie gedacht . . .«

»Meinen herzlichen Dank!«

»Daß Sie sich in dieser Finsternis hier auf den Berg gewagt haben! Wenn nun die Pferde durchgegangen wären . . Gott behüte!«

»Meine Pferde gehorchen mir wie die Hunde. Hätte ich sonst wohl gewagt, Wjera Wassiljewna das Anerbieten zu machen, wenn ich eine Gefahr bei der Sache gesehen hätte?«

»Sie sind ein zuverlässiger Freund,« sagte Wjera, »ich verlasse mich vollkommen auf Sie, und auch auf Ihre Pferde . .«

Im Augenblick, da sie diese Worte sprach, trat Raiski, der sich nach dem anstrengenden Abenteuer bereits erholt hatte, in einem eleganten Neglige ins Zimmer. Er hörte Wjeras Worte und sah den Blick, den sie Tuschin dabei zuwarf.

» ›Ich verlasse mich vollkommen auf Sie und Ihre Pferde‹,« wiederholte er still für sich. »Sie nennt ihn mit den Pferden in einem Atem!«

»Ich danke Ihnen verbindlichst, Wjera Wassiljewna,« antwortete ihr Tuschin. »Vergessen Sie nicht, was Sie soeben gesagt haben: wenn einmal der Augenblick eintreten sollte . . . dann . . .«

»Wenn wieder einmal solch ein Unwetter heraufziehen sollte . . .« sagte die Großtante.

»Oder sonst ein Ungemach . . .« fügte er hinzu.

»Ach ja, es gibt mancherlei Unwetter im Leben!« sagte Tatjana Markowna mit einem tiefen Seufzer.

»Was es auch sein mag,« sagte Tuschin, »sowie ein Wetter über Ihrem Haupte heraufzieht – retten Sie sich über die Wolga, in den Wald! Dort haust ein Bär, der Ihnen stets zu Diensten sein wird, wie es im Märchen heißt . . .«

»Gut, ich will es mir merken!« antwortete Wjera lachend.

»Sobald ein böser Zauberer, wie es im Märchen heißt, kommt, um mich zu entführen – flüchte ich mich bestimmt zu Ihnen in den Wald!«

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10 aralık 2019
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