Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 48
Achtzehntes Kapitel
Acht Tage nach dem frohen Ereignis kehrte die frühere Ordnung im Hause wieder zurück. Wikentjews Mutter war auf ihr Gut zurückgekehrt, und der junge Wikentjew war nun täglicher Gast im Hause und wurde fast ganz als Familienmitglied behandelt. Weder er noch Marsinka hüpften jetzt noch umher. Beide waren zurückhaltend und disputierten zuweilen nur etwas lebhaft, oder sangen, oder lasen zusammen.
Es bestand zwischen ihnen jedoch kein sentimentaler, poetischer Gefühlsaustausch, kein feingeistiger, erlesener Gedankenverkehr mit seiner ewigen Abwechslung, seinem bunten Phantasiespiel – kurz, es fehlten jene köstlichen, unerschöpflichen geistigen Genüsse, wie die Liebe sie nur entwickelten Menschen zuteil werden läßt.
Auch der Geist der Analyse blieb ihren Herzensbeziehungen fern. Ihren Bedarf an geistiger Anregung entnahmen sie den Erzählungen, die sie gemeinsam lasen, den Neuigkeiten, die aus der Residenz zu ihnen drangen, und den flüchtigen Eindrücken, die die sie umgebende Natur und Menschenwelt auf sie ausübten.
Eine frische, unmittelbare, unverhüllte Poesie sprudelte wie ein lebendiger Quell in der jugendlichen Unverdorbenheit ihrer jungen, reinen Herzen.
Keine Ferne lockte sie, kein Nebel, keine Rätsel waren für sie vorhanden. Klar und einfach lag die beiden gemeinsame Perspektive vor ihnen. Nur eng war der Horizont ihrer Beobachtungen und Gefühle.
Marsinka hielt sich die Ohren zu oder ging aus dem Zimmer, sobald Wikentjew in seinen Gefühlsäußerungen über die Grenzen der gewohnten Ausdrucksweise hinausging und von der Liebe im Stil der Romane und Novellen sprach.
Ihr Verkehr trug den Stempel der Einfachheit und Natürlichkeit, wie die Natur sie vorschrieb, und wie sie auch der lauteren Moral der Großtante entsprach. Nicht einen Kuß gab ihm Marsinka bis zum Tage der Hochzeit, nicht eine Zärtlichkeit mehr durfte er sich gegen früher erlauben, und wenn er ihr einen Kuß stahl, so betrachtete sie das als eine Vermessenheit und drohte ihm, sofort wegzugehen oder es Tantchen zu sagen.
Dabei überließ sie ihm jedoch unbewußt ihren Arm, wenn er ihn einfach ohne weitere verliebte Präludien nahm, ja sie hing sich sogar selbst in den seinen, stützte sich vertraulich auf seine Schulter, ließ sich von ihm über eine Pfütze tragen und fuhr ihm sogar kosend mit der Hand durchs Haar, oder nahm Kamm und Bürste, trat ganz nahe an ihn heran, daß ihre Köpfe sich berührten, kämmte ihn, machte ihm einen Scheitel und salbte sein Haar gelegentlich auch mit Pomade ein.
Sobald er sie jedoch bei einer solchen Gelegenheit um die Taille faßte, oder sie küßte, dann wurde sie rot, warf den Kamm gegen ihn und ging fort.
Die Hochzeit war aus irgendwelchen wirtschaftlichen Erwägungen von Tatjana Markowna auf den Herbst verlegt worden, und im Hause begann man nun mit der Herrichtung der Ausstattung. Aus den Vorratskammern wurden die alten Spitzen hervorgeholt, das alte Familiensilber wurde herausgesucht, die Goldsachen, die Perlen und Brillanten, das kostbare Geschirr, das Pelzwerk, die Wäsche und sonstigen Wertdinge in zwei gleiche Teile geteilt.
Mit der Akkuratesse eines Juweliers bestimmte Tatjana Markowna die Karate und Lote, wog die Perlen und zog Juweliere, Goldarbeiter und sonstige Fachleute zur Begutachtung heran.
»Sieh her, Wjerotschka – das gehört dir, und das hier Marsinka. Nicht eine Schnur Perlen, nicht ein Karat Gold soll die eine mehr haben als die andere. Seht beide her!«
Doch Wjera sah nicht hin. Sie schob den für sie bestimmten Haufen von Perlen und Brillanten mit Marsinkas Haufen zusammen und erklärte, daß sie nur ganz wenig von dem Zeug brauche. Die Großtante wurde böse und begann alles von neuem herauszusuchen und zu teilen.
Raiski hatte sich von seinem ehemaligen Vormund die von seiner Mutter geerbten Brillanten und Silbersachen schicken lassen und sie den beiden Schwestern geschenkt. Aber die Großtante vergrub diese Schätze in den Tiefen ihrer Truhen – bis zu gelegener Zeit, wie sie sagte.
»Du wirst sie selbst noch einmal brauchen,« meinte sie.
»Vielleicht kommst du doch noch einmal auf den Einfall, zu heiraten.«
Er ließ auch eine Urkunde darüber ausstellen, daß er das Haus samt dem Grundbesitz und dem Dorfe den beiden Schwestern geschenkt habe, wofür ihm beide, jede auf ihre Weise, ihren Dank abstatteten. Die Großtante brummte, machte ein finsteres Gesicht und sah ihn unzufrieden an. Dann aber konnte sie sich doch nicht halten und schloß ihn in ihre Arme.
»Du bist doch ein ganz ungewöhnlicher Mensch, Borjuschka,« sagte sie – »ganz abscheulich, und doch wieder so lieb! Gott mag wissen, wer du eigentlich bist!«
Im ganzen Hause – im Mädchenzimmer, im Kabinett der Großtante, selbst im Empfangszimmer und noch in zwei weiteren Räumen waren Tische aufgestellt, an denen Wäsche genäht wurde. Das Paradebett war in Arbeit, desgleichen die Kissen mit den echten Spitzen und die Bettdecken. Ein Heer von Näherinnen und Schneiderinnen war schon vom frühen Morgen an tätig.
Wikentjew nahm Urlaub, um nach Moskau zu fahren und dort Equipagen und Garderobe zu bestellen. Bei dieser Gelegenheit kam Marsinkas Gefühl zum vollen Durchbruch: ganze Bäche von Tränen entströmten ihren Augen, daß Nase und Augen ihr anschwollen und ganz rot wurden. Als Wikentjew sie so sah, weinte er mit – nicht aus Kummer, sondern weil er nach seiner bestimmten Versicherung immer weinen mußte, wenn andere weinten, wie er auch immer lachen mußte, wenn andere lachten. Marsinka blickte ihn durch ihre Tränen hindurch an und hörte plötzlich auf zu weinen.
»Ich will ihn nicht heiraten, Tantchen – sehen Sie doch, er kann nicht mal so weinen wie andere Menschen! Bei anderen rinnen die Tränen über die Backen, und bei ihm über die Nase – da, sehen Sie doch: gerade an der Spitze hängt eine Träne, so groß wie eine Kirsche! . . .«
Er trocknete rasch seine Tränen.
»Ja, sehen Sie nämlich – bei mir ist da solch eine Rinne, die gerade nach der Nase führt,« sagte er und neigte sich vor, um seiner Braut die Hand zu küssen, doch gab sie sie ihm nicht.
Eine Stunde nach seiner Abfahrt sang sie schon wieder, wie früher, im Garten:
»Du mein herziger Schatz,
Ach, wie liebe ich dich! . . .«
Man brachte Pferde auf den Hof, die Wikentjew irgendwo in einem Gestüt gekauft hatte. Eine muntere, geschäftige Tätigkeit erfüllte, mit einem Wort, das ganze Haus, und nur Raiski und Wjera merkten nichts davon.
Raiski hatte für nichts anderes Augen, als nur für sie. Er suchte seine Gedanken abzulenken, ritt über die Felder, machte sogar Besuche. Beim Gouverneur lernte er einige Räte, irgendeinen Großgrundbesitzer, einen aus Petersburg herübergeschickten Adjutanten und sonstige Leute kennen; die Unterhaltung drehte sich um das, was in der Petersburger Welt vorging, oder um die Landwirtschaft, um die Pachten. Doch alles das interessierte ihn nicht im geringsten.
Er hatte, wenn auch ungern, Marks Bitte erfüllt und dem Gouverneur gesagt, daß er die beschlagnahmten Bücher mitgebracht und an Bekannte weitergegeben habe, von denen sie dann ins Gymnasium gelangt seien. Die Bücher waren konfisziert und verbrannt worden. Der Gouverneur gab Raiski den Rat, in Zukunft vorsichtiger zu sein, doch erstattete er nach Petersburg keinen Bericht über die Sache, damit dort nicht erst eine große Frage daraus gemacht würde.
Mark schlich sich einmal nach seiner Gewohnheit zur Nachtzeit quer durch den Garten nach Raiskis Wohnung, um zu hören, welches Ende die Sache genommen. Er dachte nicht daran, Raiski für den ihm geleisteten Dienst zu danken, sondern sagte nur, das sich das so gehört habe, und daß er ihm schon eine große Ehre erweise, wenn er ihm etwas so Einfaches und Selbstverständliches zumute – anders zu handeln, sei nur ein Denunziant und Spion imstande.
Seinen Freund Leontij bekam Raiski nur selten zu Gesicht; er vermied es, ihn zu besuchen. Kam er einmal hin, so empfing ihn Uliana Andrejewna, innerlich triumphierend, mit leidenschaftlichen Blicken und dem heimlichen Lachen in den unbeweglichen Zügen, und die Erinnerung an die Art, wie er großmütig seine Freundespflicht erfüllt hatte, nagte an ihm. Unwillkürlich verfinsterten sich seine Züge, und er entfernte sich, so rasch er konnte.
Sie nahm nun, um ihn anzulocken, zu einem andern Manöver ihre Zuflucht: sie sagte ihrem Manne, daß sein Freund sie nicht kennen wolle, sie nicht ansehe, als sei sie nichts weiter als ein Stück Möbel, daß er sie mißachte, daß sie das sehr verletzen müsse, und daß er, Leontij, an alledem schuld sei, da er es nicht verstehe, anständige Leute in sein Haus zu ziehen und dafür zu sorgen, daß sie seiner Frau den nötigen Respekt erwiesen.
»Sprich du doch wenigstens mit mir,« klagte sie – »leg’ deine Bücher beiseite und beschäftige dich mit mir!« Koslow nahm sich vor, den Wunsch seiner Frau nach Kräften zu erfüllen, und als Raiski am Abend desselben Tages an seinem Fenster vorüberging, rief er ihn an:
»Komm doch herein, Boris Pawlowitsch, du hast mich ganz vergessen . . . Auch meine Frau beklagt sich . . .«
»Worüber beklagt sie sich denn?« fragte Raiski, als er zu ihm ins Zimmer trat.
»Sie glaubt, daß du sie mißachtest. Ich sagte ihr: ›Das ist ja Unsinn, er ist gar nicht stolz‹ – du bist doch nicht stolz, nicht wahr? ›Aber er ist ein Poet,‹ sagte ich, ›er hat seine eigenen Ideale – du bist ein Rotkopf, und du gefällst ihm einmal nicht.‹ Sei doch ein bißchen nett zu ihr, Boris Pawlowitsch, besuch’ sie gelegentlich einmal, wenn ich im Gymnasium bin!«
Raiski wandte sich von ihm ab und sah zum Fenster hinaus.
»Oder noch besser – komm am Donnerstag und am Sonnabend Abend: an diesen beiden Tagen gebe ich nämlich hier in drei Familien Privatstunden und komme erst gegen Mitternacht nach Hause. Opfere doch einmal einen Abend, unterhalte sie ein bißchen, kokettiere ein wenig mit ihr! Du plauderst doch so gern mit den Weibern – und sie phantasiert nur von dir . . .«
Raiski blickte durch das zweite Fenster hinaus.
»Ich selbst versteh’ mich nicht darauf,« fuhr Leontij fort, »dem Gatten steht das auch nicht so an: ich liebe, du liebst, wir lieben . . . dieses ewige Konjugieren hab’ ich auch schon im Gymnasium über. Ihre ganze Liebe, all ihre Fürsorge, ihr Leben – alles gehört mir . . .«
Raiski mußte husten. »Wie soll ich ihm nur die Sache beibringen?« dachte er.
»Ist’s wirklich so, Leontij?« fragte er.
»Wie denn sonst?«
»Alle Liebe, sagst du?«
»Ja, natürlich, sie ist sogar auf meine Griechen und Römer eifersüchtig. Sie kann sie nicht leiden, nur lebende Menschen liebt sie!« sagte Koslow mit einem gutmütigen Lächeln. »Diese Weiber sind doch überall und zu allen Zeiten dieselben,« fuhr er fort. »Die römischen Matronen, selbst die Frauen der Zäsaren, der Konsuln und Patrizier, hatten immer einen ganzen Schweif von Liebhabern . . . Ich kann mich ihr leider nicht so widmen, ich habe meine Beschäftigung. Sie sorgt für mich, sie ist mir treu, während ich ihr, offen gestanden«– er dämpfte seine Stimme zum Flüstern – »bisweilen untreu werde und gar nicht weiß, ob sie im Hause ist oder nicht . . .«
»Das ist sehr unrecht,« sagte Raiski.
»Ich habe einfach keine Zeit . . . Im vorigen Monat zum Beispiel fielen mir zwei deutsche Werke in die Hände, Kommentare zu Thucydides und Tacitus. Die deutschen Forscher haben den beiden Autoren förmlich die Eingeweide umgekehrt, ich hatte wirklich Mühe, alle diese Details nachzuprüfen. Ganz eingegraben hatte ich mich in meine Bücher – und sie sagte einfach, sie ekle sich, wenn sie mich so sehe. Komm doch gelegentlich, besuch’ sie! Der einzige, der sich noch zeigt, ist mein Kollege Charles, der Franzose – ein so netter Plauderer, mit dem langweilt sie sich wenigstens nicht.«
»Leb’ wohl, Leontij,« sagte Raiski. »Übrigens, diesen Charles solltest du doch nicht so oft ins Haus lassen . . .«
»Warum nicht? Wenn der nicht noch wäre, hätte ich ja gar keine Ruhe vor ihr. Warum soll ich ihn nicht ins Haus lassen?
»Nun, damit sich nicht solch ein Schweif bildet, wie bei den römischen Matronen . . .«
»An meine Ulinka reicht, wie an die Gemahlin des Cäsar, kein Verdacht heran!« bemerkte Koslow humorvoll. »Komm nur, ich will’s ihr sagen . . .«
»Nein, sag’ ihr nichts – und laß den Charles nicht ins Haus!« sagte Raiski und verließ rasch das Zimmer.
Bei Paulina Karpowna zeigte sich Raiski gar nicht, dafür erschien sie um so öfter bei ihm im Hause und langweilte entweder ihn mit ihren faden Zärtlichkeiten oder die Großtante mit ihren unerbetenen Ratschlägen betreffs der Hochzeitsvorbereitungen. Ganz besonders mißfiel Tatjana Markowna ihre Behauptung, daß die Ehe das Grab der Liebe sei, und daß, wie sie mit einem süßlichen Blicke auf Raiski hinzufügte, auserlesene Herzen sich trotz aller Hindernisse auch außerhalb der Ehe zu finden wüßten.
Noch zwei- oder dreimal begann er an ihrem Porträt zu malen, beendete es jedoch nie und sagte, er wisse nicht, in was für einem Kleide er sie malen, und was für eine Blume er ihr an die Brust stecken solle.
»Eine gelbe Georgine wird mir sehr gut stehen – ich bin doch brünett!« meinte sie.
»Gut, später, später!« sagte er, um sie nur irgendwie loszuwerden.
Tit Nikonytsch kam nach wie vor, höflich und liebenswürdig, wie immer, küßte der Großtante das Händchen und brachte ihr eine Blume oder irgendeine seltene Frucht. Openkin fand sich ein, hielt seine langen, lärmenden Reden und betrank sich zuletzt. Junge Damen und Herren erschienen, ein Tänzchen wurde im Hause der Braut arrangiert – und alles das langweilte Raiski und Wjera, und jedes von ihnen suchte, wonach sein Herz stand: er – sie, sie – die Einsamkeit, und er war nur glücklich, wenn er mit ihr zusammen war, und sie nur dann, wenn niemand sie sah, niemand sie bemerkte, wenn sie im Dorfe, oder im Dickicht der Schlucht, oder jenseits der Wolga, bei ihrer Popenfrau, wie ein Spukgeist verschwinden konnte.
Neunzehntes Kapitel
Da habe ich mich nun nach der Leidenschaft gesehnt,« dachte Raiski, »habe mich förmlich danach gedrängt – und nun weiß ich gar nicht, ob das wirklich die Leidenschaft ist! Ich betaste mich, um dahinter zu kommen, ob ich wirklich von der Leidenschaft beherrscht bin – wie man sich sonst betastet, um festzustellen, ob man nicht eine Rippe gebrochen oder sich irgendein Glied ausgerenkt hat. Und mein Herz – das klopft so ganz ruhig; fast scheint es, daß ich gar nicht fähig bin, eine Leidenschaft zu empfinden.«
Trotz alledem wollte ihm jedoch Wjera nicht aus dem Sinn.
»Wenn sie mich nicht liebt, wie sie selbst sagt, und wie aus allem ersichtlich ist – warum hat sie mich dann zurückgehalten? Warum hat sie mir erlaubt, sie zu lieben? Ist das Koketterie, oder Laune, oder was sonst? Ich muß entschieden dahinter kommen . . .« flüsterte er vor sich hin.
Er suchte sie mit den Augen im Garten und bemerkte sie am Fenster ihres Zimmers.
Er trat vor das Fenster.
»Darf man dich besuchen, Wjera?« fragte er.
»Ja, aber nicht auf lange.«
»Nicht auf lange!« dachte er, während er nach ihrem Zimmer ging. »Warum sagt sie das erst? Warum schickt sie mich nicht einfach fort, wenn sie meiner überdrüssig ist?«
Er trat bei ihr ein und nahm ihr gegenüber Platz.
»Du sagtest – nicht auf lange: warum das?«
»Weil ich bald wegfahre, nach der Insel. Natalia wird dort sein, und Iwan Iwanowitsch, und Nikolaj Iwanowitsch . . .«
»Das ist der Priester?«
»Ja, er will dort fischen, und Iwan Iwanowitsch will auf Hasen jagen.«
»Ich möchte mitkommen.«
Sie schwieg.
»Oder soll ich nicht?«
»Kommen Sie lieber nicht, Sie würden unsern kleinen Kreis stören. Der Priester wird gleich anfangen, Gott weiß was für gelehrte Reden zu halten, und Natalia wird sich verlegen fühlen, und Iwan Iwanowitsch wird die ganze Zeit über schweigen.«
»Gut, ich komme also nicht,« sagte er, stützte sein Kinn auf die Hand und betrachtete sie. Sie saß eine Weile untätig da, dann nahm sie eine Mappe aus der Schublade des Schreibtisches, zog einen kleinen Schlüssel hervor, den sie an einer Schnur um den Hals trug, öffnete die Mappe und schickte sich an, zu schreiben.
»Du willst Briefe schrieben?«
»Ja, zwei kurze Briefe, ich muß Natalia Iwanownas Einladung beantworten. Der Kutscher wartet.«
Sie schrieb ein paar Worte und schloß den Brief.
»Hören Sie, Bruder – rufen Sie doch jemanden durchs Fenster herauf!«
Er erfüllte ihren Wunsch. Marina kam herauf und erhielt den Befehl, den Brief dem Kutscher Wassilij zu übergeben.
Dann legte Wjera die Hände in den Schoß.
»Und der zweite Brief?« fragte Raiski.
»Der hat noch Zeit.«
»Ah! Also ein Geheimnis!«
»Vielleicht . . .«
»Wie lange wirst du noch diese Geheimnisse vor mir haben, Wjera?«
»Habe ich welche? Dann werde ich sie wohl ewig haben.«
»Wenn du mich genauer kennen würdest, würdest du sie mir anvertrauen, soviel du ihrer auch hast . . .«
»Warum?«
»Es ist für mich Bedürfnis, sie zu kennen – ich liebe dich.«
»Es ist aber für mich nicht Bedürfnis, sie zu erzählen . . .«
»Aber das ist doch die einzige Möglichkeit, mich loszuwerden, wenn ich dir schon so unerträglich bin.«
»Sie haben Ihr Benehmen in letzter Zeit ein wenig geändert, und ich will Sie nun nicht mehr loswerden.«
»Du hast mir sogar gestattet, dich zu lieben . . .«
»Ich habe versucht, es Ihnen zu verbieten – und was ist dabei herausgekommen?«
»Und da hast du nun beschlossen, mich in Zukunft laufen zu lassen?«
»Ja, ich wollte Sie gewähren lassen – ich dachte, es wird so eher vergehen, als wenn ich irgendwie eingreife. Und das scheint nun auch zuzutreffen . . . Sie haben mich ja selbst darüber belehrt, daß Widerstand die Leidenschaft nur aufstachelt . . .«
»Ei, wie schlagfertig du bist!« sagte er und sah sie listig an.
»Und warum hast du mich denn zurückgehalten, als ich abreisen wollte?«
»Sie wären doch nicht abgereist; die Geschichte mit dem Reisekoffer hat mir alles gesagt.«
»Du meinst also, meine Leidenschaft sei verflogen?«
»Es war nie eine Leidenschaft da: alles nur Eitelkeit und Einbildung. Sie sind ein Künstler, sind gleich in jede Schöne verliebt . . .«
»Aber du bist die Schönste der Schönen, bist die verkörperte Schönheit! Du bist der Abgrund, in den ich willenlos hineinstürze, der Kopf schwindelt mir, das Herz wird mir beklommen – ich lechze nach dem Glück und, wenn es nicht anders ist: nach dem Untergang. Denn auch im Untergang liegt ein Glücksempfinden . . .«
»Das haben Sie alles schon einmal gesagt – und das ist nicht gut.«
»Warum nicht?«
»So – es ist nicht gut!«
»Ja – warum denn nicht?«
»Weil es übertrieben . . . mithin unwahr ist.«
»Wenn es aber doch wahr, wenn es aufrichtig ist?«
»Dann ist’s um so schlimmer.«
»Warum?«
»Weil es dann unsittlich ist.«
»Ei sieh doch, Wjera – nun redest du ja ganz so wie Tantchen!«
»Ja, diesmal bin ich mit ihr einer Meinung.«
»Unsittlich!«
»Ja, unsittlich – Sie wandeln auf den Wegen Don Juans, und der kann doch auf Sittlichkeit keinen Anspruch machen . . .«
»Nenne mich unsittlich, wenn ich es verdiene, Wjera, aber wirf keinen Stein auf das, was du nicht verstehst. Der echte, wahre Don Juan ist edel und rein; er ist ein humaner, fein empfindender Künstler, ein Typus, ein chef-d’oeuvre unter den Menschen. Es gibt natürlich nicht viele von diesem Typus. Ich bin überzeugt, daß auch an Byrons Don Juan ein Künstler verloren gegangen ist. Dieser Zug nach jeder sinnlich wahrnehmbaren Schönheit, vor allem nach der Schönheit des Weibes, als des edelsten Produkts der Natur, bekundet die höchsten menschlichen Instinkte und die Hinneigung zu jeder anderen, nicht sinnlich wahrnehmbaren Schönheit, zu den Idealen des Guten als der Schönheit der Seele, der Schönheit im Leben. Und endlich findet sich unter diesen edlen Instinkten bei fein empfindenden Seelen auch das Bedürfnis nach der großen, allumfassenden Liebe. In der Menge, im Schmutz, in der Enge des Lebens verkümmern und vergröbern sich diese feinen natürlichen Instinkte . . . In mir steckt ein wenig von diesem reinen Feuer, und wenn es nicht bis zuletzt rein blieb, so liegt das . . . an mancherlei Ursachen . . . auch an den Frauen selbst . . .«
»Vielleicht verstehe ich das Wesen des Don Juan nicht ganz, Bruder; ich will’s Ihnen einmal glauben, aber warum gaben Sie sich dieser Leidenschaft für mich so lebhaft hin, während Sie doch wissen, daß ich sie nicht teile?«
»Nein, das weiß ich nicht.«
»Ach, Sie hoffen noch immer?« sagte sie verwundert.
»Ich sagte dir, daß die Hoffnung in mir nicht sterben wird, solange ich nicht weiß, daß du nicht frei bist, daß du einen andern liebst . . .«
»Wohlan, Bruder – nehmen wir einmal an, ich könnte Ihre Leidenschaft teilen: was dann?«
»Dann wäre beiden Seiten das Glück gesichert.«
»Sind Sie so fest überzeugt, daß Sie es mit geben könnten?«
»Ich? O Gott, o Gott!« begann er mit flammenden Augen – »ich würde mein ganzes Leben hingeben, wir würden nach Italien fahren, du würdest meine Frau sein . . .«
Sie blickte ihn eine Zeitlang an.
»Wie oft haben Sie andern Frauen dieses Glück schon angeboten?« fragte sie.
»Gewiß, ich bin schon Frauen begegnet . . . aber einen so tiefen Eindruck habe ich noch nie empfangen . . .«
»Und wie oft haben Sie diese selben Worte schon gebraucht? Sicherlich doch jeder Frau gegenüber, der sie einmal begegnet sind?«
»Was sollen diese Fragen, Wjera? Wohl möglich, daß ich diese Worte schon so mancher gegenüber gebraucht habe, doch niemals habe ich sie so wahr und aufrichtig empfunden . . .«
Sie sahen einander prüfend und forschend an.
»Wer hat dich in der Schule gehabt, Wjera?« fragte er dann.
»Genug,« unterbrach sie ihn. »Sie haben sich in diesen wenigen Worten ganz offenbart. Sie würden mir für ein halbes, vielleicht auch für ein ganzes Jahr oder noch länger das Glück geben – bis zur nächsten Begegnung eben, bis eine Schönheit, die noch neuer und eindrucksvoller wäre, von Ihrer Seele Besitz nähme. Ich könnte dann meiner Wege gehen! Ist es nicht so – wie?«
»Woher weißt du das? Wie kommst du zu dieser Annahme? Warum urteilst du so rasch und leicht über mich? Woher hast du diese Gedanken, woher kennst du den Gang, den die Entwicklung einer Leidenschaft nimmt?«
»Ich weiß nichts von irgendeiner Entwicklung der Leidenschaft, ich weiß und kenne nur so einiges von Ihrem Wesen, das ist alles.«
»Was weißt du denn, und von wem weißt du es?«
»Von Ihnen selbst.«
»Von mir? Wann hätte ich dir etwas gesagt?«
»Wie kurz doch Ihr Gedächtnis ist! Haben Sie mir nicht selbst erzählt, welchen tiefen Eindruck die Schönheit der Bjelowodowa auf Sie gemacht hat, und wie sehr Sie sich, leider vergeblich, bemüht haben, in ihr den Strahl . . . oder den Keim . . . von irgend etwas zu wecken? Genau weiß ich Ihre Worte nicht mehr, jedenfalls aber war es sehr poetisch ausgedrückt.«
»Die Bjelowodowa! Das war eine Statue – schön, aber kalt, ohne Seele. Nur ein Pygmalion hätte sich in die verlieben können.«
»Und Natascha?«
»Natascha? Habe ich dir auch von Natascha etwas gesagt?«
»Das haben Sie also schon vergessen?«
»Natascha war eine edle, doch dabei farblose, schüchterne Natur. Sie lebte, solange die Strahlen der Sonne sie beschienen, solange das Feuer der Liebe sie erwärmte, beim ersten rauhen Hauch jedoch welkte sie hin und verging. Sie wurde geboren, um so bald wie möglich zu sterben.«
»Auch von Marsinka sprachen Sie – auch in die hätten Sie sich beinahe verliebt!«
»Das sind alles so leichte Eindrücke, die einen oder zwei Tage andauern . . . wie sie etwa auch ein schönes Bild auf mich ausübt . . . Ist es denn ein Verbrechen, den Reiz der Schönheit zu empfinden, so wie man die Wärme der Sonne empfindet? Sich auf eine oder einige Wochen einem Eindruck hinzugeben, ohne daß man ihn tiefer Wurzel schlagen läßt? . . .«
»Und den stärksten Eindruck taxieren Sie etwa auf ein halbes Jahr, nicht wahr?«
»Nein. Wenn du zum Beispiel meine Leidenschaft erwidern würdest, würde mein Eindruck sich zu einem dauernden gestalten, wir würden uns verheiraten . . . es wäre ein Bund fürs Leben. Das Ideal eines vollkommenen Glückes ist für mich nicht unvereinbar mit dem Ideal des Familienlebens . . .«
»Hören Sie, lieber Bruder: überlegen Sie einmal, welche Ihrer früheren Leidenschaften die stärkste war, und stellen Sie sich vor, daß die Frau, die diese Leidenschaft in Ihnen hervorrief, jetzt Ihre Gattin wäre . . .«
»Sag’ mir nur das eine: wer hat dich in der Schule gehabt? Du weichst immer wieder der Beantwortung dieser Frage aus. Wer war dein Lehrmeister?«
»Wer sonst als – Sie selbst? Ich habe alles das aus der Unterhaltung mit Ihnen geschöpft.«
»Du bist ein herrliches Geschöpf, Wjera – du bist entzückend! In deinem Verstande ruht ebensoviel Schönheit wie in deinen Augen! Du bist ganz Poesie und Grazie – du bist das edelste Gebilde der Natur! Du bist die verkörperte Idee der Schönheit, bist die Schönheit selbst – und da soll man nicht sterben vor Liebe zu dir? Bin ich vielleicht ein Stück Holz? Selbst Tuschin ist ganz hin. . .«
Sie machte eine unwillige Bewegung.
»Nun, lassen wir das! Du liebst mich nicht – noch kurze Zeit, und der Eindruck wird schwinden, ich werde abreisen, und du wirst nie mehr von mir hören. Reich’ mir die Hand, sag’ mir ganz kameradschaftlich – wer war dein Lehrmeister, Wjera? Wer ist dieser Kulturapostel? Ist es derselbe, der die Briefe auf dem blaßblauen Papier schreibt?«
»Vielleicht ist er’s. Verzeihen Sie, Bruder – Sie erinnern mich da zur rechten Zeit, daß ich noch einen Brief zu schreiben habe . . .«
»Das ist es nun, das Glück – so nahe ist’s und läßt sich doch nicht fassen!« sagte er.
»Sie können doch auch ohne mich noch glücklich werden, mit einer andern . . .«
»Mit wem? Sprich! Wo sind sie, diese Frauen?«
»Sie müssen sich eben an jene halten, die Ihr Herz auf einen Monat, auf ein halbes Jahr, auf ein Jahr vermieten – aber nicht an mich!« versetzte sie.
»Du glaubst mir nicht, und du verstehst mich nicht. Wer wird mir glauben, wer mich verstehen?«
Er versank in Nachdenken, während sie einen Briefbogen nahm, mit dem Bleistift ein paar Worte darauf schrieb und das Papier zusammenfaltete.
»Soll ich Marina rufen?« fragte er.
»Nein, es ist nicht nötig.«
Sie barg den Brief in ihrem Kleide an der Brust, nahm den Schirm, nickte ihm zu und ging.
Ohne jemandem im Hause ein Wort zu sagen, ging Raiski nach dem Mittagessen zur Wolga hinunter. Er wollte möglichst unbemerkt nach der Insel gelangen und suchte nach einer Stelle am Ufer, von der aus er bequem über den diesseitigen Arm des Stromes gelangen könnte. Eine Überfahrt war an dieser Stelle nicht vorhanden, und er spähte ringsum, ob er nicht in der Nähe einen Fischer erblickte. Er ging wohl eine halbe Werst am Ufer entlang und stieß endlich auf ein paar Knaben, die von einem alten, morschen, bis zur Hälfte mit Wasser gefüllten Kahn aus ihre Angeln ausgeworfen hatten. Für ein Zehnkopekenstück waren sie mit Freuden bereit, ihn hinüberzubringen, und eilten nach der Hütte ihres Vaters, um die Ruder zu holen.
»Wo sollen wir anlegen?« fragten sie.
»Ganz gleich – wo ihr wollt.«
»Dort kann man aussteigen,« sagte der eine und zeigte nach einer Stelle am Inselrand.
»Ja, da wird’s gehen – da hat auch der Herr mit der Dame vorhin angelegt . . .«
»Welcher Herr?«
»Wer soll ihn kennen! Irgendeiner von oben, aus der Stadt.«
Raiski stieg aus dem Boote und begann auszuschauen.
»Ob es wohl Wjera war?« dachte er.
»Wenn sie es war – dann würde er ihr Geheimnis bald erfahren . . . Sein Herz begann heftig zu schlagen. Ganz bedächtig und vorsichtig schritt er durch das Riedgras und scheute sich, selbst zu husten.
Plötzlich vernahm er ein Plätschern im Wasser, schob das Ried zur Seite und erblickte . . . Uliana Andrejewna.
Ganz durch das Gebüsch verdeckt, saß sie am Ufer. Die nackten Beine hingen ins Wasser hinab, und sie wusch ihr aufgelöstes Nixenhaar in den Fluten. Raiski ging weiter, bog um einen Vorsprung und sah – Mr. Charles, der, bis an den Hals im Wasser stehend, sich durch ein Bad erfrischte.
Raiski entfernte sich, ohne von Mr. Charles bemerkt worden zu sein. Er schritt zwischen den Heckenrosen weiter, nach den kleinen Seen zu, an denen er die Gesellschaft, von der Wjera gesprochen, vermutete. Alsbald vernahm er Schritte in der Nähe und versteckte sich. Mark war es, der an ihm vorüberging.
Raiski rief ihn an.
»Ah, willkommen! Wie geht’s?« sagte Wolochow. »Vor wem verstecken Sie sich denn?«
»Ich verstecke mich nicht – ich hätte Sie doch sonst nicht angerufen!«
»Ich sage nicht, daß Sie sich vor mir verstecken – aber vielleicht vor sonst jemandem. Sagen Sie’s doch offen – Sie suchen Ihre schöne Kusine, nicht wahr? Das ist aber nicht anständig: Sie haben Ihre Wette verloren und wollen nicht zahlen . . .«
»Woher wissen Sie denn, daß sie hier ist?«
»Ich habe eben am See auf Enten gejagt – und da sah ich die Herrschaften alle beieinander. Der Pope ist da, und Tuschin, und die Frau des Popen, und . . . Ihre Wjera,« sagte er zum Schluß mit Ironie. »Gehen Sie nur hin, rasch!«
»Ich will nicht, ich gehe nicht dahin.«
»Genieren Sie sich vor mir durchaus nicht – ich sehe ja, wie die Dinge liegen. Sie wollten von weitem einen schüchternen Blick auf sie werfen – nicht wahr? Sie langweilen sich, das Haus kommt Ihnen so verlassen vor, wenn sie nicht da ist . . .«
»Unsinn! Ich wollte einfach einen kleinen Ausflug machen . . .«
»Rücken Sie heraus mit den dreihundert Rubeln!«
Raiski begab sich wieder nach dem Anlegeplatz, an dem die Knaben ihn mit dem Boote erwarteten. Mark schritt hinter ihm her. Sie kamen an der Stelle vorüber, wo Mr. Charles gebadet hatte. Raiski wollte schweigend vorübergehen, doch da kam ihm aus dem Gebüsch schon der Franzose entgegen, während von der andern Seite auf einem schmalen Fußweg Uliana Andrejewna mit aufgelöstem, nassem Haar sich nahte.
Sie wollten sich rasch verstecken, doch Mark rief ihnen zu: »Charmé de vous voir tous les deux! Habe die Ehre, mich zu rekommandieren!«
Mr. Charles kam aus dem Gebüsch heraus.
»Mr. Raiski – Mr. Charles!« stellte Mark mit spöttischer Miene die beiden vor.
»Uliana Andrejewna – bitte, treten Sie doch näher, verstecken Sie sich nicht! Es sind ja lauter Bekannte, Sie brauchen keine Angst zu haben.«
»Wer hat denn Angst?« sagte sie, während sie zögernd vortrat und Raiskis Blick zu vermeiden suchte.
»Wie naß Sie beide sind!« versetzte Wolochow.
»Der widerwärtigste Mensch auf der Welt!« flüsterte Uliana Andrejewna Raiski zu, während sie Mark einen haßerfüllten Blick zuwarf.