Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 49
»Na, leben Sie wohl, ich muß gehen,« sagte Mark. »Was macht denn Freund Koslow? Warum haben Sie ihn nicht mitgenommen? Er hätte Sie beide überhört – und Ihr Bad hätten Sie auch in seiner Gegenwart nehmen können, er sieht ja doch nichts. Er hätte Ihnen hier am Ufer, unter diesem Baume, etwas aus Homer vordeklamiert,« schloß er seine Rede, warf Uliana Andrejewna und Mr. Charles einen unverschämten Blick zu und ging davon.
»Il faut que je donne une bonne lecon á ce mauvais drôle!« prahlte Mr. Charles, als Mark aus dem Gesichtskreise entschwunden war.
Dann traten alle drei den Heimweg an.
»Ich danke dir recht herzlich,« sagte Koslow zu Raiski, »daß du meiner Frau bei dem kleinen Ausfluge Gesellschaft geleistet hast . . .«
»Diesmal gebührt dein Dank Mr. Charles,« sagte Raiski.
»Merci, merci, Mr. Charles!«
»Bien, trés bien, cher collégue!« antwortete Charles und klopfte Leontij auf die Schulter.
Zwanzigstes Kapitel
Raiski kam in verärgerter Stimmung nach Hause. Er aß nicht zum Abend, scherzte nicht mit Marsinka, neckte die Großtante nicht und begab sich sehr bald in sein Zimmer. Auch tags darauf noch war er mürrisch und unzufrieden.
Das Wetter war noch unfreundlicher geworden. Ein durchdringender, feiner Regen ging unaufhörlich nieder. Der Himmel war bedeckt – nicht mit Wolken, sondern mit einer Art Dunst. Über der ganzen Gegend lag ein Nebel. Auch Wjera war nicht bei Laune. Sie war in ein großes Tuch gehüllt, und auf die Frage der Großtante, was ihr fehle, antwortete sie, sie habe in der Nacht einen Schüttelfrost gehabt.
Es folgte nun eine Flut von Fragen, von Vorwürfen, warum sie niemanden geweckt habe, und von Ratschlägen – sofort sollte sie eine Tasse Lindenblütentee trinken und sich ein Senfpflaster auflegen lassen. Wjera weigerte sich jedoch ganz entschieden, eins dieser Mittel anzuwenden, und sagte, sie fühle sich jetzt vollkommen wohl.
Alle drei saßen schweigend da und gähnten; nur ab und zu warf eins wie von ungefähr eine Frage hin, auf die eine lässige Antwort erfolgte.
»Sie sind auch auf der Insel gewesen?« sagte Wjera, zu Raiski gewandt.
»Ja – woher weißt du es?«
»Ich hörte vorhin, wie Jegor darüber klagte, daß Ihre Kleider ganz voll Lehm und Schlamm seien, er habe sie kaum sauber bekommen. ›Er muß wohl auf der Insel gewesen sein,‹ meinte er.«
»Du hörst auch alles!« versetzte er. »Ich war nicht allein dort; auch Mark war da, und Koslows Frau.«
»Eine schöne Gesellschaft hast du dir da ausgesucht!« sagte die Großtante. »Sonst ist doch Mr. Charles immer ihr Begleiter!«
»Auch er war da.«
Sie schwiegen wieder und wollten sich bereits trennen, als plötzlich Marsinka erschien.
»Ach, Tantchen, welche Angst habe ich ausgestanden! Ich hatte einen so schrecklichen Traum,« sagte sie, bevor sie die Großtante noch begrüßt hatte. »Daß ich ihn nur nicht vergesse!«
»Erzähl’, rasch, rasch!« sagte Raiski. »Wir wollen uns mal unsere Träume erzählen! Auch ich habe etwas ganz Merkwürdiges geträumt. Fang du an, Marsinka! Was soll man bei diesem abscheulichen Wetter sonst beginnen? Laßt uns wenigstens Märchen erzählen!«
»Gleich, gleich, warten wir noch ein Weilchen – in fünf Minuten ist auch Nikolaj Andreitsch da, dann erzähl’ ich.«
»Schon in fünf Minuten?« sagte die Großtante. »Woher weißt du denn das? Und wenn er nun noch schläft?«
»Nein, er wird kommen, ich hab’s ihm befohlen!« versetzte Marsinka kokett. »Heute wird ein kleines Mädchen im Dorfe getauft, beim Bauer Foma – ich habe versprochen, es über die Taufe zu halten, und er wird mich begleiten . . .«
»Für die Taufe im Dorfe hast du also dein neues Barégekleid angezogen, und noch dazu bei solchem Regenwetter! Wer wird dich denn so ausgehen lassen? Zieh es aus, meine Liebe!«
»Ich ziehe es gleich wieder aus, Tantchen, ich habe es nur zur Probe angezogen.«
»Du hast es doch neulich schon anprobiert!«
»Lassen Sie doch, Tantchen, sie will sich ihrem Bräutigam in dem neuen Kleide zeigen.«
Marsinka errötete.
»Nein, ihr seid wirklich . . . ich dachte gar nicht daran!« sagte sie, ärgerlich darüber, daß man ihre Absicht erraten hatte. »Ich geh’ sofort und ziehe es aus . . .«
Raiski hielt sie bei der Hand fest; sie riß sich los und stürzte nach der Tür, kaum aber hatte sie diese geöffnet, als Wikentjew ihr entgegentrat und, die Arme weit ausbreitend, sie zurückhielt.
»Kommen Sie rasch – warum haben Sie sich verspätet?« sagte sie, ganz rot vor Freude, und wehrte ihn ab, als er durchaus ihr die Hand küssen wollte.
»Was für eine abscheuliche Gewohnheit ist das, immer die Handfläche küssen zu wollen?« sagte sie, ihm die Hand entziehend. »Den ganzen Arm renken Sie einem dabei aus!«
»Ja, sehen Sie – Ihr Händchen ist da drinnen so warm und so duftig . . . gestatten Sie . . .«
»Gehen Sie! Sie haben Tantchen noch nicht begrüßt!«
Er küßte der Großtante die Hand und machte dann Raiski und Wjera eine komische Verbeugung.
»Erzählen Sie mal, was Sie heute geträumt haben!« sagte Raiski zu ihm. »Rasch, rasch!«
»Nein, zuerst will ich erzählen!« fiel Marsinka ihm ins Wort.
»Ach, nein – ich hatte einen so schönen Traum!« sagte Wikentjew. »Ich träumte, ich sei . . .«
»Nein, lassen Sie mich zuerst meinen Traum erzählen,« sagte Marsinka.
»Erlauben Sie, Marfa Wassiljewna – ich vergesse sonst den ganzen Traum!« rief er dazwischen. »Bei Gott – ich hatte ihn beinahe schon vergessen! Ich träumte also. . .«
Sie hielt ihm den Mund mit der Hand zu.
»Immer der Reihe nach, immer der Reihe nach!« kommandierte Raiski. »Marsinka hat das Wort. Legen Sie los, Marfa Wassiljewna!«
»Ich träumte also, ich sei die Großtante . . . Hör’ zu, Wjerotschka, was für ein merkwürdiger Traum! So hören Sie endlich, Nikolaj Andrejewitsch, sitzen Sie endlich still! . . . Draußen war es dunkel, und der Mond schien so hell, und die Blumen dufteten, die Vögel sangen . . .«
»Wie – in der Nacht?« sagte Wikentjew.
»Die Nachtigallen singen doch immer in der Nacht!« bemerkte die Großtante und warf beiden einen Blick zu. Marsinka errötete.
»Jetzt habt ihr mich aus dem Text gebracht – ich erzähle nicht weiter!«
»Nein, nein, erzähl’! Erzählen Sie!« riefen alle durcheinander; nur Wjera schwieg.
»Nun, also die Vögel . . .«
»Die Vögel singen nicht in der Nacht . . .«
»Schon wieder stören Sie mich, Nikolaj Andreitsch! Ich breche sofort ab – hören Sie? Übrigens, Tantchen, denken Sie sich – er schnarcht, wenn er schläft!« rief sie lebhaft und zeigte auf Wikentjew.
»Woher weißt du denn das?«
»Marina hat es mir gesagt – und die weiß es von Semjon . . .«
»Das kommt von den Skropheln – er muß Baldriantee trinken,« bemerkte Tatjana Markowna.
»Ich fürchte mich vor Leuten, die schnarchen. Hätt’ ich das früher gewußt, dann . . .«
Sie hielt plötzlich inne.
»Warum sprichst du es nicht aus?« fragte Raiski. »Wir können ja die Verlobung aufheben. Wenn er dich in der Nacht am Schlafen hindert – das ist ein Grund . . .«
Marsinka wurde so rot wie eine Kirsche und wollte aus dem Zimmer stürzen.
»Nicht doch, Borjuschka!« sagte die Großtante. »Du siehst doch, sie schämt sich ohnedies schon, daß sie etwas Törichtes gesagt hat.«
Wikentjew lief hinter Marsinka her und brachte sie ins Zimmer zurück.
»Ich werde mir für die Nacht die Nase immer mit Watte verstopfen, Marfa Wassiljewna,« sagte er.
Marsinka war beruhigt und begann ihren Traum zu erzählen.
»Ich träumte also, ich sei ganz leise in das Haus des Grafen geschlichen,« begann sie, »gleich in die Galerie, wo die Statuen stehen. Ich trat ein und versteckte mich, und ich sah, wie der Mond sie alle beleuchtete, während ich ganz im Dunkeln in einer Ecke stand. Mich konnte man nicht sehen, ich aber sah sie alle. Ohne zu atmen, stand ich da und betrachtete sie. Alle sah ich mir an – den Herkules mit der Keule, und die Diana, und die Venus, und auch die mit der Eule, die Minerva . . . Und dann den alten Mann, den die Schlangen umwinden . . . wie heißt er doch?. . . . Da, mit einemmal« – sie machte ein erschrockenes Gesicht und sah sich nach allen Seiten um – »noch jetzt ist mir ganz ängstlich zumute, so lebhaft träumte ich . . .«
»Nun, also – mit einemmal?. . .« fragte die Großtante.
»Ach, es war so schrecklich, Tantchen! Mit einemmal war es mir, als ob die Statuen sich bewegten. Zuerst wandte die eine ganz, ganz langsam den Kopf zur Seite und sah nach einer andern, und auch die wurde ganz langsam lebendig und reichte jener langsam die Hand – es war die Diana, und die andere war die Minerva. Dann erhob sich langsam die Venus, und ohne auszuschreiten . . . wie schrecklich! . . . schwebte sie einer Toten gleich auf den im Helm zu, auf den Mars . . . Und dann krochen und ringelten sich die Schlangen wie lebendig um den alten Mann herum, und er beugte den Kopf zurück, und über sein Gesicht ging ein krampfhaftes Zucken, als wenn er lebte, und ich dachte, er würde jeden Augenblick aufschreien. Und auch die andern schwebten alle aufeinander zu, und einige traten ans Fenster und sahen auf den Mond . . . Dabei hatten sie alle ganz steinerne Augen, ohne Pupillen . . . Ach!«
Ein Schauer überlief sie.
»Das ist ja ein sehr poetischer Traum – den will ich niederschreiben!« sagte Raiski.
»Kinder liefen dahin und dorthin,« fuhr Marsinka fort, »und immer so ganz leise, ohne auszuschreiten . . . Die Statuen schienen miteinander zu beraten, sie neigten ihre Köpfe vor und flüsterten . . . Die Nymphen faßten sich bei den Händen, blickten auf den Mond und begannen einen Reigen zu tanzen . . . Ich zitterte am ganzen Körper, an allen Gliedern vor Angst . . . Die Eule schlug mit den Flügeln und putzte sich mit dem Schnabel die Federn auf der Brust . . . Mars umarmte die Venus, sie legte ihren Kopf an seine Schulter, und so standen sie da, während alle anderen umhergingen oder in Gruppen dasaßen. Nur Herkules bewegte sich nicht. Plötzlich aber hob auch er den Kopf auf, richtete sich dann langsam auf, und schwebte von seinem Platze fort. So mächtig groß war er, bis an die Decke. Er ließ seine Augen über alle hinschweifen, dann blickte er in meine Ecke . . . und plötzlich schüttelte er sich, streckte sich in seiner ganzen Größe und hob die Hand empor . . . Alle sahen auf einmal dahin, wo ich stand, sahen auf mich – einen Augenblick blieben sie ganz starr, und dann stürzten sie dicht geschart gerade auf mich los . . .«
»Nun, und Sie, Marfa Wassiljewna?« fragte Wikentjew.
»Ich schrie ganz entsetzt auf. . .«
»Und dann?«
»Und dann erwachte ich – und lag wohl eine halbe Stunde zitternd da und wollte Fedoßja rufen, doch hatte ich Angst, mich auch nur zu rühren, und lag schlaflos da, bis zum Morgen. Es hatte schon sieben geschlagen, als ich wieder einschlief.«
»Ein ganz köstlicher Traum, Marsinka!« sagte Raiski. »So poetisch, so voll Grazie! Hast du nichts hinzugefügt?«
»Ach, Bruder, wie sollte ich mir so etwas ausdenken? Ich sehe alles noch so deutlich vor mir, daß ich es zeichnen könnte, wenn ich das Zeug dazu hätte . . .«
»Du mußt Mohrrübensaft trinken,« meinte die Großtante, »das reinigt das Blut.«
»Nun, jetzt gestatten Sie mir, meinen Traum zu erzählen,« begann Wikentjew hastig. »Ich träumte, ich ging über den Berg, nach der Kathedrale, und plötzlich kommt mir Nil Andreitsch entgegen, auf allen Vieren, splitternackt . . .«
»Hör’ auf, du – was fällt dir ein? In Gegenwart deiner Braut . . .« fiel Tatjana Markowna ihm ins Wort.
»Bei Gott, es ist wahr . . .«
»Das schickt sich nicht, ist nicht passend . . .«
»Immer erzählen Sie, erzählen Sie!« ermutigte ihn Raiski.
»Und auf seinem Rücken ritt Paulina Karpowna, gleichfalls . . .«
»Wirst du wohl den Mund halten?« sagte Tatjana Markowna, während sie sich vor Lachen kaum halten konnte.
»Ich bin gleich fertig. Hinterher ging Mark Iwanowitsch mit einem Knüppel in der Faust und trieb ihn an, und voraus schritt Openkin, mit einer Kerze in der Hand, und ein Musikchor . . .«
Alles schüttelte sich vor Lachen.
»Das hat er sich alles ausgedacht, Tantchen, jetzt eben, in diesem Augenblick – glauben Sie ihm nicht!« sagte Marsinka.
»Bei Gott, es ist wahr! Und alle stürzten sich plötzlich, als sie mich erblickten, wütend auf mich, ganz so wie Ihre Statuen, und ich riß aus und schrie und schrie. Semjon kam sogar herein und weckte mich. Bei Gott, es ist wahr, fragen Sie Semjon . . .«
»Na, dir, mein Lieber, will ich für die Nacht Rhabarber eingeben, oder Fastenöl mit Schwefel. Du hast jedenfalls die Würmer. Und natürlich darfst du kein Abendbrot essen.«
»Ja, das ist ganz recht – ich werde Sie daran erinnern, Tantchen,« sagte Marsinka.
»Nun, Wjera – jetzt erzähl’ du deinen Traum – du bist an der Reihe!« wandte sich Raiski an Wjera.
»Was habe ich eigentlich geträumt?« sagte sie, sich besinnend. »Ja: ich sah, wie es blitzte, und der Donner rollte so laut, und es schien, als schlage es immer an einer Stelle ein . . .«
»Wie schrecklich!« sagte Marsinka, »ich hätte laut aufgeschrien.«
»Ich stand irgendwo am Ufer,« fuhr Wjera fort, »am Meere, und vor mir lag eine Brücke, die ins Meer hineinging. Ich lief auf der Brücke hin und kam bis in die Mitte – da sehe ich, daß die andere Hälfte weg ist, der Sturm hatte sie zerstört . . .«
»Ist das alles?« fragte Raiski.
»Ja.«
»Auch dieser Traum ist schön, auch er enthält Poesie!«
»Ich träume gewöhnlich nicht, oder ich vergesse, was ich träume,« sagte sie, »heute aber hatte ich Fieber – da haben Sie die Poesie!«
»Du darfst damit nicht scherzen,« meinte die Tante, »hoffentlich kommt das Fieber nicht wieder.«
»Und jetzt erzählen Sie, Bruder, was Sie geträumt haben!« sagte Marsinka zu Raiski.
»Denk dir – ich bin die ganze Nacht geflogen!«
»Wieso denn geflogen?«
»So: ich hatte Flügel bekommen.«
»Das träumt man immer, wenn man wächst,« sagte die Großtante. »Darüber bist du doch eigentlich schon hinaus. . .«
»Zuerst versuchte ich im Zimmer zu fliegen,« fuhr er fort, »es ging ganz famos! Ihr saßet alle im Saal, auf Stühlen, und ich flog wie eine Fliege, bis an die Decke. Ihr schriet alle auf mich los, und Tantchen schrie am lautesten. Sie befahl Jakow, mich mit dem Besenstiel herunterzuholen, aber ich stieß mit dem Kopfe das Fenster ein, flog hinaus und erhob mich hoch über den Hain . . . Wie köstlich war das, was für ein neues, wunderbares Gefühl! Das Herz schlug mir in der Brust, das Blut schien in den Adern zu stocken, die Augen blickten so weit! Ich schwebte abwechselnd höher hinauf oder tiefer hinab, und als ich einmal ganz hoch oben war, sah ich plötzlich, wie hinter einem Gebüsch hervor Mark mit seiner Büchse auf mich zielte . . .«
»Dieser Mensch erscheint doch allen im Traume – das reine Schreckgespenst!« sagte Tatjana Markowna.
»Ich sah ihn gestern mit seiner Büchse auf der Insel, und da träumte ich von ihm. Ich schrie, wie ich ihn da unten auf mich zielen sah, aus vollem Halse auf ihn los, doch er schien mich nicht zu hören und fuhr fort zu zielen . . . und schließlich . . .«
»Ach, wie interessant, Bruder – und schließlich?«
»Schließlich erwachte ich!«
»Ist das alles? Ach, wie schade!« sagte Marsinka.
»Du wolltest wohl, daß er mich erschießen soll?«
»So rede doch nicht – der ist imstande, es am lichten Tage zu tun,« murmelte die Großtante. »Hat er dir denn schon die achtzig Rubel zurückgegeben?«
»Nein, Tantchen, ich habe sie auch nicht von ihm zurückgefordert.«
»Ihr betet alle nicht andächtig genug, wenn ihr euch schlafen legt,« sagte die Großtante, »darum träumt ihr so törichtes Zeug! Ich sehe schon, ich muß euch allen Glaubersalz eingeben, damit euch solcher Unsinn nicht erst in den Kopf kommt.«
»Und was haben Sie geträumt, Tantchen? Erzählen Sie einmal, Sie sind an der Reihe,« wandte sich Raiski an sie.
»Ich soll doch hier nicht auch solches Zeug zum besten geben?«
»Doch, doch – erzählen Sie, Tantchen!« drängte Marsinka.
»Darf ich vielleicht erzählen, Tantchen, was Sie geträumt haben?« schlug Wikentjew vor.
»Wie kannst du denn wissen, was ich geträumt habe?«
»Ich errate es eben.«
»Nun, dann rate einmal darauf los!«
»Sie haben geträumt,« begann er, »daß die Bauern alles Getreide auf den Markt gebracht und verkauft und das Geld vertrunken haben . . . Das war Ihr erster Traum . . .«
Alles lachte.
»Du bist ein Meister im Erraten!« sagte die Großtante.
»Dann haben Sie geträumt, daß Jakow, Jegor, Prochor und Motka betrunken auf den Heuboden krochen, ihre Pfeifen anrauchten und den Hof angezündet haben . . .«
»Daß du dich in die Zunge beißt – solch ein Schwätzer! Komm her, ich will dich bei den Ohren nehmen!«
»Drittens haben Sie geträumt, daß die Dienstmägde eines schönen Abends alles Eingemachte und alle Äpfel aufgegessen und sämtliche Zucker- und Kaffeevorräte weggeschleppt haben.«
Wiederum erfolgte eine Lachsalve.
»Weiter: daß Sawelij Marina alle Knochen im Leibe entzweigeschlagen hat . . .«
»Halt ein, sag’ ich dir! . . .« rief Tatjana Markowna aufgebracht dazwischen.
»Und endlich träumten Sie,« schloß er so hastig, daß ihm förmlich Schaum vor den Mund trat, »daß die Kreisbehörde den Befehl erließ, die Dorfstraße zu pflastern und mit Trottoirs zu versehen, und daß Ihnen eine Kompanie Soldaten als Einquartierung auf den Hof gelegt wurde . . .!«
»Wart’, Junge, dich will ich, dich will ich – da, da, da,« rief die Großtante, von ihrem Platze aufstehend und Wikentjew beim Ohr nehmend. »Solchen Unsinn zu reden – und das will ein Bräutigam sein!«
»Ganz ausgezeichnet hat er Sie abgemalt!« sagte Raiski aufmunternd. Marsinka lachte, daß ihr die Tränen in die Augen traten, und selbst Wjera lächelte. Die Großtante setzte sich wieder.
»Wie ihr nur auf all das dumme Zeug kommt!« sagte sie.
»Haben Sie überhaupt Träume, Tantchen?« sagte Raiski.
»Gewiß – doch nicht so unsinnige und so törichte wie ihr alle!«
»Nun, was haben Sie zum Beispiel heute geträumt?«
Die Großtante begann nachzusinnen.
»Ich träumte . . . wartet einmal . . . ja: ich träumte von einem Felde, und darauf lag . . . Schnee.«
»Und weiter was?« fragte Raiski.
»Und auf dem Schnee lag ein Holzspänchen . . .«
»Ist das alles?«
»Was wollt ihr noch mehr? Da braucht man, Gott sei Dank, wenigstens nicht zu schreien und zu fliegen!«
Einundzwanzigstes Kapitel
Den ganzen Tag saßen alle wie die nassen Hühner zusammen, trennten sich am Abend zeitiger als sonst und gingen zu Bett. Um zehn Uhr abends war alles still geworden. Der Regen hatte inzwischen aufgehört. Raiski zog seinen Paletot an und ging hinaus, um einen kleinen Rundgang um das Haus zu machen. Das Hoftor war verschlossen, auf der Straße lag der Schmutz so hoch, daß nicht durchzukommen war, und so begab er sich in den Garten.
Es war still, die Bäume und Sträucher rauschten nur ganz leise, und es tropfte von ihnen. Raiski durchschritt mehrmals den Garten und stieg dann über den Zaun des Küchengartens, um einen Blick über die Wolga aufs Feld zu werfen.
Es war völlig dunkel. Am Horizont hatten sich die abziehenden Wolken zusammengeballt, und nur ganz hoch über seinem Kopfe flimmerten da und dort schwach die Sterne. Er lauschte in diese Stille hinein und schaute in das Dunkel, ohne etwas zu hören oder zu sehen.
Zur Rechten wogte der Nebel, nach links hinüber lag, wie ein schwarzer Fleck, das Dorf, und weiterhin dehnten sich als gleichförmige Masse die Felder. Er atmete zweimal ganz tief die feuchte Luft ein und nieste.
Plötzlich hörte er, wie in dem alten Hause ein Fenster sich öffnete. Er blickte hinauf, doch es war keins der nach dem Garten gehenden Fenster, das geöffnet wurde, sondern eins, das auf das Feld hinaus lag. Er eilte nach der Akazienlaube, sprang dort über den Zaun und trat in eine Pfütze, in der er, ohne sich zu rühren, stehen blieb.
»Sind Sie es?« fragte eine flüsternde Stimme aus einem Fenster des unteren Stockwerks. Es konnte nur Wjera sein, da außer ihr niemand in dem alten Hause wohnte. Raiski fühlte, wie seine Knie bebten – in kaum vernehmbarem Flüstertone antwortete er: »Ja.«
»Ich konnte heute nicht kommen – es regnete den ganzen Tag; kommen Sie morgen früh um zehn Uhr nach derselben Stelle . . . Gehen Sie rasch fort, es kommt jemand!«
Das Fenster wurde leise geschlossen. Raiski stand immer noch unbeweglich.
»Nach derselben Stelle,« wiederholte er im stillen, und es war ihm, als krampfe sein Herz sich zusammen. »Wer ist er? Und wohin soll er kommen?« ging’s ihm durch den Kopf, und er schalt im stillen den Herannahenden, dessen Schritte Wjera verscheucht hatten. »Mein Gott – also ist’s doch wahr: sie hat ihr Geheimnis!« Und er hatte noch immer nicht daran glauben wollen! »Der Brief auf dem blaßblauen Papier – er ist kein Traum! Sie gibt ihm ein Stelldichein! Da ist sie, die geheimnisvolle Nacht! Und mir predigt sie Moral!«
Er ging den Schritten entgegen.
»Wer ist da?« rief ganz laut eine Stimme, während der Herannahende gleichzeitig mit aller Kraft gegen ein Brett schlug.
»Scher dich zum Teufel!« sagte Raiski ärgerlich und stieß Ssawelij – denn dieser war es, der auf ihn zugeschritten kam – heftig zur Seite. »Seit wann bewachst du denn das Haus?«
»Die Gnädige hat’s befohlen,« antwortete Ssawelij. »Es gibt hier am Ort allerhand Spitzbubenvolk . . . entflohene Sträflinge . . . auch die Flößer vom Strome treiben ihren Schabernack . . .«
»Lüge doch nicht!« versetzte Raiski unwillig, »du lauerst wieder nur deiner Marina auf – das ist . . .« – »unrecht von dir,« – hatte er sagen wollen, doch sprach er den Satz nicht zu Ende, machte Kehrt und ging fort.
»Darf ich wohl ein Wort über Marina sagen?« sprach Sawelij hinter ihm her.
»Nun?«
»Könnte sie nicht auf die Polizei gebracht werden?«
»Du bist wohl nicht recht gescheit?« sagte Raiski und ging weiter. Doch Ssawelij ließ nicht von ihm ab.
»Tun Sie mir doch um Gottes willen die Gnade an – schicken Sie sie wenigstens nach Sibirien!« sagte er.
Raiski war ganz in das neue Problem vertieft, vor das Wjeras Gespräch aus dem Fenster ihn gestellt hatte, und er ging weiter.
»Oder vielleicht könnte sie ins Arbeitshaus kommen – auf Lebenszeit . . .« bat Ssawelij, immer hinter ihm herschreitend.
»Wofür denn?« fragte plötzlich Raiski und blieb stehen.
»Na, sie hat doch wieder . . . mit einem Briefträger angebändelt . . . Lassen Sie sie wenigstens auspeitschen . . .«
»Dich werde ich auspeitschen lassen,« sagte Raiski, »damit du sie nicht wieder schlägst . . .«
»Wie Sie wollen!«
»Und damit du nicht ewig hinter ihr herspionierst. Das ist . . . gemein . . .« murmelte er durch die Zähne und blickte nach Wjeras Fenster.
Er entfernte sich, während Ssawelij wie toll auf das Brett losschlug.
Raiski schlief fast die ganze Nacht nicht und erschien am nächsten Morgen mit geröteten, heißen Augen im Kabinett der Tante. Der Tag war hell und klar. Alle waren zum Tee erschienen. Wjera begrüßte ihn munter. Er drückte ihr fieberhaft die Hand und sah ihr forschend in die Augen.
Sie war ganz ruhig und heiter, als ob gar nichts wäre.
»Wie kokett du heute angezogen bist!« sagte er.
»Sie finden diese einfache helle Bluse kokett?«
»Und die hochrote Haarschleife, und die Frisur mit der langen, achtlos über die Schulter geworfenen Haarsträhne, und der Gürtel mit der schönen Schleife, die Stiefeletten mit dem rotseidenen Besatz! Du hast einen ganz erlesenen Geschmack, Wjera, ich bin entzückt.«
»Freut mich, daß ich Ihnen gefalle; aber Sie äußern Ihr Entzücken auf so sonderbare Weise. Warum das, sagen Sie?«
»Ich will es dir sagen – wollen wir einen Spaziergang machen?«
»Wann?«
»Um zehn Uhr.«
Sie warf ihm einen raschen, forschenden Blick zu. Er bemerkte diesen Blick.
»Es war verkehrt, daß ich das so bestimmt sagte – um zehn Uhr,« dachte er, »ich hätte sagen sollen: so gegen zehn Uhr . . . Sie hat alles erraten . . .«
»Gut, gehen wir!« willigte sie ein, nachdem sie ein Weilchen überlegt hatte. »Es ist jetzt noch zu früh, noch nicht zehn Uhr.«
Sie setzte sich schweigend und seinen Blicken ausweichend in eine Ecke und antwortete nicht auf seine Fragen. Kurz vor zehn Uhr nahm sie ihr Arbeitskörbchen und ihren Sonnenschirm und machte ihm ein Zeichen, er solle ihr folgen.
Sie gingen wortlos in der Allee daher, die vom Hause wegführte, lenkten dann in eine zweite Allee ein, durchschritten den Park und machten endlich am Rande der Schlucht Halt. Dort war eine Bank, auf die sie sich setzten.
»Wjera!« begann er, seine Erregung kaum bemeisternd – »es scheint, daß mir der Zufall einen Teil deines Geheimnisses enthüllt hat . . .«
»Ja, es scheint in der Tat so,« sagte sie kühl. »Sie haben gestern meine Worte gehört . . .«
»Ganz zufällig, ich gebe dir mein Ehrenwort . . .«
»Ich glaube es Ihnen,« unterbrach sie ihn und warf ihm einen flüchtigen Blick zu. »Nun, was weiter?«
»Nichts . . . Ich weiß jetzt: du liebst einen andern. Meine Zweifel sind geschwunden . . . Aber wer ist’s?«
»Ich sage es nicht, fragen Sie nicht!« sagte sie trocken. Sie seufzte.
»Ich weiß selbst, daß meine Frage töricht ist – und doch möchte ich es wissen . . . Ach, Wjera, Wjera – wer könnte dir wohl mehr Glück geben als ich? Warum glaubst du ihm und nicht mir? Du hast so kalt, so streng über mich geurteilt – und wer sagt dir, daß der, den du liebst, dir ein dauerhaftes Glück geben, dich für länger als ein halbes Jahr glücklich machen wird? Warum glaubst du ihm?«
»Weil ich ihn liebe.«
»Du liebst ihn!« sagte er in schmerzlichem Tone. »Mein Gott, dieser Glückliche! Und womit wird er dir dieses große Glück vergelten, das du ihm schenkt? Du liebst, meine Freundin – sei auf der Hut und prüfe, ob du ihm auch wirklich vertrauen kannst . . .«
»Vorläufig vertraue ich noch mir selbst . . .«
»Wer ist es, den du liebst?«
»Wer es ist? . . .« sagte sie und sah ihn mit ihrem farblosen, rätselhaften Nixenblick durchdringend an. »Nun – Sie sind es!« . . .
Der Atem stockte ihm.
In diesem Augenblick fiel unten in der Schlucht ein Schuß.
Sie stand rasch von der Bank auf.
»Was ist das – ist . . . er es?« fragte Raiski mit verzerrtem Gesicht.
»Ich muß gehen – es ist zehn Uhr,« sagte sie, von sichtlicher Unruhe ergriffen, während sie Raiskis Blick zu vermeiden suchte.
Sie ging weiter nach der Schlucht zu, und er machte Miene, ihr zu folgen. Sie bedeutete ihm durch eine Handbewegung, daß er zurückbleiben solle.
»Was hat dieser Schuß zu bedeuten?« fragte er mit dem Ausdruck des Schreckens.
»Er ruft mich. . .«
»Wer?«
»Der Schreiber des blauen Briefes . . . Bleiben Sie – nicht einen Schritt weiter!« sagte sie nachdrucksvoll flüsternd – »wenn Sie nicht wollen, daß ich . . .«
»Wjera!«
»Nicht einen Schritt – niemals!« wiederholte sie, den Abhang hinunterschreitend – »oder ich verlasse dieses Haus für immer!«
Sie entschwand im Gebüsch.
»Wjera, Wjera! Sei auf der Hut!« rief er verzweifelt hinter ihr her und lauschte in das Dickicht hinein.
Er hörte nur, wie zwei- oder dreimal das trockene Geäst unter ihrem raschen Schritte knackte, dann wurde es still.
»Mein Gott!« rief er voll Neid und Verzweiflung – »wer ist er, wer ist dieser Glückliche? . . . ›Ich liebe Sie!‹ sagte sie. Mich! Wie, wenn es doch der Fall wäre? . . . Aber der Schuß?« flüsterte er entsetzt. »Und der Schreiber des blaßblauen Briefes?! Welch ein Geheimnis! Wer ist er? . .«