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Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 51

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»Ja, Mark, es wird wohl das beste sein!« versetzte sie düster. »Wir können miteinander nicht glücklich werden . . . Sollten wir es wirklich nicht werden können?« sagte sie dann plötzlich, die Hände zusammenschlagend. »Was steht dem eigentlich entgegen? Hören Sie . . .« sagte sie, ihn bei der Hand nehmend, und hielt ihn zurück – »sprechen wir uns doch ganz offen aus . . . sehen wir zu, ob wir nicht doch eines Sinnes werden können! . . .«

Sie schwieg und verfiel in tiefes, düsteres Nachdenken. Er antwortete ihr nicht, sondern warf die Büchse über die Schulter, verließ den Pavillon und schritt durch die Büsche davon. Sie blieb unbeweglich, wie von tiefem Schlafe befangen, zurück. Dann erwachte sie plötzlich aus ihrem Sinnen, sah traurig und erstaunt zugleich hinter ihm her und wollte es nicht glauben, daß er wirklich gehen würde.

»Es heißt: wer nicht glaubt, der liebt nicht,« dachte sie. »Ich glaube ihm nicht – also müßte ich . . . ihn auch nicht lieben? Doch warum ist mir dann so schmerzlich, so traurig zumute, sobald er von mir geht? Ich könnte niedersinken und sterben . . . hier an dieser Stelle! . . .«

»Mark!« rief sie leise.

Er sah sich nicht um.

»Mark!« wiederholte sie lauter.

Er ging weiter.

»Mark!« rief sie ganz laut und lauschte atemlos.

Mark ging rasch den Berg hinan. Ihr Gesicht verzerrte sich. Fünf Minuten wohl stand sie da, dann band sie mechanisch ihr Tuch um den Kopf, nahm den Sonnenschirm und ging langsam, in tiefen Gedanken, den Berghang hinauf.

»Wahrheit und Licht,« sprach sie zu sich selbst, während sie dahinschritt – »wo seid ihr? Dort, wo er sagt, daß ihr seid, und wohin . . . mein Herz mich zieht? Ist es wirklich mein Herz? Bin ich eine Räsonneurin, wie er sagt? . . . Oder ist die Wahrheit – hier?!« sagte sie, aufs Feld hinaustretend und sich der Kapelle nähernd.

Schweigend, mit tiefem, suchendem Blicke sah sie in das sinnende Antlitz des Heiligenbildes, das sie anzuschauen schien.

»Wird er das niemals begreifen, wird er nie zurückkehren . . . zu dieser ewigen Wahrheit . . . noch zu mir, zur Wahrheit meiner Liebe?« flüsterten ihre Lippen. »Niemals! Welch ein schreckliches Wort!«

Zweites Kapitel

Vier Tage lang irrte sie im Hain umher oder wartete dort unten im Dickicht, in dem Pavillon, ob er nicht kommen würde. Doch es war vergeblich – Mark erschien nicht.

»Es ist das beste, wir gehen einander aus dem Wege« – das waren seine letzten Worte. »Sollte es wirklich nicht möglich sein, daß wir uns verstehen lernen? Sehen wir zu, ob wir nicht doch eines Sinnes werden können!« hatte sie ihm geantwortet – und er hatte sich nicht einmal umgewandt auf diese Worte der Hoffnung, diesen Ruf des Herzens.

Vor Raiski versteckte sie sich nun gar nicht mehr. Er beobachtete sie noch immer, doch war alles vergebens, er fand keinen neuen Anhaltspunkt und wurde immer schwermütiger. Sie bekam keine geheimnisvollen Briefe und schrieb auch keine solchen, war im übrigen freundlich gegen ihn, doch zumeist schweigsam, ja fast niedergeschlagen. Öfter als bisher traf er sie jetzt betend in der Kapelle. Sie verheimlichte es nicht, wenn sie dahin ging, und einmal nahm sie sogar sein Anerbieten an, sie nach der Dorfkirche auf dem Berge zu begleiten. Dahin ging sie jetzt oft allein, ob Gottesdienst war oder nicht, und lag dort lange regungslos, ganz in sich gekehrt, betend auf den Knien.

Er stand schweigend hinter ihr, wagte sich nicht zu rühren, um sie nicht aus ihrem Gebetstaumel zu wecken, und beobachtete sie still aus seinem Winkel hinter der Säule. Dann reichte er ihr schweigend den Sonnenschirm oder die Mantille.

Ohne ihn anzusehen, nahm sie seinen Arm und ging stumm, sich zuweilen ermüdet an seine Schulter lehnend, neben ihm her nach Hause. Sie drückte ihm die Hand und ging nach ihrem Zimmer. Er aber ging weiter, von Zweifeln gequält und für sie wie für sich selbst zu gleicher Zeit leidend. Sie ahnte seine geheimen Qualen nicht, sie hatte keine Vorstellung davon, welche leidenschaftliche Liebe er für sie – als Mann für die Frau und als Künstler für sein Ideal – empfand.

Sie wußte auch nicht, daß neben dieser Leidenschaft, die er, gleichsam mit ihrer Erlaubnis, für sie hegte, auf dem Grunde seiner Seele immer noch eine leise Hoffnung schlummerte, er würde bei ihr doch noch Gegenliebe oder wenigstens, als Entgelt für seine Leidenschaft, ein Gefühl zarter Frauenfreundschaft finden. Wenn sie ihm gestattet hatte, seiner Leidenschaft für sie nachzuhängen, so war es einerseits deshalb geschehen, weil sie durch eine solche kühle Duldung seine Leidenschaft abzuschwächen hoffte, andererseits weil sie, und zwar auf Marks Anraten, seine Aufmerksamkeit von der Schlucht ablenken, ihm in aller Freundschaft eine kleine Lektion erteilen und sich nebenbei über ihn ein wenig lustig machen wollte. Und obschon er sah, daß sie ihre eigenen quälenden Sorgen hatte, obschon ihm diese geheimnisvollen Spaziergänge tief unten in der Schlucht zu denken geben mußten, hielt er doch immer noch an seiner stillen Hoffnung fest. Die Möglichkeit, daß die Hoffnung auf ihre Gegenliebe ihm ganz und gar entrissen werden könnte, erfüllte ihn mit geheimem Grauen. Sein ganzes Glück lag darin, an dieser Hoffnung festhalten zu können, und er hegte und nährte sie in sich auf jede mögliche Weise. Die rätselhaften Spaziergänge aber suchte er sich auf seine Weise, zu seinen Gunsten, zu  deuten.

»Diese Schüsse,« dachte er, »bedeuten vielleicht etwas ganz anderes: hier scheint nicht Liebe, sondern irgendein anderes Geheimnis im Spiel zu sein. Vielleicht hat Wjera die schwere Bürde irgendeines verhängnisvollen Fehltrittes zu tragen; irgend jemand hat sich ihre Jugend und Unerfahrenheit zunutze gemacht und hält sie jetzt unter schwerem, drückendem Joche – nicht unter dem Joche der Liebe, von der sie nichts weiß – gefangen. Sie will sich einfach frei machen von diesen qualvollen Fesseln, die ihr vielleicht schon in den halb unbewußten Jahren ihrer Mädchenzeit angelegt wurden, und dieses Verschwinden in der Schlucht, diese Geheimnisse, diese blauen Briefe sind nichts weiter als verzweifelte Manöver, um sich – nicht vor der Leidenschaft, sondern vor irgendeinem dunklen Verhängnis zu retten, das irgendein Schritt vom Wege über sie heraufbeschworen hat, und dem sie nun vergeblich zu entfliehen sucht. . . . Und schließlich wird doch noch die Liebe . . . zu ihm, zu Raiski . . . in ihr zum Durchbruch gelangen, und sie wird sich an seine Brust werfen und bei ihm Rettung suchen.«

Es schien ihm zuweilen, als wende sie sich an ihn mit einem stummen Blicke, der ihn um Hilfe anflehe, oder als schaue sie ihn fragend und forschend an, ob er auch stark und frei genug sei, um sie wieder aufzurichten, ihr ihre Selbstachtung wiederzugeben, den unsichtbaren Feind zu vernichten und sie wieder auf den rechten Weg zu geleiten.

So träumte und brütete er in wilder Unrast, sank jetzt hinab in den Abgrund der Hoffnungslosigkeit und ward dann wieder emporgetragen zu den lichten Höhen der Hoffnung – und alles nur darum, weil sie auf seine Frage, wen sie liebe, ihm flüchtig das eine Wort: »Sie!« hingeworfen hatte. Und obschon sie das Wort mit ihrem rätselhaftem  Nixenblicke begleitet hatte und gleich darauf im Dickicht der Schlucht verschwunden war, hatte es ihn doch in namenlosem Glück erbeben lassen.

»Wenn es nicht wahr ist – warum hat sie es dann gesagt? Und wenn es ein Scherz sein sollte – o, das wäre ein grausamer Scherz! So scherzt eine Frau nicht mit der Liebe, die man ihr entgegenbringt, selbst wenn sie diese Liebe nicht erwidert. Sie hat noch kein Vertrauen zu mir . . . glaubt nicht an meine Gefühle, meinen Kummer!«

Er litt Höllenqualen in den knisternden Flammen dieser Zweifel, dieser Pein, die er sich selbst geschaffen, und schluchzte zuweilen laut, schlief ganze Nächte nicht und schaute heimlich nach dem schwachen Lichtschimmer in ihrem Fenster.

»Sie ahnt nicht, wie grausam sie mir zusetzt – ein Henker im Weiberrock!« zischte er durch die Zähne.

Und plötzlich wurde er nüchtern – er fühlte die Lüge, die in ihrem »Ich liebe Sie!« lag, und die Lüge seiner törichten Hoffnung auf ihre Gegenliebe, die Lüge seiner ganzen verzweifelten Lage.

Eines Tages, im Zwielicht der Abenddämmerung, traf er sie wieder betend in der Kapelle. Sie war ruhig, und ihr Blick war so klar, so voll stiller Zuversicht und demütiger Ergebung in ihr Schicksal, als habe sie sich damit abgefunden, daß jene Schüsse nicht mehr fielen, daß sie nicht mehr nach der Schlucht zu gehen brauche. Diesen letzten Schluß wenigstens zog er aus ihrer Ruhe, und sogleich wieder war er bereit, seinem heimlichen Traume von ihrer Gegenliebe zu glauben.

Sie reichte ihm freundlich die Hand und sagte, sie freue sich, ihn zu sehen, gerade in diesem Augenblick, da ihr Herz ruhiger geworden. Sie hatte sich in diesen Tagen, nach der Zusammenkunft mit Mark, überhaupt bemüht, ruhiger zu erscheinen. Beim Mittagessen, zu dem sie jetzt regelmäßig erschien, wußte sie sich völlig zu beherrschen, sprach mit allen, scherzte zuweilen sogar und bemühte sich, Appetit zu zeigen.

Die Großtante merkte anscheinend nichts, beobachtete sie nicht mißtrauisch und warf ihr keine forschenden Seitenblicke zu.

»Wjera, verzeih, wenn ich störe . . .« begann Raiski schüchtern, als er sie an der Kapelle sah.

»Alles verzeihe ich, Bruder, sprechen Sie!« sagte sie sanft.

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich es mich macht, daß du ruhiger geworden bist. Sieh, welchen Frieden dein Gesicht ausstrahlt: woher ist dir dieser Friede gekommen? Von dort?«

Er zeigte nach der Kapelle.

»Woher sonst?«

»Du gehst, wie es scheint, nicht mehr . . . dorthin?« fragte er und zeigte nach der Schlucht.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich werde auch in Zukunft nicht mehr hingehen,« sagte sie leise.

»Gott sei Dank – welch ein Glück! Wohin gehst du jetzt, nach Hause? Nimm meinen Arm, ich werde dich begleiten.«

Er reichte ihr seinen Arm, und sie gingen still auf dem Fußwege hin, der über die Wiese führte.

»Du führst einen Kampf, Wjera . . . einen verzweifelten Kampf: das kannst du nicht verbergen . . .« flüsterte er.

Sie schritt mit gesenktem Kopfe daher. Ihr Schweigen ließ ihn hoffen, daß sie sich endlich ganz aussprechen würde.

»Wenn du deine qualvolle und gefährliche Leidenschaft besiegt haben wirst . . .« fuhr er fort und hielt dann in seiner Rede inne, in der Erwartung, daß sie vielleicht auf seine Anspielung hin ihm ein offenes Bekenntnis ablegen würde.

»Was wird dann sein, Bruder?« fragte sie dumpf.

»Dann wirst du um eine große Erfahrung reicher sein, wirst gefeit sein gegen alle Stürme . . .«

»Und was weiter?«

»Und ein besseres Los wird dir zuteil werden . . .«

»Was für ein besseres Los?«

Er schwieg: es fiel ihm ein, mit welchen glühenden Farben er ihr in den früheren Gesprächen das Bild der Leidenschaft gemalt hatte, wie eifrig er selbst sie unter diese Gewitterwolke gestoßen hatte. Und nun wußte er nicht, wie er sie wieder darunter wegführen sollte.

»Das Los eines schlichten, tiefen, verständigen und zuverlässigen Glückes, das ein ganzes Leben ausfüllen würde. . .«

»Ich verstehe das Glück auch nur in diesem Sinne . . .« sagte sie nachdenklich und blieb, die Stirn an seine Schulter lehnend, stehen, als sei sie ermüdet.

Er sah ihr in die Augen: sie waren mit Tränen gefüllt.

Er ahnte nicht, daß er den Finger in die Wunde gelegt hatte – darum gerade, um dieses dauernde Glück, war sie mit Mark in Zwist geraten.

»Du weinst . . . Wjera, meine Freundin!« sagte er teilnahmsvoll.

In diesem Augenblick fiel unten in der Schlucht ein Schuß, dessen zischendes Echo am Berge widerhallte. Wjera und Raiski zuckten beide zusammen.

Sie hob wie in jähem Schreck den Kopf empor, stand einen Augenblick wie erstarrt da und lauschte. Ihre Augen waren weit geöffnet und unbeweglich. Die Tränen standen noch darin. Dann riß sie ihren Arm heftig aus dem seinigen und stürmte nach der Schlucht.

Er folgte ihr. Sie blieb auf halbem Wege stehen, legte die Hand auf ihr Herz und lauschte wieder.

»Vor fünf Minuten noch warst du fest, Wjera . . .« sagte er, ganz bleich und durch den Schuß nicht weniger erregt als sie.

Sie sah ihn wie leblos an, ohne seine Worte zu hören, machte noch einen Schritt nach der Schlucht hin, kehrte dann jedoch um und ging langsam auf die Kapelle zu.

»Nein, nein!« flüsterte sie, »ich geh’ nicht. Warum ruft er mich? Hat er sich anders besonnen in diesen Tagen? . . . Nein, nein, es kann nicht sein, daß er . . .«

Sie kniete auf der Schwelle der Kapelle nieder, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und verharrte unbeweglich in dieser Stellung. Raiski trat leise von hinten auf sie zu.

»Geh nicht, Wjera . . .« flüsterte er.

Sie fuhr zusammen, hielt jedoch den Blick fest auf das Bild in der Kapelle gerichtet: es lag ein so nachdenklicher, leidenschaftsloser Ausdruck in diesen gemalten Augen. Nicht ein Strahl leuchtete darin, nicht eine leise Hoffnung, nicht eine Spur von Hilfe, von Ermutigung. Von Grauen erfüllt, richtete sie sich langsam empor; Raiskis Anwesenheit schien sie gar nicht zu bemerken.

Ein zweiter Schuß fiel. Sie stürzte rasch über die Wiese davon, nach der Schlucht.

»Wie, wenn er doch zurückkehrt? . . . Wenn meine Wahrheit gesiegt hat? Warum würde er mich sonst rufen? . . . O Gott!« dachte sie und eilte nach der Richtung, in der der Schuß gefallen war.

»Wjera! Wjera!« rief Raiski entsetzt hinter ihr her und streckte die Arme aus, um sie zurückzuhalten. Ohne ihn anzusehen, machte sie sich von ihm los und eilte, mit den Füßen kaum das Gras berührend, über die Wiese. Nicht einen Blick warf sie zurück und verschwand zwischen den Bäumen des Gartens, in der Allee, die nach der Schlucht führte.

Ganz sprachlos blieb Raiski stehen.

»Was ist das nun: ein schicksalschweres, dunkles Geheimnis – oder eine Leidenschaft?« fragte er sich im stillen.

»Oder vielleicht beides!«

Drittes Kapitel

In düsterer Stimmung kam Wjera zum Abendbrot. Sie bat um ein Glas Milch, das sie begierig leerte, und sprach mit niemandem ein Wort.

»Warum bist du so niedergeschlagen, Wjerotschka? Fühlst du dich nicht wohl?« fragte die Großtante teilnehmend.

»Ja, ja, auch ich wollte Sie schon danach fragen,« bemerkte Tit Nikonytsch – »aber ich wagte es nicht. Seit einiger Zeit haben Sie sich auffallend verändert, Wjera Wassiljewna« – Wjera bewegte bei diesen Worten leicht die Schultern – »Sie sind magerer geworden, und ein wenig bleicher . . . Das steht Ihnen sehr gut zu Gesichte,« fügte er liebenswürdig hinzu – »aber man darf doch auch nicht übersehen, daß das ebensogut Anzeichen einer Krankheit sein können . . .«

»Ja, ich habe etwas Zahnschmerzen,« antwortete gleichgültig Wjera. »Doch das geht rasch vorüber . . .«

Die Großtante blickte zur Seite und schwieg niedergeschlagen. Raiski hielt nachdenklich die Gabel zwischen dem Mittel- und Zeigefinger und ließ sie gegen den Teller klirren. Auch er aß nichts und saß wortlos da. Nur Marsinka und Wikentjew aßen von allen Gerichten, die gereicht wurden, und schwatzten ununterbrochen.

»Ich möchte Ihnen doch raten, Wjera Wassiljewna,« versetzte Tit Nikonytsch auf Wjeras Bemerkung, »mit Ihrer Gesundheit nicht leichtfertig umzugehen! Wir stehen schon im August, die Abende werden kühl und feucht. Sie machen so lange Spaziergänge – das ist gewiß sehr schön, nichts dient der Gesundheit so sehr wie frische Luft und Bewegung, auf keinen Fall jedoch darf man jetzt des Abends mit bloßem Kopfe ausgehen, und mit Schuhwerk, das keine Doppelsohlen hat. Namentlich die Damen müssen bei ihrer zarten Konstitution sehr vorsichtig sein . . . ein wollenes Tuch tut da jedenfalls sehr gute Dienste . . . Man trägt jetzt solche hübsche warme Tücher aus Ziegenhaar . . . Ich habe mir erlaubt, drei Stück davon kommen zu lassen – für Sie, für Tatjana Markowna und für Marfa Wassiljewna . . . Ich wollte sie jedoch nicht mitbringen, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben . . .«

Die Großtante nickte ihm freundlich zu; Wjera bemühte sich zu lächeln, und Marsinka sagte ohne weitere Umstände:

»Ach, wie gut Sie sind, Tit Nikonytsch! Nach dem Abendbrot werde ich Sie dafür auch küssen: darf ich?«

»Das erlaube ich nicht, ich bin eifersüchtig!« sagte Wikentjew.

»Wer wird Sie denn fragen?« antwortete Marsinka.

Tit Nikonytsch begann verlegen zu lächeln.

»Ich stehe zu Diensten, Marfa Wassiljewna! . . . Ich werde mich glücklich schätzen . . .« sagte er. »Was für ein reizendes Mädchen!« fügte er, zu Raiski gewandt, halblaut hinzu.

»Wie eine Rose, die sich eben erst öffnet, sozusagen, und die selbst der Hauch des Windes nicht zu berühren wagt!« Und er schmatzte gerührt mit den Lippen.

»Ja, eine Rose in voller Pracht!« dachte Raiski seufzend. »Und die andere ist wie eine Lilie, die anscheinend nicht nur ein Windhauch, sondern schon ein ganz gehöriger Sturm geschüttelt hat.«

Er blickte zu Wjera hinüber. Sie stand auf, küßte der Großtante die Hand, nahm von den übrigen mit einem Blicke statt einer Verbeugung Abschied und ging hinaus. Auch die anderen erhoben sich. Marsinka lief auf Tit Nikonytsch zu und brachte ihre bereits angekündigte Absicht zur Ausführung, indem sie ihm einen herzhaften Kuß gab.

»Kann ich das Tuch vielleicht morgen schon haben?« flüsterte sie ihm ins Ohr. »Wir wollen ganz zeitig früh mit Nikolaj Andrejewitsch eine Spazierfahrt auf der Wolga machen, da könnte ich’s brauchen . . .«

»O, sicherlich – ich bringe es selbst her . . .« sagte Tit Nikonytsch und machte einen Kratzfuß.

Sie gab ihm noch einen Kuß auf die Stirn und lief zur Großtante, der ihr Geflüster mit Tit Nikonytsch verdächtig vorkam.

»Nichts, nichts, Tantchen!« suchte sie die unruhig fragende Großtante zu beschwichtigen, was ihr jedoch nicht gelang.

Sie fragte Tit Nikonytsch, was es denn da gegeben habe; dieser wagte nicht, ihr die Wahrheit zu verbergen, und erzählte ihr, Marsinkas Schuld nach Möglichkeit mildernd, um was sie gebeten.

»Du Bettlerin!« sagte Tatjana Markowna vorwurfsvoll.

»Geh jetzt schlafen, es ist schon spät. Und auch Sie müssen nun nach Hause, Nikolaj Andreitsch! Gute Nacht, Gott mit Ihnen!«

»Ich fahre Sie nach Hause . . . ich habe meine Droschke da,« sagte Tit Nikonytsch liebenswürdig zu Wikentjew. Kaum war Wjera aus dem Zimmer gegangen, als Raiski ihr leise folgte. Sie ging nach dem Hain zu, stand eine Weile, in die dunkle Tiefe zu ihren Füßen blickend, am Rande der Schlucht, wickelte sich dann in ihre Mantille und nahm auf der Bank Platz.

Raiski kündigte seine Ankunft schon von fern durch ein Hüsteln an und ging gerade auf sie zu.

»Ich will mich hier neben dich setzen, Wjera,« sagte er – »darf ich?«

Sie rückte schweigend ab, um ihm Platz zu machen.

»Du bist so traurig, du leidest!«

»Ich habe Zahnschmerzen . . .« antwortete sie.

»Nein, nicht nur die Zähne sind’s – dein ganzes Wesen ist krank; sag’ mir – was ist dir? Vertraue mir deinen Kummer an!«

»Warum? Ich bin imstande, ihn allein zu tragen. Ich klage doch nicht.«

Er seufzte.

»Du liebst unglücklich – doch wen?« flüsterte er.

»Wen?! Schon wieder diese Frage! Ich sagte es Ihnen doch schon, mein Gott: Sie!« sagte sie und rückte ungeduldig auf der Bank hin und her.

»Warum nun wieder dieses böse Lachen? Womit habe ich das um dich verdient? Damit, daß ich dich so leidenschaftlich liebe, daß ich dir glaube und vertraue, daß ich bereit bin, für dich zu sterben? . . .«

»Was für ein böses Lachen? Mir ist weiß Gott nicht zum Lachen!« sagte sie fast verzweifelt, erhob sich von der Bank und begann in der Allee auf und ab zu gehen.

Raiski blieb auf der Bank sitzen.

»Und ich habe noch immer gehofft . . . und hoffe noch immer . . . ich Törin! O mein Gott!« sprach sie still für sich und rang die Hände. »Ich will versuchen, auf eine Woche, oder auf zwei, diesem hitzigen Fieber zu entfliehen . . . Ich will aufatmen . . . wenigstens eine Zeitlang, ich bin ganz von Kräften!«

Sie blieb vor Raiski stehen.

»Bruder,« sagte sie – »ich fahre morgen über die Wolga – ich werde vielleicht länger dort bleiben als sonst . . .«

»Das fehlte gerade noch!« fiel ihr Raiski bitter ins Wort.

»Ich habe von Tantchen keinen Abschied genommen,« fuhr sie, ohne auf seinen Einwurf zu achten, fort – »sie weiß von nichts. Sagen Sie es ihr, bitte, ich fahre schon mit Anbruch des Tages fort.«

Er schwieg wie vernichtet.

»Dann reise auch ich ab!« sagte er, gleichsam laut denkend.

»Nein, warten Sie noch . . .« sagte sie, und ihre Worte klangen fast aufrichtig. »Sobald ich mich ein wenig beruhigt habe . . .«

Sie hielt einen Augenblick inne.

». . . werde ich Ihnen vielleicht alles sagen . . . Und dann werden wir anders voneinander scheiden . . . richtig als Bruder und Schwester . . . Jetzt aber kann ich das nicht . . . Übrigens, nein . . .« fügte sie rasch, mit einer verzichtenden Handbewegung, hinzu – »reisen Sie lieber! Und haben Sie doch die Freundlichkeit, in der Leutestube zu sagen, daß Prochor um fünf Uhr den Wagen bereithalten soll. Schicken Sie auch Marina zu mir. Für den Fall, daß Sie in meiner Abwesenheit wegreisen,« fügte sie nachdenklich, fast traurig, hinzu – »wollen wir jetzt voneinander Abschied nehmen. Verzeihen Sie mir meine Absonderlichkeiten . . .« sie ließ einen Seufzer hören – »und empfangen Sie meinen Schwesterkuß . . .«

Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, küßte ihn auf die Stirn und entfernte sich rasch.

»Ich danke Ihnen für alles,« rief sie, sich plötzlich umwendend, von weitem. »Ich bin jetzt nicht imstande, Ihnen zu sagen, wie sehr ich Ihnen für Ihre Freundschaft – namentlich für diesen Winkel hier – danke. Leben Sie wohl und verzeihen Sie mir!«

Sie ging davon, während er wie gebannt zurückblieb. Für ihn war die ganze Welt außer diesem Winkel hier eine Wüste, und sie schickte ihn von hier fort, in die trostlose, weite Wüste! Sie konnte doch nicht verlangen, daß er sich lebendig ins Grab legte!

»Wjera!« rief er und lief rasch hinter ihr her.

Sie blieb stehen.

»Laß mich noch hier bleiben, solange du dort drüben bist . . . Wir werden uns nicht sehen, ich werde dir nicht lästig fallen! Aber ich werde wissen, wo du bist, werde warten, bis du dich beruhigt hast und mir – wie du es versprochen – alles sagst . . . Du hast mir das soeben versprochen . . . Es ist nicht weit von hier, wir können einander schreiben . . .«

Er fuhr mit der Zunge über die heißen Lippen und warf die Sätze hastig und abgerissen hin, als fürchte er, daß sie schon im nächsten Augenblick fortgehen und für ihn auf immer verschwinden könnte.

Es lag etwas Flehendes in seiner Miene, und er streckte die Hand nach ihr aus. Sie schwieg unentschlossen und kam dann langsam auf ihn zu.

»Reich’ dem armen Bettler wenigstens diesen Pfennig . . . um Christi Willen!« flüsterte er leidenschaftlich und hielt ihr die Hand hin – »gib ihm noch von diesem Himmel und von dieser Hölle! Laß mich leben, scharre mich nicht lebendig in die Erde ein! . . .« flüsterte er kaum hörbar und sah sie ganz verzweifelt an.

Sie blickte ihm fest in die Augen und bewegte ihre Schultern, als empfinde sie einen Kälteschauer.

»Sie wissen selbst nicht, um was Sie bitten . . .« antwortete sie leise.

»Um Christi willen!« wiederholte er, ohne auf ihre Worte zu hören, und hielt ihr noch immer die bettelnde Hand hin. Sie versank in Nachdenken und warf ihm von Zeit zu Zeit einen Blick zu, in dem sich ihr Mitgefühl und doch auch ihr Mißtrauen ausdrückte.

»Gut denn, so bleiben Sie!« fügte sie dann bestimmt hinzu. »Und schreiben Sie mir – aber fluchen Sie mir nicht, wenn Ihre Leidenschaft« – sie gab dem Wort eine geringschätzige Betonung – »auch davon nicht vergeht.« Und im stillen dachte sie, während sie ihn ansah: »Wer weiß, vielleicht vergeht sie auch . . . es ist doch alles nur leere Phantasie!«

»Alles will ich ertragen – alle Qualen! . . . Eher würde ich vielleicht das Glück nicht ertragen – aber Qualen: o, gib sie mir, auch sie sind Leben! Nur jag’ mich nicht fort, heiß mich nicht weggehen – dazu ist es zu spät!«

»Wie Sie wollen,« versetzte sie zerstreut: sie schien an etwas ganz anderes zu denken.

Er lebte auf, seine Nerven waren plötzlich wie verjüngt. Sie dachte traurig: »Warum höre ich dies alles nicht von ihm?« Und dann sprach sie laut: »Gut also – ich fahre nicht morgen, sondern erst übermorgen.«

Und sie schien selbst mit aufzuleben, und in ihrer Seele begann etwas zu keimen, halb Hoffnung und halb Plan. Beide waren plötzlich zufrieden miteinander wie auch mit sich selbst.

»Schicken Sie nur jetzt gleich Marina zu mir – und im übrigen: Gute Nacht!«

Er drückte einen leidenschaftlichen Kuß auf ihre Hand, und sie trennten sich.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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1300 s. 1 illüstrasyon
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