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Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 55

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Siebentes Kapitel

Wo steckst Du eigentlich, lieber Boris Pawlowitsch?« schrieb Ajanow. . . »In welchen Winkel des heiligen Reußenlandes hast du Dich vor unserem zwar feuchten, doch dabei ewig jungen Petersburg geflüchtet? Seit zwei Monaten habe ich nicht eine Zeile von dir bekommen. Hast Du Dich vielleicht gar da unten mit irgendeinem Sterlet verheiratet? Anfangs hast Du mich mit Deinen Sendschreiben förmlich überschüttet, und plötzlich schwiegst Du Dich dann total aus, so daß ich nicht einmal weiß, ob Du nicht gar aus Deinem stillen Malinowka(Himbeerdorf) nach irgendeinem noch stilleren Sutorodinowka(Johannisbeerdorf) übergesiedelt bist, und ob dieser Brief überhaupt in Deine Hände gelangen wird.

»Ich habe Dir viel Neues zu erzählen, hör’ also zu . . . Zunächst kannst Du mir Glück wünschen: meine Hämorrhoiden haben sich geöffnet! Wir waren beide – ich sowohl wie mein Arzt – so glücklich darüber, daß wir uns gerührt in die Arme stürzten und beinahe geweint hätten. Weißt du die Tragweite dieses Ereignisses auch gehörig zu würdigen? Ich brauche nicht ins Bad zu fahren! Die Kreuzschmerzen  haben sich gelegt, und auf den Leib mach’ ich kalte Umschläge; Du weißt doch, ich leide an Plethoa abdominalis . . .«

»Mit solchen törichten Neuigkeiten glaubt er mich nun zu amüsieren,« dachte Raiski und las dann weiter.

»Meine Olinka wird alle Tage hübscher, braver und artiger, sie macht in den Wissenschaften gute Fortschritte, ist den Institutsdamen gegenüber folgsam und ihrem Papa gegenüber sehr nett und liebenswürdig. Jeden Donnerstag fragt sie mich, wann denn ihr lieber Freund Raiski wiederkommen wird, der ihre Zeichnungen verbessert, ihr immer heimlich Konfekt mitgebracht und sie auch sonst auf jede Weise verzogen hat . . .«

»Ist das ein Kamel! Nur von sich selbst weiß er zu erzählen!« flüsterte Raiski vor sich hin, überschlug ein paar Zeilen und las weiter.

»Koko hat endlich seine Eudoria geheiratet, um die er fast sieben Jahre lang gefreit hat, wie Jakob um Rahel. Er ist jetzt auf sein Landgut in der Gegend von Tmutrakan abgereist. Gorgunow ist mit seiner alten Hexe im Ausland, es ist gleich viel lustiger im Hause. Alle Fenster wurden sofort aufgerissen, daß die frische Luft Zutritt erhielt; und auch die Menschen haben jetzt Zutritt, nur um die Magenfrage ist es noch schlecht bestellt . . .«

»Was geht mich das alles an?« brummte Raiski ungeduldig und überflog rasch die weiteren Seiten des Briefes. »Von der Kusine schreibt er nicht ein Wort, und das ist doch das einzige, was mich interessiert!«

»Statt seiner,« fuhr Raiski halblaut in der Lektüre des Briefes fort – »soll Fürst I. W. Minister werden, während I. B. zu seinem Gehilfen ernannt werden soll . . . Die Weiber werden Zetermordio schreien . . . P. B. hat siebzigtausend Rubel im Spiel verloren . . . Familie Ch. ist ins Ausland abgereist . . . Doch ich sehe schon, Du runzelst die Stirn, denn das alles langweilt Dich, Du möchtest nur von Sofia Nikolajewna etwas hören,« las Raiski und wurde plötzlich lebhaft. »Sofort, sofort – ich habe meine Nachrichten über sie als besonders schmackhaften Bissen fürs Ende aufgespart . . .«

»Endlich kommt er auf das Thema zu sprechen!« sagte Raiski. »Nun, was ist also mit ihr los?«

»Ich war bemüht, auch in Deiner Abwesenheit Deiner Sache treu und ehrlich zu dienen, das heißt, ich habe zweimal wöchentlich mit den liebenswürdigen alten Damen Karten gespielt, so daß ihr Bruder Nikolaj Wassiljewitsch sich schon den Spaß machte, mich zum Bräutigam seiner Schwester Anna Wassiljewna zu proklamieren, und das Thema unserer Hochzeit so ausgiebig und launig behandelte, daß die beiden Schwestern ihn mit kräftigen Püffen aus dem Zimmer jagen mußten, ohne daß er die Subsidiengelder erhielt, deretwegen er gekommen war. Dafür setzte er mich dann mit dreihundert Rubeln an, die ich Dir in Rechnung stellen werde, da ich leider keine Aussicht habe, sie meiner anverlobten Braut jemals wieder abzunehmen. Vernimm nun, erbleiche und zittere!

»Ich sagte bereits, daß ich, indem ich mit den Tanten weiterspielte, lediglich Deiner Sache zu dienen bestrebt war. Ich verstehe darunter die Erweckung der Leidenschaft in dem Marmorherzen Deiner Kusine, die jetzt, in Deiner Abwesenheit, in einem weit schnelleren Tempo vor sich ging als vorher. Graf Milari nämlich, der Italiener, betreibt denselben löblichen Sport wie Du – ich meine die Anfachung der Leidenschaft in den Weibern – und es scheint mir fast, daß er damit größere Erfolge hat als Du. Auch er hatte sich daran gewöhnt, an denselben Tagen und zu derselben Zeit, da wir unsere Partie hatten, seine Besuche im Hause zu machen, und Nikolaj Wassiljewitsch war außer sich vor Freude, als er sein Familienglück so lieblich erblühen sah.

»Die jungen Leutchen befreiten den Herrn Papa alsbald von der Verpflichtung, immer den dritten Mann zu machen; sie befaßten sich eifrigst mit Musik, sie spielten und sangen und waren gar nicht böse, wenn er nicht dabei war. Auch die Spazierfahrten brauchte er nicht mitzumachen, und ich kann es Dir unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertrauen – wie überhaupt ganz Petersburg von der Sache nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit spricht – daß, wenn die Equipage Deiner Kusine auf den Inselpromenaden erschien, unbedingt auch Milari daselbst hoch zu Roß oder im Wagen auftauchte und sich ganz dicht neben ihrer Equipage hielt. Sofia Nikolajewna war zuerst noch hübscher geworden, als sie ohnedies schon gewesen, dann aber wurde sie auf einmal so nachdenklich, ging aus ihrer olympischen Ruhe ein wenig heraus und magerte sogar ab. Denk Dir nämlich – aber nimm Dein Fläschchen zur Hand! – sie hat einen Faux-pas begangen! Ich suchte natürlich zu erfahren, worin ihre Schuld bestände, erhielt aber überall, selbst von ihrer Kusine Catherine, nur ganz nichtssagende Antworten, aus denen ich mir gar kein Bild zurecht machen konnte: lauter Zweien und Sechsen, keinen König, keine Dame, kein As, nicht einmal eine Zehn . . lauter plundrige Karten!

»Ich begann schon, mir ihren Roman selbst zusammenzudichten: ich dachte mir, man habe sie irgendwo auf einem einsamen Spazierwege getroffen, oder einen Brief aufgefangen, in dem es hieß: ›Ich liebe Dich‹ – oder es sei vielleicht zwischen Rossini und Bellini zu einem verbotenen Kusse gekommen. Doch nein, sie spielten und sangen ununterbrochen und störten uns bei unserer Partie, die, nebenbei gesagt, auch sonst mancherlei Störungen ausgesetzt war. Überhaupt bin ich kein Freund des Sommers, weil es in dieser Jahreszeit meistenteils schlechte Karten gibt. Jedenfalls betrieben die jungen Leutchen die musikalischen Übungen so eifrig, daß Nadjeschda Wassiljewna sich sogar die Ohren zustopfen mußte . . . In der Stadt aber lief das Gerücht weiter und weiter um sich. Die Mesenskijs, die Chatkows, die Myschinskijs und all die andern, ganz besonders aber Kusine Catherine, flüsterten leise, mit verhaltener Freude: ›Sophie a poussé la chose trop loin, sans se rendre compte des suites . . .«  und so weiter. Ich fragte, bald laut, bald leise, was für eine ›chose‹ das denn eigentlich wäre, forschte diesen und jenen aus, und als mir niemand eine bestimmte Antwort gab, begann auch ich, sobald die Rede auf sie kam, zu flüstern und zu raunen: ›Qui, elle a poussé la chose trop loin, sans se rendre compte . . . elle a fait un faux-pas . . .‹ Und ich zuckte, sobald man mich fragte, was für ein ›pas‹ das eigentlich sei, bedeutsam die Achseln.

»So zog allmählich ein Wölkchen am Horizont empor und schwebte alsbald über dem Haupte Deiner Kusine. Ich aber diente, meiner Freundespflicht eingedenk, nach wie vor Deiner Sache und fuhr zur Partie zu den Tanten. Ich machte mich mit Milari näher bekannt und verabredete mit ihm, genau so wie vorher mit Dir, daß wir beide, um ungenierter zu sein, immer zur selben Stunde kommen wollten . . .«

»Dieser Esel!« dachte Raiski ärgerlich und warf den Brief auf den Tisch. »Wie konnte er nur annehmen, daß er mir damit einen Dienst leistete . . .«

»Für alle meine Dienste und meine Freundschaft,« las Raiski dann weiter, »mußt Du mir zum Winter ein Fäßchen vom besten Kaviar und einen wenigstens vier Ellen langen Sterlet schicken, falls Du es nicht vorziehst, beides selbst mitzubringen – die Hälfte davon möchte ich meinem sehr verehrten Wohltäter und Spielpartner, dem Herrn Minister, verehren . . .«

Weiter unten las Raiski:

»Wir waren also mit Kind und Kegel nach der Sommerresidenz auf Kamenny Ostrow übergesiedelt, das heißt, sie mieteten die ganze Villa W., während ich zwei Zimmer in der Nähe bezog. Nikolaj Wassiljewitsch bekam einen besonderen Pavillon angewiesen . . .

»Alles ging seinen gewohnten Gang, bis eines Tages vor Beginn unserer Abendpartie – Sofia Nikolajewna war gerade mit ihrem Vater irgendwohin gefahren, während die beiden Fräulein sich eben zu einem Spaziergange anschickten – die Ankunft der Fürstin Olympiada Ismailowna gemeldet wurde. Die Tanten waren ärgerlich darüber, daß unsere Partie sich nun verzögern würde, und schickten mich für ein Stündchen fort, um erst einmal die Fürstin zu empfangen.

»Das Unglück brach herein: keins von uns, weder eine Deiner Tanten noch ich, ahnte damals, daß wir nie wieder zusammen Karten spielen würden. Die Fürstin begegnete mir auf der Treppe, und ihr Gesicht hatte einen so feierlichen, triumphierenden Ausdruck, daß ich nicht einmal wagte, mich nach ihren Nerven zu erkundigen.

»Eine Stunde später fand ich mich, wie verabredet, wieder ein, wurde jedoch nicht empfangen. Ich kam am nächsten Tage wieder – auch da empfing man mich nicht. Am dritten, am vierten Tage geschah ganz dasselbe. Beide Tanten, hieß es, seien krank, könnten nicht ausfahren und empfingen niemanden – das war der Beschied, der mir gegeben wurde.

»Ich ging nach dem Pavillon, um vielleicht Nikolaj Wassiljewitsch zu treffen – auch er war nicht zu Hause. Nirgends ließ er sich sehen, weder auf der ›Pointe‹, noch bei Isler, wohin er, wie er sich ausdrückte, ›incognito‹ zu gehen pflegte. Ich suchte ihn in der Stadt, im Klub, bei Peter Iwanowitsch. Der blinzelte mir schon von weitem über seine Zeitung hinweg spöttisch zu und sagte lächelnd: ›Ich weiß, ich weiß – die Tür ist verschlossen, der Brotkorb ist höher gehängt . . .‹

»Von ihm erfuhr ich nun, was geschehen war. Zunächst bestätigte auch er mir, daß Deine Kusine ›a poussé la chose trop loin‹ . . . daß sie a fait un faux-pas . . . Und dann schilderte er mir lebhaft die Folgen, die der Besuch der Fürstin Olympiada Ismailowna, dieser gestrengen Verfolgerin weltlicher Laster und Verteidigerin weiblicher Tugend, gezeitigt hatte: die Tanten hatten sich beide zugleich ins Bett gelegt, und die Vorhänge waren an allen Fenstern ganz dicht verschlossen worden, und Sofia Nikolajewna hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und ließ sich nicht mehr sehen. Alle speisen auf ihren Zimmern, oder sie speisen vielmehr nicht, sondern man trägt ihnen nur die Mahlzeiten aufs Zimmer und holt sie unberührt wieder heraus. Der einzige, der noch etwas zu sich nimmt, sei Nikolaj Wassiljewitsch, doch auch ihm sei es strengstens verboten, das Haus zu verlassen, damit er nicht ausplaudere, daß Graf Milari nicht mehr ins Haus kommt, sondern daß jetzt der alte Doktor Petrow kommt, der die beiden Fräulein in ihren jungen Jahren behandelt hatte – und, nebenbei gesagt, nach den Überlieferungen einer alten, vergessenen Chronik, beider Liebhaber gewesen sei. Jetzt hatte er das Praktizieren längst aufgegeben und kam nur eben ›so‹, wenn man seiner benötigte. Endlich wußte Peter Iwanowitsch auch noch zu erzählen, daß die ganze Familie bis auf Nikolaj Wassiljewitsch sich insgeheim für eine Auslandsreise, zunächst nach irgendeinem ganz ausgefallenen Badeort, vorbereite, daß aber die Reise auf volle drei Jahre berechnet sei.

»Schließlich bekam ich aber Nikolaj Wassiljewitsch doch noch zu sehen: ich schrieb ihm ein paar Zeilen und erhielt von ihm eine Einladung zu einem gemeinsamen Abendessen unter vier Augen. Vor allem bat er mich um strengste Diskretion betreffs des gemeinsamen Soupers. Im Hause werde jetzt streng gefastet: ›on est en pénitence‹, es gebe nur Bouillon und junge Hühnchen – ›et ma pauvre Sophie n’ose pas descendre me tenir compagnie‹ – klagte er bitterlich und kaute an seinen Lippen, ›et nous sommes enfermés tous les deux. . .‹ ›Ich habe für Sie besonders ein Mittagessen bestellt, aber Sie dürfen mich nicht verraten!« fügte er, die aufgetischten Wachteln gierig herunterschlingend, hinzu und war nahe daran, um seine arme Sophie Tränen zu vergießen.

»Endlich erfuhr ich, daß zu dem früheren Wölkchen, diesem unbekannten X, das ich suchte, und das darauf hinauslief ›que Sophie a poussé la chose trop loin‹,  doch noch eine Tatsache hinzugetreten sei, und daß sie – o Schrecken! – ›a fait on faux-pas‹, indem sie auf einen Brief Milaris antwortete! Pachotin zeigte mir diesen Brief und schlug zornig mit der Faust auf den Tisch. ›Mais dites donc, dites – qu’est ce qu’il y a lá? á propos de quoi? – Alle diese Ach- und Ohrufe, diese Riechfläschchen, diese Abreise, diese schmale Kost?! Da sieht man doch gleich, daß man es mit alten Jungfern zu tun hat!«

»Er stampfte mit den Füßen auf, lief im Zimmer umher und suchte seine Wut zu besänftigen, indem er in Champagner getauchte Biskuits zu sich nahm und irgendwelche Verdauungspillen darauf folgen ließ. ›Und das Traurigste ist‹, sagte er, ›daß meine arme Sophie sich nun selbst Vorwürfe macht: ja, ich habe gefehlt, sagt sie, ich habe mich kompromittiert; eine Frau, die sich selbst achtet, darf sich nicht vergessen, darf niemals pousser la chose trop loin! – Aber was hast du denn groß verbrochen, mein Kind? frage ich sie. – J’ai fait un faux-pas, antwortet sie mir – ich habe die Tanten kompromittiert, und auch Sie, Papa! . . . – Aber nicht im geringsten, mein Kind, versichre ich dir, doch alles ist umsonst, sie weint und weint in einem fort, die arme Kleine! Ce billet . . . da, lesen Sie es!‹

»Das Briefchen lautete wie folgt: ›Kommen Sie, Graf, ich erwarte Sie zwischen acht und neun, niemand wird da sein, und vergessen Sie vor allem Ihre Noten nicht. Ich bin usw. S. B.« – Nikolaj Wassiljewitsch ist nun vor allem in seinem väterlichen Gefühl verletzt. ›Die Wolke wuchs, dank diesem Billet, weil, unter uns gesagt . . .‹ – er flüsterte mir das Folgende ganz leise ins Ohr – ›Sophie gegenüber den Aufmerksamkeiten des Grafen nicht ganz gleichgültig schien, aber der Graf ist doch ein Ehrenmann, und sie ist viel zu gut erzogen, pour pousser les choses . . . bis zu einem faux-pas . . .‹

»Das ist alles, was ich Dir zu berichten hätte, lieber Boris Pawlytsch. Es tut mir leid, daß es nicht mehr ist, und daß ich Dir nichts Lustigeres mitteilen kann – zum Beispiel, daß Deine Kusine eines schönen Tages ihre dunkle Mantille um die Schultern hing und heimlich das Haus verließ, daß an der Straßenecke eine Mietkutsche auf sie wartete und mit ihr im Galopp davonfuhr, daß man sie dann mit Milari zusammen zurückkehren sah – sie ganz bleich, und er triumphierend, daß sie irgendwo an einer Straßenkreuzung sich verabschiedeten usw. Nichts derartiges ist leider zu berichten.

»Hier aber klammert man sich an jeden Strohhalm fest, sucht jedes feinste Fünkchen zur Flamme anzublasen, macht aus dem unschuldigen kleinen Billet einen Elefanten, lügt allerhand Sätze hinein, die nicht darin stehen, munkelt sogar von einem ›Du‹, das darin gestanden habe, aber alles das ergibt doch noch immer nichts Ganzes, und es bleibt schließlich bei der ursprünglichen Lesart, ›que Sophie a poussé la chose rop loin, qu’elle a fait un faux-pas . . .‹ Ich fördere die Sache, so gut ich kann, schweige und lächle pfiffig, klage nicht an, verrate aber auch nicht, was in dem Briefchen gestanden. Alle sind hinter mir her, seit sie wissen, daß ich in die Sache ein klein wenig eingeweiht bin. K. R. und Frau Gemahlin haben mich bereits zweimal zum Diner eingeladen, und M. läßt im Klub eine Bouteille nach der andern anfahren, in der Hoffnung, ich würde schließlich doch noch aus der Schule plaudern. Das alles macht mir Spaß, aber ich halte reinen Mund.

»In vierzehn Tagen reisen sie ab. Das ist das Ende des Romans Deiner schönen Kusine. Doch halt – die Hauptsache hätte ich bald vergessen. Nikolaj Wassiljewitsch wurde von seinen lieben Schwestern mit dem delikaten Auftrage beehrt, den Grafen Milari aufzusuchen und die Herausgabe des verhängnisvollen Billets von ihm zu erbitten. Er führte sein Podagra, seine Nerven, seinen Tick, seinen Rheumatismus ins Treffen – doch es half alles nichts, er mußte heran. Der Graf hörte die Bitte des Vaters mit feinem, sarkastischem Lächeln an und sagte, er würde seinen Wunsch erfüllen. In der Tat schickte er am Tage darauf das Billet an die Bjelowodowa selbst mit einem ehrerbietigen Schreiben zurück. Nikolaj Wassiljewitsch hat mir seinen Besuch bei dem Grafen geschildert: ›Wie er gelacht hat, dieser Graf, so diabolisch fein, als ich ihm das törichte Ansinnen meiner lieben Schwestern vortrug! Diese alten Biester!‹ rief er wütend und zerschlug in seinem Ärger eine Porzellanfigur, die auf dem Kamin stand.

»Da hättest Du, lieber Boris Pawlowitsch, ein kleines Drama, das Du vielleicht in Deinen Roman einfügen kannst. Wie steht es denn damit? Schreibst Du ihn wirklich? Wenn es der Fall ist, dann lasse ich hier noch den Schlüssel zu dem Drama, zu beliebiger Benutzung für Dich, folgen. Ich glaube, Deine Kusine hat sich in der Tat auf ihre Weise, ohne den Salon zu verlassen, verliebt – Graf Milari aber wünschte die Sache auf die Straße hinauszutragen, und es sollen, wie der Herr Papa nachträglich ausplauderte, zwischen ihnen ziemlich lebhafte Dispute stattgefunden haben, wobei der Graf ihre Hand ergriff und sie ihm diese Hand nicht entzog, und wobei sogar Tränen ihre Augen verdunkelt haben sollen: Mit den Spazierritten und den Besuchen im Hause der Tanten nicht zufrieden, soll er mehr Freiheit im Verlehr mit ihr verlangt haben, sie zu einsamen Spaziergängen im Park aufgefordert, sie, wenn die Tanten schliefen oder in der Kirche waren, besucht und, wenn sie ihn abwies, sich wochenlang nicht gezeigt haben. Sie regte sich nun über alles das auf und nahm die Dinge sehr seriös – der Graf dagegen soll durchaus keine ernsthaften Absichten gehabt haben, und schließlich soll sich, zum größten Entsetzen der Beteiligten, herausgestellt haben, daß er einer von den neugebackenen Grafen sei, daß er bei dem alten Regime übel angeschrieben und aus seinem Vaterlande nach Paris, wo er sich sonst ständig aufhalte, emigriert sei, vor allem aber, daß er dort, unter dem blauen Himmel Italiens, in Florenz oder Mailand, schon eine richtige, ihm anverlobte Braut besitze . . . Alles dies hatte die Fürstin Olympiada Ismailowna vom Fürsten P. B. als ganz sicher in Erfahrung gebracht . . . Und Deine Sophie hat jetzt an einem zweifachen Schmerz zu tragen: erstens ist ihr Stolz – der Stolz auf ihre Schönheit und ihre Abstammung – aufs tiefste verletzt worden, und zweitens leidet sie darunter, daß sie einen ›faux-pas‹ begangen hat . . . und vielleicht bereitet auch jenes Gefühl, das Du in ihr mit so viel Eifer anzufachen suchtest, und das ich dann aus Freundschaft für Dich weiter angeblasen habe, ihr ein klein wenig Schmerzen . . .

»Was nun weiter mit ihr wird, weiß ich nicht – aber Du wirst der Sache schon so oder so in Deinem Romane einen Schluß anhängen. Du hast ja Zeit genug dazu, während ich es sehr eilig habe: ich bin nämlich von W. I. zum Abendessen eingeladen. Dort erwartet mich eine solide Dauerpartie mit sehr ernsten Mitspielern.

»Leb’ wohl – es ist der erste und letzte Brief, den ich Dir schreibe, und den Du, wenn Du willst, als ein besonderes Kapitel Deinem zukünftigen Romane einverleiben kannst. Wenn seine übrigen Kapitel ebenso gut werden, kann ich Dir nur gratulieren. Grüße Deine Großtante und Deine Kusinen unbekannterweise und sag’ ihnen, daß in der und der Stadt ein Freund von Dir wohnt, der Dir wie ihnen stets zu dienen bereit ist. – Dein I. Ajanow.«

Achtes Kapitel

Raiski steckte den Brief in ein Schubfach des Schreibtisches, nahm seine Mütze und ging in den Garten. Er mußte sich im stillen eingestehen, daß er nur hingehe, um die Wege und Stege zu schauen, auf denen gestern Wjera gewandelt war, bevor sie gleich einer Schlange, in ihrer Schönheit schillernd, den Abhang hinab in die Schlucht glitt. Noch immer war sie zugleich sein Ideal und sein Plagegeist, noch immer schaute er kniefällig flehend zu ihr empor und bewarf sie zugleich, Flüche murmelnd, mit Steinen.

Er machte einen Rundgang durch den ganzen Garten, blickte nach ihren verhängten Fenstern hinauf, ging dann nach der Schlucht und sah sinnend in die Tiefe, wo die Bäume und Sträucher leise rauschten.

Die Alleen erschienen wie dunkle Säulengänge; über den offenen Stellen jedoch, dem welken Blumengarten, dem Gemüsegarten, dem geräumigen Platz vor dem Hause lag der Schein des eben am Horizont emporsteigenden Mondes. Die Sterne schimmerten hell, es war ein klarer, frischer Abend.

Raiski sah vom Rande der Schlucht nach der Wolga hin: sie schimmerte wie Stahl aus der Ferne herüber. Rings um ihn fielen mit leisem Rascheln die welken Blätter von den Bäumen.

»Dort drüben weilt sie nun,« dachte er, während sein Blick über den Strom schweifte – »und nicht ein Wort hat sie für mich zurückgelassen! Ein herzliches Lebewohl, mit ihrer tiefen Flüsterstimme gesprochen, würde mich mit all der Bosheit ausgesöhnt haben, die sie so reichlich über mein Haupt ausgeschüttet hat. Nun ist sie fort – ohne eine Spur, eine Erinnerung zu hinterlassen!« sagte er sich bitter, während er mit gesenktem Kopfe durch die dunkle Allee schritt.

Plötzlich fühlte er, wie sich auf seine Schulter, gleich der Klaue eines Raubvogels, eine feinfingerige kleine Hand legte, während zugleich ein verhaltenes Lachen an sein Ohr klang.

»Wjera!« rief er, in freudigem Schreck erbebend, und faßte nach ihrer Hand. Das Haar sträubte sich ihm auf dem Kopfe. »Du – hier? Du bist nicht über die Wolga gefahren? . . .«

»Nein – ich bin hier, bin nicht über die Wolga gefahren . . .« wiederholte sie, während sie fortfuhr zu lachen und ihren Arm in den seinigen legte. »Dachten Sie wirklich, ich würde Sie ohne Abschied ziehen lassen? Ja, dachten Sie das? Gestehen Sie! . . .«

»Du bist eine Zauberin, Wjera. Eben, in diesem Augenblick, machte ich dir im stillen Vorwürfe, daß du mir nicht eine Zeile zum Abschied zurückgelassen hast,« sagte er ganz verwirrt, teils vor Furcht, teils vor unerwarteter Freude, die so plötzlich über ihn gekommen. »Wie kommst du auf einmal hierher? . . . Im Hause sagten mir doch alle, du seist gestern weggefahren . . .«

Sie lachte spöttisch und suchte ihm dabei ins Gesicht zu sehen.

»Und Sie haben das geglaubt? Ich wollte Ihnen eine Überraschung bereiten, man sollte Ihnen sagen, daß ich fort sei . . . Gestehen Sie nur, Sie haben es nicht geglaubt, haben nur so getan? . . .«

»Bei Gott, ich habe es geglaubt!«

»Schwören Sie doch nicht noch!« sagte sie triumphierend und weidete sich an seiner Aufregung. Dann ließ sie wieder ihr aufreizendes Lachen vernehmen. »Nicht nur eine Zeile von mir finden Sie vor, sondern mich selbst! Was können Sie sich Besseres wünschen – sagen Sie!« fügte sie, gleichsam mit ihm spielend, hinzu.

Er ward von Zweifeln ergriffen. Diese Lebhaftigkeit der Rede, diese raschen Bewegungen, diese spöttische Koketterie – alles das erschien ihm an ihr nicht natürlich. Durch den lebhaften Ton und die kecke Rede glaubte er eine Ermüdung hindurchzuhören – es war, als bemühte sie sich, eine Erschöpfung ihrer Kräfte vor ihm zu verbergen. Er hätte ihr ins Gesicht sehen mögen, und als sie am Ende der Allee anlangten, führte er sie in den hellen Mondschein.

»Laß mich dich ansehen – was ist dir, Wjera? Du bist so ausgelassen, so vergnügt! . . .« versetzte er schüchtern.

»Was gibt es da groß anzusehen!« sagte sie mit Ungeduld und suchte ihn wieder in das Dunkel zurückzuziehen.

Die Mantille war ihr von den Schultern geglitten, sie warf sie lässig wieder um und schüttelte sich dabei.

»Ich bin vergnügt, weil Sie hier sind und hier an meiner Seite gehen . . .« Sie schmiegte sich mit ihrer Schulter an die seinige.

»Was ist dir, Wjera? Du bist so verändert!« flüsterte Raiski argwöhnisch, ohne sich von ihrer stürmischen Munterkeit verleiten zu lassen. Und von neuem suchte er sie zum Licht hinzuziehen.

»Kommen Sie, kommen Sie – was soll denn diese Besichtigung? Ich liebe das nicht! . . .« sagte sie lebhaft und vermochte kaum still zu stehen.

Er fühlte, daß ihre Hände bebten, daß sie am ganzen Leibe zitterte und von einer ihm unverständlichen Unruhe erfüllt war.

»So reden Sie doch endlich, erzählen Sie, wo Sie waren, was Sie gesehen haben, ob Sie an mich gedacht haben? Was macht Ihre Leidenschaft? Setzt sie Ihnen noch immer so zu – wie? Was ist Ihnen denn – sind Sie stumm geworden? Wohin sind die Wogen der Poesie, wohin das Paradies und die Hölle geschwunden? Her mit dem Paradies, geben Sie es mir, dieses Paradies – ich begehre das Glück, das Leben!«

Sie sprach frei und ungezwungen, klopfte ihm dabei auf die Schulter, konnte vor Ungeduld nicht ruhig stehen und beschleunigte ihren Schritt.

»Warum kriechen Sie denn so wie eine Schildkröte? Kommen Sie dahin, nach der Schlucht – wir wollen zur Wolga hinuntergehen, wollen ein Boot nehmen und eine Rundfahrt machen! . . .« fuhr sie, ihn mit sich ziehend, jetzt lachend und dann plötzlich in ein tiefes Grübeln verfallend, fort.

»Wjera, mir ist bange um dich, du bist . . . nicht gesund!« sagte er in besorgtem Tone.

»Wieso denn?« fragte sie, plötzlich stehen bleibend.

»Woher kommt diese Lustigkeit, diese Gesprächigkeit? Du bist sonst so zurückhaltend, so reserviert!«

»Ich freue mich so, daß Sie da sind, Bruder! In einem fort habe ich zum Fenster hinausgesehen und gehorcht, ob nicht eine Equipage kommt . . .« sagte sie, ließ nachdenklich den Kopf sinken und ging nun ruhiger neben ihm her, während sie ihre Hand, die sich von Zeit zu Zeit gleich einer Vogelklaue zu schließen suchte, auf seine Schulter gelegt hatte.

Er war in einer schmerzlichen, gedrückten Stimmung. Er hörte nicht mehr auf ihre koketten, aufreizenden Worte, denen er zu anderer Zeit vielleicht Glauben geschenkt hätte. Seine eigene Leidenschaft war in diesem Augenblick in ihm verstummt. Er hatte ein schmerzliches Mitgefühl mit ihr, hörte auf ihr fieberhaftes Stammeln, beobachtete die nervöse Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen und suchte den Grund ihrer Aufregung zu erraten.

»Warum sehen Sie mich so sonderbar an? Ich bin nicht verrückt!« sagte sie und wandte sich von ihm ab.

Ein Schrecken befiel ihn.

»Das ist die Sprache der Irrsinnigen!« dachte er. »Sie versichern allen Leuten, daß sie nicht verrückt sind.«

Er hatte selbst den Rausch der Leidenschaft kennengelernt und kannte ihre Qualen, ihr unberechenbares Wesen. Nun sah er Wjera von demselben Leiden ergriffen und wurde von Angst um sie gepackt.

Er sah, wie ihr die Kraft schwand, wie sie schwächer und schwächer wurde. Ihre Ruhe war hin: sie sammelte den letzten kleinen Rest ihrer Kraft, um sich zu maskieren, um gleichsam in sich selbst hineinzuflüchten: doch auch da ist es ihr schon zu eng, die Schale ist zum Überlaufen voll, die Erregung sucht einen Ausweg.

»Mein Gott, was wird mit ihr geschehen!« dachte er voll Angst. »Und dabei hat sie kein Vertrauen zu mir, will mir ihr Herz nicht ausschütten, will den Kampf ganz allein aufnehmen – wer wird sie beschützen? . . .«

»Die Großtante!« flüsterte ihm eine innere Stimme zu.

»Wjera – du bist krank, du solltest mit Tantchen reden . . .« sagte er ernsthaft.

»Still, schweigen Sie, denken Sie an Ihr Wort!« sagte sie halblaut flüsternd. »Leben Sie wohl für heute! Morgen machen wir zusammen einen Spaziergang, dann gehen wir in die Stadt, um Einkäufe zu besorgen, und dann geht es dorthin, über die Wolga . . . in alle Welt! Ich kann ohne Sie nicht leben! . . .« setzte sie fast grob hinzu und preßte dabei seine Schulter in krampfhaftem Griffe zusammen.

»Was ist nur mit ihr?« dachte er.

Diese grobe, kokette Herausforderung, die so unmittelbar an ihn gerichtet war, rief ihm seinen eignen Seelenkampf und seine Absicht, für immer abzureisen, ins Gedächtnis.

»Ich reise ab, Wjera,« sagte er zu ihr – »ich bin mit meinen Kräften zu Ende. Es ist mein Tod, wenn ich bleibe . . . Leb’ wohl! Warum hast du mir noch diese Täuschung bereitet? Warum hast du mich hergerufen? Warum bist du hier? Um dich an meinen Qualen zu weiden? . . . Ich gehe fort, laß mich ziehen!«

»Reisen Sie ab!« sagte sie und trat einen Schritt von ihm weg. »Jegorka hat den Koffer noch nicht wieder auf den Boden getragen! . . .«

Er entfernte sich rasch, im Innersten empört durch diese beabsichtigte Quälerei, diese Verhöhnung seiner selbst und seiner Leidenschaft. Dann schaute er zurück. Zehn Schritte von ihm entfernt stand sie unbeweglich im Mondschein da, wie eine weiße Statue im Grünen, und beobachtete neugierig, ob er gehen würde oder nicht.

»Was ist das? Was geht in ihr vor?« fragte er voll Entsetzen. »Was will sie von mir? Sie hat mir das Messer in die Brust gestoßen und sieht nun zu, wie das Blut rinnt, wie das Opfer zuckt. Was für ein Weib!«

All die grausamen Frauengestalten der Geschichte fielen ihm ein, die Priesterinnen blutiger Kulte, die Frauen der Revolution, die sich in Blut gebadet hatten, und all das Grausame, das von Frauenhand begangen worden, bis auf Judith und Lady Macbeth. Er ging weiter und wandte sich wieder um: Sie stand unbeweglich da und sah ihm nach. Er blieb stehen.

»Welche Schönheit, welche Harmonie in dieser ganzen Gestalt! Und doch – sie ist furchtbar, ist mein Verhängnis!« dachte er, während er wie an den Boden gebannt dastand und seinen Blick von der schlanken, unbeweglichen, vom Mondschein übergossenen Gestalt Wjeras nicht loszureißen vermochte.

Er fühlte diese Schönheit gleichsam in den Nerven, und sie schmerzte ihn. Wider Willen sog er sich mit den Blicken an ihr fest.

Sie bewegte sich und machte ihm ein Zeichen mit dem Kopfe, er solle näher kommen. Seine Schwachheit verwünschend, ging er langsam, Schritt für Schritt, zu ihr hin. Sie schlüpfte, als er eben an sie herangekommen war, in die dunkle Allee, und er folgte ihr.

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10 aralık 2019
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1300 s. 1 illüstrasyon
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