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Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 56

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»Was willst du von mir, Wjera? Warum läßt du mich nicht in Ruhe? In einer Stunde fahre ich ab! . . .« sagte er schroff und kalt, während er hinter ihr herging.

»Daß Sie es nicht wagen! Ich will es nicht!« sagte sie und faßte mit kräftigem Druck seine Hand. »Sie sind mein Sklave, Sie müssen mir dienen . . . Auch Sie haben mich nicht in Ruhe gelassen!«

Ein Schauder der Leidenschaft überkam ihn plötzlich. Er fühlte, wie seine Knie sich unwillkürlich zu beugen suchten, und er hörte eine Stimme in seinem Innern rufen: »Ja, ich bin dein Sklave, du brauchst nur zu befehlen! . . .«

Und er hätte niedersinken und in leidenschaftlichem Ausbruch zu ihren Füßen aufschluchzen mögen.

»Ich bedarf Ihrer,« flüsterte sie. »Sie baten mich um Qualen und Schmerzen – wohl, ich werde sie Ihnen geben! ›Das ist Leben!‹ sagten Sie – wohlan, da haben Sie das Leben! Dulden Sie nur, und auch ich werde dulden, gemeinsam wollen wir dulden . . . Die Leidenschaft ist so schön: sie zieht ihre Spur durchs ganze Leben, und diese Spur nennen die Menschen Glück! . . . Wer ist es, der das alles gepredigt hat? Und jetzt wollen Sie fliehen? Nein! Bleiben Sie, wir wollen uns gemeinsam in diesen Abgrund stürzen! ›Das ist Leben – nur das allein ist Leben!‹ sagten Sie – wohlan denn, so wollen wir leben! Sie haben mich lieben gelehrt, Sie waren mein Lehrmeister in Sachen der Leidenschaft, Sie haben mich unterrichtet . . .«

»Du gehst zugrunde, Wjera!« sagte er, voll Entsetzen zurückweichend.

»Wohl möglich,« sagte sie, gleichsam einen Rausch von sich abschüttelnd und sich besinnend. »Doch was schadet das? Was geht Sie das an? Ist’s nicht ganz gleich? Sie wollten das doch! ›Nur in die lebendigen Organismen hat die Natur die Leidenschaft gelegt‹, haben Sie behauptet – ›die Leidenschaft ist schön!‹ . . . Da haben Sie sie, schwelgen Sie in ihrem Anblick! . . .«

Sie atmete mit kräftigen Zügen die frische Abendluft ein.

»Aber ich habe dich doch auch vor der Leidenschaft gewarnt, ich habe sie einen reißenden Wolf genannt . . .« suchte er sich zu rechtfertigen, während er, von Grauen erfaßt, dieses hilflose, offene Bekenntnis vernahm.

»Nein, sie ist schlimmer als ein Wolf – sie ist ein Tiger. Ich hatte es nicht geglaubt, jetzt aber glaube ich es. Erinnern Sie sich der Gravüre im Kabinett des alten Hauses: ein Tiger fletscht dort die Zähne nach dem Amor, der auf seinem Rücken sitzt . . . Ich hatte nie verstanden, was das eigentlich bedeutet, ich hatte es für einen phantastischen Unsinn gehalten – jetzt aber verstehe ich es. Ja, die Leidenschaft ist wie ein Tiger: zuerst hält sie still und leidet es, daß man sich ihr auf den Rücken setzt, dann aber brüllt sie und fletscht die Zähne . . .«

Durch Raiskis Hirn zuckte plötzlich der Gedanke, daß er vielleicht jetzt den geheimnisvollen Namen, das »Wer?« erfahren könnte. Er griff lebhaft ihren Vergleich der Leidenschaft mit dem Tiger auf.

»Bei uns im Norden gibt es keine Tiger, Wjera, der Vergleich hinkt also ein wenig,« sagte er. »Ich glaube, daß mein Vergleich zutreffender ist: dein Idol ist ein Wolf!«

»Bravo, ja, ja!« versetzte sie rasch mit nervösem Lachen – »ein richtiger Wolf: so reichlich man ihn auch füttert, immer schielt er nach dem Walde!«

Und plötzlich schwieg sie wie in Verzweiflung.

»Ihr alle seid wilde Tiere,« sagte sie nach einem Weilchen aufseufzend. »Er ist ein Wolf. . .«

»Wer – er?« fragte Raiski leise.

»Tuschin ist ein Bär,« fuhr sie, ohne seine Frage zu beantworten, fort – »ein richtiger russischer Bär, so ehrlich, so anstellig . . .«

»Ah! Dann ist’s also nicht Tuschin?« dachte Raiski.

»Ich kann ihm die Hand auf den zottigen Schädel legen,« fuhr sie fort – »und kann ruhig schlafen: er wird mich nicht verraten, nicht hintergehen . . . Er wird mir sein Leben lang dienen . . .«

»Und wer bin ich?« fragte Raiski plötzlich, ein wenig munterer werdend.

Sie sah ihm aus nächster Nähe arglistig in die Augen und zögerte mit der Antwort.

»Ich sehe, du willst sagen: ein Esel! Immer sag’ es, Wjera, tu dir keinen Zwang an!«

»Sie? Ein Esel?« sagte sie mit verhaltenem Spott, während sie langsam um ihn herumging und ihn von allen Seiten musterte.

»Was sollte ich sonst sein?« sagte Raiski naiv. »Ich dulde alles, was du mit mir beginnst – alles ertrag’ ich, und wackle dazu mit den Ohren.«

»Sie sind durchaus kein Esel – sondern ein Fuchs, so geschmeidig, so listig; Sie wollen mich in Ihren Bau locken . . . ganz leise, ganz klug und verschlagen . . .«

Er verstand den Sinn ihrer Worte nicht und schwieg.

»Nun, so reden Sie doch, warum schweigen Sie?« sagte sie und zog ihn am Ärmel.

»Es gibt ein Mittel gegen diese Wölfe . . .« meinte er.

»Was für eins?«

»Daß ich – abreise, und daß du – nicht mehr dorthin gehst . . .« Er zeigte nach der Schlucht.

»Leihen Sie mir die Kraft, nicht mehr dorthin zu gehen!« sprach oder schrie sie vielmehr. »Sie tragen doch nun ganz dasselbe Leid wie ich – wohlan, so versuchen Sie doch morgen einmal, im Zimmer zu bleiben, wenn ich allein im Garten spazieren gehe! . . . Doch nein, Sie werden drin bleiben: Sie haben sich Ihre Leidenschaft nur erdichtet, Sie wissen über sie nur schön zu reden. Sie verführen die Weiber nur und spielen mit ihnen. Sie sind ein Fuchs, ein Fuchs! Warten Sie, dafür sollen Sie mir noch ganz anders büßen!« sagte sie mit erzwungenem Lächeln, scheinbar im Scherz, doch dabei mit fieberndem Glühen, während sie mit den schmalen Fingern wieder nach seiner Schulter griff.

Mit beklommenem Herzen lauschte er nach ihr hin.

»Darum also hast du noch gewartet – um mir das zu sagen?« fragte er nach einer Weile.

»Ja, darum! Damit Sie in Zukunft nicht wieder mit der Leidenschaft scherzen, und damit Sie mich anweisen, was ich jetzt tun soll, Sie – Lehrmeister! . . . Nun, da Sie das Haus angezündet haben, laufen Sie fort! Die Leidenschaft ist schön, immer liebe du, Wjera, schäm’ dich ihrer nicht! Wer hat mir das gepredigt? Etwa Vater Wassilij?«

»Ich verstand darunter die Leidenschaft, die erwidert wird,« suchte er sich schüchtern zu verteidigen. »Die Leidenschaft ist schön, wenn sie gegenseitig ist, wenn beide Teile es ehrlich miteinander meinen – dann ist die Leidenschaft kein Übel, sondern ein hohes, hehres Glück, das fürs ganze Leben ausreicht! Solche Leidenschaft weiß nichts von Lüge, von Betrug. Wenn der eine Teil die Leidenschaft nicht mehr erwidert, dann wird er den andern nicht unnütz hinziehen, wird nicht ins Dunkel flüchten und durch Treulosigkeit das Leben des andern Teils vergiften, sondern sich mutig offenbaren und in aller Ehrlichkeit und Offenheit, wie das Schicksal selbst, den unvermeidlichen Schlag führen und die Trennung vollziehen . . . Dann wird es keine Stürme geben, sondern nur ein Feuer, das die Wunden heilt . . .«

»Es gibt keine Leidenschaft ohne Stürme – oder es ist eben keine Leidenschaft!« rief Wjera aus. Und nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Nicht auf die Ehrlichkeit oder Unehrlichkeit kommt es an, es gibt auch noch andere Klippen, andere Momente, die aus der Leidenschaft das Unheil erwachsen lassen. Reden wir einmal von mir: ich liebe, und ich werde wieder geliebt, niemand denkt an Lüge und Täuschung. Und doch zerreißt mich die Leidenschaft . . . Belehren Sie mich: was soll ich tun?«

»Sprich mit der Großtante . . .« sagte er, vor Furcht erbleichend – »oder ich sage es ihr . . . Gib mir mein Ehrenwort zurück, Wjera!«

»Um Gottes willen nicht! Schweigen Sie und hören Sie mich an! Ah – jetzt wollen Sie es der Großtante sagen, wollen mich einschüchtern, mich beschämen!: . . Und wer war es denn, der mir sagte, ich brauche nicht auf sie zu hören, brauche mich nicht zu schämen? Wer hat sich über ihre Moral lustig gemacht?«

»Sag’ mir, Wjera – was ist mit dir? Du wirfst mir zuweilen einen Brocken hin und flüchtest dich dann wieder hinter den Schleier des Geheimnisses. Ich taste im Dunklen, weiß nicht, woran ich bin . . . sonst würde ich vielleicht ein Mittel finden . . .«

»Sie wissen nicht, was mit mir ist, Sie tasten im Dunklen – kommen Sie einmal mit, dahin!« sagte sie. Sie führte ihn aus der Allee heraus und blieb stehen. Der Mond schien ihr gerade ins Gesicht. »Da, nun sehen Sie einmal, was mit mir ist!«

Sein Herz zog sich qualvoll zusammen: er erkannte die frühere Wjera nicht wieder. Ihr Gesicht war bleich und mager, die Augen hatten einen bösen Glanz und blickten wie irre, während die Lippen fest aufeinander gepreßt waren. Von ihrem Kopfe fielen unter dem Tuch hervor zwei oder drei Haarsträhnen wirr auf Stirn und Schläfen, wie bei einer Zigeunerin, und bedeckten ihr, wenn sie sich bewegte, Augen und Mund. Die mit weißem Schwan eingefaßte Atlasmantille hing locker, durch die seidene Schnur kaum zusammengehalten, um ihre Schultern.

»Nun?« sagte sie, das Haar aus dem Gesichte schüttelnd – »Erkennen Sie Ihre Wjera wieder? Wo ist die Schönheit geblieben, der Sie Ihre Hymne gesungen haben?«

Sie lächelte kläglich, bedeckte für einen Augenblick ihr Gesicht mit der Hand und schüttelte den Kopf.

»Was kann ich tun, Wjera?« sagte er leise und blickte auf ihr mageres Gesicht und die in Fieberglut glänzenden Augen. »Sag’ es mir, ich bin bereit, für dich zu sterben . . .«

»Sterben, sterben! Was soll mir das? Helfen Sie mir lieber, daß ich leben kann, und geben Sie mir jene schöne Leidenschaft, deren beglückende Spur sich durch das ganze Leben zieht . . . Geben Sie mir dieses Leben, wo ist es? Ich sehe nichts als den Tiger, der die Zähne fletscht . . . Reden Sie, belehren Sie mich, oder geben Sie mir die Kraft zurück, die ich einst besaß! Doch Sie wollen alles der Großtante sagen! Sie wollen sie und mich ins Grab bringen! . . . Ist das das rechte Heilmittel, wie? Oder lehren Sie mich, wie ich es anfangen soll, daß ich nicht mehr dorthin, nach der Schlucht gehe . . . Doch dazu ist’s zu spät!«

»Sag’ mir, wen du liebst! Erzähle mir die näheren Umstände, nenne mir den Namen! . . .«

»Wen ich liebe? Nun – Sie!« sagte sie voll Bosheit, warf das Haar, das ihr von neuem ins Gesicht geglitten war, wieder zurück und zog die Mantille fester um ihre Schultern.

Er fürchtete sich, auch nur ein Wort zu sagen oder sich zu rühren – die Hände auf dem Rücken, stand er an einen Baum gelehnt da, während sie mit hastigen, ungleichmäßigen Schritten auf und ab ging. Dann blieb sie, tief Atem holend, stehen.

»Sie ist geisteskrank!« flüsterte er entsetzt vor sich hin. Sie setzte sich auf die Bank und versank in stilles Brüten.

»Was ist mit Ihnen?« sprach sie dann, ein wenig zur Besinnung kommend, wie für sich.

»Du hast selbst von der Freiheit geträumt, Wjera, du hast dich versteckt – vor mir, wie vor der Großtante, du wolltest die Unabhängigkeit. Ich habe dich nur in deiner Gedankenrichtung unterstützt, denn sie ist auch die meinige. Warum wirfst du nun diesen schweren Stein nach meinem Haupte?« suchte er sich leise zu verteidigen. »Nicht ich allein, auch die Großtante fürchtete sich, dir nahe zu kommen . . .«

Sie seufzte tief auf; dann trat sie auf ihn zu, lehnte ihren Kopf an seine Schulter und sagte leise:

»Ja, ja . . . hören Sie nicht auf mich! Nur meine Nerven sprachen aus mir, sie . . . sind so angegriffen. Was heißt Leidenschaft? Es existiert überhaupt keine Leidenschaft! Ich habe mit Ihnen gescherzt . . . wie Sie mit mir . . .«

»Du glaubst noch immer, daß ich gescherzt habe?« sagte er leise.

Sie versuchte zu lächeln und ergriff seine Hand.

»Fühlen Sie meine Stirn an,« sagte sie sanft – »wie sie glüht! . . . Seien Sie mir nicht böse, seien Sie ein wenig lieb zu Ihrem armen Schwesterchen! Das wird alles vorübergehen: . . . Der Arzt meinte, solche Anfälle kämen bei Frauen öfters vor . . . Ich schäme mich selbst, daß ich so schwach bin, ich bin mir selbst zuwider . . .«

»Was ist mit dir, meine arme Wjera? Sag’ es mir! . . .«

»Nichts . . . Führen Sie mich nun nach Hause, helfen Sie mir die Treppe hinauf – ich fürchte mich vor etwas . . . Ich will mich hinlegen . . . verzeihen Sie, daß ich Sie beunruhigt habe . . . daß ich Sie hierher zurückrief. Sie wären abgereist und hätten mich vergessen. Ich habe einfach das Fieber . . . Sie sind mir nicht böse?« sagte sie zärtlich.

Er reichte ihr eilig den Arm, führte sie, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Garten hinaus und brachte sie über den Hof nach ihrem Zimmer. Dort zündete er die Kerze an.

»Rufen Sie Marina, oder Mascha – es soll jemand mit mir im Zimmer schlafen . . . Nur Tantchen darf nicht ein Wort davon erfahren! . . . Das ist alles nur Überreizung . . . Sie würde erschrecken . . . würde gleich hergelaufen kommen . . .«

Er hörte ihr ängstlich, in Nachdenken versunken, zu.

»Warum schweigen Sie denn immer, warum sehen Sie mich so sonderbar an?« sprach sie, ihm unruhig mit den Augen folgend. »Ich habe da im Fieber Gott weiß was zusammengeschwatzt . . . Ich wollte Sie nur ein wenig ärgern . . . wollte mich rächen für Ihre Neckereien . . .« fügte sie hinzu und bemühte sich zu lächeln. »Nur der Großtante kein Wort sagen, hören Sie? Sagen Sie, ich hätte mich hingelegt, um morgen ganz früh aufzustehen, und bitten Sie sie . . . die Abwesende zu segnen . . . hören Sie?«

»Ja, ja, ich höre,« antwortete er zerstreut, nahm von ihr Abschied und schickte Mascha in ihr Zimmer.

Neuntes Kapitel

Am nächsten Morgen erwartete Raiski mit Spannung das Erwachen Wjeras. Er hatte seine eigene Leidenschaft vergessen, seine Phantasie verharrte in schüchternem Schweigen, und seine ganze seelische Energie konzentrierte sich in der Beobachtung dieser fremden Leidenschaft, die, wie er meinte, gleich einer schillernden, ihre Giftzähne weisenden Schlange aus Wjera herausschaute.

Er war nachdenklich und in sich gekehrt, suchte den fragenden Blicken der Großtante auszuweichen und verwünschte sich selbst darum, daß er Wjera das Ehrenwort gegeben, niemandem, am wenigsten Tatjana Markowna, ein Wort zu sagen, wodurch er selbst in eine recht peinliche Lage geriet.

Tatjana Markowna aber hatte schon mehrmals mit ihm über Wjera zu reden begonnen.

»Mit Wjera ist etwas nicht in Ordnung,« hatte sie kopfschüttelnd gesagt.

»Was denn?« fragte Raiski obenhin und bemühte sich, dabei gleichgültig zu bleiben.

»Sie gefällt mir nicht, es ist noch schlimmer als neulich: sie geht so düster umher, so schweigsam, und manchmal scheint es mir, als habe sie Tränen in den Augen. Ich habe mit dem Arzte gesprochen – der kommt mir wieder mit den Nerven. Irgendwelche Anfälle müssen es sein, oder sonst was . . .«

Die Großtante beendete ihre Rede nicht und schwieg nachdenklich.

Raiski aber wartete voll Ungeduld, ob Wjera nicht endlich kam. Schließlich, ganz spät, erschien sie. Ein kleines Mädchen trug ihr den warmen Mantel, den Hut und die Schuhe mit den Doppelsohlen nach. Sie wünschte Tantchen einen guten Morgen, bat um Kaffee, aß mit Appetit ein paar Zwiebäcke und erinnerte Raiski daran, daß sie zusammen Einkäufe in der Stadt und dann einen Spaziergang übers Feld und durch den Hain machen wollten.

Sie benahm sich ganz so, als sei gar nichts vorgefallen. Von ihrem gestrigen Benehmen war nur eine gewisse Ungebundenheit in den Bewegungen und eine ihr sonst nicht eigene Hast im Sprechen übrig geblieben. Sie tat sich offenbar Zwang an, um ihre nervöse Aufregung zu verbergen.

Sie begann sogar mit Paulina Karpowna, die unerwartet im Kabinett der Großtante erschien, über allerhand Toilettenangelegenheiten zu reden. Paulina Karpowna hatte verschiedene moderne Schnittmuster mitgebracht, nach denen für Marsinkas Aussteuer Kleider genäht werden sollten; in Wirklichkeit war’s ihr mehr darum zu tun, zu hören, ob Boris Pawlowitsch schon zurück sei.

Sie wollte um jeden Preis ein Gespräch unter vier Augen mit ihm herbeiführen und suchte einen passenden Moment zu erhaschen, um sich neben ihn setzen zu können. Endlich gelang es ihr, und sie fragte ihn, ob er ihr nicht nirgend etwas ohne Zeugen zu sagen habe.

Sie sah ihn mit müdem Blicke an, suchte seinen Augen zu begegnen und begann leise: »Je comprends: dites tout! Du courage!«

»Hol« dich der Teufel!« dachte er, runzelte die Stirn und rückte von ihr ab.

Endlich zog Wjera ihren Paletot an, nahm seinen Arm und sagte: »Gehen wir!«

Die Krizkaja wollte durchaus mit ihnen gehen, aber Wjera suchte sie loszuwerden, indem sie sagte: »Wir gehen zu Fuß und haben einen weiten Weg, und Sie, liebe Paulina Karpowna, haben diese lange Schleppe und sind überhaupt für einen Spaziergang viel zu elegant angezogen . . . Draußen ist es feucht . . .«

Und so gingen sie denn ohne Paulina Karpowna fort. Raiski schwieg und beobachtete Wjera, während sie sich bemühte, recht natürlich zu erscheinen, und über das Wetter, über Bekannte, denen sie begegneten, über irgendein frisch renoviertes Haus, das noch vor kurzem ganz verfallen ausgesehen, ihre Bemerkungen machte. Sie erzählte, daß im Winter der Saal der Adelsversammlung neu ausgemalt werden sollte, daß die große Verkaufshalle ein Dach aus Eisenblech bekommen würde, und sie blieb sogar stehen, um zuzuschauen, wie an einer Stelle die Straße neu aufgeschüttet wurde.

Sie schien sogar recht zufrieden mit diesem Spaziergange durch die Stadt, der ihr um so gebotener erschien, als man sie schon lange nicht mehr gesehen hatte und die Leute Gott weiß was denken konnten.

Raiski erwiderte kein Wort auf ihre anscheinend so ungezwungenen Bemerkungen, hinter denen er ganz andere Dinge vermutete.

»Vielleicht war es unrecht von mir, daß ich Sie der Gesellschaft Paulina Karpownas beraubt habe?« bemerkte sie, um ihn aus seinem Schweigen herauszulocken.

Er zuckte ärgerlich die Achseln.

»Ich scherze nur,« sagte sie, einen aufrichtigeren Ton anschlagend. »Ich will, daß Sie den Tag mit mir verbringen sollen, oder noch besser: mehrere Tage, bevor Sie abreisen. . .« fuhr sie fast schwermütig fort. »Lassen Sie mich nicht allein, entziehen Sie mir Ihre Gesellschaft nicht . . . Sie werden bald abreisen – dann habe ich niemanden!«

»Ich fürchte, Wjera, daß ich dir gar nicht nützen kann, eben darum, weil ich nichts weiß. Ich sehe nur, daß du in irgendein Drama verwickelt bist, und daß die Katastrophe entweder schon eingetreten ist oder bald eintreten muß . . .«

Sie zuckte zusammen.

»Was ist dir?« fragte er besorgt.

»Es ist so frisch draußen, ich friere,« sagte sie, die Schultern bewegend. »Was für ein Drama? Ich bin nicht ganz gesund, bin verstimmt. Der Herbst ist da, und im Herbst zieht sich der Mensch, wie alle Tiere, gleichsam in sich selbst zurück. Auch die Vögel sind schon fort – sehen Sie doch die Kraniche da oben!« sagte sie und zeigte nach einer krummen Linie von schwarzen Punkten, die hoch über der Wolga in der Luft hinzog. »Wenn alles ringsum düster und bleich und traurig wird, ist auch die Seele traurig gestimmt . . . nicht wahr?«

Sie wußte selbst, daß er sich mit solchen Reden nicht leicht abspeisen ließ, und redete nur, um nicht die Wahrheit sagen zu müssen.

Er schwieg und suchte immer und immer wieder nach dem Schlüssel des Rätsels.

»Ich möchte dich etwas fragen, Wjera . . .« begann er.

»Was denn?« unterbrach sie ihn voll Unruhe und fügte, ohne seine Antwort abzuwarten, hinzu: »Gut, fragen Sie, aber nicht heute – vielleicht in ein paar Tagen . . . Um was handelt es sich denn?«

»Um die Briefe, die du an mich geschrieben hast . . .«

»Ja – was ist mit ihnen?«

»Erinnerst du dich, daß du mir schriebst, du teilest meine Auffassung von der Ehre . . .«

Sie dachte nach, und es schien, daß sie sich zu erinnern suche.

»Ja . . . ja . . . gewiß, natürlich . . . Ich schrieb das . . . nun, also was?«

Er sah sie durchdringend an.

»Hast du diesen Brief geschrieben?«

»Wer denn sonst?« versetzte sie plötzlich lebhaft – gewiß habe ich ihn geschrieben . . . Hören Sie,« fügte sie dann hinzu – »lassen wir diese Auseinandersetzungen, wie ich Sie schon bat, für ein anderes Mal. Ich bin krank und schwach . . . Sie waren gestern Zeuge dieses Anfalles . . . Ich weiß jetzt nicht einmal mehr genau, was ich Ihnen schrieb, ich bringe alles durcheinander . . .«

»Gut, lassen wir es für ein nächstes Mal!« sagte er mit einem Seufzer. »Aber sag’ mir wenigstens, wozu du mich brauchst? Warum hältst du mich hier zurück? Warum willst du, daß ich noch bleiben, daß ich diese Tage mit dir zubringen soll?«

Sie stützte ihren Arm fest auf den seinigen, schmiegte sich an seine Schulter und bat ihn mit den Augen, doch nicht weiter in sie zu dringen.

»Du liebst mich doch nicht! Du weißt, daß ich an dein kokettes Spiel nicht glaube – und so viel Achtung wirst du wohl vor mir haben, daß du mich nicht geradezu zum Narren machst . . . Ich sehe doch, wenn mein Geist unbefangen ist, wenn ich nicht im Fieber bin, daß du deinen Scherz mit mir treibst: warum geschieht das?«

Sie preßte heftig seinen Arm an sich und bat wiederum mit den Augen, sie nicht weiter zu fragen.

»Das eine darf ich doch wenigstens fragen – was soll ich dir? Es kann dir doch nicht entgehen, wie sehr mich das alles erregt und peinigt, diese Leidenschaft, diese ewigen Schläge, die du meinem Herzen, meiner Eigenliebe versetzst . . .«

»Ja, Ihrer Eigenliebe . . .« wiederholte sie zerstreut.

»Gut, sagen wir: Eigenliebe, streiten wir nicht darüber, was Eigenliebe, und was das sogenannte ›Herz‹ ist. Aber du mußt mir doch sagen, was ich dir eigentlich soll? Es ist mein gutes Recht, dich danach zu fragen, und es ist deine Pflicht, mir offen und ehrlich auf diese Frage zu antworten, wenn du nicht willst, daß ich dich für falsch, für boshaft halte. . . .«

Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken und ging weiter, während er ihre Antwort erwartete.

»Lassen wir das jetzt . . .«

»Auch das sollen wir lassen? Nein, davon gehe ich nicht ab!« sagte er in zorniger Aufwallung und entriß ihr heftig seinen Arm. »Du spielst mit mir wie die Katze mit der Maus! Ich gestatte dir das nicht mehr – genug der Scherze! Deine eignen Geheimnisse kannst du für dich behalten, solange du willst, ja du brauchst mir sie überhaupt nicht zu enthüllen. Was jedoch mich betrifft, so erwarte ich eine sofortige Antwort von dir. Was soll ich dir hier? Welche Rolle hast du mir zugeteilt, und warum soll ich sie spielen?«

»Sie haben diese Rolle selbst gewählt, Bruder . . .« entgegnete sie sanft und blickte zu Boden. »Sie baten mich, ich solle Sie nicht fortschicken . . .«

In ohnmächtigem Ärger über ihren berechtigten Vorwurf trat er zur Seite und ging, breit daherschreitend, durch den Straßenkot weiter, während sie ihren Weg auf dem Holztrottoir fortsetzte.

»Seien Sie mir nicht böse, Bruder, kommen Sie hierher! Ich habe Sie nicht etwa zurückgehalten, um Sie zu kränken – nein!« flüsterte sie, ihn zu sich heranwinkend. »Kommen Sie hierher, zu mir!«

Er reichte ihr wieder den Arm.

»Ich bitte Sie nur um eins – sprechen Sie jetzt nicht von dieser Sache, regen Sie mich nicht auf, damit es mir nicht wieder so geht wie gestern! . . . Sie sehen, ich halte mich kaum auf den Beinen . . . sehen Sie mich doch an, fassen Sie meine Hand an!«

Er nahm ihre Hand – sie war bleich und kalt, und das blaue Geäder trat deutlich hervor. Ihr Hals und ihre Taille waren schmächtiger geworden, ihr Gesicht hatte die lebhafte Farbe verloren, es machte den Eindruck der Schwäche und Traurigkeit. Er vergaß wieder seine eigne Person und empfand einzig Mitleid mit ihr, der so schwer Geprüften.

»Ich will nicht, daß man zu Hause meinen Zustand bemerke . . . Ich bin sehr schwach . . . schützen Sie mich! . . .« flehte sie ihn an, und ihre Augen füllten sich sogar mit Tränen.

»Behüten Sie mich . . . vor mir selbst! . . . Kommen Sie, sobald es dämmert, so gegen sechs Uhr nachmittags, zu mir hinüber. . . . ich werde Ihnen dann sagen, warum ich Sie zurückgehalten habe . . .«

»Verzeih mir, Wjera – auch ich bin nicht mehr Herr meiner selbst!« sagte er, tief gerührt durch ihren Kummer, und drückte ihr die Hand. »Ich sehe, daß du schwere Qualen erduldest – und ich weiß nicht, was dich quält . . . Doch ich werde nicht fragen . . . ich will und muß deinen Schmerz schonen – obschon es mir schwer wird und ich selbst darunter leide. Ich werde also kommen, du kannst auf mich rechnen . . .«

Sie erwiderte seinen Händedruck lebhaft und flüsterte:

»Ich werde Ihnen alles sagen . . . wenn ich die Kraft dazu besitze . . .«

Ein Gefühl der Bangigkeit, eine schlimme Vorahnung beschlich ihn.

Sie kamen an den Läden vorüber. Wjera machte für sich und Marsinka Einkäufe und unterhielt sich dabei ungezwungen und lebhaft mit den Ladeninhabern, wie sie es auch mit den Bekannten, die ihnen begegneten, getan hatte. Mit diesen war sie sogar auf der Straße stehen geblieben, um sich über allerhand kleine, alltägliche Angelegenheiten zu unterhalten. Dann machte sie einem kleinen Patenkinde, dem Töchterchen einer Kleinbürgerin, einen Besuch und übergab der Mutter den Kleiderstoff, den sie für Kind und Mutter gekauft hatte. Als hierauf Raiski einen Besuch bei Koslow vorschlug, ging sie bereitwillig darauf ein. Sie betraten eben den Torweg des Hauses, als plötzlich aus der Seitenpforte Mark Wolochow heraustrat. Er nickte Raiski nur flüchtig zu, gab auf die Fragen, wie es Leontij gehe, gar keine Antwort und eilte, Wjera kaum ansehend, mit raschen Schritten durch die Seitengasse davon.

Wjera hatte einen Augenblick wie festgebannt dagestanden, doch faßte sie sich sogleich und eilte mit raschen Schritten, an Raiski vorüber, die Treppe hinauf.

»Was ist mit ihm?« fragte Raiski, während er Mark nachblickte – »kein Wort hat er geantwortet, und wie er gleich losrannte! Und auch du bist erschrocken: ist er es am Ende, der dort immer schießt? Ich habe ihn dort schon mit seiner Büchse getroffen,« fügte er scherzend hinzu.

»Natürlich – wer soll es sonst sein?« sagte Wjera munter, ohne sich umzuwenden, während sie Koslows Zimmer betrat.

»Nein, nein,« dachte Raiski – »dieser zerlumpte, herumlungernde Zigeuner sollte ihr Idol sein? Nein, tausendmal nein! Übrigens . . . warum nicht? Die Leidenschaft ist grausam, sie macht den Menschen blind. Sie fragt nicht nach den Sitten und Anschauungen der Menschen, sie unterwirft sie ihrer ungezügelten Laune. Aber Wjera hatte doch keine Gelegenheit, sich diesem Mark zu nähern! Sie fürchtet sich vor ihm, wie alle Welt sich vor ihm fürchtet.«

Koslow ging noch immer ganz ebenso wie gestern mit schwankenden Schritten, als sei er berauscht, von einer Ecke zur andern, verhielt sich schweigsam, wenn jemand ihn besuchte, und schüttete nur vor Raiski sein Herz aus. Er war so mutlos, so willensschwach und verzagt, klagte nur leise murrend sein Leid, horchte auf jedes draußen vorüberrasselnde Fuhrwerk, lief erregt nach der Tür und kam jedesmal ganz verzweifelt zurück.

Als Raiski und Wjera ihn erneut aufforderten, zu ihnen überzusiedeln, schwieg er; er hörte kaum hin, oder sagte nur: »Ja, ja, später . . . in zwei, drei Wochen . . .«

»Vielleicht nach Marsinkas Hochzeit?« sagte Wjera.

»Ja, nach der Hochzeit, nach der Hochzeit,« wiederholte Leontij mechanisch. »Ich danke sehr, ja . . . vorläufig aber bleibe ich noch hier . . . Ich danke herzlich . . .«

Er starrte plötzlich Wjera an und schien verwundert, sie bei sich zu sehen. »Wjera Wassiljewna!« sagte er ganz verwirrt. »Weißt du auch, Boris Pawlowitsch,« fuhr er, zu Raiski gewandt, fort – »wer außer mir noch deine Bücher gelesen und mir beim Ordnen geholfen hat? . . .«

»Wer denn?« fragte Raiski.

Doch Koslow hörte seine Gegenfrage nicht: er war bereits wieder in der andern Ecke des Zimmers und lauschte nach der Straße hinaus. Dann öffnete er plötzlich das Luftpförtchen des Fensters und steckte den Kopf hinaus. »Wer rief da eben? . . . War’s nicht eine Frauenstimme?« sagte er ganz erschrocken und horchte gespannt, mit weit geöffneten Augen, hinaus.

»Leinwand! Schöne Leinwand! Alle Sorten Zwirn!« ließ sich die durchdringende Stimme einer Hausiererin von weitem vernehmen. Koslow schlug ärgerlich das Luftpförtchen zu.

»Wer hat denn die Bücher gelesen?« wiederholte Raiski seine Frage.

Doch Koslow hörte wieder nicht, sondern setzte sich aufs Bett und ließ den Kopf hängen. Wjera flüsterte Raiski zu, daß es ihr peinlich sei, Leontij Iwanowitsch in diesem Zustande zu sehen, und so verabschiedete sie sich von ihm.

»Ich wollte dir noch etwas sagen, Boris Pawlowitsch,« sagte Koslow nachdenklich – »doch ich hab’s vergessen . . .«

»Du meintest, es habe noch jemand meine Bücher gelesen . . .«

»Ganz recht . . . da sitzt dieser Jemand!« sagte Leontij plötzlich, während er auf Wjera zeigte.

Raiski blickte nach ihr hin; sie sah eben zum Fenster hinaus und zog ihn am Ärmel.

»Gehen wir, gehen wir!« sagte sie und eilte auf die Straße hinaus.

Sie kamen zu Hause an. Wjera übergab einen Teil der Einkäufe der Großtante, das übrige ließ sie nach ihrem Zimmer bringen. Dann forderte sie Raiski auf, mit ihr einen Spaziergang durch den Hain, durch die Felder und an die Wolga hinunter zu machen.

»Gehen wir dorthin!« sagte sie, nach irgendeinem Hügel zeigend, und kaum hatten sie das Ziel erreicht, als sie ihn sogleich wieder nach einem andern Punkte mit sich zog, der eine besonders schöne Aussicht auf den gewundenen Lauf der Wolga haben sollte. Im nächsten Augenblick aber watete sie schon wieder durch den Ufersand, in dem ihre Füße bis an die Knöchel versanken.

Sie schaute in die Ferne, zeigte Raiski ein Schiff, das ganz weit hinten dahersegelte, und lief dabei hastig, mit ungleichmäßigen, unsicheren Schritten, häufig stehenbleibend, tief Atem schöpfend und die überfallenden Haarsträhnen aus dem Gesicht schüttelnd, weiter und weiter.

»Warum machst du dich so müde, Wjera? Du bist doch so schwach!« sagte er.

»Ich habe einen ganz merkwürdigen Durst . . . Lust möchte ich trinken!« sagte sie und wandte ihr Gesicht nach der Seite, von der der Wind herblies.

»Sie mutet sich zu viel zu . . . sammelt die letzten Kräfte!« flüsterte er still vor sich hin.

Er brachte sie nach Hause, wo man bereits mit dem Mittagessen auf beide wartete.

»Um sechs Uhr also!« ging es ihm durch den Kopf, und er erwartete mit Ungeduld den Abend.

Nach dem Mittagessen war er im Salon vor Müdigkeit eingeschlafen und erwachte erst, als es bereits sechs Uhr geschlagen hatte und die Dämmerung hereingebrochen war.

Er ging zu Wjera, traf sie jedoch nicht zu Hause an. Marina sagte, das gnädige Fräulein sei zur Abendmesse gegangen, doch wußte sie nicht zu sagen, ob sie nach der Dorfkirche auf dem Berge oder nach der Vorstadt gegangen sei.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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