Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 59

Yazı tipi:

»Nein, das sind Sophismen. Ehrlich ist vielmehr, das Leben des andern zu nehmen und ihm dafür das eigne hinzugeben: so lautet mein Grundsatz, Mark! Und Sie kennen auch meine sonstigen Grundsätze . . .«

»Nun, jetzt sitzen Sie auf Ihrem Steckenpferd! Es ist also Ihr ›Grundsatz‹, daß eins dem andern wie ein Stein am Halse hängen soll . . .«

»Durchaus nicht wie ein Stein!« fiel sie ihm lebhaft ins Wort. »Die Liebe legt Pflichten auf, behaupte ich, wie das Leben auch sonst Pflichten auferlegt und es kein Leben ohne Pflichten gibt. Wenn Sie eine blinde alte Mutter hätten, würden Sie sie nicht führen, nicht für sie sorgen? Das ist sicher nichts Freudiges – aber ein ehrlicher Mensch hält es für seine Pflicht, die er treu und mit Liebe erfüllt!«

»Sie reflektieren wieder, Wjera, statt zu lieben!«

»Und Sie suchen vor der Wahrheit dessen, was ich sage, Ihre Augen zu verschließen! Ich reflektiere, weil ich liebe – ich bin eine Frau, und kein Tier, keine Maschine!«

»Ihre Liebe hat so etwas Zusammengedichtetes, Ausgeklügeltes . . . ganz wie in Romanen! . . . Sie will ohne Ende sein, ohne Grenzen! Aber ist es auch ehrlich, Wjera, ein solches Verlangen an mich zu stellen? Angenommen, ich hätte gar nicht von dieser ›Liebe auf Zeit‹ gesprochen, sondern ich reichte Ihnen einfach hüpfend und scherzend, wie Wikentjew, die Hand zum ›ewigen Bunde‹: was wollten Sie dann noch mehr? Daß Gott unsern Bund segne, wie Sie sagen – das heißt, daß ich mit Ihnen in die Kirche gehe und gegen meine Überzeugung öffentlich eine Zeremonie an mir vollziehen lasse . . . Ich glaube doch nun einmal nicht an die Kraft dieser Zeremonie, ich kann die Pfaffen nicht leiden; wäre es dann wohl logisch und ehrlich, daß ich es dennoch tue? . . .«

Sie erhob sich und warf die schwarze Mantille über den Kopf. »Wir sind hierhergekommen, um alle Hindernisse, die unserem Glücke im Wege stehen, zu beseitigen – und statt dessen vermehren wir sie nur! Sie greifen mit rauher Hand an Dinge, die mir heilig sind. Warum haben Sie mich gerufen? Ich dachte, Sie wollten endlich der alten, erprobten Wahrheit die Ehre geben, wir würden einander die Hand für immer zum Bunde reichen . . . Jedesmal kam ich in dieser Hoffnung hierher . . . und jedesmal wurde ich enttäuscht! Ich wiederhole, was ich schon immer gesagt habe: unsere Überzeugungen,« schloß sie mit leiser Stimme – »und unsere Empfindungen gehen allzuweit auseinander. Ich dachte, Ihr eigner Verstand würde es Ihnen sagen, wo das wahre Leben ist . . . und wo Ihr Platz sein sollte . . .«

»Nun – wo denn?«

»Im Herzen und an der Seite einer ehrenhaften Frau, die Sie liebte, deren Freund Sie sein würden . . .« Sie drückte durch eine Handbewegung ihre Verzweiflung aus, und die Tränen waren ihr nahe.

»Leben Sie Ihr Leben allein, Mark – ich vermag es nicht zu teilen . . . Es ist ohne Wurzeln . . .«

»Und die Wurzeln Ihres Lebens sind längst verfault, Wjera!«

»Mag sein,« sagte sie mit schwacher Stimme, während die Tränen nun wirklich in ihre Augen traten. »Ich will mit Ihnen nicht streiten, will Ihre Ansichten nicht durch Argumente und Erwägungen widerlegen. Ich besitze weder den Geist noch die Kraft dazu. Ich habe nur eine geistige Waffe, die ja schwach genug ist, aber den Vorzug hat, daß ich sie nicht aus Büchern, von andern, entliehen, sondern meiner eignen Erfahrung abgewonnen habe . . .«

Er machte eine Bewegung, als wollte er sie unterbrechen, sie sprach jedoch weiter.

»Ich dachte Sie mit dieser Waffe zu besiegen . . . Erinnern Sie sich noch, wie das alles sich entwickelt hat?« sagte sie sinnend, während sie einen Augenblick auf der Bank Platz nahm. »Ich hatte zuerst nur Mitleid mit Ihnen. Sie waren so allein und verlassen hier, niemand verstand Sie, alle gingen Ihnen aus dem Wege. Das Mitgefühl brachte mich auf Ihre Seite. Ich sah in Ihnen etwas Fremdartiges, Ungebundenes. Sie hatten so etwas Respektloses in Ihrem Denken, waren unvorsichtig im Gespräch, spielten mit dem Leben, verschwendeten Ihren Witz an unwürdige Dinge, glaubten an nichts und lehrten andere das Gleiche, setzten sich wie absichtlich allerhand Unannehmlichkeiten aus und prahlten mit Ihren Keckheiten. Aus reiner Neugier verfolgte ich Ihr Tun, erlaubte Ihnen, hierher zu kommen, sich mir zu nähern, lieh mir Bücher von Ihnen – ich sah Ihren Geist, sah eine gewisse Kraft . . . doch alles das schien mir dem Leben so abgekehrt . . . Und da setzte ich es mir in den Kopf – o, wie bereue ich es jetzt! – Sie das Leben wieder schätzen zu lehren . . . zuerst um meinetwillen, und dann um des Lebens selbst willen . . . Ich sagte mir: er soll Achtung gewinnen – zuerst vor mir, und dann auch vor anderem im Leben; er soll glauben lernen . . . zuerst mir, und dann vielleicht überhaupt . . . Ich wollte, daß Sie besser sein und höher stehen sollten als alle andern . . . Ich zankte Sie aus wegen all dieser Unordentlichkeiten . . .«

Sie seufzte tief auf und schwieg einen Augenblick, als ließe sie dieses ganze abgelaufene Jahr an ihrem Geiste vorüberziehen. »Sie widerstrebten meinem . . . Einflusse nicht . . .« fuhr sie dann fort – »und auch ich geriet unter den Ihrigen; Ihr Geist, Ihre kühne Art machte Eindruck auf mich, ich eignete mir verschiedene Ihrer . . . Sophismen an . . .«

»Und dann zogen Sie sich in Ihrer Angst auf Tantchens altbewährte Weisheit zurück. Warum haben Sie mich denn damals nicht laufen lassen, als ich Ihnen mit diesen Sophismen kam?«

»Es war zu spät. Ihr Schicksal hatte mein Herz tief ergriffen . . . Es war nicht allein dieses freudlose Leben, das ich Sie führen sah . . . es war auch Ihre Person, die mein Interesse gewonnen hatte . . . Ich nahm leidenschaftlich Ihre Partei . . . ich dachte, Sie würden um meinetwillen das Leben zu verstehen suchen . . . würden aufhören, so einsam umherzuschweifen, zum Schaden für sich selbst und ohne jeden Nutzen für die andern . . . Ich dachte, Sie würden . . .«

». . . ein tüchtiger Vizegouverneur oder Staatsrat werden . . .«

»Was haben hier Rang und Stand zu sagen? Nein – ein starker, der Allgemeinheit nützlicher Mensch . . .«

»Ein loyaler, gehorsamer Untertan – was nicht noch alles?«

»Und dann noch . . . ein Freund für mich, fürs ganze Leben, sehen Sie! Ich ließ mich von meiner Hoffnung verleiten . . . und das ist das Ziel, zu dem Sie mich hingeführt haben! . . .« fügte sie leise hinzu und blickte erschauernd um sich. »Was habe ich nun erreicht in diesem furchtbaren Kampfe? Daß Sie jetzt vor der Liebe, vor dem Glück, vor dem Leben . . . vor Ihrer Wjera fliehen!« sagte sie, während sie näher zu ihm hinrückte und ihre Hand auf seine Schulter legte. »Fliehen Sie nicht, blicken Sie mir in die Augen, hören Sie auf meine Stimme: in ihr ist Wahrheit! Fliehen Sie nicht, bleiben Sie, gehen wir zusammen dorthin, auf den Berg, in den Park . . . Dann gibt es morgen hier keine glücklicheren Menschen als uns beide . . . Sie lieben mich . . . Mark! Mark – hören Sie? Sehen Sie mir ins Gesicht . . .« Sie neigte ihr Gesicht vor und sah ihm aus nächster Nähe in die Augen.

Er erhob sich rasch von der Bank.

»Rücken Sie ab von mir, Wjera! . . .« sagte er, während er ihr seine Hand entzog und wie ein zottiges wildes Tier den Kopf schüttelte.

Er stand drei Schritte von ihr entfernt.

»Wir sind noch nicht zum Hauptpunkte gekommen,« sagte er.

»Sobald der erledigt ist, bin ich nicht abgeneigt, hier in diesen Landen zu verbleiben und mich weiter in Ihrer Gnade zu sonnen . . . Ich fliehe nicht vor Ihnen, Wjera – sondern vor Ihrer Zumutung, daß ich meine Überzeugungen abtun und mich so ohne weiteres zu andern Überzeugungen bekennen soll . . . Wenn ich dazu nicht imstande bin – was soll ich da tun, Wjera? Entscheiden Sie!«

»Ich habe sie doch nun einmal, diese andern Überzeugungen – was soll ich da tun?« fragte sie ihrerseits.

»Es ist leichter, solche angelernte Überzeugungen loszuwerden, als sie jemandem beizubringen, dem sie widerstreben . . .«

»Aber diese Überzeugungen sind doch das Leben selbst! Ich sagte Ihnen schon, daß ich in diesen Überzeugungen lebe, daß ich nicht anders leben kann . . . mithin . . .«

»Mithin . . .« wiederholte er – und beide erhoben sich. Beiden fiel es schwer, weiterzusprechen. Es schien, als hätten sie ihre Argumente erschöpft.

Sie wollte wieder die seidene Mantille über den Kopf werfen, doch kam sie damit nicht zustande: die Hand, in der sie die Mantille hielt, sank immer wieder zurück. Es blieb ihr nur noch eins übrig – fortzugehen, ohne noch einmal zurückzuschauen. Sie machte eine Bewegung, einen Schritt, und sank wieder auf die Bank zurück.

»Woher soll ich nur die Kraft nehmen zu diesem Kampfe? . . . Ich kann nicht fortgehen . . . und kann ihn auch nicht zurückhalten! Alles ist zu Ende!« dachte sie. »Und wenn ich ihn zurückhalte – was wird daraus entstehen? Nicht ein Leben in Gemeinschaft werden wir führen, sondern zwei verschiedene Leben – wie zwei Gefangene, die für immer durch ein Gitter getrennt sind . . .«

»Wir sind beide stark, Wjera,« sagte er finster – »darum quälen wir uns beide so ab, und darum trennen wir uns . . .«

Sie schüttelte verneinend den Kopf.

»Wenn ich stark wäre, würden Sie nicht so von hier fortgehen, sondern würden dorthin gehen, auf den Berg, und zwar nicht heimlich, sondern kühn und offen, auf meinen Arm gestützt. Kommen Sie! Wollen Sie, daß ich lebe, daß ich glücklich werde?« sprach sie plötzlich lebhaft, wie in neu aufkeimender Hoffnung, und trat auf ihn zu. »Es kann nicht sein, daß Sie mir nicht glauben, oder daß Sie sich verstellen und mich getäuscht haben sollten . . . das wäre ein Verbrechen!« sagte sie ganz verzweifelt. »Was soll ich nur tun, mein Gott? Er glaubt mir nicht, will nicht mit mir gehen! Wie soll ich ihn nur überreden?«

»Das könnten Sie nur, wenn Sie stärker wären als ich – wir sind aber beide gleich stark,« antwortete er finster. »Darum können wir auch nicht einig werden, sondern müssen streiten. Wir müssen uns trennen, ohne den Kampf entschieden zu haben, oder eins muß für immer dem andern nachgeben . . . Stände mir irgendein anderes, unbedeutendes Weib gegenüber, dann hätte ich leichtes Spiel: ich würde mit ihrer Ziererei, ihrer kleinlichen Angst, ihrem Stumpfsinn rasch fertig werden. Bei Ihnen jedoch ist von keiner Angst und keiner Ziererei die Rede – was Sie mir entgegenstellen, ist Kraft, ist weibliche Standhaftigkeit. Es sind nun keine Unklarheiten, keine Nebel mehr zwischen uns, wir haben uns ausgesprochen, und ich mache Ihnen meine Reverenz. Die Natur hat Sie mit guten Waffen ausgestattet, Wjera. Alle diese alten Grundsätze, die Moral, die Pflicht, der Glaube – alles das wird für Sie zu einem starken Rüstzeug. Sie sind nicht leicht zu erobern, Sie kämpfen bis aufs Messer und ergeben sich nur unter Bedingungen, die für beide Seiten die gleichen sind. Sie ergeben sich nur dem, der sich Ihnen ganz ergibt. Nun – und das kann ich nicht – wenn ich Sie auch hochachte . . .«

Sie hob den Kopf empor, und in ihrem Gesichte leuchtete es für einen Augenblick auf wie ein Strahl des Stolzes, ja des Glücks; doch im nächsten Augenblick schon ließ sie den Kopf wieder sinken. Ihr Herz schlug unruhig, und ihre Nerven wurden erregt angesichts der Trennung, die nun unausbleiblich schien. Seine Worte waren nur ein Vorspiel des Abschieds.

»Wir haben uns ausgesprochen . . . ich überlasse Ihnen die Entscheidung!« sagte Mark dumpf, während er nach der andern Seite des Pavillons ging und von dort aus sie aufmerksam beobachtete. »Ich will Sie auch jetzt, in dieser entscheidenden Minute, nicht täuschen, obschon mir selbst ganz wirr ist im Kopfe . . . Nein, ich kann es nicht – hören Sie, Wjera: ich kann Ihnen eine solche Liebe ohne Ende nicht versprechen, weil ich nicht an sie glaube und sie daher auch von Ihnen nicht verlange. Ich will Sie auch nicht heiraten – doch ich liebe Sie jetzt mehr als alles in der Welt! . . . Und wenn Sie nach alledem, was ich Ihnen sage, sich mir in die Arme werfen . . . dann heißt das eben, daß Sie mich lieben und die Meinige sein wollen . . .«

Sie sah ihn mit großen Augen an und erbebte.

»Was ist das?« fuhr es ihr wie ein Funke des Zweifels durch den Kopf – »ist er vielleicht doch ein Heuchler? . . . Oder spricht jetzt wirklich nur unbeugsame, offene Ehrlichkeit aus ihm?« Sie fühlte deutlich das Gefährliche ihrer Lage.

»Die Ihrige?« Für immer? . . .« fragte sie leise – und schrak bei der Frage zusammen.

Wenn er nun »ja« sagte – dann vergaß sie vielleicht den unüberbrückbaren Gegensatz der Überzeugungen, nahm dieses »für immer« als eine Brücke für den Augenblick, auf der sie den Abgrund überschreiten könnte. Wie aber, wenn die Brücke in den Abgrund stürzte? Ein Gefühl des Grauens überlief sie, als sie ihn jetzt so ansah.

Er schwieg ein Weilchen, und dann stand er plötzlich von seinem Platze auf.

»Ich weiß es nicht!« sagte er mit einem zugleich schmerzlichen und unwilligen Ausdruck. »Ich weiß nur, was ich jetzt tun werde, und kann nicht auf ein halbes Jahr voraus in die Zukunft blicken. Auch Sie wissen doch nicht, was mit Ihnen sein wird. Wenn Sie meine Liebe erwidern, werde ich hier bleiben, werde stiller sein als das Wasser im See, demütiger als das Gras auf dem Felde . . . werde tun, was Sie wünschen . . . was wollen Sie noch mehr? Oder vielleicht . . . gehen wir fort von hier!« sagte er, plötzlich auf sie zutretend.

Es war ihr, als sei ein Blitz vor ihr niedergezuckt. Sie stürzte zu ihm hin und legte ihm die Hand auf die Schulter. Unerwartet wähnte sie die Pforten des Paradieses vor sich geöffnet. Die ganze Welt lächelte ihr zu und lockte sie zu sich hin.

»Mit ihm vereint, irgendwo in der Ferne . . .« dachte sie. Zärtliche Leidenschaft klopfte leise an die Pforte ihrer Seele.

»Er schwankt, er kann sich nicht losreißen . . . Wenn ich mit ihm allein sein werde . . . wird er vielleicht zu der Überzeugung kommen, daß er nur dort leben kann, wo ich bin . . .«

Alles das sang ihr eine leise Stimme heimlich vor.

»Könnten Sie sich dazu entschließen?« fragte er in ernstem Tone.

Sie schwieg und ließ den Kopf sinken.

»Oder würden Sie vor Tantchen Angst haben?«

Sie blickte auf.

»Ja, das ist wahr: wenn ich davor zurückschreckte, wäre es nur darum, weil ich mich vor ihr fürchten würde . . .« flüsterte sie.

»Dann kommen Sie mir nur nicht zu nahe!« sagte er, von ihr abrückend. »Die Alte würde Sie nie gehen lassen . . .«

»O, doch – sie würde mich gehen lassen und mir ihren Segen mitgeben, doch würde sie selbst vor Gram darüber vergehen. Das ist’s, was ich fürchte! Mit Ihnen von hier fortziehen!« wiederholte sie nachdenklich, während sie ihn lange und durchdringend ansah. »Und dann? . . .«

»Und dann? . . . Was dann sein wird, weiß ich nicht. Was kümmert Sie dieses ›dann‹?«

»Wenn Sie sich plötzlich nach einer andern Seite hingezogen fühlen und von mir gehen . . . mich im Stiche lassen, wie eine erste beste Sache? . . .«

»Warum wie eine Sache? Wir können als Freunde scheiden . . .«

»Scheiden! Die Trennung steht bei Ihnen gleich neben der Liebe!« Sie stieß einen schmerzlichen Seufzer aus.

»Ich meine, daß eine Trennung nie stattfinden dürfte . . . Nur der Tod sollte die Menschen scheiden . . . Leben Sie wohl, Mark!« sagte sie plötzlich, ganz bleich, fast mit Stolz.

»Ich habe nun meinen Entschluß gefaßt . . . Sie werden mir niemals das Glück geben, nach dem ich begehre. Um glücklich zu sein, brauchen wir nicht fortzugehen, wir können das Glück auch hier finden . . . Alles ist aus . . .«

»Ja . . . und nun rasch fort von hier! Leben Sie wohl, Wjera . . .« sagte auch er mit seltsam klingender Stimme.

Beide erhoben sich bleich, ohne einander anzusehen, von ihren Plätzen. Sie suchte bei dem schwachen Schimmer des Mondlichts, das durch die Zweige drang, ihre Mantille. Ihre Hände bebten und griffen immer nach etwas anderem, selbst nach seiner Büchse faßte sie in ihrer Erregtheit.

Er stand, an einen der Pavillonpfeiler gelehnt, da und verfolgte mit düsterem Blick ihre Bewegungen.

Sie hatte endlich die Mantille mit dem weißen Besatz umgenommen, vermochte sie jedoch nicht über die andere Schulter zu ziehen. Er half ihr mechanisch.

Sie tastete im Dunkeln mit dem Fuße nach den Stufen; er sprang über die Stufen hinweg auf die Erde, reichte ihr die Hand und half ihr hinunter.

Sie gingen beide auf dem schmalen Pfade daher, mit zögerndem Schritt, als wenn eins vom andern etwas erwartete. Beide quälte der eine unklare Gedanke, wie sich wohl noch ein Vorwand zum Bleiben finden ließe.

Jedes von ihnen erkannte, daß der andere Teil von seinem Standpunkte aus Recht habe, aber beide gaben sich dabei der stillen Erwartung hin, doch noch selbst zu triumphieren. Er hoffte sie ganz auf seine Seite zu bringen, während sie immer noch annahm, daß er ihr nachgeben würde – eine Annahme, die sie selbst als hinfällig erkennen mußte, da es, bei allem guten Willen, doch nicht möglich war, daß ein Mensch so ohne weiteres seine Überzeugung, seine Weltanschauung abtue und gegen eine andere vertausche.

Das Bewußtsein, daß dies ihre letzte Zusammenkunft war, daß sie fünf Minuten später füreinander, vielleicht auf immer, Fremde sein würden, drückte sie beide tief nieder. Sie waren von dem Wunsche beseelt, diese fünf Minuten so lange wie möglich festzuhalten, noch einmal in ihnen das Vergangene zu durchleben und, wenn möglich, eine Hoffnung für die Zukunft aus ihnen zu schöpfen. Doch hatten sie andererseits die Empfindung, daß es eine Zukunft für sie nicht gab, daß ihrer nur die Trennung harrte, die für sie so unvermeidlich war wie der Tod.

Sie gingen langsam bis nach einer Stelle, wo er einen niedrigen Zaun überspringen mußte, um auf den Weg zu gelangen, während sie von da aus auf schmalem Pfade durchs Gebüsch nach dem Park gelangen konnte.

Mit gesenktem Kopfe, in tiefer Niedergeschlagenheit, stand sie am Fuße des Abhanges. Ihr ganzes Leben zog an ihr vorüber, und nicht ein Augenblick war darin, der so bitter gewesen wäre wie dieser. Ihre Augen standen voll Tränen.

Sie hätte sich nun wohl umwenden mögen, um wenigstens noch einmal nach ihm zurückzuschauen und im Fortgehen gleichsam aus der Ferne die Größe des Glücks zu ermessen, das sie verlor. Mit bitterem Schmerz empfand sie den Verlust dieses Glücks, das nun für immer entschwand, doch wagte sie nicht, zurückzuschauen, das hätte so viel bedeutet, wie ein »ja«, das sie auf seine schicksalsschwere Frage ihm zugerufen hätte. Ihr Herz wand sich in Qualen, als sie nun langsam ein paar Schritte bergan ging.

Er näherte sich dem Zaune – gleichfalls, ohne zurückzuschauen, in bösem Grimm, wie ein trotziges Tier, das von seiner Beute lassen mußte. Er hatte nicht gelogen, als er sagte, daß er Wjera achte, doch achtete er sie wider seinen Willen, wie der Krieger im Kampfe den Feind achtet, der sich tapfer schlägt. Er verfluchte diese Stadt der Toten mit ihren vermorschten Begriffen, die diese lebendige, freie Seele in Fesseln hielt.

Seinem Schmerz war keine Rührung, kein Mitleid beigesellt – es war ein böser, unnachgiebiger Schmerz, der nur zu neuem, kräftigerem Zuschlagen antrieb. Es war vielmehr eine wilde, wütende Verzweiflung als ein Schmerz.

Er hätte Wjera zerbrechen, vernichten mögen, wie man eine kostbare Sache, die einem anderen gehört, im Zorne vernichtet – nur, damit niemand sie besitze. Er hatte ihr selbst gestanden, daß er mit jeder anderen außer mit ihr so verfahren würde. Sie war ihm nicht ins Garn gegangen – es blieb ihm somit wohl nichts weiter übrig als die rohe Gewalt, als eine Räubertat, um ihrer für einen Augenblick Herr zu werden.

Doch dieser äußerliche Sieg hätte ihm bei Wjera nicht die volle Genugtuung gewährt, die er jeder andern gegenüber empfunden hätte. Als er jetzt von ihr ging, zürnte er nicht nur darum, daß die schöne Wjera ihm entschlüpfte, daß er vergeblich Zeit und Kraft verschwendet und seinem Werke entzogen hatte. Er zürnte vielmehr aus beleidigtem Stolze und litt im Bewußtsein seiner Ohnmacht. Er hatte Wjeras Phantasie, vielleicht auch ihr Herz besiegt – nicht aber ihren Verstand und ihren Willen.

In dieser Hinsicht hatte sie eine unbeugsame Stärke gezeigt, die seiner Beharrlichkeit gewachsen war. Sie besaß Charakter, und sie wußte sich mit trotzigem Sinn aus dem alten, toten Leben, das sie umgab, ein stark pulsierendes neues Leben zu gewinnen. So wurde sie für ihn, wie auch für Raiski, zur Repräsentantin eines neuen, edlen Typus voll selbständigen geistigen Lebens und stolzen Eigenwillens.

Sie stand, das erkannte er klar, in jeder Beziehung über allen Frauen, die er kannte. Er war stolz gewesen auf die Erfolge, die er bei ihr errungen, und war jetzt um so unzufriedener, da er sich sagen mußte, daß sein Bemühen, sie zu entwickeln und ihren Geist mit seinem neuen Lichte zu erhellen, doch bei ihr recht wenig gefruchtet habe. Es waren da, wie er meinte, mancherlei hemmende Einflüsse im Spiel gewesen – ihr »Glaube«, wie sie es nannte, und irgendein Pope von der neuen Richtung, und dieser Raiski mit seiner Poesie, und die Großtante mit ihrer Moral, vor allem aber ihr eignes scharfes Auge und ihr Ohr, ihr feines Empfinden, ihr weiblicher Instinkt und ihr starker Wille. Alles dies stärkte ihre Widerstandskraft, versah sie mit Waffen gegen seine »Wahrheit«, lieh dem alten, gewohnten Leben rings um sie und der alten Wahrheit in ihren Augen eine so gesunde Farbe, daß seine Wahrheit und sein anscheinend aus neuen, frischen Quellen geschöpftes Leben daneben blaß und leer, unecht und kalt erschien.

Seine neue Wahrheit und sein neues Leben besaßen nicht Anziehungskraft genug, um ihre gesunde, kräftige Natur zu fesseln. Ihr selbständiger Geist zerpflückte das, was er ihr darbot, unbarmherzig und stärkte in ihr nur das Vertrauen auf ihre eigene Wahrheit.

Und nun ging sie von ihm und ließ ihm kein Pfand seines Sieges zurück, außer der Erinnerung an die Zusammenkünfte mit ihr, die verschwinden würde wie eine Spur im Sande. Er hatte die Schlacht verloren, sie entschwand ihm für immer; wie er jetzt so von ihr ging, wußte er, daß er nie wieder einer zweiten solchen Wjera begegnen würde. Er verglich sie im Geiste mit den andern Frauen, zumal denen der neuen Richtung, die ihm begegnet waren. Viele von ihnen hatten sich der neuen Lehre und dem Leben nach dem neuen Zuschnitt mit demselben Temperament ergeben wie Marina ihren Liebschaften. Er hatte gefunden, daß diese Frauen in Wirklichkeit kläglicher, fader und tiefer gefallen waren als alle sonstigen gefallenen Frauen, die ein Opfer ihrer Phantasie, ihres Temperaments oder des Goldes geworden waren, während jene Opfer eines Prinzips wurden, das sie oft genug nicht begriffen, dem sie innerlich gleichgültig gegenüberstanden, und das ihnen nur als heuchlerischer Vorwand für andere Dinge diente, denen naive Naturen, wie Koslows Frau, sich auf weit einfachere, natürlichere Art ergaben.

Er schritt langsam daher, in dem Bewußtsein, für immer etwas hinter sich zu lassen, was er niemals im Leben wieder antreffen würde. Sollte er sie betrügen, sie verführen, ihr eine Liebe ohne Ende oder vielleicht gar die Ehe versprechen? . . .

Er erbebte bei dem Gedanken, daß er einen so groben, alltäglichen Betrug an ihr begehen sollte – und würde ein solcher jetzt überhaupt noch bei ihr verfangen? Er stampfte mit dem Fuße auf, sprang auf den Zaun und setzte bereits den Fuß auf die andere Seite.

»Ich möchte doch sehen, wie sie sich benimmt: ein stolzer Charakter! So davonzugehen! Ach, was – sie hat mich nicht geliebt, sonst wäre sie nicht gegangen . . . Sie ist eine Schwätzerin,« dachte er, während er so auf dem Zaune saß.

»Einen Blick möchte ich noch zurückwerfen . . . wie er es trägt – und dann für immer davongehen . . .« sprach sie schwankend zu sich selbst, während sie im Aufwärtsschreiten innehielt.

Ein kurzer Sprung – und der Zaun wäre zwischen ihnen gewesen, daß eins das andere nicht hätte sehen können. Die äußere Trennung hätte ihre Wirkung getan, der klare Verstand, der Wille wäre stärker zum Ausdruck gelangt, hätte endgültig gesiegt.

Da wandte er sich um . . .

Wjera stand da, als sei ihr der Weg dort hinauf zu schwer, als könne sie nicht weiter . . . Mit sichtlicher Anstrengung machte sie zwei, drei Schritte vorwärts und blieb stehen. Dann wandte sie sich langsam um – und fuhr zusammen. Mark saß noch auf dem Zaune und sah sie an . . . sah zu ihr herüber . . .

»Mark! Lebe wohl!« rief sie – und erschrak vor ihrer eigenen Stimme; so voll Gram und Verzweiflung klang sie.

Mark zog rasch das Bein über den Zaun zurück, sprang hinunter und war mit wenigen Sätzen an ihrer Seite.

»Sieg! Sieg!« jubelte es in ihm. »Sie kehrt zurück, sie gibt nach!«

»Wjera!« rief auch er in einem Tone, der wie ein Stöhnen klang.

»Du kommst zurück . . . für immer? . . . Du hast endlich begriffen? . . . O, welch ein Glück! . . . Vergib mir, o Herr . . .«

Sie sprach nicht zu Ende.

Sie lag in seinen Armen, und sein Kuß verschloß ihr den Mund. Er hob sie hoch empor und trug sie, wie ein wildes Tier seine Beute, nach dem Pavillon zurück . . .

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1300 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain