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Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 58

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Der halbidiotischen Agaschka schenkte sie einen abgetragenen Seelenwärmer, den sie sich von der Hofmagd Ulita ausgebeten hatte, wofür sie dieser einen neuen zu schenken versprach. Sie schärfte Agaschka ein, ja nicht in dem kalten Herbstwetter im bloßen Rock herumzulaufen, und versprach, ihr auch ein Paar Schuhe zu schicken.

Dem lahmen alten Silytsch schenkte sie einen Haufen Kupfermünzen im Werte eines Rubels, die Silytsch mit gierigen Händen zusammenraffte, als Wikentjew sie unter lautem Krachen und Lachen, die Taschen um und um wendend, auf die Ofenbank rollen ließ. Mit vor Habgier zitternden Händen begann Silytsch die Münzen in allerhand Fetzen und Lappen einzuwickeln und in seine Taschen zu stecken, eine davon nahm er sogar in den Mund. Aber Marsinka drohte ihm, sie würde ihm das Geld wieder wegnehmen und nie wiederkommen, wenn er es verstecke und, statt sich dafür etwas zu essen zu kaufen, bei den Leuten herumbettle.

»Du unser schönes Kindchen, du Engel Gottes, möge der Herr dir’s lohnen!« – so klangen die Wünsche der Bäuerinnen, wenn sie sich von ihnen verabschiedete.

Die Bauern aber lächelten im stillen und spöttelten still für sich: »Das gnädige Fräulein vertreibt sich die Zeit, spaßt mit den Weibern und Kindern. Was für dummen Kram sie ihnen da mitbringt – was sollen sie damit anfangen?«

Und sie beguckten geringschätzig die bunten Kattunhemdchen, die merkwürdigen kleinen Gürtel und die kleinen Schuhchen.

Elftes Kapitel

Am Abend war das Haus hell erleuchtet. Die Großtante wußte nicht, wie sie ihre zukünftige Verwandtschaft am schönsten und besten bewirten sollte: Sie ließ für Marsinkas Schwiegermutter in dem kleinen Salon ein Paradebett aufstellen, das fast bis an die Decke reichte und wie ein Katafalk aussah. Marsinka sang und spielte den ganzen Abend mit Wikentjew in ihren Räumen, dann wurden sie beide still und vertieften sich in die Lektüre eines neuen Romans. Nur Wikentjew unterbrach das Schweigen immer wieder durch seine Bemerkungen und Späße.

Raiskis Fenster aber blieben dunkel. Er war sogleich nach dem Mittagessen weggegangen und zum Tee nicht zurückgekehrt.

Der Mond übergoß das neue Haus mit seinem Lichte, während das alte im Schatten lag. Auf dem Hofe, in der Küche, in den Leutestuben blieben die Mägde und Diener länger als sonst auf. Auch sie hatten Gäste: der Kutscher und der Lakai von Koltschino, die mit Wikentjews Mutter gekommen waren, heischten Bewirtung.

In der Küche war es bis tief in die Nacht hinein hell – das Abendbrot wurde bereitet, und einige Gerichte für das morgige Mittagessen standen gleichfalls schon auf dem Feuer.

Wjera saß seit sieben Uhr abends in ihrem Zimmer, zuerst im Halbdunkel, und dann beim schwachen Schein einer einzigen Kerze. Den Kopf auf den Ellbogen gestützt, saß sie am Tische, nachdenklich in einem vor ihr liegenden Buche blätternd, in das sie jedoch nicht hineinsah.

Ihre Augen blickten über das Buch hinweg, irgendwohin in die Ferne. Um die Schultern hatte sie ein großes weißes Wolltuch gelegt, das sie gegen die durch das offene Fenster eindringende kühle Herbstluft schützte. Sie hatte noch nicht die Winterfenster einsetzen lassen und hielt das Fenster bis spät in die Nacht hinein offen.

Wohl eine halbe Stunde mochte sie dagesessen haben. Dann erhob sie sich langsam, legte das Buch zur Seite, trat an das Fenster und blickte, sich auf die Ellenbogen stützend, zum Himmel und zu dem hell erleuchteten neuen Hause hinüber. Sie lauschte auf die Schritte der im Hofe umhergehenden Leute, richtete sich dann empor und erschauerte vor Kälte.

Sie machte sich daran, das Fenster zu schließen, und hatte soeben den einen Flügel angezogen, als mitten durch die Nachtstille aus der Tiefe der Schlucht ein Schuß ertönte. Sie fuhr zusammen, sank jäh auf den Stuhl und ließ den Kopf sinken. Dann erhob sie sich, blickte ringsum und schritt mit ganz verwandeltem Gesichtsausdruck nach dem Tische, auf dem die Kerze stand. Dort blieb sie stehen. Angst und Unruhe blickten aus ihren Augen. Sie faßte mehrmals mit der Hand nach ihrer Stirn und ließ sich am Tische nieder, um jedoch schon im nächsten Augenblick wieder aufzustehen. Sie riß schnell das Tuch von den Schultern und warf es auf ihr Bett, ganz in die Ecke hinter den Vorhang, öffnete noch schneller das Kleiderspind, schloß es wieder, suchte mit den Augen auf den Stühlen und auf dem Diwan, und als sie nicht fand, was sie suchte, sank sie, anscheinend ganz kraftlos, auf einen Stuhl.

Endlich blieben ihre Augen an einem Stuhlrücken haften, über dem das ihr von Tit Nikonytsch geschenkte Ziegenhaartuch hing. Sie stürzte darauf zu und schlang es hastig mit der einen Hand um den Kopf, während die andere Hand mechanisch wieder das Kleiderspind öffnete und wie im Fieber zitternd bald diesen, bald jenen Mantel von den Riegeln nahm.

Sie warf einen flüchtigen Blick auf den Mantel, der ihr zufällig in die Hand geraten war, schleuderte ihn ärgerlich zu Boden, griff einen anderen heraus, warf ihn gleichfalls hin, nahm einen dritten und vierten, durchsuchte das ganze Spind und bemühte sich während all dieser Zeit, mit der einen Hand sich das Kopftuch umzubinden.

Schließlich stürzte sie zum Tische hin, ergriff die Kerze und leuchtete damit in das Spind hinein. Ganz außer sich vor Ungeduld, nahm sie hastig die Mantille mit dem weißen Besatz, dann eine zweite, schwarzseidene Mantille, legte zuerst die eine und darüber die andere an und warf das Ziegenhaartuch in die Ecke.

Ohne das Spind zu schließen, schritt sie über den am Boden liegenden Kleiderhaufen hinweg, löschte die Kerze aus, schlüpfte aus der Tür und huschte, ohne diese zu schließen, gleich einer Maus mit unhörbarem Schritt die Treppe hinunter.

Sie stahl sich nach den über den Hofrand gebreiteten Schatten hin und gelangte von da aus nach der dunklen Allee. Sie schwebte mehr, als sie ging; wo sie über eine beleuchtete Stelle hinweg mußte, huschte ihre dunkle Silhouette ganz leicht darüber hin, daß der Mond kaum Zeit fand, sie zu bestrahlen.

Als sie aus der Allee herauskam, mäßigte sie ihren Schritt, und an dem Graben, der den Garten vom Haine trennte, blieb sie einen Augenblick stehen, um Atem zu schöpfen. Dann überschritt sie den Graben, bog, an ihrer Lieblingsbank vorübergehend, ins Gebüsch ein und kam an den Rand der Schlucht. Sie hob mit beiden Händen ihr Kleid auf, um hinunterzugehen . . .

Vor ihr stand plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, Boris Raiski – gerade zwischen ihr und dem Abstieg zur Schlucht stand er hoch aufgerichtet da. Sie war wie zu Stein erstarrt.

»Wohin, Wjera?« fragte er.

Sie schwieg.

»Kehr’ um!«

Er faßte nach ihrer Hand. Sie gab sie ihm nicht und wollte an ihm vorübergehen.

»Wohin gehst du, Wjera? Was willst du dort?«

»Ich muß . . . dahin, zum letztenmal . . . Ich muß Abschied nehmen . . .« flüsterte sie, und es lag wie ein schamvolles Flehen in ihren Worten. »Lassen Sie mich, Bruder . . . Ich kehre sogleich zurück, erwarten Sie mich hier . . . nur eine Minute . . . Bleiben Sie hier auf dieser Bank sitzen . . .«

Er faßte kräftig nach ihrer Hand und ließ sie nicht los.

»Lassen Sie mich, es schmerzt mich! Sie tun mir weh!« rief sie im Flüsterton, während sie ihre Hand aus der seinen zu zerren suchte.

Er ließ sie nicht los. Ein Kampf entspann sich zwischen ihnen.

»Sie können mich nicht zwingen! . . .« sagte sie, die Zähne fest aufeinander beißend, und mit einem Aufgebot an Kraft, das er ihr nicht zugetraut hätte, entriß sie ihm ihre Hand und wollte an ihm vorübereilen.

Er umfaßte ihre Taille, führte sie zur Bank, setzte sie dort nieder und nahm neben ihr Platz.

»Wie grob, wie häßlich ist das!« sagte sie voll Schmerz und Zorn und wandte sich fast mit Abscheu von ihm hinweg.

»Ich wollte, du ließest dich durch eine andere Kraft, auf andere Weise zurückhalten, Wjera!«

»Wovor zurückhalten?« fragte sie fast grob.

»Vielleicht – vor dem Untergange . . .«

»Wie kann ich untergehen, wenn ich es nicht will?«

»Du willst es vielleicht nicht – und doch geschieht es . . .«

»Und wenn ich untergehen will?«

Er schwieg.

»Von keinem Untergang ist hier die Rede . . . Um eine letzte Zusammenkunft, einen Abschied handelt es sich . . .«

»Es bedarf keiner Zusammenkunft, wenn es sich um den Abschied handelt . . .«

»Doch bedarf es ihrer – und sie wird stattfinden! Vielleicht eine Stunde, einen Tag später – jedenfalls aber wird diese Zusammenkunft stattfinden! Rufen Sie das ganze Hofgesinde, die ganze Stadt zusammen, nehmen Sie eine Kompanie Soldaten dazu – nichts vermag mich zurückzuhalten . . .«

Sie ließ die schwarze Mantille ganz auf die Schultern herabsinken und begann krampfhaft daran zu zerren. Ein zweiter Schuß ertönte. Sie fuhr empor, doch zwei kräftige Hände legten sich auf ihre Schultern und drückten sie auf die Bank nieder. Sie maß Raiski mit einem zornigen Blicke und schüttelte sich vor Wut.

»Welchen Lohn erwarten Sie von mir für diese Rettung meiner Tugend?« zischte sie.

Er schwieg und beobachtete gespannt jede ihrer Bewegungen. Sie lachte voll Ingrimm.

»Lassen Sie mich los!« sagte sie nach einer Weile, plötzlich in einen sanften Ton verfallend.

Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Bruder!« sprach sie nach einem Weilchen noch sanfter, während sie ihre Hand auf seine Schulter legte – »wenn Sie jemals dasaßen wie auf glühenden Kohlen, vor Angst und Ungeduld in einem Augenblick hundertmal sterbend . . . wenn das Glück Ihnen je zum Greifen nahe war und zu entschlüpfen drohte . . . wenn Ihr Herz mit allen Fasern, aller Kraft nach dem Glücke hinstrebte. . . . wenn Sie je einen Augenblick kennen gelernt haben, in dem Ihnen nur noch eine letzte Hoffnung, ein letzter leuchtender Funke blieb – o, dann gedenken Sie jetzt dieses Augenblicks! . . . Dies ist für mich solch ein Augenblick! Er wird entfliehen, wird alles unwiederbringlich mit sich nehmen . . .«

»So danke doch Gott, Wjera, daß ich da bin! Komm zur Besinnung, such’ wieder klar zu denken – und du wirst selbst nicht dahin gehen! Wenn die Kranken in ihren Fieberqualen um Eis bitten, um ihren Durst zu stillen, dann verweigert man es ihnen. Als du gestern eine klare, ruhige Stunde hattest, hast du das selbst alles vorausgesehen und hast mir das einfachste und wirksamste Mittel dagegen angegeben: ich sollte dich nicht hingehen lassen, sagtest du – und ich lasse dich nicht hingehen . . .«

Sie sank an seiner Seite in die Knie.

»Zwingen Sie mich nicht! Treiben Sie es nicht so weit, daß ich Sie dann nachträglich mein Lebtag verfluche!« flehte sie. »Vielleicht erwartet mich dort mein Geschick . . .«

»Dein Geschick. . . erwartet dich dort, wo du es gestern suchtest, Wjera! Du glaubst an eine Vorsehung – es gibt kein anderes Geschick . . .«

Sie wurde plötzlich still und ließ den Kopf sinken.

»Ja,« sagte sie demütig – »ja, Sie haben recht: ich glaube . . . Aber ich habe dort gefleht und gebetet, daß ein Lichtstrahl wenigstens meinen Weg erleuchten möchte – und ich habe nichts erreicht! Was soll ich tun? Ich weiß es nicht . . .«

Sie seufzte und erhob sich von den Knien.

»Geh nicht hin!« sagte er.

»Wenn aber die Vorsehung, das Geschick, an das ich glaube, mich selbst dorthin entsendet . . . Vielleicht bin ich dort notwendig?« fuhr sie fort, richtete sich auf und trat einen Schritt nach der Schlucht zu. »Was dort auch sein mag, halten Sie mich nicht mehr zurück, mein Entschluß ist gefaßt. Ich fühle, daß meine Schwäche vorüber ist. Ich habe meine Selbstbeherrschung wiedergewonnen, bin wieder stark. Dort wird nicht nur mein Geschick entschieden, sondern auch das Geschick eines andern. Wenn Sie jetzt mich und ihn durch eine unüberschreitbare Kluft trennen wollen, so sind Sie für die Folgen verantwortlich. Ich werde niemals Trost finden, werde Ihnen stets die Schuld an dem Unglück meines Lebens zuschieben! . . . Wenn Sie mich jetzt zurückhalten, werde ich glauben, daß eine erbärmliche, kleine Leidenschaft, eine Eitelkeit, die keine Rechte besitzt, eine neidische Eifersucht mein Glück zerstört hat – daß Sie logen, als Sie die Freiheit predigten.«

Er wurde schwankend und trat einen Schritt zurück.

»Das ist die Stimme der Leidenschaft, mit allen ihren Trugschlüssen und Ränken,« sagte er dann, sich plötzlich fassend. »Du nimmst jetzt schon zu ganz verzweifelten Mitteln deine Zuflucht, Wjera. Erinnere dich, wie du mich gestern, nach deinem Gebet, beschworen hast, dich nicht dahin gehen zu lassen . . .! Wenn du mich nun dafür verfluchst, daß ich dir nachgegeben habe – wen trifft dann die Verantwortung?«

Sie wurde wieder mutlos und senkte traurig den Kopf.

»Sag’ mir: wer ist’s?« flüsterte er.

»Wenn ich es sage – werden Sie mich dann gehen lassen?« fragte sie plötzlich lebhaft, sich an diese unerwartet auftauchende Hoffnung festklammernd, und ihre Augen, die aus nächster Nähe in die seinigen schauten, wiederholten die Frage.

»Ich weiß es nicht, vielleicht . . .«

»Nein, geben Sie Ihr Wort, daß Sie mich gehen lassen – dann sage ich, wer es ist. . .«

Er schwankte noch immer.

Da fiel plötzlich unten in der Schlucht der dritte Schuß.

Sie sprang auf und wollte fortstürzen, doch hielt er sie an der Hand zurück.

»Komm, Wjera, komm – laß uns nach Hause gehen, zur Großtante,« sagte er nachdrücklich, fast in befehlendem Tone. »Entdecke ihr alles . . .«

Doch statt zu antworten, begann sie, sich mit Gewalt von ihm loszumachen, fiel nieder, erhob sich wieder und zerrte an ihren Armen, die er festzuhalten suchte.

»Wenn Sie jemals im Leben glücklich waren . . . dann lassen Sie mich los! . . . Sie sagten zu mir: ›Immer liebe du, liebe – die Leidenschaft ist so schön, so herrlich‹!« sprach sie, vor Erregung ganz außer Atem. »Denken Sie an jene Augenblicke des Glücks, das Sie genossen, und lassen Sie auch mir diesen einen Augenblick, diesen einen Abend . . . ich bitte Sie um Christi willen! . . .« flüsterte sie, die Hand wie nach einem Almosen ausstreckend. »Auch Sie flehten einmal so um Christi willen, ich solle Sie nicht fortjagen . . . und ich tat es nicht, wissen Sie noch? Reichen Sie nun auch mir ein Almosen! . . . Ich werde Ihnen niemals Vorwürfe machen, niemals . . . Sie haben alles getan – eine Mutter hätte nicht mehr tun können – doch nun lassen Sie mich, ich will, ich muß frei sein! . . . Und möge der, zu dem ich gestern gebetet habe, mein Zeuge sein, daß es der letzte Abend ist . . . der letzte! Ich werde niemals wieder nach der Schlucht gehen: glauben Sie mir – ich werde diesen Schwur nie brechen! Erwarten Sie mich hier, ich bin sogleich wieder zurück, nur ein Wort habe ich zu sagen . . .«

Er ließ ihre Hand fahren.

»Was redest du nur, Wjera!« flüsterte er voll Schrecken. »Du bist ganz von Sinnen! Wohin willst du denn?«

»Dahin . . . noch einmal . . . den Wolf sehen . . . und Abschied nehmen: ich will hören, was er mir zu sagen hat . . . vielleicht gibt er nach . . .«

Sie stürzte nach dem Abhang zu, doch in dem Bestreben, sich ihm zu entziehen, fiel sie zu Boden, und als sie wieder aufzustehen suchte, vermochte sie es nicht.

Sie streckte die Arme nach der Schlucht aus und sah mit flehendem Blicke auf Raiski.

Er nahm alle seine Kraft zusammen, erstickte den Aufschrei seiner eigenen Qual in der Brust und hob sie auf.

»Du wirst abstürzen, es geht da so steil hinunter . . .« flüsterte er – »ich werde dir helfen . . .«

Er trug sie fast ein Stück abwärts und setzte sie dort, wo der Fußpfad begann, auf die Erde nieder.

Sie wandte sich nach ihm um und sah ihn groß an, mit einem Blicke, in dem zugleich höchstes Erstaunen und heißer Dank lag. Dann sank sie plötzlich in die Knie, ergriff seine Hand und preßte sie fest an ihre Lippen . . .

»Das war großmütig, Bruder! Das wird Ihnen Wjera nie vergessen!« sagte sie, und vor Freude aufjauchzend, stürzte sie wie ein aus dem Käfig befreiter Vogel ins Gebüsch.

Er ließ sich an derselben Stelle, an der er stand, auf den Boden niedergleiten und horchte voll Schreck, mit pochendem Herzen auf das Rascheln der zur Seite gebogenen Zweige und das Krachen der dürren Reiser unter ihren Füßen.

Zwölftes Kapitel

Mark Wolochow wartete in dem halb verfallenen Pavillon. Auf dem Tische lag seine Büchse und seine Mütze. Er selbst ging auf den wenigen Brettern, die von dem Fußboden noch übrig waren, auf und ab. Wenn er auf das eine Ende eines Brettes trat, ging das andere Ende in die Höhe und fiel geräuschvoll nieder.

»Verdammte Höllenmusik!« sagte er ärgerlich, durch das Klappern der Bretter gereizt, setzte sich auf eine der Bänke, stützte die Ellbogen auf den Tisch und griff mit den Händen in sein dichtes Haar.

Er rauchte eine Zigarette nach der andern. Wenn er ein Zündholz anbrannte, fiel ein heller Schein auf sein Gesicht. Er war bleich und schien erregt oder verärgert. Nach jedem Schusse horchte er einige Minuten ins Dickicht hinaus, dann schritt er ein Stück auf dem Fußwege dahin und spähte durch die Büsche – offenbar erwartete er Wjera. Und als die Erwartete nicht kam, kehrte er wieder nach dem Pavillon zurück, begann wieder über die knarrenden Bretter hinzuschreiten, setzte sich wieder auf die Bank, vergrub die Hände in seinem Haar oder streckte sich auf einer der Bänke aus, wobei er nach Art der Amerikaner die Beine auf den Tisch legte.

Nach dem dritten Schusse lauschte er ganze sieben Minuten, und als er noch immer nichts hörte, nahm sein Gesicht einen so finsteren Ausdruck an, daß er für einen Augenblick ganz alt erschien. Dann hing er die Büchse über die Schulter und schritt zögernd auf dem Pfade dahin, offenbar in der Absicht, sich zu entfernen. Doch lag noch immer etwas Zauderndes in seinem Gange, als hindere ihn die Dunkelheit am Gehen. Endlich setzte er entschlossen den Fuß vor, um auch wirklich den Heimweg anzutreten – und stieß ganz unerwartet mit Wjera zusammen.

Sie blieb stehen, fuhr mit der Hand nach dem Herzen und konnte nur mit Mühe Atem holen.

Er nahm ihre Hand, und im Augenblick war ihre Unruhe verschwunden. ein jähes Gefühl der Freude durchströmte sie.

»Sie waren sonst immer so pünktlich, Wjera – ich brauchte nie Pulver für drei Schüsse zu verschwenden . . .« sagte er.

»So – statt sich zu freuen, machen Sie mir Vorwürfe!« antwortete sie und entzog ihm die Hand.

»Ich sagte das ja nur, um ein Gespräch zu beginnen: in Wirklichkeit bin ich ganz hin vor lauter Glück, wie Raiski . . .«

»Es scheint nicht so . . . Wenn dem so wäre, würden wir uns nicht heimlich hier in der Schlucht treffen . . . O mein Gott!«

Sie seufzte tief auf.

»Wir würden vielmehr hübsch artig bei Tantchen am Teetisch sitzen und warten, bis sie uns ihren Segen gibt . . .«

»Nun – und warum nicht?«

»Ach, was reden wir da von Dingen, die in das Reich der Unmöglichkeiten gehören! Sie würde mir Sie doch niemals geben . . .«

»Sie würde es sicher tun; sie tut, was ich will. Ist dies Ihr einziges Bedenken?«

»Wir geraten wieder in diese Polemik hinein, Wjera, die nie ein Ende findet! Wir sind heute, wie Sie selbst sagten, zum letztenmal beisammen. Diese qualvolle Folter muß endlich ein Ende nehmen, wir können nicht ewig auf glühenden Kohlen sitzen.«

»Ja, zum letztenmal . . . Ich habe geschworen, daß ich nie wieder hierher gehen werde.«

»Unsere Zeit ist also kostbar. Wir werden für immer voneinander Abschied nehmen, falls die . . . Dummheit, das heißt die Vorurteile Ihrer Tante, uns auseinanderbringen. Ich verlasse die Stadt in einer Woche, die Verfügung ist bereits eingetroffen, wie Sie wissen. Oder – wir werden eins, um uns nicht mehr zu trennen . . .«

»Niemals?« fragte sie leise.

Er machte eine unwillige Bewegung.

»Niemals!« wiederholte er in ärgerlichem Tone – »welche Lüge liegt in solchen Worten: ›niemals‹, ›ewig‹! . . . Wenn ich ›nicht mehr‹ sagte, so bedeutet das eben ein Jahr, vielleicht auch zwei oder drei . . . Ist das nicht so gut wie niemals? Sie wollen ein Gefühl, das kein Ende hat – ja, gibt es denn ein solches? Betrachten Sie doch einmal all die Täubchen und Täuberiche Ihrer Bekanntschaft, wo ist da jemand, der bis ans Ende liebte? Blicken Sie einmal in Ihre Nester hinein – wie sieht es darin aus? Sie tun, was ihnen zukommt, setzen eine Anzahl Kinder in die Welt und kehren dann ihre Schnäbel nach verschiedenen Seiten. Nur die Trägheit hält sie noch beieinander . . .«

»Genug, Mark! Ich habe Ihre Theorie von der Liebe auf Frist schon satt,« unterbrach sie ihn mit Ungeduld. »Ich bin sehr unglücklich, die Trennung von Ihnen ist nicht die einzige Wolke, die über meiner Seele schwebt. Seit einem Jahre bereits habe ich vor Tantchen diese Heimlichkeiten – und das nagt an mir, noch mehr aber an ihr, wie ich ganz deutlich sehe. Ich dachte, diese Qual würde jetzt ein Ende nehmen, heute oder morgen würden wir endlich zu einer klaren Aussprache kommen, würden uns gegenseitig in aller Aufrichtigkeit unsere Gedanken, unsere Hoffnungen und Ziele darlegen . . . und dann . . .«

»Was dann?« fragte er, sie aufmerksam anhörend.

»Dann würde ich zu Tantchen gehen und ihr sagen: ›Den und den habe ich mir erwählt . . . fürs ganze Leben‹. Doch es scheint, daß dies nicht eintreffen wird . . . unsere Zusammenkunft heute ist ein Abschied für immer . . .« sagte sie betrübt, im Flüstertone, und ließ den Kopf auf die Brust sinken.

»Ja, wenn wir Engel wären – dann könnte Ihr Wort ›fürs ganze Leben‹ wohl Geltung haben. Auch dieser grauhaarige Philosoph Raiski meint ja, die Frauen seien zu irgendwelchen höheren Aufgaben berufen . . .«

»Ihr Beruf liegt vor allem in der Familie. Wenn sie auch keine Engel sind, so sind sie doch ebensowenig wilde Tiere. Ich bin keine Wölfin, sondern eine Frau.«

»Gut, nehmen wir an, Sie seien für die Familie da. Wie kann das aber unsere Gefühle beeinflussen? Die Auffütterung und Erziehung der Kinder hat doch nichts mehr mit der Liebe zu tun, das ist eine Angelegenheit für sich, eine Aufgabe für Kinderfrauen, für alte Weiber. Alle diese Gefühle, Sympathien und so weiter sind doch nur eine Drapierung, das Feigenblatt sozusagen, mit dem sich die Menschen im Paradiese bedeckten . . .«

»Ja, die Menschen!« sagte sie.

Er lachte laut auf und zuckte die Achseln.

»Und wenn es getrost nur eine Drapierung ist,« fuhr Wjera fort – »so ist doch auch sie nach Ihrer Lehre ein Produkt der Natur. Und Sie wollen sie herunterreißen! Warum haben Sie sich denn mit solcher Hartnäckigkeit, solchem Trotz gerade an mich gehängt? Warum sagen Sie, daß Sie mich lieben, warum hat sich Ihr Äußeres so verändert, warum sind Sie so abgemagert, so nervös geworden? . . . Sie könnten doch, bei Ihren Ansichten von der Liebe, sich ebensogut eine Freundin drüben in der Vorstadt suchen, oder jenseits der Wolga, auf dem Dorfe? Was bestimmt Sie, ein ganzes Jahr lang hierher, in die Schlucht zu kommen?«

Seine Miene verfinsterte sich.

»Das ist eben der Irrtum, Wjera, in dem Sie befangen sind: bei meinen Ansichten von der Liebe, sagen Sie – aber bei der Liebe handelt es sich eben um keine Ansichten, denn sie ist ein Trieb, ein Bedürfnis, und daher größtenteils blind. Nun gebe ich zu, daß meine Neigung für Sie nicht so ganz blind ist. Ihre Schönheit, die, wie auch Raiski richtig herausgefunden hat, von nicht gewöhnlicher Art ist, Ihr Geist, Ihre freie Denkweise – das alles fesselt mich wohl länger an Sie als an irgendeine andere.«

»Sehr schmeichelhaft!« sagte sie leise.

»Doch eben diese Denkweise ist Ihr Unglück, Wjera. Ohne sie wären wir längst einig, wären wir glücklich . . .«

»Für einige Zeit – und dann käme eine neue Neigung, die ihr Recht fordert, und so fort ohne Ende . . .«

Er zuckte die Achseln.

»Nicht wir sind hieran schuld, sondern die Natur. Und die hat das sehr weise eingerichtet. Wollten wir bei jeder Lebenserscheinung, jedem Gefühle, jeder Neigung allzulange verweilen, so hieße das uns selbst Fesseln anlegen, uns in Vorstellungen, in eine Denkweise einschnüren . . . Die Natur läßt sich einmal nicht ummodeln!«

»Diese Denkweise aber gibt unserem Leben Regeln und Gesetze – deren es genau so bedarf, wie nach Ihrer Lehre die Natur sie hat!«

»Das ist’s eben, was das lebendige Leben zum Kadaver macht: daß die Menschen ihre natürlichen Triebe in starre Regeln einspannen, sich selbst an Händen und Füßen Ketten anlegen . . . Die Liebe ist ein Glück, das dem Menschen von der Natur geschenkt wird – das ist meine Meinung . . .«

»Aber dieses Glück zieht Pflichten nach sich,« sagte sie, sich von der Bank erhebend – »das ist meine Meinung . . .«

»Das ist ausgeklügelt und ertüftelt, Wjera! Machen Sie sich doch klar, welch ein Chaos alle diese Regeln und Vorstellungen bilden! Vergessen Sie einmal die Pflichten, verschließen Sie sich nicht mit Gewalt der Einsicht, daß die Liebe ein Trieb ist . . . der zuweilen unwiderstehlich wird . . .« Er erhob sich gleichfalls und legte seinen Arm um ihre Taille.

»Ist’s nicht so? Das müssen Sie doch einsehen, Sie Trotzköpfchen . . . Sie schönes, kluges Kind . . .« flüsterte er zärtlich.

Sie entwand sich langsam seinem Arme.

»Was Sie sich da wieder ausgedacht haben – Pflichten!«

»Ja, Pflichten!« wiederholte sie bestimmt – »dafür, daß eins dem andern das Glück geschenkt und die besten Jahre geopfert hat, sollen sie für den Rest des Lebens in gegenseitiger Treue zueinander halten . . .«

»Ja, was folgt denn daraus? – möcht’ ich fragen! Ewig Suppen kochen, sich gegenseitig bedienen, einander Aug’ in Auge gegenübersitzen, sich verstellen, an der Seite einer kränklichen, nervösen Lebensgefährtin oder eines vom Schlage gerührten Greises festhocken, im Banne der Regeln, der Pflicht stöhnen, während in den eignen Adern noch Kraft genug steckt, dem Rufe des Lebens zu folgen, dahin zu gehen, wohin es einen zieht . . . Ist es das, was Ihnen als Ideal vorschwebt?«

»Ja – sich beherrschen, und nicht dahin schauen, wohin es einen zieht! Dann bedarf es auch keiner Verstellung. ›Es heißt eben Enthaltsamkeit üben, wie beim Branntwein‹, sagt Tantchen, und sie hat vollkommen recht . . . So verstehe ich das Glück, und so wünsche ich es mir!«

»Wie traurig ist es um unsere Liebe bestellt, wenn Sie jetzt schon die Weisheitssprüche der Großtante zitieren! Nun, so zeigen Sie doch einmal, wie fest Tantchens Grundsätze in Ihnen sitzen!«

»Wohlan denn – ich gehe noch heute, gleich von hier aus, zu ihr hin . . . und sage ihr alles . . .«

»Was wollen Sie ihr sagen?«

»Alles, was bisher gewesen ist . . . und was sie noch nicht weiß . . .«

Sie setzte sich auf die Bank, stützte den Ellbogen auf den Tisch, barg ihr Gesicht in den Händen und versank in Nachdenken.

»Warum wollen Sie es ihr sagen?« fragte er.

»Sie werden meine Gründe nicht verstehen, weil Sie keine Pflicht anerkennen . . . Ich habe meine Pflicht gegen sie schon lange versäumt . . .«

»Alles das ist öde Moral, die das Leben langweilig macht und verschimmeln läßt . . . Ach, Wjera, Wjera – Sie wissen nicht, was Liebe ist, verstehen nicht zu lieben . . .«

Sie trat plötzlich auf ihn zu und sah ihm vorwurfsvoll ins Gesicht.

»Sprechen Sie nicht so, Mark . . . wenn Sie mich nicht zur Verzweiflung bringen wollen! Ich muß sonst glauben, daß alle Ihre Worte nur Heuchelei und Verstellung sind, daß Sie nur den Wunsch haben, mich ohne Liebe zu verführen, mich zu täuschen . . .«

Er erhob sich von seinem Platze.

»Auch ich muß Sie bitten, Wjera, nicht ›so‹ zu sprechen. Wenn ich Sie täuschen wollte – ich hätte es längst gekonnt . . . Ich würde dann nicht hier stehen, mir Vorlesungen über die Liebe halten lassen und selbst welche halten . . .«

»Warum quälen Sie sich selbst denn nur so, Mark? Wie kann man sein Leben so verzetteln!« sagte sie, die Hände zusammenschlagend.

»Hören Sie, Wjera: lassen wir den Streit! Aus Ihnen spricht die Großtante, wenn auch in etwas veränderter Form. Alles das mag früher gegolten haben, jetzt ist der Lauf des Lebens ein anderer geworden, die Zeit der Autoritäten, der angelernten Begriffe ist vorüber, die Wahrheit bahnt sich eine Gasse . . .«

»Die Wahrheit – wo ist sie? Sagen Sie es mir endlich! . . . Ist sie nicht schon da, nicht schon vor uns dagewesen? Was suchen Sie eigentlich?«

»Was ich suche? Das Glück! Ich liebe Sie! Warum lassen Sie mich verschmachten, warum kämpfen Sie mit mir und mit sich selbst, warum wollen Sie durchaus zwei Menschen opfern?«

Sie zuckte die Achseln.

»Ein sonderbarer Vorwurf! Schauen Sie mich einmal genauer an . . . wir haben uns ein paar Tage nicht gesehen . . . wie sehe ich aus?« sagte sie.

»Ich sehe, daß Sie leiden – um so törichter ist Ihr Verhalten. Nun möchte auch ich Sie fragen, warum sind Sie hierher gekommen, und warum kommen Sie noch immer hierher?«

Sie blickte ihn fast feindselig an.

»Warum ich nicht früher . . . das Schreckliche meiner Lage gefühlt habe, wollen Sie fragen? Ja, diese Frage, dieser Vorwurf wäre längst am Platze gewesen, und wir hätten ihn uns beide machen sollen. Wenn wir uns diese Frage gegenseitig in aller Aufrichtigkeit beantwortet hätten, dann wären wir wohl nicht mehr hierher gekommen! Es ist nun etwas spät geworden für die Fragestellung . . .« flüsterte sie nachdenklich – »doch besser spät als nie! Wir wollen uns also heute gegenseitig auf die Frage Antwort geben, was wir voneinander gewollt und erwartet haben . . .«

»Ich will Ihnen meinerseits diese Frage ganz offen beantworten,« sagte er. »Ich will Ihre Liebe und biete Ihnen dafür die meinige. Das ist der erste Grundsatz in der Liebe – das Gesetz des freien Austausches, wie es in der Natur begründet ist. Nicht mit Gewalt die Liebe erzwingen, sondern sich frei seiner Neigung hingeben und das Glück der gegenseitigen Neigung genießen – das ist die Pflicht und Regel, die ich anerkenne, und damit haben Sie zugleich die Antwort auf die Frage, warum ich hierher komme. Man müsse Opfer bringen, meinten Sie – nun, ich bringe auch Opfer, das heißt – nach meiner Ansicht sind es ja keine Opfer, aber ich will doch die von Ihnen gewählte Bezeichnung akzeptieren. Ich sehe also darin solch ein Opfer, daß ich noch immer hier in diesem Sumpfe stecke und Zeit und Kraft vergeude . . . nicht für Sie, will ich zugeben, sondern für mich selbst, weil doch augenblicklich mein ganzes Leben in dieser Sache aufgeht. Und ich will dieser Sache treu bleiben, solange ich dabei glücklich bin, solange meine Liebe vorhält. Ist sie erkaltet – dann sage ich es und gehe dahin, wohin das Leben mich führt, ohne mich an irgendwelche Pflichten, Grundsätze oder Fesseln zu kehren. Die will ich alle hier lassen, auf dem Grunde dieser Schlucht! Sie sehen, daß ich Sie nicht täusche, daß ich alles frei heraussage. Ich spreche, wie ich denke – und gehe meiner Wege! Und Sie haben das Recht, ebenso zu handeln. Jene Kadavermenschen aber belügen sich selbst und die andern – und diese Lüge nennen sie dann Grundsätze. Insgeheim freilich handeln sie ganz ebenso – nur daß sie dabei so pfiffig sind, das Recht, so zu handeln, für sich allein in Anspruch zu nehmen und es den Frauen zu verweigern. Zwischen uns aber muß Gleichberechtigung herrschen. Sagen Sie selbst – ist das ehrlich oder nicht?« Sie schüttelte verneinend den Kopf.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1300 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain