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Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 61

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Fünfter Teil

Erstes Kapitel

Am folgenden Tage wurde in der Dorfkirche von Malinowka seit zehn Uhr morgens die große Glocke zum Hochamt geläutet.

Im Hause ging alles drunter und drüber. Die Kalesche wurde angespannt, und auch die altmodische Galakutsche kam zum Vorschein. Die Kutscher zogen ihre neuen hellblauen Livreeröcke an, salbten sich die Köpfe mit Butter ein und waren vom frühen Morgen an betrunken. Die zum Hofgesinde gehörenden Frauen und Mädchen trugen ihre buntfarbigen Kattunkleider nebst Kopftüchern und allerhand Bändern. Die Stubenmädchen rochen schon auf zehn Schritte nach Nelkenpomade.

Jegorka erschien in einem stutzerhaften Aufzuge, wie man ihn noch nie gesehen; er trug ein ganz kurzes Jackett, das ihm Raiski geschenkt hatte, grün gewürfelte, fast neue Beinkleider, die er gleichfalls von Raiski bekommen hatte, und eine blaue Weste nebst orangegelbem Halstuch, die er beide aus eigener Tasche sich hinzugekauft hatte. Er tauchte plötzlich in diesem Aufzuge vor Tatjana Markowna auf.

»Was ist denn mit dir los?« rief sie in strengem Tone aus. »Du siehst ja wie eine Vogelscheuche aus! Herunter mit den Lappen! Wassilissa! Sie sollen alle Livreeröcke anziehen – Ssereschka sowohl, wie Stepka und Petruschka, und auch dieser Narr da!« sagte sie, auf Jegor zeigend. »Jakow soll den schwarzen Frack und dazu eine weiße Binde tragen. Sie sollen bei Tisch aufwarten und auch am Abend die Livreen anziehen!«

Das ganze Haus sah festlich aus, nur Ulita, die an diesem Morgen noch tiefer als sonst in ihre Keller und Kühlräume hinabsteigen mußte, fand keine Zeit, irgendein Kleidungsstück anzuziehen, das sie von der gestrigen oder morgigen Ulita unterschieden hätte. Die Köche trugen schon vom frühen Morgen ab ihre weißen Mützen und kamen aus dem Kochen und Braten nicht heraus – da hieß es das Frühstück, das Mittagessen, das Abendbrot bereiten, bald für die Herrschaften, bald für das eigene Hofgesinde, bald für die Dienerschaft vom andern Ufer der Wolga.

Die Großtante hatte bereits ganz früh am Morgen alle Anordnungen für den Tag getroffen und um acht Uhr große Toilette gemacht, worauf sie sich zu ihren Gästen und zukünftigen Verwandten in den Saal begab – im vollen Glanze ihrer greisenhaften Schönheit, mit der verhaltenen Würde der Herrin und dem liebenswürdigen Lächeln der glücklichen Brautmutter und gastfreien Hausfrau. Sie trug ein einfaches, kleines Häubchen auf dem grauen Haar; das hellbraune Seidenkleid, das ihr Raiski aus Petersburg mitgebracht hatte, kleidete sie ausgezeichnet. Den Hals bedeckte ein Chemisett mit breitem Kragen aus alten, vergilbten Spitzen. Auf einem Sessel im Kabinett lag der große türkische Schal, den sie umnehmen wollte, sobald die Gäste zum Frühstück und Mittagessen erschienen.

Jetzt war sie eben im Begriff, mit den Ihrigen zur Messe zu fahren, und während sie wartete, bis alle versammelt waren, schritt sie langsam, die Arme über der Brust verschränkt, im Saale auf und ab. Sie sah fast gar nichts von dem Treiben ringsum, von dem Ein- und Ausgehen der Leute, dem Säubern der Teppiche, Lampen und Spiegel, dem Abnehmen der Überzüge von den Möbeln.

Sie trat bald an das eine, bald an das andere Fenster, sah nachdenklich auf den Weg hinaus, blickte dann von der andern Seite in den Park, von der dritten Seite auf die Höfe hinaus. Im Hause hatten Wassilissa und Jakow das Kommando übernommen, ihnen hatte die Dienerschaft zu gehorchen, während Ssawelij das Hofgesinde befehligte. Wikentjews Mutter trug ein perlgraues Kleid mit dunkler Spitzengarnierung. Wikentjew war bereits um acht Uhr in Frack und weißen Handschuhen erschienen, man wartete nur noch Marsinkas Erscheinen ab.

Als sie dann kam, kannte Tatjana Markownas Freude und Stolz keine Grenzen. Marsinka strahlte in ihrer ganzen Schönheit und Frische, und an diesem Morgen kam noch der Glanz der Freude über die aufrichtige Teilnahme hinzu, die ihr von allen Seiten entgegengebracht wurde; nicht nur von der Großtante, dem Bräutigam und dessen Mutter, sondern auch von allen übrigen Hausgenossen. In jedem Gesichte, bis zur letzten Hofmagd hinunter, las sie ungeheuchelte Freundschaft, Zuneigung und Mitfreude an diesem ihrem Ehrentage.

Die Großtante war bereits, wie sie eben aufgestanden war, bei ihr im Zimmer gewesen. Als sie beim Erwachen um sich geschaut hatte, war sie ganz hin gewesen vor freudigem Staunen, und ein überraschtes »Ach!« war ihren Lippen entschlüpft. Während sie schlief, hatten unsichtbare Hände alle Wände ihrer beiden Zimmer mit Girlanden aus frischem Laub und Blumen geschmückt. Als sie sich dann nach ihrer einfachen Bluse umsah, um sie anzuziehen, fand sie statt ihrer auf einem Sessel neben ihrem Bett ein Morgenneglige aus Musselin und Spitzen, mit rosa Schleifen. Noch hatte sie sich von ihrem freudigen Schreck nicht erholt, als sie auf zwei weiteren Sesseln zwei reizende Kleider, ein blaues und ein rosenrotes, erblickte – sie konnte wählen, welches von beiden sie anziehen wollte.

»Ach!« rief sie aus, sprang aus dem Bett und probierte, ehe sie noch die Strümpfe angezogen hatte, das Neglige an, lief nach dem Spiegel und war ganz starr; die ganze Toilette war mit Geschenken vollgestellt.

Sie wußte nicht, was sie zuerst betrachten, zuerst in die Hand nehmen sollte. Von den Kleidern hinweg zog es sie zu einem wundervollen Kästchen aus Rosenholz – sie öffnete es und fand darin ein vollständiges Damennecessaire, fast alles, was zur Toilette gehörte, verschiedene silberverzierte Kristallflakons, Kämmchen, Bürstchen und allerhand kleinen Zubehör.

Sie begann jeden einzelnen Gegenstand zu betrachten, griff mit zitternden Händen nach dem ersten Flakon, erblickte den zweiten und stellte jenen fort, sah einen dritten, vierten, nahm bald einen Kamm, bald eins der in Silber gefaßten Bürstchen und entdeckte zu ihrem Erstaunen, daß jeder einzelne Gegenstand das Initial »M.« und die Inschrift »von ihrer zukünftigen maman« trug.

»Ach!« rief Marsinka, ganz außer sich vor Entzücken, und ließ den Deckel auf das Kästchen fallen.

Neben dem Kästchen lagen noch ein paar größere und kleinere Futterale. Sie wußte nicht, welches sie zuerst in die Hand nehmen, was sie zuerst betrachten sollte. Sie sah flüchtig in den Spiegel, warf das dichte blonde Haar, das ihr ins Gesicht fiel und sie am Sehen hinderte, zurück und raffte schließlich sämtliche Futterale von der Toilette auf. Sie nahm sie mit ins Bett und begann da in aller Muße ihren Inhalt zu betrachten.

Sie fürchtete sich jedoch, die Futterale zu öffnen, zögerte eine ganze Weile und öffnete dann das kleinste von ihnen. Ein Ring lag darin mit einem einzigen großen Smaragd.

»Ach!« rief sie von neuem, steckte den Ring an, streckte den Arm aus und betrachtete das Kleinod mit Entzücken. Sie öffnete ein zweites, größeres Futteral – in diesem lagen ein paar Ohrringe. Sie steckte sie in die Ohren und neigte sich, im Bett sitzend, vor, um sich im Spiegel zu betrachten. Dann öffnete sie noch zwei Futterale und fand darin ein paar große, massive Armbänder in Form von Schlangen, mit Rubinen statt der Augen und mit blitzenden kleinen Brillanten, die über die ganze Oberfläche verteilt waren. Auch die Armbänder legte sie sogleich an.

Endlich öffnete sie auch das größte der Futterale.

»Ach!« rief sie fast entsetzt und sah einen ganzen Strom von herrlichen Brillanten, einundzwanzig Stück, genau so viel, als sie Jahre zählte.

Eine Karte lag darin, auf der stand geschrieben: »Zu diesen Brillanten gehört noch ein weiterer, ganz besonders kostbarer – nämlich ich selbst. Hüten Sie ihn mit Sorgfalt! Ihr herzallerliebster Wikentjew.«

Sie lachte hell auf, sah sich dann vorsichtig um, drückte einen Kuß auf die Karte, errötete bis über die Ohren, sprang aus dem Bett und verbarg die Karte in dem kleinen Schränkchen, in dem sie ihre Näschereien aufbewahrte. Dann lief sie wieder nach der Toilette und sah noch einmal nach, ob da nicht noch irgend etwas läge, und fand wirklich noch ein Futteral.

Es war Raiskis Geschenk: die Uhr mit dem Emaildeckel, der ihre Chiffre trug, samt der goldenen Kette. Sie sah das Geschenk mit großen Augen an, ließ dann ihren Blick über die übrigen Geschenke schweifen und schaute nach den mit Girlanden und Blumen geschmückten Wänden. Und plötzlich ließ sie sich, die Augen mit den Händen bedeckend, auf einen Stuhl sinken, und ein Strom heißer Tränen stürzte aus ihren Augen.

»O mein Gott!« sprach sie, vor lauter Glück aufschluchzend, »warum lieben sie mich nur alle so sehr? Ich habe doch nie einem von ihnen etwas Gutes getan und werde es auch niemals tun können! . . .«

So traf sie die Großtante an, noch nicht angezogen, ohne Schuhe und Strümpfe, mit den Ringen an den Fingern, den Armbändern, den Brillantohrringen, ganz in Tränen gebadet. Sie erschrak zuerst, als sie Marsinka so erblickte; dann aber, sobald sie vernommen, warum sie weinte, ward sie von Rührung und Freude ergriffen und bedeckte sie mit Küssen.

»Das ist alles nur darum, weil Gott dich liebt, mein Kind,« sagte sie, während sie sie streichelte. »Er lohnt dir dafür, daß du selbst alle liebst, und daß allen, die dich nur ansehen, so warm und wohl ums Herz wird.«

»Nun, ich will nichts von Nikolaj Andrejewitsch sagen – der ist mein Bräutigam, und auch von seiner Mutter nichts,« versetzte Marsinka, während sie ihre Tränen trocknete, »aber der Bruder, Boris Pawlowitsch: was bin ich ihm? . . .«

»Dasselbe wie den andern: eine Augenweide, ein Menschenkind, dessen bloßer Anblick das Herz erfreut. Du bist so bescheiden, so gut und rein, und so folgsam . . .« Im stillen freilich dachte sie: »Dieser Verschwender – warum kauft er nur so teure Geschenke? Ich will ihm gehörig den Kopf waschen!«

»Als wenn er’s geraten hätte, Tantchen; ich wünschte mir schon immer solch eine Uhr mit blauer Emaille.«

»Und du fragst auch gar nicht, warum Tantchen dir nichts geschenkt hat?«

Marsinka verschloß ihr den Mund mit einem Kusse.

»Lieben Sie mich nur immer, Tantchen, wenn Sie wollen, daß ich glücklich sein soll . . .«

»Lieben? Ja, meine Liebe besitzt du – und hier hast du mein tägliches Geschenk!« sagte sie und bekreuzte Marsinka.

»Und damit du dieses Kreuz, mit dem ich dich segne, auch später nicht vergißt, hast du hier noch etwas . . .«

Sie begann in ihrer Tasche zu suchen.

»Sie haben mir doch die beiden Kleider geschenkt, Tantchen! . . . Und wer hat denn die Girlanden und Blumen da so geschickt aufgehängt? . . .«

»Einen Teil hat dein Bräutigam geschickt und die übrigen Paulina Karpowna . . . In aller Heimlichkeit ließen sie es gestern herbringen, und heute ganz früh haben Wassilissa und Paschutka sie befestigt . . . Die Kleider gehören zu deiner Aussteuer, du wirst noch mehr als zwei vorfinden. Da, nimm . . .«

Sie zog ein Futteral aus der Tasche, nahm ein goldenes Kreuz mit vier großen Brillanten heraus und hängte es ihr um den Hals. Dann folgte noch ein einfaches, glattes Armband mit Widmung und Datum.

Marsinka küßte der Großtante die Hand und war nahe daran, von neuem in Tränen auszubrechen.

»Alles, was Tantchen besitzt – und sie ist nicht ganz arm – bekommt ihr beide, du und Wjerotschka, zu gleichen Teilen . . . Nun zieh dich aber ganz rasch an!«

»Wie hübsch Sie doch aussehen, Tantchen! Der Bruder hat ganz recht: Tit Nikonytsch wird sich gewiß noch in Sie verlieben . . .«

»Schwatz keinen Unsinn!« sagte die Großtante halb ärgerlich. »Geh dann einmal zu Wjerotschka hinüber und sieh nach, was sie macht. Sie soll nur nicht zur Messe zu spät kommen! Ich würde selbst mal hinaufgehen, aber ich scheue das Treppensteigen . . .«

»Sofort, sofort lauf’ ich hin . . .« sagte Marsinka und ging daran, sich anzuziehen.

Zweites Kapitel

Eine halbe Stunde wohl lag Wjera ohnmächtig da, dann erwachte sie und blickte um sich. Der kalte Luftstrom, der durch das offene Fenster hereindrang, erfrischte sie. Sie blieb einen Augenblick auf dem Teppich sitzen, erhob sich dann, schloß das Fenster, schritt schwankend auf das Bett zu und sank darauf nieder. Unbeweglich, nur mit dem großen Tuche bedeckt, das sie am Abend aufs Bett geworfen, blieb sie liegen.

Sie war ganz entkräftet und verfiel in einen schweren Schlaf. Der erschöpfte Organismus versagte gleichsam, Bewußtsein und Wille waren ausgeschaltet. Das aufgelöste Haar war über das Kissen gebreitet. Sie war ganz bleich und schlief wie eine Tote.

Drei Stunden später weckte der Lärm im Hofe, das Gewirr menschlicher Stimmen, das Räderknarren und Glockengeläut sie aus ihrer Lethargie. Sie öffnete die Augen, ließ sie durchs Zimmer schweifen, lauschte auf den Lärm draußen, kam für einen Augenblick zum Bewußtsein, schloß dann wieder die Augen und fiel wieder in ihren Zustand, der halb Schlaf, halb Qual war, zurück. Da klopfte jemand leise an die Tür ihres Zimmers. Sie rührte sich nicht. Das Klopfen wurde lauter wiederholt. Sie hörte es, stand plötzlich vom Bett auf, sah in den Spiegel und erschrak vor sich selbst.

Sie wickelte rasch ihr Haar um die Hand, formte es zu einem Knoten und befestigte diesen, so gut es ging, mit einer großen schwarzen Haarnadel auf dem Kopfe. Dann nahm sie das Tuch um die Schultern, hob den für Marsinka bestimmten Blumenstrauß vom Boden auf und legte ihn auf den Tisch.

Das Klopfen wiederholte sich, während zugleich jemand leise an der Tür kratzte.

»Sofort!« sagte sie und öffnete die Tür.

Marsinka kam hereingeflogen – wie ein Regenbogen schimmernd in ihrer Schönheit, ihrem Festschmuck, ihrer Fröhlichkeit. Sie blickte auf Wjera und blieb plötzlich stehen.

»Was ist dir, Wjerotschka?« fragte sie. »Du bist nicht wohl! . . .«

Ihre Fröhlichkeit schwand, und helle Angst malte sich auf ihrem Gesichte.

»Nein, nicht ganz . . .« antwortete Wjera mit schwacher Stimme. »Nun, ich wünsche dir Glück . . .«

Sie küßten sich.

»Wie reizend du bist, wie hübsch angezogen!« sagte Wjera und versuchte zu lächeln. Doch es gelang ihr nicht zu lächeln – die Lippen kräuselten sich wohl, aber die Augen lachten nicht mit. Der starre, unbewegliche Blick, der fast an das glanzlose Auge einer Toten erinnerte, das man zu schließen vergessen, stand in seltsamem Gegensatz zu den begrüßenden Worten.

Wjera fühlte, daß sie nicht Herrin ihrer selbst war, nahm rasch den Blumenstrauß und reichte ihn Marsinka.

»Welch ein herrliches Bukett!« sagte Marsinka ganz entzückt und roch an den Blumen. »Und was ist denn das?« fügte sie plötzlich hinzu, als sie unter dem Bukett etwas Hartes in der Hand fühlte. Es war ein kostbarer, mit Perlen verzierter Buketthalter, der ihre Namenschiffre trug.

»Ach, Wjerotschka, auch du, auch du! . . . Was ist denn das – wie kommt es, daß ihr mich alle so lieb habt? . . .« sagte sie und war wieder den Tränen nahe. »Auch ich liebe euch ja so sehr . . . oh, wie ich euch liebe, mein Gott! . . . Aber wie soll ich euch das nur zeigen? Ich weiß es wirklich nicht in Worte zu kleiden, wie sehr ich euch liebe! . . .«

Wjera war gerührt, vermochte ihr jedoch nicht zu antworten, sondern holte nur tief Atem und legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Ich will mich aufsetzen,« sagte sie, »ich habe in der Nacht schlecht geschlafen . . .«

»Tantchen läßt dir sagen, du möchtest zur Messe kommen . . .«

»Ich kann nicht, mein Herzchen – sag’ nur, ich fühlte mich nicht wohl und würde heute nicht ausgehen . . .«

»Du willst überhaupt nicht hinüberkommen?« fragte Marsinka erschrocken.

»Ich will im Bett bleiben, ich muß mich gestern erkältet haben – aber sag’ nur Tantchen, es sei nicht weiter schlimm . . .«

»Wir werden zu dir heraufkommen!«

»Gott behüte! Ich muß Ruhe haben, ihr würdet mich stören . . .«

»Nun, dann schicken wir dir von allem etwas herauf . . . Wieviel Geschenke ich bekommen habe! . . . Wieviel Blumen und Konfekt! . . . Ich will dir alles zeigen . . .«

Marsinka zählte alle Geschenke auf, die sie bekommen hatte, und nannte jedesmal den Namen des Gebers.

»Ja, ja . . . sehr nett . . . sehr lieb . . . Du wirst es mir dann zeigen . . . ich komme später hinüber . . .« sagte Wjera, die kaum zuhörte, zerstreut.

»Und was ist denn das? Noch ein Bukett!« sagte plötzlich Marsinka, als sie den Orangenblütenstrauß an der Erde sah. »Warum liegt es denn auf der Erde?«

Sie hob das Bukett auf und reichte es Wjera. Diese erbleichte.

»Für wen ist denn das? Nein, wie wundervoll!«

»Das ist . . . auch für dich . . .« antwortete Wjera tonlos. Sie nahm das erste beste Band, das ihr in die Hand fiel, nebst einigen Stecknadeln aus der Kommode und befestigte mit Mühe, kaum die Finger bewegend, die Orangenblüten an Marsinkas Brust. Dann küßte sie sie und setzte sich erschöpft auf den Diwan.

»Du bist wirklich krank – sieh doch in den Spiegel, wie blaß du bist!« versetzte Marsinka ernsthaft. »Soll ich es nicht Tantchen sagen? Sie wird den Arzt kommen lassen . . . Was meinst du, Herzchen – soll Iwan Bogdanowitsch kommen? . . . Wie traurig: gerade an meinem Geburtstage! Jetzt ist mir der ganze Tag verdorben!«

»Nicht doch, nicht doch – es wird vorübergehen. Sag’ Tantchen nicht ein Wort, ängstige sie nicht! . . . Und nun geh, laß mich allein . . .« flüsterte Wjera, »ich möchte ein wenig ausruhen. . . .«

Marsinka wollte sie küssen und sah plötzlich, daß Wjeras Augen voll Tränen standen. Sie begann gleichfalls zu weinen.

»Was ist dir denn?« fragte Wjera leise, während sie unbemerkt ihre Tränen zu trocknen suchte.

»Wie soll ich nicht weinen, wenn du weinst, Wjerotschka! Was ist denn mit dir, mein liebes, gutes Schwesterchen? Du hast einen Kummer, erzähl’ doch . . .«

»Nichts, nichts . . . Sieh mich nicht an: es sind nur die Nerven . . . Sei nur hübsch vorsichtig, wenn du es Tantchen sagst, sonst erschrickt sie . . .«

»Ich werde sagen, daß du Kopfschmerzen hast. Von den Tränen sag’ ich nichts, sonst ist sie den ganzen Tag verstimmt.«

Marsinka verließ das Zimmer. Wjera verschloß die Tür hinter ihr und legte sich auf den Diwan.

Drittes Kapitel

Alle hatten sich, zu Wagen oder zu Fuß, nach der Kirche begeben. Raiski, der erst am Morgen auf sein Zimmer gekommen war, erkannte sich selbst im Spiegel nicht wieder. Er hatte einen Schüttelfrost, verlangte von Marina ein Glas Wein, trank es aus und legte sich ins Bett.

Es war ihm nicht leichter zumute als Wjera. Körperlich und seelisch erschöpft, warf er sich dem Schlaf in die Arme wie jemand, der, selbst fiebernd, an der Brust des gesunden Freundes Schutz und Rettung sucht. Und der Schlaf tat seine Pflicht: er trug ihn weit fort von Wjera, von Malinowka, von der Schlucht und dem Drama, das sich gestern dort auf ihrem Grunde vor seinen Augen abgespielt hatte.

Der Traum entführte ihn in ganz andere Regionen, denen alle schäumende Leidenschaft, alle überschwengliche Poesie fremd war. Er sah sich in Petersburg, allein, in seinem verlassenen Atelier, mit gleichgültigem Blick seine begonnenen und nie zu Ende geführten Arbeiten musternd.

Dann träumte er, er sitze mit seinen Freunden bei Saint-George und esse und trinke mit Appetit, höre sich die banalen Anekdoten an, die gewöhnlich bei Junggesellendiners zum besten gegeben werden, und fühle sich davon so gelangweilt, daß er selbst im Schlafe noch Schlafsucht empfinde.

Und dabei lag er in gesundem, prosaischem Schlaf, der ihn so fest umfangen hielt, daß, als er von dem Geläut der Kirchenglocken erwachte, er während der ersten zwei oder drei Minuten ganz unter dem Einflusse der trägen animalischen Ruhe stand, die wie eine hohe Wand ihn von dem gestrigen Tage trennte.

Er wußte nicht, wo er war, ja vielleicht nicht einmal, wer er war. Die Natur hatte ihr Recht gefordert und durch diesen festen Schlaf das Gleichgewicht seiner Kräfte wieder hergestellt. Er empfand keinen Schmerz, keine Qualen mehr – alles war wie ins Wasser gesunken.

Er streckte sich, pfiff sogar lustig und sorglos und hatte nur die eine Empfindung, daß ihm aus irgend einem Grunde sehr wohl zumute war, daß in ihm volle Ruhe herrschte und er schon lange nicht so gut geschlafen hatte und so gekräftigt aufgewacht war. Ganz zum klaren Bewußtsein war er noch nicht gekommen. Während der nächsten zwei, drei Minuten jedoch kehrte ihm allmählich die Erinnerung an alles das zurück, was gestern geschehen war. Er setzte sich im Bett auf, als ob er sich nicht selbst aufgerichtet hätte, sondern von einer fremden Kraft emporgerichtet worden wäre; zwei Minuten etwa saß er unbeweglich, mit weit geöffneten Augen da, als sehe er etwas, an dessen Wirklichkeit er nicht glauben könne. – Sobald er dann jedoch sah, daß es dennoch Wirklichkeit war, schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen, fiel auf das Kissen zurück und sprang gleich darauf aus dem Bett mit einem Gesicht, so voll jähen Entsetzens, wie es gestern selbst in der furchtbarsten Minute nicht darin zu lesen war.

Eine neue Pein, nicht von derselben Art wie die gestrige, nahm von seinem Innern Besitz. Ebenso hastig und krampfhaft nervös, wie Wjera am Abend vorher, als sie nach der Schlucht hinauseilen wollte, faßte er bald nach diesem, bald nach jenem der auf den Stühlen zerstreut umherliegenden Kleidungsstücke.

Er klingelte Jegorka herbei und wurde, trotz seiner Hilfe, nur mit Mühe mit dem Ankleiden fertig. Er zog den Rock vor der Weste an, vergaß die Krawatte und kam trotz aller Anstrengungen Jegorkas nur mit knapper Not in seine Kleider hinein. Er fragte, was im Hause vorgehe, und als er hörte, daß alle zur Messe seien, außer Wjera, die krank in ihrem Zimmer liege, erschrak er heftig und eilte ganz bestürzt aus seinem Zimmer nach dem alten Hause zu.

Er klopfte leise an Wjeras Tür, doch niemand meldete sich. Er wartete ein paar Minuten und drückte dann auf die Klinke – die Tür war von innen nicht verschlossen. Er öffnete die Tür ganz vorsichtig und ging mit entsetztem Gesichte hinein, ganz leise daherschreitend, wie ein Mensch, der einen Mord beabsichtigt. Er trat kaum mit den Fußspitzen auf, zitterte am ganzen Leibe, war bleich wie die Wand und fürchtete jeden Augenblick, vor innerer Erregung zusammenzubrechen.

Wjera lag auf dem Diwan, das Gesicht der Rücklehne zugewandt. Ihr Haar fiel von dem Kissen fast bis auf den Fußboden herab, der Rock ihres grauen Kleides hing achtlos, kaum die in den Pantoffeln steckenden Füße bedeckend, herunter.

Sie wandte sich nicht um, sondern drehte nur den Hals ein wenig seitwärts, um zu sehen, wer eingetreten war; doch war sie offenbar dazu nicht imstande.

Er ging zu ihr hin, kniete an dem Diwan nieder und preßte seine Lippen auf ihren Pantoffel. Sie wandte sich plötzlich um; ihr Auge streifte ihn mit einem flüchtigen Blicke, und schmerzliches Erstaunen malte sich in ihren Zügen.

»Was ist das . . . Boris Pawlowitsch – eine Komödienszene, oder ein Romankapitel?« sprach sie dumpf, während sie sich unwillig abwandte und den Fuß mit dem Pantoffel unter das Kleid zog, das sie, ohne hinzusehen, hastig zurechtzog.

»Nein, Wjera – es ist eine Tragödie!« sprach er kaum hörbar, mit erlöschender Stimme, und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Diwan.

Als sie den seltsamen Klang seiner Stimme vernahm, wandte sie sich um und sah ihn forschend an; ihre Augen weiteten sich und blickten auf ihn voll Erstaunen. Sie sah dieses bleiche Gesicht, so bleich, wie sie es noch nie gesehen hatte, und schien das Rätsel dieses neuen Gesichtes, dieses neuen Raiski zu erraten.

Sie warf das Tuch fort, stand vom Diwan auf und trat, all ihre eigene Sorge in diesem Augenblick vergessend, auf ihn zu: Sie sah in einem fremden Gesicht das gleiche, tötende Leiden, an dem sie selber litt.

»Bruder, was ist mit dir? Du bist unglücklich!« sagte sie und legte ihm die Hand auf die Schulter. Und in diesen wenigen Worten, in der Stimme, mit der sie gesprochen wurden, schien alles zum Ausdruck zu kommen, was es Großes im Herzen des Weibes gibt: Mitgefühl, Selbstverleugnung, Liebe.

Ihre zärtliche Teilnahme und das unerwartete, trauliche »Du« rührte ihn aufs tiefste. Er blickte mit demselben grenzenlosen Dankgefühl zu ihr auf, mit dem sie ihn gestern angesehen, als er, sich selbst vergessend, ihr beim Abstieg in die Schlucht behilflich war.

Sie vergalt ihm ganz wider Erwarten seine Großmut mit gleicher Großmut, und wie gestern dieser Strahl edler Menschlichkeit aus ihm plötzlich hervorgeschossen war, so geschah ein Gleiches jetzt mit ihr.

Aus dem Wirrwarr der Gefühle, die auf ihn einstürmten, trat die Qual der Verzweiflung und Reue über das Schändliche, das er an ihr begangen, besonders stark hervor, und diese Reue machte sich in einer heißen Tränenflut Luft. Er ließ sein Gesicht in ihre Hände sinken und weinte wie jemand, der alles verloren hat, dem nichts, gar nichts mehr übriggeblieben ist.

»Was habe ich getan! Ich habe dich, die Frau in dir, die Schwester, tödlich beleidigt!« brach es aus ihm unter Schluchzen hervor. »Doch nicht ich war es, nicht der Mensch in mir – es war das Tier, das dieses Verbrechen beging. O, was habe ich getan!« rief er voll Entsetzen und sah sich um, als wenn er jetzt erst ganz zur Besinnung käme.

»Quäle dich und mich nicht . . .« flüsterte sie sanft und zärtlich. »Schone mich – ich ertrage das nicht. Du siehst, in welcher Verfassung ich bin . . .«

Er war bemüht, ihrem Blicke auszuweichen. Sie legte sich wieder auf den Diwan.

»Welchen tückischen Dolchstich habe ich dir versetzt!« flüsterte er erschauernd. »Ich bitte dich nicht einmal um Verzeihung – es ist unmöglich, mir zu verzeihen. Du siehst meine Qualen, Wjera . . .«

»Dein Dolchstich . . . hat mir nur für einen Augenblick Schmerz bereitet. Dann sagte ich mir, daß er nicht von gleichgültiger Hand gegen mich geführt sein konnte, und ich begriff, daß du mich liebst . . . Jetzt erst machte ich mir klar, was du in all den Wochen . . . was du gestern erduldet hast . . . Beruhige dich, du bist mir nichts schuldig, wir sind quitt . .«

»Versuche nicht, Wjera, ein Verbrechen zu rechtfertigen: der Dolch bleibt immer ein Dolch . . .«

»Du hast mich aus einem Taumel geweckt . . . Ich wandelte wie ihm Schlafe dahin; euch alle – dich, die Großtante, die Schwester, das ganze Haus – sah ich nur wie im Traum, ich war voll Bosheit und Hohn gegen euch . . . war meiner Sinne nicht mächtig . . .«

»Was soll ich nun tun, Wjera? Verlangst du, daß ich abreise? In welchem Zustande würde ich jetzt fortgehen? Laß mich meine Strafe hier abbüßen . . . daß ich wenigstens ein klein wenig Frieden finde . . . und sühne, was ich verbrochen . . .«

»Nicht doch . . . deine Phantasie sieht dort ein Verbrechen, wo nur ein Irrtum ist. Erinnere dich doch, in welchem Zustande, in welcher Fieberhitze du gehandelt hast! . . .« Sie schwieg.

»Ich habe nichts weiter als deine Freundschaft,« sagte sie dann und reichte ihm die Hand. »Ich verurteile dich nicht – ich vermag es nicht; ich weiß jetzt, wie leicht man einen Irrtum begehen kann . . .«

Es fiel ihr sichtlich schwer zu sprechen, und sie tat es offenbar nur, um ihn zu beruhigen. Er drückte die Hand, die sie ihm reichte, und seufzte tief auf.

»Du bist so gut, wie nur eine Frau es sein kann, und urteilst über diesen Irrtum nicht mit dem Verstande, sondern mit dem Herzen . . .«

»Nein, du bist zu streng gegen dich selbst. Jeder andere würde das Recht auf seiner Seite wähnen, nach all den törichten Scherzen, die man sich dir gegenüber herausgenommen hat . . . Ich meine jene Briefe, du weißt ja . . . Vielleicht war die Absicht nicht schlecht – du solltest ernüchtert werden – aber es war doch immer Bosheit dabei, und Spott, während du alles so ernst nahmst . . . Wir haben dich ohne Not verhöhnt, wir waren schlecht gegen dich, weil wir dich nicht verstanden . . . Es war so dumm, so dumm! Du hast tiefer gelitten, als ich gestern . . .«

»O nein, nein! Ich habe selbst zuweilen mitgelacht, über mich und über euch . . . Damals zum Beispiel, als du den Paletot, die Decke und das Geld für den armen Verbannten verlangtest . . .«

Sie machte große Augen und sah ihn erstaunt an.

»Welches Geld? Welchen Paletot? Wer ist der Verbannte, von dem du sprichst? Ich verstehe dich nicht . . .« Seine Züge hellten sich ein wenig auf.

»Ich dachte gleich damals, daß dieser Einfall nicht von dir stammte – und nun sehe ich, daß du gar nichts davon weißt!«

Er teilte ihr kurz den Inhalt der beiden Briefe mit, in denen von dem Gelde und dem Paletot die Rede war.

Sie wurde bleich bis in die Lippen.

»Wir schrieben abwechselnd mit Natascha an dich, mit derselben Handschrift, scherzhafte kleine Briefchen, in denen wir den Ton deiner Briefe nachzuahmen suchten . . . Das war alles, sonst weiß ich von nichts . . .« sagte sie leise, das Gesicht der Wand zukehrend.

Sie schwiegen beide. Er schritt nachdenklich auf dem Teppich hin und her, während sie, von dem Gespräch ermüdet, auszuruhen schien.

»Ich bitte dich wegen dieser Geschichte nicht erst um Verzeihung . . . Und auch du rege dich nicht weiter auf,« sagte sie. »Wir werden uns versöhnen . . . ich habe dir nur den einen Vorwurf zu machen, daß du dich mit deinem Bukett übereilt hast. Als ich hierher ging, wollte ich zu dir schicken, um dir alles zu erzählen . . . so wollte ich wenigstens zu geringem Teil wieder gutmachen, was du gelitten hast . . . Aber du kamst mir zuvor!«

»Ach!« rief er schmerzlich aus – »das gibt mir den Todesstoß . . .«

»Nun, lassen wir das . . . später, später . . . Jetzt erbitte ich Hilfe von dir, als meinem Freunde und Bruder . . . Einen wichtigen Dienst heische ich . . . Du wirst mir ihn nicht verweigern? . . .«

»Wjera!«

Er sagte nichts weiter, doch belehrte sie ein Blick auf ihn, daß sie alles von ihm verlangen könne.

»Ich werde dir die ganze Geschichte dieses Jahres erzählen, sobald ich mich dazu kräftig genug fühle . . .«

»Warum? Ich will, ich kann, ich darf sie nicht wissen . . .«

»Unterbrich mich nicht. Ich atme kaum vor Schwäche, und die Zeit ist kostbar. Ich werde dir alles erzählen, und du sollst es der Großtante wiedersagen . . .«

Er heftete seine bestürzten Augen auf sie – in seinen Zügen malte sich Entsetzen.

»Ich selbst vermag es nicht, die Zunge würde mir den Dienst versagen. Ich würde sterben, bevor ich zu Ende bin . . .«

»Der Großtante? Warum das?« sprach er nur mühsam, mit allen Anzeichen der Furcht. »Bedenke doch die Folgen . . . wenn ihr etwas zustößt? . . . Ist es nicht besser, daß sie nichts davon erfährt?«

»Ich habe es schon längst bei mir beschlossen: welches auch die Folgen sein mögen, hier heißt es nichts verbergen, sondern alles ertragen. Vielleicht sterben wir beide, ich und sie, daran, oder werden wahnsinnig . . . doch will ich sie nicht hintergehen. Sie hätte es längst erfahren sollen, aber ich hoffte immer noch, ihr etwas ganz anderes mitteilen zu können, darum schwieg ich . . . O, wie furchtbar ist das alles!« fügte sie leise hinzu und ließ ihren Kopf auf das Kissen sinken.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1300 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain