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Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 62

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»Soll ich ihr alles sagen? . . . Auch das, was gestern Abend geschehen ist? . . .« fragte er leise.

»Ja . . .«

»Auch den Namen soll ich sagen? . . .«

Sie nickte kaum merklich mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß sie auch dies wünsche, und wandte sich ab.

Sie bat ihn, er möchte sich neben sie auf den Diwan setzen, und im Flüstertone, mit häufigen Unterbrechungen, erzählte sie ihm die Geschichte ihrer Beziehungen zu Mark. Als sie zu Ende war, hüllte sie sich in ihren Schal ein und legte sich, in Fieberschauern erbebend, wieder auf den Diwan.

Ganz bleich erhob sich Raiski. Beide durchlebten schweigend einen Augenblick des Grauens – sie in dem Gedanken an die Großtante, er im Gedanken an sie beide.

Er hatte die Aufgabe – jetzt nicht mehr in der Hitze der Leidenschaft, in einem Anfall wilder Rachsucht, sondern in unabweisbarem Pflichtgefühl – noch einen zweiten Dolchstich zu führen, gegen eine Frau, die er mit der Zärtlichkeit eines Sohnes liebte.

»Ein furchtbarer Auftrag, in der Tat . . . Ja, das ist wirklich ein wichtiger Dienst,« dachte er.

»Wann soll ich es ihr sagen?« fragte er leise.

»So bald wie möglich! Ich leide ganz furchtbar, solange sie es nicht weiß – ach, und mir stehen noch so viele Leiden bevor! . . . Gib mir das Fläschchen mit dem Riechsalz . . . es muß da irgendwo auf der Toilette stehen. Und nun geh . . . laß mich allein, bitte . . . ich bin so müde . . .«

»Heute kann ich mit der Großtante nicht reden, es sind Gäste da. Gott weiß, wie sie das erträgt! Morgen will ich’s ihr sagen.«

»Ach, ob ich dann noch bin! . . .« sagte sie . . . »Beruhige sie jedenfalls bis morgen, so gut es geht . . . Sag’ ihr irgend etwas . . . damit sie nur keinen Argwohn faßt . . . und mir niemanden herschickt . . .«

Er reichte ihr das Fläschchen und fragte sie, ob sie nicht irgend etwas brauche, ob er ihr nicht eins der Mädchen schicken solle.

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf, bedeutete ihm durch ihren Blick, daß er gehen solle, und schloß die Augen, um nichts zu sehen. Sie empfand ein Bedürfnis nach undurchdringlichem Dunkel und ungestörter Stille – kein Strahl des Tageslichts sollte ihr Auge treffen, kein Laut an ihr Ohr dringen. Sie sehnte sich nach einem Zustande völliger Ruhe, zum Stein, zur Pflanze wollte sie werden, alle ihre Seelenkräfte sollten in Schlummer sinken – nichts denken, nichts fühlen, nichts bewußt erkennen: das war jetzt ihr einziges Sehnen.

Er aber fühlte, als er sie verließ, eine neue, noch furchtbarere Last auf seiner Seele, als jene war, mit der er zu ihr gekommen . . . Die eine Bürde hatte sie, zum Teil wenigstens, von ihm genommen, um ihm eine andere, schwerere, aufzuerlegen.

Viertes Kapitel

Wjera erhob sich, verschloß die Tür hinter sich und legte sich wieder hin. Eine Wolke des Kummers und des Schreckens war über ihr emporgezogen und drückte schwer auf ihre Seele. Raiskis Freundschaft, seine Teilnahme, seine Ergebenheit und Hilfsbereitschaft hatten ihr im ersten Augenblick eine leichte Stütze gewährt. Sie griff begierig danach, um einen Augenblick Atem zu schöpfen, wie der Ertrinkende, der noch einmal für einen Moment an die Oberfläche taucht, voll Gier die Luft in sich zieht. Kaum aber war Raiski zur Tür hinaus, als sie sogleich wieder in die Fluten versank . . .

»Mein Leben ist zu Ende!« flüsterte sie voll Verzweiflung, und sah vor sich nichts als öde, kahle Steppe, ohne Heim, ohne traute Häuslichkeit, ohne all die Liebe und Anhänglichkeit, die dem Leben der Frau Wert und Halt verleiht. Vor ihr war ein gähnender Abgrund, so tief dunkel wie das Grab. Aug’ in Auge sollte sie nun der Großtante gegenübertreten und ihr sagen: »Sieh, wie ich dir für all deine Liebe und Güte gelohnt, wie ich dein Vertrauen getäuscht habe! . . . Blick’ her, wohin meine Eigenwilligkeit geführt hat! . . .«

In dem verzweiflungsvollen, dumpfen Halbschlummer, der sie befiel, sah sie den Blick, den die Großtante ihr zuwarf, nachdem sie alles erfahren, vernahm sie ihre Stimme, die keine Stimme mehr war, sondern eine Reihe entsetzter, todesmatter Laute . . .

Und dann, dann . . . sie wußte nicht, was dann sein würde. Sie wollte den schrecklichen Traum nicht weiterträumen und barg ihr Gesicht immer tiefer in den Kissen. Tränen waren ihr in die Augen getreten – doch sie strömten wieder zurück nach dem wunden Herzen.

»Wenn ich doch stürbe!« durchzuckte es sie plötzlich, und ein Leuchten ging über ihre Züge bei diesem Gedanken. Sie lächelte, und es ward ihr wohl zumute . . .

Doch jetzt vernahm sie draußen das Geräusch von Schritten – und die Stimme der Großtante . . . Es war ihr, als seien ihr alle Glieder plötzlich gelähmt. Ganz bleich, ohne sich vom Fleck zu rühren, mit dem Ausdruck der Angst hörte sie dieses entsetzliche leise Klopfen an der Tür.

»Ich stehe nicht auf. . . ich kann nicht . . .« flüsterte sie. Das Klopfen wiederholte sich. Sie sprang plötzlich mit einem Aufwand an Kraft, der in solchen Augenblicken dem Menschen aus irgendeiner geheimen Quelle zuströmt, vom Diwan auf, brachte ihre Kleider in Ordnung, trocknete ihre Tränen und ging lächelnd der Großtante entgegen. Tatjana Markowna, die von Marsinka gehört hatte, daß Wjera nicht wohl sei und den ganzen Tag nicht herunterkommen würde, kam nun selbst, um nach ihr zu sehen. Sie warf einen flüchtigen Blick auf Wjera und setzte sich auf den Diwan.

»Ach, bin ich müde geworden . . . habe mich kaum die Treppe hinaufgeschleppt,« begann sie. »Wir waren nämlich in der Kirche, zur Messe . . . Was fehlt dir denn, Wjerotschka? Bist du krank?« fragte sie und ließ ihren forschenden Blick auf Wjeras Gesichte ruhen.

»Ich gratuliere zum heutigen Tage!« versetzte Wjera munter, die Stimme eines kleinen Mädchens nachahmend, das zum erstenmal sein Mütterchen zum Geburtstag beglückwünscht. Und während sie der Großtante die Hand küßte, wunderte sie sich selbst im stillen darüber, daß ihr diese Worte so glatt über die Lippen gingen. »Es hat gar nichts zu bedeuten, Tantchen – ich habe nur gestern Abend nasse Füße bekommen, und nun tut mir der Kopf etwas weh,« fügte sie hinzu und versuchte dabei zu lächeln. Doch ihre Lippen lächelten nicht, nur zwei oder drei der oberen Zähne wurden sichtbar.

»Du hättest gleich gestern die Schläfen mit Weingeist einreiben sollen – hast du keinen da?« sagte die Großtante zurückhaltend; sie sah dabei Wjera nicht an – der gezwungene Ton, in dem diese sprach, und das seltsame Lächeln, das so ganz anders war als ihr sonstiges Lächeln, legten ihr die Vermutung nahe, daß Wjera ihr nicht die Wahrheit sagte.

»Kommst du zu uns herunter?« fragte sie dann.

Wjera erschrak bei dieser Frage – dort unten zu erscheinen, wäre für sie eine Folter gewesen, die zu ertragen über ihre Kräfte ging. Sie blickte bestürzt auf die Großtante.

»Du brauchst dir keinen Zwang anzutun,« sagte Tatjana Markowna entgegenkommend. »Es könnte dir vielleicht schaden . . .«

Der freundliche Ton, in dem die Großtante sprach, ließ Wjera das Schlimmste befürchten. Das Bewußtsein der Schuld spiegelte ihr vor, daß die Großtante bereits alles erraten habe, und daß sie mit ihrer Beichte zu spät komme. Noch ein Augenblick, noch ein Wort – und sie warf sich ihr an die Brust und sagte ihr alles. Aber der Gedanke, daß dann das ganze Haus zum Zeugen ihres Dramas werden würde, hielt sie zurück.

»Nur zum Mittagessen möchte ich nicht kommen, Tantchen, wenn Sie es gestatten,« sagte sie, mit Mühe ihre Haltung bewahrend. »Nach Tisch werde ich vielleicht erscheinen . . .«

»Wie du willst; ich lasse dir das Mittagessen heraufschicken . . .«

»Ja . . . ja . . . ich habe schon jetzt Hunger . . .« sagte Wjera, um nur irgend etwas zu sagen.

Tatjana Markowna küßte sie, strich ihr leicht mit der Hand über das Haar und entfernte sich. Noch im Gehen ermahnte sie Wjera, durch Marinka, ober Maschka, oder Nataschka das Zimmer in Ordnung bringen zu lassen – »denn schließlich könnte doch jemand von den Gästen auf den Einfall kommen, dir einen Krankenbesuch abzustatten.« Damit ging sie zur Tür hinaus.

Wjera sank erschöpft auf den Diwan, saß dort ein Weilchen, nahm dann das Eau de Cologne-Fläschchen und befeuchtete sich den Scheitel und die Schläfen.

»Ach, wie das hier hämmert, wie das schmerzt!« flüsterte sie, die Hand auf den Kopf legend. »O Gott, wann wird diese Qual endlich aufhören? Wenn sie es doch recht bald, recht bald erführe! Und dann, sobald sie es erst weiß, mag alle Welt es erfahren und denken, was sie will! . . .«

Sie blickte zum Himmel auf, fuhr erschauernd zusammen und sank voll Verzweiflung auf den Diwan.

Die Großtante kam mit bekümmertem Gesichte in ihr Kabinett – sie machte eine Miene, als sei sie eben aus dem Wasser gezogen worden. Sie empfing die Gäste, ging zwischen ihnen auf und ab, bewirtete sie – aber Raiski sah, daß sie nach dem Besuche bei Wjera nicht mehr dieselbe war. Sie hatte nicht mehr die sichere Haltung wie sonst, ließ bei Tisch verschiedene Gerichte an sich vorübergehen, ohne sie zu berühren, und merkte es nicht einmal, daß Petruschka einen Teller fallen ließ und zerschlug; sie machte bei der Unterhaltung mitten im Satze Halt und verfiel in stilles Brüten.

Als die Gäste nach dem Mittagessen auf die breite Terrasse hinausgingen, um, von den kargen Strahlen der Septembersonne beschienen, draußen den Kaffee und Likör zu trinken und eine Zigarette zu rauchen, ging Tatjana Markowna zwischen ihnen auf und ab, als wenn sie sie gar nicht bemerkte, und zog und zupfte nur immer an ihrem türkischen Schal herum. Von Zeit zu Zeit nur schien sie zu erwachen, sprach in gezwungenem Tone mit diesem und jenem ein paar Worte und versank dann wieder in ihr Brüten.

Raiski beobachtete sie mit düsterem Ausdruck und wandte kaum einen Blick von ihr ab.

»Was ist mit Wjera los?« flüsterte sie ihm im Vorübergehen zu. »Bist du bei ihr gewesen? Sie hat irgendeinen Kummer, wie es scheint . . .«

Er sagte, er wisse von nichts. Die Großtante sah ihn mißtrauisch an.

Paulina Karpowna war nicht unter den Gästen. Sie hatte sich mit Krankheit entschuldigen lassen und Marsinka Blumen geschickt. Raiski hatte sie am Morgen besucht, um sich wegen der gestrigen Szene bei ihr zu entschuldigen und in Erfahrung zu bringen, ob sie irgend etwas bemerkt habe. Sie stellte sich zwar noch beleidigt, konnte jedoch ihren Triumph darüber, daß er selbst zu ihr kam, nur mit Mühe verbergen. Er erzählte ihr, er sei am Abend bei Bekannten gewesen, habe da ein Gläschen zu viel getrunken – nun, und davon sei dann alles gekommen.

Er erbat ihre Verzeihung, die sie ihm lächelnd gewährte. Sie ermangelte nicht, diese ganze Szene des »Verführungsversuchs« dann später aller Welt zu erzählen, wobei sie statt »ich bin hingefallen« jedesmal »ich bin gefallen« sagte.

Auch Tuschin, der bereits am Abend vorher nach der Stadt gekommen war, fand sich zum Mittagessen ein. Er machte Marsinka einen prächtigen Pony zum Geschenk, auf dem sie fleißig spazierenreiten solle – falls, wie er bescheiden hinzufügte, die Großtante es erlaube.

»Jetzt habe ich nichts zu sagen – fragen Sie diesen Herrn da!« antwortete die Großtante und zeigte auf Wikentjew, während sie selbst an ganz andere Dinge dachte.

Tuschin erkundigte sich nach Wjera und schien bestürzt, als er hörte, daß sie krank sei und zum Mittagessen nicht erscheinen werde. Als sie dann in der Tat nicht kam, war er sichtlich erregt.

Tatjana Markowna begann nun auch Tuschin mit mißtrauischen Augen anzusehen – es beunruhigte sie, daß er plötzlich so betroffen war, als Wjera sich nicht zeigte. Es war ihm doch nichts Neues, daß sie nicht herunterkam, wenn Gäste da waren – er hatte es schon öfter erlebt, ohne sich darüber zu verwundern.

»Was mag nur seit gestern abend mit ihr passiert sein?« – diese Frage ging ihr nicht aus dem Kopfe.

Mit Tit Nikonytsch hatte sie sich wegen der Toilette, die er Marsinka geschenkt hatte, ganz gehörig gezankt, es wäre beinahe zu einer Prügelei zwischen ihnen gekommen. Dann hatten sie in ihrem Kabinett miteinander ein Gespräch unter vier Augen, und er kam mit ziemlich nachdenklicher Miene heraus, machte weniger Kratzfüße als sonst und blickte, wenn er auch die Damen nicht ganz vernachlässigte, doch vorwiegend auf Raiski oder Tuschin, und zwar in so ernster, forschender Weise, daß ihre Blicke ihn ganz verwundert fragten, was er denn eigentlich von ihnen wolle. Er blickte dann rasch von ihnen weg und begann eifrig den Damen den Hof zu machen.

Tatjana Markowna hatte diesen Geburtstag Marsinkas so heiter und sorglos begrüßt und schon im voraus überlegt, wie der vierzehn Tage später stattfindende Namenstag Wjeras begangen werden sollte, damit es nicht aussähe, als wenn sie die eine ihrer Großnichten der andern vorzöge. Wjera hatte zwar ganz bestimmt erklärt, daß sie ihren Namenstag bei Tuschins Schwester oder ihrer Freundin Natalia zubringen wolle, davon hatte jedoch Tatjana Markowna durchaus nichts wissen wollen.

Bis zum Mittagessen hatte Tatjana Markownas Stimmung heute auch wirklich vorgehalten. Dann aber war sie plötzlich umgeschlagen, und sie spähte und lauschte voll Argwohn nach allen Seiten, als ob sie irgendeine heimlich lauernde Gefahr wittere. Raiski verglich sie mit einem Pferde, das, sein Maul bis an die Ohren in der Krippe vergrabend, ruhig seinen Hafer fraß, bis es plötzlich durch ein Geräusch aufgeschreckt wurde oder einen unbekannten, unsichtbaren Feind witterte. Es spitzt die Ohren, wirft den Kopf empor, wendet ihn in schönem Schwunge zurück und lauscht unbeweglich, mit weit geöffneten Augen und kräftig atmenden Nüstern: nein, es ist nichts. Dann kehrt es sich langsam wieder der Krippe zu, schüttelt dreimal, immer noch lauschend, ohne Hast den Kopf, schlägt dreimal in gemessenen Abständen mit dem Hufe auf, teils um sich zu beruhigen, teils um dem Feinde ein Zeichen seiner Wachsamkeit zu geben, und frißt seinen Hafer weiter, doch mit Vorsicht, ohne viel Geräusch, wobei es von Zeit zu Zeit immer wieder den Kopf hebt und lauschend zurückblickt. Es ist gewarnt und bleibt auf der Hut: wieder und wieder geht, während es weiterfrißt, ein Zucken über seinen Rücken, und die Ohren bewegen sich bald vorwärts, bald rückwärts.

So dachte auch die Großtante, während sie sich mit ihren Gästen beschäftigte, immer wieder daran, daß mit Wjera irgendetwas los sei, daß sie nicht so sei wie sonst, daß es nicht gut um sie stehe. Noch niemals war sie ihr so sonderbar vorgekommen, immer von neuem mußte sie an sie denken. Als Marsinka ihr sagte, daß Wjera sich nicht wohl fühle und nicht in die Kirche mitkommen werde, war Tatjana Markowna erst recht ärgerlich geworden.

»Schon um deinetwillen, des Familienfestes wegen, hätte sie ihre Launen aufstecken können,« hatte sie gesagt, und war schließlich ohne sie gefahren.

Als sie jedoch hörte, das Wjera vielleicht auch nicht zu Tisch kommen werde, ward sie um ihre Gesundheit ernstlich besorgt und suchte sie in ihrem Zimmer auf. Der Vorwand, daß Wjera sich erkältet habe, vermochte sie nicht zu täuschen. Sie hatte es an ihrem Gesichte gesehen, daß die Erkältung nur vorgeschützt war, und als sie ihr dann das Haar zurechtgestrichen und dabei, ohne daß Wjera es merkte, ihre Stirn befühlt hatte, war diese Annahme nur bestätigt worden.

Doch Wjera war blaß, ihre Züge waren wie verstört; sie lag in den Kleidern auf dem Diwan, als hätte sie sie gar nicht abgelegt gehabt. Das alles, vor allem aber das todesstarre Lächeln Wjeras, machte sie betroffen.

Sie erinnerte sich, daß Wjera und Raiski am Abend vorher aus dem Zimmer verschwunden und nicht zum Abendbrot erschienen waren. Und sie fuhr fort, Raiski voll Argwohn zu betrachten, und daß dieser ihrem Blicke auszuweichen suchte, gab ihrem Verdachte nur neue Nahrung.

Was Raiski in diesen Stunden litt, war bitterer als alle Qualen, die er je erduldet. Sein Herz härmte sich um die Großtante wie um die arme, einsame, zitternde, keinem Troste zugängliche Wjera.

Sie hatte ihm zugelächelt, ihm die Hand gereicht, ihm all die zarten Rechte der Freundschaft eingeräumt – und doch war sie unter der Schwere des Schlages, der sie so jäh und unerwartet wie ein Blitz vom heiteren Himmel getroffen, vor seinen Augen verzweiflungsvoll zusammengebrochen.

Er sah, daß sein Mitgefühl weit mehr ihm selbst Erleichterung brachte als ihr, wie denn überhaupt das Mitleid der Angehörigen die Schmerzen, die ein Übel verursacht, niemals mildert.

Das Übel, sagte er sich, mußte mit der Wurzel ausgerottet werden – aber diese Wurzel steckte nicht nur in Wjera, sondern auch in der Großtante, und überhaupt in diesem ganzen Zusammenhange von betrübenden Umständen. Entschwindendes Glück, hinwelkende Lebenshoffnung, Trennung und Abschied – nein, es war nicht leicht, Wjera zu trösten!

Und die arme Großtante – wie leid tat sie ihm! Welcher furchtbare, unerwartete Schmerz wird den Frieden ihrer Seele zerstören! »Wie, wenn sie plötzlich zusammenbricht?« sagte er sich. Jetzt schon ist sie ganz außer sich, und dabei weiß sie noch gar nichts! Die Tränen waren ihm nahe bei diesem Gedanken.

Er hatte es als eine unabweisbare Pflicht übernommen, den Dolch in das Herz dieser Frau zu stoßen, die ihm stets eine Mutter gewesen.

»Wie, wenn sie beide erkranken? Soll ich nicht vielleicht Natalia Iwanowna kommen lassen?« dachte er. »Ich müßte freilich erst Wjera fragen, doch diese . . .«

Er hatte seinen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als sich plötzlich die Tür öffnete und Wjera inmitten der Gäste erschien. Sie trug ihr neues helles Kleid, hatte jedoch ein Tuch um den Hals gebunden und eine warme Mantille um die Schultern genommen.

Raiski war verblüfft durch ihr Erscheinen. Vor wenigen Stunden noch war sie ihm wie gebrochen erschienen und konnte kaum sprechen, und nun kam sie selbst herunter!

»Woher nehmen die Frauen diese Kraft?« dachte er, während er sie beobachtete, wie sie sich bei den Gästen entschuldigte, wie sie mit ihrem gewohnten Lächeln all die Beweise der Teilnahme entgegennahm und Marsinkas Geschenke betrachtete.

Sie aß nichts von dem Konfekt, das ihr gebracht wurde, verzehrte jedoch mit Appetit ein Stück von der kühlenden Wassermelone, sagte, daß sie starken Durst habe, und bat um Nachsicht dafür, daß sie die Gäste leider bald wieder verlassen müsse.

Die Großtante wurde durch ihr Kommen ein wenig beruhigt. Sie hatte jedoch bemerkt, daß bei ihrem Eintreten in Raiskis Zügen eine Veränderung vor sich ging, und daß er bemüht war, sie nicht anzusehen. Wohl zum erstenmal in ihrem Leben verwünschte sie die Anwesenheit ihrer Gäste. Nun nahmen sie gar am Kartentisch Platz, blieben also auch zum Tee und zum Abendbrot, und Wikentjew würde gar erst morgen abfahren.

Raiski befand sich gleichsam zwischen zwei Feuern.

»Was ist mit ihr?« flüsterte Tatjana Markowna von der einen Seite ihm zu – »du mußt es wissen . . .«

»Ach, wenn sie doch recht bald alles wüßte!« las er in Wjeras verzweifeltem Blicke.

Raiski hätte in den Boden sinken mögen.

Auch Tuschin sah auf Wjera heute mit ganz besonderem Ausdruck. Nicht nur der Großtante und Raiski fiel es auf, auch Wjera selbst bemerkte es.

Diese Blicke Tuschins erfüllten sie mit Schrecken.

»Hat er vielleicht etwas erfahren? Ist ihm etwas zu Ohren gekommen?« flüsterte ihr die Stimme des Gewissens zu. Er schätzte sie so hoch, hielt sie für die Trefflichste von allen! Wenn sie jetzt schweigt, stiehlt sie seine Achtung . . . nein, auch er mag es wissen! Sie will nicht als Lügnerin erscheinen, will nicht Betrug üben – lieber will sie noch neue Qualen zu den alten erdulden!

Leise, ohne ihn anzusehen, begrüßte sie Tuschin. Er sah sie teilnahmsvoll an und senkte auf ganz besondere, schüchterne Art die Augen.

»Nein, ich kann das nicht ertragen! Ich will wissen, was er von mir denkt . . . Ich breche hier vor allen zusammen, wenn er mich noch einmal mit diesem sonderbaren Blicke ansieht . . .«

Und eben wieder sah er sie mit diesem Blicke an.

Fünftes Kapitel

Sie hielt es nicht länger aus – sie empfahl sich bei den andern und gab Tuschin, ohne daß jemand es merkte, ein Zeichen, er solle ihr folgen.

»Bei mir oben kann ich Sie nicht empfangen,« sagte sie – »aber wir wollen in die Allee gehen und einen kleinen Spaziergang machen.«

»Ist es nicht zu feucht? Sie sind nicht wohl . . .«

»Tut nichts, tut nichts, kommen Sie nur . . .« sprach sie hastig.

Er sah auf die Uhr und sagte, daß er in einer Stunde wegfahren müsse. Er ließ inzwischen seinen Wagen anspannen, nahm die Peitsche mit dem silbernen Griff in die Hand und den Reisemantel über den Arm und ging mit Wjera nach der Allee.

»Ich will ganz offen mit Ihnen reden, Iwan Iwanowitsch,« sagte Wjera, innerlich erbebend – »was ist heute mit Ihnen? Sie sind so sonderbar, ganz anders als sonst . . . als ob Sie etwas Besonderes beschäftigte . . .«

Sie schwieg, hüllte sich fester in die Mantille und bewegte die Schultern, als ob sie fröstelte.

Er ging schweigend, wie über irgend etwas nachdenkend, neben ihr her, während sie es vermied, die Augen zu ihm aufzuheben.

»Sie sind heute nicht wohl, Wjera Wassiljewna,« sagte er nachdenklich. »Ich will es lieber auf ein andermal verschieben. Sie haben recht gesehen, ich wünschte mit Ihnen zu sprechen . . .«

»Nein, Iwan Iwanowitsch, tun Sie es heute!« unterbrach sie ihn mit Hast. »Was haben Sie auf dem Herzen? Ich will es wissen . . . Auch ich möchte mit Ihnen reden . . . vielleicht komme ich schon zu spät . . . Ich kann nicht stehen, ich will mich setzen,« fügte sie hinzu und nahm auf einer Bank Platz.

Er merkte nichts von der bangen Sorge, die sich in ihren Zügen malte, zerbrach sich nicht den Kopf, was sie wohl mit ihm zu sprechen habe. Er war ganz von seinen eignen Gedanken in Anspruch genommen. Sie aber ward von dem Gedanken gequält, daß er alles erfahren habe und ihr jetzt gleich, wie Raiski, einen Dolchstich versetzen werde. »Wohl – mag er es tun, wenn sie nur alle auf einmal zustechen wollten!« flüsterte sie.

»Wohlan denn, sprechen Sie!« sagte sie dann, von der Frage gepeinigt, wo und wie er es wohl erfahren haben konnte.

»Als ich heute hierher ging . . .« begann er.

»Bitte, sprechen Sie nur!« schrie sie ihn fast an.

»Ich kann nicht, Wjera Wassiljewna . . . beim besten Willen nicht . . .«

Er entfernte sich um zwei Schritte von ihr.

»Quälen Sie mich doch nicht!« flüsterte sie kaum hörbar.

»Ich liebe Sie . . .« begann er, plötzlich wieder zu ihr zurückkehrend.

»Nun, das weiß ich. Und auch ich habe Sie gern . . . das ist doch nichts Neues mehr! Was weiter? . . . Sie . . . hörten etwas? . . .«

»Wo? Was?« fragte er und sah sich um, da er meinte, sie deute auf irgendeinen Laut in der Nähe. »Ich habe nichts gehört.«

Er sah ihre Erregung, und plötzlich stockte ihm der Atem vor Freude. »Sie ist so scharfblickend, sie hat mein Geheimnis längst erraten und teilt meine Gefühle . . . Sie ist erregt, erwartet ein kurzes, offenes Wort . . .«

Rasch jagten sich alle diese Gedanken in seinem Kopfe.

»Sie sind so edel, so schön, Wjera Wassiljewna . . . Sie sind so rein . . .«

»Ach!« schrie sie verzweifelt und versuchte, sich zu erheben, vermochte es jedoch nicht. »Sie verhöhnen mich . . . gut, verhöhnen Sie mich – nehmen Sie diese Peitsche, ich verdiene sie! . . . Ich halte still . . . Aber sind Sie das wirklich, Iwan Iwanowitsch?«

In schmerzlicher Bestürzung faltete sie wie bittflehend die Hände vor ihm.

Er sah sie ganz erschrocken an.

»Sie ist krank!« sagte er sich.

»Sie sind nicht wohl, Wjera Wassiljewna,« sprach er voll Angst und Erregung – »verzeihen Sie mir, daß ich so zur Unzeit davon anfing!«

»Ist’s denn nicht gleich? . . . Einen Tag früher oder später . . . aber sagen Sie alles, ohne Umschweife, sofort! . . . Auch ich werde Ihnen sagen, weshalb ich Sie hierher, in die Allee, gebeten habe . . .«

Seine Stimmung schlug wieder um.

»Ist’s denn wahr?« sagte er und konnte sich vor Freude kaum halten.

»Was soll wahr sein?« fragte sie, während sie auf den unerwartet freundlichen Ton seiner Worte lauschte. »Sie wollen etwas anderes sagen, als ich dachte . . .« fügte sie ruhig hinzu.

»Nein, eben das . . . ich nehme an . . .«

»Sagen Sie es doch, quälen Sie mich nicht länger!«

»Ich liebe Sie . . .«

Sie sah ihn einen Augenblick erwartungsvoll an.

»Wir sind doch alte Freunde – auch ich . . .« begann sie darauf.

»Nein, Wjera Wassiljewna, ich liebe Sie . . . als Weib . . .«

Sie richtete sich plötzlich empor und sah ihn wie versteinert, mit stockendem Atem, an.

»Als das erste, herrlichste Weib in der Welt! Wenn ich annehmen dürfte, daß Sie dieses Gefühl wenigstens zu ganz geringem Teil erwidern . . . nein, das wäre zu viel, das verdiene ich nicht . . . Wenn Sie es billigen, wie ich zu hoffen wagte . . . wenn Sie keinen andern lieben, dann . . . werden Sie meine Waldkönigin, meine Frau! Dann wird es auf Erden keinen Glücklicheren geben als mich . . . Das ist’s, was ich Ihnen sagen wollte – und lange nicht zu sagen wagte! Ich wollte es verschieben bis auf Ihren Namenstag, doch hielt ich’s nicht aus und kam heute hierher, um Ihnen gelegentlich dieses Familienfestes, des Geburtstags Ihrer Schwester . . .«

Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.

»Iwan Iwanowitsch!« kam es wie ein Stöhnen aus ihr hervor, während sie ihm in die Arme sank.

»Nein – das ist keine Freude!« durchzuckte es ihn – und er fühlte, daß sich sein Haar emporsträubte. »So äußert sich keine Freude!«

Er half ihr sich auf der Bank zurechtsetzen.

»Was ist Ihnen, Wjera Wassiljewna? Sie sind krank, oder Sie haben einen großen Kummer . . .« versetzte er fast ruhig, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte.

»Ja, einen sehr großen Kummer, Iwan Iwanowitsch . . . ich werde sterben!«

»Was ist Ihnen? Sprechen Sie, um Gottes willen – was ist geschehen? Sie sagten, Sie wollten mit mir sprechen – Sie bedürfen also meiner . . . Es gibt nichts, was ich nicht für Sie zu tun bereit wäre! Vergessen Sie meine törichten Worte . . . und befehlen Sie über mich! Was . . . soll ich tun?«

»Nichts sollen Sie tun . . .« flüsterte sie. »Ich wollte Ihnen nur sagen. . . ach, auch Sie, armer Iwan Iwanowitsch! . . . Wofür sollen Sie nun diesen bitteren Kelch trinken? O mein Gott!« sagte sie und wandte die fieberglühenden Augen zum Himmel empor. »Ich kann nicht beten, nicht weinen . . . nichts schafft mir Erleichterung, nichts hilft mir!«

»Was ist Ihnen denn, Wjera Wassiljewna? Was für Worte sind das, meine liebe Freundin, warum diese tiefe Verzweiflung?«

»Bedurfte es auch dieses Dolchstiches noch? War es nicht genug an dem andern? Wissen Sie auch, wen Sie lieben?« sagte sie, die Worte kaum über die Lippen bringend, während sie ihn mit einem leblosen, müden Blicke ansah. Er schwieg und suchte vergeblich nach dem Schlüssel zu ihren rätselhaften Worten. Er warf seinen Mantel auf die Bank und wischte sich den Schweiß vom Gesichte. Nur so viel sah er aus ihren Worten, daß seine Hoffnungen zerstoben waren, sie liebte offenbar einen andern. Er seufzte tief auf und saß, eine weitere Erklärung erwartend, unbeweglich da.

»Mein armer Freund!« sagte sie und ergriff seine Hand. Sein Herz krampfte sich zusammen bei diesen schlichten Worten; er fühlte, daß er in der Tat arm war. Er tat sich selbst leid und fühlte zugleich Mitleid mit Wjera.

»Ich danke Ihnen für das offene Wort,« flüsterte er; noch wußte er nichts Näheres, doch fühlte er das eine deutlich, daß sie ihm nicht angehören könne.

»Verzeihen Sie,« fuhr er dann fort – »ich habe von nichts gewußt, Wjera Wassiljewna. Ihre Freundlichkeit gegen mich hatte in mir Hoffnungen erweckt. Ich war ein Dummkopf – weiter nichts . . . Vergessen Sie meinen Antrag und lassen Sie mich, wie bisher, Ihren Freund sein . . . wenn ich dessen wert bin,« fügte er hinzu und ließ bei dem letzten Worte seine Stimme sinken . . . »Kann ich Ihnen nicht helfen? Es schien mir, daß Sie irgendeinen Dienst von mir erwarten?«

»Wenn Sie dessen wert sind . . . bin ich aber Ihrer Freundschaft wert?«

»Sie, Wjera Wassiljewna? Sie werden für mich stets so hoch stehen . . .«

»Nein, mein armer Iwan Iwanowitsch, ich bin herabgesunken von der Höhe, und niemand vermag mich wieder empor zurichten . . . Wollen Sie wissen, wohin ich gefallen bin? Kommen Sie, es wird Ihnen sofort leichter ums Herz werden . . .«

Langsam, mit schwankenden Schritten, führte sie ihn, während sie sich auf seinen Arm stützte, nach dem Rande der Schlucht.

»Kennen Sie diesen Ort?«

»Ja . . . dort unten ist ein Selbstmörder begraben . . .«

»Dort unten ist auch Ihre reine Wjera begraben: sie existiert nicht mehr . . . Sie ruht auf dem Grunde dieser Schlucht . . .« Sie war ganz bleich, und verzweifelte Entschlossenheit lag in ihren Worten.

»Was sagen Sie da? Ich verstehe Sie nicht . . . Erklären Sie es mir, Wjera Wassiljewna,« flüsterte er, während er sich mit dem Taschentuche über das Gesicht fuhr.

Sie richtete sich empor, stützte sich mit der Hand auf seine Schulter und stand ein Weilchen, ihre Kräfte sammelnd, da; dann ließ sie den Kopf sinken, erzählte flüsternd, in abgerissenen Phrasen nur zwei, drei Minuten lang, irgend etwas und fiel auf die Bank nieder. Er erblaßte, während sie sprach. Dann wankte er plötzlich und setzte sich, als verlöre er das Gleichgewicht, auf die Bank. Wjera sah im Dämmerlicht sein totenbleiches Gesicht.

»Und ich meinte immer . . .« sagte er mit einem seltsamen Lächeln, als schämte er sich seiner Schwäche, und stand dabei langsam und schwerfällig von der Bank auf – »daß nur ein Bär mich zu Falle bringen könne!«

Dann trat er auf sie zu.

»Wer ist’s, und wo ist er zu finden?« flüsterte er.

Sie zuckte bei seiner Frage zusammen – so verblüffend, so barsch und unnatürlich klang sie in seinem Munde. Sie begriff nicht, wie er so ohne jede Schonung des weiblichen Gefühls diese offne Preisgabe eines Geheimnisses verlangte, das keine Frau offenbart. »Warum fragt er danach?« verwunderte sie sich im stillen – »er muß seinen besonderen Grund haben . . .«

»Es ist Mark Wolochow,« sagte sie mutig, sich selbst überwindend.

Er war einen Augenblick wie erstarrt. Dann faßte er plötzlich den Griff seiner Peitsche mit beiden Händen und zerbrach ihn im Augenblick an seinem Knie in kleine Stücke.

In grimmiger Wut warf er die Holzsplitter samt dem zerbrochenen Silberbeschlag zu Boden.

»So wird es auch ihm gehen!« brüllte er, sein Gesicht zu ihr vorbeugend, mit gesträubtem Haar, sich schüttelnd und schnaubend wie ein wildes Tier, das sich anschickt, den Feind anzufallen.

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10 aralık 2019
Hacim:
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