Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 64
Sie begann über das, was bisher ihr geistiges Leben ausgemacht hatte, ernstlich nachzudenken. Eine innere Unruhe bemächtigte sich ihrer, neue Fragen tauchten vor ihr auf, und sie begann noch eindringlicher und gespannter auf Mark hinzuhören, den sie anfangs irgendwo im Freien oder jenseits der Wolga, wohin er ihr zu folgen pflegte, und in letzter Zeit unten in der Schlucht, in dem alten Pavillon, zu treffen pflegte.
Wo sie auf handgreifliche Lügen und Sophismen stieß, trat sie ihnen lebhaft entgegen und wußte, auf ihre scharfe Beobachtungsgabe, ihre klare Logik und ihre freie Denkweise gestützt, alle Nebel zu zerstreuen. Mark stampfte oft wütend mit dem Fuße auf, ließ ganze Batterien von Argumenten, Theoremen und Aussprüchen seiner Autoritäten gegen sie auffahren – und sah sich schließlich doch nur einer unerschütterlichen Mauer gegenüber. Er raste und fletschte die Zähne wie ein Wolf. Aber dann schaute er in die schwarzen Samtaugen seiner Opponentin und fühlte ihre weiche, doch dabei kräftige Hand an seiner Stirn, und sein Wutgebrüll unterdrückend, streckte er sich friedlich zu ihren Füßen nieder, den Sieg und die sichere Beute in einer – wenn auch vielleicht noch fernen – Zukunft vorausahnend.
Wo Wjera sich nicht sicher genug fühlte, hörte sie ihm schweigend zu und suchte mit Scharfsinn zu ergründen, ob auch der Apostel selbst an seine Lehre glaubte, ob das, was er sagte, in eigener innerer Erfahrung einen festen Rückhalt hatte, oder ob er sich nur von einer geistvollen, glänzenden Hypothese mitreißen ließ. Er lockte sie vorwärts mit dem Bilde einer grandiosen Zukunft, einer nie dagewesenen Freiheit, einer endgültigen Beseitigung aller Schleier der Isis – und er glaubte diese Zukunft schon in allernächster Zeit, schon morgen hereinbrechen zu sehen. Er forderte sie auf, wenigstens einen Teil dieses Lebens vorauszukosten, alles Alte von sich zu werfen und, wenn nicht ihm, so doch der Erfahrung zu glauben.
»Wir werden sein wie die Götter!« hatte er spöttisch hinzugefügt.
Wjera folgte ihm nicht, nahm den Kampf mit ihm auf – und übernahm allmählich, ohne daß sie es merkte, selbst eine aktive Rolle: sie versuchte, ihn auf den Weg des Wahren und Guten, das sie selbst erprobt, hinüberzuleiten, ihn zuerst durch eine wahre Liebe, ein nicht animalisches, sondern menschliches Glück zu gewinnen und ihn dann weiter auch in die Tiefe ihres Glaubens und Hoffens einzuführen . . .
Und Mark hatte in der Tat begonnen, ihr nach und nach in diesen und jenen Punkten nachzugeben, er ließ ab von seinen tollen Streichen, versuchte nicht mehr, die Ortsbehörden zu ärgern, war in seiner Lebensführung nicht mehr so unordentlich und prahlte auch nicht mehr mit seinem Zynismus.
Sie war sehr glücklich über diesen Erfolg – und das eben war die Ursache jener Ekstase gewesen, die Tatjana Markowna und Raiski an ihr bemerkt hatten. Sie fühlte, daß ihre Kraftanstrengungen nicht vergeblich waren, wenn sich die Wirkung auch erst an seinem äußeren Leben zeigte, und sie hoffte, durch unermüdliche Arbeit, durch Opfer, die sie bringen würde, nach und nach ein Wunder zu vollbringen: und ihr Lohn würde dann das Glück des Weibes, die Liebe eines Menschen sein, den ihr Herz entdeckt und erobert hatte.
Sie würde der Gesellschaft einen neuen, starken Menschen zuführen. Er besaß Verstand und Energie, und wenn er noch dazu jene Schlichtheit und Freude an nützlicher Tätigkeit hinzugewänne, wie sie etwa Tuschin eigen war, dann war ihr Ziel erreicht, dann hatte sie nicht umsonst gelebt. Was weiter werden sollte, wußte sie nicht und bekümmerte sie nicht.
Inzwischen hatte sie sich, ihrem leidenschaftlichen, nervösem Temperament folgend, von seiner Persönlichkeit hinreißen lassen und sich in ihn selbst, in seine Kühnheit, seine tapfere Parteinahme für das Neue, seiner Meinung nach Bessere, verliebt – während sie ihre Liebe auf seine Lehre, seine neue Wahrheit, sein neues Leben nicht zu übertragen vermochte und den alten, zuverlässigen Vorstellungen von Glück und Leben treu blieb. Er rief sie zur neuen Tat, zur neuen Arbeit – sie sah aber nichts von dieser neuen Arbeit, außer etwa dem Verteilen einiger verbotenen Bücher.
Sie stimmte ihm darin zu, daß der Mensch arbeiten und sich betätigen müsse; sie warf sich selbst ihre eigene Untätigkeit vor und malte sich aus, daß sie schon in einer nicht fernen Zukunft sich einen schlichten, praktischen Wirkungskreis schaffen würde, während sie gleichzeitig Marsinka beneidete, die ihre Muße in einer ihren Kräften entsprechenden Weise der Wirtschaft und den Dorfbewohnern zu widmen verstand.
Sie wollte zunächst die Tätigkeit der Schwester teilen – wenn sie nur erst auf die eine oder andere Weise diesen schweren Kampf mit Mark überstanden hätte, der ja, wie es noch vor kurzem geschienen, unentschieden bleiben und mit einer Trennung für immer sein Ende finden mußte.
Alles dies war Wjera durch den Kopf gegangen, während Tatjana Markowna und Raiski die Gäste zur Wolga begleiteten.
»Was mag er jetzt treiben, dieser Wolf – ob er über seinen Sieg wohl triumphiert? . . .« fragte sie sich. Sie fand keine Antwort auf diese Frage und fuhr unwillkürlich zusammen.
Sie zog die Schublade heraus und entnahm ihr einen noch versiegelten Brief auf blauem Papier, den ihr Mark am Morgen durch einen Fischer geschickt hatte. Sie sah einen Augenblick auf das Schreiben, dachte nach und warf den Brief entschlossen wieder in die Schublade zurück, ohne ihn geöffnet zu haben.
Sie barg alle sonstige Qual tief in ihrer Brust, und nur der eine Gedanke trat in ganzer Furchtbarkeit vor ihre Seele: was wird die Großtante sagen? Raiski hatte Gelegenheit gefunden, ihr zuzuflüstern, daß er am Abend, wenn niemand mehr da sein würde, mit Tatjana Markowna reden wolle – es sollte kein Mensch, auch niemand von der Dienerschaft, den Eindruck beobachten können, den seine Enthüllung auf sie machen würde.
Es ging ihr wie ein Stich durchs Herz, als Raiski ihr von diesen Vorsichtsmaßregeln sprach. Wie furchtbar mußte dieser Kummer sein, den sie da über das Haupt der armen Großtante heraufbeschworen hatte! Sie hätte am liebsten sterben mögen, noch bevor der Abend hereinbrach.
Es ward ihr ein wenig leichter ums Herz, nachdem sie Raiski und Tuschin alles offenbart hatte. Sie fühlte sich jetzt ruhiger – sie hatte, wie die Schiffer im Sturme, einen Teil der Ladung über Bord geworfen, um das Schiff zu erleichtern. Aber der schwerste Teil der Ladung lag noch auf dem Grunde ihrer Seele, ihr Fahrzeug ging tief, das Wasser schlug über Bord, und bei dem nächsten plötzlichen Windstoß konnte es umschlagen, um sich nicht wieder aufzurichten.
Sie warf sich in Gedanken bald Raiski, bald Tuschin an die Brust, ruhte für ein Weilchen aus und ließ dann wieder mutlos den Kopf sinken.
»Ich kann nicht leben, ich kann nicht! . . .« flüsterte sie. Und sie ging nach der Kapelle, kniete dort an der Schwelle nieder und schaute voll Entsetzen auf das Bild des Gekreuzigten. Nur ihre schmerzlichen Seufzer verrieten, daß nicht eine Statue, sondern ein lebendes Wesen, ein Weib dort kniete. Das Bild da drinnen starrte sie mit seinen nachdenklichen, halbgeöffneten Augen an – es schien sie nicht zu sehen, und die Hände waren wie zum Segnen ausgestreckt, ohne sie zu segnen.
Sie blickte mit heißem Begehren nach diesen Augen hin und erwartete irgendein Zeichen – doch das Zeichen blieb aus. Wie zerschmettert, in tiefer Verzweiflung, ging sie davon.
Siebentes Kapitel
Als die Großtante heimkehrte, machte sie sich an die Durchsicht der Rechnungen, die ihr die Nähterinnen und Modistinnen aus der Stadt eingereicht hatten, doch warf sie dann plötzlich alles zur Seite und fragte nach Raiski. Man sagte ihr, er habe sich für den ganzen Tag zu Koslow begeben. In der Tat war er dorthin gegangen, um nicht den Nachmittag allein mit Tatjana Markowna verbringen zu müssen.
Sie schickte zu Wjera und ließ fragen, ob ihre Kopfschmerzen vergangen seien, und ob sie zum Mittagessen kommen würde. Wjera ließ ihr sagen, der Kopfschmerz habe sich gelegt, sie bitte jedoch, auf ihrem Zimmer essen zu dürfen, und wollte sich zeitig zu Bett legen.
Inzwischen hatte ein Ereignis, das in seiner Art nicht mehr ganz neu war, den Hof in lebhafte Bewegung gebracht. Ssawelij hatte mit einem schweren Knüttel Marina beinahe das Rückgrat zerschmettert, weil er sie in aller Frühe dabei erwischt hatte, wie sie aus dem Zimmer, in dem Wikentjews Lakai untergebracht war, herausschlüpfte. Sie hatte sich den ganzen Morgen auf den Böden und im Garten versteckt gehalten und war dann, als sie annehmen konnte, daß Ssawelij bereits alles vergessen habe, wieder zum Vorschein gekommen.
Er hatte sie mit dem Zügel ganz gehörig bearbeitet. Sie lief aus einer Ecke in die andere, leugnete alles und schwur Stein und Bein, er habe sich getäuscht – jedenfalls habe der Teufel wieder einmal ihre Gestalt angenommen, und so weiter. Als er jedoch an Stelle des Zügels zum Knüttel griff, begann sie zu heulen und zu stöhnen, warf sich ihm nach dem ersten Hiebe zu Füßen, bekannte sich schuldig und bat ihn um Verzeihung:
Sie schwur bei allen möglichen Dingen, unter anderem auch bei ihrem Magen, sie würde es nie mehr tun, und wenn sie es doch wieder täte, solle Gott sie auf der Stelle töten und mit ewiger Verdammnis bestrafen. Ssawelij hielt ein, stellte den Knüttel fort und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.
»Gut also,« sagte er, »es sei so, wie du eben selber sagtest – wenn du dich unterwirfst und Gott zum Zeugen anrufst, will ich dich schonen!«
Und er ließ sie laufen. Man hinterbrachte die Sache brühwarm Tatjana Markowna, aber sie runzelte nur mit dem Ausdruck des Widerwillens die Stirn und bedeutete Wassilissa, man solle sie mit der Sache in Ruhe lassen.
Gäste kamen vorgefahren – ein paar Damen aus der Stadt, ein Gutsbesitzer vom andern Wolgaufer, dann noch zwei Herren aus der Stadt, und alle blieben zum Mittagessen da.
Man erkundigte sich nach Wjera Wassiljewna, und Tatjana Markowna mußte nun allen vorlügen, daß Wjera sich erkältet habe, und daß sie zwei Tage auf ihrem Zimmer bleiben müsse. Sie litt schwer darunter, daß sie zu solchen Lügen ihre Zuflucht nehmen mußte, zumal sie selbst nicht wußte, was eigentlich hinter dieser vorgespiegelten Krankheit steckte. Sie wagte auch nicht, den Arzt kommen zu lassen, der sogleich gesehen hätte, daß es sich nicht um eine Krankheit, sondern um einen Zustand moralischer Niedergeschlagenheit handelte, der entschieden eine tiefere Ursache hatte.
Sie aß nicht zum Abend, und auch Tit Nikonytsch sagte aus lauter Höflichkeit, daß er keinen Appetit habe. Zuletzt erschien auch Raiski, ein wenig blaß, und erklärte gleichfalls, er wolle nicht zum Abend essen. Schweigend saß er am Tische, wie in Gedanken versunken, und schien die fragenden Blicke nicht zu bemerken, die Tatjana Markowna ihm zuwarf.
Endlich hatte Tit Nikonytsch seinen Kratzfuß gemacht, ihr die Hand geküßt und sich nach Hause begeben. Die Großtante befahl Wassilissa, ihr das Bett zu machen, wünschte dann Raiski trocken eine gute Nacht und wandte sich, tief innerlich in ihren Gefühlen wie in ihrer Eigenliebe gekränkt, zum Gehen.
Sie fühlte deutlich, daß da in ihrer allernächsten Umgebung, zwischen diesen Menschen, die ihrem Herzen so nahe standen, irgend etwas Geheimnisvolles, Wichtiges vorging, wovon man ihr wie einer Fremden, oder wie einer Überlebten, nicht mehr für voll zunehmenden Alten keine Mitteilung machte. Sie konnte nicht ahnen, daß das ihr gegenüber beobachtete Schweigen nur in dem Bemühen, sie zu schonen und ihr das Bittere zu ersparen, seinen Grund hatte.
Als sie eben hinausgehen wollte, flüsterte Raiski ihr zu, er müsse mit ihr sprechen, sie möge die Leute möglichst unbemerkt hinausschicken. Ganz starr vor Schrecken und bis an die Nasenspitze erbleichend, sah sie ihn an.
»Ist ein Unglück geschehen?« fragte sie jäh.
Er zögerte einen Augenblick.
»Nein . . .« antwortete er dann entschieden – »von meinem Standpunkte aus nicht . . .«
»Und wenn es nun von meinem Standpunkte aus ein Unglück ist? Dann ist’s eben ein Unglück!« entgegnete sie leise. »Du bist so blaß geworden – du weißt also selbst, daß es ein Unglück ist!«
Sie schickte unauffällig die Dienerschaft ins Bett – sie sollten nur schlafen gehen, meinte sie, sie wolle noch mit Boris Pawlowitsch ein Weilchen plaudern. Dann führte sie ihn in ihr Kabinett. Hier rückte sie die Lampe auf dem Schreibtisch ganz zur Seite, bedeckte sie mit einem Schirm und setzte sich in ihren alten Voltairesessel. Sie saßen im Halbdunkel; sie hatte den Kopf vorgeneigt und wartete, ohne Raiski anzusehen. Dieser begann zu erzählen, indem er das, was sie das »Unglück« nannte, möglichst schonend vorzubringen suchte.
Seine Lippen bebten, und die Zunge versagte ihm öfters den Dienst. Er hielt dann inne, holte tief Atem und sammelte neue Kraft, um fortzufahren.
Die Großtante rührte sich nicht, unterbrach ihn mit keinem Worte. Zuletzt flüsterte er nur noch kaum hörbar.
Der Tag begann schon zu grauen, und er war noch immer bei ihr in dem Kabinett. Als er geendet hatte, richtete sie sich langsam, mit sichtlicher Anstrengung, auf, ließ dann ebenso langsam den Kopf und die Schultern sinken und stand, die Hände auf den Tisch gestützt, da. Ein Laut entrang sich ihrer Brust der wie ein Stöhnen, ein dumpfer, schwerer Seufzer klang.
»Tantchen!« rief Raiski, ganz erschrocken über den Ausdruck ihres Gesichtes, und kniete vor ihr nieder – »retten Sie Wjera . . .«
»Sie schickt recht spät zu ihrem Tantchen,« flüsterte sie. »Gott möge sie retten! Tröste und schütze sie, so gut du kannst! Sie hat kein Tantchen mehr.«
Sie tat einen Schritt vorwärts, doch er versperrte ihr den Weg.
»Tantchen – was sagen Sie da, was ist mit Ihnen?« rief er voll Angst.
»Ihr habt kein Tantchen mehr . . .« sagte sie zerstreut, während sie vor dem Sessel stand und zu Boden sah. »Geh, geh!« rief sie fast zornig, als sie bemerkte, daß er zögerte. »Komm nicht an mich heran . . . laß niemanden herein . . . Kümmere dich nur selbst um alles . . . und mich laßt zufrieden – alle, alle . . .«
Sie stand noch immer wie festgebannt an ihrem Platze mit leblosem, gleichsam schlafendem Blick. Er wollte ihr irgend etwas sagen, doch sie winkte ihm mit ungeduldiger Handbewegung ab.
»Geh zu ihr, steh ihr bei! Ich vermag es nicht . . . Sie hat kein Tantchen mehr . . .« flüsterte sie.
Mit einer gebieterischen Geste bedeutete sie ihm, daß er sie verlassen solle. Ganz bleich, mit beklommenem Herzen, ging er hinaus. Er trug Jakow, Wassilissa und Ssawelij auf, sich um Haus und Hof zu bekümmern, und verwandte seine ganze Aufmerksamkeit darauf, möglichst unbemerkt zu beobachten, was weiter mit der Großtante vorging. Kein Auge verwandte er von dem Kabinett.
Sie hatte, als er gegangen war, sich mechanisch wieder in den Sessel zurücksinken lassen, war hier in einen Zustand unbewußten starren Halbschlummers verfallen und darin regungslos bis zum Morgen, da es völlig Tag geworden, verblieben.
In den frühen Morgenstunden sahen dann Raiski, der sich gar nicht schlafen gelegt hatte, wie auch Jakow und Wassilissa, wie Tatjana Markowna mit bloßem Kopfe, den türkischen Schal um die Schultern und sonst in denselben Kleidern, die sie am Tage vorher getragen, aus dem Kabinett kam, wie sie, die Türen mit dem Fuße aufstoßend, die Zimmer und den Korridor durchschritt, in den Garten ging und gleich einer Bronzefigur, die ihren Sockel verlassen, nicht links noch rechts schauend, dahinschwebte.
Sie durchschritt den Blumengarten, ging die Alleen entlang und kam an die Schlucht. Dort ging sie mit gleichmäßigen, langsamen, großen Schritten den Abhang hinunter, den Kopf gerade emporgerichtet, ohne sich umzuwenden, irgendwohin in die Ferne schauend, und tauchte im Dickicht unter.
Behutsam hinter den Bäumen Deckung suchend, war Raiski ihr heimlich gefolgt. Sie schritt immer weiter, immer tiefer hinab, bis sie zu dem Pavillon kam, wo sie, den Kopf sinken lassend, wie festgebannt stehen blieb. Mit verhaltenem Atem stand Raiski hinter ihr im Gebüsch und beobachtete sie.
»Meine Sünde!« tönte es wie ein Stöhnen aus ihrem Munde, während sie die Hände an die Stirn legte. Dann ging sie plötzlich mit beschleunigten Schritten weiter, gelangte an die Wolga und stand unbeweglich am Ufer. Ihr Haar wehte im Winde, der ihr den Schal von den Schultern riß und die Kleider um die Glieder flattern ließ; doch sie merkte nichts.
Der Atem stockte Raiski bei dem jähen Gedanken: will sie ins Wasser gehen?
Doch sie machte langsam Kehrt und schritt weiter, fest auftretend und tiefe Spuren in dem feuchten Sande zurücklassend.
Raiski atmete freier auf. Als er jedoch aus seinem Versteck hervor einen Blick auf ihr Gesicht warf, wie sie jetzt in der gleichen breiten, langsamen Gangart sich wieder der Schlucht zuwandte, ward er von bangem Schreck ergriffen.
Er erkannte die Großtante nicht wieder. Wie eine schwere Wolke lag es über ihren Zügen, und diese Wolke war der Schmerz, der Gram über das Unglück, den er in dieser Nacht über sie heraufbeschworen hatte. Und er sah keine hilfreiche Hand, die diesen Gram von ihr genommen hätte.
Sie hatte die Wahrheit gesprochen, als sie sagte, es gebe kein Tantchen mehr. Das war nicht die Großtante, nicht Tatjana Markowna, die liebend und zärtlich wie eine Mutter für die Ihrigen sorgte, nicht die Gutsherrin von Malinowka, wo alles durch sie lebte und glücklich war, wo auch sie selbst zufrieden und glücklich lebte und mit Weisheit ihr kleines Reich regierte. Nein – das war eine ganz andere Frau.
Es war, als ginge sie nicht selbst, sondern würde von außen her durch eine fremde Kraft bewegt. Wie breit sie dahinschreitet, wie hoch und gerade sie Kopf und Schultern trägt, auf denen die Last dieses Unglücks ruht! Sie schreitet wie unbewußt durch den Wald, den Abhang der Schlucht hinauf; der Schal hängt ihr von der Schulter herab und schleift durch Schmutz und Staub. Mit starrem, gläsernem Blick schaut sie irgendwohin in die Ferne, und der steinerne Ausdruck hilflosen Entsetzens liegt in ihren Augen.
Einzig das Bewußtsein dieses Unglücks prägt sich in ihren Zügen aus, jede andere Regung scheint zurückgedrängt; wie eine Mondsüchtige, eine Tote schreitet sie daher.
Raiski, der hinter ihr herschlich und sie nicht aus den Augen ließ, um in jedem Augenblick an ihrer Seite sein zu können, konnte ihr nur mit Mühe folgen. Mit ungewöhnlicher Kraftanstrengung schritt sie den steilen Berg hinan: nur einmal blieb sie stehen, stützte sich gegen einen Baum und legte wieder die Hände an den Kopf.
»Meine Sünde!« kam es von neuem, wie aus tiefstem Seelengrunde, über ihre Lippen. »Wie schwer ist das doch! Oh! Nimm die Last von mir, ich ertrage sie nicht!« flüsterte sie dann, richtete sich empor und schritt weiter den Abhang hinan, überwand den steilen Aufstieg mit Aufbietung aller Kraft und achtete dessen nicht, daß die Dornen Fetzen von ihrem Kleide und dem Schal losrissen.
Ganz im Banne seines Staunens und Schreckens, sah Raiski auf diese ihm fremde, neue Frau. »Nur große Seelen vermögen so schweren Kummer mit solcher Kraft zu überwinden,« dachte er. »Sie schweben wie die Adler unter den Wolken hin und schauen hinab in die Abgründe. Nur eine gläubige Seele erträgt den Schmerz so, wie diese Frau ihn trägt – und nur Frauen vermögen ihn so zu tragen. In der weiblichen Hälfte des Menschengeschlechts,« dachte er weiter – »ruhen große, weltbewegende Kräfte verborgen. Nur sind sie noch nicht recht begriffen, noch nicht anerkannt, noch nicht nutzbar gemacht – weder von den Frauen selbst noch von den Männern. Noch werden sie unterdrückt und mit Füßen getreten, oder von der männlichen Hälfte mißbraucht, die, von ihrem Dünkel geblendet, es nicht versteht, diesen gewaltigen Kraftquell zu benutzen und für vernünftige Ziele zu verwenden. Die Frauen aber, die sich selbst über ihre natürlichen Kräfte und Anlagen täuschen, suchen gewaltsam in den Bereich männlicher Kraftbetätigung einzubrechen, und aus diesem gewaltsamen Eindringen in den fremden Besitzstand ergeben sich all die Mißverständnisse zwischen beiden Lagern.«
»Das ist nicht die Großtante!« sagte sich Raiski, als er sie so ansah, und war aufs tiefste betroffen. Sie erschien ihm wie eine jener großen weiblichen Persönlichkeiten, die in schicksalsschweren Augenblicken als Heroinnen aus dem Schoße der Familie hervorwachsen, ganz plötzlich, wenn ringsum Schlag auf Schlag niedersaust und die Menschen nicht grober Muskelkraft noch des Stolzes trotziger Geister bedürfen, sondern seelischer Widerstandsfähigkeit, um einen großen Schmerz zu tragen, um zu leiden und zu dulden und doch nicht zusammenzubrechen.
Und eine Reihe historischer Frauengestalten, die er unwillkürlich mit der Großtante in Parallele stellte, schwebte an seinem Geiste schattengleich vorüber. Er sah die stolze, alte Herrscherin von Jerusalem, die hochmütig lächelnd die im Volke umgehenden Prophezeiungen vernahm: »Es wird die Krone von dem Volke genommen werden, das seine Heimsuchung nicht erkennet – es werden die Römer kommen und Land und Stadt einnehmen!« Sie glaubte nicht daran, sie hielt die Krone für unerschütterlich, die Jehovah auf Israels Haupt gesetzt. Als aber die Stunde wirklich kam, als die Römer Land und Stadt einnahmen und sie begriff, woher der Schlag gekommen – da erhob sie sich, nahm die Krone von ihrem Haupte und ging schweigend, ohne Murren, ohne kleinmütige Tränen – wie sie die Männer an der Klagemauer vergossen – mit dem starren Ausdruck des Entsetzens in den Augen mitten durch ihr gefallenes Reich. Sie achtete nicht der von den Dornen zerrissenen Kleider, sondern schritt dahin, wohin Jehovahs Hand sie führte, ganz so wie diese Frau, die dort den Abhang emporschritt, das Heiligtum ihres Schmerzes auf dem Antlitz zur Schau tragend, als sei sie stolz darauf, daß ein so gewaltiger Schlag sie getroffen, und daß sie imstande war, ihn zu ertragen.
Und noch einer zweiten Königin des Schmerzes gedachte Raiski – der großen russischen Märtyrerin Marfa von Nowgorod, die, von den Moskauer Adlern gefangen gesetzt und zerfleischt, noch im Kerker ihre Größe und die Majestät ihres Schmerzes um den dahingeschwundenen Ruhm des alten Nowgorod bewahrte. Körperlich gedemütigt, hatte sie doch im Geiste gesiegt und starb als die Herrscherin, die kühne Feindin Moskaus, die noch im Tode das Schicksal ihrer freien Stadt in der Hand hielt. Und noch weitere große Schatten hehrer Dulderinnen tauchten aus der Vergangenheit vor ihm auf: russische Zarinnen, die auf Geheiß ihrer Gatten den Schleier nehmen und Geist und Kraft in einer Klosterzelle begraben mußten, und andere Zarinnen, die in schicksalsschwerer Stunde an die Spitze des Reiches traten und es retteten.
Und dieselbe Seelenstärke wohnte auch den Frauen unserer himmelstürmenden Titanen inne – jenen Bojarinnen und Fürstinnen, die, ihren Gatten in die Verbannung folgend, zwar Stand und Titel hatten ablegen müssen, aber dafür die Kraft ihres weiblichen Herzens und ihre seelische Schönheit bewahrt hatten. Sie hatten selbst diese Schönheit bis dahin nicht gekannt, und auch den andern war sie entgangen, nun aber ward sie gleich dem Golde, das im Feuer gereinigt wird, durch ein hartes, arbeitsreiches Leben, in hingebender Pflichterfüllung gegenüber ihren Gatten, deren Unglück sie neben ihrem eigenen mit tragen halfen, geläutert und veredelt. Und die Männer neigten ihre Knie vor dieser für sie neuartigen Schönheit und trugen ihre Strafe mannhafter und mutiger. In Not und Entbehrungen geprüft, von Arbeit und Gram aufgerieben, bewahrten sie doch ihre Seelengröße und strahlten inmitten des Elends in unvergänglicher Schönheit, wie jene erhabenen Statuen, die jahrtausendelang in der Erde geruht haben und dann wieder aufgefunden wurden, vom Zahn der Zeit zwar benagt, aber doch von dem unvergänglichen Glanze verklärt, den ihnen die Meisterhand verliehen.
Und dieselbe Seelengröße, die, während alles ringsum zusammenbricht, den Schlägen des Schicksals standhält, besitzt, obschon unbewußt, auch die schlichte russische Frau aus dem Volke; wenn die Feuersbrunst ihre Hütte verzehrt und sie ihrer Habe und ihrer Kinder beraubt, dann tritt dieser Schatz zutage und wird ihr zum Heil, zur Rettung. Mit demselben stummen, steinernen Ausdruck des Entsetzens, wie hier die Großtante, wie dort die heldenmütige Marfa von Nowgorod, wie die verbannten Zarinnen und Fürstinnen schreitet sie daher, den Blick unbeweglich zum Himmel emporgerichtet, und ohne sich umzuschauen nach der Feuersäule in ihrem Rücken, geht sie mit großen, kräftigen Schritten davon, den dem Flammenmeere entrissenen Säugling an der Brust, die gebrechliche alte Mutter an der Hand, mit Blick und Fuß den kleinmütigen Gatten vorwärtstreibend, der zu Boden sinkt, sich verzweifelt in die Erde festbeißt und zurückschauend das Element verflucht . . .
Fest und sicher mit den sonnenverbrannten Füßen ausschreitend, geht sie daher, weiter und weiter, ohne zu wissen, wo sie Halt machen, ob sie nicht entkräftet zusammenbrechen wird. Sie glaubt fest daran, daß neben ihr eine zweite Kraft dahinschreitet und ihr Unglück trägt, das sie allein nicht zu tragen vermöchte. In ihrem weitgeöffneten, starr schauenden und nichts sehenden Auge drückt sich die Kraft aus, zu dulden und zu leiden. Ihr Antlitz strahlt im Glanze der Schönheit, im hehren Nimbus des Martyriums.
Donner und Blitz entladen sich über ihr, und Flammenglut umlodert sie, vermag jedoch ihre seelische Kraft, ihre Frauengröße nicht zu vernichten.
In jähem Erschauern suchte Raiski sich dieser von seiner unermüdlich arbeitenden Phantasie ihm vor die Seele gezauberten Gestalten zu erwehren, um seine ganze Aufmerksamkeit der vor ihm herschreitenden Dulderin widmen zu können, sie nicht aus den Augen zu lassen und zu erraten, welcher Art wohl die Qual und Pein sein mochte, die von ihrer Seele Besitz ergriffen hatte.
Zusammengebrochen war das Reich Tatjana Markownas, verödet ihr Haus, vernichtet der kostbare Schatz, der edle Perlenschmuck ihres Stolzes. Sie irrte einsam zwischen den Trümmern der zerstörten Herrlichkeiten umher. Und auch ihre Seele schien vereinsamt, verödet. Der Geist des Friedens, des ruhigen Stolzes, des Glückes und Wohlbehagens schien für immer verscheucht aus diesem lauschigen Winkel.
Der Greuel der Verwüstung starrte ihr jetzt hier von allen Seiten entgegen, und ein Überdruß an allem, an der ganzen Welt, dem ganzen Leben bemächtigte sich ihrer. Wenn sie ihren Schritt hemmte, um neue Kraft zu schöpfen, um tiefer Atem zu holen und die trockenen, heißen Lippen zu erfrischen, fühlte sie, wie ihre Knie zitterten; noch ein Augenblick, und sie wäre zu Boden gestürzt, doch eine innere Stimme verlieh ihr Stärke und flüsterte ihr zu:
»Immer geh, verlier den Mut nicht – du wirst ans Ziel gelangen!«
Und die greise Schwäche, die sie angewandelt, schwindet wieder, und sie geht weiter. Bis zum Abend ging und ging sie, saß die Nacht hindurch in quälendem Halbschlummer, aus Fieberträumen aufstöhnend, in ihrem Sessel, erwachte mit dem Bedauern, erwacht zu sein, erhob sich mit dem Morgenrot und ging wieder nach der Schlucht, zu dem Pavillon im Dickicht, saß dort lange auf der halbzerfallenen Treppe, mit dem Kopfe auf den kahlen Brettern des Fußbodens, schritt dann ins Feld hinaus, wandte sich dem Strom zu und irrte wie verloren durch das Ufergebüsch.
Wie von ungefähr kam sie zu der Kapelle im Felde, hob den Kopf auf, sah das Bild des Erlösers da drinnen – und neues Entsetzen, größer als das frühere, blickte aus ihren weitgeöffneten Augen. Es war, als wenn sie etwas zur Seite stieße.
Wie ein verwundetes Tier sank sie auf ein Knie, erhob sich mit Mühe und lief hastig, immer wieder hinfallend und sich erhebend, das Gesicht vor dem Antlitz des Heilandes mit dem Schal verhüllend, an der Kapelle vorüber und stöhnte: »Meine Sünde! Meine Sünde!«
Die Leute im Hause waren ganz entsetzt. Wassilissa und Jakow kamen fast gar nicht mehr aus der Kirche heraus, beständig lagen sie auf den Knien und beteten. Wassilissa gelobte, zu Fuß eine Pilgerreise zu den Wundertätern von Kiew zu unternehmen, wenn die Gnädige wieder in Ordnung käme, und Jakow wollte der Kirche des Ortes eine dicke, vergoldete Wachskerze spenden.
Die übrigen Leute versteckten sich in den Winkeln und Ecken und spähten heimlich, wie ihre Gebieterin gleich einer Irrsinnigen Flur und Wald durchwanderte. Selbst Marina war ganz bestürzt und ging wie im Traum umher.
Nur Jegorka versuchte es kichernd mit seinen Späßen und Neckereien bei den Mädchen, doch sie jagten ihn fort, und Wassilissa nannte ihn einen ungläubigen »Supostaten.« Den dritten Tag bereits nahm die Großtante nicht einen Bissen zu sich. Raiski wußte es so einzurichten, daß er ihr entgegenkam, sie aufhielt und anredete, doch sie bedeutete ihm jedesmal mit einer gebieterischen Handbewegung, daß er weitergehen solle.
Endlich nahm er eine Kanne Milch, trat entschlossen auf sie zu und faßte sie am Arme. Sie sah ihn an, als erkenne sie ihn nicht, blickte dann auf die Kanne, nahm sie mit zitternder Hand mechanisch aus seinen Händen und trank begierig, in langen, langsamen Zügen, die Milch bis auf den letzten Tropfen aus.
»Tantchen, ich bitte Sie – kommen Sie nach Hause, quälen Sie sich selbst und uns nicht!« flehte er. »Sie können den Tod davon haben!«
Sie machte eine abwehrende Handbewegung.
»Gott hat mich heimgesucht, ich tu’s nicht aus eigenem Willen. Seine Kraft ist’s, die mich führt – ich muß es bis ans Ende tragen. Breche ich zusammen, dann hebt mich auf . . . Meine Sünde!« flüsterte sie und ging weiter. Nachdem sie etwa zehn Schritte weit gegangen war, wandte sie sich um. Er eilte auf sie zu.
»Wenn ich’s nicht ertrage . . . wenn ich sterbe . . .« begann sie und machte ihm ein Zeichen, sich näher zu ihr hinzuneigen.
Er kniete vor ihr hin.
Sie preßte seinen Kopf an ihre Brust, küßte ihn innig auf die Stirn und legte ihre Hand auf seinen Scheitel.
»Nimm meinen Segen,« sagte sie – »und bring ihn auch Marsinka . . . und ihr, meiner armen Wjera . . . hörst du: auch ihr! . . .«
»Tantchen!« rief er aus und küßte, während ihm die Tränen in die Augen traten, ihre Hand.
Sie entzog ihm ihre Hand und ging davon, um weiter durch die Büsche, am Ufer entlang, und durch die Felder zu wandeln.