Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 65

Yazı tipi:

»Sie hat ihr eignes Reich, diese gläubige Seele!« dachte Raiski, als er hinter ihr herschaute und seine Tränen trocknete. »Nur sie vermag so für alles, was sie liebt, zu leiden, so zu lieben und so für eigne und fremde Schuld Buße zu tun!«

Und Furchtbares litt auch Wjera in diesen Tagen. Raiski hatte ihr sein nächtliches Gespräch mit der Großtante mitgeteilt. Als sie tags darauf, ganz bleich und verhärmt, schon am frühen Morgen ihn zu sich bitten ließ und ihn fragte, wie es um Tantchen stehe, wies er statt jeder Antwort auf Tatjana Markowna, die soeben wieder durch den Garten und die Allee aufs Feld hinauswanderte. Wjera stürzte ans Fenster und blickte hinaus nach der hinwandelnden Gestalt der Großtante, die mit der Last des Unglücks auf den Schultern über die Felder schritt. Sie konnte ganz flüchtig den Ausdruck ihres Gesichtes bemerken und fiel, über den Anblick entsetzt, zu Boden. Dann raffte sie sich auf, lief von Fenster zu Fenster, rang die Hände und streckte sie flehend, wie im Gebet, nach der Großtante aus. Sie irrte selbst wie verstört durch die großen, verlassenen Säle des alten Hauses, öffnete eine Tür nach der andern und schloß sie wieder, ließ sich auf die alten Kanapees niedersinken, stolperte über die Möbel.

Es zog sie mit Gewalt zu der Großtante hin, doch die Angst, das Entsetzen hielt sie zurück; ihr jetzt vor die Augen zu treten, hieß vielleicht sie töten.

Wahre Folterqualen hatte Wjera zu erdulden. Jetzt erst fühlte sie, wie tief sie den Dolch in ihr eigenes wie in dieses andere, ihr teure Leben hineingestoßen hatte, als sie sah, wie diese gramgebeugte Greisin ihretwegen litt – sie, die noch vor kurzem so glücklich gewesen und jetzt in zerfetzten Kleidern, ganz gelb, ganz erschöpft, schwer büßend für fremde Schuld, durch die Felder irrte.

»Warum trifft nun sie diese Schuld? Sie ist eine Heilige – und ich! . . .« dachte sie, von Reue zerknirscht. Als Raiski ihr den Segen Tatjana Markownas überbrachte, war sie ihm um den Hals gefallen und hatte lange, lange geschluchzt.

Am Abend des zweiten Tages hatte man Wjera in einer Ecke des großen Saales, halbentkleidet auf dem Boden sitzend, gefunden. Boris und die Frau des Priesters, die an diesem Tage zu Besuch gekommen war, hatten sie fast mit Gewalt fortbringen müssen und sie zu Bett gebracht. Raiski hatte den Arzt kommen lassen und ihn, so gut es ging, über die nervösen Zufälle aufgeklärt. Der Arzt hatte ihr eine beruhigende Arznei verschrieben, und Wjera hatte sie genommen, jedoch keine Ruhe gefunden. Immer wieder war sie aus dem Schlafe aufgefahren, hatte gefragt: »Was ist mit Tantchen?« und war dann wieder in einen unruhigen Halbschlummer verfallen.

Sie hörte nicht auf das Geflüster ihrer geliebten Freundin, die wohl geeignet war, Wjeras Geheimnisse im verschwiegenen Busen zu bewahren, sich ihr jedoch als der Stärkeren, Überlegeneren in allem unterordnete, ihre Ansichten widerspruchslos teilte und ihren Wünschen stets auf halbem Wege entgegenkam, sobald dagegen das drohende Unwetter über Wjeras Haupte heraufzog, sich als zu schwach erwies, um ihr Hilfe oder Beruhigung zu bringen.

»Gib mir zu trinken!« flüsterte Wjera, ohne auf ihr leichtes Geplauder zu hören. »Und sprich nicht so viel . . . Laß niemanden herein, sitz nur so neben mir da . . . Oder geh und höre einmal, was mit Tantchen ist!«

Und ganz ebenso war’s in der Nacht. Aus unruhigem Schlummer auffahrend, flüsterte Wjera immer wieder: »Tantchen kommt nicht zu mir! Tantchen liebt mich nicht! Tantchen verzeiht mir nicht!«

Am dritten Tage war Tatjana Markowna aus dem Hause gegangen, ohne daß jemand sie bemerkt hatte. Raiski, der zwei Nächte schlaflos verbracht, war zu Bett gegangen, hatte jedoch Auftrag gegeben, ihn zu wecken, sobald sie fortgehe.

Aber Jakow und Wassilissa waren zur Frühmesse gegangen, und Paschutka, die die Herrin beim Fortgehen gesehen hatte, war vor lauter Schreck hinter die Besen und Flederwische in der Rumpelkammer gekrochen und dort eingeschlafen. Die andern waren da und dort im Hause zerstreut gewesen.

Nur Ssawelij hatte gesehen, daß die Gnädige den Abhang der Schlucht hinuntergeschritten war, daß ihr Gang unsicher gewesen, daß sie sich an den Bäumen festgehalten und dann dem Felde zugewandt hatte.

Raiski eilte ihr nach und sah, hinter einer Hausecke versteckt, wie sie langsam vom Felde heimkehrte. Sie blieb stehen und blickte zurück, als nähme sie Abschied von den Bauernhäusern. Er trat auf sie zu, wagte jedoch nicht, sie anzusprechen. Er war bestürzt, als er den neuen Ausdruck ihres Gesichtes sah: an Stelle des hilflosen Entsetzens war eine gewisse Bewußtheit getreten, in der jedoch etwas Trostloses lag. Sie hatte ihn nicht bemerkt – sie sah vor sich hin, als blicke sie ihrem Unglück ins Gesicht.

Sie träumte mit offenen Augen, daß ihr Reich zusammengebrochen und der Greuel der Verwüstung an seine Stelle getreten sei. Sie selbst erzählte später Raiski dieses unheimliche Traumbild, das sie wachen Auges gesehen.

Als sie sich nach dem Dorfe umgewandt, hatte sie statt der wohlgefügten Ordnung, in der sich sonst die Häuser befunden, einen Haufen halbverfaulter Bauernhütten erblickt, die jeder Aufsicht und Fürsorge entrieten und ein Schlupfwinkel von Dieben und Landstreichern, Bettlern und Säufern waren. Die Felder lagen verödet da, Beifuß, Kletten und Brennesseln wuchsen darauf.

Sie wandte sich entsetzt von diesem Dorfbilde ab und ging nach dem Garten. Sie blieb stehen, sah sich um – und erkannte weder Haus noch Hof.

Der Park, die Blumenanlagen, der Gemüse- und Obstgarten – alles bildete einen einzigen wüsten Haufen, ein vom Graswuchs überwuchertes Durcheinander. Kein Mensch wohnte an dieser Stätte, nur der Weih stieß aus den Lüften herab, um seine Beute zu packen und in die Höhe zu entführen.

Das neue Haus war verfallen und schief und halb in den Boden gesunken; die Hofgebäude waren eingestürzt; zwischen den Trümmern schlich eine kläglich miauende Katze umher, und ein ausgebrochener Sträfling verbarg sich unter dem verfallenen Dache.

Die Alte erschauerte und blickte nach dem alten Hause hinüber. Es hatte alles überdauert – während sonst alles Leben wie erschreckt von dieser Stätte geflohen war, stand es selbst in seinem düstren Trotz mit seinem dunklen Ziegelgemäuer, von dem der Bewurf abgefallen, fest und sicher an seiner Stelle.

Die Scheiben fehlen in den Fenstern, die Fensterrahmen sind vermorscht, und durch die verfallenen Räume streicht der Wind und vertilgt die letzten Spuren des Lebens. Im Kamin hat ein Uhu sich ein Nest gebaut, kein lebender Schritt läßt sich vernehmen, nur ihr Schatten . . . der Schatten ihrer Wjera, die nicht mehr ist, die gestorben ist . . . schwebt über das rissige, dunkle Parkett, und ihr gespenstischer Seufzer gesellt sich dem Heulen des Windes, folgt ihm in den Garten, in die Schlucht – dorthin, zum Pavillon . . .

Raiski sah, daß über das Antlitz der Großtante langsam eine Träne floß, die wie erstarrt an ihrer Wange hängen blieb. Die Alte wankte, griff in die Luft, als suche sie eine Stütze, und schien zusammenbrechen zu wollen . . .

Er stürzte nach ihr hin, führte sie mit Wassilissas Hilfe nach Hause, ließ sie in einen Sessel gleiten und eilte fort, um den Arzt zu holen. Sie blickte um sich, ohne jemand zu erkennen. Wassilissa begann bitterlich zu weinen und stürzte ihr zu Füßen.

»Mütterchen Tatjana Markowna!« jammerte sie – »so kommen Sie doch zu sich, machen Sie das heilige Kreuzzeichen!«

Die Alte bekreuzte sich, stieß einen tiefen Seufzer aus und gab durch ein Zeichen zu verstehen, daß sie nicht sprechen könne, und daß sie durstig sei.

Sie legte sich ins Bett, fast mechanisch, als wisse sie nicht, was sie tue. Wassilissa entkleidete sie, hüllte sie in warme Tücher, rieb ihr die Arme und Beine mit Franzbranntwein ein und brachte sie schließlich so weit, daß sie ein Glas Wein trank. Der Doktor ordnete an, man solle sie nicht weiter beunruhigen, sondern sie schlafen lassen und ihr dann die Arznei eingeben, die er ihr verschrieben.

Irgendein unvorsichtiges Wort verriet Wjera, daß die Großtante krank zu Bette liege. Sie warf die Decke von sich ab, stieß Natalia Iwanowna zur Seite und wollte zu ihr eilen. Doch Raiski hielt sie zurück, indem er sagte, daß Tatjana Markowna in festen Schlaf gesunken sei.

Gegen Abend war auch Wjera erkrankt, sie hatte Fieber und phantasierte. Die ganze Nacht war sie in heftigster Unruhe, rief im Traume die Großtante und weinte.

Raiski verlor ganz und gar den Kopf und entschloß sich schließlich, den alten Hausarzt Peter Petrowitsch kommen zu lassen. Er suchte ihm Wjeras Zustand zu erklären, ohne natürlich die Ursache zu erwähnen. Voll Ungeduld erwartete er den Morgen und ging unaufhörlich zwischen Wjera und Tatjana Markowna hin und her.

Die Großtante saß mit umwickeltem Kopfe da. Er fürchtete sich hinzusehen, ob sie schlafe, oder ob sie noch immer mit ihrem Kummer ringe. Auf den Zehen schlich er dann zu Wjera und fragte Natalia Iwanowna, wie es dieser gehe.

»Sie fährt jeden Augenblick aus dem Traume auf und weint und phantasiert,« sagte Natalia Iwanowna, die am Kopfende des Bettes saß.

»Mein Gott!« sagte Raiski, als er, an Leib und Seele ermattet, in sein Zimmer kam und sich auf sein Bett hinstreckte – »hätte ich wohl je gedacht, daß ich hier in diesem Winkel auf solch ein Drama, auf solche Persönlichkeiten stoßen würde? Wie gewaltig, wie furchtbar in seiner Schlichtheit, in seiner nackten Wahrheit ist doch das Leben, und wie vermögen die Menschen nur solche Katastrophen zu überdauern? Und wir, die wir dort in den großen Städten auf dem Haufen leben – wir kochen mühsam unsere dünnen Bettelsuppen und nennen das Leben und Leidenschaft! . . .«

Achtes Kapitel

Wjera befand sich am Morgen nicht besser. Sie schlief zwar, hatte jedoch immer noch Fieber und phantasierte.

Raiski begab sich zu Tatjana Markowna und betrat zugleich mit Wassilissa ihr Schlafzimmer.

Sie lag noch immer genau so wie am Tage vorher, in unveränderter Lage da.

»Sieh doch nach, Wassilissa, was mit Tantchen ist! Ich fürchte mich näherzutreten, um sie nicht zu erschrecken,« flüsterte Raiski.

»Soll ich die gnädige Frau nicht wecken?«

»Es wäre wohl nötig, Wjera ist krank . . . Ich weiß nicht, ob wir nicht vielleicht nach dem Arzt schicken sollten? . . .«

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, als Tatjana Markowna sich plötzlich im Bett aufrichtete.

»Wjera ist krank?« wiederholte sie.

Raiski atmete erleichtert auf.

Auf dem Antlitz der Großtante, das gestern noch wie versteinert erschienen war, zeigte sich plötzlich der Ausdruck des Lebens, der Furcht und Sorge. Sie machte ihm ein Zeichen mit der Hand, er solle hinausgehen, und nach einer halben Stunde hatte sie ihre Toilette beendet.

Mit großen, eiligen Schritten, bange Besorgnis in den Zügen, schritt sie über den Hof nach dem alten Hause – zu Wjera. Jede Spur von Müdigkeit war aus ihrem Wesen gewichen. Das Leben war in sie zurückgekehrt, und Raiski begrüßte die Furcht, die sich in ihren Zügen malte, als ein willkommenes Zeichen der Besserung.

Sie betrat leise Wjeras Zimmer, richtete einen tiefen, forschenden Blick auf das bleiche Gesicht der Schlafenden und flüsterte Raiski zu, er solle den alten Doktor holen lassen. Jetzt erst bemerkte sie die Frau des Priesters, die ganz ermüdet und abgespannt aussah. Sie umarmte sie und sagte ihr, sie möchte hinübergehen und drüben bei ihr einen ganzen Tag ausruhen:

»Jetzt ist hier niemand nötig: ich bin da,« sagte sie und machte sich neben Wjeras Bett einen Sitz zurecht.

Der Doktor kam. Tatjana Markowna suchte ihn, so gut es ging, über Wjeras leidenden Zustand aufzuklären. Er verschrieb ihr etwas gegen das Fieber und meinte, sobald dieses geschwunden, sei nichts weiter zu befürchten.

Wjera nahm im Halbschlummer die Arznei und sank gegen Abend in einen festen Schlaf.

Tatjana Markowna setzte sich ihr zu Häupten nieder – so, daß sie den Kopf auf Wjeras Kissen legen konnte. Sie schlief nicht, sondern achtete aufmerksam auf jede Bewegung, jeden Atemzug Wjeras.

Wjera erwachte und fragte: »Schläfst du, Natascha?« Und als sie keine Antwort erhielt, schloß sie die Augen, um sie von Zeit zu Zeit, sobald sie sich ihrer Lage wieder bewußt ward, mit einem schmerzlichen Seufzer zu öffnen.

Sie suchte wieder in ihren Schlummerzustand zurückzusinken; die Nacht, die sie umgab, erschien ihr wie ein schreckliches, finsteres Gefängnis.

Nach einiger Zeit bewegte sie sich und verlangte zu trinken. Eine Hand reichte ihr über das Kopfkissen hin den erfrischenden Trank.

»Was macht Tantchen?« fragte sie, öffnete die Augen und schloß sie wieder.

»Wo bist du denn, Natascha? Komm doch hierher, warum versteckst du dich?«

Keine Antwort erfolgte.

Sie seufzte tief auf und verfiel wieder in einen Halbschlummer.

»Tantchen kommt nicht! Tantchen liebt mich nicht!« flüsterte sie bang, als sie für einen Augenblick erwachte.

»Tantchen verzeiht mir nicht!«

»Tantchen ist gekommen! Tantchen liebt dich! Tantchen hat dir verziehen!« erklang eine Stimme zu ihren Häupten.

Wjera fuhr jäh empor, sprang aus dem Bett und stürzte zu Tatjana Markowna hin. »Tantchen!« schrie sie auf und barg, einer Ohnmacht nahe, ihren Kopf an der Brust der Alten.

Tatjana Markowna brachte sie ins Bett und legte ihren grauen Kopf auf das Kissen, neben das bleiche, schöne, verhärmte Gesicht, das in dem dichten, dunklen Haar halb verschwand.

An die Brust der Greisin geschmiegt, die ihr mehr war als selbst eine Mutter ihr sein konnte, ließ Wjera ohne Worte, in einer Flut von Tränen, in krampfhaftem Schluchzen ihre Beichte und Reue, ihren ganzen plötzlich mit jähem Ungestüm hervorbrechenden Gram und Schmerz hervorströmen.

Die Großtante hörte schweigend dieses Schluchzen und trocknete mit ihrem Taschentuche Wjeras Tränen; sie ließ sie schluchzen und weinen und preßte nur den Kopf der Weinenden an ihre Brust, ihn immer wieder mit Küssen bedeckend.

»Liebkosen Sie mich nicht, Tantchen . . . ich verdiene es nicht . . . lieben Sie Marsinka . . .«

Aber die Großtante drückte sie nur noch fester an ihre Brust.

»Deine Schwester bedarf meiner Liebe nicht mehr – ich aber bedarf der deinigen . . . Stoß mich nicht von dir, Wjera, wende dich nicht länger ab von mir . . . ich bin so verwaist!« sagte sie und begann selbst zu weinen.

Wjera schloß sie mit aller Kraft, die ihr zu Gebote stand, in ihre Arme.

»Meine Mutter . . . verzeihen Sie mir . . .« flüsterte sie.

»Schweig . . . nicht ein Wort davon . . . niemals!«

»Ich habe nicht auf Sie gehört . . . Gott hat mich gestraft, um Ihretwillen . . .«

»Was sprichst du da, Wjera?« rief Tatjana Markowna jäh, vor Schreck erbleichend, und glich wieder jener trostlosen Alten, die wie geistesgestört durch Wälder und Schluchten geirrt war.

»Ich dachte, daß mein Wille und Verstand mir genug sein würde fürs ganze Leben, daß ich klüger sei als ihr alle . . .«

Tatjana Markowna atmete frei auf. Sie hatte offenbar einen andern Sinn aus Wjeras Worten herausgelesen.

»Du bist klüger als ich und hast mehr gelernt,« sagte sie. »Gott hat dir einen reichen Geist gegeben – aber du bist nicht erfahrener als Tantchen . . .«

»Jetzt . . . bin ich auch erfahrener . . .« dachte Wjera und preßte ihr Gesicht gegen die Schulter der Tante. »Nehmen Sie mich fort von hier . . . lassen Sie mich Ihre Marsinka sein . . . es soll keine Wjera mehr geben . . .« flüsterte sie. »Ich will fort aus diesem alten Hause . . . dorthin will ich, zu Ihnen!«

Die Großtante liebkoste sie schweigend.

Beider Köpfe lagen nebeneinander auf dem Kissen, und weder Wjera noch die Großtante sprach fernerhin ein Wort. Sie schmiegten sich dicht aneinander und schliefen so, sich innig umarmend, gegen Morgen ein.

Neuntes Kapitel

Wjera erhob sich am Morgen ohne Fieber und Schüttelfrost, nur blaß und abgespannt war sie. Sie hatte die Krankheit an der Brust der Großtante in einer Flut von Tränen ausgeweint. Der Doktor meinte, es wäre nun wohl alles gut, sie solle jedoch ein paar Tage im Zimmer bleiben.

Die alte Ordnung kehrte allmählich wieder zurück. Wjeras Namenstag ging auf ihren Wunsch ganz still vorüber. Weder Marsinka noch die Wikentjews kamen – man hatte ihnen durch einen Expreßboten sagen lassen, daß Wjera Wassiljewna sich nicht ganz wohl befinde und das Zimmer hüten müsse.

Tuschin gratulierte schriftlich und fragte an, ob er wohl seinen Besuch machen dürfe. Wjera antwortete ihm: »Warten Sie noch, bitte, ich bin noch nicht wieder ganz wohlauf.«

Die Gratulanten aus der Stadt wurden dahin beschieden, daß Wjera auf Anordnung des Arztes das Zimmer hüten müsse. Nur die Dienerschaft trug dem Festtage Rechnung: die Stubenmädchen zogen ihre bunten Kleider an, salbten ihre Köpfe mit Nelkenpomade und schmückten sich mit Bändern, während die Kutscher und Lakaien sich ganz gehörig betranken.

Wjera und die Großtante waren in ein neues Verhältnis zueinander getreten. Die Großtante vermied in ihrem Benehmen gegen Wjera jede Spur von demütiger Herablassung, nahm die Sache jedoch anscheinend auch nicht so leicht wie Raiski. Noch weniger aber bekannte sie sich zu jener grundsätzlichen Verurteilung, wie sie der landläufigen strengen Auffassung von der Bedeutung eines solchen Irrtums, oder Unglücks, oder Fehltritts, wie man zu sagen pflegt, beliebt – dieser rücksichtslosen, brutalen Auffassung, die von keiner Entschuldigung, keiner Motivierung eines solchen Fehltritts etwas wissen will.

Beide sahen einander mit ernstem Blicke an und sprachen nur wenig, zumeist von gleichgültigen, alltäglichen Angelegenheiten; ihre Augen jedoch redeten in stummer Sprache von ernsten, wichtigen Dingen.

Sie schienen sich gegenseitig zu beobachten, fürchteten sich jedoch offenbar, miteinander zu sprechen. Tatjana Markowna sagte nicht ein Wort, das als Rechtfertigung oder Entschuldigung des Fehltritts hätte gelten können, nicht mit einer Silbe tat sie des Geschehenen Erwähnung, anscheinend in dem Bestreben, Wjera erst zur Ruhe kommen zu lassen. Sie behandelte sie doppelt zärtlich, doch lag in ihrer Zärtlichkeit nichts Gemachtes, Beabsichtigtes, als wollte sie damit nur irgendwelche andern Gefühle oder Meinungen maskieren. Sie war tatsächlich zärtlicher gegen Wjera, als stehe sie nach diesem offenen Bekenntnis, ja selbst nach diesem Fehltritt ihrem Herzen näher.

Und Wjera bemerkte wohl diese Aufrichtigkeit und Herzlichkeit im Verhalten der Großtante, doch empfand sie keine Erleichterung davon. Sie hatte strenge Verurteilung und Strafe erwartet, ja sie begehrte nach solcher. Sie hätte es nur als gerecht und billig hingenommen, wenn die Großtante sie für ein halbes oder ein ganzes Jahr irgendwohin fortgeschickt hätte, vielleicht nach ihrem entlegenen Gute, bis sie vergessen hätte, wie sehr ihr Vertrauen und ihre Liebe getäuscht worden. Dann, nach dieser Frist, hätte sie ihr vielleicht verzeihen und sie zurückrufen sollen, um ihr jedoch die alte Liebe und Zärtlichkeit erst dann wieder zuzuwenden, wenn Wjera sich durch jahrelange, ernsthafte Arbeit, unter Anspannung aller Kräfte ihres Herzens und Verstandes, das Recht auf diese mütterliche Liebe wiedererobert hätte. Eine solche strenge Buße und Sühne hätte ihrem Gemüte Ruhe und Gleichgewicht wiedergegeben oder sie wenigstens ihre Schuld vergessen lassen – wenn anders es wahr ist, was Raiski ihr zum Troste sagte: daß die Zeit alles im Leben auslösche und verwische.

»Wirklich alles?« dachte sie, und dumpfe Traurigkeit beschlich sie. Nein, die Zeit war nicht imstande, alle die furchtbaren Qualen, die sie schon erduldet, und die ihr noch bevorstanden, hinwegzuwischen.

So viel Schreckliches hatte sie schon erfahren, so Schweres trug sie noch jetzt, nachdem sie das liebende Herz dieser zärtlichen Mutter wiedergefunden – und doch schien da noch eine böse, bittere Erfahrung zu lauern, für die vielleicht auch die Zeit ihr kein Heilmittel, keinen Trost zu bieten haben würde.

Sie bemühte sich, nicht daran zu denken – und dachte doch im nächsten Augenblick wieder daran: wie sie wohl die Großtante mit diesem furchtbaren Schmerz, den sie ihr angetan, wieder aussöhnen, wie sie ihr den Schlag, den sie durch ihre Schuld empfangen, erträglich machen könnte. Sie suchte dieses Schweigen der Großtante, diese verdoppelte Zärtlichkeit, mit der sie ihr entgegenkam, zu begreifen – und machte dabei die Beobachtung, daß die Großtante ihr, wenn sie sich unbeobachtet wähnte, ganz seltsame Blicke zuwarf, die Wjera nicht zu deuten wußte.

Daß die Großtante unaussprechlich leiden mußte, war ihr klar. Der Kummer hatte ihr ganzes Wesen verwandelt, sie ging zuweilen gekrümmt, war gelb geworden, und die Runzeln in ihrem Gesichte hatten sich vermehrt. Dann aber, wenn sie Wjera ansah oder ihr zuhörte, richtete sie sich plötzlich wieder auf, und in ihren Augen leuchtete eine so zärtliche Glut, als hätte sie in Wjera jetzt erst so recht – nicht die liebe, kleine Enkelin von früher, sondern die eigene Tochter entdeckt, die ihr nun doppelt lieb, doppelt teuer geworden.

Warum nur diese Fülle, dieses Übermaß von Liebe? Vielleicht, dachte Wjera, wollte die Großtante sie jetzt ganz besonders schonen und hegen, das ganze Mitgefühl über sie ausströmen lassen, dessen ihr tiefempfindendes Frauenherz fähig war. Sie wollte die arme, kranke, reuige Büßerin nicht die Schuld entgelten lassen, wollte ihr Verfehlen mit dem Mantel christlicher Liebe bedecken.

»Ja, das wird es wohl sein,« dachte Wjera demütig. »Doch, o Gott – welche Qual ist das, dieses Mitleid zu ertragen, dieses Almosen hinzunehmen! Gefallen zu sein und sich nicht wieder aufrichten zu können – nicht nur in den Augen der andern, sondern auch in den Augen dieser zärtlich liebenden, treuen Mutter!«

Sie wird sie hätscheln und streicheln, mehr vielleicht als früher – aber sie wird sie hätscheln, wie man einen unglücklichen Idioten hätschelt, den die Natur stiefmütterlich behandelt hat, indem sie ihm den Verstand nahm. Oder, was noch schlimmer ist: wie man einen unglücklichen, verirrten Bruder streichelt, dem man durch das bißchen Zärtlichkeit sein Unglück erträglich zu machen sucht.

Ihr Stolz, ihre menschliche Würde, das Recht auf die Achtung der Welt, ihre eigene Selbstachtung – alles das war in Trümmer geschlagen. Man reiße diese Blumen aus dem Kranze, der die Stirn des Menschen umwindet – und er ist entwürdigt, zur Sache herabgedrückt. Die Menge schaut mitleidig auf den Gefallenen und straft ihn mit ihrem Schweigen, wie die Großtante sie jetzt straft. Wer einmal diesen berechtigten menschlichen Stolz in seiner Seele empfunden, wer sich dieses Anrechtes auf die Achtung der andern einmal bewußt geworden und sein Haupt aufrecht auf den Schultern zu tragen gelernt hat – der kann nicht weiterleben, wenn ihm dieses Anrecht genommen ist.

Sie erinnerte sich einiger Beispiele, in denen die Welt, die öffentliche Meinung über solche Gefallene, wie sie jetzt eine war, erbarmungslos Gericht gehalten hatte.

»Bin ich denn besser als sie?« dachte Wjera. »Mark versicherte zwar, und auch Raiski tat es, daß jenseits dieses . . . Rubikon . . . ein anderes, neues, besseres Leben beginne. Ja, ein neues wohl – doch inwiefern ein besseres?«

Die Großtante bemitleidete sie – das allein war zum Sterben genug. Früher hatte sie sie geschätzt, war stolz auf sie gewesen, hatte ihr das Recht zuerkannt, nach freiem Ermessen zu denken und zu handeln, hatte sie gewähren lassen, ihr vertraut. Alles dies war nun für immer dahin! Sie hatte ihr Vertrauen gemißbraucht, war gestrauchelt bei all ihrem Stolze.

Sie war eine Bettlerin im Kreise der Ihrigen. Diejenigen, die ihr am nächsten standen, waren Zeugen ihres Falles gewesen und kamen nun, ihr Gesicht abwendend, zu ihr, um aus Mitleid ihre Schmach mit dem Mantel der Liebe zu bedecken, während sie dabei stolz im stillen dachten:

»Du wirst nie wieder aufstehen, du Ärmste, nie wieder gleichberechtigt neben uns stehen – so nimm denn wenigstens um Christi willen unsere Verzeihung hin!«

»Wohlan denn – um Christi willen will ich ihre Verzeihung hinnehmen und mich demütigen. Ich will es, ja – doch mein Herz begehrt auf, es will kein Mitleid, es will Zorn und Gewitter . . . Schon wieder dieser Stolz . . . wo bleibt dann aber die Demut? Demütig sein heißt für mich so viel, wie den strafenden Blick einer reinen Frau ertragen, jahrelang, ein ganzes Leben lang vor diesem Blick erbleichen, ohne darob auch nur einen Augenblick zu murren. Wohl denn – ich will nicht murren! Ich will alles ertragen: das großherzige Mitleid eines Tuschin, eines Raiski, und das Erbarmen der Großtante, hinter dem sich vielleicht stille Verachtung birgt . . .

»Tantchen verachtet mich!« dachte sie, in bitterem Harm erbebend, und verbarg sich vor ihren Blicken, saß schweigend und gedrückt in ihrem Zimmer, wandte sich ab oder schlug die Augen nieder, wenn Tatjana Markowna sie so mit innigster Zärtlichkeit – oder, wie sie meinte, mit christlichem Mitleid – ansah.

Und sie vergegenwärtigte sich, wie sie selbst vor dem Zusammentreffen mit Mark gewesen – vor jenem verhängnisvollen Abend, der ihre Ruhe zerstört hatte: so rein war sie da, so voll natürlichen Reizes, voll frischen, prickelnden Lebens . . . Und unwillkürlich erschauerte sie! Es erwies sich, daß auch ihre Geringschätzung der Meinung anderer, auf die sie sich früher so viel zugute getan, nicht standhielt. Es war ihr schmerzlich, auch in den Augen der »Banausen«, wie Mark sich ausdrückte, als eine Gefallene zu gelten. Sie seufzte nach ihrer Achtung, ihrer Bewunderung und Verehrung, die sie nun eingebüßt hatte.

»Hätte ich mir doch damals an der unglücklichen Kunigunde ein Beispiel genommen!« dachte sie mit schmerzlicher Selbstironie.

Sie wollte beten und vermochte es nicht. Um was sollte sie beten? Ihr blieb nichts weiter übrig, als demütig das Haupt zu neigen und den Schlag, der auf sie niederfiel, entgegenzunehmen. Und sie beugte sich und trug die Last und Strafe der Verachtung, die, wie sie meinte, ihr nun mit Recht zuteil geworden.

Äußerlich erschien sie allen vollkommen ruhig, aber ihre Augen waren eingesunken, keine Spur von Farbe war in dem bleichen Gesicht, die Grazie ihres Ganges, die Freiheit ihrer Bewegungen war fort. Sie magerte ab, und man sah es ihr an, daß sie des Lebens überdrüssig war. Sie hatte für niemand und für nichts ein Interesse. Natalia Iwanowna war auf ihren Wunsch heimgefahren, und sie saß nun zumeist allein in ihrem verschlossenen Zimmer und ging nur zum Mittagessen zur Großtante hinüber. Wenn diese sie mit ihrem forschenden Blicke ansah oder in zärtlichem Tone ein Wort an sie richtete, ließ sie den Kopf sinken und wurde noch düsterer, noch in sich gekehrter. Und wenn Tatjana Markowna auch nur durch ein Wort oder einen Blick einen Wunsch äußerte, erfüllte sie ihn demütiger als selbst Paschutka.

Man sah und hörte gleichsam im ganzen Hause nichts von ihr. Ganz leise, wie ein Schatten, ging sie umher, und wenn sie jemanden um etwas bitten mußte, tat sie es flüsternd, ohne den Blick aufzuheben. Sie wagte nicht, einen Befehl zu erteilen. Es war ihr, als schauten Wassilissa und Jakow nur mit Mitleid auf sie, und in Jegorkas Augen glaubte sie kecken Hohn, in denen der Stubenmädchen heimlichen Spott zu lesen.

»Das also ist das neue Leben,« dachte sie und blickte zur Seite, um den Leuten nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Und doch wußte niemand im Hause außer Raiski und der Großtante auch nur das geringste. Sie aber meinte, allen ihr Geheimnis vom Gesicht lesen zu können.

Wie nun Tatjana Markowna sie so beobachtete, wurde sie selbst nachdenklich und steckte sich förmlich mit Wjeras Traurigkeit an. Auch sie sprach kaum mit jemandem, schlief nur wenig, kümmerte sich nur wenig um die Wirtschaft, empfing die Kaufleute nicht, die auf dem Gute erschienen, um Getreidekäufe abzuschließen, und kommandierte nicht mehr wie sonst im Hause herum. Die Stirn auf den Ellbogen gestützt, saß sie oft lange, lange einsam in ihrem Zimmer.

Gleich Wjera war auch sie jetzt Raiski seelisch nähergetreten. Die schlichte Sanftmut seines Gemüts, die Aufrichtigkeit, die aus jedem seiner Worte sprach, seine bis zur Redseligkeit ausartende Offenheit, der kühne Flug seiner Phantasie – alles dies gewährte der einen wie der andern einigen Trost.

Er wußte zuweilen sogar ein Lächeln auf ihr Gesicht zu locken. Aber die Wolke der Trauer, die sich über die beiden Frauen, wie über das ganze Haus gesenkt hatte, vermochte er trotz aller Bemühungen doch nicht ganz zu bannen. Er wurde selbst traurig gestimmt, als er sah, daß weder seine unverminderte Achtung noch die Zärtlichkeit der Großtante der armen Wjera ihre frühere Frische, ihren Stolz, ihr Selbstvertrauen, ihren klaren Verstand und starken Willen wiederzugeben vermochte.

Tantchen verachtet mich, sie liebt mich nur noch aus Mitleid. Ich kann so nicht leben, ich werde sterben!« flüsterte sie Raiski zu. Dieser stürzte sogleich zu Tatjana Markowna und sagte ihr, was Wjeras Seele nun wieder bedränge. Er war sehr bestürzt, als die Großtante, statt Wjera zu trösten, seine Worte mit verlegener, unruhiger Miene aufnahm und nichts Besseres wußte, als zu beten.

»Bete auch du!« flüsterte sie Wjera zuweilen, wenn sie an ihr vorüberging, zu.

»Ich kann nicht – beten Sie für mich!« antwortete Wjera.

»Dann weine!« sagte die Großtante.

»Ich habe keine Tränen mehr!« antwortete Wjera, und sie gingen schweigend voneinander, jede nach ihrem Winkel. Raiski wurde mehr und mehr der Freund und Vertraute beider. Wjera sowohl wie die Großtante erschienen ihm wie zwei Heilige, wie Märtyrerinnen; er suchte begierig jedes ihrer Worte, jeden Blick zu erhaschen und wußte nicht, welche von beiden ihn inniger, tiefer rührte.

Das Bild harmonischer Schönheit, das er stets in Wjera gesehen, gedieh nun gleichsam vor seinen Augen zur Vollendung. Und neben ihr ragte in der Großtante die kraftvolle Gestalt des antiken Weibes, der klassischen Matrone empor. Jene sah er durch das Feuer der Leidenschaft und die Erfahrung sich zum Selbstbewußtsein, zur Selbstbeherrschung hindurchringen, und diese setzte ihn durch ihren überlegenen Verstand in Erstaunen. Woher kam ihr diese reife Einsicht – ihr, die doch eine Unvermählte, ein Mädchen war? Er konnte sich ihr Wesen, ihr Verhalten nicht erklären: die Großtante war für ihn ein Rätsel, dessen Lösung er vergeblich suchte.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1300 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain