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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 16

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Stolz beantwortete Oblomows Worte nicht mehr mit einem verächtlichen Lächeln. Er hörte zu und schwieg düster.

– Du hast früher gesagt, daß mein Gesicht nicht ganz frisch ist, – sprach Oblomow weiter, – ja, ich bin welk, alt, abgenützt, aber nicht vom Klima, nicht von der Arbeit, sondern weil in mir zwölf Jahre lang das Licht eingeschlossen war, das nach Ausbruch suchte, aber sein Gefängnis nur verbrannte, ohne in die Freiheit zu gelangen und erlosch. Es sind also zwölf Jahre vergangen, mein lieber Andrej; ich wollte schon nicht mehr erwachen.

– Warum hast Du Dich denn nicht losgerissen und bist nicht irgendwohin geflohen, sondern bist schweigend zugrunde gegangen? – fragte Stolz ungeduldig.

– Wohin?

– Wohin? Wenigstens mit Deinen Bauern an die Wolga. Auch dort ist ja mehr Bewegung, dort gibt es irgendwelche Interessen, ein Ziel, eine Arbeit. Ich würde nach Sibirien gereist sein . . .

– Du schreibst immer solche starke Mittel vor! – bemerkte Oblomow traurig. – Bin ich denn der einzige? Schau nur: Michailow, Pjetrow, Sjemjonow, Stjepanow. . . Es ist nicht zu zählen – es ist eine Legion!

Stolz stand noch unter dem Eindrucke dieser Beichte und schwieg. Dann seufzte er.

– Ja, es ist viel Wasser ins Meer geflossen! – sagte er. – Ich werde Dich so nicht zurücklassen, ich werde Dich von hier fortführen, zuerst ins Ausland und dann ins Dorf. Du wirst ein wenig abnehmen, wirst Deinen Spleen verlieren und dann finden wir für Dich eine Beschäftigung. . .

– Ja, wollen wir irgendwohin fahren! – rief Oblomow aus.

– Morgen werden wir ein Gesuch um einen ausländischen Paß für Dich einreichen und werden dann unsere Reisevorbereitungen treffen. . . Ich werde nicht davon ablassen, Ilja, hörst Du?

– Bei Dir ist alles morgen! – entgegnete Oblomow, der aus den Wolken zu fallen schien.

– Du möchtest das, was heute gethan werden kann, nicht auf morgen verschieben? Hast Du solche Eile! Heute ist es zu spät, – fügte Stolz hinzu, – aber in zwei Wochen werden wir schon weit sein. . .

– Aber Bruder, schon in zwei Wochen, habe doch ein Einsehen, so plötzlich!. . . – sagte Oblomow – Lassʼ mir Zeit, mir das zu überlegen und mich vorzubereiten. . . Man muß sich ja irgendeinen Tarantaß aussuchen. . . Vielleicht in drei Monaten.

– Was für einen Tarantaß denkst Du Dir aus? Wir fahren im Postwagen zur Grenze hin, oder auf dem Dampfschiffe bis Lübeck, wie es bequemer sein wird, und dann fährt an vielen Orten die Eisenbahn.

– Und die Wohnung, Sachar und Oblomowka? Ich muß ja alles anordnen, – vertheidigte sich Oblomow.

– Oblomowerei, Oblomowerei! – sagte Stolz lachend, nahm die Kerze, wünschte gute Nacht und gieng schlafen. »Jetzt oder nie!« – Denke dran! fügte er hinzu, indem er sich zu Oblomow umwandte und die Thür hinter sich schloß.

V

»Jetzt oder nie!« Diese drohenden Worte erstanden vor Oblomow, sowie er des Morgens erwachte. Er stand auf, schritt dreimal durch das Zimmer und blickte in den Salon hinein. Stolz saß da und schrieb. »Sachar!« rief er, es folgte aber kein Sprung vom Ofen. Sachar kam nicht Stolz hatte ihn auf die Post geschickt. Oblomow trat an seinen verstaubten Tisch heran, setzte sich, ergriff eine Feder und steckte sie ins Tintenfaß, es war aber keine Tinte darin, dann suchte er nach Papier, es gab aber keines. Er sann nach und begann mechanisch mit dem Finger auf dem Staube zu malen, als er dann nachschaute, was er geschrieben hatte, sah er Oblomowerei. Er wischte das Aufgeschriebene schnell mit dem Ärmel ab. Er hatte dieses Wort in der Nacht im Traume gesehen, es stand mit Feuer an den Wänden geschrieben, wie auf Belsazars Fest. Dann kam Sachar, und als er Oblomow nicht auf dem Sofa liegen sah, blickte er ihn mit trüben Augen an, darüber verwundert, daß er schon auf war. In diesem stumpfen, erstaunten Blicke stand: »Oblomowerei!« »Ein einziges Wort,« dachte Ilja Iljitsch, »und wieviel Gift ist darin enthalten! . . . .«

Sachar nahm wie gewöhnlich den Kamm, die Bürste und das Handtuch und wollte den Herrn frisieren.

– Gehʼ zum Teufel! – sagte Oblomow zornig und schlug die Bürste Sachar aus der Hand, dann ließ Sachar auch den Kamm zu Boden fallen.

– Legen Sie sich wieder hin? – fragte Sachar, – ich werde Ihnen das Bett richten.

– Bringe mir Tinte und Papier, antwortete Oblomow. Er sann über die Worte »jetzt oder nie« nach. Indem er diesem verzweifelten Aufruf der Vernunft und der Kräfte lauschte, überlegte und erwog er, was für ein Rest des Willens ihm noch übrig geblieben war, wohin er diese ärmlichen Überbleibsel tragen und worauf er sie verwenden sollte. Nach qualvollem Überlegen erfaßte er die Feder, schleppte aus der Ecke ein Buch heraus und wollte im Laufe einer Stunde alles das lesen, schreiben und denken, was er in zehn Jahren nicht gelesen, geschrieben und gedacht hatte. Was sollte er jetzt thun? Vorwärts schreiten oder stehen bleiben? Diese Oblomower Frage war für ihn tiefer als die von Hamlet. Vorwärts schreiten heißt den weiten Schlafrock nicht nur von den Schultern, sondern auch von Seele und Verstand abwerfen; das heißt zugleich mit den Wänden auch die Augen von Staub und Spinngewebe reinigen und sehend zu werden! Wie sollte der erste Schritt gemacht werden? Womit sollte er beginnen? »Das weiß ich nicht, das kann ich nicht. . . nein. . . das ist nicht wahr, ich weiß und. . Auch Stolz ist hier bei mir; er wirdʼs mir gleich sagen. Und was wird er sagen? Er wird mir sagen, ich soll binnen einer Woche eine genaue Instruction entwerfen, einer Vertrauensperson übergeben und sie nach dem Gut schicken, ich soll Oblomowka verpfänden, noch Erde hinzukaufen, einen Plan der Bauten hinschicken, die Wohnung vermieten, einen Paß besorgen, für ein halbes Jahr ins Ausland reisen, dort das überflüssige Fett und die Schwere abwerfen, die Seele durch jene Luft erfrischen, von der ich einst mit dem Freund geträumt hatte, ohne Schlafrock, ohne Sachar und Tarantjew leben, selbst die Strümpfe anziehen und die Schuhe ausziehen, nur in der Nacht schlafen, auf der Eisenbahn und auf Dampfschiffen überallhin reisen, dann. . . . » Dann soll er sich in Oblomowka niederlassen, wissen, was Saat und Ausdrusch ist, wovon der Bauer arm und reich wird; er soll aufs Feld gehen, zu den Wahlen, in die Fabrik, in die Mühle und zum Hafen fahren. Dabei soll er Zeitungen und Bücher lesen und sich darüber aufregen, warum die Engländer wohl ein Schiff nach dem Osten gesandt haben. . . . Das würde er sagen! Das heißt vorwärts schreiten. . . Und so sollte es das ganze Leben sein! Lebe wohl, Du poetisches Lebensideal! Das ist eine Schmiede, aber kein Leben; hier ist ewiges Feuer, Hitze, Hämmern und Lärmen. . . wann soll man dem leben? Ist es nicht besser stehen zu bleiben? Stehen bleiben heißt das Hemd verkehrt anziehen, das Springen von Sachars Füßen von der Ofenbank hören, mit Tarantjew mittagessen, über alles wenig nachdenken, die Reise nach Afrika nicht zu Ende lesen, in der Wohnung von Tarantjews Gevatterin friedlich altern. . . . »Jetzt oder nie!« »Sein oder nicht sein!« Oblomow wollte vom Sessel aufstehen, fand aber mit dem Fuß nicht gleich in den Pantoffel hinein und setzte sich wieder hin.

Nach zwei Wochen reiste Stolz schon nach England ab, nachdem er Oblomow das Wort abgenommen hatte, direct nach Paris zu kommen. Ilja Iljitsch besaß schon einen fertigen Paß, er hatte sich sogar einen Reisemantel bestellt und eine Mütze gekauft. So weit war die Angelegenheit fortgeschritten! Sachar bewies schon tiefsinnig, daß es genüge ein Paar Stiefel zu bestellen und das alte doppeln zu lassen. Oblomow kaufte sich eine Decke, ein wollenes Leibchen, ein Reisenecessair, wollte auch einen Sack für Eßwaren kaufen, aber zehn Menschen bestätigten ihm zugleich, daß man ins Ausland keine Eßwaren mitnimmt. Sachar rannte ganz in Schweiß gebadet zu den Handwerkern und in die Läden hin, und obgleich von dem Rest in den Läden viele Zehner und Fünfer in seine Tasche wanderten, verfluchte er doch Andrej Iwanowitsch und alle, die das Reisen erfunden haben. »Was wird er dort allein thun?« sagte er im Laden, »man sagt, daß man dort nur von Frauenzimmern bedient wird. Wie kann ein Frauenzimmer einen Schuh herunterziehen? Und wie wird sie dem Herrn auf die nackten Füße Strümpfe anziehen. . .?« Er lächelte sogar, so daß der Backenbart sich auseinander schob, und schüttelte den Kopf. Oblomow war nicht zu faul aufzuschreiben, was er mitnehmen wollte und was da zu lassen war. Tarantjew wurde beauftragt, die Möbel und die andern Sachen in die Wohnung der Gevatterin auf der Wiborgskajastraße hinzuführen, alles in den drei Zimmern einzuschließen und bis zur Rückkehr aus dem Ausland zu hüten.

Oblomows Bekannte sagten schon theils mißtrauisch, theils lachend, theils erschrocken: »Er fährt; denken Sie sich, Oblomow rührt sich thatsächlich vom Platze.«

Aber Oblomow verreiste weder in einem noch in drei Monaten.

Am Vorabend der Abreise schwoll ihm die Lippe an. »Mich hat eine Fliege gebissen, ich kann ja mit einer solchen Lippe nicht auf die See gehen!« – sagte er und begann auf das nächste Schiff zu warten. Es ist schon August, Stolz ist längst in Paris, schreibt ihm wüthende Briefe, erhält aber keine Antwort.

Warum denn? Vielleicht ist die Tinte im Tintenfaß eingetrocknet und es gibt kein Papier? Oder vielleicht weil im Stil von Oblomow welcher und daß oft aufeinanderstoßen aber endlich hat sich Ilja Iljitsch bei dem drohenden Ruf: jetzt oder nie, zu dem letzteren entschlossen, hat die Hände unter dem Kopf verschränkt und Sachar versucht es vergeblich, ihn aufzuwecken.

Nein, sein Tintenfaß ist voll Tinte, auf dem Tisch liegen Briefe, Papier, sogar mit einem Wappen und mit seiner Handschrift bedeckt.

Wenn er einige Seiten schrieb, stellte er niemals zweimal welcher; seine Gedanken drückten sich frei und stellenweise ausdrucksvoll und beredt aus, wie in alten Tagen, da er mit Stolz von einem Leben der Arbeit und von Reisen träumte, seine Hefte mit Prosa und Gedichten füllte und über den Dichtern weinte.

Er steht um sieben Uhr auf, liest, trägt seine Bücher irgendwohin. Auf seinem Gesicht ist weder Schläfrigkeit, noch Langeweile zu sehen. Es hat sogar Farbe bekommen, die Augen leuchten und drücken etwas wie Kühnheit, jedenfalls aber Selbstbewußtsein aus. Man sieht ihn nicht im Schlafrock; Tarantjew hat ihn mit den andern Sachen zur Gevatterin hintransportiert. Oblomow sitzt bei einem Buch oder schreibt in einem Mantel, den er zu Hause trägt; um den Hals ist eine leichte Cravatte gewunden; der Hemdkragen schaut hervor und glänzt wie Schnee. Er geht in einem ausgezeichnet sitzenden Rock und einem eleganten Hut aus. . . . Er ist fröhlich und singt. . . . Was bedeutet das. . . .? Er sitzt am Fenster seiner Landwohnung (er lebt auf dem Lande, ein paar Werst von der Stadt entfernt), neben ihm liegt ein Blumenstrauß. Er schreibt eilig etwas fertig, blickt dabei fortwährend durch das Gebüsch auf den Gartenweg hin und schreibt wieder eilig weiter. Plötzlich knistert auf dem Gartenweg der Kies unter leichten Schritten; Oblomow wirft die Feder fort, erfaßt die Blumen und läuft ans Fenster heran. »Sind Sie es, Oljga Sjergejewna? Gleich, gleich!« sagt er, ergreift den Hut und die Gerte, eilt zur Gartenthür hin, reicht einer schönen Frau den Arm und verschwindet mit ihr im Wald, im Schatten der riesenhaften Tannen. . .Sachar kommt aus einer Ecke heraus, schaut ihm nach, schließt das Zimmer zu und geht in die Küche.

– Er ist fort! – sagte er zu Anissja.

– Wird er mittagessen?

– Wer weiß? – antwortet Sachar schläfrig.

Sachar ist noch immer derselbe; er hat denselben großen Backenbart, ein unrasiertes Kinn, dieselbe graue Weste und das Loch im Rock, aber er ist mit Anissja verheiratet, entweder infolge des Bruches mit seiner Gevatterin oder nach dem Princip, daß jeder Mensch heiraten muß; er hat geheiratet, hat sich aber trotz des Sprichwortes nicht verändert.

Stolz hatte Oblomow mit Oljga und mit ihrer Tante bekannt gemacht. Als Stolz Oblomow zum erstenmal bei Oljgas Tante einführte, waren dort Gäste. Oblomow war es wie gewöhnlich bange und unbehaglich zumuthe. »Es wäre angenehm, die Handschuh auszuziehen,« dachte er, »im Zimmer ist es ja warm. Wie ungewohnt mir jetzt alles ist. .!« Stolz setzte sich zu Oljga, die allein unter der Lampe in der Nähe des Theetisches saß, sich mit dem Rücken in den Sessel zurücklehnte und wenig darauf achtete, was um sie vorgieng. Stolzʼs Kommen hatte sie sehr erfreut; wenn ihre Augen auch nicht aufleuchteten und ihre Wangen nicht aufflammten, verbreitete sich doch ein gleichmäßiger, ruhiger Schein über ihr ganzes Gesicht und darauf erschien ein Lächeln. Sie nannte ihn ihren Freund, liebte ihn, weil er sie immer lachen machte und ihr die Langeweile vertrieb, fürchtete sich aber auch ein wenig, weil sie sich ihm gegenüber zu sehr als Kind fühlte. Wenn in ihr eine Frage, ein Zweifel aufstieg, entschloß sie sich nicht gleich, es ihm anzuvertrauen; er hatte ihr gegenüber einen zu großen Vorsprung erreicht, stand zu hoch über ihr, so daß ihre Eitelkeit manchmal unter dem Bewußtsein ihrer Unreife und des Unterschiedes zwischen ihrem Verstande und ihrem Alter litt. Stolz bewunderte sie auch ganz uneigennützig, als ein wunderbares Geschöpf mit einer duftenden Frische des Geistes und der Gefühle. Sie war in seinen Augen nur ein entzückendes Kind, das zu großen Hoffnungen berechtigte. Stolz unterhielt sich mit ihr aber lieber und öfter, als mit andern Frauen, weil sie, wenn auch unbewußt, einen einfachen, natürlichen Lebensweg verfolgte und dank ihrer glücklichen Natur und ihrer gesunden, ungekünstelten Erziehung selbst in jeder kaum sichtbaren Bewegung der Augen, der Lippen und der Hände nicht von der natürlichen Äußerung der Gedanken, der Gefühle und des Willens abwich. Vielleicht schritt sie mit einer solchen Sicherheit über diesen Weg, weil sie ab und zu andere, noch sicherere Schritte neben sich hörte, diejenigen ihres Freundes, dem sie glaubte und dem sie ihren Schritt anpaßte. Wie dem auch sein mochte, konnte man doch selten bei einem Mädchen so viel Einfachheit und natürliche Freiheit des Blicks, der Worte und der Handlungen finden. In ihren Augen war nie zu lesen: »jetzt werde ich ein wenig die Lippe einziehen und nachdenklich werden – das steht mir nicht übel. Ich werde hinblicken, erschrecken und leicht aufschreien, dann laufen alle gleich zu mir hin. Ich setze mich ans Clavier und strecke die Fußspitze ein wenig vor. . .« Es war weder Geziertheit, noch Koketterie, noch Lüge, noch Flitterwerk, noch etwas Beabsichtigtes an ihr! Darum wurde sie aber auch fast nur von Stolz geschätzt; darum blieb sie mehr als eine Mazurka allein sitzen, ohne ihre Langeweile zu verbergen; darum wurden die liebenswürdigsten jungen Leute bei ihrem Anblick einsilbig, da sie nicht wußten, was und wie sie ihr sagen sollten. . . . Die einen hielten sie für einfältig, für kurzsichtig und oberflächlich, weil ihren Lippen weder weise Sentenzen über das Leben und über die Liebe, noch rasche, unerwartete und kühne Repliken, noch aus den Büchern geschöpfte oder bei andern aufgeschnappte Urtheile über Musik und Literatur entströmten; sie sprach wenig und nur was ihrer Persönlichkeit entsprang, nichts Glänzendes, – und sie wurde von den klugen, schlagfertigen »Cavalieren« gemieden; die nicht Schlagfertigen hielten sie im Gegentheil für zu gescheit und fürchteten sich ein wenig vor ihr. Nur Stolz sprach unaufhörlich mit ihr und machte sie lachen. Sie liebte die Musik, sang aber meistens, wenn sie allein war, oder wenn Stolz oder eine Pensionsfreundin zugegen waren; sie sang aber, wie Stolz sagte, besser als jede Sängerin. So wie Stolz sich neben sie gesetzt hatte, tönte durchs Zimmer ihr Lachen, das so klangvoll, so aufrichtig und ansteckend war, daß jeder, der es hörte, ohne den Grund zu kennen, unfehlbar mit lachen mußte. Aber Stolz machte sie nicht nur lachen, nach einer halben Stunde hörte sie ihm neugierig zu und richtete dann ihre Augen mit verdoppelter Neugier auf Oblomow, der sich vor diesen Blicken am liebsten unter die Erde versteckt hätte.

»Was sprechen sie über mich?« dachte er, sie unruhig anschielend. Er wollte schon fortgehen, als Oljgas Tante ihn an dem Tisch heranrief und ihm den Platz neben sich anwies, wo er dem Kreuzfeuer der Blicke aller Anwesenden ausgesetzt war. Er wandte sich ängstlich nach Stolz um – doch er war nicht mehr da, blickte Oljga an und begegnete ihren auf ihn gerichteten, neugierigen Augen. »Sie schaut mich noch immer an!« dachte er, verlegen seine Kleider betrachtend. Er wischte sich sogar das Gesicht mit dem Taschentuche ab, da er glaubte, er hätte sich die Nase verschmiert, betastete seine Cravatte, ob sie nicht aufgegangen sei, das passierte ihm manchmal; nein, alles schien ganz in Ordnung zu sein, und sie schaut noch immer! Doch jetzt reichte ihm der Diener eine Tasse Thee und eine Platte mit Bäckerei. Er wollte seine Verlegenheit unterdrücken und ungeniert erscheinen und nahm dabei einen solchen Haufen Zwieback, Biscuits und Kringel, daß das neben ihm sitzende kleine Mädchen auflachte. Die übrigen Anwesenden blickten den Haufen neugierig an. »Mein Gott, auch sie schaut her!« dachte Oblomow, »was fange ich mit diesem Haufen an?« Er sah, ohne hinzuschauen, daß Oljga sich von ihrem Platz erhoben hatte und in eine andere Ecke trat. Ihm wurde leichter ums Herz. Das kleine Mädchen blickte ihn gespannt an und wartete, was er mit den Bäckereien thun würde. »Ich werde sie geschwind aufessen,« dachte er und machte sich über die Biscuits her; zum Glück zerschmolzen sie ihm förmlich im Mund. Es blieben nur zwei Stücke Zwieback übrig; er athmete frei auf und entschloß sich hinzuschauen, wo Oljga war. Sie stand neben einer Büste, sich auf das Piedestal stützend und beobachtete ihn. Sie war wohl deswegen aus ihrer Ecke fortgegangen, um ihn ungestörter anschauen zu können; sie hatte den Vorfall mit den Bäckereien bemerkt. Beim Souper saß sie am andern Tischende, unterhielt sich, und schien sich gar nicht mit ihm zu beschäftigen. So wie sich Oblomow aber ängstlich nach ihr umwandte, in der Hoffnung, sie schaue ihn nicht an, begegnete er ihrem neugierigen, aber zugleich gütigen Blick. . .

Nach dem Souper verabschiedete Oblomow sich eilig von der Tante; sie lud ihn für den nächsten Tag zum Mittagessen ein und bat, die Einladung auch Stolz zu übergeben. Ilja Iljitsch verneigte sich und schritt ohne die Augen zu heben durch den Saal. Am Clavier stand ein Wandschirm und daneben befand sich die Thür. Er blickte auf, am Clavier saß Oljga und blickte ihn mit großer Neugierde an. Ihm schien, daß sie lächelte.

»Andrej hat gewiß erzählt, daß ich gestern verschiedene Strümpfe anhatte und das Hemd verkehrt angezogen habe!« beschloß er und fuhr, durch diese Voraussetzung und noch mehr durch die Einladung zum Mittagessen, die er mit einer Verbeugung beantwortet, also angenommen hatte, verstimmt nach Hause.

Von diesem Augenblicke an dachte Oblomow unausgesetzt an Oljgas beharrlichen Blick. Vergeblich streckte er sich seiner Größe nach auf dem Rücken aus, vergeblich nahm er die trägsten und bequemsten Stellungen ein – er schlief nicht ein. Sein Schlafrock widerte ihn an, Sachar erschien dumm und unerträglich und der Staub und das Spinngewebe bedrückten ihn. Er ließ ein paar schlechte Bilder hinaustragen, die ihm irgendein Gönner armer Künstler aufgedrängt hatte, brachte selbst die Jalousie in Ordnung, die lange nicht mehr aufgezogen wurde, rief Anissja herein und befahl ihr, die Fenster abzuwischen, nahm das Spinngewebe ab, legte sich dann auf die Seite und dachte eine Stunde lang an Oljga. Er befaßte sich zuerst eingehend mit ihrem Äußern und rief immer wieder in seiner Erinnerung ihr Bild hervor. Oljga war streng genommen keine Schönheit, d.h. sie war nicht blendend weiß, hatte nicht das lebhafte Colorit der Wangen und Lippen und ihre Augen strahlten kein inneres Feuer aus; sie hatte weder einen Korallenmund noch Perlenzähne, noch winzige Hände wie ein fünfjähriges Kind, mit Fingern wie Weintrauben. Wenn man sie aber in eine Statue verwandeln könnte, wäre diese voll Grazie und Harmonie. Ihrer ziemlich großen Gestalt entsprach streng die Größe des Kopfes, und diesem das Oval und die Linien des Gesichtes; das alles harmonierte seinerseits mit den Schultern und diese mit der Taille. . . . Wer ihr auch begegnen mochte, selbst ein Zerstreuter, blieb für einen Augenblick vor diesem streng, überlegt und künstlerisch erdachten Geschöpf stehen. Die Nase bildete eine kaum sichtbar geschweifte, anmuthige Linie; die Lippen waren fein umrissen und größtentheils aufeinandergepreßt: das Anzeichen des immer auf irgendetwas gerichteten Denkens. Dasselbe Vorhandensein eines lebhaften Verstandes leuchtete aus dem scharfen, immer wachen, nichts entgehenden Blick der dunklen blaugrauen Augen. Die Brauen verliehen ihren Augen besondere Schönheit; sie waren nicht bogenförmig, rundeten sich nicht als zwei dünne, mit den Fingern geplättete Striche über den Augen, nein, das waren zwei dunkelblonde, flaumige, fast gerade Streifen, die selten ganz symmetrisch lagen; die eine war um eine kleine Linie höher als die andere und infolge dessen bildete sich eine kleine Falte, die zu sagen schien, daß darin ein Gedanke ruhte. Oljga hielt beim Gehen den Kopf ein wenig nach vorne geneigt und er ruhte so schlank und edel auf dem feinen stolzen Hals; sie bewegte ihren ganzen Körper gleichmäßig und schritt leicht, fast unsichtbar einher. . . . »Warum hat sie mich gestern so forschend angeschaut?« dachte Oblomow. »Andrej schwört, daß er von den Strümpfen und dem Hemde nichts erzählt hat, sondern nur von seiner Freundschaft für mich und davon, wie wir zusammen aufwuchsen und lernten, von allem was es Schönes gegeben hat und auch davon, wie unglücklich Oblomow sei, wie alles Gute in ihm aus Mangel an Theilnahme und an Thätigkeit zugrunde gieng, wie schwach sein Lebenslicht brannte, und wie. . . . » »Worüber ist denn da zu lächeln?« setzte Oblomow seine Gedanken fort. »Wenn sie nur ein wenig Herz besitzt, müßte es vor Mitleid erstarren und von Blut überströmen, und sie. . . . nun Gott sei mit ihr; ich werde nicht mehr an sie denken! Ich fahre nur heute hin, esse dort und setze dann meinen Fuß nicht mehr über ihre Schwelle.«

Ein Tag folgte auf den andern, und er war dort mit beiden Füßen und Händen und mit dem Kopfe. Eines schönen Tages hatte Tarantjew alles, was Oblomow besaß, zu der Gevatterin auf die Wiborgskajastraße hintransportiert und Ilja Iljitsch verlebte drei Tage, wie er es schon lange nicht gethan hatte: ohne Bett, ohne Sofa und aß bei Oljgas Tante zu Mittag. Plötzlich erfuhr er, daß sich ihrem Landhause gegenüber eine freie Wohnung befand. Oblomow mietete sie, ohne sie gesehen zu haben und lebt jetzt dort. Er ist von früh bis spät mit Oljga zusammen; er liest ihr vor, schickt ihr Blumen, geht mit ihr am See und auf den Bergen spazieren. . . . er, Oblomow! Was alles auf der Welt vorkommt! Wie konnte das nur geschehen? Das kam so:

Als er mit Stolz bei ihrer Tante zu Mittag aß, litt er dieselben Folterqualen wie am Tage vorher, kaute unter ihrem Blick, sprach fühlend und wissend, daß über ihm dieser Blick wie die Sonne schien, ihn sengte, beunruhigte, die Nerven und das Blut in Aufruhr brachte. Mit Mühe und Noth gelang es ihm sich mit der Cigarre auf den Balkon zu retten und sich im Rauch für einen Augenblick vor diesem schweigenden, beharrlichen Blick zu verstecken.

»Was ist das?« dachte er, sich nach allen Seiten windend, »das ist ja eine Qual! Will sie mich denn verhöhnen? Sie schaut sonst niemand so an, sie wagt es nicht Ich bin sanfter, darum thut sieʼs. . . . Ich werde mit ihr ein Gespräch beginnen!« beschloß er, »und werde ihr lieber mit Worten das sagen, was sie mir mit den Augen aus der Seele ziehen möchte.«

Plötzlich erschien sie vor ihm auf der Schwelle des Balkons; er reichte ihr einen Sessel hin und sie setzte sich neben ihn.

– Ist es wahr, daß Sie sich sehr langweilen? fragte sie ihn.

– Ja, – antwortete er, – aber nicht sehr, ich habe eine Beschäftigung.

– Andrej Iwanowitsch sagt, daß Sie irgendeinen Plan entwerfen?

– Ja, ich will auf dem Gute leben und bereite mich allmählich dazu vor.

– Werden Sie ins Ausland reisen?

– Ja, bestimmt, sowie Andrej Iwanowitsch fertig ist.

– Reisen Sie gern? – fragte sie.

– Sehr gern . . .

Er blickte sie an; über ihr Gesicht huschte ein Lächeln, das bald die Augen beleuchtete, bald sich über die Wangen ausbreitete; nur die Lippen waren wie sonst aufeinandergepreßt. Er hatte nicht den Muth ruhig zu lügen.

– Ich bin ein wenig . . faul. . – sagte er . .

Er ärgerte sich darüber, daß sie ihm so leicht, fast schweigend das Bekenntnis seiner Trägheit entlockt hatte. »Was ist sie mir? Fürchte ich mich denn vor ihr?« dachte er.

– Sie sind faul! – antwortete sie mit kaum merklichem, schelmischem Ausdruck, – ist das möglich? Ein träger Mann? Das verstehe ich nicht.

»Was ist denn dabei unverständlich?« dachte er, »mir scheint, das ist einfach .– Ich sitze immer zu Hause, darum glaubt Andrej, daß ich. . . .«

– Aber Sie schreiben gewiß viel, – sagte sie, – und lesen. Haben Sie. . . .

Sie blickte ihn so forschend an.

– Nein, ich habʼs nicht gelesen! – entschlüpfte es ihm vor Angst, sie könnte in examinieren.

– Was? – fragte sie lachend. Und er lachte auch. . . .

– Ich dachte, Sie wollten mich über irgendeinen Roman fragen; ich lese das nicht.

– Sie haben es nicht errathen; ich wollte über Reisebeschreibungen fragen.

Er blickte sie durchdringend an; ihr ganzes Gesicht außer den Lippen lachte.

»O, wie sie ist. . . .! Man muß mit ihr vorsichtig sein. . .« dachte Oblomow.

– Was lesen Sie denn? – fragte sie neugierig.

– Ich liebe wirklich die Reisebeschreibungen. . . .

– Über Afrika? – fragte sie leise und schelmisch.

Er erröthete, da er nicht ohne Grund vermuthete, daß sie nicht nur darüber, was er las, sondern auch darüber, wie er es that, unterrichtet war.

– Sind Sie musikalisch?« – fragte sie, um ihn von seiner Verlegenheit zu befreien.

Jetzt kam Stolz heran.

– Ilja! ich habe Oljga Sjergejewna gesagt, daß Du leidenschaftlich Musik liebst und habe sie gebeten, etwas zu singen. . . . Casta diva. . . .

– Warum erzählst Du solche Sachen von mir! – antwortete Oblomow, – ich liebe Musik gar nicht leidenschaftlich. . . .

– Was sagen Sie dazu? – unterbrach ihn Stolz, – er scheint beleidigt zu sein! Ich stelle ihn als einen anständigen Menschen hin, und er beeilt sich, die Leute diesbezüglich gleich zu enttäuschen!

– Ich lehne nur die Rolle eines Amateurs ab, das ist eine zweifelhafte und auch schwierige Rolle.

– Welche Musik gefällt Ihnen denn am meisten? – fragte Oljga.

– Diese Frage ist schwer zu beantworten: jede beliebige! Manchmal höre ich voll Vergnügen von einem verstimmten Leierkasten irgendeine Melodie, die sich in meinem Gedächtnisse festgesetzt hat, ein anderesmal gehe ich in der Mitte irgendeiner Oper fort; oder Meyerbeer erschüttert mich, manchmal auch ein einfaches Schifferlied: je nachdem ich aufgelegt bin! Manchmal halte ich mir auch, wenn ich Mozart höre, die Ohren zu. . . .

– Sie lieben also wahrhaft Musik!

– Singen Sie doch etwas, Oljga Sjergejewna, – bat Stolz.

– Und wenn Herr Oblomow jetzt so aufgelegt ist, daß er sich die Ohren zuhalten wird? – fragte sie, sich an ihn wendend.

– Jetzt müßte ich irgendein Compliment sagen, – antwortete Oblomow. – Ich kann das aber nicht, und wenn ichʼs auch könnte, würde ich es nicht wagen. . . .

– Warum denn?

– Und wenn Sie schlecht singen? – fragte er naiv, – es wäre mir dann peinlich. . . .

– Wie gestern mit der Bäckerei. . . . – entschlüpfte es ihr plötzlich, und sie erröthete selbst, und hätte viel darum gegeben, das nicht gesagt zu haben. – Verzeihen Sie. . . .! – sagte sie.

Oblomow hatte das nicht erwartet und wurde verwirrt.

– Das ist boshafter Verrath! – sagte er halblaut.

– Nein, vielleicht nur eine kleine Rache, und bei Gott, keine beabsichtigte, weil Sie für mich nicht einmal ein Compliment finden konnten.

– Vielleicht finde ich eins, nachdem ich Ihnen zugehört habe.

– Wollen Sie, daß ich singe? – fragte sie.

– Nein, er will das, – antwortete Oblomow, auf Stolz hinweisend.

– Und Sie?

Oblomow schüttelte verneinend den Kopf.

– Ich kann nicht etwas wollen, das ich nicht kenne.

– Du bist grob, Ilja! – bemerkte Stolz. – Das kommt davon, wenn man zu Hause liegt und die Strümpfe. . . .

– Ich bitte Dich, Andrej, – unterbrach Oblomow rasch, um ihn nicht ausreden zu lassen, – es würde mich nichts kosten zu sagen: »Ach, es wird mich sehr freuen, ich werde glücklich sein, Sie singen gewiß ausgezeichnet. . . .« setzte er fort, sich an Oljga wendend, »das wird mir einen Genuß bereiten« u.s.w. Ist das aber nothwendig?

– Sie könnten aber trotzdem wünschen, ich möchte singen. . . Wenigstens aus Neugierde!

– Ich wage es nicht, Sie sind keine Schauspielerin. . . .

– Gut, ich werde Ihnen vorsingen, – sagte sie zu Stolz.

– Ilja, bereite ein Compliment vor.

Unterdessen war der Abend angebrochen. Man zündete die Lampe an, die wie ein Mond durch das mit Epheu umwunden Gitterwerk schimmerte. Das Dunkel verbarg die Umrisse von Oljgas Gesicht und von ihrer Gestalt und warf gleichsam einen Florschleier über sie; ihr Gesicht war im Schatten, man hörte nur ihre weiche, aber starke Stimme, mit dem nervösen Zittern des Gefühles. Sie sang viele Arien und Lieder, nach den Angaben von Stolz; in den einen drückte sich Leiden, mit der unklaren Vorahnung von Glück in den andern Freude, mit einem Keim von Traurigkeit aus. Die Worte, die Töne, diese reine starke Mädchenstimme machte das Herz schlagen, die Nerven beben, die Augen funkeln und von Thränen überströmen. Man wollte in einem und demselben Augenblick sterben, nach diesen Tönen nicht mehr erwachen, und zugleich dürstete das Herz nach Leben. . . Oblomow flammte auf, ermattete, hielt mit Mühe die Thränen zurück und erstickte mit noch größerer Mühe den freudigen Schrei, der sich von seiner Seele loslösen wollte. Er hatte schon lange nicht mehr eine solche Frische und Kraft in sich gefühlt, die aus der Tiefe seiner Seele aufzusteigen schienen und zu einer Heldenthat bereit waren. Er würde in diesem Augenblick sogar ins Ausland reisen, wenn er sich nur hinzusetzen und abzufahren brauchte.

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04 aralık 2019
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