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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 17
Zum Schlusse sang sie Casta diva. Das Entzücken, die wie Blitze im Kopf aufleuchtenden Gedanken, das Beben, das wie Nadeln durch seinen Körper rieselte – das alles hatte Oblomow geradezu vernichtet; er war am Ende seiner Kräfte.
– Sind Sie heute mit mir zufrieden? – wandte sich Oljga plötzlich an Stolz, nachdem sie zu singen aufgehört hatte.
– Fragen Sie Oblomow, was er wohl sagen wird? – antwortete Stolz.
– Ach! – rang es sich aus seiner Brust los. Er faßte Oljga bei der Hand, ließ sie aber gleich los und wurde sehr verlegen.
– Verzeihen Sie . . . murmelte er.
– Hören Sie? – sagte Stolz zu ihr. – Sagʼ einmal aufrichtig, Ilja, wie lange ist Dir das nicht mehr passiert?
– Das hätte heute früh passieren können, wenn ein verstimmter Leierkasten vor dem Fenster gespielt hätte . . – bemerkte Oljga gütig und so sanft, daß sie den Sarkasmus des Stachels beraubte.
Er blickte sie vorwurfsvoll an.
– Er hat noch immer Doppelfenster; er hört nicht, was draußen vorgeht, – fügte Stolz hinzu.
Oblomow wandte jetzt seinen vorwurfsvollen Blick Stolz zu. Stolz ergriff Oljgas Hand . . .
– Ich weiß nicht, aus welchem Grunde Sie heute so gesungen haben, wie noch nie, Oljga Sjergejewna, wenigstens habe ich Sie schon lange nicht so singen gehört. Das ist mein Compliment! – sagte er, ihr jeden einzelnen Finger küssend.
Stolz verabschiedete sich. Oblomow wollte auch aufbrechen, aber Stolz und Oljga hielten ihn zurück.
– Ich habe noch zu thun, – bemerkte Stolz, – und Du willst ja nur deswegen nach Hause fahren, um liegen zu können . . ., es ist noch früh . . .
– Andrej! Andrej! – sagte Oblomow mit flehender Stimme. – Nein, ich kann heute nicht dableiben, ich gehe! – fügte er hinzu und gieng.
Er schlief die ganze Nacht nicht. Traurig und sinnend gieng er im Zimmer auf und ab; beim Morgengrauen verließ er das Haus, gieng an die Newa und durch die Straßen, und Gott weiß was er dabei fühlte und woran er dachte .
Nach drei Tagen war er wieder dort, und des Abends, als die übrigen Gäste sich an die Kartentische setzten, befand er sich mit Oljga zu zweit am Clavier. Die Tante hatte Kopfschmerzen, sie saß mit dem Riechfläschchen in ihrem Zimmer.
– Ich werde Ihnen die Sammlung von Zeichnungen zeigen, die Andrej Iwanowitsch mir aus Odessa mitgebracht hat, – sagte Oljga. – Hat er sie Ihnen nicht gezeigt?
– Mir scheint, Sie bemühen sich, die Pflichten der Hausfrau zu erfüllen und mich zu unterhalten? – fragte Oblomow, – Das ist ganz überflüssig!
– Warum ist es denn überflüssig? Ich will, daß Sie sich nicht langweilen, daß Sie sich hier wie zu Hause fühlen, daß es Ihnen leicht, frei und behaglich zumuthe ist, damit Sie nicht fortgehen . . . um zu liegen.
»Sie ist ein boshaftes, spöttisches Geschöpf!« dachte er, unwillkürlich jede ihrer Bewegungen bewundernd.
– Sie wollen, daß es mir leicht und frei zumuthe ist und daß ich mich nicht langweile? – wiederholte er.
– Ja, – antwortete sie, ihn wie gestern, aber mit einem noch erhöhteren Ausdruck von Neugierde und Güte anblickend.
– Dann dürfen Sie mich erstens nicht so anblicken wie jetzt und neulich . . .
Die Neugierde in ihren Augen verdoppelte sich.
– Ja gerade bei diesem Blick wird es mir sehr unbehaglich . . . Wo ist mein Hut?
– Warum wird es Ihnen denn unbehaglich? – fragte sie sanft, und ihr Blick verlor den Ausdruck von Neugierde. Er wurde nur gütig und freundlich.
– Ich weiß nicht; aber mir scheint, daß Sie mir mit diesem Blick alles das entlocken, was ich die andern und besonders Sie nicht wissen lassen will . . .
– Warum denn? Sie sind Andrej Iwanowitschs Freund und er ist mein Freund, folglich . . .
– Folglich ist kein Grund vorhanden, daß Sie alles erfahren, was Andrej Iwanowitsch von mir weiß, – beendete er ihren Satz.
– Es ist kein Grund vorhanden, wohl aber eine Möglichkeit . . .
– Dank der Aufrichtigkeit meines Freundes – er hat mir damit einen schlechten Dienst erwiesen! . . .
– Haben Sie denn Geheimnisse? – fragte sie. – Vielleicht haben Sie etwas verbrochen, – fügte sie hinzu, indem sie lachend von ihm fortrückte.
– Vielleicht! – antwortete er seufzend.
– Ja, das ist ein großes Verbrechen, – sagte sie schüchtern und leise, – verschiedene Strümpfe anzuziehen . . .
Oblomow griff nach seinem Hut.
– Ich halte es nicht länger aus! – sagte er. – Und Sie wollen, ich soll mich behaglich fühlen? Ich werde Andrej nicht mehr lieben . . . Er hat Ihnen auch das erzählt?
– Er hat mich heute dadurch so zum Lachen gebracht! – fügte Oljga hinzu. – Er macht mich immer lachen. Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr so sprechen und ich werde mich bestreben, Sie anders anzublicken . . .
Sie machte eine ernsthaft-schelmische Miene.
– Das alles ist aber noch erstens, – fuhr sie fort, – nun, jetzt schaue ich Sie ja nicht mehr wie gestern an, Sie müssen sich also frei und behaglich fühlen. Jetzt kommt das »Zweitens«, was muß ich also noch thun, damit Sie sich nicht langweilen?
Er blickte ihr in die graublauen, freundlichen Augen.
– Jetzt sehen Sie selbst mich so merkwürdig an . . . – sagte sie.
Er blickte sie thatsächlich gleichsam nicht mit den Augen, sondern wie ein Magnetiseur mit seinem ganzen Willen an; er that es aber unwillkürlich, ohne die Kraft zu haben, nicht hinzuschauen. »Mein Gott, wie hübsch sie ist! Daß es solche auf der Welt gibt!« dachte er, sie beinahe mit erschrockenen Augen betrachtend. »Dieses Weiß, diese Augen, wo es dunkel wie in einem Abgrund ist und wo zugleich etwas leuchtet, gewiß die Seele! Das Lächeln kann wie ein Buch gelesen werden, dabei sieht man auch diese Zähne, und dann dieser ganze Kopf . . . wie zart ruht er auf den Schultern, er scheint sich wie eine Blume zu wiegen und zu duften . . Ja, ich entlocke ihr etwas,« dachte er, »etwas von ihr geht in mich über. Hier am Herzen beginnt es zu wogen und zu stürmen . . . Ich fühle hier etwas Neues, das, wie mir scheint, nicht da war . . . Mein Gott, was für ein Glück ist es, sie anzuschauen! Es ist sogar schwer zu athmen! . . .
Diese Gedanken flogen wie ein Wirbel dahin, und er blickte sie immer an, wie man in eine endlose Ferne, in einen bodenlosen Abgrund blickt, voll Selbstvergessen und Wonne.
– Aber so hören Sie doch auf, Herr Oblomow, wie schauen Sie selbst mich jetzt an! – sagte sie, den Kopf verlegen abwendend; doch die Neugierde gewann die Oberhand und sie riß ihren Blick von seinem Gesicht nicht los.
Er hörte nichts.
Er blickte sie wirklich immer an und verstand ihre Worte nicht; er untersuchte schweigend, was in ihm vorgieng; er berührte seinen Kopf – auch dort war etwas in Aufruhr und stürmte im Wirbel dahin. Er hatte keine Zeit, die Gedanken aufzufangen; sie flatterten wie ein Vögelzug vorüber und im Herzen, an der linken Seite schien ihm etwas wehzuthun.
– Schauen Sie mich doch nicht so seltsam an, – sagte sie, – auch ich fühle mich unbehaglich . . . Mir scheint, auch Sie wollen meiner Seele etwas entlocken . . .
– Was kann ich Ihnen entlocken? – fragte er mechanisch.
– Auch ich habe angefangene und nicht beendete Pläne, – antwortete sie.
Er kam bei dieser Andeutung auf seinen unvollendeten Plan zur Besinnung.
– Seltsam! – bemerkte er. – Sie sind boshaft, Sie haben aber einen gütigen Blick. Man sagt mit Recht, daß man den Frauen nicht glauben darf; sie lügen absichtlich mit der Zunge und unabsichtlich mit dem Blick, dem Lächeln, dem Erröthen, sogar mit den Ohnmachten . . .
Sie ließ diesen Eindruck sich nicht verstärken, nahm ihm leise den Hut fort und setzte sich auf den Sessel hin.
– Nein, nein, ich thuʼs nicht mehr! – sagte sie lebhaft.– Ach! verzeihen Sie, ich habe eine solche unausstehliche Zunge! Aber das ist bei Gott keine Spöttelei! – sagte sie fast singend, und in dem Satze bebte ein wahrhaftes Gefühl.
Oblomow beruhigte sich.
– Dieser Andrej! . . . sagte er vorwurfsvoll.
– Nun, sagen Sie, was ich zweitens thun soll, damit Sie sich nicht langweilen? – fragte sie.
– Singen Sie! – sagte er.
– Das ist das von mir erwartete Compliment! – rief sie freudig erröthend aus. – Wissen Sie, – fuhr sie dann lebhaft fort, – wenn Ihnen vorgestern nach meinem Gesang nicht dieses »Ach« entschlüpft wäre, könnte ich, wie mir scheint, die ganze Nacht nicht schlafen und würde vielleicht weinen.
– Warum? – fragte Oblomow erstaunt.
Sie sann nach.
– Ich weiß selbst nicht, – sagte sie dann.
– Sie sind ehrgeizig; wohl deshalb.
– Ja, natürlich deshalb, – sagte sie, nachdenklich die Tasten mit einer Hand berührend. – Der Ehrgeiz ist ja überall und in großem Maße zu finden. Andrej Iwanowitsch sagt, daß er fast die einzige treibende Kraft ist, die den Willen beherrscht. Sie haben wohl keinen Ehrgeiz, darum . . .
Sie sprach nicht zu Ende.
– Was denn? – fragte er.
– Nein, nichts! – suchte sie zu vertuschen. – Ich liebe Andrej Iwanowitsch, – sprach sie weiter, – nicht weil er mich lachen macht, – manchmal weine ich, wenn er mit mir spricht, – und nicht weil er mich liebt, sondern ich glaube, weil, . . er mich mehr als die andern liebt. Sehen Sie, wie weit der Ehrgeiz reicht!
– Sie lieben Andrej? – fragte Oblomow sie und versenkte seinen gespannten, prüfenden Blick in ihre Augen.
– Ja gewiß, wenn er mich mehr als die andern liebt, thuʼ ichʼs umsomehr! – antwortete sie ernst.
Oblomow blickte sie schweigend an, und begegnete ihrem einfachen, schweigenden Blick.
– Er liebt auch Anna Wassiljewna und Sinaida Michailowna, aber nicht so, – fuhr sie fort, – er wird mit ihnen nicht zwei Stunden lang sitzen, wird sich nicht die Mühe geben, sie zum Lachen zu bringen und ihnen etwas Intimes zu erzählen; er spricht mit ihnen von den Geschäften, vom Theater, von den Neuigkeiten, und mit mir spricht er wie mit einer Schwester . . . nein, wie mit einer Tochter, – fügte sie eilig hinzu; – manchmal schimpft er sogar, wenn ich etwas nicht sofort verstehe, oder nicht gehorche oder mit ihm nicht einverstanden bin. Die andern schimpft er aber nicht und mir scheint, ich liebe ihn dafür noch mehr. Der Ehrgeiz! – sagte sie dann sinnend, – ich weiß gar nicht, wie er jetzt in meinen Gesang hineingerathen ist? Man sagt mir darüber schon lange viel Schönes und Sie wollten mir gar nicht zuhören, man hat Sie fast dazu gezwungen. Und wenn Sie dann fortgegangen wären, ohne mir ein Wort zu sagen, wenn ich in Ihrem Gesichte nichts gelesen hätte . ., würde ich, scheint mir, krank geworden sein . . . ja, gewiß, das ist Ehrgeiz! – schloß sie mit Bestimmtheit.
– Und haben Sie denn auf meinem Gesichte etwas bemerkt? – fragte er.
– Thränen, wenn Sie sie auch verbergen wollten; es ist eine schlechte Eigenschaft der Männer, ihre Gefühle verbergen zu wollen. Das ist auch Ehrgeiz, nur ein falscher. Sie sollten sich lieber manchmal ihrer Vernunft schämen; diese irrt häufiger. Sogar Andrej Iwanowitsch hat ein schamhaftes Herz. Ich habe es ihm gesagt und er hat es zugegeben. Und Sie?
– Was würde man denn nicht zugeben, wenn man Sie anblickt! – sagte er.
– Wieder ein Compliment! Und was für ein . . .
Sie fand das Wort nicht.
– Banales! – sagte Oblomow, ohne den Blick von ihr abzuwenden.
Sie bestätigte durch ein Lächeln die Bedeutung des Wortes.
– Das habe ich ja befürchtet, als ich Sie nicht bitten wollte zu singen . . . Was kann man sagen, wenn man zum erstenmale zuhört? Und man muß ja etwas sagen. Es ist schwer, zugleich gescheit und aufrichtig zu sein, besonders in Gefühlssachen und unter dem Bann eines solchen Eindruckes, wie damals . .
– Und ich habe damals wirklich so gesungen, wie schon lange nicht, vielleicht sogar wie noch nie . . . Bitten Sie mich nicht, ich werde nicht mehr so singen . . Warten Sie, ich singe Ihnen nur Eines . . sagte sie, und ihr Gesicht schien in dem Augenblicke aufzuflammen, die Augen begannen zu leuchten, sie setzte sich auf den Sessel, schlug zwei, drei laute Accorde an und sang.
O Gott, was war in diesem Gesange alles zu hören! Hoffnungen, dunkle Furcht vor Sturm, der Sturm selbst, das Streben nach Glück – das alles erklang nicht im Liede, sondern in ihrer Stimme. Sie sang lange, sich ab und zu nach ihm umwendend und kindlich fragend: »Genug? Nein, noch das?« und sie sang weiter. Ihre Wangen und Ohren glühten vor Erregung; manchmal leuchtete auf ihrem Gesicht das Spiel von Gefühlsblitzen und flammte der Strahl einer so reifen Leidenschaft auf, als ob sie in ihrer Seele eine ferne, künftige Zeit des Lebens durchlebte, und dann erlosch dieser flüchtige Strahl, und die Stimme klang wieder frisch und silberhell. Auch Oblomow durchlebte dasselbe; ihm schien, er hörte und fühlte das alles nicht eine oder zwei Stunden lang, sondern ganze Jahre . . . Sie wurden beide, äußerlich reglos, von einem inneren Feuer verzehrt und erzitterten von den gleichen Schauern: in ihren Augen waren Thränen, die die gleiche Stimmung hervorgerufen hatte.
Das alles waren die Anzeichen jener Leidenschaften, die einst in Oljgas junger Seele erwachen sollten, die jetzt nur zeitweise von flüchtigen Regungen und von kurzem Aufblitzen der schlafenden Lebenskräfte aufgerüttelt wurde. Sie schloß mit einem langen, klangvollen Accord und ihre Stimme gieng darin unter. Sie hörte plötzlich ermüdet auf, legte die Hände in den Schoß und blickte selbst ganz aufgeregt Oblomow an, wie er sich wohl dem gegenüber verhalte? Auf seinem Gesicht leuchtete das Morgenroth des erwachenden, vom Grunde seiner Seele aufsteigenden Glückes; sein thränenvoller Blick war auf sie gerichtet.
Jetzt ergriff sie unwillkürlich seine Hand.
– Was haben Sie? – fragte sie. – Was machen Sie für ein Gesicht! Warum?
Doch sie wußte, warum er ein solches Gesicht hatte und triumphierte innerlich in aller Bescheidenheit über diesen Ausdruck ihrer Macht.
– Schauen Sie in den Spiegel, – fuhr sie fort, ihm lächelnd sein Gesicht im Spiegel zeigend. – Ihre Augen glänzen, mein Gott, es sind Thränen drin! Wie tief Sie Musik empfinden!
– Nein, ich empfinde . . keine Musik . . . sondern . . . Liebe! – sagte Oblomow leise.
Sie ließ seine Hand augenblicklich los und wechselte die Gesichtsfarbe. Ihr Blick begegnete dem seinigen, der auf sie gerichtet war. Dieser Blick war reglos und fast wahnsinnig; er gieng nicht von Oblomow, sondern von der Leidenschaft aus. Oljga begriff, daß dieses Wort ihm entschlüpft war, daß er darüber keine Macht hatte und daß darin die Wahrheit war.
Er kam zur Besinnung, ergriff den Hut und lief, ohne sich umzuwenden, aus dem Zimmer. Sie begleitete ihn nicht mehr mit einem neugierigen Blick, sondern blieb lange, ohne sich zu bewegen, wie eine Statue am Clavier stehen und schaute starr nach unten; nur ihre Brust hob und senkte sich angestrengt . .
VI
Oblomow hatte inmitten seines trägen Liegens in bequemen Stellungen, inmitten des dumpfen Hindämmerns und des begeisterten Aufschwunges seiner Seele immer von der Frau als der Gattin, niemals aber als der Geliebten geträumt. In seiner Phantasie schwebte die Gestalt einer großen schlanken Frau, mit ruhig auf der Brust gekreuzten Armen, mit einem stillen, aber stolzen Blick, sie saß nachlässig inmitten von Schlingpflanzen in der Allee, oder schritt leicht über den Teppich oder den Sand der Allee hin mit sich wiegender Taille, mit einem graziös auf den Schultern sitzenden Kopf, mit sinnendem Ausdruck – als ein Ideal, als eine Verkörperung des ganzen Lebens, das von Zärtlichkeit und feierlicher Ruhe erfüllt ist, als die Ruhe selbst. Er sah sie im Traume zuerst ganz in Blumen, mit einem langen Schleier am Altar, dann mit schamhaft gesenkten Augen am Kopfende des Ehebettes, endlich als Mutter, inmitten einer Kindergruppe. Er sah auf ihren Lippen ein leidenschaftsloses Lächeln, das für ihn, ihren Gatten, Sympathie bedeutete und allen anderen gegenüber Nachsicht ausdrückte; ihr Blick war nicht feucht von Wünschen, er war nur dann wohlwollend, wenn er sich ihm zuwandte, allen andern gegenüber aber war er schamhaft und selbst streng. Er wollte in ihr niemals ein Beben sehen, sie niemals bei einem heißen Traum, bei plötzlichem Weinen, Sehnen, bei Ermattung und dann bei einem wilden Übergang zur Freude überraschen. Es durfte kein Mond und keine Traurigkeit dabei sein. Sie durfte nicht plötzlich erbleichen, in Ohnmacht fallen, erschütternde Gefühlsausbrüche erleiden. . . »Solche Frauen haben Liebhaber,« sagte er, »und sie verursachen große Scherereien; man muß den Arzt holen, sie ins Bad schicken und eine Menge verschiedener Launen erfüllen. Man kann nicht ruhig schlafen! Aber man schläft ruhig neben einer stolzen, schamhaften, ruhigen Gefährtin. Man schläft ruhig mit der Gewißheit ein, beim Erwachen demselben sanften, sympathischen Blick zu begegnen.« Und sein warmer Blick würde auch nach zwanzig, dreißig Jahren demselben sanften, still leuchtenden Strahl der Sympathie in ihren Augen begegnen. Und so bis zum Grab! »Ist es denn nicht das heimliche Ziel eines jeden, im geliebten Menschen den unwandelbaren Ausdruck von Ruhe, das ewige, gleichmäßige Strömen des Gefühls zu sehen! Das ist ja die Norm der Liebe, und so wie wir von ihr abweichen, sie verändern und sie abkühlen, leiden wir, folglich ist mein Ideal das allgemein menschliche?« dachte er. Ist das nicht die Vollendung, die Klarlegung der Beziehungen der Geschlechter? Der Leidenschaft einen gesetzmäßigen Ausgang zu eröffnen; ihr wie einem Fluß zum besten eines ganzen Landes den Lauf vorzuzeichnen, das ist eine Aufgabe, die die allgemeine Wohlfahrt zum Ziele hat, das ist der Gipfel des Fortschrittes, dem alle Vordermänner zustreben, aber den sie nicht zu erreichen vermögen. Wenn diese Aufgabe gelöst ist, gibt es keinen Verrath, keine Abkühlung mehr, dann beginnt das ewig gleichmäßige Schlagen des ruhigen, glücklichen Herzens, folglich auch ein ewig inhaltreiches Leben, das einen ewigen Zufluß an Säften erhält, und eine ewige moralische Gesundheit. Es gibt Beispiele eines solchen Glückes, sie sind aber selten und man weist auf dieselben als auf ein Phänomen hin. Man sagt, man muß dazu geboren sein. Und wer weiß, ob man dazu nicht erzogen werden und es nicht bewußt anstreben kann?. . . Die Leidenschaft! Das alles ist nur in Gedichten und auf der Bühne schön, wo die Schauspieler in Gewändern mit Dolchen herumspazieren und wo dann die Gemordeten und die Mörder zusammen Abendbrot essen. . . Es wäre gut, wenn auch die Leidenschaften so endeten, es bleibt aber gewöhnlich Rauch und Gestank zurück, und das Glück kommt nicht! Und bei den Erinnerungen daran schämt man sich nur und möchte sich das Haar ausreißen. Wenn man aber doch von einem solchen Unglücke, von der Leidenschaft, betroffen wird, ist es, wie wenn man auf eine schlechte, bergige, unfahrbare Straße hingeräth, auf der die Pferde fallen und der Insasse ermattet, während der Heimatsort schon in Sicht ist; man darf ihn nicht aus dem Auge lassen und muß so schnell als möglich aus der gefährlichen Stelle herauszukommen suchen. . . »Ja, die Leidenschaft muß in der Heirat eingedämmt, erstickt und ertränkt werden. . .«
Er würde entsetzt vor der Frau fliehen, die ihn mit dem Blick versengt hätte, oder die aufstöhnen und mit geschlossenen Augen auf seine Schulter sinken würde. Um dann nach Wiedererlangung der Besinnung seinen Hals zum Ersticken mit den Armen zu umschlingen. . . . Das ist ein Feuerwerk, die Explosion eines Pulverfasses; und was folgt dann? Betäubung, Verblendung und versengtes Haar!
Wollen wir uns aber anschauen, was für ein Wesen Oljga war.
Lange Zeit, nachdem ihm das Bekenntnis entschlüpft war, blieben sie nicht mehr unter vier Augen. Er versteckte sich wie ein Schulknabe, sowie er Oljga erblickte. Sie hatte ihr Benehmen ihm gegenüber verändert, mied ihn aber nicht und war auch nicht kalt, sie erschien nur nachdenklicher. Es hatte den Anschein, als bedauerte sie, daß etwas vorgefallen war, das sie daran hinderte, Oblomow durch den auf ihn gerichteten neugierigen Blick zu quälen und gutmüthig über sein Liegen, seine Trägheit und Ungeschicklichkeit zu spotten. . . In ihr erwachte die Lust zu necken, das war aber die Neckerei einer Mutter, die beim Anblicke einer komischen Kleidung ihres Sohnes ein Lächeln nicht unterdrücken kann. Stolz war verreist, und sie langweilte sich, weil sie niemand vorsingen konnte; ihr Clavier blieb geschlossen, mit einem Worte, sie waren beide befangen, von Fesseln belastet und fühlten sich unbehaglich. Und wie schön es anfangs gewesen war! Wie einfach sie Bekanntschaft geschlossen, wie frei sie sich einander genähert hatten! Oblomow war einfacher und gutmüthiger als Stolz, wenn er sie auch nicht so zum Lachen brachte, oder er that es durch seine eigene Person und verzieh so leicht ihren Spott. Außerdem übergab Stolz beim Abreisen Oblomow ihrer Obhut und bat sie, ihn zu beaufsichtigen und am Zuhausesitzen zu hindern. In ihrem klugen, hübschen Köpfchen hatte sich schon ein eingehender Plan entwickelt, wie sie Oblomow den Nachmittagsschlaf abgewöhnen würde, sie würde ihm nicht nur das Schlafen, sondern sogar das Liegen auf dem Sofa bei Tag verbieten; sie wollte ihm das Versprechen abnehmen. Sie malte sich aus, wie sie ihm die Bücher, die Stolz zurückgelassen hatte, zu lesen befehlen würde, dann müßte er täglich die Zeitungen lesen und ihr die Neuigkeiten erzählen, in das Dorf Briefe schicken, den Plan der Einrichtung des Gutes zu Ende schreiben, sich zur Reise ins Ausland vorbereiten – mit einem Worte, sie würde ihn nicht einschlafen lassen; sie wollte ihn auf ein Ziel hinweisen, alles das, was er zu lieben aufgehört hatte, wieder lieben machen, und Stolz würde ihn bei der Rückkehr nicht wiedererkennen. Und das ganze Wunder würde sie vollziehen, die so schüchtern und schweigsam war, der bis jetzt niemand gehorcht hatte und die erst zu leben begann! Sie würde die Urheberin einer solchen Verwandlung sein! Diese hatte schon begonnen; sie hatte nur zu singen gebraucht, und Oblomow war schon ganz anders. . . Er würde leben, arbeiten und das Leben und sie segnen. Einen Menschen dem Leben zurückgeben! Welcher Ruhm erwartet den Arzt, wenn er einen hoffnungslosen Kranken rettet! Und sie würde einen Geist und eine Seele, die zugrunde giengen, retten!. . . Sie erbebte vor Stolz und Freude, und hielt es für eine Aufgabe, die ihr vom Himmel bestimmt war. Sie hatte ihn in den Gedanken schon zu ihrem Secretär und Bibliothekar gemacht. Und das alles sollte plötzlich aufhören! Sie wußte nicht, was sie thun sollte, und schwieg darum, wenn sie mit Oblomow zusammenkam.
Oblomow quälte sich mit dem Gedanken ab, daß er sie erschreckt und beleidigt hatte, erwartete drohende Blicke und kühle Strenge, zitterte, wenn er sie sah und gieng ihr aus dem Wege. Unterdessen war er schon aufs Land übersiedelt und irrte drei Tage lang allein über die Hügel, durch den Sumpf und im Walde herum, oder er gieng ins Dorf, saß träge an einem Bauernhaus und sah zu, wie die Kinder und die Kälber herumliefen und wie die Enten im Teich herumplätscherten. Neben dem Landhaus befand sich ein See und ein großer Park, doch er fürchtete sich hinzugehen, um Oljga nicht allein anzutreffen. »Wie ich nur so herausplatzen konnte!« dachte er und fragte sich gar nicht, ob er die Wahrheit gesagt hatte, oder ob das nur die momentane Wirkung der Musik auf seine Nerven war. Das Gefühl der Unbehaglichkeit und Beschämung, die von ihm begangene »Schandthat«, wie er sich ausdrückte, hinderte ihn daran, zu analysieren, was für ein Gefühlsausbruch das war, und was Oljga überhaupt für ihn bedeutete? Er versuchte es nicht mehr, sich klar zu machen, daß in sein Herz etwas Neues hinzugekommen war, ein Klümpchen, das sich früher darin nicht befunden hatte. Alle seine Gefühle hatten sich in einen einzigen Klumpen, den der Scham, verwandelt. Wenn sie aber für Augenblicke seiner Phantasie erschien, erstand darin auch die andere Gestalt, jenes Ideal der verkörperten Ruhe und des Lebensglückes: Dieses Ideal war genau wie Oljga! Beide Gestalten näherten sich einander immer mehr und verschmolzen in eine einzige. »Ach, was ich angestellt habe!« sagte er, »ich habe alles zerstört! Gott sei Dank, daß Stolz verreist ist; sie hat nicht Zeit gehabt, es ihm zu erzählen, sonst müßte ich in die Erde sinken! Liebe, Thränen – wie paßt denn das zu mir! Auch Oljgas Tante schickt niemand zu mir herüber und ladet mich nicht ein; sie hat es ihr gewiß gesagt . . . . O Gott!. . . . » So dachte er, sich in die Tiefe des Parkes, in irgendeine Seitenallee versteckend.
Oljga kam nur bei dem Gedanken an die Begegnung in Verlegenheit, wie dieses Ereignis ablaufen würde? Würden sie schweigen, als ob nichts geschehen wäre, oder mußte sie ihm etwas sagen? Und was sollte sie sagen? Sollte sie eine strenge Miene annehmen, ihn stolz anblicken oder auch gar nicht anblicken und hochmüthig und trocken bemerken, daß sie »ihm eine solche Handlungsweise niemals zugemuthet hätte! Für wen er sie wohl halte, da er sich eine solche Frechheit erlaubt habe?. . . .« So hatte Sonitschka während der Mazurka irgendeinem Fähnrich geantwortet, trotzdem sie sich selbst mit allen Kräften bestrebt hatte, ihm den Kopf zu verdrehen. »Warum ist denn das frech?« fragte sie sich. »Und wenn er wirklich so fühlt, warum soll er es dann nicht sagen?. . . Aber wie war es möglich, so plötzlich, kaum daß er sie kennen gelernt hatte. . . Das würde sonst niemand gesagt haben, nachdem er ein Mädchen zum zweiten- oder drittenmal gesehen hat; auch niemand würde so schnell Liebe empfinden. Das war nur Oblomow imstande. . .« Doch sie dachte daran, daß sie gehört und gelesen hatte, die Liebe käme manchmal plötzlich. »Das war bei ihm eine Aufwallung, ein Ausbruch; er läßt sich jetzt nicht blicken; er schämt sich; folglich ist das keine Frechheit. Und wessen Schuld war es?« dachte sie weiter. »Natürlich Andrej Iwanowitschs, denn er hatte sie zum Singen gebracht.« Aber Oblomow hatte anfangs nicht zuhören wollen – sie ärgerte sich und sie. . . . gab sich Mühe. . . . (sie erröthete heftig) – ja sie wendete ihre ganze Kraft an, um ihn aufzurütteln. Stolz hatte ihr gesagt, er wäre apathisch, nichts interessiere ihn und alles in ihm wäre erloschen. Da wollte sie sehen, ob alles erloschen wäre, und sie sang, sie sang. . . wie noch nie. . . »Mein Gott! es ist ja meine Schuld – ich werde ihn um Verzeihung bitten. . . . Was soll er mir aber verzeihen?« fragte sie sich dann, »was werde ich ihm sagen: Herr Oblomow, ich bin schuldig, ich habe Sie verführt. . . . Welche Schande! Das ist nicht wahr!« sagte sie erröthend und mit dem Fuß stampfend. »Wer wagt das zu denken?. . . . Habe ich denn gewußt, was dabei herauskommen wird? Und wenn das nicht geschehen, wenn es ihm nicht entschlüpft wäre. . . was dann?. . .« fragte sie. »Ich weiß nicht. . .« dachte sie. Seit dem Tage war es ihr so seltsam ums Herz. . . sie ist wohl sehr gekränkt. . . es wird ihr sogar ganz heiß, und auf ihren Wangen glühen zwei rosige Flecken. . . »Gereiztheit . . . leichtes Fieber,« sagte der Arzt. »Was dieser Oblomow angestellt hat! O, er muß eine ordentliche Lehre bekommen, damit das in Zukunft nicht mehr vorkommt! Ich werde ma tante ersuchen, ihm das Haus zu verbieten; er darf sich nicht vergessen. . . wie er es nur gewagt hat!« dachte sie, im Park herumgehend; ihre Augen leuchteten. . .
Plötzlich hörte sie jemand kommen.
»Jemand kommt. . .« dachte Oblomow.
Und sie stießen aufeinander.
– Oljga Sjergejewna! – sagte er, wie ein Espenblatt zitternd.
– Ilja Iljitsch! antwortete sie schüchtern, und beide blieben stehen.
– Guten Tag! – sagte er.
– Guten Tag! – erwiderte sie.
– Wohin gehen Sie? – fragte er.
– Nur so . . . . – antwortete sie, ohne die Augen zu heben.
– Störe ich Sie?
– O nicht im geringsten. . . . – gab sie zur Antwort, ihn rasch und neugierig anblickend.
– Darf ich mitgehen? – fragte er plötzlich, ihr einen forschenden Blick zuwerfend.
Sie schritten schweigend über die Allee hin. Weder das Lineal des Lehrers, noch die gefurchten Brauen des Directors hatten Oblomows Herz so wie jetzt klopfen gemacht. Er wollte sich dazu zwingen, etwas zu sagen, doch die Worte wollten ihm nicht von der Zunge; nur sein Herz schlug auf eine unglaubliche Weise, wie vor einem Unglück.
– Haben Sie einen Brief von Andrej Iwanowitsch erhalten?– fragte sie.
– Ja, ich habe einen erhalten.
– Was schreibt er?
– Er ruft mich nach Paris.
– Und was thun Sie?
– Ich fahre hin.
– Wann?
– Jetzt gleich. . . nein, morgen. . . sowie ich fertig bin.
– Warum so bald? – fragte sie.
Er schwieg.
– Gefällt Ihnen die Landwohnung nicht, oder . . . sagen Sie, warum wollen Sie verreisen?
»Diese Frechheit! Er will noch verreisen!« dachte sie.
– Mir ist es so weh, so unbehaglich zumuthe, etwas brennt mich. . . – flüsterte Oblomow, ohne sie anzublicken.
Sie schwieg. Dann pflückte sie einen Fliederzweig und roch daran, sich die Nase und das Gesicht bedeckend.
– Riechen Sie, wie das duftet! – sagte sie und bedeckte auch seine Nase.
– Und da sind Maiglöckchen! Warten Sie, ich werde welche pflücken, – sagte er, sich über das Gras beugend, – sie riechen besser, nach Feld und Wald; es ist mehr Natur in ihnen. Und der Flieder wächst immer bei den Häusern, die Zweige kriechen förmlich zum Fenster hinein, und ihr Duft ist zu süßlich. Auf den Maiglöckchen ist der Thau noch nicht getrocknet.
Er reichte ihr ein paar Blüten.
– Und lieben Sie Reseda? – fragte sie.
– Nein, das riecht zu stark; ich liebe weder Reseda noch Rosen. Ich liebe überhaupt keine Blumen; im Feld geht es noch an, aber im Zimmer machen sie so viel Schererei. . . . und man hat gleich Mist. . . .
– Und Sie lieben, daß es in den Zimmern rein ist? – fragte sie, ihn schelmisch anblickend. – Sie vertragen keinen Mist?
– Ja; aber ich habe einen solchen Diener. . . – murmelte er. »O die Böse!« fügte er im stillen hinzu.
– Reisen Sie direct nach Paris? – fragte sie.
– Ja; Stolz erwartet mich längst.
– Bringen Sie ihm einen Brief von mir mit; ich werde ihm schreiben.
– Geben Sie ihn mir heute; ich übersiedle morgen in die Stadt.
– Morgen? – fragte sie, – warum so schnell? Es ist, als ob jemand Sie fortjagt.
– Es ist auch so. . . .
– Wer denn?
– Die Scham. . . . – flüsterte er.
– Die Scham! – wiederholte sie mechanisch. »Jetzt werde ich ihm sagen: Herr Oblomow, ich hätte es nie erwartet. . . .«
– Ja, Oljga Sjergejewna, – brachte er endlich heraus, – Sie wundern sich gewiß. . . . und zürnen. . . .
»Jetzt ist es Zeit. . . . das ist der richtige Moment.« Ihr Herz klopfte. »Ich kann nicht, o Gott!«
