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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 18
Er bemühte sich, ihr ins Gesicht zu blicken und zu erfahren, wie sie sich ihm gegenüber verhielt; aber sie roch an den Maiglöckchen und am Flieder und wußte selbst nicht, was mit ihr war. . . . was sie sagen, was sie thun sollte. »Ach, Sonitschka würde sich gleich etwas ausgedacht haben, und ich bin so dumm! ich kann gar nichts. . . .« dachte sie gequält.
– Ich habe ganz vergessen. . . . – sagte sie.
– Gauben Sie mir, das war gegen meinen Willen. . . . ich konnte nicht an mir halten. . . . – begann er, sich allmählich mit Muth waffnend. – Wenn es damals gedonnert hätte, wenn ein Stein auf mich herabgefallen wäre, ich hätte es doch gesagt. Ich konnte das mit allen meinen Kräften nicht zurückhalten. . . . Um Gotteswillen, glauben Sie nicht, daß ich. . . . Ich selbst hätte nach einem Augenblick Gott weiß was darum gegeben, um das unvorsichtige Wort ungesagt zu machen. . . .
Sie gieng mit gesenktem Kopf weiter und roch an den Blumen.
– Vergessen Sie daran, – fuhr er fort, – vergessen Sie umsomehr, als es nicht wahr ist. . . .
– Es ist nicht wahr? – wiederholte sie plötzlich sich aufrichtend und ließ die Blumen fallen.
Ihre Augen öffneten sich weit, und darin leuchtete Erstaunen auf. . . .
– Wieso ist es nicht wahr? – wiederholte sie nochmals.
– Ja, um Gotteswillen, zürnen Sie nicht und vergessen Sie daran. Ich versichere Sie, das war nur der Ausbruch eines Augenblicks. . . . Das hat die Musik verursacht. . . .
– Nur die Musik! . . . .
Sie wechselte die Farbe; die beiden rosigen Flecken verschwanden und die Augen erloschen.
»Es ist also nichts! Jetzt hat er das unvorsichtige Wort zurückgenommen und ich brauche ihm nicht zu zürnen!. . . . Das ist gut. . . . jetzt kann ich ruhig sein. . . . Ich kann wie bisher sprechen und scherzen. . . .« dachte sie und riß im Vorübergehen heftig einen Zweig vom Baume herab, pflückte mit den Lippen ein Blatt herunter und warf dann sogleich den Zweig und das Blatt auf den Sand hin.
– Sie zürnen nicht? Sie haben vergessen? – sagte Oblomow, sich zu ihr herabbeugend.
– Ja, was ist denn? was bitten Sie? – antwortete sie erregt und fast ärgerlich sich von ihm abwendend. – Ich habe alles vergessen. . . . ich bin so kopflos!
Er schwieg und wußte nicht, was er thun sollte. Er sah nur den plötzlichen Ärger, ohne die Ursache entdecken zu können.
»Mein Gott!« dachte sie, »jetzt ist alles wieder in Ordnung; jene Scene ist wie ausgelöscht, Gott sei Dank! Nun, also. . . . Ach Du mein Gott! was ist denn das? Ach, Sonitschka, Sonitschka! wie glücklich bist Du!«
– Ich gehe nach Hause, – sagte sie plötzlich, ihren Schritt beschleunigend und in eine andere Allee einbiegend.
Ihr stiegen Thränen zum Hals hinauf. Sie fürchtete, sie würde aufweinen.
– Nicht so, hier ist es näher, – bemerkte Oblomow. »Dummkopf,« sprach er traurig zu sich selbst, »wozu habe ich mich erklären müssen! Jetzt habe ich sie noch mehr gekränkt. Ich sollte sie nicht daran erinnern; das wäre auch so wieder gut geworden, und sie hätte von selbst daran vergessen. Jetzt ist nichts zu machen, ich muß mir ihre Verzeihung erbitten.«
»Ich ärgere mich wohl deshalb,« dachte sie, »weil ich nicht den richtigen Moment benützt habe, ihm zu sagen: Herr Oblomow, ich hätte niemals erwartet, daß Sie sich so etwas erlauben. . . .« Er ist mir zuvorgekommen. . . . . »Es ist nicht wahr!« so etwas, er hat also noch gelogen! Ja, wie hat er das gewagt?«
– Haben Sie wirklich daran vergessen? – fragte er leise.
Ich habe vergessen, ich habe alles vergessen! – sagte sie schnell und beeilte sich nach Hause zu kommen.
– Reichen Sie mir zum Zeichen dessen, daß Sie nicht zürnen, die Hand.
Sie streckte ihm, ohne ihn anzublicken, die Fingerspitzen hin und zog, sowie er diese berührte, die Hand zurück.
– Nein, Sie zürnen! – sagte er seufzend. – Wie soll ich Sie davon überzeugen, daß es nur eine augenblickliche Stimmung war, daß ich mir nicht erlaubt hätte, mich so zu vergessen. . . . .? Nein, jetzt ist es aus, ich werde Ihrem Gesang nicht mehr zuhören. . . .
– Bemühen Sie sich nicht; ich brauche Ihre Versicherungen nicht. . . . – sagte sie lebhaft. – Ich werde selbst nicht mehr singen!
– Gut, ich schweige, aber gehen Sie um Gotteswillen nicht so fort, sonst bleibt auf meiner Seele ein Stein zurück. . . .
Sie verlangsamte ihren Schritt und begann seinen Worten gespannt zu lauschen.
– Wenn es wahr ist, daß Sie geweint hätten, wenn mir nach Ihrem Gesang jener Ausruf nicht entschlüpft wäre, dann erbarmen Sie sich, Oljga Sjergejewna! Wenn Sie jetzt so fortgehen, ohne mir zuzulächeln und mir freundschaftlich die Hand zu reichen. . .werde ich krank sein, meine Kniee zittern, ich halte mich mit Mühe aufrecht. . . .
– Warum? – fragte sie plötzlich, ihn anblickend.
– Das weiß ich selbst nicht, – sagte er, – die Scham ist bei mir jetzt vergangen; ich schäme mich meines Wortes nicht. . mir scheint, darin. . . .
Es wurde ihm wieder seltsam ums Herz; er fühlte darin wieder etwas Neues; ihr freundlicher, neugieriger Blick sengte ihn wieder. Sie wandte sich so graziös zu ihm um und erwartete so unruhig die Antwort.
– Was ist »darin«? – fragte sie ungeduldig.
– Nein, ich fürchte mich es zu sagen, Sie werden wieder böse sein.
– Sprechen Sie! – sagte sie befehlend.
Er schwieg.
– Nun?
– Ich will wieder weinen, wenn ich Sie anblicke. . . Sehen Sie, ich bin nicht eitel, ich schäme mich nicht meines Herzens. . .
– Warum wollen Sie denn weinen? – fragte sie sanft, und auf ihren Wangen erschienen wieder zwei rosige Flecken.
– Ich höre immer Ihre Stimme. . . . ich fühle wieder. . . .
– Was? – sagte sie, und die Thränen strömten von ihrer Brust wieder zurück; sie wartete gespannt.
Sie näherten sich der Freitreppe.
– Ich fühle. . . .– beeilte sich Oblomow hinzuzufügen und blieb stehen.
Und sie stieg langsam, wie mit Mühe, die Stufen hinauf.
– Dieselbe Musik. . .dieselbe Erregung. . .dasselbe Gef. . . . verzeihen Sie, verzeihen Sie – bei Gott, ich kann mit mir nicht fertig werden. . . .
– Herr Oblomow. . . . – begann sie streng, dann erhellte der Strahl eines Lächelns ihr Gesicht, – ich bin nicht böse, ich verzeihe, – fügte sie weich hinzu, – aber in Zukunft. . . .
Sie streckte ihm, ohne sich umzuwenden, nach rückwärts die Hand hin; er erfaßte sie und küßte die Handfläche, sie preßte leise seine Lippen zusammen und sprang wie der Blitz in die Glasthür hinein, während er wie eine Bildsäule stehen blieb.
VII
Er blickte ihr lange mit großen Augen und offenem Munde nach und ließ seine Augen lange über das Gebüsch schweifen. . . . Es giengen fremde Leute vorüber, ein Vogel flatterte über ihm hin. Eine vorübergehende Bäuerin fragte, ob er keine Beeren kaufen wolle – seine Betäubung hielt an. Er gieng wieder langsam über dieselbe Allee hin und schritt leise bis zu ihrer Hälfte hin, er stieß auf die Maiglöckchen, die Oljga verloren hatte, und auf den Fliederzweig, den sie gepflückt und ärgerlich fortgeworfen hatte. »Warum war sie so. . . . .?« begann er sich zu überlegen und zu erinnern. . . »Dummkopf, Dummkopf!« sagte er plötzlich laut, die Maiglöckchen und den Zweig ergreifend und lief fast durch die Allee. »Ich habe sie um Verzeihung gebeten, und sie. . . ach, istʼs möglich. . .? Welcher Gedanke!« Glücklich, strahlend »mit einem Mond auf der Stirne«, wie seine Kindsfrau zu sagen pflegte, kam er nach Hause, setzte sich in die Sofaecke und schrieb schnell auf den Staub des Tisches mit großen Buchstaben: »Oljga? Ach, welch ein Staub!« bemerkte er, aus seinem Entzücken erwachend. »Sachar! Sachar!« schrie er lange, denn Sachar saß mit den Bedienten am Hausthor, das sich im Gäßchen befand. »Komm doch,« sagte Anissja mit drohendem Flüstern ihn am Ärmel zupfend. »Der Herr ruft Dich schon lange.«
– Schau einmal, Sachar, was ist das? – sagte Ilja Iljitsch sanft und gütig; er war jetzt nicht imstande böse zu sein. – Du willst hier eine ebensolche Unordnung, Staub und Spinngewebe einführen? Nein, verzeihe, ich erlaube es nicht! Oljga Sjergejewna gibt mir schon längst keine Ruhʼ; sie sagt, »Sie lieben den Mist.«
– Ja, sie hat gut reden; dort sind fünf Dienstboten, – sagte Sachar, sich zur Thür wendend.
– Wohin gehst Du? Fege den Schmutz weg; man kann hier weder sitzen, noch sich mit dem Ellbogen stützen. . .Das ist ja ekelhaft, das ist. . .Oblomowerei!
Sachar machte ein finsteres Gesicht und blickte den Herrn von der Seite an.
»Da haben wirʼs!« dachte er, »er hat noch ein trauriges Wort ausgedacht! Es klingt aber so bekannt!«
– Nun, fege doch aus, was stehst Du da? – sagte Oblomow.
– Warum soll ich denn ausfegen? ich habe heute schon ausgefegt! – antwortete Sachar eigensinnig.
– Woher ist denn dann der Staub, wenn Du gefegt hast? Schau einmal, hier, hier! Das darf nicht so bleiben, fege es sofort aus!
– Ich habe gefegt, – wiederholte Sachar, – ich werde doch nicht zehnmal fegen! Und der Staub kommt von draußen herein. . .hier sind Felder, wir sind ja auf dem Lande. . . . es gibt auf der Straße viel Staub.
– Sachar Trofimitsch, – begann Anissja plötzlich aus dem Nebenzimmer hereinschauend, – Du fegst zuerst den Fußboden und dann die Tische; der Staub setzt sich dann wieder. . . Du solltest zuerst. . .
– Willst Du mich belehren? – krächzte Sachar wüthend, – gehʼ auf Deinen Platz!
– Wo hat man es denn gesehen, daß zuerst die Fußböden und dann die Tische gefegt werden?. . . .Darum ist der Herr auch böse. . . .
– Du! – schrie Sachar, mit dem Ellbogen auf ihre Brust zielend.
Sie lachte und verschwand. Oblomow schickte auch ihn hinaus. Er legte seinen Kopf auf das gestickte Kissen, hielt die Hand aufs Herz und lauschte seinem Klopfen.
»Das ist ja schädlich,« sagte er im stillen. »Was soll ich thun? Wenn ich den Doctor um Rath frage, schickt er mich nach Abyssinien!«
Solange Sachar und Anissja nicht verheiratet waren, gab sich jeder von ihnen mit seinem Ressort ab, ohne sich mit den Angelegenheiten des andern zu befassen, d.h. Anissja gieng auf den Markt und beschäftigte sich mit der Küche und nahm nur einmal im Jahr am Zusammenräumen der Zimmer theil, wenn sie die Fußböden wusch. Doch nach der Hochzeit wurde ihr der Zutritt in die Zimmer der Herrschaft eröffnet. Sie half Sachar und nahm überhaupt einige Pflichten des Mannes auf sich, theils freiwillig, theils weil Sachar sie ihr despotisch auferlegt hatte, und in den Zimmern wurde es reiner. »Da, klopfe den Teppich,« krächzte er gebieterisch, oder, »schau einmal nach, was dort in der Ecke liegt und trage das Überflüssige in die Küche hinaus.« Er schwelgte so einen Monat lang; in den Zimmern war es rein, der Herr brummte nicht, sagte keine »traurigen Worte,« und Sachar brauchte nichts zu thun. Doch diese Seligkeit nahm ein baldiges Ende, und zwar aus folgendem Grunde: Sowie er mit Anissja zusammen in den herrschaftlichen Zimmern zu arbeiten begann, ergab es sich, daß alles, was Sachar that, eine Dummheit war. Ein jeder Schritt war falsch und sollte anders gemacht werden. Er war fünfundfünfzig Jahre lang auf der Welt mit der Gewißheit herumgegangen, daß alles, was er that, gar nicht anders und besser gethan werden konnte. Und jetzt plötzlich hatte Anissja ihm in zwei Wochen bewiesen, daß er nichts wert war; und sie that es mit einer so kränkenden Herablassung, so still, wie man es nur mit Kindern oder vollständigen Dummköpfen thut und lachte noch, wenn sie ihn ansah. »Du, Sachar Trofimitsch,« sagte sie freundlich, »Du solltest nicht zuerst den Schornstein in den Ofen zumachen und dann das Fenster aufmachen; da wirdʼs in den Zimmern wieder kalt.« »Wie soll ichʼs denn machen?« fragte er mit der Grobheit des Mannes. »Wann soll ich das Fenster aufmachen?« »Beim Einheizen; es zieht die Luft hinaus und dann wirdʼs wieder warm,« antwortete sie leise. »So eine Närrin!« sagte er, »ich habʼs zwanzig Jahre lang so gemacht und sollʼs jetzt deinetwegen anders machen. . . .« Im Schrank auf dem Brett lag bei ihm alles durcheinander: Thee, Zucker, Citrone, das Silberzeug und daneben Schuhwichse, Bürsten und Seife.
Eines Tages kam er und sah plötzlich, daß die Seife auf dem Waschtisch, die Bürsten und die Schuhwichse auf dem Küchenfenster und der Thee und Zucker in einer besonderen Schublade der Commode lagen. »Warum bringst Du mir da alles durcheinander, he?« fragte er drohend, »ich habe absichtlich alles in einen Haufen gelegt, damit ich es bei der Hand habe, und Du hast alles in alle Ecken und Enden zerstreut.« – »Damit der Thee nicht nach Seife riecht,« bemerkte sie sanft. Ein anderesmal zeigte sie ihm in den Kleidern des Herrn zwei, drei Löcher, die von Schaben herrührten und sagte, daß die Kleider durchaus einmal wöchentlich geklopft und gebürstet werden müßten. »Laß mich nur, ich klopfe sie schon mit dem Besen aus,« – schloß sie freundlich. Er riß ihr den Besen und den Frack, den sie schon genommen hatte, aus der Hand, und legte die Sachen auf ihren Platz. Als er ein anderesmal seiner Gewohnheit nach über den Herrn schimpfte, weil dieser ihm die Küchenschaben vorwarf und meinte, er hätte sie ja nicht ausgedacht, räumte Anissja schweigend die seit undenklichen Zeiten auf dem Brett herumliegenden Brotstücke und Krumen fort, fegte und wusch die Schränke und das Geschirr, – und die Küchenschaben verschwanden fast endgiltig. Sachar begriff noch immer nicht ganz, worum es sich handelte, und schrieb alles ihrem Eifer zu. Als er aber eines Tages ein Präsentierbrett mit Tassen und Gläsern durch das Zimmer trug, zwei Gläser zerbrach, seiner Gewohnheit nach schimpfte und das ganze Brett zu Boden werfen wollte, nahm sie es ihm aus den Händen, gab andere Gläser und außerdem noch die Zuckerdose und Brot hinauf und stellte alles so zusammen, daß keine einzige Tasse sich rührte, zeigte ihm dann, wie man das Präsentierbrett mit der einen Hand nahm und mit der andern fest stützte, und als sie dann zweimal durch das Zimmer schritt, indem sie das Brett nach rechts und links drehte, ohne daß ein einziges Löffelchen sich darauf bewegte, wurde es Sachar plötzlich klar, daß Anissja klüger war als er! Er riß ihr das Präsentierbrett fort, warf die Gläser zu Boden und konnte es ihr seitdem nicht verzeihen. »Siehst Du, so macht man es!« hatte sie noch leise hinzugefügt. Er blickte sie mit stumpfem Hochmuth an, und sie lachte nur. »Ach, Du Bäuerin, Du Soldatenweib, willst Du die Kluge spielen! Haben wir denn in Oblomowka ein solches Haus gehabt? Und ich habe alles selbst geleitet; wir haben ja allein an Lakaien und Laufburschen fünfzehn Personen gehabt! Und euereins, Frauenzimmer, hats so viel gegeben, daß man nicht einmal die Namen von allen wußte. . . . Und jetzt kommst Du. . . . Ach, Du!. . . .« »Ich meine es ja gut,« begann sie. »Nun, nun, nun!« krächzte er und machte die drohende Bewegung, mit dem Ellbogen auf die Brust zielend: »Marsch hinaus aus den herrschaftlichen Zimmern, geh in die Küche. . . . Bleib bei Deiner Frauenzimmerarbeit!« Sie lachte und gieng, und er blickte ihr düster von der Seite nach. Sein Stolz litt und er behandelte seine Frau streng. Wenn es aber vorkam, daß Ilja Iljitsch nach irgendeinem Gegenstand fragte, den man nicht finden konnte oder der zerbrochen worden war, und wenn überhaupt im Hause etwas Ungehöriges vorkam, und sich über Sachars Haupt ein Gewitter sammelte, das von »traurigen Worten« begleitet war, blinzelte Sachar Anissja zu, nickte mit dem Kopfe und zeigte mit dem Daumen auf das Arbeitszimmer des Herrn hin und sagte: »Gehʼ Du zum Herrn hin und schau nach, was er haben will.« Anissja gieng hin, und das Gewitter löste sich immer in eine einfache Erklärung auf. Und sobald in Oblomows Rede sich »traurige Worte« einzuschleichen begannen, schlug Sachar selbst vor, Anissja zu rufen. In Oblomows Zimmern wäre alles wieder vernachlässigt worden, wenn Anissja nicht da wäre; sie zählte sich schon zu Oblomows Haus, löste unbewußt das unzerreißbare Band, das ihren Mann an das Leben, das Haus und die Person Ilja Iljitschs kettete, und ihr weibliches Auge und ihre sorgsame Hand walteten in den vernachlässigten Räumen. So wie Sachar sich abwandte, staubte Anissja die Tische und Sofas ab, öffnete das Fenster, richtete die Jalousien, räumte die inmitten des Zimmers hingeworfenen Stiefel oder die auf die eleganten Sessel hingehängten Beinkleider fort, musterte alle Kleider, sogar die Papiere, Bleistifte, Federmesser und Federn auf dem Tisch durch und legte alles in Ordnung hin; sie schüttelte das zerwühlte Bettzeug auf, ordnete die Kissen und machte das alles mit drei Griffen; dann ließ sie noch einen schnellen Blick durch das Zimmer gleiten, rückte irgendeinen Sessel zurecht, machte die halboffene Schublade der Commode zu, zog die Decke vom Tisch herunter und glitt rasch in die Küche, wenn sie Sachars knarrende Stiefel hörte. Sie war eine lebhafte, flinke Frau von siebenundvierzig Jahren, mit einem besorgten Lächeln, lebendig nach allen Seiten hinblickenden Augen, einem festen Hals und einer festen Brust und rothen, geschickten, nie ermüdenden Händen. Sie besaß fast gar kein Gesicht; man bemerkte nur die Nase, trotzdem sie nicht groß war, doch sie schien sich vom Gesicht losgelöst zu haben oder ihm schlecht angefügt worden zu sein und dabei war ihr unterer Theil nach oben gewendet, so daß das Gesicht dahinter gar nicht zu sehen war; außerdem war es so zusammengeschrumpft und verblichen, daß man sich von der Nase längst einen klaren Begriff gebildet hatte, bevor man das Gesicht nur bemerkte.
Es gibt auf der Welt viele solche Männer wie Sachar. Mancher Diplomat hört nachlässig den Rathschlag der Frau an, zuckt die Achseln und schreibt dann heimlich nach ihren Angaben. Manchmal hört ein Beamter pfeifend und mit einer Grimasse des Bedauerns dem Geplauder der Frau über eine wichtige Angelegenheit zu und berichtet morgen mit wichtiger Miene dieses Geplauder dem Minister. Diese Herrschaften behandeln ihre Frauen ebenso düster oder leichtfertig, lassen sich kaum herab, mit ihnen zu sprechen, und halten sie, wenn nicht für Frauenzimmer, wie Sachar, so doch für Blumen, die zur Zerstreuung nach dem geschäftlichen, ernsten da sind. . . .
Die Mittagssonne sengte schon lange die Wege des Parkes. Alle saßen im Schatten unter Segeltuchmarquisen; nur die Kindsfrauen mit den Kindern giengen muthig gruppenweise herum und saßen unter den Mittagsstrahlen im Grase. Oblomow lag noch immer auf dem Sofa und trug sich mit Zweifeln über die Bedeutung seines Morgengespräches mit Oljga herum. »Sie liebt mich, in ihr ist ein Gefühl für mich erwacht. Ist das möglich? Sie träumt von mir; sie hat für mich so leidenschaftlich gesungen, und die Musik hat uns beide mit der Sympathie füreinander angesteckt!« Ihn erfüllte Stolz, das Leben erstrahlte, er sah seine zauberhaften Fernen, alle Farben und Strahlen, die noch vor kurzem nicht da waren. Er sah sich schon mit ihr im Ausland, auf den Schweizer Seen, in Italien, durchschritt mit ihr die Ruinen in Rom, fuhr in einer Gondel, verlor sich dann in der Menge von Paris und London und dann. . . . dann befand er sich in seinem irdischen Paradies, in Oblomowka. Sie ist seine Gottheit, sie mit diesem lieben Geplauder, mit diesem feinen, weißen Gesichtchen und dem zarten, dünnen Hals. . . . Die Bauern haben nie etwas Ähnliches gesehen; sie werfen sich vor diesem Engel zu Boden. Sie schreitet langsam über das Gras hin, geht mit ihm im Schatten des Birkenhaines, sie singt ihm. . . . Und er versetzt sich in dieses Leben, in seinen stillen Lauf, in sein süßes Rieseln und Plätschern. . . . Er versinkt in ein Sinnen, das durch die befriedigten Wünsche, durch die Fülle des Glückes hervorgerufen wird. . . .
Plötzlich umdüsterte sich sein Gesicht.
»Nein, das ist unmöglich!« sagte er laut, sich vom Sofa erhebend und durch das Zimmer schreitend. »Mich lieben! Mich mit dem komischen Äußern, mit dem schläfrigen Blick, mit den welken Wangen . . . Sie lacht nur über mich . .«
Er blieb vor dem Spiegel stehen und betrachtete sich lange, zuerst ärgerlich, doch dann klärte sich sein Blick auf; er lächelte sogar. »Mir scheint, ich schaue jetzt besser und frischer aus als in der Stadt,« sagte er; »meine Augen sind nicht trüb . . Es hat sich ein Gerstenkorn gezeigt, ist aber verschwunden . . Das kommt gewiß von der hiesigen Luft; ich gehe viel, trinke gar keinen Wein, liege nicht . . . Ich brauche gar nicht nach Ägypten zu reisen.«
Es kam ein Diener von Marja Michailowna, Oljgas Tante, ihn zum Mittagessen zu bitten.
– Ich komme, ich komme! – sagte Oblomow.
Der Diener wollte gehen.
– Wartʼ! Da hast Du!
Er gab ihm Geld.
Ihm ist fröhlich und leicht ums Herz. In der Natur ist alles so heiter. Die Menschen sind so gut; alle freuen sich; bei allen drückt sich das Glück auf dem Gesichte aus. Nur Sachar ist finster und blickt den Herrn immer von der Seite an; aber Anissja lächelt so gutmüthig. – Ich schaffe mir einen Hund an, – beschloß Oblomow, – oder einen Kater . . lieber einen Kater; die Kater sind zutraulich und schnurren.
Er lief zu Oljga hin.
»Aber . . . Oljga liebt mich doch!« dachte er unterwegs, »dieses junge, frische Geschöpf! Ihrer Phantasie steht jetzt die poetischeste Sphäre des Lebens offen; sie muß von großen, schlanken Jünglingen mit schwarzen Locken träumen, mit einer sinnenden, verborgenen Kraft, mit Kühnheit im Gesicht, mit einem stolzen Lächeln, mit jenem Funken in den Augen, der im Blick untergeht und bebt und so leicht ans Herz dringt, mit einer weichen und frischen Stimme, die wie eine metallene Saite klingt. Aber man liebt ja nicht nur Jünglinge, nicht nur die Kühnheit im Gesicht, die Gewandtheit in der Mazurka und das Galoppieren auf dem Pferd. Oljga ist ja kein Dutzendmädchen, dessen Herz man mit einem Schnurrbart kitzeln kann und dessen Ohr man mit dem Säbelklirren rührt; aber dann braucht man ja etwas anderes . . . die Macht des Geistes zum Beispiel, die das Weib demüthigt und vor der sie das Haupt beugt, und die ganze Welt müßte sich vor dieser Macht beugen . . . Oder ein gefeierter Künstler . . . Und was bin ich denn? Oblomow und nichts mehr. Stolz ist etwas anderes; Stolz besitzt Verstand, Macht und die Kunst, sich selbst, andere und das Schicksal zu lenken. Wo er sich auch befindet, mit wem er zusammenkommt, beherrscht er gleich alles und spielt darauf, wie auf einem Musikinstrument . . . Und ich? . . . Ich werde nicht einmal mit Sachar fertig . . . und auch mit mir selbst nicht . . . ich bin Oblomow! Stolz! O Gott! . . . sie liebt ihn ja,« dachte er entsetzt, »sie hat es selbst gesagt: wie einen Freund, sagt sie; das ist aber eine Lüge, vielleicht eine unbewußte. Zwischen Mann und Weib gibt es keine Freundschaft, . . . Er gieng immer langsamer, von Zweifeln überwältigt. »Und was wenn sie mit mir kokettiert? . . Wenn es nur . .« Er blieb endgiltig stehen und erstarrte für einen Augenblick. »Und was, wenn das Tücke und Verschwörung ist . . . Und wie komme ich darauf, daß sie mich liebt? Sie hat es mir nicht gesagt; das ist das teuflische Flüstern der Eitelkeit! Andrej, istʼs möglich? . . Das kann nicht sein . . . sie ist so, so . . . So ist sie!« sagte er plötzlich freudig, Oljga, die ihm entgegenkam, erblickend.
Oljga streckte ihm mit einem fröhlichen Lächeln die Hand hin. »Nein, sie ist nicht so, sie ist keine Betrügerin,« beschloß er, »die Betrügerinnen haben keinen solchen freundlichen Blick; sie lachen nicht so von Herzen . . . sie quietschen nur . . . aber . . . sie hat mir doch nicht gesagt, daß sie mich liebt!« dachte er plötzlich wieder erschrocken; er hatte sich das nur so gedeutet . . . »Woher kam aber der Ärger? . . . O Gott! In welchen Sumpf bin ich hineingerathen!«
– Was haben Sie? – fragte sie.
– Einen Zweig.
– Was für einen Zweig?
– Sie sehen; einen Fliederzweig.
– Wo haben Sie ihn her? Dort, wo Sie gegangen sind, gibt es keinen Flieder.
– Sie haben ihn früher gepflückt und dann hingeworfen.
– Warum haben Sie ihn aufgehoben?
– So, mir gefällt es, daß Sie ihn . . . so ärgerlich hingeworfen haben.
– Ihnen gefällt der Ärger? Das ist etwas ganz Neues! Warum denn?
– Das sage ich nicht.
– Sagen Sieʼs doch, ich bitte . . .
– Um nichts in der Welt, um keinerlei Schätze!
– Ich flehe Sie an.
Er schüttelte verneinend den Kopf.
– Und wenn ich singe?
– Dann . . . vielleicht . . .
– Also nur Musik wirkt auf Sie! – sagte sie mit gerunzelter Stirn. – Das ist also doch so?
– Ja, Musik, die durch Sie wiedergegeben wird . . .
– Nun gut, ich werde singen . . . Casta diva; Casta di . . . begann sie Normas Arie und schwieg.
– Also sprechen Sie jetzt! – sagte sie.
Er kämpfte eine Zeitlang mit sich.
– Nein, nein! – beschloß er noch entschiedener als früher, – für nichts in der Welt . . . niemals! Und wenn das nicht wahr ist, wenn es mir nur so geschienen hat? . . . Niemals, niemals!
– Was ist das? Etwas Furchtbares, – sagte sie, ihre Gedanken auf diese Frage und einen forschenden Blick auf ihn richtend.
Dann verbreitete sich allmählich die Erkenntnis über ihre Züge; in jede Linie drang der Strahl des Denkens ein, und plötzlich erhellte sich ihr ganzes Gesicht durch eine Vermuthung . . . So beleuchtete die Sonne, aus einer Wolke hervortretend, allmählich einen Strauch, dann einen zweiten, das Dach und überströmte plötzlich die ganze Landschaft mit ihrem Licht. Sie wußte schon, woran Oblomow dachte.
– Nein, nein, meine Zunge würde sich nicht bewegen . . . betheuerte Oblomow. – Fragen Sie lieber nicht.
– Ich frage Sie nicht, – antwortete sie gleichgiltig.
– Wieso? Sie haben ja soeben . . .
– Kommen Sie, – sagte sie ernst, ohne ihm zuzuhören, – meine Tante wartet.
Sie schritt voraus, ließ ihn bei der Tante zurück und gieng geradeaus in ihr Zimmer.
