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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 20

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– Hatten Sie zu thun? – fragte sie, an einem Canevasstreifen stickend.

»Ich würde sagen, daß ich zu thun hatte, aber dieser Sachar!« stöhnte es in seiner Brust.

– Ja, ich habe einiges gelesen, – gab er nachlässig zur Antwort.

– Was denn, einen Roman? – fragte sie und richtete auf ihn die Augen, um zu sehen, mit welchem Gesicht er lügen würde.

– Nein, ich lese fast gar keine Romane, – antwortete er sehr ruhig, – ich habe »Die Geschichte der Entdeckungen und Erfindungen« gelesen.

»Gott sei Dank, daß ich heute eine Seite überflogen habe!« dachte er.

– Russisch? – fragte sie.

– Nein, englisch.

– Sie lesen englisch?

– Mit Mühe, aber ich lese doch. – Waren Sie nicht irgendwo in der Stadt? – fragte er, hauptsächlich, um das Gespräch über die Bücher abzubrechen.

– Nein, ich war die ganze Zeit zu Hause. Ich arbeite immer hier, in dieser Allee.

– Immer hier?

– Ja, diese Allee gefällt mir sehr; ich danke Ihnen dafür, daß Sie sie mir gezeigt haben; es geht hier fast niemand vorüber. . . .

– Ich habe sie Ihnen nicht gezeigt, – unterbrach er sie, – erinnern Sie sich noch? Wir sind hier einander zufällig begegnet.

– Ja, in der That.

Sie schwiegen.

– Ist Ihr Gerstenkorn ganz vergangen? – fragte sie, ihm geradeaus ins rechte Auge blickend.

Er erröthete.

– Jetzt ist es, Gott sei Dank, vergangen.

– Netzen Sie das Auge mit einfachem Wein, wenn es zu jucken beginnt, dann vergeht das Gerstenkorn. Meine Kindsfrau hat es mich gelehrt.

»Warum spricht sie immer von den Gerstenkörnern?« dachte Oblomow.

– Und essen Sie abends nicht, – fügte sie ernst hinzu.

»Sachar!« stieg in seiner Kehle ein wüthender Ausruf auf.

– Sowie man abends viel ißt, – fuhr sie fort, ohne die Augen von der Arbeit zu heben, – und drei Tage liegt, besonders auf dem Rücken, dann kommt sicher ein Gerstenkorn.

»Dummkopf!« rief Oblomow in seinem Innern Sachar zu.

– Was arbeiten Sie? – fragte er, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

– Einen Klingelzug für den Baron, – sagte sie, den Canevasstreifen aufrollend und ihm das Muster zeigend. – Ist es schön?

– Ja, sehr schön, das Muster ist sehr lieb. Das ist ein Fliederzweig?

– Ich glaube. . . . ja, – sagte sie nachlässig. – Ich habe das Muster aufs Gerathewohl gewählt, es ist mir zufällig unter die Hand gekommen. . . . – Sie erröthete ein wenig und rollte den Streifen schnell wieder zusammen.

»Es wird aber sehr langweilig, wenn es so weiter geht und wenn man aus ihr nichts herauskriegen kann,« – dachte er, – »ein anderer, zum Beispiel Stolz, würde es herauskriegen, und ich kannʼs nicht.«

Er runzelte die Stirn und blickte schläfrig um sich. Sie sah ihn an und legte dann ihre Arbeit ins Körbchen.

– Gehen wir bis zum Hain, – sagte sie, gab ihm das Körbchen zu tragen, öffnete selbst ihren Schirm, richtete sich das Kleid und gieng.

– Warum sind Sie traurig? – fragte sie.

– Ich weiß nicht, Oljga Sjergejewna. Warum soll ich fröhlich sein, und wie?

– Arbeiten Sie, kommen Sie öfter mit Menschen zusammen.

– Man kann nur dann arbeiten, wenn man ein Ziel hat. Was habʼ ich für ein Ziel? Ich hab! keins.

– Es ist ein Ziel, zu leben.

– Wenn man nicht weiß, wozu man lebt, lebt man nur irgendwie, einen Tag wie den andern; man freut sich, daß ein Tag vergangen ist, daß die Nacht angebrochen ist und daß man die langweilige Frage, wozu man diesen Tag gelebt hat und wozu man morgen leben wird, im Schlaf vergessen kann.

Sie hörte schweigend und streng blickend zu; in den gerunzelten Brauen verbarg sich etwas Düsteres, um die Linien des Mundes glitt halb Mißtrauen und halb Verachtung, wie eine Schlange. . . .

– Wozu man gelebt hat! – wiederholte sie. – Kann denn irgendeine Existenz überflüssig sein?

– Ja. Zum Beispiel die meinige.

– Wissen Sie noch immer nicht, worin das Ziel Ihres Lebens ist? – fragte sie, stehen bleibend. – Ich glaube nicht daran; Sie verleumden sich; sonst würden Sie nicht würdig sein zu leben. . . .

– Ich habe schon die Stelle verpaßt, wo das Leben sich befinden soll, und vor mir gibt es nichts mehr.

Er seufzte und sie lächelte.

– Nichts mehr? – wiederholte sie, aber jetzt lebhaft, lustig, lachend, als glaubte sie ihm nicht und als sähe sie etwas vor ihm.

– Lachen Sie, – fuhr er fort, – es ist aber so!

Sie gieng langsam, mit gesenktem Kopf weiter.

– Wofür, für wen werde ich leben? – sprach er, ihr folgend, – was soll ich suchen, worauf soll ich meine Gedanken und Wünsche richten? Die Blüte des Lebens ist verwelkt, es sind nur die Dornen geblieben.

Sie giengen langsam; sie hörte zerstreut zu, pflückte im Vorübergehen einen Fliederzweig und reichte ihn ihm, ohne ihn anzublicken.

– Was ist das? – fragte er verblüfft.

– Sie sehen ja; ein Zweig.

– Was für ein Zweig? – fragte er, sie mit weit offenen Augen anblickend.

– Ein Fliederzweig.

– Ich weiß. . . . aber was bedeutet er?

– Die Blüte des Lebens. . . . und. . . .

Er blieb stehen, sie auch.

– Und?. . . . – wiederholte er fragend.

– Meinen Ärger, – sagte sie, ihm mit ernsten Augen geradeaus ins Gesicht blickend, und ihr Lächeln sagte, daß sie wußte, was sie that.

Die Wolke der Unnahbarkeit hatte sie verlassen. Ihr Blick war beredt und verständlich. Es war, als hätte sie absichtlich eine bestimmte Seite des Buches aufgeschlagen und als erlaubte sie ihm, die geheim gehaltene Stelle zu lesen.

– Ich darf also hoffen. . . . – sagte er plötzlich freudig aufflammend.

– Auf alles! Aber. . . .

Sie schwieg. Er war plötzlich wie ausgewechselt. Und jetzt erkannte sie ihrerseits Oblomow nicht wieder; sein gleichgiltiges, umflortes Gesicht verwandelte sich plötzlich, die Augen öffneten sich; Röthe stieg in seine Wangen; die Gedanken kamen in Bewegung; in den Augen leuchteten Wünsche und Wollen auf. Sie las deutlich in diesem stummen Mienenspiel, daß Oblomow jetzt plötzlich ein Lebensziel erlangt hatte.

– Das Leben, das Leben steht mir wieder offen! – sprach er wie im Fieber, – hier ist es, in Ihren Augen, in Ihrem Lächeln, in diesem Zweig, in casta diva. . . . alles ist darin. . . .

Sie schüttelte den Kopf.

– Nein, nicht alles. . . . nur die Hälfte.

– Die beste.

– Vielleicht, – sagte sie.

– Wo ist denn das andere? Was bleibt denn noch übrig?

– Suchen Sie.

– Wozu?

– Um die erste nicht zu verlieren, – sprach sie zu Ende, reichte ihm die Hand, und sie giengen nach Hause.

Er warf entzückte und heimliche Blicke auf ihr Köpfchen, auf ihre Gestalt und ihre Haare und preßte den Zweig krampfhaft zusammen.

– Ein neues Leben, neue Hoffnungen, – sprach er sinnend und glaubte sich selbst nicht.

– Übersiedeln Sie nicht auf die Wiborgskajastraße? – fragte sie, als er sich seinem Hause zuwandte. Er lachte und nannte Sachar nicht einmal einen Tölpel.

IX

Seitdem gab es in Oljga keine plötzlichen Veränderungen mehr. Sie war gleichmäßig, mit der Tante und in Gesellschaft ruhig, sie lebte aber und empfand das Leben nur, wenn sie mit Oblomow war. Sie fragte sich schon nie mehr, wie sie sich zu benehmen und was sie zu thun hatte und berief sich im stillen nicht auf Sonitschkas Autorität. Je mehr die Phasen des Lebens. d.h. des Gefühls sich vor ihr eröffneten, desto schärfer beobachtete sie die Erscheinungen, lauschte wachsam der Stimme ihres Instincts, verglich sie so gut es gieng mit den wenigen von ihr gesammelten Erfahrungen und gieng vorsichtig weiter, indem sie mit dem Fuß den Boden prüfte, über den sie schreiten wollte. Sie hatte niemand, den sie fragen konnte. Die Tante? Doch diese glitt so leicht und geschickt über solche Fragen hin, daß es Oljga niemals gelingen wollte, aus ihren Ansichten irgendeine Sentenz zu bilden, die sie sich ins Gedächtnis einprägen könnte. Stolz war nicht da. Oblomow? Doch er glich einer Galathee, der gegenüber sie selbst den Pygmalion zu spielen hatte. Ihr Leben war so still und für alle unsichtbar inhaltreich geworden, daß sie in der neuen Sphäre lebte, ohne irgendwelches Aufsehen zu erregen, ohne sichtbare Unruhe oder Erregung. Sie that in den Augen von allen andern dasselbe, aber sie that es anders. Sie fuhr zum französischen Stück hin, doch der Inhalt gewann auf irgendeine Weise einen Zusammenhang mit ihrem Leben; wenn sie ein Buch las, stieß sie sicher auf Zeilen, die mit den Funken ihres Geistes durchsetzt waren, hie und da sah sie das Feuer ihrer Gefühle lodern und fand die gestern gesprochenen Worte, als hätte der Autor das Klopfen ihres Herzens errathen. Im Wald standen noch dieselben Bäume, doch ihr Rauschen hatte jetzt einen neuen Sinn erhalten; zwischen ihnen und ihr bestand jetzt ein besonderes lebendiges Einvernehmen. Die Vögel zwitscherten und sangen nicht, sondern sprachen immer miteinander; und alles um sie herum sprach und stand mit ihrer Stimmung im Einklang; wenn eine Blume aufblühte, schien sie ihr Athmen zu vernehmen. Auch in die Träume kam jetzt ein neues Leben; sie bevölkerten sich mit Erscheinungen und Gestalten, mit denen sie manchmal laut sprach. . . . Sie erzählten ihr etwas, aber so undeutlich, daß sie nichts verstehen konnte, sie gab sich Mühe mit ihnen zu sprechen, sie zu befragen und sprach auch etwas Unverständliches. Und Katja sagte ihr des Morgens, daß sie aus dem Schlaf gesprochen hatte. Sie dachte an Stolzʼ Prophezeiungen. Er hatte ihr oft gesagt, sie hätte noch nicht begonnen zu leben, und sie fühlte sich manchmal beleidigt, daß er sie für ein kleines Mädchen hielt, während sie schon zwanzig Jahre alt war. Und jetzt begriff sie, daß er recht hatte und daß sie soeben erst zu leben begonnen hatte. »Wenn alle Kräfte Ihres Organismus zu wogen beginnen, dann wird auch das Leben um Sie herum wogen, und Sie werden das erblicken, was Ihre jetzt geschlossenen Augen nicht sehen und werden hören, was Ihnen jetzt verborgen ist; dann beginnt die Musik Ihrer Nerven, dann hören Sie das Singen der Sphären und das Wachsen der Gräser. Warten Sie, beeilen Sie sich nicht, es kommt von selbst!« drohte er. Es war gekommen. »Das ist gewiß das Wogen der Kräfte, der Organismus ist erwacht. . .« gebrauchte sie seine Worte, wachsam dem unbekannten Beben lauschend und scharf und schüchtern jede neue Äußerung der erwachenden Kraft beobachtend. Doch sie verfiel nicht ins Träumen, ergab sich nicht dem plötzlichen Zittern der Blätter, den nächtlichen Erscheinungen, dem geheimnisvollen Flüstern, da es ihr schien, daß jemand sich über ihr Ohr beugte und ihr etwas Unklares und Unverständliches sagen wollte. »Das sind die Nerven!« flüsterte sie, zusammenfahrend, aber mit einem Lächeln durch Thränen, mit Anstrengung die Angst bezwingend und den Kampf der noch nicht gestählten Nerven mit den erwachenden Kräften erduldend. Sie erhob sich vom Bett, trank ein Glas Wasser, öffnete das Fenster, fächelte sich mit dem Taschentuch ins Gesicht und erwachte aus den Träumen, die sie schlafend oder wachend übermannten.

Und das erste, was Oblomow beim Erwachen vor sich sah, war Oljgas Bild, mit dem Fliederzweig in der Hand. Er schlief mit dem Gedanken an sie ein, und wenn er spazieren gieng oder las, war sie neben ihm. Er führte mit ihr im Geiste bei Tag und bei Nacht ein endloses Gespräch. Er fügte der »Geschichte der Entdeckungen und Erfindungen« immer neue Entdeckungen in Oljgas Äußerem oder in ihrem Charakter an und erfand Gelegenheiten, ihr unverhofft zu begegnen, ihr ein Buch zu schicken oder sie zu überraschen. Er setzte das Gespräch, das er mit ihr geführt hatte, zu Hause fort, so daß, wenn Sachar hereinkam, er ihm manchmal in sehr sanftem, weichem Ton, indem er im Geiste mit Oljga sprach, sagte: »Du kahlköpfiger Teufel hast mir neulich wieder ungeputzte Stiefel gegeben, gib acht, ich werde mit Dir schon fertig werden. . . .«

Doch seine Sorglosigkeit hatte ihn von dem Moment an verlassen, als sie ihm zum erstenmal sang. Er lebte nicht mehr wie früher, da es ihm ganz gleichgiltig war, ob er auf dem Rücken lag und auf die Wand blickte, ob Alexejew bei ihm oder er selbst bei Iwan Gerassimowitsch saß, in jenen Tagen, da er niemand und nichts, weder bei Tag, noch bei Nacht erwartete. Jetzt nahm bei Tag und Nacht, morgens und abends, jede Stunde ihre eigene Gestalt an, und war entweder mit Regenbogenglanz erfüllt oder farblos und düster, je nachdem, ob diese Stunde mit Oljgas Anwesenheit erfüllt wurde oder ohne sie verstrich und folglich langweilig und bleich war. Das alles spiegelte sich in seinem Wesen wieder; in seinem Kopf befand sich ein ganzes Netz von täglichen und stündlichen Vermuthungen, Combinationen, Ahnungen, Qualen der Ungewißheit, und das alles wurde durch die Fragen hervorgerufen: Ob er sie sehen werde oder nicht? Was sie sagen und thun würde? Wie würde sie ihn anschauen, welchen Auftrag würde sie ihm geben, was würde sie ihn fragen, würde sie zufrieden sein oder nicht? Alle diese Gedanken bildeten jetzt die Hauptfrage seines Lebens. »Ach, wenn man nur das Berauschende der Liebe ohne diese Unruhe empfinden könnte!« träumte er. »Nein, das Leben macht sich fühlbar, man mag hingehen wohin man will, es sengt mich förmlich! Wie viel neue Bewegung hat sich plötzlich jetzt hereingedrängt, wie viel Beschäftigungen! Die Liebe ist eine sehr schwere Schule des Lebens!« Er hatte schon ein paar Bücher gelesen; Oljga bat ihn, ihr den Inhalt zu erzählen und lauschte mit unbeschreiblicher Geduld seinem Erzählen. Er schrieb ein paar Briefe ins Dorf, setzte den Dorfschulzen ab und trat durch die Vermittlung von Stolz mit einem der Nachbarn in Verbindung. Er würde sogar ins Dorf fahren, wenn er es für möglich gehalten hätte, Oljga zu verlassen. Er aß abends nicht und wußte schon seit zwei Wochen nicht mehr, was es hieß bei Tage zu schlafen. In zwei, drei Wochen waren sie in der ganzen Umgegend von Petersburg gewesen. Die Tante mit Oljga, der Baron und er erschienen auf den Curconcerten und den Festen. Sie sprachen davon, nach Finnland zum Imatrafall hinzufahren. Was Oblomow betraf, würde er den Park niemals verlassen haben, aber Oljga fiel immer etwas anderes ein, und sowie er auf die Aufforderung, eine Fahrt zu unternehmen, mit der Antwort zögerte, wurde der Ausflug sicher ausgeführt. Und dann nahm Oljgas Necken kein Ende. Es gab fünf Werst in der Runde keinen einzigen Hügel, den er nicht schon ein paarmal bestiegen hätte.

Unterdessen wuchs ihre Sympathie, entwickelte sich und äußerte sich nach ihren unabänderlichen Gesetzen. Oljga blühte zugleich mit ihrem Gefühl auf. In ihren Augen waren mehr Strahlen, in ihren Bewegungen mehr Grazie; ihre Brust hatte sich so üppig entwickelt und wogte so rhythmisch. »Du bist auf dem Lande hübscher geworden, Oljga,« sagte ihr die Tante; im Lächeln des Barons drückte sich dasselbe Compliment aus. Oljga legte erröthend ihren Kopf auf die Schulter der Tante; und diese streichelte ihr freundlich die Wange.

– Oljga, Oljga! – rief Oblomow einmal vorsichtig und fast flüsternd am Fuße des Berges, wo Oljga mit ihm zusammentreffen wollte, um spazieren zu gehen.

Keine Antwort; er sah auf die Uhr.

– Oljga Sjergejewna! – fügte er dann laut hinzu. Stille.

Oljga saß auf dem Berge, hörte das Rufen und schwieg, das Lachen zurückhaltend. Sie wollte ihn dazu bringen, den Berg zu besteigen.

– Oljga Sjergejewna! – rief er, als er den Berg durch das Gebüsch bis zur Hälfte erklommen hatte und in die Höhe blickte. »Sie hat mich um halb sechs Uhr bestellt,« sprach er zu sich selbst.

Sie konnte ihr Lachen nicht länger zurückhalten.

– Oljga, Oljga! Ach, da sind Sie ja! – sagte er und stieg auf den Berg hinauf.

– Ach! wieso macht es Ihnen Vergnügen, sich auf den Berg zu verstecken! – Er setzte sich neben sie – Um mich zu quälen, quälen Sie sich selbst.

– Woher kommen Sie? Von zu Hause? – fragte sie.

– Nein, ich war bei Ihnen; man hat mir dort gesagt, daß Sie fortgegangen sind.

– Was haben Sie heute gethan?

– Heute . . .

– Sachar geschimpft? – fragte sie.

– Nein, ich habe die Revue gelesen. Aber hören Sie, Oljga . . .

Doch er sagte nichts, er setzte sich nur neben sie und versenkte sich in das Betrachten ihres Profils, ihres Kopfes, ihrer Handbewegungen, als sie die Nadel in den Canevas steckte und wieder herauszog. Er richtete seinen Blick wie ein Brennglas auf sie und konnte ihn nicht mehr abwenden. Er selbst bewegte sich nicht, und nur sein Blick wandte sich bald nach rechts, bald nach links, bald nach unten hin, je nachdem die Hand sich bewegte. In ihm arbeitete alles angestrengt; er hatte einen beschleunigten Kreisumlauf, sein Pulsschlag verdoppelte sich und in seinem Herzen wogte es – das alles übte auf ihn eine solche Wirkung aus, daß er langsam und schwer athmete, wie man vor der Hinrichtung und im Augenblick der größten Wonne der Seele athmet. Er war stumm und konnte sich nicht einmal rühren, nur seine vor Bewegung feuchten Augen waren unablässig auf sie gerichtet.

Sie warf ihm ab und zu einen tiefen Blick zu, las den einfachen Inhalt von seinem Gesichte ab und dachte: »O Gott, wie er liebt! Wie zärtlich er ist!« Und sie bewunderte ihn und triumphierte über diesen durch ihre Macht zu ihren Füßen hingestreckten Menschen!

Der Moment der symbolischen Andeutungen, des vielsagenden Lächelns, der Fliederzweige war unwiederbringlich verstrichen. Die Liebe wurde strenger, stellte größere Anforderungen, begann sich in eine Pflicht zu verwandeln; es machten sich gegenseitige Rechte geltend. Beide Theile wurden immer aufrichtiger; die Mißverständnisse und Zweifel verschwanden oder machten deutlicheren und ausgesprocheneren Fragen Platz.

Sie stichelte ihn mit leichten Sarkasmen wegen der im Nichtsthun todtgeschlagenen Jahre, sprach über ihn ein strenges Urtheil, verwarf seine Apathie tiefer und wirksamer als Stolz; dann, in dem Maße, als sie ihm näher trat, gieng sie von den Spötteleien über sein träges, welkes Leben zur despotischen Äußerung ihres Willens über, erinnerte ihn kühn an das Ziel des Lebens und an seine Pflichten, forderte streng Bethätigung von ihm und brachte unablässig seinen Geist in Bewegung, indem sie ihn in eine complicierte, ihr wohlbekannte Lebensfrage verwickelte, oder zu ihm selbst mit einer Frage über etwas Unklares, ihr Unzugängliches kam. Und er mühte sich ab, zerbrach sich den Kopf, wand sich hin und her, um nicht in ihren Augen tief zu fallen, oder um ihr irgendeinen Knoten lösen zu helfen, und wenn es nicht gieng, ihn heroisch zu durchschneiden. Ihre ganze weibliche Taktik war von zärtlicher Sympathie erfüllt; alle seine Bestrebungen, der Regsamkeit ihres Verstandes nachzukommen, athmeten Leidenschaft aus. Aber am häufigsten ermattete er, legte sich zu ihren Füßen hin, hielt sich die Hand ans Herz und lauschte seinen Schlägen, ohne seinen reglosen, erstaunten, entzückten Blick von ihr zu wenden. »Wie er mich liebt!« sagte sie sich in diesen Momenten, ihn bewundernd. Wenn sie aber manchmal die verborgenen, alten Züge in Oblomows Seele entdeckte – und sie verstand es, tief in sie hereinzuschauen, – die geringste Müdigkeit, eine kaum merkliche Schläfrigkeit der Lebensthätigkeit, schüttete sie über ihn ihre Vorwürfe aus, denen sich ab und zu die Bitternis der Reue, die Furcht, einen Irrthum begangen zu haben, beimischte. Wenn er manchmal zu gähnen beabsichtigte und den Mund öffnete, wurde er von einem erstaunten Blick getroffen; er schloß dann augenblicklich den Mund, so daß die Zähne zusammenklapperten. Sie verfolgte den geringsten Schatten von Schläfrigkeit selbst auf seinem Gesichte. Sie fragte ihn nicht nur darüber aus, was er gethan hatte, sondern auch darüber, was er thun würde. Er gab sich einen noch heftigeren Ruck, wenn er bemerkte, daß seine Müdigkeit auch sie ermüdete und sie nachlässig und kalt machte. Dann kam über ihn ein Fieber des Lebens, der Kräfte, der Thätigkeit, der Schatten verschwand wieder und die Sympathie entströmte ihm wieder wie eine starke, klare Quelle. Doch alle diese Sorgen hatten vorläufig den magischen Kreis der Liebe noch nicht verlassen; seine Thätigkeit war eine passive; er schlief nicht, las, dachte manchmal ans Fertigstellen des Planes, gieng und fuhr viel. Die fernere Richtung, der Kern des Lebens – die Arbeit existierte vorläufig nur in den Vorsätzen.

»Was für ein Leben, was für eine Thätigkeit fordert Andrej noch?« sprach Oblomow, die Augen nach dem Essen weit aufreißend, um nicht einzuschlafen. »Ist denn das kein Leben? Ist denn die Liebe kein Dienst? Er sollte es einmal versuchen! Jeden Tag zehn Werst zu Fuß zurückzulegen! Gestern habe ich in der Stadt in einem schlechten Gasthof übernachtet, habe in den Kleidern geschlafen, habe nur die Stiefel ausgezogen und war ohne Sachar, und das alles dank ihrer Aufträge!«

Am qualvollsten war es für ihn, wenn Oljga ihm irgendeine fachwissenschaftliche Frage vorlegte und ihm, wie einem Professor, eine sie befriedigende Auskunft abforderte; und sie that es häufig, nicht aus Pedanterie, sondern einfach, weil sie wissen wollte, wie sich die Sache verhielt. Sie vergaß sogar oft die Ziele, die sie in Bezug auf Oblomow im Auge hatte, sondern ließ sich von dem Gegenstande selbst hinreißen »Warum lehrt man uns das nicht?« sagte sie nachdenklich und ärgerlich, während sie manchmal gierig den Bruchstücken eines Gespräches über ein Thema lauschte, das man für Frauen als unnöthig zu betrachten gewohnt war. Eines Tages trat sie an ihn mit einer Frage bezüglich der Doppelsterne heran; er begieng die Unvorsichtigkeit, sich auf Herschel zu berufen, wurde in die Stadt geschickt, mußte das Buch lesen und ihr solange daraus erzählen, bis sie befriedigt war. Ein anderesmal war er unvorsichtig genug, in einem Gespräche mit dem Baron ein paar Worte über die Schulen in der Malerei fallen zu lassen – jetzt hatte er wieder Arbeit für eine Woche; er mußte lesen und erzählen; dann fuhren sie noch in die Bildergallerie und dort mußte er das Gesehene durch das Gelesene bestätigen. Wenn er irgendetwas aufs Gerathewohl sagte, merkte sie es sofort und gab ihm erst recht keine Ruhe. Dann mußte er eine Woche lang in die Geschäfte fahren und Stiche von den besten Bildern suchen. Der arme Oblomow wiederholte das, was er einst gelernt hatte, oder stürzte in die Bücherläden hin, um neue Quellen aufzustöbern, und manchmal schlief er eine ganze Nacht nicht, wühlte in den Büchern herum und las, um am nächsten Morgen wie zufällig die gestrige Frage mit den Kenntnissen, die er aus dem Archiv seines Gedächtnisses hervorgesucht hatte, zu beantworten.

Sie legte diese Fragen nicht mit weiblicher Zerstreutheit und nicht nach der Eingebung einer augenblicklichen Laune, das eine oder das andere zu wissen, sondern energisch und ungeduldig vor, und wenn Oblomow schwieg, strafte sie ihn mit einem langen, prüfenden Blick. Wie erzitterte er bei diesem Blick!

– Warum sagen Sie nichts, warum schweigen Sie? – fragte sie. – Man könnte meinen, daß Sie sich langweilen.

– Ach! – sagte er, wie aus einer Ohnmacht erwachend, – wie liebe ich Sie!

– Wirklich? Und wenn ich nicht gefragt hätte, würde es gar nicht danach ausschauen.

– Ja, fühlen Sie denn wirklich nicht, was in mir vorgeht? – begann er. – Wissen Sie, es fällt mir sogar schwer, zu sprechen. Da hier . . . geben Sie Ihre Hand, stört mich etwas, es scheint, als ob hier etwas liegt, das schwer wie ein Stein ist, wie es bei tiefem Unglück geschieht. Ist es nicht seltsam, daß im Leiden und im Glück sich im Organismus derselbe Proceß abspielt: es ist so schwer zu athmen, daß es fast schmerzt, und man will weinen! Wenn ich weinen könnte, würden mich die Thränen ebenso wie im Unglück erleichtern . . .

Sie blickte ihn schweigend an, wie um seine Worte zu controlieren und damit, was auf seinem Gesichte stand, zu vergleichen, und dann lächelte sie; die Prüfung hatte sie befriedigt. Und ihr Gesicht athmete Glück aus, aber ein so friedliches, daß es unmöglich schien, es durch irgendetwas zu stören. Man sah, daß nichts ihre Brust bedrückte und daß es darin ebenso schön war, wie in der Natur an diesem stillen Morgen.

– Was geht mit mir vor? – wandte sich Oblomow sinnend gleichsam an sich selbst.

– Soll ichʼs sagen?

– Sagen Sie.

– Sie sind . . . verliebt.

– Ja, natürlich! – bestätigte er, indem er ihre Hand von der Arbeit fortriß, sie nicht küßte, sondern die Finger nur fest an seine Lippen preßte und lange so zu halten beabsichtigte.

Sie versuchte, sie leise fortzuziehen, doch er hielt sie fest.

– Lassen Sie mich los, es ist genug! – sagte sie.

– Und Sie? – fragte er – Sind Sie nicht verliebt . . .

– Verliebt – nein . . . ich kenne das nicht und fürchte es; ich liebe Sie! – sagte sie und blickte ihn lange und sinnend an, als ob sie auch sich prüfte, ob sie ihn thatsächlich liebte.

– Lie . . . ben! – sprach Oblomow. – Aber lieben kann man ja die Mutter, den Vater, die Kindsfrau, sogar ein Hündchen; das alles deckt sich mit dem gemeinschaftlichen Sammelnamen »lieben«, wie mit einem alten . . .

– Schlafrock? – sagte sie lachend – Apropos, wo ist Ihr Schlafrock?

– Was für ein Schlafrock? Ich habe gar keinen gehabt. Sie blickte ihn mit einem vorwurfsvollen Lächeln an.

– Sie meinen den alten Schlafrock! – sagte er – Ich warte, meine Seele ist vor Ungeduld zu hören erstarrt, wie aus Ihrem Herzen das Gefühl aufwallen wird, wie Sie dieses Aufwallen benennen werden, und Sie, . . Gott sei mit Ihnen, Oljga! Ja, ich bin in Sie verliebt, und sage, daß es ohne das keine eigentliche Liebe gibt; man verliebt sich weder in den Vater, noch in die Mutter, noch in die Kindsfrau, sondern man liebt sie . . .

– Ich weiß nicht, – wiederholte sie, fast flüsternd, sich wieder in sich selbst vertiefend und suchte zu erfassen, was in ihr vorgieng. – Ich weiß nicht, ob ich in Sie verliebt bin; wenn es nicht der Fall ist, dann ist vielleicht der richtige Augenblick noch nicht gekommen; ich weiß nur das eine, daß ich weder den Vater, noch die Mutter, noch die Kindsfrau so geliebt habe . . .

– Was ist denn dabei für ein Unterschied? Fühlen Sie etwas Besonderes? – fragte er beharrlich.

– Wollen Sie das wissen? – fragte sie schelmisch.

– Ja, ja, ja! Haben Sie denn gar kein Bedürfnis, sich auszusprechen?

– Und warum wollen Sie es wissen?

– Um jeden Augenblick davon zu leben: heute, die ganze Nacht und morgen, bis ich Sie wiedersehe . . . Ich lebe nur davon . . .

– Sehen Sie, Sie müssen den Vorrath Ihrer Zärtlichkeit jeden Tag erneuern; das ist der Unterschied zwischen einem Verliebten und einem Liebenden. Ich . . .

– Sie? . . . – fragte er ungeduldig.

– Ich liebe anders, – sagte sie, sich mit dem Rücken an die Bank anlehnend und mit den Augen den treibenden Wolken folgend. – Ich langweile mich ohne Sie; es thut mir leid, Sie für kurze Zeit zu verlassen und es schmerzt mich, wenn es für lange Zeit ist. Ich habe ein- für allemal erfahren und gesehen, daß Sie mich lieben, ich glaube daran und bin glücklich, wenn Sie mir auch nie mehr wiederholen würden, daß Sie mich lieben. Ich kann nicht mehr und anders lieben.

»Das klingt wie Cordelias Worte!« dachte Oblomow, Oljga voll Leidenschaft anblickend.

– Wenn Sie sterben würden, – sprach sie nach einer Weile weiter, – würde ich ewig nach Ihnen Trauer tragen und würde nie im Leben wieder lächeln. Wenn Sie eine andere lieben, werde ich nicht murren und Ihnen nicht fluchen, sondern werde Ihnen im stillen Glück wünschen . . Für mich ist die Liebe dasselbe, wie . . . das Leben, und das Leben . . .

Sie suchte nach einem Ausdruck.

– Was ist denn das Leben Ihrer Ansicht nach?

– Das Leben ist eine Pflicht, folglich ist auch die Liebe eine Pflicht; mir ist, als hätte Gott sie mir geschickt, – sprach sie zu Ende, indem sie die Augen zum Himmel erhob, – und mir zu lieben befohlen.

– Cordelia! – sagte Oblomow laut. – Und sie ist einundzwanzig Jahre alt. Also das ist Ihrer Ansicht nach die Liebe! – fügte er nachdenklich hinzu.

– Ja, und ich glaube genügend Kraft zu haben, um das ganze Leben lang zu lieben. Eines ist ohne das andere unmöglich!

»Wer hat ihr denn das eingeflößt?« dachte Oblomow, sie beinahe mit Andacht anblickend. »Sie hat ja diesen einfachen und klaren Begriff vom Leben nicht auf dem Wege der Erfahrung, nicht durch Qualm, Flammen und Rauch erworben.«

– Und gibt es lebendige Freuden, gibt es Leidenschaften? – fragte er.

– Ich weiß nicht, – antwortete sie, – ich habe sie nicht empfunden und verstehe nicht, was das ist.

– O, wie ich es jetzt verstehe!

– Vielleicht werde auch ich das mit der Zeit empfinden, vielleicht werde auch ich dieselben Aufwallungen haben wie Sie und vielleicht werde auch ich Sie bei unseren Begegnungen anblicken und nicht daran glauben, daß Sie vor mir sind . . . Und das muß sehr komisch sein! – fügte sie fröhlich hinzu. – Was für Augen Sie manchmal machen; ich glaube, ma tante bemerkt es.

– Worin besteht denn für Sie das Glück der Liebe, – fragte er, – wenn Sie jene Freuden nicht kennen, die ich empfinde? . . .

– Worin? Darin! – sagte sie, auf ihn, auf sich, auf die sie umgebende Einsamkeit hinweisend. – Ist denn das nicht das Glück, habe ich denn jemals so gelebt? Früher würde ich hier, zwischen diesen Bäumen, auch nicht eine Viertelstunde allein, ohne Buch, ohne Musik verbracht haben. Außer mit Andrej Iwanowitsch mit einem Manne zu sprechen, war für mich langweilig; ich wußte nicht wovon; ich dachte dabei immer daran, wie ich wohl wieder allein bleiben könnte . . . Und jetzt . . . ist es auch lustig zu zweit zu schweigen!

Sie ließ ihre Augen ringsherum, über die Bäume und über das Gras schweifen, richtete sie dann auf ihn, lächelte und streckte ihm die Hand hin.

– Wird es mich denn jetzt nicht schmerzen, wenn Sie fortgehen werden? – fügte sie hinzu, – werde ich mich denn nicht beeilen, schnell schlafen zu gehen, um einzuschlafen und die langweilige Nacht zu verkürzen? Werde ich denn morgen früh nicht zu Ihnen hinschicken? Werde. . . .

Mit jedem »werde« begann Oblomows Gesicht mehr zu strahlen und sein Blick füllte sich mit Licht!

– Ja, ja, – wiederholte er, – auch ich erwarte den Morgen, auch für mich zieht sich die Nacht endlos hin, auch ich werde morgen zu Ihnen hinschicken, nicht um etwas zu bestellen, sondern um einmal mehr Ihren Namen auszusprechen und zu hören, wie er klingt, um von den Dienstboten irgendeine Kleinigkeit von Ihnen zu erfahren und Sie zu beneiden, weil sie Sie schon gesehen haben. . . Wir denken, wir warten, leben und hoffen auf die gleiche Weise. Verzeihen Sie mir meine Zweifel, Oljga; ich gelange zu der Überzeugung, daß Sie mich anders lieben, als Ihren Vater, Ihre Tante, oder. . . .

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
Hacim:
750 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain