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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 21

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– ein Hündchen, – fügte sie hinzu. – Glauben Sie mir also, – schloß Sie, – wie ich Ihnen glaube, zweifeln Sie nicht, verderben Sie sich dieses Glück nicht mit leeren Zweifeln, sonst fliegt es davon. Wenn ich etwas als mein Eigenthum betrachte, gebe ich es nur dann her, wenn man es mir fortnimmt. Das weiß ich, trotzdem ich jung bin, aber. . . . Wissen Sie – sagte sie mit überzeugter Stimme, – ich habe während des Monates, seit ich Sie kenne, so viel gedacht und empfunden, als ob ich ein großes Buch im stillen und nach und nach durchgelesen hätte. . . . Zweifeln Sie also nicht. . . .

– Ich kann aber nicht – unterbrach er sie, – — verlangen Sie das nicht. Jetzt, in Ihrer Anwesenheit, bin ich beruhigt; Ihr Blick, Ihre Stimme, alles ist von Wahrheit und Sympathie erfüllt. Sie blicken mich an, als ob Sie sagten: Ich brauche keine Worte, ich verstehe es, in Ihren Blicken zu lesen. Wenn Sie aber nicht da sind, beginnt dasselbe qualvolle Spiel der Zweifel und Fragen, und ich muß wieder zu Ihnen hinlaufen, Sie wieder anblicken, um zu glauben. Was ist das?

– Und ich glaube Ihnen; warum denn?

– Wie sollten Sie denn nicht glauben! Vor Ihnen steht ein Wahnsinniger, der von Leidenschaft erfüllt ist! Sie können sich in meinen Augen wie in einem Spiegel sehen. Außerdem sind Sie zwanzig Jahre alt; schauen Sie sich an; kann denn ein Mann Ihnen begegnen, ohne sein Tribut der Bewunderung. . . . wenigstens mit einem Blicke zu zahlen? Wenn man Sie aber kennt, Ihnen zuhört, Sie lange anschaut, Sie liebt – o, da kann man verrückt werden! Und Sie sind so gleichmäßig, so ruhig; und wenn ein oder zwei Tage vergehen, ohne daß ich von Ihnen das »ich liebe Sie« höre. . . . dann beginnt hier ein Sturm. . . .

Er zeigte auf sein Herz.

– Ich liebe, ich liebe, ich liebe Sie, – da haben Sie Vorrath für drei Tage! – sagte sie, sich von der Bank erhebend.

– Sie scherzen immer, und wie ist es mir zumuthe! – sagte er seufzend, indem er mit ihr vom Berg herabstieg.

So spielte sich zwischen ihnen immer dasselbe Thema in verschiedenen Variationen ab. Die Begegnungen und Gespräche waren dasselbe Lied, dieselben Töne, dasselbe Licht, das hell brannte, nur brachen und zersplitterten sich seine Strahlen in rosa, grüne und gelbe und bebten in der sie umgebenden Atmosphäre. Jeder Tag und jede Stunde brachte neue Töne und Strahlen, doch es war dasselbe Licht und es erklang immer dieselbe Melodie. Er und sie lauschten diesen Tönen, fiengen sie auf und beeilten sich, das was jeder hörte, dem andern vorzusingen, ohne zu ahnen, daß morgen andere Töne und andere Strahlen erscheinen würden und am nächsten Tage vergessend, daß das Singen gestern anders gewesen war. Sie kleidete die Ergüsse ihres Herzens in die Farben, die in ihrer Phantasie in dem gegenwärtigen Augenblick leuchteten, glaubte daran, daß sie der Wirklichkeit entsprachen und beeilte sich in ihrer unschuldigen und unbewußten Eitelkeit vor den Augen ihres Freundes herrlich geschmückt zu erscheinen. Er glaubte noch mehr an diese Zaubertöne, an das wunderbare Leuchten, und bestrebte sich vor ihr mit seiner Leidenschaft gerüstet zu erscheinen, und ihr den ganzen Glanz und die ganze Macht des seine Seele verzehrenden Feuers zu zeigen. Sie logen weder sich selbst, noch einander an; sie gaben nur das wieder, was das Herz ihnen sagte, aber seine Stimme drang durch die Phantasie hindurch zu ihnen. Im Grunde war es Oblomow gar nicht darum zu thun, daß Oljga als Cordelia erschien und dieser Gestalt treu blieb oder daß sie einen neuen Weg wählte und sich in eine andere Gestalt verwandelte, wenn sie nur in jenen Farben und Strahlen erschien, in denen sie in seinem Herzen wohnte, wenn es ihm nur wohl dabei war. Und auch Oljga erkundigte sich nicht zuerst, ob ihr zärtlicher Freund den Handschuh aufheben würde, wenn sie ihn in einem Löwenrachen geworfen hätte. Ob er sich ihretwegen in den Abgrund zu stürzen wagte, wenn sie nur die Symptome dieser Leidenschaft sah, wenn er nur ihrem Mannesideale treu blieb, dem Ideal eines Menschen, der durch sie zum Leben erwacht war, wenn nur von dem Strahle ihres Blickes und von ihrem Lächeln das Feuer der Lebenslust in ihm erwachte und er nicht aufhörte, das Ziel seiner Existenz in ihr zu sehen. Und darum spiegelte sich in der für einen Augenblick aufgestiegenen Gestalt Cordelias und im Feuer von Oblomows Leidenschaft nur ein einziger Augenblick, nur ein einziger vergänglicher Athemzug, nur ein einziger Morgen und ein einziges launiges Muster der Liebe wieder. Und morgen, morgen leuchtete etwas anderes, das vielleicht ebenso schön, aber trotzdem anders war, auf! . . .

X

Oblomow befand sich im Zustand eines Menschen, der soeben dem Untergang der Sommersonne mit den Augen gefolgt ist und ihre rothen Spuren bewundert, ohne den Blick vom Abendroth zu wenden, ohne nach rückwärts zu schauen, wo die Nacht herabsinkt und nur an die morgige Rückkehr der Wärme und des Lichtes denkt. Er lag auf dem Rücken und genoß den letzten Wiederhall des gestrigen Beisammenseins. »Ich liebe, ich liebe, ich liebe,« klang es noch in seinen Ohren, viel schöner als Oljgas Gesang. Auf ihm ruhten noch die letzten Strahlen ihres tiefen Blickes. Er suchte dessen Bedeutung zu erforschen und den Grad ihrer Liebe zu bestimmen, und begann schon in Schlaf zu sinken, als plötzlich . .

Am nächsten Tag stand Oblomow bleich und düster auf; auf seinem Gesicht waren die Spuren einer schlaflosen Nacht zu lesen; die Stirne war voller Furchen; in den Augen war kein Feuer und kein Wunsch. Das Selbstbewußtsein, der frische, belebte Blick, die mäßige, bewußte Schnelligkeit der Bewegungen eines beschäftigten Menschen, alles war verschwunden. Er trank träge Thee, rührte kein einziges Buch an, setzte sich nicht an den Tisch, sondern rauchte nachdenklich eine Cigarre an und setzte sich auf das Sofa. Früher würde er sich hingelegt haben, aber jetzt war er es nicht mehr gewohnt, und es zog ihn nicht einmal zum Kissen hin; aber er stützte sich darauf mit dem Ellbogen, ein Anzeichen, das auf seine frühere Lebensweise hindeutete. Er war mißgestimmt, seufzte manchmal, zuckte plötzlich die Achseln und schüttelte betrübt den Kopf. In ihm arbeitete etwas angestrengt, es war aber nicht die Liebe. Oljgas Gestalt ist vor ihm, doch sie scheint in der Ferne, im Nebel und ohne Strahlen zu schweben, als wäre sie ihm fremd; er blickt sie schmerzlich an und seufzt.

»Man soll leben wie Gott befiehlt und nicht wie man will, das ist eine weise Regel, aber. . .« Er sann nach. »Ja, man kann nicht so leben, wie man will – das ist klar,« begann in ihm eine düstere trotzige Stimme zu sprechen: »Man kommt in ein Chaos von Widersprüchen hinein, die kein Menschenverstand, wie tief und kühn er auch sein mag, lösen kann! Gestern hat man etwas gewünscht, strebt heute leidenschaftlich bis zur Ermattung zum Gewünschten hin und erröthet übermorgen, weil man gewünscht hat, verwünscht das Leben, weil der Wunsch in Erfüllung gegangen ist – das kommt beim selbständigen und dreisten Schreiten durchs Leben, beim eigenmächtigen »ich will!« heraus. Man muß vorsichtig vorwärts gehen, bei vielem die Augen schließen und nicht vom Glück träumen, nicht zu murren wagen, weil es entschwindet – das ist das Leben! Wer hat sich ausgedacht, daß es Glück und Genuß ist? Die Thoren! Das Leben ist das Leben, »die Pflicht,« sagte Oljga und eine Pflicht ist schwer. Wollen wir also unsere Pflicht erfüllen. . . .« Er seufzte. »Ich werde Oljga nicht mehr sehen. . . Mein Gott, Du hast mir die Augen geöffnet und mich auf meine Pflicht hingewiesen,« sagte er, auf den Himmel schauend. »Wo soll ich denn die Kraft hernehmen? Sich von ihr trennen! Jetzt geht es noch, wenn es auch weh thut, dafür werde ich mir später nicht fluchen, sie nicht verlassen zu haben? Es wird gleich jemand von ihr kommen, sie wollte herschicken. . . . Sie erwartet das nicht. . . .«

Aus was für einem Grunde? Welcher Wind hatte Oblomow plötzlich angeweht? Was für Wolken hatte er gebracht? Und warum legte er sich ein so trauriges Joch auf? Er hatte ja erst gestern in Oljgas Seele geblickt und dort eine lichte Welt und ein lichtes Schicksal gesehen, er hatte ihr und sein Horoskop gelesen. Was war denn geschehen? Er hatte gewiß abends gegessen oder er war auf dem Rücken gelegen, und die poetische Stimmung hatte solchen Schrecken gemacht. Es kommt oft vor, daß man im Sommer an einem stillen, wolkenlosen Abend, bei glitzernden Sternen einschläft und daran denkt, wie schön morgen das Feld in den hellen Morgentönen erscheinen wird! Und wie lustig es sein wird, sich in das Walddickicht vor der Hitze zu verstecken. . . . Und plötzlich erwacht man beim Rieseln des Regens und sieht graue, traurige Wolken; es ist kalt und feucht. . . Oblomow hatte des Abends wie gewöhnlich dem Klopfen seines Herzens gelauscht und sich in die Analyse seines Glückes vertieft, und plötzlich war er auf einen bitteren Tropfen gestoßen und hatte sich vergiftet. Das Gift wirkte stark und schnell. Er ließ im Geiste sein ganzes Leben an sich vorübergleiten; Reue und zu spätes Bedauern seiner Vergangenheit stiegen zum hundertstenmale in ihm auf. Er stellte sich vor, was er jetzt wäre, wenn er rüstig vorwärts schreiten würde, um wie vielseitiger und inhaltsreicher sein Leben sich gestaltet hätte, wenn er thätig wäre, und gieng zur Frage über, wie Oljga ihn lieben konnte, wofür? War das kein Irrthum? – tauchte es in ihm wie ein Blitz auf, und dieser Blitz hatte ihn ins Herz getroffen und es zerstört.

Er stöhnte: »Ein Irrthum! Ja. . . das ist es!« wälzte sich der furchtbare Gedanke durch seinen Kopf. »Ich liebe, ich liebe, ich liebe« – ertönte es plötzlich in seiner Erinnerung und das Herz begann sich zu erwärmen, doch dann erkaltete es wieder. Und was war dieses dreifache »Ich liebe« von Oljga? Eine Täuschung ihrer Augen, das tückische Flüstern des noch feiernden Herzens; keine Liebe, sondern nur eine Vorahnung von Liebe. Diese Stimme würde einst erwachen und so mächtig ertönen, in einen solchen Accord ausklingen, daß die ganze Welt erbeben würde. Selbst die Tante und der Baron würden es erfahren, und der Klang dieser Stimme würde einen lauten Wiederhall wecken! Jenes Gefühl würde nicht so still wie ein Bach vorwärtsschreiten, der sich im Grase verbirgt und kaum hörbar plätschert. Sie liebt jetzt ebenso wie sie auf Canevas stickt. Das Muster kommt langsam und träge zum Vorscheine, sie rollt es noch träger auf, bewundert es, legt es dann fort und vergißt daran. Ja, das war nur eine Vorbereitung zur Liebe, ein Experiment, und er war ein Object, das ihr zuerst unterkam und zu einem gelegentlichen Versuche ganz tauglich war. . . Ein Zufall hatte sie zueinander geführt und sie einander nahe gebracht. Sie hätte ihn nicht bemerkt; Stolz hatte ihr auf ihn hingewiesen und das junge, empfängliche Herz mit seiner Theilnahme angesteckt, in ihr war Mitleid mit seiner Lage und der eitle Wunsch erwacht, den Schlaf von seiner trägen Seele abzuschütteln, um ihn dann zu verlassen. »So ist es also!« sprach er entsetzt, sich vom Bette erhebend und mit zitternder Hand die Kerze anzündend. »Es ist und war nichts anderes! Sie war zur Empfängnis der Liebe bereit, ihr Herz wartete gespannt, sie ist ihm zufällig begegnet und hat sich ihm irrthümlicherweise zugewendet. . . Es brauchte nur ein anderer zu erscheinen und sie würde entsetzt und ernüchtert ihren Irrthum einsehen! Wie würde sie ihn dann anblicken und sich abwenden. . . Das wäre furchtbar! Ich stehle fremdes Gut. Ich bin ein Dieb! Was thue ich? Was thue ich? Wie verblendet ich bin – o Gott!«

Er blickte in den Spiegel, er war blaß und gelb, seine Augen waren trüb. Er dachte an jene glücklichen Jünglinge, die einen feuchten, sinnenden, aber tiefen und mächtigen Blick mit dem zitternden Funken im Auge hatten, wie sie, die ein siegesbewußtes Lächeln, einen so rüstigen Gang und eine klangvolle Stimme besaßen. Und er würde es erleben, daß so einer erschien, sie würde plötzlich Feuer fangen, ihn anblicken und. . . auslachen!

Er blickte wieder in den Spiegel. »Solche liebt man nicht!« sagte er.

Dann legte er sich hin und preßte das Gesicht ans Kissen. »Lebʼ wohl, Oljga, sei glücklich!« schloß er.

– Sachar! – rief er des Morgens. – Wenn jemand von Iljinskys mich holen kommt, sage, daß ich nicht zu Hause bin, daß ich in die Stadt gefahren bin.

– Zu Befehl!

»Nein. . . Ich schreibe ihr lieber,« sagte er zu sich selbst, »sonst wird es ihr wunderlich erscheinen, daß ich plötzlich verschwunden bin. Eine Erklärung ist unvermeidlich.«

Er setzte sich an den Tisch und begann rasch, leidenschaftlich und mit fieberhafter Schnelligkeit zu schreiben, ganz anders, als er Anfang Mai an seinen Hausherrn geschrieben hatte. Es kam kein einzigesmal eine unangenehme und zu nahe Begegnung zweier »welcher« und »daß« vor.

»Es wundert Sie, Oljga Sjergejewna, (schrieb er) statt meiner diesen Brief zu sehen, da wir so oft zusammenkommen. Lesen Sie bis zu Ende und Sie werden sehen, daß ich nicht anders handeln konnte. Wir hätten mit diesem Briefe beginnen sollen, dann wären uns beiden in Zukunft viele Gewissensbisse erspart; es ist aber auch jetzt nicht zu spät. Wir haben einander so plötzlich und schnell liebgewonnen, als ob wir beide plötzlich erkrankt wären, und das hat mich daran verhindert, früher zur Besinnung zu kommen. Wer würde übrigens, ganze Stunden lang, Ihren Anblick genießend und Ihnen lauschend, gutwillig die schwere Pflicht, sich vom Zauber zu ernüchtern, auf sich nehmen? Wo könnte man einen genügenden Vorrath an Vorsicht und Willenskraft ansammeln, um bei jedem Abhange stehen zu bleiben und sich nicht herablocken zu lassen? Ich habe jeden Tag gedacht: »Ich lasse mich nicht weiter hinreißen, ich bleibe stehen; es hängt ja von mir ab,« und ich habe mich hinreißen lassen und jetzt beginnt ein Kampf, in dem ich Ihren Beistand fordere. Ich habe erst heute in dieser Nacht begriffen, wie schnell meine Füße herabgleiten; es ist mir erst gestern gelungen, tiefer in den Abgrund zu schauen, in den ich falle, und ich habe beschlossen, stehen zu bleiben. Ich spreche nicht aus Egoismus immer von mir, sondern weil Sie, während ich in der Tiefe dieses Abgrundes liegen werde, immer noch wie ein reiner Engel in der Höhe schweben und wohl schwerlich einen Blick hineinwerfen werden wollen. Hören Sie mich an, ich sage es Ihnen einfach und geradeheraus, ohne alle Anspielungen. Sie lieben mich nicht und können mich nicht lieben. Hören Sie auf meine Erfahrenheit und glauben Sie mir unbedingt. Mein Herz hat ja schon längst zu schlagen begonnen, wenn sein Schlag auch falsch und unregelmäßig sein mochte, doch gerade das hat mich gelehrt, sein regelrechtes Schlagen von einem zufälligen zu unterscheiden. Sie können nicht, aber ich kann und muß wissen, wo die Wahrheit und wo die Verirrung ist, und es ist meine Pflicht, denjenigen, der noch nicht Zeit hatte es zu erfahren, zu warnen. Und ich warne Sie also: Sie haben sich verirrt; blicken Sie zurück! Solange die Liebe uns in Gestalt einer unbestimmten, lächelnden Vision erschien, solange sie in Casta diva erklang und im Dufte eines Fliederzweiges, in der unausgesprochenen Theilnahme, im schüchternen Blicke vor uns schwebte, vertraute ich ihr, indem ich sie für ein Spiel der Phantasie und ein Flüstern der Eitelkeit hielt. Doch jetzt ist das Spiel zu Ende; ich bin an der Liebe erkrankt und fühle die Symptome von Leidenschaft in mir. Sie sind nachdenklich und ernst geworden. Sie widmen mir Ihre freie Zeit; Ihre Nerven sind gespannt; Sie sind aufgeregt und dann, d.h. jetzt erst bin ich erschrocken und habe gefühlt, daß mir die Pflicht, stehen zu bleiben und zu sagen, was das ist, zufällt. Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie liebe, und Sie erwidern dieses Gefühl – hören Sie, was für einen Mißklang das ergibt? Hören Sie es nicht? Dann werden Sie es später hören, wenn ich mich schon im Abgrunde befinden werde. Schauen Sie mich an, denken Sie sich in mein Leben hinein. Können Sie mich denn lieben, lieben Sie mich denn? »Ich liebe, ich liebe, ich liebe!« haben Sie gestern gesagt. Nein, nein, nein! antworte ich überzeugt. Sie lieben mich nicht, aber Sie lügen nicht – beeile ich mich hinzuzufügen – Sie betrügen mich nicht; Sie können nicht »Ja« sagen, wenn in Ihnen ein »Nein« erklingt. Ich will Ihnen nur beweisen, daß Ihr jetziges »ich liebe« keine wahre Liebe ist, sondern eine zukünftige; das ist nur ein unbewußtes Bedürfnis zu lieben, das in Ermangelung von wirklicher Nahrung, von echtem Feuer als ein falsches Licht ohne Wärme brennt, das sich bei manchen Frauen in Zärtlichkeit Kindern gegenüber oder einfach in Thränen oder hysterischen Anfällen äußert. Ich hätte Ihnen gleich am Anfange streng sagen sollen: »Sie haben sich geirrt; vor Ihnen steht nicht derjenige, den Sie erwartet und von dem Sie geträumt haben. Warten Sie, er wird kommen, und dann werden Sie erwachen. Sie werden sich Ihres Irrthums schämen und sich darüber ärgern, und mir wird dieser Ärger und diese Scham weh thun,« – das hätte ich Ihnen sagen sollen, wenn ich von Natur aus weitsichtiger und muthiger und endlich aufrichtiger wäre. Ich habe es Ihnen gesagt, aber Sie werden sich noch erinnern wie: mit Angst, Sie könnten es glauben und das könnte eintreffen; ich habe Ihnen im voraus alles gesagt, was Ihnen später die andern sagen könnten, um Sie darauf vorzubereiten, nicht zuzuhören und nicht zu glauben, und dabei habe ich mich beeilt, Sie zu sehen und gedacht: »Wer weiß, wann der andere kommt, vorläufig bin ich glücklich.« So ist die Logik der Liebe und der Leidenschaften!

Jetzt denke ich schon anders. Was wird sein, wenn ich mich an Sie gewöhnen werde, wenn es für mich nicht mehr ein Luxus, sondern eine Nothwendigkeit sein wird, Sie zu sehen, wenn die Liebe sich an mein Herz festkrallen wird (es ist kein Zufall, daß ich darin eine Verhärtung fühle)? Wie soll ich mich dann losreißen? Wie werde ich dann diesen Schmerz überleben? Wie wird es mir dann zumuthe sein? Ich kann schon jetzt nicht ohne Entsetzen daran denken. Wenn Sie älter wären und mehr Erfahrung hätten, würde ich mein Glück segnen und Ihnen für immer die Hand reichen. Aber so. . .

Warum schreibe ich denn? Warum bin ich denn nicht einfach Ihnen sagen gekommen, daß der Wunsch, Sie zu sehen, in mir mit jedem Tage wächst, daß ich Sie aber nicht sehen darf? Urtheilen Sie selbst, ob mein Muth ausreichen würde, Ihnen das ins Gesicht zu sagen! Ich will Ihnen ja manchmal etwas Ähnliches sagen, ich sage aber etwas ganz anderes. Vielleicht würde sich über Ihr Gesicht Traurigkeit ausbreiten (wenn es wahr ist, daß Sie sich mit mir nicht gelangweilt haben) oder Sie hätten meine guten Absichten nicht verstanden und wären beleidigt. Ich würde weder das eine, noch das andere ertragen haben, würde wieder etwas ganz anderes gesagt haben und meine ehrlichen Vorsätze würden zerstieben und mit der Verabredung, uns am nächsten Tage zu treffen, enden. Jetzt, ohne Sie, ist es ganz anders. Ich sehe Ihre sanften Augen und Ihr gutes, anmuthiges Gesichtchen nicht vor mir; das Papier duldet alles und schweigt, und ich schreibe ruhig (ich lüge): wir werden uns nicht mehr sehen (ich lüge nicht). Ein anderer hätte hinzugefügt: ich schreibe und ströme vor Thränen über, doch ich posiere vor Ihnen nicht und schmücke mich nicht mit meiner Trauer, denn ich will den Schmerz nicht verstärken, das Mitleid und die Trauer nicht noch verschärfen. Diese Pose birgt in sich gewöhnlich die Absicht, im Boden des Gefühles tiefer Wurzeln zu fassen, während ich sowohl in Ihnen als in mir dessen Keim ersticken will. Die Thränen ziemen auch nur entweder Verführern, welche die unbedachte Eitelkeit der Frauen mit Phrasen ködern wollen, oder sentimentalen Träumern. Ich sage das, indem ich mich von Ihnen wie von einem guten Freunde verabschiede, dem man bei Antritt einer weiten Reise das Geleite gibt. In drei Wochen, in einem Monate wäre es zu spät, zu schwer. Die Liebe macht unglaubliche Fortschritte, das ist ein seelischer Brand. Ich bin auch jetzt gar nicht mehr wiederzuerkennen, rechne nicht mehr nach Stunden und Tagen, nach Sonnenaufgang und -untergang, sondern danach, ob ich Sie gesehen habe oder nicht, ob ich Sie sehen werde oder nicht, ob Sie gekommen sind oder nicht und ob Sie kommen werden. . . . Das alles steht der Jugend gut, die angenehme oder unangenehme Erregungen leicht erträgt; und mir ziemt Ruhe, wenn sie auch langweilig und schläfrig ist, doch sie ist mir vertraut, und mit Stürmen werde ich nicht fertig.

Viele würden sich über meine Handlung wundern. Warum flieht er? sagen sie; andere werden mich auslachen, ich bin auch darauf gefaßt. Wenn ich einmal entschlossen bin, Sie nicht mehr zu sehen, bin ich zu allem bereit.

Mich tröstet in meiner tiefen Trauer der Gedanke, daß diese kurze Episode unseres Lebens mir für immer eine so reine, duftige Erinnerung zurücklassen wird, daß sie allein ausreichen wird, mich nicht in den früheren Schlaf der Seele zurücksinken zu lassen und Ihnen wird sie, ohne Ihnen zu schaden, als Leitfaden in Ihrer künftigen, normalen Liebe dienen. Leben Sie wohl, Sie Engel, fliegen Sie schnell fort, wie ein erschrockener Vogel vom Zweige fortfliegt, auf den er sich irrthümlich gesetzt hat, ebenso leicht, frisch und lustig, wie er.«

Oblomow schrieb voll Begeisterung; die Feder flog über die Seiten hin. Seine Augen leuchteten, seine Wangen glühten. Der Brief wurde lang wie alle Liebesbriefe; die Liebenden sind furchtbar geschwätzig.

»Seltsam! Jetzt ist es mir nicht mehr traurig und schwer ums Herz,« dachte er, »ich bin beinahe glücklich. . . Warum? Wahrscheinlich, weil ich die Last von meiner Seele in den Brief hineingelegt habe.«

Er las nochmals den Brief, legte ihn zusammen und versiegelte ihn.

– Sachar! – sagte er, – wenn der Diener kommt, gib ihm diesen Brief für das Fräulein mit.

– Zu Befehl, – sagte Sachar.

Oblomow war thatsächlich fast fröhlich geworden. Er zog die Füße auf das Sofa hinauf und fragte sogar, ob etwas zum Frühstück da wäre. Er aß zwei Eier und rauchte eine Cigarre an. Sein Herz und sein Kopf arbeiteten, er lebte. Er stellte sich vor, wie Oljga den Brief erhalten, wie sie erstaunen würde und was für ein Gesicht sie beim Lesen machen würde. Was würde dann sein?. . . Er genoß die Perspective dieses Tages, das Neue in der Situation. . . Er lauschte mit Herzklopfen dem Knarren der Thüre, ob der Diener nicht schon da war und ob Oljga nicht schon den Brief las. . .

Nein, im Vorzimmer war alles still.

»Was hat das zu bedeuten?« dachte er unruhig, – »niemand war da; wieso denn?«

Eine heimliche Stimme flüsterte ihm gleich zu: »Warum beunruhigst Du Dich? Das ist ja gerade recht, wenn Du jeden Verkehr abbrechen willst!« Doch er erstickte diese Stimme.

Nach einer halben Stunde war es ihm gelungen, Sachar, der mit einem Kutscher auf dem Hofe saß, ins Zimmer zu rufen.

– War niemand da? fragte er.

– Es war jemand da, – antwortete Sachar.

– Und was hast Du gesagt?

– Ich habʼ gesagt, daß Sie nicht da sind, daß Sie in die Stadt gefahren sind.

Oblomow öffnete weit die Augen.

– Warum hast Du denn das gesagt? fragte er. – Was habe ich Dir zu sagen befohlen, wenn der Diener kommt?

– Es war ja nicht der Diener da, sondern das Stubenmädchen, – antwortete Sachar mit unerschütterlichem Gleichmuth.

– Und hast Du den Brief abgegeben?

– Nein. Sie haben ja befohlen, zuerst zu sagen, daß Sie nicht zu Hause sind und dann den Brief abzugeben. Wenn der Diener kommt, gebe ich ihm den Brief.

– Nein, nein, Du. . . Du bist einfach ein Mörder! Wo ist der Brief? Gib ihn her!

Sachar brachte den Brief, der schon ziemlich verschmiert war.

– Waschʼ Dir Deine Hände und nimm Dich in acht! – sagte Oblomow zornig, auf einen Fleck hinweisend.

– Ich habe reine Hände, – gab Sachar, zur Seite blickend, zur Antwort.

– Anissja! Anissja! – rief Oblomow.

Anissja steckte ihren halben Körper aus dem Vorzimmer herein.

– Schau, was Sachar macht! – beklagte er sich bei ihr.

– Da hast Du den Brief und gib ihn dem Diener oder dem Stubenmädchen, die von Iljinskys kommen, sie möchten ihn dem Fräulein geben, hörst Du?

– Ich höre, Väterchen. Geben Sie ihn mir, bitte, ich richte es schon aus.

Sowie sie aber ins Vorzimmer kam, riß ihr Sachar den Brief aus der Hand.

– Gehʼ, gehʼ, – schrie er, – nimm Deine Frauenzimmerarbeit vor!

Nach einiger Zeit kam das Stubenmädchen. Sachar machte ihr die Thür auf, und Anissja wollte unterdessen auf sie zugehen, doch Sachar blickte sie wüthend an.

– Was hast Du hier zu suchen? – fragte er heiser.

– Ich wollte nur zuhören, wie Du. . .

– Ruhig! – donnerte er, auf sie mit dem Ellbogen zielend, – Du fängst auch an?

Sie lachte und gieng, schaute aber aus dem Nebenzimmer zu, ob Sachar das, was der Herr angeordnet hatte, auch erfüllte.

Als Ilja Iljitsch den Lärm hörte, lief er selbst heraus.

– Was willst Du, Katja?

– Das Fräulein hat zu fragen befohlen, wohin Sie gefahren sind, und Sie sind ja gar nicht weggefahren, Sie sind ja zu Hause! Ich werde es dem Fräulein melden, – sagte sie und wollte fortlaufen.

– Ich bin zu Hause. Der da lügt immer, – sagte Oblomow. – Da, gib dem Fräulein den Brief!

– Zu Befehl, ich trage ihn hin!

– Wo ist das Fräulein jetzt?

– Das Fräulein ist ins Dorf gegangen und hat mir zu übergeben befohlen, Sie möchten gegen zwei Uhr in den Garten kommen, wenn Sie mit dem Buche fertig sind – Sie gieng.

»Nein, ich gehe nicht. . . wozu soll ich meine Gefühle aufreizen, wenn alles beendet sein muß?« . . . dachte Oblomow, die Richtung nach dem Dorfe einschlagend.

Er sah aus der Ferne, wie Oljga über den Berg gieng, wie Katja sie einholte und ihr den Brief gab; dann sah er, wie Oljga einen Augenblick stehen blieb, den Brief anschaute, nachsann, dann Katja zunickte und in die Parkallee gieng.

Oblomow gieng um den Berg herum, trat von der anderen Seite in die Allee und als er sie bis zu ihrer Mitte durchschritten hatte, setzte er sich ins Gras zwischen das Gebüsch und wartete. »Sie wird hier vorübergehen,« dachte er, »ich werde nur unbemerkt schauen, was mit ihr ist und entferne mich dann für immer.«

Er erwartete klopfenden Herzens ihre Schritte. Nein, es war still. In der Natur herrschte reges Leben; um ihn herum wurde unsichtbar und unmerklich gearbeitet, während alles in feierlicher Ruhe dazuliegen schien. Unterdessen bewegte sich, kroch und wimmelte alles im Grase. Da laufen Ameisen geschäftig und eilig nach verschiedenen Seiten hin, sie stoßen aufeinander, weichen einander aus, eilen, genau so, wie wenn man von einer Höhe auf irgendeinen Markt der Menschen herabschaut;  dieselben Haufen, dasselbe Gedränge, dasselbe Hin- und Herrennen des Volkes. Hier summt eine Hummel über eine Blume und kriecht in ihren Kelch hinein; dort umringt ein Fliegenschwarm einen Tropfen, der aus der Ritze einer Linde hervorgequollen ist; jetzt wiederholt ein Vogel irgendwo vom Dickicht immer denselben Ton, er ruft vielleicht einen andern. Hier eilen zwei Schmetterlinge, nebeneinander wie im Walzer durch die Luft schwirrend, an den Baumstämmen vorbei. Das Gras duftet stark; aus ihm ertönt ein unaufhörliches Zirpen . . .

Was hier für ein Trubel ist! dachte Oblomow, der ununterbrochenen Bewegung folgend und den einzelnen Geräuschen der Natur lauschend: und von außen ist alles so still und ruhig! . . .

Es waren noch immer keine Schritte zu hören. Endlich, jetzt . . . – Ach! – seufzte Oblomow, die Zweige leise auseinanderschiebend. – Sie ist es, sie . . . Was ist das? Sie weint! O Gott! Oljga ging langsam und wischte sich mit dem Tuch die Tränen ab; aber sowie sie sie getrocknet hatte, erschienen neue. Sie schämte sich, verschluckte sie, wollte sie sogar vor den Bäumen verbergen, es gelang ihr aber nicht. Oblomow hatte Oljga noch nie weinen gesehen; er hatte ihre Tränen nicht erwartet, und sie verbrannten ihn gleichsam, aber so, daß es ihm dabei nicht heiß, sondern warm wurde.

Er folgte ihr schnell.

– Oljga, Oljga! – sagte er zärtlich ihr folgend.

Sie fuhr zusammen, schaute sich um, blickte ihn erstaunt an, wandte sich dann um und ging weiter.

Er schritt neben ihr her.

– Sie weinen! – sagte er.

Ihre Tränen strömten noch heftiger, sie konnte sie nicht mehr zurückhalten, preßte sich das Tuch ans Gesicht, brach in Schluchzen aus und setzte sich auf die Bank, die sie fand.

– Was hab' ich getan! – flüsterte er entsetzt, indem er ihre Hand ergriff und sie vom Gesicht fortreißen wollte.

– Lassen Sie mich, – sagte sie, – gehen Sie! Warum sind Sie hier? Ich weiß, daß ich nicht weinen darf, weswegen denn? Sie haben recht; ja, alles kann vorkommen.  – Was soll ich denn thun, damit diese Thränen aufhören? – fragte er, vor ihr niederknieend, – sprechen Sie, befehlen Sie, ich bin zu allem bereit. . .

– Sie haben meine Thränen verursacht, und es steht nicht in Ihrer Macht sie zu stillen. . . Sie sind nicht so stark! Lassen Sie mich! – sagte sie, sich mit dem Tuch ins Gesicht fächelnd.

Er sah sie an und überschüttete sich im Geiste mit Verwünschungen.

»Der unglückselige Brief!« sprach er voll Reue.

Sie öffnete ihren Arbeitskorb, nahm den Brief heraus und reichte ihn ihm.

– Nehmen Sie, – sagte sie, – und tragen Sie ihn fort, damit ich nicht noch länger weinen muß, wenn ich ihn sehe.

Er versteckte ihn schweigend in die Tasche und saß mit gesenktem Kopf da.

– Sie werden wenigstens meinen Absichten Gerechtigkeit widerfahren lassen, Oljga? – sprach er leise, – das ist ein Beweis, wie theuer mir Ihr Glück ist.

– Ja, sehr theuer! – sagte sie seufzend. – Nein, Ilja Iljitsch, Sie haben es mir wahrscheinlich nicht gegönnt, daß ich ein so stilles Glück genoß und Sie haben sich beeilt, dieses Glück zu trüben.

– Zu trüben! Sie haben also meinen Brief nicht gelesen? Ich werde ihn wiederholen. . . .

– Ich habe ihn nicht zu Ende gelesen, weil meine Augen sich mit Thränen gefüllt haben; ich bin noch dumm! Ich habe aber das übrige errathen: wiederholen Sie nicht, damit ich nicht mehr zu weinen brauche. . .

Die Thränen tropften wieder herab.

– Sage ich mich denn nicht deshalb von Ihnen los, – begann er, – weil ich Ihr Glück in der Zukunft sehe und mich ihm zum Opfer bringe?. . . Thue ich es denn ruhig? Weint denn nicht alles in mir? Warum thue ich es denn?

– Warum? – wiederholte sie, hörte plötzlich zu weinen auf und wandte sich zu ihm um, – aus demselben Grunde, aus dem Sie sich jetzt ins Gebüsch versteckt haben; um zu sehen, ob ich weinen werde und wie ich es thue – darum! Wenn Sie aufrichtig das wollten, was im Briefe steht, wenn Sie überzeugt wären, daß wir uns trennen müssen, würden Sie ins Ausland reisen, ohne mich wiedergesehen zu haben.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
Hacim:
750 s. 1 illüstrasyon
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