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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 27
IV
Er sagte Oljga, er hätte mit dem Bruder der Hausbesitzerin gesprochen und fügte unter anderem hinzu, er hoffe, die Wohnung noch diese Woche zu übergeben.
Vor dem Essen machte Oljga mit der Tante einen Besuch, während Oblomow in der Nähe Wohnungen suchte. Er war in zwei Häusern; in dem einen fand er eine Wohnung, die aus vier Zimmern bestand und viertausend Rubel kostete, und im zweiten Hause verlangte man für fünf Zimmer sechstausend Rubel.
»Entsetzlich, entsetzlich!« sagte er, sich die Ohren zuhaltend und von den erstaunten Hausbesorgern fortlaufend. Nachdem er zu diesen Summen über tausend Rubel hinzugefügt hatte, die er der Pschenizin bezahlen mußte, hatte er vor Angst keine Zeit zu addieren, beschleunigte seine Schritte und lief zu Oljga hin. Dort war Gesellschaft. Oljga war angeregt, sie sprach, sang und machte Furore. Nur Oblomow hörte zerstreut zu, und sie sprach und sang nur für ihn, damit er die Nase nicht hängen ließ und die Lider nicht senkte, damit alles in ihm unaufhörlich redete und sang.
– Komm morgen ins Theater, wir haben eine Loge, – sagte sie.
»Abends bei diesem Schmutz und so weit!« dachte er, als er ihr aber in die Augen blickte, beantwortete er ihr Lächeln mit einem Lächeln der Beistimmung.
– Abonniere Dich auf einen Parquetsitz, – fügte sie hinzu. – Nächste Woche kommen die Majewskys; ma tante hat sie in unsere Loge eingeladen.
Und sie sah ihm in die Augen, um zu erfahren, wie sehr er sich freute.
»Mein Gott!« dachte er entsetzt. »Und ich habe nur dreihundert Rubel.«
– Bitte den Baron darum, er ist dort mit allen bekannt und wird Dir gleich morgen einen Sitz besorgen.
Und sie lächelte wieder; auch er blickte sie lächelnd an und bat ebenfalls lächelnd den Baron. Dieser willigte auch lächelnd ein, die Karte holen zu lassen.
– Jetzt sitzt Du im Parquet, und später, wenn Du alles erledigt hast, – fügte Oljga hinzu, – wirst Du schon das Recht haben, einen Platz in unserer Loge einzunehmen.
Jetzt lächelte sie so, wie sie es that, wenn sie ganz glücklich war. Ach, welch ein Glück lächelte ihn plötzlich an, als Oljga den Schleier der berückenden Ferne, die mit ihrem Lächeln wie mit Blumen geschmückt war, lüftete! Oblomow vergaß sogar an das Geld; erst als er am nächsten Morgen das Paket des Bruders an den Fenstern vorbeihuschen sah, erinnerte er sich an die Vollmacht und bat Iwan Matwejewitsch, dieselbe behördlich bestätigen zu lassen. Dieser las das Document, erklärte, dasselbe enthalte einen undeutlichen Punkt und schlug vor, denselben zu erläutern. Das Document wurde umgeschrieben, endlich bestätigt und auf die Post geschickt. Oblomow theilte das triumphierend Oljga mit und beruhigte sich für lange Zeit. Er freute sich, daß er bis zum Eintreffen der Antwort keine Wohnung zu suchen brauchte und daß er das Geld nach und nach ausgeben konnte. »Man könnte ja auch hier wohnen,« dachte er, »aber es ist von allem so weit, sonst herrscht bei ihnen im Hause ja strenge Ordnung, und die Wirtschaft wird ausgezeichnet geführt. . .«
Die Wirtschaft wurde in der That ausgezeichnet geführt. Trotzdem Oblomow besondere Küche führte, wachte doch das Auge der Hausfrau auch über seinem Essen. Als Ilja Iljitsch eines Tages in die Küche trat, traf er Agafja Matwejewna fast in einer Umarmung mit Anissja an. Wenn es eine Sympathie der Seelen gibt, wenn verwandte Herzen einander schon aus der Ferne wittern, wurde das noch nie so augenscheinlich bewiesen, wie durch die Sympathie von Agafja Matwejewna und Anissja füreinander. Sie hatten sich gegenseitig gleich beim ersten Blick, beim ersten Wort und bei der ersten Bewegung begriffen und abgeschätzt. Agafja Matwejewna hatte aus Anissjas Handgriffen, als sie mit einem Schürhaken und einem Fetzen bewaffnet, mit aufgestreiften Ärmeln die seit einem halben Jahre nicht geheizte Küche in Ordnung brachte, daraus, wie sie auf einen Ruck mit dem Besen die Wände, die Küchenbretter und den Tisch abstaubte, wie weit sie mit dem Kehrbesen auf dem Fußboden und den Bänken ausholte, und daraus, wie schnell sie den Ofen von Asche reinigte, ersehen, was Anissja wert war und was für eine große Hilfe sie ihr in ihren häuslichen Arbeiten sein konnte. Sie schloß sie seit dem Augenblicke in ihr Herz ein. Und als Anissja nur einmal gesehen hatte, wie Agafja Matwejewna in der Küche herrschte, wie sie mit ihren Falkenaugen ohne Brauen jede ungeschickte Bewegung der plumpen Akulina auffieng, wie sie ihr die Befehle, herauszunehmen, hinzustellen, zu wärmen, zu salzen, zudonnerte, wie sie auf dem Markt auf den ersten Blick und höchstens bei der Berührung mit dem Finger, ohne sich zu irren, entschied, wie viel Monate ein Huhn alt war, ob der Fisch lange todt war und wann die Petersilie oder der Salat vom Beet gepflückt wurde, erhob Anissja zu ihr erstaunt und voll ehrfurchtsvoller Angst die Augen und beschloß, daß sie selbst ihren Beruf verfehlt habe, daß das Feld ihrer Thätigkeit sich nicht in Oblomows Küche befand, wo ihre Schnelligkeit, die stets rastlose, fieberhafte Nervosität ihrer Bewegungen nur darauf gerichtet war, einen von Sachar herabgeworfenen Teller oder ein Glas im Fluge aufzufangen und wo ihre Erfahrenheit und die Feinheit ihrer Combination durch den finsteren Neid und den rohen Hochmuth ihres Mannes unterdrückt wurden. Die beiden Frauen hatten einander begriffen und wurden unzertrennlich. Wenn Oblomow außer Hause speiste, blieb Anissja in der Küche der Hausfrau und stürzte sich aus Liebe zur Kunst aus einer Ecke in die andere, stellte die Töpfe hin und nahm sie heraus, öffnete fast in ein und demselben Augenblick den Schrank, nahm etwas heraus und schloß ihn früher, als Akulina zu begreifen Zeit hatte, worum es sich handelte. Dafür wurde Anissja durch ein Mittagessen, durch sechs Tassen Kaffee des Morgens und ebensovielen Tassen des Abends, durch ein offenherziges langes Gespräch und manchmal durch ein vertrauliches Geflüster der Hausfrau entlohnt. Wenn Oblomow zu Hause aß, half die Hausfrau Anissja, d.h. sie zeigte ihr mit Worten und mit dem Finger, ob es Zeit oder noch zu früh sei, den Braten herauszunehmen, ob man der Sauce ein wenig Rothwein oder Rahm beimengen sollte, und ob der Fisch so oder anders zu kochen war. . . . Und o Gott, was für Kenntnisse tauschten sie nicht nur auf dem Gebiete der Kochkunst, sondern auch in wirtschaftlichen Fragen aus, was die Behandlung der Leinwand, des Zwirns, das Nähen, das Waschen der Wäsche und der Kleider, das Putzen der Blonden, der Spitzen und Handschuhe, das Ausnehmen von Flecken aus verschiedenen Stoffen, sogar den Gebrauch verschiedener Hausmittel und Kräuter betraf, sie theilten einander alles mit, was die Beobachtung, der Verstand und die Erfahrungen von Jahrhunderten in einer gewissen Sphäre des Lebens angehäuft haben.
Ilja Iljitsch stand des Morgens um neun Uhr auf, sah manchmal am Gitter des Zaunes das Paket unter dem Arm des ins Amt gehenden Bruders vorüberhuschen und begann zu frühstücken. Der Kaffee war noch immer so schmackhaft, das Obers noch immer so dicht, die Semmeln ebenso gut ausgebacken und knusprig. Dann nahm er eine Cigarre und hörte aufmerksam zu, wie laut die Bruthenne gackerte, wie die Küchlein piepsten und wie die Kanarienvögel und die Zeisige sangen. Er ließ sie nicht forttragen. »Sie erinnern an das Dorf, an Oblomowka,« sagte er. Dann setzte er sich hin und las die auf dem Lande begonnenen Bücher zu Ende, manchmal legte er sich mit dem Buche bequem auf das Sofa hin. Es herrschte eine ideale Stille, nur manchmal gieng irgendein Soldat oder ein Häufchen Bauern mit Hacken im Gürtel vorüber. Sehr selten kam ein Hausierer in die abgelegene Straße und begann, vor dem Gitterzaun stehend, eine halbe Stunde lang: »Äpfel, Astrachaner Melonen« auszurufen, so daß man ihm ohne es zu wollen etwas abkaufte. Manchmal kam zu ihm die Tochter der Hausfrau, Mascha, und übergab, die Mutter ließe ihm sagen, man hätte Pfefferschwämme und Brätlinge gebracht, ob man ihm nicht ein Körbchen voll kaufen sollte; oder er rief ihren Sohn Wanja zu sich, fragte ihn, was er lernte, ließ ihn vorlesen oder schreiben und paßte auf, ob er gut las und schrieb. Wenn die Kinder die Thür nicht schlossen, sah er den nackten Hals und die sich immerwährend bewegenden und an ihm vorbeihuschenden Ellbogen und den Rücken der Hausfrau. Sie war immer bei der Arbeit, sie bügelte, stieß oder rieb immer etwas auf dem großen Tische. Er trat manchmal mit dem Buche an die Thür heran, schaute zur Hausfrau herein und knüpfte mit ihr ein Gespräch an.
– Sie sind immer bei der Arbeit! – sagte er ihr einmal.
Sie lächelte und begann wieder eifrig den Griff der Kaffeemühle zu drehen, wobei ihr Ellbogen so schnelle Kreise beschrieb, daß es Oblomow vor den Augen flimmerte.
– Sie werden ja müde werden, – fuhr er fort.
– Nein, ich bin es gewohnt, – antwortete sie, mit der Mühle rasselnd.
– Und was machen Sie, wenn Sie keine Arbeit haben?
– Wieso, wenn ich keine Arbeit habe? Es gibt immer zu thun; vormittags muß ich das Mittagessen vorbereiten, nachmittags nähe ich und abends muß man an das Abendbrot denken.
– Essen Sie denn Abendbrot?
– Wie könnte man denn ohne Abendbrot auskommen? Vor einem Feiertag gehen wir zur Abendmesse.
– Das ist gut, – lobte Oblomow, – in welche Kirche gehen Sie?
– Zu Christi Geburt. Das ist unsere Pfarre.
– Und lesen Sie etwas? Sie blickte ihn stumpf an und schwieg.
– Haben Sie Bücher? – fragte er.
– Der Bruder hat welche, er liest sie aber nicht. Wir nehmen im Gasthaus Zeitungen, dann liest der Bruder manchmal vor. . . . und Wanitschka hat viele Bücher.
– Ruhen Sie denn nie aus?
– Bei Gott, niemals!
– Gehen Sie auch nicht ins Theater?
– Der Bruder geht zu den Feiertagen hin.
– Und Sie?
– Wann sollte ich denn? Was würde dann mit dem Abendbrot sein? – fragte sie, ihn von der Seite anblickend.
– Die Köchin könnte ja ohne Sie. . . .
– Akulina! – entgegnete sie erstaunt, – wie geht denn das? Wie sollte sie ohne mich fertig werden! Ich habe auch alle Schlüssel.
Sie schwiegen. Oblomow bewunderte ihre vollen, runden Arme.
– Wie schön Ihre Arme sind, – sagte er plötzlich, – man könnte sie sofort malen!
Sie lächelte und schämte sich ein wenig.
– Es ist unbequem in Ärmeln zu arbeiten, – rechtfertigte sie sich, – man trägt ja jetzt solche Kleider, daß man sich bei der Arbeit die ganzen Ärmel beschmutzt.
Sie schwieg. Oblomow auch.
»Ich mahle nur den Kaffee fertig,« murmelte die Hausfrau, »dann werde ich Zucker hacken. Daß ich nur nicht vergesse, Zimmt holen zu lassen.«
– Sie sollten heiraten, – sagte Oblomow, – Sie sind eine gute Hausfrau!
Sie lächelte und begann den Kaffee in einen großen gläsernen Behälter zu schütten.
– Wirklich! – fügte Oblomow hinzu.
– Wer heiratet mich denn mit den Kindern? – antwortete sie und begann etwas im Geiste auszurechnen.
– Zwei Dutzend. . . . – sagte sie sinnend, – wird sie denn das alles verbrauchen? – Sie stellte den Kaffee in den Schrank und lief in die Küche hin.
Und Oblomow gieng in sein Zimmer und begann zu lesen.
»Was für eine frische und gesunde Frau das ist und wie gut sie zu wirtschaften versteht! Sie sollte wirklich heiraten. . . .« sprach er zu sich selbst und vertiefte sich in den Gedanken. . . . an Oljga.
Bei schönem Wetter setzte Oblomow den Hut auf und besichtigte die Gegend; dabei gerieth er oft in den Straßenkoth oder machte die unangenehme Bekanntschaft von Hunden und kehrte nach Hause zurück. Dort fand er schon einen gedeckten Tisch und schmackhafte, appetitlich servierte Gerichte vor. Manchmal erschien in der Thür eine Hand mit einem Teller und man bat ihn, die Piroge der Hausfrau zu kosten. »Es ist hier still und angenehm, aber langweilig!« sagte Oblomow, während er in die Oper fuhr.
Als er eines Tages aus dem Theater spät nach Hause kam klopfte er mit dem Kutscher fast eine Stunde lang am Thor. Der Hund verlor vom Bellen und Zerren an der Kette die Stimme. Oblomow war ganz erfroren und zornig und erklärte, er würde gleich am nächsten Tag ausziehen. Doch es vergiengen zwei, drei Tage und dann eine Woche, ohne daß er seine Drohung verwirklichte. Er langweilte sich sehr, wenn er an den festgesetzten Tagen Oljga nicht sah, ihre Stimme nicht hörte, in ihren Augen nicht die gleiche, unveränderliche Liebe, Zärtlichkeit und das gleiche Glück las. Dafür lebte er an den von ihr bestimmten Tagen wie im Sommer, konnte sich an ihrem Gesang nicht satt hören, oder sah ihr in die Augen; und vor Zeugen genügte ihm ein einziger Blick von ihr, der allen gegenüber gleichgiltig war, ihm aber tief und bedeutungsvoll erschien. Je näher aber der Winter kam, desto seltener wurden ihre Zusammenkünfte unter vier Augen. Zu Iljinskys kamen Gäste, und es gelang Oblomow ganze Tage nicht, mit ihr auch nur zwei Worte zu sprechen. Sie tauschten Blicke aus. Oljgas Blicke waren manchmal von Müdigkeit und Ungeduld erfüllt.
Sie blickte alle Gäste mit gerunzelten Brauen an. Oblomow langweilte sich sogar ein paarmal und ergriff einmal nach dem Essen seinen Hut.
– Wohin? – fragte Oljga erstaunt, sofort neben ihm auftauchend und versuchte seinen Hut an sich zu reißen.
– Lassen Sie mich nach Hause. . .
– Warum? – fragte sie. Ihre eine Braue war höher als die andere. – Was werden Sie machen?
– Ich meinte nur so. . . – sagte er, und konnte die Augen vor Schläfrigkeit nur mit Mühe offen halten.
– Wer wird es Ihnen denn erlauben? Wollen Sie vielleicht schlafen gehen? – fragte sie ihn streng, zuerst in das eine und dann in das andere Auge blickend.
– Was fällt Ihnen ein! – entgegnete Oblomow lebhaft, – bei Tag schlafen! Ich langweile mich einfach.
Und er gab ihr den Hut.
– Heute gehen wir ins Theater! – sagte sie.
– Nicht in dieselbe Loge! – fügte er seufzend hinzu.
– Was macht denn das? Und ist es denn nicht wert, daß wir einander sehen, daß Du im Zwischenact hereinkommst, nach dem Schluß auf mich wartest, mir den Arm reichst und mich zum Wagen hinbegleitest?. . . Fahren Sie nur nach Hause! – fügte sie befehlend hinzu. – Das wäre ja etwas ganz neues!
Er konnte nichts dagegen thun; er fuhr ins Theater, gähnte, als wollte er auf einmal die ganze Bühne verschlingen, kratzte sich im Nacken und schlug die Füße übereinander.
»Ach, wenn das bald zu Ende wäre, wenn ich neben Dir sitzen könnte, ohne mich so weit hinzuschleppen!« dachte er. »Wie ist es möglich, daß ich sie nach einem solchen Sommer nur ab und zu heimlich sehen soll, und die Rolle eines verliebten Knaben spielen muß. . . . Aufrichtig gesagt, würde ich heute nicht ins Theater fahren, wenn ich verheiratet wäre. Ich höre diese Oper schon zum sechstenmal. . .«
Im Zwischenact gieng er in Oljgas Loge und drängte sich mit Mühe zwischen zwei Gecken bis zu ihr hin. Nach fünf Minuten schlich er sich fort und blieb am Eingang ins Parquett im Gedränge stehen. Der Act hatte begonnen, und alle eilten auf ihre Plätze. Die Gecken aus Oljgas Loge waren auch da und bemerkten Oblomow nicht.
– Was für ein Herr war soeben in Iljinskys Loge? – fragte der eine den anderen.
– Das ist. . . . ein gewisser Oblomow! – antwortete der andere nachlässig.
– Wer ist er denn?
– Ein Gutsbesitzer, ein Freund von Stolz.
– Ah! – sagte der andere mit Nachdruck, – ein Freund von Stolz. Was macht er denn da?
– Dieu sait! – antwortete der andere, und alle nahmen ihre Plätze ein. Doch dieses nichtige Gespräch hatte Oblomow ganz verwirrt.
»Was für ein Herr . . ein gewisser Oblomow. . . was macht er da. . . Dieu sait« das alles hämmerte in seinem Kopf. »Ein gewisser! Was ich hier thue? Wieso denn? Ich liebe Oljga; ich bin ihr. . . In der Gesellschaft scheint aber schon die Frage aufzusteigen, was ich hier thue? Man hat es bemerkt. . . . Ach, mein Gott! Was ist denn da zu thun. . .?«
Er sah nicht mehr, was auf der Bühne vorgieng, was darauf für Ritter und Frauen erschienen. Das Orchester donnerte, er hörte es aber nicht. Er blickte nach allen Seiten hin und zählte, wieviel Bekannte im Theater waren. Hier, dort – alle sitzen, alle fragen: »Was für ein Herr ist in Oljgas Loge gewesen. . .« »Ein gewisser Oblomow!« sagen alle. Ja ich bin »ein gewisser!« dachte er ängstlich und traurig, »man kennt mich, weil ich der Freund von Stolz bin! Warum bin ich bei Oljga? – Dieu sait!. . . . Da, da, diese Gecken schauen mich an und blicken dann auf Oljgas Loge!« Er drehte sich nach der Loge um. Oljgas Opernglas war auf ihn gerichtet. »Ach du mein Gott!« dachte er, »und sie wendet keinen Blick von mir! Was hat sie nur an mir gefunden? Als ob ich etwas Außergewöhnliches wäre! Jetzt nickt sie mir zu und weist auf die Bühne hin!. . . Die Gecken lachen, scheint mir und sehen mich an. . . Gott, oh Gott!«
Er kratzte sich wieder erregt den Nacken und legte ein Bein überʼs andere. Sie lud die Gecken aus dem Theater zum Thee ein, versprach die Cavatine zu wiederholen und bat auch ihn zu kommen. »Nein, ich fahre heute nicht hin; ich muß meine Angelegenheiten schnell ordnen, und dann. . . warum schickt der Gutsnachbar nur keine Antwort?. . Ich wäre längst verreist und hätte mich vor der Abreise mit Oljga trauen lassen. . . Ach, und sie schaut mich immer an! Das ist ein wahres Unglück!« .
Er fuhr nach Hause, bevor die Oper zu Ende war. Dieser Eindruck verblaßte nach und nach, er blickte Oljga, wenn er mit ihr allein war, wieder vor Glück bebend an, hörte mit unterdrückten Thränen des Entzückens ihrem Gesang in Anwesenheit anderer zu, und wenn er nach Hause kam, legte er sich ohne Oljgas Wissen auf das Sofa hin, schlief aber nicht und lag nicht wie ein todter Klotz da, sondern träumte von ihr, stellte sich im Geiste sein Glück vor und blickte erregt in die Zukunft, die ihm ein friedliches, häusliches Leben versprach, in dem Oljga leuchten und alles um sich herum mit Glanz erfüllen würde. Wenn er sich mit der Zukunft beschäftigte, blickte er manchmal unwillkürlich und manchmal absichtlich in die halb geöffnete Thür hinein, wo sich die Ellbogen der Hausfrau bewegten.
Eines Tages herrschte in der Natur und im Hause vollkommene Stille; man hörte weder das Rasseln der Wagen, noch das Klopfen der Thüren; im Vorzimmer tickte gleichmäßig der Pendel der Uhr und sangen die Kanarienvögel; doch das störte die Stille nicht, sondern verlieh ihr eine gewisse Nuance von Leben. Ilja Iljitsch lag nachlässig auf dem Sofa, indem er mit dem Pantoffel spielte, den er auf den Boden warf, dann in die Luft hob, ihn dort herumdrehte und wenn er fiel, ihn mit dem Fuß vom Boden auffieng. . . Sachar kam herein und blieb an der Thür stehen.
– Was willst Du? – fragte Oblomow träge.
Sachar schwieg und schaute ihn nicht von der Seite, sondern fast gerade an.
– Nun? – fragte Oblomow, ihn erstaunt anblickend. – Ist vielleicht die Piroge fertig.
– Haben Sie eine Wohnung gefunden? – fragte Sachar ebenfalls.
– Nein. Warum?
– Ich habʼ noch nicht alles in Ordnung gebracht. Das Geschirr, die Kleider, die Koffer, das alles liegt noch in einem Haufen in der Kammer. Soll ich es durchsehen?
– Laß das noch, – sagte Oblomow zerstreut, – ich erwarte eine Antwort vom Gut.
– Die Hochzeit wird also nach Weihnachten sein? – fügte Sachar hinzu.
– Was für eine Hochzeit? – fragte Oblomow sich erhebend.
– Aber natürlich die Ihrige! – antwortete Sachar ruhig, als spräche er von einer längst beschlossenen Sache. – Sie heiraten ja.
– Ich hei— ra— ten! Wen? – fragte Oblomow entsetzt, Sachar mit den erstaunten Augen verschlingend.
– Das Iljinskyʼsche Fräu. . . . – Sachar war noch nicht zu Ende, und Oblomow war schon dicht vor ihm.
– Was hast Du, Du Unglücklicher, wer hat Dir diesen Gedanken eingeflößt? – rief Oblomow pathetisch, mit gesenkter Stimme aus, indem er Sachar immer näher rückte.
– Warum bin ich den unglücklich? Mir gehtʼs Gott sei Dank gut! – sagte Sachar zur Thür zurückweichend, – Wer? Iljinskys Leute haben es mir noch im Sommer gesagt.
– P— st!. . . . – zischte Oblomow ihn an, indem er den Finger hob und Sachar drohte. – Kein Wort mehr!
– Habʼ ich es denn ausgedacht? – sagte Sachar.
– Kein Wort mehr! – wiederholte Oblomow ihn zornig anblickend und zeigte ihm auf die Thür hin. Sachar gieng und seufzte, daß man es in allen Zimmern hörte.
Oblomow konnte gar nicht zur Besinnung kommen; er befand sich noch in derselben Stellung und blickte entsetzt denselben Fleck an, auf dem Sachar gestanden hatte, dann legte er sich verzweifelt die Hände auf den Kopf und setzte sich auf den Sessel.
»Die Leute wissen es!« wälzte es sich durch seinen Kopf. »Man klatscht schon in den Gesindestuben und Küchen! So weit ist es gekommen! Er hat zu fragen gewagt, wann die Hochzeit ist. Und die Tante ahnt noch gar nichts oder wenn sie es thut, ist es vielleicht etwas anderes, Böses. . . Oh, oh, oh, was sie sich wohl denkt! Und ich? Und Oljga? Ich Elender, was habe ich angerichtet!« sagte er, sich auf das Sofa mit dem Gesicht auf das Kissen legend. »Die Hochzeit! Dieser poetische Augenblick im Leben der Liebenden, die Krone des Glücks ist jetzt zum Gesprächsthema der Lakaien und der Kutscher geworden, während alles noch unentschieden ist, ich keine Antwort vom Gut habe, meine Brieftasche leer ist und ich keine Wohnung gefunden habe. . .«
Er begann den »poetischen Augenblick« zu analysieren, der, sowie Sachar davon zu sprechen begonnen hatte, plötzlich die Farben verlor. Oblomow betrachtete jetzt die Kehrseite der Sache, wälzt sich gequält von einer Seite auf die andere, legte sich auf den Rücken, sprang plötzlich auf, machte drei Schritte durch das Zimmer und legte sich wieder hin.
»Es wird dabei nichts gutes herauskommen!« dachte Sachar erschrocken im Vorzimmer, »warum habʼ ichʼs nur gesagt!«
»Woher wissen sie das?« sprach Oblomow, »Oljga hat geschwiegen, ich habe mich nicht einmal getraut, laut daran zu denken, und im Vorzimmer ist alles, alles schon beschlossen worden! Das kommt von den Begegnungen unter vier Augen, von der Poesie des Morgen- und Abendroths, von den leidenschaftlichen Blicken und dem berückenden Gesang! Oh, diese Liebespoeme enden nie gut! Man muß zuerst zur Trauung gehen und dann kann man in einer rosigen Atmosphäre schwimmen. . . . Mein Gott! Mein Gott! Ich müßte zur Tante hinlaufen, Oljgas Hand ergreifen und sagen, »das ist meine Braut!« es ist aber nichts fertig; ich habe aus dem Dorf keine Antwort, kein Geld und keine Wohnung! Nein, ich muß zuerst diesen Gedanken Sachar aus dem Sinn schlagen, den Klatsch wie ein Feuer auslöschen, damit er sich nicht verbreitet, damit es weder Flammen, noch Rauch gibt. . . Die Hochzeit! Was ist eine Hochzeit?. . .«
Er wollte lächeln, als ihm seine frühere poetische Vorstellung von der Hochzeit einfiel: der lange Schleier, der Orangeblumenzweig, das Flüstern der Menge. . . Doch es waren nicht mehr dieselben Farben: in derselben Menge befand sich der rohe, schmutzige Sachar, Iljinskys Dienstboten, eine Reihe von Kutschern, fremde, kalte, neugierige Gesichter. Jetzt schwebte ihm nur Langweiliges und Schreckliches vor. . .
»Ich muß Sachar diesen Gedanken aus dem Sinn schlagen, damit er ihn für einen Unsinn hält!« beschloß er, bald in krampfhafte Aufregung und bald in qualvolles Sinnen versinkend. Nach einer Stunde rief er Sachar. Sachar gab sich den Anschein, nichts zu hören und wollte sich schon heimlich in die Küche hinausschleichen. Er hatte schon geräuschlos die Thür geöffnet, konnte aber mit der Seite nicht in die eine Thürhälfte hineinfinden und schlug mit der Schulter so gegen die zweite an, daß beide Thürhälften sich donnernd öffneten.
– Sachar! – rief Oblomow befehlerisch.
– Was wünschen Sie? – antwortete Sachar aus dem Vorzimmer.
– Komm her!
– Soll ich auftragen? Sagen Sie nur, dann bringe ichʼs herein, – antwortete er.
– Komm her! – sagte Oblomow langsam und beharrlich.
– Ach, warum nur der Tod nicht kommt! – krächzte Sachar, ins Zimmer tretend.
– Nun, was wollen Sie? – fragte er, bei der Thür stehen bleibend.
– Komm daher! – sagte Oblomow mit feierlicher und geheimnisvoller Stimme, Sachar den Platz anweisend, auf dem er stehen bleiben sollte, doch dieser befand sich so nahe, daß er sich fast auf den Schoß des Herrn hätte setzen müssen.
– Wo soll ich denn hingehen? Es ist dort eng, ich höre auch von hier aus, – suchte Sachar nach Ausreden und blieb eigensinnig an der Thür stehen.
– Komm her, sagt man Dir! – wiederholte Oblomow drohend.
Sachar machte einen Schritt und blieb wie ein Monument stehen, indem er durch das Fenster auf die herumirrenden Hühner schaute und dem Herrn den bürstenähnlichen Backenbart zuwandte. Ilja Iljitsch hatte sich in der einen Stunde vor Aufregung verändert, sein Gesicht erschien abgemagert, seine Augen irrten unstet herum. »Nun, jetzt wäre es genug!« dachte Sachar und wurde immer düsterer.
– Wie konntest Du an Deinen Herrn eine so sinnlose Frage richten? – fragte Oblomow.
»Jetzt gehts los!« dachte Sachar, in der bangen Erwartung von »traurigen Worten« blinzelnd.
– Ich frage Dich, wie Dir ein solcher Unsinn einfallen konnte? – wiederholte Oblomow.
Sachar schwieg.
– Hörst Du, Sachar? Wieso erlaubst Du Dir nicht nur zu denken, sondern sogar zu sprechen?. . .
– Erlauben Sie, Ilja Iljitsch, ich werde lieber Anissja rufen. . . . – antwortete Sachar und wollte sich zur Thüre wenden.
– Ich will mit Dir und nicht mit Anissja sprechen. Warum denkst Du Dir solche Dummheiten aus?
– Ich habe mir nichts ausgedacht, die Iljinskyʼschen Dienstboten haben es mir gesagt.
– Und wer hat es ihnen gesagt?
– Woher soll ich denn das wissen! Katja hat es Sjemjon erzählt, Sjemjon Nikita, Nikita Wassilissa, Wassilissa Anissja und Anissja mir. . .
– O Gott, o Gott! Alle! – sagte Oblomow entsetzt. – Das alles ist Unsinn, Lüge und Verleumdung – hörst Du? – sagte Oblomow, mit der Faust auf den Tisch schlagend. – Das kann nicht sein!
– Warum kann denn das nicht sein? – unterbrach Sachar ihn gleichgiltig, – eine Hochzeit ist ja etwas Gewöhnliches! Nicht nur Sie allein, sondern alle heiraten. . .
– Alle! – sagte Oblomow. – Du möchtest mich immer mit anderen, mit allen vergleichen! Das kann nie möglich sein. Eine Hochzeit soll etwas gewöhnliches sein? Was ist eine Hochzeit?
Sachar versuchte es, Oblomow anzublicken, sah aber wüthend auf ihn gerichtete Augen, und wandte sich nach der Ecke rechts um.
– Höre zu, ich werde Dir erklären, was das ist. »Hochzeit, Hochzeit,« sagen die müßigen Leute, die Frauen und Kinder in den Gesindestuben, in den Geschäften und auf den Märkten. Der Mensch hört auf, Ilja Iljitsch oder Pjotr Petrowitsch zu heißen und wird »Bräutigam« genannt. Gestern hat ihn niemand auch nur anblicken wollen, und morgen glotzen ihn alle wie einen Hanswurst an. Er hat weder im Theater, noch auf der Straße Ruhe. »Da, da ist der Bräutigam!« flüstern alle. Und alle Menschen, die an ihn im Laufe des Tages herankommen, machen ein möglichst dummes Gesicht, so wie Du jetzt (Sachar wandte seinen Blick schnell wieder dem Hofe zu), und bestreben sich möglichst dumm zu sprechen, – fuhr Oblomow fort. – So schaut der Anfang aus! Dann muß man jeden Tag wie ein Verdammter des Morgens zur Braut hinfahren, immer strohgelbe Handschuhe und nagelneue Kleider tragen, darf nie gelangweilt ausschauen, darf nie ordentlich essen und trinken, sondern muß nur von der Luft und von Blumen leben! Das geht drei, vier Monate so fort! Siehst Du? Wie kann ich denn das?
Oblomow schwieg eine Weile und sah nach, ab diese Darstellung der Unbequemlichkeiten einer Heirat Sachar überzeugt hatte.
– Kann ich vielleicht schon gehen? fragte Sachar, sich zur Thür wendend.
– Nein, warte noch! Du verstehst Dich darauf, falsche Gerüchte zu verbreiten, erfahre also, warum sie falsch sind.
– Was soll ich denn da erfahren! – sagte Sachar, die Wände betrachtend.
– Du hast vergessen, wie viel sowohl der Bräutigam als auch die Braut herumlaufen und besorgen müssen, und wirst Du vielleicht zu den Schneidern, den Schustern und zum Möbelhändler hinlaufen? Ich kann mich ja nicht zerreißen. Alle in der Stadt werden es erfahren »Oblomow heiratet – haben Sie gehört? Istʼs möglich? Wen denn? Wer ist sie? Wann ist die Hochzeit? sagte Oblomow, die verschiedenen Stimmen nachahmend. – Man spricht von nichts anderem! Ich werde ja von Kräften kommen und davon allein bettlägerig werden, und Du sprichst von der Hochzeit!
Er blickte Sachar wieder an.
– Soll ich nicht Anissja rufen? – fragte Sachar.
– Wozu denn Anissja? Du und nicht Anissja hast diese unüberlegte Vermuthung ausgesprochen.
»Wofür straft mich der Herr heute?« flüsterte Sachar und seufzte so auf, daß sich sogar seine Schultern hoben.
– Und was das kostet! – fuhr Oblomow fort, – wo soll ich das Geld hernehmen? Hast Du gesehen, wie viel Geld ich habe? – fragte Oblomow fast drohend. – Und wo soll ich eine Wohnung bekommen? Ich muß hier tausend Rubel und für die andere Wohnung dreitausend Rubel zahlen und was die Einrichtung alles kostet! Dann ein Wagen, ein Koch, die Wirtschaft! Wo soll ich das hernehmen?
– Wieso heiraten denn andere, die dreihundert Seelen haben? – entgegnete Sachar und bereute es sofort, denn sein Herr wollte vom Sessel aufspringen und nahm schon einen Anlauf dazu.
– Du fängst wieder von den andern an? Nimm Dich in acht! – sagte er, mit dem Finger drohend, – die anderen wohnen in zwei, höchstens in drei Zimmern. Das Speisezimmer und der Salon sind zusammen; manche schlafen sogar dort; die Kinder sind daneben, das ganze Haus wird von einem Mädchen bedient. Die Gnädige geht selbst auf den Markt! Wird denn Oljga Sjergejewna auf den Markt gehen?
– Auf den Markt könnte ja ich gehen, – bemerkte Sachar.
– Weißt Du, wie viel Oblomowka jetzt trägt? – fragte Oblomow. Hörst Du, was der Dorfschulze schreibt? Das Einkommen ist »um zwei Tausend geringer«! Und man muß außerdem eine Straße bahnen, Schulen einrichten, nach Oblomowka fahren: man kann dort nicht wohnen, es ist noch kein Haus da. . . Was hast Du Dir dabei für eine Hochzeit ausgedacht?
Oblomow schwieg. Dieses furchtbare, trostlose Bild hatte ihn selbst entsetzt. Die Rosen, die Orangeblüten, das glanzvolle Fest, das bewundernde Flüstern der Menge – alles erlosch plötzlich. Er wechselte die Farbe und sann nach. Dann kam er allmählich zur Besinnung, schaute sich um und erblickte Sachar.
– Was willst Du? – fragte er düster.
– Sie haben mir ja dazustehen befohlen!
– Gehʼ! – sagte ihm Oblomow mit einer ungeduldigen Handbewegung. Sachar schritt rasch zur Thür hin.
