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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 28

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– Nein, warte! – befahl ihm Oblomow plötzlich.

– Bald soll ich gehen und bald warten! – brummte Sachar, sich an der Thür festhaltend.

– Wie hast Du es denn gewagt, solche sinnlose Gerüchte über mich zu verbreiten? fragte Oblomow erregt flüsternd.

– Wann habe ich es denn gethan, Ilja Iljitsch? Nicht ich, sondern die Iljinskyʼschen Dienstboten haben erzählt, daß unser Herr um das Fräulein angehalten hat. . .

– Pst!. . . zischte Oblomow, drohend die Hand schwenkend, – nie mehr ein Wort davon, hörst Du?

– Ich höre, – antwortete Sachar schüchtern.

– Wirst Du diesen Unsinn nicht mehr verbreiten?

– Nein, – antwortete Sachar leise, ohne auch nur die Hälfte der Worte zu verstehen, von denen er bloß wußte, daß sie »traurig« waren.

– Also gib acht: Sowie man Dich frägt, oder sowie Du darüber sprechen hörst, sage, daß es ein Unsinn ist, daß so etwas nie sein konnte und sein kann! – fügte Oblomow flüsternd hinzu.

– Zu Befehl, – sagte Sachar kaum hörbar. Oblomow wandte sich um und drohte ihm mit dem Finger. Sachar blinzelte mit seinen erschrockenen Augen und wollte sich auf den Fußspitzen der Thüre nähern.

– Wer hat zuerst davon gesprochen? – fragte Oblomow ihn einholend.

– Katja hat es Sjemjon gesagt, Sjemjon – Nikita, – flüsterte Sachar, – Nikita – Wassilissa. . .

– Und Du hast es allen ausgeplaudert! Wartʼ nur! – zischte Oblomow drohend. – Du verleumdest Deinen Herrn! He!

– Warum quälen Sie mich mit traurigen Worten? – sagte Sachar. – Ich werde Anissja rufen, die weiß alles. . .

– Was weiß sie? Sprich, sprich sofort!. . .

Sachar schritt augenblicklich durch die Thür und erreichte mit ungewöhnlicher Schnelligkeit die Küche.

– Stell die Pfanne hin und geh zum Herrn! – sagte er zu Anissja, ihr mit dem Daumen auf die Thür hinweisend. Anissja übergab die Pfanne Akulina, zog den Saum des Kleides aus dem Gürtel heraus, schlug sich mit den Händen auf die Schenkel, wischte sich mit dem Zeigefinger die Nase ab und gieng zum Herrn. Sie beruhigte Ilja Iljitsch in fünf Minuten, indem sie ihm sagte, niemand hätte von seiner Hochzeit gesprochen. Sie könnte es beschwören und sogar das Heiligenbild von der Wand herabnehmen, sie hörte es zum erstenmale; man hätte im Gegentheil von etwas ganz anderem gesprochen, nämlich daß der Baron das Fräulein heiraten wolle. . .

– Wieso der Baron? – fragte Ilja Iljitsch, plötzlich aufspringend, und ihm erstarrten außer dem Herzen die Hände und die Füße.

– Auch das ist ein Unsinn! – beeilte sich Anissja zu sagen, als sie sah, daß sie aus dem Regen in die Traufe gerathen war. – Das hat Katja nur Sjemjon gesagt, Sjemjon – Marfa, Marfa hat alles verdreht und es Nikita erzählt, und Nikita hat gesagt, daß es gut wäre, wenn euer Herr, Ilja Iljitsch, um das Fräulein anhielte. . .

– Was für ein Dummkopf dieser Nikita ist! – bemerkte Oblomow.

– Es ist wahr, daß er ein Dummkopf ist, – bestätigte Anissja. – Er sieht sogar dann, wenn er hinten auf der Kutsche sitzt, schläfrig aus. Wassilissa hat ihm ja auch nicht geglaubt, – sprach sie schnell weiter; – sie hätte ihr noch am Himmelfahrttag gesagt und Wassilissa hätte es von der Kindsfrau selbst erfahren, daß das Fräulein gar nicht ans Heiraten denke und daß es ganz unmöglich wäre, daß unser Herr sich nicht schon längst eine Braut gefunden hätte, wenn er heiraten wollte; sie hätte noch vor kurzem Samojlo gesehen, der hätte sogar darüber gelacht, daß da eine Heirat herauskommen könnte! Es sähe gar nicht nach einer Hochzeit, sondern eher nach einer Beerdigung aus, die Tante hätte immer Kopfschmerzen, und das Fräulein weinte und schwiege immer; man bereite im Hause auch gar keine Mitgift vor; das Fräulein hätte eine Menge ungestopfter Strümpfe, man nehme sich aber nicht einmal die Zeit, sie zu stopfen; man hätte auch vorige Woche das Silber versetzt. . .

»Man hat das Silber versetzt? Sie haben also auch kein Geld!« dachte Oblomow, die Wände entsetzt mit den Augen streifend und sie auf Anissjas Nase richtend, da sie nichts anderes hatte, auf das er seinen Blick richten konnte. Sie schien das alles nicht mit dem Munde, sondern mit der Nase zu sagen.

– Gib also acht, daß kein Unsinn gesprochen wird! – bemerkte Oblomow, ihr mit dem Finger drohend.

– Wie sollte ich denn über so was sprechen? Ich denke nicht einmal daran! – schnatterte Anissja, daß es klang, als spaltete sie Holzspäne. – Es wird auch gar nicht darüber gesprochen, ich höre es heute zum erstenmal, oder ich soll vor dem Antlitz des Herrn in die Erde sinken! Ich habe mich gewundert, als der Herr es mir gesagt hat, es hat mich erschreckt und ich habe sogar am ganzen Leibe gezittert! Wie ist denn das möglich? Was für eine Hochzeit? Niemand ist im Traum so etwas eingefallen. Ich spreche mit niemand über etwas, ich sitze immer in der Küche. Ich habe die Iljinskyʼschen Dienstboten seit einem Monat nicht gesehen und habe vergessen, wie sie heißen. Und mit wem sollte ich hier plaudern? Mit der Hausfrau spreche ich nur von der Wirtschaft; mit der Großmutter kann man nicht sprechen; sie hustet und hört schlecht. Akulina ist sehr dumm und der Hausbesorger ist ein Trunkenbold; es bleiben also nur die Kinder übrig. Worüber soll man mit ihnen sprechen? Ich habe sogar vergessen, wie das Fräulein ausschaut. . .

– Gut, gut! – sagte Oblomow ungeduldig und winkte ihr mit der Hand, sie sollte gehen.

– Wie kann man etwas sagen, wenn es nicht wahr ist! – sprach Anissja beim Fortgehen weiter. – Nikita hat ja vielleicht etwas gesagt, aber für Narren gibt es ja kein Gesetz. Ihr selbst fiele so etwas gar nicht ein; sie rackere sich den ganzen Tag ab, denkt man denn dann an so was? Gott weiß, was man sich da ausgedacht hat! Da hieng ja ein Heiligenbild an der Wand. . .– Und gleich darauf verschwand die sprechende Nase hinter der Thür, man hörte aber noch einige Zeit sprechen.

»So ist es also! Sogar Anissja sagt, daß es etwas ganz Unmögliches ist!« flüsterte Oblomow, die Hände faltend. »Das Glück, das Glück!« sagte er dann bitter. »Wie zerbrechlich und unverläßlich bist Du! Der Schleier, der Kranz, die Liebe, die Liebe! Und wo ist das Geld? Und wie soll man leben? Auch Dich muß man kaufen, o Liebe, Dich, das reine, natürliche Glück!«

Von diesem Augenblick an verließen Oblomow die Träume und die Ruhe. Er schlief schlecht, aß wenig und blickte alles zerstreut und düster an. Er hatte Sachar erschrecken wollen, und erschrak mehr als er, nachdem er in die praktische Seite der Frage betreffs der Hochzeit eingedrungen war und gesehen hatte, daß es zwar ein poetischer, aber zugleich auch ein realer, officieller Schritt in die eigentliche, ernste Wirklichkeit und in die Reihe der strengen Pflichten war. Und er hatte sich ja das Gespräch mit Sachar ganz anders vorgestellt; er erinnerte sich, wie feierlich er das Sachar mittheilen wollte, wie Sachar vor Freude aufschreien und sich ihm zu Füßen werfen sollte; er würde ihm dann fünfundzwanzig und Anissja zehn Rubel geben. . .

Er erinnerte sich an alles, an das Beben vor Glück, an Oljgas Hand, an ihren heißen Kuß. . . und er erstarrte: »Er ist verblaßt und verwelkt!« ertönte es in seinem Innern. Was sollte jetzt sein?. . .

V

Oblomow wußte nicht, mit was für einem Gesicht er vor Oljga erscheinen sollte und was sie einander sagen würden, und beschloß, sie am Mittwoch nicht zu besuchen, sondern am Sonntag zu kommen, wenn es dort viele Leute gab, und es ihnen nicht gelingen konnte, unter vier Augen zu sprechen. Er wollte ihr nicht vom dummen Klatsch erzählen, um sie nicht durch ein unverbesserliches Übel aufzuregen; es war aber schwer, nicht darüber zu sprechen. Er verstand es nicht, ihr gegenüber zu heucheln; sie würde ihm bestimmt alles entlocken, was er in den Tiefen seiner Seele verbarg.

Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, beruhigte er sich ein wenig und schrieb dem Nachbar, dem er die Vollmacht geschickt hatte, einen zweiten Brief, indem er ihn bat, die Antwort zu beschleunigen und dieselbe möglichst befriedigend zu gestalten. Dann begann er darüber nachzudenken, wie er dieses lange, unerträgliche Übermorgen verbringen sollte, das sonst durch Oljgas Anwesenheit, durch die unsichtbare Zwiesprache ihrer Seelen und durch ihren Gesang ausgefüllt wäre. Daß es Sachar eingefallen war, ihn zu so ungelegener Zeit aufzuregen! Er beschloß, zu Iwan Gerassimitsch hinzufahren und bei ihm zu essen, um diesen unerträglichen Tag möglichst wenig zu bemerken. Und bis Sonntag würde er Zeit haben, sich vorzubereiten und vielleicht würde bis dahin auch eine Antwort aus dem Gut eintreffen.

Das Übermorgen kam. Er wurde durch das wüthende Bellen und Zerren an der Kette des Hundes aufgeweckt. Jemand trat in den Hof und fragte etwas. Der Hausbesorger ließ Sachar kommen; dieser brachte Oblomow einen Brief, der mit der Stadtpost gekommen war.

– Von Fräulein Iljinsky – sagte Sachar.

– Woher weißt Du das? – fragte Oblomow zornig. – Das ist nicht wahr!

– Auf dem Land hat sie immer solche Briefe geschickt! – bestand Sachar auf seiner Meinung.

»Ob sie gesund ist? Was bedeutet das?« dachte Oblomow, den Brief öffnend.

»Ich will nicht bis Mittwoch warten (schrieb Oljga); ich langweile mich, wenn ich Sie so selten sehe, und ich erwarte Sie morgen um drei Uhr bestimmt im Sommergarten.«

Das war alles. Seine Seele wurde wieder von Unruhe aufgewühlt; er begann sich vor Aufregung, wie er mit Oljga sprechen und was für ein Gesicht er machen sollte, wieder herumzuwälzen. »Ich weiß nicht, ich kann nicht,« sagte er. »Ich müßte mich bei Stolz darüber erkundigen.«

Doch dann beruhigte er sich mit dem Gedanken, sie würde wahrscheinlich mit der Tante oder mit einer anderen Dame kommen, zum Beispiel mit Marja Sjemjonowna, die sie so liebte und sie nicht genug bewundern konnte. Er hoffte in ihrer Anwesenheit seiner Verlegenheit irgendwie Herr zu werden und bereitete sich vor, gesprächig und liebenswürdig zu sein. »Und was sie für eine Zeit festgesetzt hat, gerade um die Mittagsstunde!« dachte er, sich ein wenig träge dem Sommergarten nähernd.

Sowie er die lange Allee betreten hatte, sah er, wie sich eine verschleierte Frau von der Bank erhob und ihm entgegenkam. Er hielt sie keinesfalls für Oljga. Allein! Das war unmöglich! Sie würde sich dazu nicht entschlossen haben, sie hatte auch keinen Vorwand vom Hause fortzugehen. Aber. . . . es schien ihr Gang zu sein; ihre Füße bewegten sich so leicht und schnell, als machten sie keine Schritte, sondern als glitten sie hin; es war auch derselbe ein wenig nach vorne geneigte Hals und Kopf, als suchte sie mit den Augen immer etwas vor ihren Füßen. Ein anderer hätte nach dem Hut und dem Kleid beurtheilen können, wer das war, aber er war imstande, mit Oljga einen ganzen Morgen zu verbringen, ohne dann sagen zu können, was für ein Kleid und einen Hut sie getragen hatte. Im Garten war sonst fast niemand; ein älterer Herr spazierte eilig, wohl aus Gesundheitsrücksichten, herum, und es waren keine Damen, sondern zwei Frauen und eine Kindsfrau mit zwei vor Kälte blauen Kindern zu sehen. Die Blätter waren herabgefallen, man sah alles durch; die Krähen auf den Bäumen schrieen so unangenehm. Es war übrigens ein schöner, klarer Tag, und wenn man sich ordentlich einwickelte, war es warm. Die verschleierte Frau kam immer näher . . . »Sie istʼs!« sagte Oblomow und blieb, erschrocken und seinen Augen nicht trauend, stehen.

– Wieso bist Du hier? Was hast Du? – fragte er, ihre Hand ergreifend.

– Wie freue ich mich, daß Du gekommen bist, – sagte sie, ohne seine Fragen zu beantworten, – ich habe geglaubt, daß Du nicht kommen wirst und habe mich schon gefürchtet.

– Wieso, auf welche Weise bist Du hier? fragte er ganz verwirrt.

– Laß das! Was geht das Dich an? Was sind das für Fragen? Das ist langweilig! Ich wollte Dich sehen und bin gekommen. Das ist alles!

Sie drückte ihm fest die Hand und blickte ihn froh und sorglos an, indem sie den dem Schicksal geraubten Augenblick so sichtbar und offen genoß, daß er sie sogar beneidete, da er ihre lustige Stimmung nicht theilen konnte. Trotzdem er so besorgt war, vergaß er sich doch für eine Weile, als er ihr Gesicht von jenem Grübeln befreit sah, das ihre Brauen bewegte und die Falte auf ihrer Stirn bildete; jetzt erschien sie ohne diese ihn oft verwirrende, wunderbare Reife der Züge. Ja diesen Momenten athmete ihr Gesicht ein so kindliches Vertrauen dem Schicksal, dem Glück und ihm selbst gegenüber aus!. . . Sie war sehr anmuthig.

– Ach, wie froh, wie froh ich bin! – sagte sie, ihn lächelnd anblickend, – ich glaubte schon, daß ich Dich heute nicht mehr sehen würde. Über mich ist gestern plötzlich eine solche Traurigkeit gekommen, ohne daß ich weiß warum, und da habʼ ich Dir geschrieben. Bist Du froh?

Sie blickte ihm ins Gesicht.

– Warum bist Du heute so finster? Du schweigst? Du freust Dich nicht? Ich dachte, Du würdest vor Freude verrückt werden und Du scheinst statt dessen zu schlafen. Erwachen Sie, mein Herr, bei Ihnen ist Oljga.

Sie stieß ihn vorwurfsvoll leise von sich.

– Bist Du unwohl? Was hast Du? – ließ sie nicht nach.

– Nein, ich bin gesund und glücklich, – beeilte er sich zu sagen, damit man seiner Seele das Geheimnis nicht entlockte. – Es beunruhigt mich nur, daß Du allein. . . .

– Laß das meine Sorge sein, – sagte sie ungeduldig. – Wäre es denn besser, wenn ich mit ma tante gekommen wäre?

– Es wäre besser, Oljga. . . .

– Wenn ich das gewußt hätte, würde ich sie darum gebeten haben, – unterbrach ihn Oljga mit gekränkter Stimme, indem sie seine Hand aus der ihrigen freigab. – Ich dachte, es gäbe für Dich kein größeres Glück, als mit mir zu sein . . . .

– Das gibt es auch nicht und kann es nicht geben! Aber wie kannst Du denn allein. . . .

– Es ist nicht der Mühe wert, lange darüber zu sprechen; wollen wir lieber von etwas anderem anfangen. Hörʼ mal. . . . Ach, ich habe etwas sagen wollen und habe es vergessen. . . .

– Vielleicht, wie Du allein hergekommen bist? – begann er, unruhig nach den Seiten blickend.

– Ach nein! Du fängst wieder davon an; daß Dich das noch nicht langweilt! Was habe ich nur sagen wollen?. . . . Nun, das bleibt sich gleich, es wird mir später einfallen. Ach, wie schön es hier ist; alle Blätter sind abgefallen. Fouilles d'automne, erinnerst Du dich noch an Hugo? Dort ist die Sonne, die Newa. . . . gehen wir hin und fahren wir Boot. . . .

– Was fällt Dir ein? Es ist ja so kalt und ich habe nur den wattierten Überzieher an. . .

– Ich bin auch in einem wattierten Kleid. Was macht das? Komm, komm.

Sie lief und schleppte ihn mit. Er protestierte und brummte. Er mußte aber ins Boot steigen und mit ihr fahren.

– Wie bist Du allein hergekommen? – wiederholte Oblomow unruhig.

– Soll ichʼs sagen? – neckte sie ihn schelmisch, als sie auf die Mitte des Flusses hinausgerudert waren, – jetzt kann ichʼs, Du kannst mir hier nicht entfliehen, sonst würdest Du es thun. . .

– Warum denn? – begann er ängstlich.

– Kommst Du morgen zu uns? fragte sie statt zu antworten.

»Ach, mein Gott!« dachte Oblomow, »sie scheint in meinen Gedanken gelesen zu haben, daß ich nicht kommen wollte.«

– Ich komme! – antwortete er laut.

– Des Morgens, für den ganzen Tag?

Er wurde verlegen.

– Dann sagʼ ichʼs nicht, – sprach sie.

– Ich komme für den ganzen Tag.

– Also siehst Du. . . . – begann sie ernst, – ich habe Dich heute darum herbestellt, um Dir zu sagen. . . .

– Was?

– Daß Du. . . . morgen zu uns kommen sollst.

– Ach Du mein Gott! – unterbrach er sie ungeduldig, – aber wie bist Du hergekommen?

– Wie ich hergekommen bin? – wiederholte sie zerstreut. – Ich bin einfach hergekommen. . . . Warte. . . . was soll man denn davon sprechen!

Sie nahm eine Handvoll Wasser und spritzte es ihm ins Gesicht. Er kniff die Augen zu und fuhr zusammen, während sie lachte.

– Wie kalt das Wasser ist, meine Hand ist ganz erstarrt! Mein Gott, wie lustig, wie schön es ist! – fuhr sie um sich schauend fort. – Wollen wir morgen wieder herfahren, aber schon direct von zu Hause. . . .

– Kommst Du denn jetzt nicht von zu Hause? Woher denn? – fragte er schnell.

– Aus einem Geschäft.

– Aus was für einem?

– Warum fragst Du? Ich habe ja noch im Garten gesagt, woher. . . .

– Aber nein, Du hast es nicht gesagt. . . . – sagte er ungeduldig.

– Habʼ ichʼs nicht gesagt? Wie seltsam! Ich habe vergessen! Ich bin von zu Hause mit einem Diener fortgegangen, um zum Juwelier zu gehen. . . .

– Nun?

– Also jetzt weißt Duʼs. . . . Was ist das für eine Kirche? – fragte sie den Bootsmann, in die Ferne zeigend.

– Welche? Diese da? – fragte der Bootsmann.

– Das ist das Kloster Smolnij! – sagte Oblomow ungeduldig. – Nun, Du bist also ins Geschäft gegangen, und dann?

– Dort . . . . sind schöne Sachen . . . . Ach, was für ein Armband ich gesehen habe!

– Es handelt sich nicht ums Armband! – unterbrach sie Oblomow, – was war denn dann?

– Das ist alles! – fügte sie zerstreut hinzu und sah sich aufmerksam die Gegend an.

– Wo ist denn der Diener? – forschte Oblomow.

– Er ist nach Hause gegangen, – antwortete sie nachlässig, das Gebäude am gegenüberliegenden Ufer betrachtend.

– Und was war weiter?

– Wie schön es dort ist! Kann man nicht hinfahren? – fragte sie, mit dem Schirm auf das andere Ufer zeigend. – Du wohnst ja dort?

– Ja.

– Zeige, in welcher Straße?

– Was ist denn mit dem Diener? – fragte Oblomow.

– Gar nichts, – antwortete sie ungern, – ich habe ihn um das Armband geschickt. Er ist nach Hause gegangen, und ich bin hergekommen.

– Wieso denn? – sagte Oblomow, sie mit weit offenen Augen betrachtend.

Er machte ein erschrockenes Gesicht. Sie machte absichtlich ein ebensolches.

– Sprich ernstlich, Oljga, es ist genug gescherzt.

– Ich scherze nicht, es ist wirklich so! Ich habe das Armband absichtlich zu Hause gelassen, und ma tante hat mich gebeten, ins Geschäft zu gehen. Dir würde so etwas nie einfallen! – fügte sie stolz hinzu, als wäre das eine bemerkenswerte That.

– Und wenn der Diener zurückkehrt?

– Ich habe ihm sagen lassen, er sollte auf mich warten, ich gienge in ein anderes Geschäft, und bin hergegangen. . . .

– Und wenn Marja Michailowna fragen wird, in welches andere Geschäft Du gegangen bist? . .

– Ich sage dann, daß ich bei der Schneiderin war.

– Und wenn sie die Schneiderin darum fragt?

– Und wenn die ganze Newa plötzlich ins Meer fließt, und wenn das Boot umkippt, und wenn die Morskajastraße und unser Haus einstürzen, und wenn Du mich plötzlich zu lieben aufhörst. . . – sagte sie und spritzte ihm wieder das Gesicht an.

– Der Diener ist ja schon zurückgekehrt und wartet, – sagte er, sich das Gesicht abwischend. – He, Bootsmann, ans Ufer!

– Nein, nein! – befahl sie dem Bootsmann.

– Ans Ufer! Der Diener ist schon zurück, – wiederholte Oblomow.

– Laß das! Es ist nicht nöthig!

Doch Oblomow bestand darauf und gieng mit ihr eilig in den Garten, während sie im Gegentheil langsam hinschritt und sich auf seinen Arm stützte.

– Warum eilst Du? – fragte sie, – warte; ich möchte noch bei Dir bleiben. – Sie begann noch langsamer zu gehen, sich an seine Schulter schmiegend und ihm ins Gesicht blickend, während er ihr weitschweifig und langweilig von den Pflichten sprach. Sie hörte zerstreut mit einem matten Lächeln zu, indem sie den Kopf senkte und nach unten sah oder ihm wieder forschend ins Gesicht blickte und an etwas anderes dachte.

– Höre, Oljga, – begann er endlich feierlich, – auf die Gefahr hin, Deinen Ärger und Deine Vorwürfe auf mich zu richten, muß ich Dir endlich doch sagen, daß wir zu weit gegangen sind. Es ist meine Pflicht und Schuldigkeit, Dir das zu sagen.

– Was zu sagen? – fragte sie, aus ihrem Sinnen erwachend.

– Daß wir sehr schlecht thun, uns heimlich zu sehen.

– Das hast Du noch auf dem Lande gesagt.

– Ja, aber ich habe mich dann hinreißen lassen; ich habe mit der einen Hand fortgestoßen, was ich mit der andern festgehalten habe. Du hast mir vertraut, und ich. . . habe Dich. . . gleichsam. . . betrogen. . . Damals war das Gefühl noch neu. . .

– Und jetzt ist es nichts Neues mehr und Du beginnst Dich zu langweilen. . .

– Aber nein, Oljga! Du bist ungerecht. Es war neu, sage ich und darum hatten wir keine Zeit und war es uns unmöglich vernünftig zu sein. Mich quält mein Gewissen; Du bist jung, kennst wenig die Welt und die Menschen, und dabei bist Du so rein, liebst so heilig, daß es Dir gar nicht einfällt, welch strengem Tadel wir uns beide durch unser Thun aussetzen – am meisten ich.

– Was thun wir denn? – fragte sie, stehen bleibend.

– Wieso, was? Du hintergehst die Tante, gehst heimlich von zu Hause fort, kommst mit einem Manne unter vier Augen zusammen. . . Versuche einmal, das alles am Sonntag vor den Gästen zu erzählen. . .

– Warum sollte ich es nicht erzählen? – fragte sie ruhig, – ich werde es vielleicht erzählen.

– Dann wirst Du sehen, – fuhr er fort, daß Deine Tante ohnmächtig wird, daß alle Damen fortstürzen und die Männer Dich dreist und herausfordernd anschauen werden. . .

Sie sann nach.

– Aber wir sind doch Braut und Bräutigam! – entgegnete sie.

Ja, ja, liebe Oljga, sagte er, ihr beide Hände drückend, umso strenger und vorsichtiger müssen wir bei jedem Schritt sein. Ich will Dich stolz in Anwesenheit aller und nicht heimlich durch diese Allee am Arme führen, ich will, daß die Blicke sich vor Dir ehrfurchtsvoll senken und sich Dir nicht dreist und herausfordernd zuwenden, und daß sich in niemand die freche Vermuthung regt, Du, die da so stolz bist, hättest Scham und Erziehung vergessen, hättest Dich blindlings hinreißen lassen und gegen Deine Pflicht verstoßen. . .

– Ich habe weder Scham, noch Erziehung, noch Pflicht vergessen! – antwortete sie stolz, ihm ihre Hand entreißend.

– Ich weiß, ich weiß, mein unschuldiger Engel, das sage aber nicht ich, das werden die Menschen, das wird die Welt sagen und es Dir nie verzeihen. Verstehe, um Gotteswillen, was ich will: ich will, daß Du auch in den Augen der Welt ebenso rein und makellos erscheinst, wie Du es wirklich bist. . .

Sie gieng sinnend weiter.

– Begreife, warum ich Dir das alles sage: Du wirst unglücklich sein und ich allein werde die Verantwortung tragen. Man wird sagen, ich hätte Dich verführt, ich hätte vor Dir absichtlich den Abgrund verheimlicht. Du bist rein und ruhig, wen wirst Du aber davon überzeugen? Wer glaubt Dir das?

– Das ist wahr, – sagte sie zusammenfahrend. – Also höre, – fügte sie entschlossen hinzu, wollen wir ma tante alles sagen, sie soll uns morgen ihren Segen geben. . .

Oblomow erbleichte.

– Was hast Du? – fragte sie.

– Warte, Oljga! Wozu diese Eile. . . – bemerkte er rasch.

Dabei zitterten ihm die Lippen.

– Warst Du es nicht, der mich vor zwei Wochen selbst zur Eile getrieben hat? – Sie blickte ihn trocken und aufmerksam an.

– Ich habe damals nicht an die Vorbereitungen gedacht und es stehen mir so viele bevor! – sagte er seufzend. – Wollen wir wenigstens den Brief vom Gute abwarten.

– Wozu sollen wir denn den Brief abwarten? – Kann denn die eine oder andere Antwort Deinen Vorsatz ändern? – fragte sie, ihn noch aufmerksamer anblickend.

– Welch ein Gedanke! Nein, aber wir brauchen das unserer Pläne wegen; man wird der Tante ja sagen müssen, wann die Hochzeit ist. Mit ihr werden wir nicht von der Liebe, sondern von solchen Dingen sprechen, für die ich jetzt gar nicht vorbereitet bin.

– Wir werden mit ihr dann davon sprechen, wenn Du den Brief bekommst und unterdessen werden alle wissen, daß wir Braut und Bräutigam sind, und wir werden uns täglich sehen. – Ich langweile mich, – fügte sie hinzu, mir fallen diese langen Tage zur Last; alle haben die Sache bemerkt, quälen mich und machen neckische Andeutungen in Bezug auf Dich. . . . Ich habe das alles satt!

– Man macht in Bezug auf mich Andeutungen? – konnte Oblomow nur mit Mühe aussprechen.

– Ja, dank Sonitschka. . .

– Siehst Du, siehst Du? Du hast auf mich nicht gehört, bist damals böse geworden!

– Was soll ich denn sehen? Ich sehe nichts, ich sehe nur, daß Du ein Feigling bist. . . Ich fürchte diese Andeutungen nicht.

– Ich bin nicht feige, sondern vorsichtig. . . Aber gehen wir um Gotteswillen von hier fort, Oljga; schau, da kommt eine Kutsche. Vielleicht sind das Bekannte? Ach, mir kommt der Schweiß. . . Komm, komm. . . – sagte er ängstlich und steckte auch sie mit seiner Furcht an.

– Ja, komm schnell! – sagte sie flüsternd.

Und sie liefen fast durch die Allee bis zum Ende des Gartens, ohne ein Wort zu wechseln. Oblomow blickte unruhig nach allen Seiten hin, und sie senkte ganz den Kopf und deckte sich mit dem Schleier zu.

– Also morgen! – sagte sie, als sie bei dem Geschäft angelangt waren, in dem der Diener sie erwartete.

– Nein, lieber übermorgen. . . oder nein, Freitag oder Samstag, – antwortete er.

– Warum denn?

– Ja. . . siehst Du, Oljga. . . ich denke immer, daß der Brief kommen wird.

– Gut, komme aber morgen nur so zum Essen, hörst Du?

– Ja, ja, gut, gut! – fügte er eilig hinzu, während sie ins Geschäft trat. »Ach, mein Gott, wie weit es mit uns gekommen ist! Welch ein Stein ist jetzt auf mich herabgestürzt! Was soll ich jetzt thun? Sonitschka, Sachar, die Gecken!. . .«

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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
Hacim:
750 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain