Kitabı oku: «Djorgian», sayfa 2
»Du solltest doch schlafen! Geh ins Bett!«
Niam. Das war Niam. Jetzt wußte sie es. Sie hatte ihn aus der Schlucht gezogen. Aber was war danach passiert?
»Was willst du? Wo ist meine Klasse? Wo bin ich hier? Was hat das alles zu bedeuten, Niam?«
»Aha, du erinnerst dich wieder! Aber das sind zu viele Fragen auf einmal. Wie geht es dir?«
»Blöde Frage! Was ist passiert? Ich hatte das Seil zusammengerollt und dann …« Jetzt wurde es ihr klar. Er hatte sie niedergeschlagen! »Was sollte das? Ist das deine Art, Danke zu sagen? Schlägst du immer Leute nieder, wenn sie dir das Leben retten?« Judi war außer sich.
»Das würdest du nicht verstehen. Ich hatte keine andere Wahl! Bitte, ich …«
»Keine andere Wahl? Sag mal, spinnst du? Ich will sofort zurück, sonst …« Judi sprach nicht weiter. Sie kochte immer noch, aber mit Niam anlegen konnte sie sich ganz bestimmt nicht. Er war mindestens vier Jahre älter als sie und auch merklich stärker, was sie ja gespürt hatte. Sie wich seinem Blick aus und zupfte nervös an ihrem Hemd.
»Sonst was? Ich verstehe dich ja, aber du kannst nicht zurück! Nicht nachdem du das hier gesehen hast.« Bei diesen Worten deutete er auf das schlangenartige Ding auf seiner Handfläche.
Judi runzelte die Stirn. Was war daran so Besonderes?
»Leg dich wieder hin! Bitte!«, sagte Niam. Aber es hörte sich gar nicht wie eine Bitte an.
»Nein.« Judi macht hastig einen Schritt zurück und wäre beinahe gestürzt, denn ihr wurde schon wieder schwindelig.
Niam fing sie rasch auf, was Judi noch mehr ärgerte. Aber sie hätte genau so gut gegen einen Baum ankämpfen können. Niam trug sie einfach aufs Bett und fesselte sie kurzerhand.
»Was zum … Mach mich sofort wieder los! Was fällt dir ein? Du hast nicht das Recht, mich hier einfach festzuhalten!«, schrie Judi.
Aber Niam ging einfach aus dem Zimmer. Sie konnte hören, wie ein Riegel vorgeschoben wurde.
»Mach mich sofort wieder los! Verdammt noch mal!« brüllte sie, was zu einem weiteren Schwindelanfall führte. Wenn sie doch bloß nicht so wackelig auf den Beinen wäre! Das hatte sie alles ihm zu verdanken. Dieser Mistkerl! Was bildete der sich eigentlich ein? Hätte sie ihn doch bloß liegen gelassen. Sie zerrte an den Fesseln an ihren Handgelenken. Nichts zu machen. Und wenn sie um Hilfe schrie? Nein. Nachher würde er ihr auch noch den Mund knebeln. Sie seufzte.
Wie sollte das weitergehen? Das war wirklich zu viel! Verstört blickte sie zur Decke. Sie wußte nicht, wie lange sie so da lag, als der Riegel draußen zurückgeschoben wurde. Aber anders als erwartet, kam nicht Niam herein, sondern eine alte, dicke Frau in einem einfachen weißen Leinengewand.
»Ach du je! Was hat er denn mit dir gemacht? Wolltest du weglaufen?«, fragte sie. Ihre Stimme hörte sich warm und freundlich an.
»Ja. Ich will zu meiner Klasse zurück! Ich habe ihm das Leben gerettet, und dann will er mich hier aus lauter Dankbarkeit festhalten«, sagte Judi aufgebracht.
»Beruhige dich erst einmal. Du kannst mir gleich alles erzählen. Wie heißt du denn überhaupt, Kleines? Mein Name ist Diamara.«
»Judi«, antwortete sie nur. Diamara, Niam, hatten hier alle so seltsame Namen?
Diamara machte sich geschickt an dem Verband an ihrem Hals zu schaffen. »Das sieht schon besser aus. Er hat wirklich fest zugeschlagen. Kannst du deinen Kopf bewegen?«
Judi versuchte es. Es tat zwar weh, aber es ging.
»Hast du Hunger? Ich kann dir etwas zu essen bringen, wenn du willst.«
Judi schüttelte den Kopf (soweit das möglich war). Sie hatte keinen Hunger.
Diamara zuckte nur mit den Schultern und rückte sich einen Stuhl ans Bett. Mit einem Seufzer setzte sie sich und sagte: »So, Kleines, jetzt erzähle einmal, was passiert ist.«
Judi überlegte einen Moment. Dann begann sie zu erzählen: »Unsere Klasse wollte eine Wanderung durch den Wald machen, und als ich einmal zur Seite sah, hockte ein Eichhörnchen am Waldrand. Das hat mich, glaub ich, zu Niam geführt.«
Während Judi weiter erzählte, runzelte Diamara ein paar Mal die Stirn, sagte aber nichts. Als Judi mit ihrer Geschichte fertig war, herrschte eine unangenehme Stille im Raum.
»Ich muß wieder gehen. Vielleicht sehen wir uns morgen«, sagte Diamara dann und wandte sich zur Tür.
»Wann kann ich denn jetzt zu meiner Klasse zurück?«, fragte Judi zaghaft. Aber Diamara antwortete nicht und ging aus der kleinen Hütte. Sie hörte, wie von außen wieder der Riegel vorgeschoben wurde.
Judi wußte nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als sie erwachte. Durch das Fenster schien nicht mehr die Sonne, sondern der milchige Schein des Mondes. Es war unheimlich still im Zimmer, und Judi zog die Decke enger um sich. Wie lange suchte man sie wohl schon? Kathrin machte sich bestimmt Sorgen. Wieso hatte Herr Fischer ihnen eigentlich nichts von diesem Dorf erzählt? Fragen über Fragen und keine Antwort.
Judi drehte den Kopf in verschiedene Richtungen, aber der Schmerz, den sie erwartet hatte, blieb aus. Sie bemerkte eine kleine verbeulte Metallschüssel, die auf dem Tisch stand. Zögernd stand sie auf und ging zum Tisch hinüber, längst kalt gewordene Suppe befand sich darin. Aber sie hatte mittlerweile nun doch Hunger bekommen und nahm die Schüssel mit ins Bett. Gedankenversunken begann sie zu löffeln. Wie spät es jetzt wohl war? Aber so etwas wie Uhren kannten die Menschen hier bestimmt nicht. Wie lange würde man sie wohl gefangen halten?
Das Bellen eines Hundes riß sie aus ihren Gedanken. Sie stand abermals auf und ging zum Fenster. Das Dorf sah im Mondlicht seltsam unwirklich aus. Hinter keinem der Fenster brannte noch ein Licht. Das Bellen wiederholte sich. Kurz darauf war ein spitzer Schrei zu hören. Judi versuchte, mit zusammengekniffenen Augen etwas zu erkennen. Trotz des Mondlichts war es kaum möglich. Das Bellen war jetzt zu einem bösartigen Knurren geworden, das ihr einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Der Schrei wiederholte sich und hörte dann abrupt auf. Was ging da vor sich?
Trappelnde Schritte näherten sich. Hastig wich Judi vom Fenster zurück. Eine Weile stand sie reglos da und lauschte. Ihre Hände zitterten, ohne daß sie wußte, warum. Mit klopfendem Herzen wagte sie sich wieder ans Fenster. Nichts zu sehen. Erleichtert atmete sie auf, doch im selben Moment sprang etwas Schwarzes, Großes genau auf sie zu. Mit einem Schreckensschrei sprang Judi zurück und fiel der Länge nach hin. Die Prellung in ihrem Nacken schoß eine Welle aus Schmerz in ihren Rücken. Ein noch bösartigeres Knurren als das, das sie gerade gehört hatte, erscholl hinter ihr und ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Keuchend richtete sie sich auf und sah zum Fenster.
Rote Augen, die nur aus Bosheit zu bestehen schienen, starrten sie an. Ein riesiger Hund versuchte sich durch das winzige Fenster zu quetschen und schnappte nach ihr. Geifer tropfte zu Boden, und Judi schrie lauthals um Hilfe. Aber das schien das Tier noch wütender zu machen. Er kratzte wie wild am scheibenlosen Fenster und knurrte ununterbrochen. Er durfte es auf keinen Fall schaffen, durch das Fenster zu gelangen, sonst war sie verloren! Hektisch sah sie sich nach einer Waffe um, ergriff kurzerhand die Metallschüssel und warf sie mit aller Kraft nach dem Hund. Aber dieser schien das überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen, denn er kratzte, ohne auch nur einen Schmerzenslaut von sich zu geben, am Fenster weiter. Judi hatte das Gefühl, ihr Herz würde im nächsten Augenblick zerspringen. Wieso half ihr denn keiner?
Dann hörte das Knurren von einem Augenblick auf den nächsten auf. Die Bestie war verschwunden. Langsam stand Judi auf und bewaffnete sich mit dem einzigen, was ihr geblieben war: dem Stuhl, der an ihrem Bett stand. Sie umklammerte ihn so fest, daß ihre Knöchel weiß hervortraten. Dann erschütterte ein Krachen die Tür. Erschrocken ließ sie den Stuhl polternd zu Boden fallen. Ein zweites Mal krachte es, und Judi fuhr herum.
Das … Ding versuchte die Tür zu rammen! Aber so etwas tat doch kein normales Tier! Irgend etwas in ihrem Inneren sagte ihr, daß das vor der Hütte auch kein gewöhnlicher, wild gewordener Hund war.
Das dritte Mal, als sich das Tier gegen das Holz warf, riß sie aus ihrer Erstarrung. Mit einem Satz war sie an dem Tisch, der in der Ecke stand, und stemmte sich dagegen. Ächzend schob sie ihn vor die Tür. Sie glaubte, daß diese nach innen aufging. Wenn sie sich irrte, war sie so gut wie tot.
Als sie es endlich geschafft hatte, nahm sie den Stuhl wieder in beide Hände. Der Köter kann sich auf etwas gefaßt machen, dachte sie grimmig, aber mit jeder Sekunde begann ihr neu gewonnener Mut wieder zu schrumpfen. Das Krachen hatte endlich aufgehört, aber dafür war erneutes Kratzen zu hören, unter das sich ein leises Quietschen mischte.
Das Vieh schob den Riegel zurück! Mit einem Entsetzensschrei ließ sie den Stuhl abermals fallen und stemmte sich gegen die Tür. Aber ihre zurückgewonnenen Kräfte reichten kaum aus, dem Druck, der die Tür Millimeter für Millimeter aufdrückte, standzuhalten. Ein unglaublicher Schmerz begann sich in ihrem rechten Arm breit zu machen und feine Schweißperlen bedeckten ihre Stirn. Dann hörte der Druck schlagartig auf. Keuchend ließ sich Judi zurücksacken. Vorbei, dachte sie.
Aber da hatte sie sich geirrt. Ein Schlag traf erneut die Tür, öffnete sie und schob den Tisch einfach beiseite. Etwas Schwarzes schoß über ihren Kopf hinweg und landete direkt hinter ihr. Der Hund! Entsetzt versuchte Judi aufzuspringen, aber das schwarze Ungeheuer war schon über ihr. Die riesigen Vordertatzen, die sich mit einem Mal auf ihrer Brust befanden, schnürten ihr beinahe die Luft ab. Das Paar brennender roter Augen starrte triumphierend auf sie herab. Warmer, stinkender Atem schlug ihr ins Gesicht, Speichel tropfte auf ihre Wange und hinterließ eine glitzernde Spur. Von Panik erfüllt versuchte Judi sich hochzustemmen, aber das ungeheure Gewicht des Riesen über ihr ließ ihr keine Chance. Langsam näherte sich sein gewaltiges Gebiß ihrer Kehle. Eine zweite Gestalt tauchte plötzlich hinter der Bestie auf, und im nächsten Augenblick brach diese zusammen. Judi bekam keine Luft mehr, als sich nun das ganze Gewicht auf sie drückte. Aber das ließ mit einem Mal nach und Hände halfen ihr hoch.
»Er ist weg. Bist du verletzt?«
Niam … er hatte sie gerettet. Als Judi keine Antwort gab, begann er sie zu schütteln. »Antworte!«
Stöhnend schloß sie die Augen. »Was war das?«, fragte sie mit bebender Stimme.
»Ich weiß es nicht, aber ich vermute Schlimmes. Kannst du gehen?«
Sie versuchte es, aber ihre Beine gaben einfach nach. Kurzerhand nahm Niam sie auf die Arme, und diesmal wehrte sie sich nicht.
Starker Regen trommelte monoton auf das Dach. Der Himmel hatte sich verdunkelt und ein Gewitter war aufgezogen. Hin und wieder durchbrach ein Blitz mit seinem grellen Licht die Dunkelheit, die noch immer über dem kleinen Dorf lag, dicht gefolgt von dem noch entfernten Grollen des Donners. Es war kalt geworden und trotz des Regens kam Nebel auf. Dichter Nebel.
Judi wußte nicht, ob Minuten oder Stunden vergangen waren, seit sie hier lag. Letzteres vermutlich. Seufzend blickte sie in Richtung Fenster und versuchte, das wattige Weiß mit den Augen zu durchdringen, aber die ohnehin schon durch den Regen verschlechterte Sicht verhinderte es. Sie fühlte sich unwohl. Nicht, daß sie Angst vor Gewitter hatte, aber der Nebel war ihr unheimlich.
Niam hatte sie in eine andere Hütte gebracht, die etwas größer war als die vorherige. Jetzt lag sie wieder in einem Bett und versuchte, die Bilder, die in ihrem Kopf herumspukten, zu verbannen. Was, wenn das Tier noch lebte und wiederkommen würde, um das zu Ende zu bringen, was es begonnen hatte?
Unruhig sah sie wieder aus dem Fenster. Der Nebel war jetzt noch näher gekommen und hatte fast das ganze Dorf verschluckt.
Sie hatte Niam mehrmals darauf angesprochen, was das für ein Hund gewesen sei, der sie angefallen hatte, aber immer hatte er ihr nur ausweichend geantwortet. Er verheimlichte ihr etwas. Und Diamara auch. Aber was?
Der Wind wurde stärker und ließ die Holzwände ächzen. Judi zog die Decke ein Stückchen höher. Sie hatte jetzt zwar wieder ihre alten Kleider an statt des dünnen Hemdes, aber ihr war trotzdem kalt. Wieder erhellte ein Blitz das Zimmer und der Donner war jetzt merklich lauter geworden. Das Prasseln des Regens verstärkte sich.
Dann glaubte Judi so etwas wie Schritte zu hören, und starrte mit klopfendem Herzen zur Tür. Diese wurde schon im nächsten Augenblick aufgestoßen, und ein eisiger Windhauch wehte in den Raum. Diamara ließ ihren durchnäßten Umhang achtlos zu Boden fallen und schloß lauthals fluchend die Tür. Judi unterdrückte mit Mühe ein schadenfrohes Grinsen.
»Mistwetter! Wenn ich wüßte, wo das so schnell hergekommen ist! Ich habe dir etwas zu essen gekocht. Das stärkt deine Kräfte.« Mit diesen Worten hielt sie ihr einen stark nach Gewürzen riechenden Brei entgegen. Judi nahm die Schale wortlos entgegen, rührte aber nur lustlos darin herum.
Diamara achtete nicht darauf und setzte sich ans Bett. Eine Weile saß sie einfach nur schweigend da und beobachtete den Löffel in Judis Hand. Dann sah sie auf und fragte: »Ich … willst du darüber reden, was dir passiert ist?« Sie wirkte nervös. »Ich meine, kannst du mir sagen, wie er ausgesehen hat, der Hund?«
»Warum fragst du? Er ist doch tot, oder nicht?«
Diamara sah an ihr vorbei aus dem Fenster. »Ja, schon, aber er ist nicht mehr da.«
Judi blickte sie verständnislos an.
»Er … hat sich in Luft, eher gesagt in Rauch aufgelöst.«
»In was? Ich meine, war das jetzt ernst gemeint?« Wollte Diamara sie auf den Arm nehmen? So ein riesiges Biest konnte sich doch nicht einfach in Rauch auflösen!
»Ja, es stimmt. Ich muß wissen, wie er ausgesehen hat. Kannst du ihn mir beschreiben? Bitte, es ist wichtig!«, drängte Diamara.
Judi zögerte. »Er war groß und schwarz. Wie ein Wolf, nur um einiges größer. Und seine Augen … als würden sie brennen.« Judi schloß die Augen. Der Blick des Hundes war so voller Haß gewesen. Haß auf sie.
Diamara schwieg. Sie wirkte sehr besorgt. »Es ist wahr …«, murmelte sie.
»Was?«, fragte Judi.
Diamara sah sie erschrocken an. »Nichts. Ich hab nur laut gedacht.«
Man mußte nicht unbedingt schlau sein, um zu merken, daß Diamara ihr etwas verschwieg. Genau wie Niam.
»Ich würde gerne wissen, was hier los ist. Ich bin zwar nur eine Gefangene, aber ich hab ja wohl das Recht zu wissen, warum das Biest mich umbringen wollte. Ihr verschweigt mir etwas!«
Diamara antwortete nicht. Sie stand auf, öffnete die Tür und ging in den Regen hinaus.
Mit ihm war Nebel gekommen. Er wußte, daß sie hier war, aber es war zu früh. Über ihm tobte das Gewitter und unter ihm lag das Dorf. Sein Diener war tot. Er hatte versagt, aber das störte ihn nicht sonderlich. Er wußte, er würde noch früh genug die Gelegenheit bekommen, die Gefahr zu beseitigen … Noch war Zeit …
Judi hatte es nach einiger Zeit endlich geschafft, Schlaf zu finden. Aber es war ein unruhiger Schlaf gewesen. Die Geräusche des erwachenden Dorfes hatten sie schließlich geweckt. Müde schlug sie die Decke zur Seite und stand auf.
Der Boden war eisig, und als sie an das vergitterte Fenster herantrat, sah sie, daß der Nebel noch immer über dem Dorf lag und der Wind noch immer anhielt, wenn er auch wesentlich schwächer geworden war. Der Regen hatte aufgehört und mit ihm war auch das Gewitter verschwunden. Die wenigen Menschen, die zwischen den Häusern hin und her liefen, wirkten in dem dichten Nebel seltsam unwirklich. Das Dorf schien irgendwie unruhig zu sein, aber sie wußte nicht, ob sie es sich nicht nur einbildete. Hatte es etwas mit dem gestrigen Erlebnis zu tun?
Schaudernd wandte sie sich ab und sah sich zum ersten Mal genauer im Raum um. Die Einrichtung war fast identisch mit der in der Hütte, in der sie vorher gewesen war, nur ein wenig freundlicher. Sie bemerkte auch, daß Diamara ihren Mantel auf dem Boden vergessen hatte, als sie gestern so eilig gegangen war. Judi hängte ihn zum Trocknen über den Tisch und kroch wieder ins Bett zurück. Wann würde sie endlich die Gelegenheit bekommen, von hier zu verschwinden?
Unruhig spielte sie an dem Zipfel ihrer Decke. Als sie wieder zum Fenster sah, stand dort ein kleines Mädchen und sah Judi neugierig an. Dann wurde es von einer dicken Frau gepackt und geschüttelt.
»Was hab ich dir gesagt? Du sollst hier nicht hingehen. Wenn ich dich noch einmal hier erwische, dann …« Sie sah auf und blickte Judi böse an. »Was hast du mit meiner Kleinen gemacht? Hast du sie verhext? Wolltest du sie vergiften?«
»Wie?« Mehr brachte Judi nicht heraus.
»Stell dich nicht dumm! Du gehörst zu ihm, gib es zu!« Sie fuchtelte drohend mit der Hand. Aber Judi war viel zu verwirrt, um zu antworten.
»Ja, dich dumm stellen, das kannst du gut! Ich hoffe, daß der Djamo endlich eine weise Entscheidung trifft und dich beseitigt!«
»Enra! Was machst du da? Es ist nur Diamara und mir erlaubt, zu ihr zu gehen! Geh!«, unterbrach Niam sie.
Enra warf ihr noch einen letzten bösen Blick zu und zerrte das kleine Mädchen vom Fenster weg. »Sie wollte meine Kleine verhexen. Wenn …«
»Geh jetzt!«, unterbrach Niam sie zum zweiten Mal. Schimpfend entfernte sich Enra. Judi starrte ihr nach.
Als Niam hereinkam und sich neben sie setzte, sah sie auf und fragte: »Warum haßt sie mich so? Was habe ich denn getan?«
Niam antwortete nicht.
»Was ist ein Djamo? Was wollte sie von mir?«, drängte sie weiter.
»Ein Djamo ist ein weiser Rat. Man trifft dort viele Entscheidungen. Was hat sie dir darüber gesagt?«
Der Unterton in seiner Stimme gefiel ihr nicht ganz. »Nichts, ich meine, sie hat es nicht ganz ausgesprochen. Ich glaube, sie meinte, daß …«
»Daß was?«, fragte er, als sie nicht weiter sprach.
»Ich glaube, sie hat gemeint, daß der Djamo darüber entscheiden soll, mich zu … beseitigen.« Ihre Stimme zitterte. »Ist das wahr? Was habe ich denn gemacht?«
Niam sah weg.
»Verdammt noch mal, was ist eigentlich los? Soll ich etwa umgebracht werden? Das ist doch wohl nicht euer Ernst!«
»Das hat niemand gesagt. Wieso umbringen? Enra redet viel Unsinn. Ich muß jetzt gehen. Bis später!«
Judi wußte, daß er log. Fast schon eilig schloß er die Tür. Sie mußte so schnell wie möglich hier weg! Judi stand auf und spähte vorsichtig aus dem Fenster. Von Niam war nichts mehr zu sehen und auch von niemand anderem. Zögernd näherte sie sich der Tür. Mit pochendem Herzen streckte sie die Hand aus und schloß sie um das kalte Metall der Klinke. Langsam drückte sie sie hinunter und öffnete die Tür. Ein paar Sekunden lang stand sie einfach nur da und starrte verblüfft die Tür an. War das eine Falle, oder hatte Niam tatsächlich vergessen, die Tür abzuschließen? Vorsichtig sah sie um die Ecke.
Es war niemand zu sehen, soweit der Nebel es zuließ, und kurz bevor sie ihrem »Gefängnis« entkommen war, hatte sie sich Diamaras halbwegs getrockneten Umhang übergezogen, um nicht sofort erkannt zu werden. Jetzt huschte sie mit rasendem Herzen von Haus zu Haus. Der Nebel wurde stärker, je weiter sie sich dem Dorfrand näherte.
Ängstlich duckte Judi sich wieder unter einem Fenster hinweg und blieb stehen. Sie wußte nicht, ob es eine Täuschung war, aber sie meinte, zwei schemenhafte Umrisse im Nebel vor sich zu erkennen. Sie hielt ihren Atem an. Zum Verstecken blieb keine Zeit mehr, also hatte sie keine andere Wahl. Sie zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und trat weiter aus dem Schatten heraus auf die Straße. Die Gestalten kamen näher. Mit gezwungen langsamen Schritten ging sie weiter. Nur noch ein paar Schritte waren die beiden von ihr entfernt, dann waren sie vorbei. Ein erleichtertes Aufatmen konnte Judi nicht unterdrücken. Aber es ging zu leicht! War es doch eine Falle? Sie war nicht einmal beachtet worden. Als wären diese Gedanken ein Stichwort gewesen, hörte sie Schritte hinter sich.
»Bleib stehen!«, rief eine Stimme. Niam! Judi dachte gar nicht daran, sondern rannte los. Niam hinter ihr rief noch etwas, aber sie verstand es nicht. Wie von Furien gehetzt rannte sie weiter in den Nebel hinaus. Plötzlich verhakte sich ihr Fuß an einer Wurzel und sie fiel der Länge nach hin. Sie schürfte sich ihre Hände auf, aber sie bemerkte den Schmerz gar nicht und wollte aufstehen, doch sie bekam ihren Fuß nicht frei. Verzweifelt strampelte sie und trat um sich. Dann wurde sie in die Höhe gerissen.
»Verdammt noch mal! Halt still!«, rief Niam.
Panikerfüllt biß sie ihm in die Hand, die ihren rechten Arm umklammert hielt. Niam brüllte vor Schmerz auf und ließ sie los. Keuchend kam sie wieder auf die Füße und rannte blindlings weiter.
»Verdammt noch mal! Bleib stehen! Du rennst in den Tod!«
Judi hörte seine Worte gar nicht. Immer weiter rannte sie in den Nebel hinein. Sie merkte nicht, wie er um sie herum immer dichter wurde …
Er wollte sie aufspüren, aber jetzt war sie von selbst gekommen. Vorsichtig lenkte er sie in seine Richtung, ohne daß sie es merkte. Aber etwas war nicht so, wie es sein sollte. Nicht daß es seine Macht beeinflußte. Nein, dazu war er viel zu mächtig. Er wußte nicht, was es war … Etwas näherte sich ihm. Er wurde unruhig, als er merkte, was es war. Eine andere Macht, die ihm nichts anhaben konnte, aber durchaus stören …
Judi wußte längst nicht mehr, wo sie war. Sie war stehengeblieben, als sie merkte, daß Niam nicht mehr hinter ihr war. Mühsam rang sie nach Atem und sah sich um. Alles, was weiter als einen Meter von ihr entfernt lag, verschwand hinter einer dichten Nebelwand. Sie fror.
Judi drehte sich noch einmal um ihre eigene Achse. Sie wußte nicht aus welcher Richtung sie gekommen war. Was hatte Niam hinter ihr hergerufen? Sie wußte es nicht mehr, aber es war wichtig gewesen. Sie ging weiter. Es war einfach unmöglich, etwas zu erkennen, und der Gedanke, sich einfach hinzusetzen und zu warten, bis der Nebel verschwunden war, wurde beinahe übermächtig. Doch das Risiko, daß Niam sie dann schließlich doch noch fand, war zu groß. Irgend etwas schien sie voran zu treiben. Aber ehe sie richtig darüber nachdenken konnte, entschlüpfte ihr der Gedanke wieder.
Was war eigentlich los? Sie irrte hier im Nebel umher auf der Flucht vor ein paar anscheinend verrückt gewordenen Dorfbewohnern, die sie gegen ihren Willen festgehalten hatten, und das alles nur wegen eines dummen Eichhörnchens! Sie hätte beinahe laut aufgelacht, auch wenn alles, was sie fühlte, Angst war.
Abermals blieb sie stehen. Der Nebel gaukelte ihr Bewegung vor, wo keine war – das hoffte sie zumindest. Etwas kam näher. Judis Herz pochte um einiges schneller. Trotz der Kälte war ihre Stirn mit feinen Schweißtröpfchen bedeckt. Verdammt noch mal, das ist ein ganz normaler Nebel! Aber so sehr sie es sich auch einzureden versuchte, es mißlang gründlich.
Das Gefühl, daß sich etwas näherte, wurde immer stärker. Langsam ging sie einen Schritt zurück und versuchte abermals, etwas durch die dichte Nebelwand zu erkennen. Vergebens. Dann berührte etwas ihre Schulter. Mit einem Schrei fuhr Judi herum. Eine Hand preßte sich auf ihren Mund.
»Sei still!«, raunte eine Judi nur allzu bekannte Stimme. Niam. Langsam nahm er seine Hand herunter.
»Was …«, begann sie, wurde aber sofort durch ein hastiges Zeichen von Niam wieder zum Schweigen gebracht.
Auf seinem Gesicht lag ein angespannter Ausdruck. »Sei endlich still, wenn du lebend aus diesem Nebel heraus willst! Wenn du fliehst, bist du verloren! Du hast die Wahl«, flüsterte er. Ohne eine Antwort abzuwarten, zerrte er sie mit sich.
Sie war sich nicht sicher, ob seine Worte nur ein Vorwand waren, sie einzuschüchtern, aber sie wollte es auch nicht ausprobieren. Sie wußte nicht, wie lange er sie so hinter sich her zerrte, als sie ein Geräusch hinter sich hörte. Sie wollte stehen bleiben, aber Niam ging beinahe noch schneller, so daß sie jetzt fast rannten.
Das Geräusch wiederholte sich. Ein leises Rauschen und Zischen. Auch Niam schien es diesmal zu hören, denn in seinen Augen spiegelte sich pures Entsetzen wider. Jetzt rannte er wirklich. Judi wußte nicht, wie er überhaupt etwas sehen konnte, denn der Nebel war mittlerweile zu einer für Blicke undurchdringlichen Wand geworden. Das Zischen wurde lauter.
»Lauf! Lauf so schnell du kannst!«, schrie er. Er ließ ihren Arm los und sie hatte alle Mühe, ihn nicht aus den Augen zu verlieren.
»Sieh nicht nach hinten! Lauf!« Seine Stimme überschlug sich fast.
So schnell sie konnte, lief sie hinter ihm her, und ihre Angst verlieh ihr beinahe übermenschliche Kräfte. Aus den Augenwinkeln sah sie etwas Schwarzes auf sich zurasen. Sie schrie auf und warf sich herum und … der Nebel war verschwunden. Er hatte sich nicht etwa langsam aufgelöst, er war einfach nicht mehr da.
Von ihrem eigenen Schwung getragen, prallte sie gegen Niam und riß ihn mit sich zu Boden. Eine halbe Minute lang lag sie einfach nur da und rang mühselig nach Atem, bis sie sich vorsichtig aufsetzte und sich umsah. Vor ihnen begann ein dichter Wald, und es erschien ihr schier unmöglich, vorhin nicht gegen einen Baum gelaufen zu sein. Neben ihr setzte sich auch Niam auf.
»Was war das?«, fragte sie mit zitternder Stimme.
Niam antwortete nicht. Er sah sie nur mit einer Mischung aus Erleichterung und Unglauben an.
»Was war das, verdammt noch mal?«, schrie sie ihn an.
»Ich erkläre dir alles, wenn wir zurück ins Dorf gehen. Und keine weiteren Fluchtversuche, verstanden?«
Er stand auf, als sie auffahren wollte, und packte sie am Handgelenk. Wie vorhin zerrte er sie einfach mit sich. Aber sie wollte auch gar nicht weglaufen. Allein der Gedanke, noch einmal in diesen Nebel zu geraten, jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken.
Sie war ihm entwischt. Irgend jemand hatte sie aus seiner Reichweite geholt. Wütend zog er sich zurück. Aber er hatte Zeit. Er konnte warten. Noch wußte sie noch immer nichts, aber das war nicht von besonderer Bedeutung. Selbst wenn sie Bescheid wüßte, würde es seine Aufgabe nur noch leichter machen …
Als sie das Dorf erreichten, brachte Niam sie wieder in die Hütte, verzichtete aber darauf, den Riegel von außen vorzulegen, aber das war auch nicht nötig. Nach kurzer Zeit kam er in Begleitung von Diamara zurück. Beide blickten sie mit einem Ernst an, der ihr ganz und gar nicht gefiel.
»Wir müssen mir dir reden«, sagte Diamara überflüssigerweise. Sie setzte sich wie gewohnt auf die Bettkante, während sich Niam einen Stuhl an ihr Bett zog.
»Wollt ihr mir erklären, was das vorhin war?«
»Später. Ich muß erst etwas nachprüfen.« Mit diesen Worten griff Diamara in einen kleinen Beutel, der um ihre Hüfte hing, und holte drei kleine Steine hervor. Sorgfältig legte sie sie vor Judi auf die Bettdecke.
Bei genauerem Hinsehen konnte sie verschlungene Muster erkennen, die sich nach einer Weile als feine Bilder entpuppten. Auf allen waren halb drachen- und halb schlangenartige Wesen zu erkennen.
»Wenn ich dich fragen würde, welcher von den dreien der Stein der Gerechtigkeit und der Wahrheit ist, welchen würdest du nehmen?«
Ein wenig verwirrt blickte sie auf die grauen Steine hinab.
»Achte nicht auf das Aussehen, sondern höre auf dein Gefühl!«, sagte Niam. Judi deutete auf den mittleren.
»Und welcher ist deiner Meinung nach der Stein der Hoffnung?«, fragte Diamara.
Ihr Gefühl sagte, daß der linke der richtige sei, und Judi deutete auf diesen.
»Und was meinst du, ist der übriggebliebene Stein: des Lebens oder der Liebe und Freude?«
»Der des Lebens«, antwortete sie ohne zu zögern. Das Wissen war einfach da, aber woher? Immer noch verwirrt, blickte sie auf die kleinen grauen Steine.
»Bist du sicher?«, hakte Diamara nach.
»Ja, aber woher … ich meine nicht, daß ich weiß, ob es richtig ist, aber woher weiß ich das?«
»Es ist richtig. Weißt du, Niam erklärt dir später alles. Und jetzt trink das, aber langsam!« Diamara hielt ihr einen hölzernen, reich verzierten Kelch entgegen.
Unsicher blickte sie zu Niam. In seinem Gesicht stand nach wie vor derselbe Ernst geschrieben, aber in seinen Augen war … Spannung? Aber worauf? Judi wendete schließlich den Blick ab und nahm den Kelch vorsichtig entgegen. Er fühlte sich eisig an. Diamara lächelte ihr aufmunternd zu.
Mit kleinen Schlucken begann sie zu trinken. Es schmeckte nicht einmal schlecht, sah man von dem säuerlichen Nachgeschmack ab. Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich augenblicklich in ihr aus, dann wurde es um sie herum dunkel.
Niam hob den heruntergefallenen Kelch auf und reichte ihn Diamara. »Meinst du, sie ist es?«, fragte er.
»Ich weiß es nicht. Sie hat alle Fragen richtig beantwortet, aber das ist nicht sicher genug. Spätestens morgen werden wir es erfahren.« Mit dem Zipfel ihres Gewandes wischte sie den Kelch sauber. »Du bleibst bei ihr!«, befahl sie und ging aus der Hütte.
Niam betrachtete Judis schlafendes Gesicht. Ja, spätestens morgen würden sie es erfahren. Wenn sie es nicht wäre, sondern ein Geschöpf von ihm, dann … Er dachte diesen Gedanken nicht zu Ende. Sie war ihm schon mehr ans Herz gewachsen, als gut war. Sein Rücken begann zu schmerzen und er setzte sich in eine bequemere Lage. Vielleicht war sie ja ihre letzte Hoffnung. Andererseits sprach die Legende von einem Jungen, nicht von einem Mädchen …
Judi bewegte sich unruhig. Nein, sie war bestimmt kein Geschöpf von ihm, aber sie mußten bis zum nächsten Morgen warten.
Als sie erwachte, hatte sie ein Gefühl, als habe sich jemand einen Spaß daraus gemacht, sie als Tennisball zu benutzen. Jeder einzelne Knochen tat höllisch weh. Als sie die Augen öffnete, blickte sie direkt in Niams Augen. Er strahlte über das ganze Gesicht.
»Du … du leb … ich meine du …« Er brach ab.
Was war denn in den gefahren? Gestern noch hatte er sie wie eine Gefangene behandelt, was sie ja irgendwie auch war und leider immer noch blieb, und jetzt freute er sich, sie erwachen zu sehen. Was war eigentlich passiert? Das Durcheinander hinter ihrem Kopf ließ sich einfach nicht ordnen. Stöhnend hob sie die Hand. Selbst das war beinahe zu viel.