Kitabı oku: «Djorgian», sayfa 5

Yazı tipi:

»Warum hungerst du, wenn eure toten Götter doch sowieso nichts davon haben?«

»Unsere Götter sind nicht tot! Wie könnt Ihr Euch so etwas anmaßen, wenn Ihr doch keine Ahnung habt?!«

»Sag bitte ›du‹ zu mir. Und wir haben Ahnung. Eure Götter wollten unseren Gott verraten, aber er hat …«

»Ihr … du glaubst das, nicht wahr?« Plötzlich blickte Meerenja sehr traurig drein. »Das ist doch nur ein Vorwand, damit ihr Westländer einen Grund habt, uns zu hassen! Krieg, das ist es, was ihr wollt. Ihr wollt mehr Land und habt Angst, daß wir an Macht gewinnen, weil unser Glaube am meisten verbreitet ist und sich auch weiterhin verbreitet. Und darum braucht ihr einen Grund, gegen uns zu kämpfen.«

»Das ist doch nicht wahr! Ihr seid auch nicht ohne Schuld …«

»Das habe ich auch gar nicht behauptet«, unterbrach ihn Meerenja. »Aber wir verabscheuen euren Hang zur Gewalt. Kommt einer von uns in eure Gegend, wird er getötet oder Schlimmeres. Ja, ich weiß, das kann bei uns auch vorkommen. Aber nicht so oft wie bei euch, das mußt du wiederum zugeben. Und wir töten keinen, nur weil er unseren Glauben nicht anerkennen will. Wenn bei euch jemand nicht an Dehus glaubt, wird er so lange gefoltert, bis er es tut, und wenn er es immer noch nicht … wenn er sich immer noch nicht fügt, wird er ohne Skrupel getötet. Und dann nicht nur er, sondern seine ganze Familie gleich mit, ohne lange Fragen zu stellen. Euer Gott ist blutbefleckt.«

Judi glaubte erst, daß Meerenja sich da in etwas hineingesteigert hatte, aber als sie in die Augen von Necar sah, erkannte sie, daß es die Wahrheit war und sie erschauderte.

»Aber damit ist auch nicht jeder einverstanden …«

»Und warum tut ihr dann nichts dagegen?«, unterbrach ihre Freundin ihn abermals.

Necar schwieg, stopfte die geleerten Schalen in seinen Beutel zurück und gab Meerenja etwas zu trinken. Dann holte er ihre eigenen Decken, breitete sie so gut es ging über sie und legte sich dann ebenfalls schlafen, nachdem er noch ein paar Äste nachgelegt hatte.

~ ~ ~

Unruhig ging er im Zimmer auf und ab. Alle Versuche, sie zu erreichen, waren gescheitert. Nervös hielt er einen Moment im endlosen Laufen inne und betrachtete die Tür, hinter der seine letzte Hoffnung lag. Mehr als einmal war er versucht, sie zu öffnen, aber sie durfte bei ihrer Arbeit nicht gestört werden, das wußte er aus eigener Erfahrung. Niam ging weiter auf und ab, hin und her. Seine Finger zupften beunruhigt an den Ärmeln seines weiten Gewandes. War ihnen etwas passiert? Warum nur hatte er seine Enkeltochter so unterschätzt? Sie mußte doch mehr von der Gabe besitzen, als er gedacht hatte. War es möglich, daß sie mit dem Alter zunahm? Als er sie geprüft hatte, war sie noch sehr jung gewesen, aber eigentlich war es auch sehr, sehr selten, daß man seine Begabung nicht gleich von Anfang an besaß, sondern sie sich langsam entwickelte. Niam seufzte und sah abermals zu der dunklen Holztür hinüber. Meerenja hatte die Begabung nicht einmal zur Hälfte besessen. Bei den einfachsten Aufgaben war sie gescheitert. Zwar nicht bei allen, aber bei den meisten. Und Judi war natürlich mitgegangen. Wie sollte es auch anders sein? Er hatte nicht nur seine Enkeltochter unterschätzt, sondern auch Judi.

Er strich sich durch seinen weißen Bart und fuhr herum, als er das Geräusch der Tür hörte. Die junge Frau kam heraus. Sie machte ein trauriges Gesicht. Sie öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, brachte es dann aber anscheinend doch nicht fertig und schwieg bedrückt. Ihre Hand zupfte ebenso nervös an dem weiten grauen Gewand wie seine zuvor.

»Habt Ihr sie … erreicht?« Niams Stimme war schwer. Er wußte, daß etwas nicht stimmte.

»Ich … nur sehr kurz. Ich dachte, sie hat nur sehr wenig Begabung?« Esanna hob die Augen und sah ihn fragend an. Niam nickte.

»Das glaube ich nicht. Sie kann ihre Gedanken verschließen. Vielleicht macht sie es auch unbewußt, ich bin mir nicht sicher aber … Ich habe Dehus gesehen.«

Er konnte regelrecht spüren, wie die Farbe aus seinem Gesicht wich, und sie sprach hastig weiter.

»Es muß nicht bedeuten, daß sie gefangengenommen wurden. In zwei Tagen können sie noch nicht weit gekommen sein, erst recht nicht zu Fuß. Es kann auch heißen, daß sie auf dem Weg nach Westen sind. Ihr scheint recht zu haben. Sie wollen den Stein holen.«

»Ja, das wird es sein.« Niam schloss die Augen. Was hatte er nur falsch gemacht? Meerenja war das einzige, was ihm noch geblieben war. Seine Schwiegertochter war tot, sein Sohn war tot, seine Frau war von den Gor getötet worden. Und jetzt war seine Enkeltochter auf dem Weg nach Westen, dem Land, das niemand der an die drei heiligen Drachen glaubte, betreten durfte! Sie würden getötet werden. Aber vielleicht auch nicht. Er mußte mit seinem Trupp warten. Jetzt konnte er ihn nicht losschicken, um den Stein zu holen. Verdammt! Er könnte die beiden damit vielleicht in Gefahr bringen, und das wollte er auf gar keinen Fall. Hoffentlich würden sie nicht wirklich einem Westländer in die Hände fallen!

Die Frau ging mit einer angedeuteten Verbeugung. Niam lehnte sich gegen die Wand. Er mußte warten. Warten …

~ ~ ~

Meerenja lehnte grimmig das Essen ab, das Necar ihr anbot. Dabei war das Fasten doch vorbei! Im Gegensatz zu ihrer Freundin aß Judi mit großem Appetit und diesmal mit eigenen Händen, wenn auch noch aneinander gebunden. Necar beobachtete jede ihrer Bewegungen genau. Sie würden keine Gelegenheit bekommen, zu fliehen, das stand fest.

Fröstelnd zog Judi ihren Umhang enger um sich und blickte mißmutig in den vollkommen wolkenbedeckten Himmel. Es war ekelhaft kalt und naß. Meerenja zog geräuschvoll die Nase hoch und wartete ebenso mißmutig wie Judi, bis Necar sein ausgiebiges Frühstück beendet hatte. Warum konnte er an seinem Nußbrei nicht einfach ersticken? Nachdem er alles wieder verstaut, auf die Pferde gepackt und festgeschnürt hatte, half er ihnen aufs Pferd. Die Zügel ihres Pferdes band er wieder an seinem Sattel fest. Sie setzten ihren Weg nach Westen fort. Weiter, immer weiter einer ungewissen Zukunft entgegen. Warum konnte eine ihrer Reisen nicht auch nur ein einziges Mal glatt gehen? Ohne Zwischenfälle oder sonstiges? Irgend etwas machte sie immer falsch.

»Jetzt schaut nicht so grimmig drein. Euch wird schon nichts geschehen. Niemandem nützt eine tote Geisel etwas.«

Das war wirklich eine wunderbare Art, einem Mut zu machen. Zählte er gleich auch noch die Foltermethoden auf?

»Und was ist, wenn sie das erpreßt haben, was sie wollen? Glaubt Ihr … glaubst du wirklich, daß deine Auftraggeber uns einfach so gehen lassen?«

»Ja«, antwortete Necar einsilbig.

Meerenja schnaubte. »Das glaubst du doch wohl selbst nicht! Ich habe bis jetzt noch von keiner Geisel gehört, die lebend vom Westland zurückgekommen ist. In den seltensten Fällen bekommt man die Leiche der Geisel, aber mehr auch nicht.«

»Man kann auch übertreiben«, meinte er. Es klang jedoch nicht sehr überzeugend und Meerenja plapperte einfach weiter, als rede sie über das Wetter und nicht darüber, was ihnen wahrscheinlich bevorstand.

»In den meisten Fällen wird nämlich die Geisel lebend, wenn sie nicht gerade zu Tode gefoltert wurde, dem Gott geopfert. Das ist ein weiterer Punkt, den wir an euch so hassen. Menschenopfer! Und Ihr sagt, ihr seid nicht grausam. Pah! Aber nein, Ihr seid ja nicht jemand, der Kindern unnötig Angst machen will. Ihr seid nur jemand, dem es nichts ausmacht, daß seine Gefangenen, die er ja beschaffen sollte, ohne weiteres ermordet werden. Ich …«

»Das reicht!« Necar hatte nicht sehr laut gesprochen, aber die Schärfe in seiner Stimme hatte Meerenja sofort zum Verstummen gebracht. Sie schwieg verärgert und wohl auch ein bißchen erschrocken, als sei ihr jetzt erst klar, was sie da überhaupt gesagt hatte. Judi schluckte schwer. Na toll! Sie hätte nicht herkommen sollen.

Schweigend ritt ihre kleine Gruppe weiter durch den Wald, jeder seinen Gedanken nachhängend.

Judi konnte diese Stille nicht ertragen, weil sie irgend etwas Unheilverkündendes an sich hatte, und fragte Meerenja: »Wie weit ist es eigentlich bis zum Westland?«

»Von Djorgian aus sieben Tagesreisen entfernt. Ich schätze, daß wir noch ungefähr vier Tage brauchen.«

Judi seufzte. Vier Tage Zeit, einen Plan auszuhecken, um zu fliehen. Großartig. Und jeder Schritt ihrer Pferde brachte sie der feindlichen Grenze ein Stückchen näher. Wie gern würde sie jetzt daheim in ihrem warmen Bett sitzen und sich nicht Sorgen um ihr Überleben machen müssen. Die einzige Sorge, die sie sich machen wollte, war, wie sie die nächste Mathestunde überleben könnte.

Die weißen, dicken Wolken am Himmel verfärbten sich dunkel und kurze Zeit später begann es zu regnen: zuerst feiner Nieselregen, dann schüttete es wie aus Kübeln. Sie suchten schnell Schutz unter einer großen Eiche, die das niederstürzende Naß wenigstens ein wenig abhalten konnte. Ihre Mäntel waren schon nach ein paar Minuten durchgeweicht, und die beiden Pferde standen mit hängenden Köpfen neben ihnen. Die Tropfen bildeten Miniatursturzbäche auf ihrem braunen Fell. Das einzige, was trocken bleiben würde, war ihr Gepäck, das in gewachstes Leder eingewickelt war.

Necar, der vor ihnen hockte und sie wieder keine Sekunde aus den Augen ließ, rieb sich die Hände. Meerenja, die neben ihr am Stamm lehnte, rieb sie sich ebenfalls, aber nicht etwa um sie zu wärmen, sondern um die Fesseln abzubekommen. Vergebens. Der Mann war ein wahrer Künstler im Knoten binden und er schenkte ihrem Tun auch keine sonderliche Beachtung.

Bibbernd, schniefend und sich gegenseitig anstarrend warteten sie auf das Nachlassen des Regens. Es dauerte eine Viertelstunde, bis sie endlich wieder aufsitzen und weiterreiten konnten. Die Kapuzen tief in die Stirn gezogen, versuchten sie sich vor dem jetzigen Nieselregen zu schützen. Zu allem Überfluß war auch noch leichter Wind aufgekommen und ließ sie noch mehr frieren. Sauwetter, dachte Judi inbrünstig und verwünschte die schweren Regenwolken auf verschiedenste Art und Weise. Auf dem Waldboden hatten sich schon schmutzige, mit Blättern bestückte Schlammpfützen gebildet, und die Schritte der Pferde verursachten dumpfe Klatschlaute.

Gegen Mittag hielt Necar plötzlich an und blinzelte angestrengt durch den wieder stärker gewordenen Regen auf irgendeinen Punkt vor ihnen. Alles hatte sich in graue, verwaschene Dinge verwandelt, in die die niederstürzenden Tropfen Bewegung hinein zauberten, und es war schwierig, etwas zu erkennen. Es gab nun wirklich keinen Millimeter mehr auf ihrer Haut, der noch nicht vollkommen naß war. Trotz der Kapuze hing Judis Haar in dicken, tropfenden Strähnen in ihrem Gesicht und Meerenja ging es nicht besser. Necar drehte sich zu ihnen um und schien einen Augenblick über etwas nachzudenken.

»Dort vorn ist ein Haus. Ich weiß nicht, ob es bewohnt ist, aber wenn, und die Leute uns dort einlassen … Es hängt von euch ab, ob ich sie am Leben lasse.«

»Wie? Was soll das denn jetzt?« Judi dachte erst, er mache einen Scherz, aber sein Gesicht war todernst.

»Wir können nicht noch länger in diesem Regen reiten. Ich werde diesen Leuten dort erzählen, daß ihr mit mir verwandt seid. Behauptet ihr das Gegenteil oder versucht zu fliehen, wenn ich euch die Fesseln durchschneide, töte ich die Bewohner. Verstanden?«

Judi nickte langsam. Dazu wäre er in der Lage, keine Frage. Auch Meerenja nickte nur stumm, und Necar lächelte zufrieden. Mit einem mehrmals gewellten Dolch, wie Judi noch keinen zuvor gesehen hatte, schnitt er ihnen die Fesseln an den Händen los und wickelte schließlich die Zügel von seinem Sattel, so daß sie das letzte Stück frei reiten konnten. Automatisch rieb sie sich die Handgelenke.

Dicht vor der Hütte hielt er an und sprang aus dem Sattel. Es dauerte eine Weile, bis jemand auf sein Klopfen reagierte. Eine kleine Klappe an der Tür wurde geöffnet und Judi konnte durch den Regen ein paar Augen erkennen, die die Truppe mißtrauisch musterte.

»Was wollt Ihr?«

»Wir können nicht weiter, ich habe Angst, daß meine kleinen Verwandten sich den Tod hier draußen holen. Können wir bei Euch ausharren, bis der Regen nachgelassen hat?«

Die Augen wanderten von Necar zu ihnen und wieder zurück, dann schloß sich die Klappe wieder. Kurz darauf war das Geräusch eines Riegels zu hören und die Tür schwang auf. Zu Judis Überraschung war es eine Frau, die ihnen Einlaß gebot. Hastig betraten sie das Innere des kleinen Hauses. Nach der schrecklichen Kälte empfand sie die Wärme, die der offene Kamin verbreitete, als Paradies.

»Ihr könnt Eure Kleider dort zum Trocknen aufhängen«, sagte die Frau und deutete auf den kleinen Holzständer, der vor einem prasselnden Feuer stand. Dann verschwand sie in einem anderen Raum.

Neugierig blickte Judi sich genauer um, während Necar ihre Umhänge aufhängte. Der Boden bestand aus festgestampftem Lehm und war an einigen Stellen schon gerissen. Außer dem Kamin befand sich nur noch ein Tisch mit drei kleinen Hockern im Raum und eine Truhe. Das war alles.

»Kann ich Euch etwas zu Essen anbieten? Ich habe noch etwas Brot und Obstmus von heute Morgen.«

Necar nickte und der Kopf der Frau verschwand wieder in der Küche. Mit ausgestreckten Händen saßen sie am Kamin und versuchten, das Zittern zu unterdrücken. Ein paar Minuten später kam ihre Gastgeberin mit einem Tablett zurück und stellte es vor sie. Das Brot roch frisch und Judi knurrte der Magen hörbar. Sie war die erste, die sich eine dicke Scheibe nahm und eine Ecke in die Schale mit dem gelblichen Fruchtmus tunkte. Es schmeckte herrlich und die Frau beobachtete ihren Appetit mit einem freundlichen Lächeln. Das Mißtrauen war aus ihren Augen verschwunden.

»Entschuldigt bitte, ich habe Euch noch nicht unsere Namen genannt. Mein Name ist Necar, das ist Meerenja und das … Norenie.«

Die kleine Pause schien sie nicht bemerkt zu haben. »Mein Name ist Amika. Kann ich Euch noch etwas zu trinken bringen?« Amika wartete ihre Antwort erst gar nicht ab, sondern verschwand abermals in der Küche, hantierte eine Weile lauthals herum, um dann mit drei Bechern zurückzukommen, in denen eine rötliche Flüssigkeit dampfte, die einen süßlichen Geruch verbreitete.

Zuerst meinte Judi, sie hätte flüssige Lava geschluckt, aber dann breitete sich eine angenehme, warme Schwere in ihrem Magen aus.

»Wenn Ihr wollt, kann ich ein paar Lager herrichten, wo Ihr Euch ausruhen könnt, bis der Regen nachgelassen hat. Habt Ihr irgendwelches Gepäck bei Euch?«

Meerenja wollte antworten, aber Necar kam ihr zuvor. »Ja, unsere Pferde stehen noch draußen, das habe ich ganz vergessen.« Er machte Anstalten aufzustehen, aber Amika schüttelte den Kopf und warf sich einen einfachen Schal über die Schultern. »Das mache ich schon. Eure Tiere können mit in den Stall. Es ist zwar nicht sehr viel Platz, da er eigentlich für ein paar Ziegen gedacht ist, aber ich werde sehen, was sich machen läßt.« Mit diesen Worten öffnete sie die Tür und verschwand im Regen.

Necar aß weiter und warf ihnen noch einmal einen warnenden Blick zu. Als wenn das nötig gewesen wäre! Sie hatten wirklich Glück gehabt, denn der Wind hatte wieder an Stärke gewonnen und ließ die Holzwände ächzen. Es dauerte eine Weile, bis Amika zurückkam. Ihre Kleider waren durchnäßt und mit einem lauten Schnauben schloß sie die Tür. Ihre Schuhe hinterließen kleine Pfützen auf dem Boden. Mit verzogener Mine hängte sie ihren Schal zu ihren Umhängen vor das Feuer, ging wieder in die Küche, um sich ebenfalls einen Becher dieses rötlichen Getränks zu holen, und hockte sich dann zu ihnen vor den Kamin.

»Vielen Dank, daß …«, begann Necar, wurde aber sofort von ihr unterbrochen.

»Ihr braucht Euch nicht zu bedanken! Es wäre unmenschlich, wenn ich Euch bei diesem Wetter dort draußen gelassen hätte. Ich bin froh, ein wenig Gesellschaft zu haben. Hier ist es manchmal etwas einsam …« Sie lächelte Meerenja zu und fragte, ob sie noch etwas zu trinken möchte, da sie ihren Becher schon geleert hatte. Wieder wollte sie antworten, aber Necar kam ihr abermals zuvor.

»Wir möchten Euch nicht allzu sehr zur Last fallen.«

Amika runzelte leicht die Stirn und zuckte dann mit den Schultern. Judi fiel auf, wie jung sie war: höchstens sechsundzwanzig.

Schweigend lauschten sie dem Prasseln des Regens und dem Heulen des Windes, dann stand die Frau auf und meinte, sie wolle nun die Lager herrichten. Judi war das nur recht, sie war wirklich müde.

Amika kam mit einem Stapel Decken zurück, die sie zu ihnen vor den Kamin legte und wünschte ihnen eine angenehme Ruhe.

»Sobald der Regen nachläßt, wecke ich Euch«, meinte sie freundlich.

Judi schnappte sich als erste eine Decke und wickelte sich mit einem erleichterten Seufzen darin ein. Sie war hundemüde und die Wärme tat ihr übriges.

~ ~ ~

»Verdammt noch mal! Ich kann doch auch nichts dafür! Habt Ihr Kinder?«

»Nein«, antwortete er knapp.

»Dann könnt Ihr mich auch nicht verstehen.«

»Aber wenn wir diesen verdammten Stein nicht holen, bricht der Krieg aus! Da zählt ein einziges Menschenleben doch …«

»Erzählt mir nichts! Ihr könnt das nicht verstehen. Und der Krieg wird so oder so ausbrechen.«

»Da bin ich aber anderer …«

Wieder ließ ihn Niam nicht ausreden. »Sie haben doch nur wie hungrige Gor darauf gewartet und stürzen sich jetzt auf diese Gelegenheit, was habt Ihr denn geglaubt? Gerade deswegen wollten sie doch auch das Amulett haben! Sie wollten verhindern, daß wir eine Möglichkeit finden, diese sogenannte Krankheit aufzuhalten. Ihnen ist nichts zu teuer. Sie hätten das Amulett behalten und zugesehen, wie immer mehr unschuldige Menschen ihre Seelen ließen, nur um einen Grund zu haben, über uns herzufallen! Versteht doch endlich! Das ist jetzt zwar schief gelaufen, da wir das Amulett bekommen haben, aber jetzt ist ihnen das egal. Sie rüsten sich zum Kampf. Ich weiß nicht wieviel Zeit uns noch bleibt. Eine Woche? Zwei? Es ist alles möglich.«

»Aber vielleicht …«

»Nein. Wir werden mit unserem Trupp warten und damit basta. Wollen sie vielleicht zwei Kinder in Gefahr bringen, nur um etwas zu verhindern, das ohnehin nicht mehr zu verhindern ist? Wollt Ihr meinen Beschluß in Frage stellen?«

Der Soldat schwieg. Niam konnte regelrecht sehen, wie es hinter dessen Stirn arbeitete. Es war ihm nicht recht, daran bestand kein Zweifel. Und andererseits konnte Niam ihn auch verstehen. Sie alle hofften, diesen Krieg verhindern zu können, aber es war aussichtslos. Die Glut hatte zu lange gelodert, jetzt stiegen die ersten Flammen auf und würden sich bald in ein brüllendes Feuer verwandeln.

»Ihr werdet den Trupp zu etwas anderem brauchen. Ihr kennt die Schwachstellen an Djorgian?«

Der Soldat nickte.

»Ihr werdet alle Baustellen, die Häuser ausbessern oder bauen, stoppen und das Material zum Ausbessern der Mauern und anderen Schwachpunkten verwenden. Und schickt Boten aus, die benachbarte Städte um Hilfe bitten. Sonnenfeld, Somonda, alle, die Ihr erreichen könnt. Verstanden?«

Der Mann nickte und ging dann aus dem Zimmer. Niam seufzte. Kaum hatten sie die Stadt wieder aufgebaut, drohte ihnen schon wieder der Untergang. Das Westland war riesig. Und in Djorgian waren nicht genug Krieger. Sie würden viele Städte um Beistand bitten müssen, und die Zeit, die sie dafür benötigten, hatten sie nicht. Mit hängenden Schultern machte er sich auf den Weg zur Schule. Die jungen Magier würden ab sofort einer anderen Ausbildung unterzogen werden. Einer Ausbildung, die sie zu Kämpfern machte.

~ ~ ~

Judi behagte es gar nicht, wieder in die Kälte zu müssen. Der Regen hatte den ganzen Abend und die Nacht hindurch angedauert, so daß sie erst am nächsten Morgen aufbrechen konnten. Nach mehrmaligem Bedanken waren sie wieder auf die Pferde gestiegen, die die Nacht im Ziegenstall verbracht hatten, und ihren Weg fortgesetzt. Kaum waren sie außer Sichtweite der Hütte gewesen, hatte Necar ihnen wieder die Hände gefesselt und ihr Pferd wie gewohnt an seinem festgebunden. Es war zum Heulen! Vergaß er denn gar nichts?

Es war ein dunkler, unfreundlicher Morgen. Zwar regnete es im Moment nicht, aber das konnte sich noch rasch ändern. Hatte Niam schon erfahren, daß sie gefangengenommen worden waren? Würde er seinen Trupp aussenden, den Stein zu holen? Oder würde er warten? Was würde mit ihnen geschehen? Was wollten die Westländer mit ihnen als Geiseln erpressen? Fragen über Fragen und keine einzige Antwort. Konnten sie Necar wohl dazu bewegen, sie frei zu lassen?

»Bist du sicher, daß man Geiseln am Leben läßt?«

Necar nickte und Meerenja schüttelte im gleichen Moment den Kopf, worauf er ihr einen bösen Blick zuwarf.

»Nur so lange, bis sie haben, was sie wollen«, sagte ihre Freundin, Necars Blicke mißachtend.

»Ist das wahr?«, fragte Judi wieder an Necar gewandt.

»Nein.«

»Doch! Warum willst Du es nicht wahrhaben? Damit ihr Westländer kein schlechtes Gewissen zu haben braucht, zwei Kinder umzubringen?«

Judi verdrehte die Augen. Meerenja konnte auch nicht einen Augenblick die Klappe halten. So würde das nie etwas werden.

»Sie werden euch nichts tun, das war die Bedingung. Normalerweise vergreife ich mich nicht an Kindern. Also braucht ihr euch nicht zu fürchten.«

»Pah! Das Wort eines Westländers ist einen Dreck wert.«

Necar atmete einmal tief ein und konzentrierte sich dann wieder auf den Weg vor ihnen. Das Thema war damit also beendet. Super!

Der Westländer hielt plötzlich an und lauschte. Dann wickelte er hastig ihre Zügel von seinem Tier und einen Augenblick später konnte Judi auch erkennen, warum. Amika kam angerannt und rief, sie sollen anhalten. Sie konnte sehen wie Necar seinen Dolch zog und sich so vor sie stellte, daß Amika sie nicht mehr sehen konnte.

»Ihr habt … etwas vergessen …«, keuchte sie und hielt ein Bündel in die Höhe. Es war ein Teil ihrer Vorräte. Judi konnte regelrecht sehen, wie die Anspannung von ihm abfiel.

»Ich danke Euch«, sagte er knapp, und streckte die Hand danach aus. Das war ein Fehler. Da er sich bücken mußte, konnte Amika einen Blick auf Judi und Meerenja erhaschen und erkannte, daß sie gefesselt waren.

»Was …« begann sie und blickte Necar unsicher an. Sein vorher erleichterter Gesichtsausdruck verschwand und machte etwas wie Bedauern Platz.

»Oh nein! Das kann nicht …« Weiter kam sie nicht. Er hob seinen Dolch und ließ ihn niedersausen. Judi schrie auf und wollte vom Pferd springen, aber sie landete unsanft im Matsch, da sie ihre gebundenen Hände vergessen hatte. Als sie sich aufrichtete, konnte sie Blut zwischen den blonden Haaren hervorsickern sehen und erstarrte. Nein!

»Hast du geglaubt, ich bringe sie um, nachdem sie uns Obdach geboten hat?«, fragte er beinahe empört und bettete die Frau in das feuchte Laub, das sich am Wegrand gehäuft hatte. Dann packte er Judi grob am Arm und hob sie wieder auf ihr Pferd und stieg dann ebenfalls in den Sattel.

»Sie … sie ist nicht tot?«

Er schüttelte stumm den Kopf und sah dann noch einmal zu der Bewußtlosen hinunter.

»Haltet euch fest, wir müssen uns jetzt beeilen.« Necar ergriff ihre Zügel und rammte seinem Tier die Fersen in die Seiten. Hastig klammerte Judi sich am Sattel fest, um nicht zu stürzen.

Sie wußte nicht, wie lange sie so im Galopp dahin gerauscht waren, bis er endlich langsamer wurde und sie schließlich wieder in gemächlichem Tempo ritten. Ihre Arme schmerzten von der verkrampften Haltung und die Fesseln hatten rote Stellen hinterlassen. Die Wolkendecke hatte sich ein wenig gelockert und es war heller geworden. Ungefähr drei Tagesreisen waren sie nun noch von ihrem Schicksal entfernt.

»Wer ist denn dein Auftraggeber? Ein reicher Mann?«

»Reich ist er und er ist einer der vier Herren, die über einzelne Gebiete des Westlandes regieren.«

»Und weißt du auch, was er erpressen will?«, hakte Judi weiter.

»Das geht mich nichts an. Ich bekomme das Geld und gehe wieder. Der Rest ist seine Sache.«

»Wahrscheinlich will er einige Landesteile, die uns gehören, erpressen«, meinte Meerenja. »Nicht alle Westlandgebiete sind groß, nicht wahr?«

»Ja. Und das Land meines Auftraggebers ist wahrhaftig nicht sehr groß. Vielleicht will er auch nur einige Güter, die wir nicht anpflanzen können, und Geld.«

»Das klingt mir ein bißchen wenig, meinst du nicht? Dafür läßt er doch nicht die Enkeltochter von Niam, dem derzeitigen Herren Djorgians entführen, oder?« Meerenja machte ein verächtliches Gesicht und Judi mußte ihr im Stillen zustimmen.

Necar zuckte mit den Schultern. »Müssen wir täglich dieses Thema von neuem aufgreifen?«

»Wir sind schließlich die Geiseln und wollen wissen, was mit uns passiert und überhaupt.« Ihre Freundin hob demonstrativ die gebundenen Hände und machte ein ärgerliches Gesicht. Aber Necar sprach nicht weiter.

Judi betrachtete mißmutig den langen Rock, den sie heute Morgen angezogen hatte. Auch Meerenja hatte sich so gekleidet, auf Necars drängen hin. In Hosen wäre ihnen wesentlich wärmer gewesen, aber er hatte gemeint, es schicke sich da, wo er herkomme, nicht, daß Frauen Männerkleidung trugen. Heute Abend würden sie das Westland erreichen. Die vergangenen Tage hatte Necar kein Wort mehr über ihr Schicksal verloren, auch nicht auf das ständige Drängen Meerenjas hin. Der Regen hatte endlich aufgehört und die Sonne schien am fast wolkenlosen Himmel. Es war auch ein wenig wärmer geworden, was ihre Laune nicht unbedingt verbesserte. Necar lächelte ihnen aufmunternd zu und strich sich mit der freien Hand über die Perlen in seinem Haar. Heute Morgen hatte er sich zwei Strähnen dazu geflochten und auf Judis Fragen hin hatte er erklärt, daß dies der Schmuck der Skuda, sie vermutete, daß dieses Wort einem ›Söldner‹ sehr nahe kam, sei. Für jede Perle und jede geflochtene Strähne stand ein erfüllter Auftrag. Aber worum es sich bei diesen Aufträgen wohl am meisten handelte, konnte sie sich denken und fragte lieber nicht nach. Als die Sonne im Zenit stand, konnten sie von weitem Rauch erkennen. Sie ritten mittlerweile nicht mehr durch einen Wald, sondern durch eine hügelige Landschaft, die mit großen grauen Steinen übersäht war. Das blaßgrüne Gras und die dornigen Büsche, die hier reichlich wuchsen, waren auch fast schon alles, was ihnen an Vegetation begegnete.

Meerenja stieß sie an und deutete auf den dicken Rauch, den sie schon gesehen hatte. Auch Necar hatte ihn bemerkt und sein Gesicht bekam einen besorgten Ausdruck. Er hielt an und deutete ihnen, abzusteigen.

»Ihr bleibt hier und rührt euch nicht von der Stelle! Hier waren Räuber und ich weiß nicht, ob sie noch in der Nähe sind.« Sein Vertrauen schien allerdings nicht sehr groß zu sein, denn er band ihnen zusätzlich noch die Füße. Dann schwang er sich in den Sattel und preschte davon. Sein weiter Umhang flatterte im Wind und war dann hinter dem nächsten Hügel verschwunden.

»Das ist die Gelegenheit!«, rief Meerenja und begann gleich übereifrig, mit gebundenen Händen ihren Rock hochzuziehen und den Dolch zum Vorschein zu bringen.

»Der Idiot hat ihn dir gelassen?«, entfuhr es Judi.

Meerenja grinste und säbelte ihre Fußfesseln los. Dann gab sie ihr das Messer, damit sie die gebundenen Hände ihrer Freundin befreien konnte. Zuletzt half Niams Enkeltochter noch ihr und gemeinsam liefen sie los. Die Richtung war egal, Hauptsache weg! Judi blickte über die Schulter zurück, aber es war keine Spur von dem Westländer zu sehen.

Nach ein paar Minuten versteckten sie sich keuchend hinter einem Felsen, als sie das Geräusch von Hufen hörten. Erst nach ein paar Sekunden erkannte Judi, daß etwas daran nicht stimmte. Es war nicht Necars Pferd, es waren viele Pferde. Sie duckten sich noch tiefer in den Schatten und warteten. Es dauerte nicht sehr lange, dann preschte der erste Reiter an ihnen vorbei und ihm folgten vielleicht noch zehn, allesamt langhaarig und mit Perlen in den Haaren. Metall klirrte und die Tiere schnaubten laut. Jeder trug einen weiten grauen Umhang, der sich im Wind aufbauschte.

»Das sind Räuber! Dann ist Necar ja auch einer.«

Judi bedeutete Meerenja, still zu sein. Trotz der donnernden Hufe befürchtete sie, sie könnten gehört werden, was natürlich Schwachsinn war. Doch dann hielten die Reiter in einiger Entfernung plötzlich an und Judi meinte, ihr Herz bliebe stehen, als einer der Reiter genau in ihre Richtung blickte. Aber er blinzelte nur, von der Sonne geblendet und sprach dann mit seinem Nachbarn.

»Haben die uns gesehen?«, hauchte ihre Freundin.

»Nein, das ist unmöglich.«

»Und warum halten sie dann? Komm laß uns auf die andere Seite gehen.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, huschte sie um den Felsen. Judi zögerte einen Moment, dann tat sie es ihr gleich, aber ihr Umhang verfing sich an einem dornigen Gebüsch. Hastig zerrte sie daran. Das trockene Geäst gab knackend nach und Judi fiel prompt hintenüber. Einen Fluch unterdrückend robbte sie zu Meerenja, die sie erschrocken ansah.

»Haben sie dich gesehen?«

»Nein, ich glaube nicht. Ach, verdammte Scheiße, ich bin das Ganze satt! Ständig müssen wir uns vor irgend jemandem verstecken.«

»Sei ruhig! Nicht so laut«, raunte ihre Freundin. Ihr Atem zitterte und sie schloß die Augen. »Sind sie weg?« fragte sie dann. Judi zuckte mit den Schultern. Ihr Herz jagte. So etwas konnte auch nur ihnen passieren!

»Ich sehe nach. Keine Sorge, ich passe auf!« Vorsichtig, auf Händen und Knien krabbelnd arbeitete sie sich vor. Es war niemand gekommen. Die Reiter standen immer noch genau so da, wie zuvor und unterhielten sich. Judi warf dem Gebüsch, an dem jetzt ein Fetzen ihres Mantels hing, einen bösen Blick zu, wandte sich dann wieder um … und erstarrte. Ihr Herz hüpfte einmal bis zum Hals hinauf und schien dann wieder still zu stehen. Sie schluckte und blickte ängstlich auf die Spitze des Schwertes, die sich einen Millimeter vor ihrem Hals befand.

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22 aralık 2023
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