Kitabı oku: «Djorgian», sayfa 4
Sie blieben vor einem hohen hölzernen Zaun stehen.
»Und jetzt? Willst du da hoch kraxeln?«
Meerenja grinste und streckte die Hand nach dem Zaun aus. Vorsichtig suchte sie Halt und begann hinaufzuklettern. Judi folgte ihr weit weniger geschickt und war heilfroh, als sie auf der anderen Seite angelangt waren und wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Sie betrachtete ihre grün verschmierten Finger und anschließend den schmutzigen Zaun, zuckte mit den Schultern und wischte sie sich an ihrem Kleid ab. Meerenja legte den Zeigefinger auf die Lippen und blickte sich vorsichtig um. Judi konnte nichts außer den seltsamen, palmenartigen Bäumen erkennen, deren dunkelgrüne Blätter sich im Wind wiegten. Sie sahen zwischen den kahlen Bäumen, denen der Herbst die Blätter schon genommen hatte, seltsam deplaziert aus.
»Und wo sind …« begann Judi, verstummte aber sofort, als Meerenja erschrocken mit der Hand winkte, sie solle still sein. Dann deutete sie auf den Boden. Judi erblickte mangogroße gelbe Dinger, die abgefallen waren. Sie waren mit braunen Flecken übersäht und sahen nicht sehr schmackhaft aus, aber Niams Enkeltochter war schon dabei, sie in ihren Sack zu stopfen, und Judi tat es ihr gleich. Mit zufriedenem Gesichtsausdruck gingen sie wieder zu dem glitschigen Zaun zurück. Meerenja streckte gerade die Hände nach dem Holz aus, als sie ein leises Knurren hörten. Ihre Gesichtsfarbe wechselte in Sekundenschnelle von erfreutem Rot zu Weiß.
»Hoch!«, schrie sie plötzlich, und begann, flink wie ein Wiesel hinaufzuklettern. Judi beging den Fehler, sich umzudrehen. Nicht mehr weit entfernt raste ein dunkelbraunes, riesenhaftes Etwas heran, neben dem ein ausgewachsener Schäferhund wie ein zahmes Schoßhündchen gewirkt hätte, und mit Zähnen, die sie von hier aus sehen konnte. Sie hatte es auf einmal sehr eilig, ihrer Freundin zu folgen. Mehrmals rutschte sie ab und erst, als sie keuchend neben Meerenja angelangt war, wagte sie einen Blick nach unten. Das Ding sah wie eine Kreuzung zwischen einem Wildschwein und einem Hund aus. Die Sprünge hatten etwas Katzenhaftes und es hatte einen langen rattenähnlichen Schwanz, der nur spärlich behaart war. Judi schätzte, daß es etwas über einen Meter lang und ebenso hoch war.
»Was ist das?«, entfuhr es ihr.
»Der schlimmste Wachhund, den du dir vorstellen kannst. Ein Wagar. Er kann dir ohne Mühe deine Hand abbeißen.«
Judi schluckte und sah noch einmal zu dem knurrenden Ding hinunter, das ständig am Zaun hochsprang. Das zottige Fell sträubte sich.
»Komm, laß uns weitergehen. Seinem Besitzer möchte ich nicht unbedingt begegnen.«
Schnell kletterten sie wieder auf die andere Seite.
~ ~ ~
»Hallo?« Immer noch kam keine Antwort, obwohl er sich sicher war, eine Stimme gehört zu haben. Wenn auch keine sehr erfreute. Außerdem ging von dem Stein eine gierige Unruhe aus, die sich auf ihn übertrug. Sein kleiner Freund hatte seit drei Tagen keine Nahrung mehr bekommen und es wurde höchste Zeit.
Tallorin ging weiter und sah jemanden auf sich zukommen. Erstaunt zog er die Brauen hoch, als er erkannte, daß es eine junge Frau war. Sie wirkte ängstlich und blieb stehen, als sie ihn ebenfalls erblickte. Seine Hände zitterten, so daß er sie schnell zu Fäusten ballte.
»Hallo! Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich bin froh, jemanden zu sehen. Seit drei Tagen irre ich schon durch diesen Wald und bin noch keiner Menschenseele begegnet.«
Die verkrampfte Haltung der jungen Frau entspannte sich ein wenig. Er lächelte, obwohl er sich nicht sicher war, ob sie es im Dunkeln sehen konnte.
»Was macht Ihr so alleine in einem Wald, und noch dazu mitten in der Nacht?«
Sie zögerte, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und entschied sich dann doch zu antworten. »Ich bin auf dem Weg nach Hause. Und Ihr?«
Tallorin lächelte abermals. »Dann haben wir eines gemeinsam. Ich bin ebenfalls auf dem Weg zu meinem Haus.«
Er bemerkte, wie sie nervös an ihrem Schal zupfte. Verdammt, sie war fast noch ein Kind! Er hatte sich eines fest vorgenommen: keine Kinder.
Seine Hand versank in seiner Tasche und Tallorin zog sie erschrocken wieder zurück. Der Stein war glühend heiß. Nein, nein, nein! Die Frau schien seine hastige Bewegung nicht bemerkt zu haben, denn sie sah an ihm vorbei. Hin- und hergerissen strich er über das Tuch, in das er den Stein eingewickelt hatte. Er spürte dessen Hunger, der sich langsam aber unerbittlich weiter auf Tallorin übertrug. Was sollte es schon schaden? Außerdem kannte er den Stein nicht genug. Würde er ihn am Ende selbst verschlingen, wenn er ihn weiter hungern ließ? Zuzutrauen wäre es ihm. Sein eigenes Leben war wichtiger als das eines anderen. Entschlossen umfaßte er das kleine Bündel und drehte es in der Hand, die junge Frau aus den Augenwinkeln beobachtend. Sie versuchte neugierig, einen Blick darauf zu erhaschen, was ihm erneut einen schmerzhaften Stich versetzte. So jung, verdammt noch mal, so jung! Aber Tallorin hatte nicht vor, sich selbst fressen zu lassen.
»Ich … ich möchte dir etwas geben. Einen Glücksbringer. Wie heißt du eigentlich?«
Sie zögerte wieder, aber ihre Neugier siegte. »Jamalia.«
Er nickte und hielt ihr das Bündel entgegen. »Er beschützt einen auf seinen Wegen. Und diese Gegend ist gefährlicher für eine junge Frau, als für einen Mann.«
Jamalia lächelte und nahm den ›Glücksbringer‹ entgegen. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen, mit denen sie ihn vorsichtig auswickelte. Als sie den einfachen Stein ergreifen wollte, mußte er sich beherrschen, sie nicht daran zu hindern. Es war eine Ausnahme. Es war nötig, versuchte er sich selbst einzureden. Als sie ihn berührte, erstarrte sie. Ungläubig sah sie auf den Stein herab, dann verdrehte sie die Augen und sank lautlos in sich zusammen. Schnell fing Tallorin sie auf und ließ sie langsam auf den Boden gleiten. Traurig blickte er auf sie herab. Es sah aus, als würde sie schlafen. Ihr Atem ging flach aber sie rührte sich nicht mehr und das würde auch so bleiben. Er zog sie zum Wegrand und nahm ihren Schal, um ihn über Jamalia zu breiten. Warum hatte er sie nur nach ihrem Namen gefragt? Jetzt kam er sich schuldiger vor denn je. Der Name gab ihr etwas persönliches, etwas, das ihm weh tat. Er seufzte, suchte einige Sekunden nach dem Stein und wickelte ihn wieder in das Tuch, um ihn dann in der Tasche verschwinden zu lassen. Frage nie nach dem Namen! Nie.
Was würden ihre Eltern wohl machen? Vergebens würden sie auf ihre Tochter warten, vergebens … Er zwang sich, diesen Gedanken abzubrechen. Mit entschlossenen Schritten setzte er seinen Weg durch die Nacht fort.
~ ~ ~
»Halt! Warte!« Erschrocken hob Meerenja die Hand und hielt Judi zurück, die gerade in eine von diesen sogenannten Kernfrüchten beißen wollte.
»Du beißt dir die Zähne aus. Sieh!« Sie nahm sie Judi aus der Hand und stach mit dem kleinen Messer hinein. Schon die Spitze stieß auf harten Widerstand. Sorgfältig kratzte sie die Schale ab.
»Und was ist daran jetzt noch eßbar?« Stirnrunzelnd betrachtete Judi den großen Kern.
»Du mußt ihn natürlich öffnen«, sagte ihre Freundin mit einem spöttischen Glitzern in den Augen. Sie setzte das Messer an einer kleinen Spalte an, nahm die metallene Wasserflasche und schlug auf den Griff. Mit einem trockenen Knacken brach der Kern in zwei gleichgroße Hälften. Das Innere schimmerte feucht und hatte die Farbe einer schlammigen Pfütze.
»Ich will ja nichts sagen, aber das sieht Niams Eintopf erschreckend ähnlich …«
Meerenja lachte und schüttelte dann den Kopf. »Mach dir keine Sorgen, das schmeckt. Probiere!«
Sie schnitt ein kleines Stück heraus und reichte es Judi. Zögernd griff sie danach. Es fühlte sich klebrig an und hinterließ kleine Fäden auf ihren Fingern. Aber Meerenja hatte recht, es schmeckte sogar sehr gut. Fast wie gebrannte Mandeln. Als die eine Hälfte komplett ausgehöhlt war, wickelte Judi die andere in ein Stück Leder und verstaute es wieder in dem Beutel.
»Wie lange werden wir wohl unterwegs sein?«
»Ich weiß es nicht. So weit war ich noch nie von Djorgian entfernt. Das habe ich Niam zu verdanken, aber ich weiß die Richtung, das reicht. Zur Not können wir ja auch fragen«, antwortete sie, und betrachtete verärgert die Blätter, die an ihren Fingern klebten, nachdem sie schlauerweise versucht hatte, sie am Boden abzuwischen. Sie ergriff einen Zipfel ihres Kleides und versuchte, sich damit ihre Hände zu säubern, mit dem Ergebnis, daß diese nun am Kleid klebten.
Judi grinste und handelte sich einen verärgerten Blick ein.
Sie gingen weiter, als Meerenja plötzlich stehen blieb. Sie sah ein wenig schockiert aus, fand Judi, und sah sich nervös um. Hatte ihre Freundin schon wieder etwas entdeckt, das ihr entgangen war? Zu hören war jedenfalls nichts, und zu sehen waren nur die kahlen Bäume und Sträucher, und das verwelkte Laub am Boden.
»Was hast du?«
Sie antwortete nicht aber ihre Augen suchten den Weg vor ihnen ab.
»Hallo? Mars an Erde.«
»Wie?«
»Was hast du?«, wiederholte Judi und wurde ein wenig besorgt.
»Nichts. Ich meinte nur … Ich weiß auch nicht.«
»Aha«, machte Judi, aber Meerenja sprach nicht weiter und so beließ es Judi bei einem Achselzucken. Erst nachdem sie ein paar Meter weitergegangen waren, erklärte ihre Freundin: »Ich glaube, es ist jemandem etwas passiert. Jemandem von uns. Ich weiß auch nicht, aber die, die begabt sind, spüren es manchmal, wenn jemandem von ihrer Art etwas passiert, und ich glaube, daß … Ach, vergiß es. Ich habe mich geirrt.«
Judi wußte nicht, was sie davon halten sollte und schwieg zu diesem Thema.
»Werden wir die ganze Strecke zu Fuß laufen müssen? Ich meine, hier muß es doch irgendwo Pferde geben.«
»Das schon, aber eines kaufen? Du vergißt wohl, daß wir zu wenig Geld bei uns haben.«
Toll! Die ganze Strecke latschen. Was zu Beginn ihres Aufbruchs Abenteuerlust gewesen war, schlug jetzt in Zweifel um. Kaum hatte sie dieses Land wieder betreten, war sie schon wieder auf Wanderschaft und jagte diesem bescheuerten Stein hinterher, der sich einfach nicht damit abfinden konnte, auf dem Grunde des Sees liegen zu bleiben, und verdammt noch mal die Menschen in Ruhe zu lassen. Und sie hatte gedacht, es wäre vorbei. Ha, ha. Dämlicher Kiesel.
»Und was ist mit den Westländern? Wann werden sie angreifen?«
»Ich weiß es nicht. Ich hoffe, wir finden den Stein vorher, auch wenn ich bezweifle, daß das etwas bringen wird.«
»Wie meinst du das? Ich dachte, wenn wir den Stein finden und es ihnen erklären, hat sich die Sache erledigt.«
»Das glaube ich kaum. Sie wollten uns schon früher zusetzen, haben aber bisher noch keinen Grund gefunden, und so einfach ohne Grund anzugreifen geht nicht. Wenn wir ihnen jetzt den Grund für diese Krankheit erklären wollen, bin ich mir sicher, daß sie ihn gar nicht hören wollen. Sie haben eine Möglichkeit gewittert und nutzen sie natürlich sofort aus.«
»Weiß Niam das?«
»Natürlich. Aber keine Sorge, bis es dazu kommt, vergehen vielleicht noch ein paar Wochen. So schnell können selbst die Westländer kein Heer aufbauen.«
Hoffentlich war sie dann schon über alle Berge und bei sich zu Hause in ihrem warmen Bett. Sie hatte wenig Lust, einen Krieg mitzuerleben.
»Dann brauchen wir den Stein ja gar nicht zu holen.«
»Ist das dein Ernst? Willst du, daß er noch mehr unschuldige Menschen verschlingt?«
»Hast ja recht …«
Immer wieder blickte Judi in den Himmel, aber die Sonne war und blieb hinter einem Vorhang aus weißen Wolken verschwunden. Es war kalt und unangenehm naß, so daß Judi am liebsten wieder umgedreht wäre, um sich an einem Feuer zu wärmen. Meerenja schien dieses Wetter allerdings nichts auszumachen. Sie lief leichten Schrittes neben ihr her und machte ein zufriedenes Gesicht. Wenn es nach ihr ginge, könnten sie wahrscheinlich noch Jahre so weitermachen.
»Schade eigentlich, daß wir am Mondfest nicht teilnehmen können.«
»Was is`n das?«
»War damals dabei und weiß es nicht«, Meerenja seufzte. »Bald ist wieder der blaue Mond. Sagt dir das etwas?«
»Ist das jetzt Galgenmännchen oder so was? Da kann ich auch in den Kindergarten gehen.« Judi wußte auch nicht, was sie hatte, aber die gute Laune ihrer Freundin wandelte sich bei ihr ins Gegenteil um. Aber diese zeigte sich von Judi nicht im geringsten beeindruckt.
»Das war der Tag, an dem Niam den Stein in den See geworfen …«
»Moooment mal. War ja klar, daß er sich die Lorbeeren einheimst. Hat er euch das erzählt?«
»Ja, weil du ihm ja den Stein gegeben hattest und noch bei den Dorfbewohnern warst, weil …«
»Pah! Der Blödmann hatte nichts besseres zu tun, als sich ein Messer an den Hals halten zu lassen!«
Meerenja machte große Augen. »Er hat gesagt, daß du im Dorf warst, um ihn zu warnen, wenn jemand kam. Er mußte mit drei Kriegern kämpfen und …«
»Und ist nur mit knapper Not entkommen, wie? Na, warte, wenn ich ihn wieder sehe! Das war nämlich ganz anders. Ich wollte den Stein gerade in den See schleudern, als Myrmon, einer von Dohns Kriegern Niam gepackt hatte und drohte, ihm die Kehle durchzuschneiden, wenn ich es tun würde. Wären die vom Volk der Naradihel uns nicht zu Hilfe geeilt, wäre wahrscheinlich alles ganz anders gekommen. Niam hat nicht mal einen Finger gekrümmt!«
»Oh«, sagte Meerenja, dann grinste sie. »War nur ein Scherz. Er hat nie etwas derartiges behauptet, aber von dem Messer hat er allerdings nichts erzählt.«
Den ganzen Nachmittag lang liefen sie durch den herbstlichen Wald.
»Wann machen wir endlich eine Pause und essen etwas?«, fragte Judi, nachdem ihr Magen keine Ruhe mehr geben wollte. »Das letzte Essen war heute früh.«
»Und somit auch das letzte für den Rest des Tages und den morgigen Tag.«
»Das ist jetzt ein Witz, oder?«
»Nein, natürlich nicht. Willst du gegen die heiligen Regeln verstoßen?«
»Was für heilige Regeln? Die einzige heilige Regel ist für mich im Moment, meinem Magen die nötige Nahrung zuzuführen.« Ihr Magen knurrte zustimmend.
»Eineinhalb Tage vor dem Fest muß man fasten. Dafür gibt es auf dem Festplatz, wenn der blaue Mond am Himmel steht, die herrlichsten Delikatessen …«
»Soll das heißen, ich darf heute und morgen hungern? Willst du mich vielleicht nach Westen tragen? Die Regeln sind mir schnurzpiepegal! Ich habe Hunger und damit basta!« Ihre schlechte Laune war wieder da und beinahe genoß sie die schockierten Blicke Meerenjas.
»Aber …«
»Hast du etwa keinen Hunger?«
»Nein. Ich bin das gewohnt. Komm schon, es ist ein heiliges Fasten.«
»Bis morgen bin ich verhungert. Ich muß sie doch gar nicht einhalten. Bin ich etwa hier geboren? Nein. Also!«
»Nein.« Meerenja blieb stur. Am liebsten hätte Judi ihr einen der beiden Beutel heruntergerissen und einfach etwas zu Essen geklaut, aber das tat sie natürlich nicht. Vielleicht konnte sie ja etwas ergattern, wenn ihre Freundin schlief … Warum hatte sie nur den Beutel mit dem Essen Meerenja gegeben?
Bis zur Abenddämmerung diskutierte sie mit Niams Enkeltochter, wie wichtig doch die regelmäßigen Mahlzeiten seien. Allerdings mit wenig Erfolg. Schließlich hielt Meerenja an und seufzte. »Ich glaube wir sollten jetzt unser Lager aufschlagen. Hier ist ein guter Platz und es wird kalt werden. Komm, hilf mir!«
Zu Judis Erstaunen holte sie ein paar lederne Planen aus einem der großen Beutel hervor, und begann eine Art Zelt aufzubauen. Sie hatte sich die ganze Zeit schon gefragt, was da alles drin sei.
»Und warum haben wir das nicht schon gestern gemacht? Da war es noch kälter.«
»Schon vergessen, daß wir schnell weiter mußten? Da wäre keine Zeit mehr gewesen, ein Zelt abzubauen. Jetzt halt das mal nach oben.«
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie das mickrige Zelt stehen hatten. Es machte allerdings keinen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Ein starker Wind würde ihnen das Ding über ihren Köpfen wegpusten. Trotzdem zufrieden, half sie noch ein Feuer zu entzünden, das die Dämmerung vertrieb.
Dankbar streckte Judi die Hände nach den Flammen aus und seufzte.
»Kann ich denn nicht ein kleines Stückchen …?«
»Wie hat das Niam nur mit dir ausgehalten?«
»Als ich mit Niam unterwegs war,« begann Judi betont, »gab es noch kein heiliges Fasten. Außerdem hatte ich Schwierigkeiten, ihn zu ertragen.«
Meerenja grinste, und griff zu Judis Freude in den Rucksack mit den Vorräten. Sie malte sich schon die herrlichsten Leckereien aus, als sie mit einer Wasserflasche belohnt wurde. Ärgerlich riß sie ihr die Flasche aus der Hand.
»Trinken ist erlaubt.«
»Ha, ha.« Judi trank gierig und gab sie anschließend wieder zurück.
»Darf ich mich zu Euch gesellen?«
Beide fuhren erschrocken zusammen und erblickten einen Mann. Besser gesagt die Umrisse eines Mannes, der in der Dämmerung stand, gerade weit genug vom Schein des Feuers entfernt, daß man ihn nicht genau erkennen konnte.
»Wer seid Ihr?« Meerenjas Hand kroch tiefer zu ihrer Hüfte und Judi erinnerte sich, daß sie selbst dort früher einen Dolch getragen hatte. Sicherlich hatte Niams Enkeltochter nicht versäumt, ebenfalls einen mitzunehmen. Allerdings war diese Bewegung alles andere als unauffällig.
»Ein Wanderer. Genaueres wäre eine lange, lange Geschichte. Ich friere und habe das Feuer gesehen und gehofft, einen Platz daran zu finden.«
Der Mann mit der tiefen Stimme kam einen Schritt näher. Erkennen konnte man ihn aber immer noch nicht.
Meerenja zögerte und nickte dann.
»Ich danke Euch«, sagte der Unbekannte und trat endlich in den Schein des Feuers. Mißtrauisch kniff Judi die Augen zusammen. Kam er ihr nicht irgendwie bekannt vor? Nein. Sie zuckte mit den Schultern, was ihren Gegenüber zu einem fragenden Blick veranlaßte. Sie lächelte entschuldigend und starrte dann wieder in die prasselnden Flammen.
»Wie ist Euer Name?« fragte Meerenja.
Der Mann rieb sich noch ein paar Sekunden die Hände, dann antwortete er: »Necar. Und Ihr?«
»Ich bin Meerenja und das ist Norenie.« Jetzt hatte Judi also wieder ihren alten Namen bekommen. Necar lächelte. »Norenie, wie die Retterin?«
Gegen ihren Willen mußte sie grinsen. Wenn der wüßte …
»Ich möchte nicht undankbar sein. Hier, das habe ich selbst zusammengebraut. Hier in dieser Gegend wird es wahrscheinlich nicht bekannt sein, aber da, wo ich herkomme, ist es eine berühmte Spezialität.«
Er förderte eine kleine, in Leder eingebundene Flasche aus seinem Beutel und hielt sie ihnen hin. Judi sah erst die Flasche und dann Meerenja an und griff schließlich danach, als ihre Freundin keine Anstalten machte. Sie schraubte den Deckel auf und schnüffelte. Necar lachte und schüttelte dann den Kopf.
»Es ist nichts Schlimmes. Es wird aus Früchten gewonnen. Soweit ich weiß, ist der Saft von Früchten während des Fastens, das jetzt stattfindet, erlaubt.«
Judi gab sich einen Ruck und nippte vorsichtig. Abgesehen von dem bitteren Nachgeschmack schmeckte es wirklich gut.
»Wartet, ich habe noch ein paar Becher dabei.« Necar kramte abermals in seinem Beutel herum und goß jedem einen Becher voll.
Diesmal trank auch Meerenja.
»Wohin seid Ihr denn unterwegs?«, fragte sie dann.
»Ach, im Moment bin ich auf der Suche nach Arbeit. Danach werde ich wohl weiter in den Norden ziehen. Ich bin mir noch nicht sicher.«
»Ungefähr einen Tagesmarsch von hier entfernt befindet sich Djorgian. Dort findet Ihr sicherlich Arbeit. Könnt Ihr schmieden?«
»Nicht sehr gut, aber ein paar Dinge kann ich schon.«
»Dort werden im Moment Schmiede gesucht. Dann werdet Ihr auf jeden Fall Arbeit finden.«
»Ich danke Euch.« Necar lächelte und goß ihnen nach.
»Und wo wollt Ihr hin?«
»Weiter im Westen wohnen Bekannte von uns. Wir werden dort gebraucht, vor allem jetzt, wenn die Kernfrüchte reif werden. Kennt Ihr die?«
»Natürlich. Wer kann diese Köstlichkeit nicht kennen?«
Judi fiel auf, daß er selbst noch gar nichts getrunken hatte. Aber warum war sie so mißtrauisch?
Necar bemerkte ihren Blick und trank einen Schluck, drehte sich dann aber um, als habe er ein Geräusch gehört.
»Was ist? Hier in der Nähe gibt es keine Gor. Zumindest nur sehr selten«, sagte Meerenja und blickte sich ebenfalls in der Dunkelheit um.
»Es ist nichts. Nur ein Tier. Ich habe einmal schlechte Erfahrungen mit diesen Viechern gemacht. Sie sind eine echte Plage …« Während er weiter belangloses Zeug schwafelte und Meerenja sich sichtlich dafür zu interessieren schien, betrachtete sie Necar genauer. Irgend etwas stimmte mit ihm nicht. Warum konnte sie das Gefühl nicht loswerden, ihn schon einmal gesehen zu haben? Sie leerte auch den zweiten Becher und lehnte ab, als er ihr abermals nachschenken wollte. Judi blinzelte, als sein Gesicht zu verschwimmen begann. Sie war wirklich übermüdet und brauchte dringend eine Mütze voll Schlaf.
»Ihr seht müde aus«, sagte Necar und zog die Augenbrauen zusammen.
»Ich … ja, das stimmt.«
»Ihr hättet nicht so viel trinken sollen. Das kann manchmal wirklich schaden, wißt Ihr? Erst recht, wenn in dem Getränk, das man Euch anbietet, Fathum enthalten ist.«
Meerenja begann zu kichern und kippte den Rest ins Feuer. Was war daran so komisch? Necar lächelte und kratzte sich am Hals. Judi erkannte einen merkwürdigen Löwen der auf seinem Arm prangte, als der Ärmel ein Stück nach unten rutschte und im selben Moment blieb Meerenja das Kichern im Halse stecken. Entsetzt riß sie die Augen auf und starrte auf das Tier. »Das …« begann sie, brach aber sofort wieder ab.
»Es ist wirklich eine Laune des Schicksals. Da macht man sich auf den Weg, um die Tochter Niams zu entführen, eine wertvolle Geisel zu haben und vor allem Geld zu kassieren, da kommt sie einem noch entgegen und bringt gleich noch eine gute Freundin mit. Sicherlich kennt Niam dich sehr gut und würde ebenfalls bestürzt sein, wenn er erfährt, daß ich auch noch die kleine Judi habe.«
»Was zum Henker soll das … heißen?« Judi fiel das Sprechen schwer. Das Gesicht des Mannes vor ihr begann immer mehr zu verschwimmen. Meerenja hatte sich mittlerweile von ihrem Schrecken erholt, weshalb auch immer sie erschrocken war, und versuchte aufzustehen. Sie machte einen torkelnden Schritt, stöhnte und fiel der Länge nach hin. Judi wollte ihr zu Hilfe kommen, aber ihre Beine versagten ihr den Dienst. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, den Arm zu heben, stellte sie mit Entsetzen fest.
»Es tut mir leid, aber Fathum entfaltet seine Wirkung in der Regel sehr schnell. Ihr werdet …« Judi verstand den Rest des Satzes nicht mehr. Sein Gesicht zerfloß endgültig vor ihren Augen und verblaßte. War ja klar. Gleich am Abend des zweiten Tages mußte ihnen so etwas passieren! Das war ihr letzter Gedanke.
Anders als erwartet, hatte sie keine Kopfschmerzen. Das Erwachen war ganz normal, und was sie als erstes sah, als sie die Augen öffnete, waren auf und ab wippende Bäume. Judi wollte sich über das Gesicht streichen, registrierte dann erst, daß ihre Hände gefesselt waren. Wie hätte es sonst sein sollen? Sie lag bäuchlings über den Hals eines Pferdes und sie konnte Leder knarren hören. Als sie den Kopf noch ein wenig weiter drehte, erkannte sie einen Stiefel, der in einem Steigbügel steckte. Necar. Er schien ihr Erwachen bemerkt zu haben, denn eine Sekunde später klopfte er ihr auf den Rücken.
»Na, bist du wach?«
»Was zum Teufel soll das? Laß mich runter!«
»Sie ist wach«, sagte Necar mit einem Seufzen und hielt das Pferd an.
»Jetzt, da du wieder bei dir bist, kannst du sogar ein eigenes Pferd haben.«
»Ich platze vor Freude«, erwiderte Judi grimmig. Necar hob sie vom Tier und setzte sie sofort auf ein anderes, allerdings ohne zu vergessen, ihre Beine festzubinden und die Zügel an seinem Sattelknauf zu befestigen.
»Deine Freundin schläft noch. Mich wundert es, daß du überhaupt schon wach bist.«
»Ich konnte nicht abwarten, dein Gesicht wiederzusehen.« Sie wußte selbst nicht, woher sie den Mut nahm, aber Necar war nicht im geringsten verärgert. Er lächelte sogar.
»Das freut mich.«
Judi wandte das Gesicht ab. Wenigstens konnte sie jetzt wieder sitzen und mußte nicht wie ein Sack Kartoffeln auf dem Rücken seines Pferdes hängen. Meerenja lag nämlich genau auf diese Weise hinter seinem Sattel, zusätzlich noch ans Pferd gebunden, damit sie nicht hinunter fiel. Wo brachte er sie eigentlich hin? Und warum war Niams Enkeltochter gestern so erschrocken gewesen, als sie den Löwen auf Necars Arm gesehen hatte? Was Fathum war, glaubte sie mittlerweile zu wissen.
»Ich tue euch sogar einen Gefallen, wißt ihr? Ich reite mit euch nach Westen. Dort sind einige Leute sehr erpicht darauf, euch zwei in die Finger zu bekommen. Auch wenn du das Amulett nicht mehr hast. Darum geht es jetzt nicht mehr.«
Plötzlich wußte Judi, wer dieser Mann war. Hatte sie denn gestern Abend Tomaten auf den Augen gehabt? Dieser Typ war der, der bei ihr eingebrochen hatte. Käppi und Holzfällerhemd hatte er gegen eine pelzgefütterte Weste und ein schmales Stirntuch getauscht, das seine schulterlangen Haare aus seinem Gesicht hielt. In einige Strähnen hatte er Perlen eingeflochten.
»Sieht so aus, als wüßtest du wieder, wer ich bin. Ist aber egal. Ich tue euch nichts. Nicht, daß ich einer wäre, der sich einen Spaß daraus macht, Kinder zu ängstigen. Ich bringe euch nur dahin, wo man euch erwartet, und versuche euch die Reise nicht unnötig schwer zu machen.«
»Soll ich vor lauter Dankbarkeit Luftsprünge machen? Tut mir leid, ich bin geknebelt.« Judi hatte endgültig beschlossen, ihn nicht zu mögen. Aber wieder grinste Necar nur belustigt. Sie hatte gute Lust, ihm in sein breites Grinsen zu spucken, aber so weit reichte ihr Mut dann doch wieder nicht.
»Und was stellt man mit uns dort an, wo du uns hinbringst?«
Necar zuckte mit den Schultern. Dann tat er so, als müsse er einen Augenblick angestrengt nachdenken. »Geiseln hält man fest, schätze ich.«
Wie witzig. An dem war wirklich ein Komiker verlorengegangen. Judi verdrehte die Augen. »Wie spät ist es?«
»Es ist Nachmittag. Bis sie hier aufwacht, wird wohl noch eine Weile vergehen. Und dann könnt ihr etwas zu Essen bekommen.«
Judi horchte auf. Essen? »Ich dachte …« Sollte sie etwas über das Fasten sagen? Lieber nicht, sonst würde er es sich noch anders überlegen.
»Was dachtest du?«
Schließlich sagte sie es ihm doch, worauf Necar abfällig schnaufte. »Wir kümmern uns nicht um die gotteslästerlichen Bräuche der falschen Götter.«
»Falsche Götter? Ich dachte, daß alle an die Drachen glauben.«
»Nein, wir glauben an den wirklichen Gott. Der, den es noch gibt. Er hat nämlich die drei heiligen Drachen vernichtet, nachdem sie ihn verraten haben, und die ganze kleinere Drachenbrut gleich mit. Dehus ist der einzig wahre Gott.« So wie er das Wort ›heilig‹ aussprach, machte er es zu einem Schimpfwort.
»Aha«, machte Judi nur. »Ist das zufällig ein Löwe?«
»Wie?«
»Na, das Tier, das du auf deinem Arm hast. Das ist doch ein …«
»Wie kannst du es wagen, Dehus ein Tier zu nennen?« Necar war plötzlich sehr wütend geworden. Hatte sie denn etwas Falsches gesagt?
»Ich weiß, welche Tiere Du meinst. Aber diese haben nichts mit unserem Gott zu tun.«
»Wann bist du eigentlich hierher gekommen?« Judi wußte, daß er nicht hier geboren war, da er es ja geschafft hatte, von hier in ihre Welt zu kommen.
»Ich weiß es nicht. Ich war fast noch ein Kind, aber ich muß sagen, es ist kein schlechtes Leben.«
Judi schwieg und auch das nächste Stück des Weges verlief schweigend. Sie fror in den Kleidern, aber es war nicht diese merkwürdige Krankheit, sondern ein ganz normales Gefühl. Aber sie sagte nichts, bis Meerenja wieder zu sich kam. Necar hielt an, als er ihren Blick bemerkte, und setzte sie dann hinter Judi in den Sattel, ebenfalls angebunden. Ihre Freundin sprach kein Wort, sondern starrte Necar beinahe mit Mordlust an. Dann brach sie doch das Schweigen. »Wieviel geben sie Euch für uns? Habt Ihr schon geplant, wie man uns umbringt?«
»Ihr scheint da etwas zu mißverstehen. Es stimmt, ich bekomme eine Belohnung, aber das geht euch nichts an. Und man hat nicht vor, euch umzubringen, sondern euch als Geiseln festzuhalten.«
Meerenja machte ein abfälliges Geräusch. »Für Geiseln bekommt man in den Westländern nicht viel Geld, und ein Handlanger der Westländer, wie Ihr, würde sich nicht die Mühe machen, einen weiten Weg dafür auf sich zu nehmen.«
»Du irrst dich. Ihr zwei seid etwas ganz besonderes. Und wenn ihr nichts dagegen habt, schlagen wir jetzt unser Lager für die Nacht auf.«
Er wartete ihre Antworten gar nicht ab sondern ritt noch ein kleines Stück weiter und hielt an. Sein Pferd band er an einen dicken Ast und band anschließend sie los. Judi überlegte gerade, wie sie ihm am besten in das Gesicht treten könnte, aber er hielt ihren Fuß fest und sah sie ernst an, als habe er ihre Gedanken gelesen. »Ich würde das an deiner Stelle nicht tun.«
Necar band sie an einen Baum und häufte dann Geäst auf einen Haufen. Wortlos sahen sie ihm dabei zu, wie er das Lager herrichtete und sich dann wieder vor das Häufchen hockte, um es mit kleinen Feuersteinen in Brand zu setzen. Zum Schluß holte er noch einen eisernen Topf zum Vorschein, in dem er kalten Nußbrei erwärmte. Er füllte zwei Schalen und warf Meerenja einen fragenden Blick zu, den sie verächtlich erwiderte. Necar zuckte mit den Schultern und reichte Judi die eine Schale, grinste dann breit, als Judi ihn böse anblickte. Mit an einen Baum gebundenen Händen konnte man ja auch wirklich gut essen! Aber er machte sie nicht los, sondern hielt ihr einen Löffel vor die Nase. Zuerst wollte Judi gar nichts essen, weil sie nicht wie ein Baby gefüttert werden wollte, dann gab sie doch ihrem knurrenden Magen nach und öffnete den Mund. Es schmeckte köstlich. Necar fütterte sie weiter mit einem Lächeln auf den Lippen, das allerdings nichts Spöttisches an sich hatte, und sah dann wieder zu Meerenja neben ihr hinüber.