Kitabı oku: «Djorgian», sayfa 6

Yazı tipi:

»Wen haben wir denn da?« Die rauhe Stimme gehörte niemand anderem, als dem Anführer der Gruppe, der sich mit seinem Nachbarn unterhalten hatte. Ihre Augen suchten wild nach einem Fluchtweg, aber der Mann lächelte nur, hob sein Schwert ein wenig, so daß es unter ihr Kinn drückte und sie stand langsam auf. Verdammt! Die andere Hand des Räubers preßte sich fest auf Meerenjas Mund. Sie hatte die Augen weit aufgerissen.

»Zeig deine Hände!«

Ihre Hände?

»Na, los! Mach schon, oder hast du etwas zu verbergen?«

Verständnislos streckte sie ihm ihre Hände hin und er sah sie sich genau an.

»Du bist also keine von diesen dreckigen Schlampen. Wer ist noch entkommen?«

Judi schluckte abermals. »Ich habe keine Ahnung, wovon Ihr sprecht.«

Das kalte Metall drückte stärker gegen ihr Kinn und sie spürte etwas Warmes ihren Hals hinunterlaufen. Meerenja wollte irgend etwas sagen, trat dann aber mit voller Wucht gegen sein Schienbein. Der Mann ächzte und das Pieken an Judis Kinn verwandelte sich augenblicklich in ein brennendes Stechen. Hastig bog sie den Kopf zurück, fiel nach hinten und sah entsetzt, wie Meerenja ihren Dolch zog und ihm in den Rücken rammte. Er stieß einen kurzen Schrei aus und brach dann zusammen.

»Schnell! Komm!«, rief ihre Freundin, die Männer weiter unten mißachtend, und rannte wie von Furien gehetzt los. Judi rappelte sich auf, faßte sich an den Hals und betrachtete eine Sekunde erschrocken das Blut auf ihren Fingern. Dann folgte sie Meerenja so schnell sie konnte. Hinter ihnen wurden Rufe laut und kurz darauf das Geräusch rasch näher kommender Pferdehufe. Sie blickte nicht zurück, sondern rannte weiter, zerkratzte sich die Beine an den kahlen dornigen Gebüschen, die durch den dicken Rock fuhren und ihn zerfetzten. Sie würden es nicht schaffen!

Mittlerweile hatte sie Meerenja eingeholt. Gehetzt umrundeten sie die mannshohen Felsen, aber die Reiter ließen sich nicht abhängen. Judi wagte nun doch einen Blick über die Schulter und schrie auf. Der erste Reiter war vielleicht noch hundert Meter von ihnen entfernt und der Abstand schmolz mit jeder Sekunde mehr zusammen.

»Lauf!«, rief Meerenja wieder und versuchte, noch schneller zu rennen. Sie stolperte, fiel, sprang wieder auf und raste weiter. Aber sie waren zu langsam. Judi fühlte sich plötzlich gepackt, in die Höhe gerissen und fand sich bäuchlings auf dem Rücken eines Pferdes wieder, von einer starken Hand festgehalten. Sie schrie, strampelte mit den Beinen und schlug mit den Fäusten nach den Beinen des Mannes, ohne Erfolg. Judi wehrte sich verzweifelt, hörte jetzt auch Meerenjas Schreie. Dann blieb das Pferd abrupt stehen und sie wurde grob hinuntergestoßen. Nach Luft ringend wollte Judi sich wieder hochrappeln, aber ein harter Tritt in die Seite schleuderte sie wieder zu Boden. Zusammengekrümmt blieb sie liegen und wartete auf den nächsten Tritt, aber er kam nicht, und so senkte sie vorsichtig die Arme vom Gesicht und blinzelte.

»Er ist tot! Diese verdammten Biester haben ihn umgebracht! Ich schneide ihnen die dreckigen, kleinen Kehlen durch!«

»Nein! Wir können sie noch brauchen. Vielleicht werden sie plaudern.«

»Das interessiert mich nicht! Wenn ich sie in die Finger kriege …«

»Geh zurück!«

»Er hat doch recht. Die sind nichts wert.«

»Er war auch mein Freund und ich sage, ihr sollt sie in Ruhe lassen!«

»Ich spucke auf das, was du sagst!«

»Paß auf, wie du mit mir sprichst! Wenn er tot ist, habe ich den Befehl über diese Gruppe und du hast dich mir nicht zu widersetzen.«

»Pah!«

Judi hörte nicht mehr länger hin, sondern drehte sich langsam zu ihrer Freundin um, die mit einer Platzwunde auf der Stirn neben ihr lag.

»Meerenja?«

»Ja, mir geht’s gut.«

Judi atmete erleichtert auf und wollte sich hinsetzen, aber sie wurde abermals mit einem Tritt zu Boden geworfen.

»Du verdammtes Dreckschwein! Laß mich in Ruhe!«, fuhr sie den bärtigen Mann an, aber der lächelte nur.

»Mutig, mutig. Aber paß auf, daß es dich nicht die Zunge kostet.«

»Laß sie in Ruhe! Wie heißt du?«, fragte sie der blonde Mann, der sich gerade selbst zum Anführer gemacht hatte. Er war jung und hatte wenig Haarschmuck, aber er strahlte Autorität aus wie Licht im Dunkeln.

»Mein Name geht Euch nichts an«, erwiderte sie ruhig.

»Ihr seid mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Also sprecht, wenn Euch das Leben lieb ist. Eures und das eurer Freundin.« Um seine Worte zu bekräftigen, blickte er auf Meerenja nieder, die auf dem Boden lag und sich nicht rührte. Er spielte mit dem Dolch, der ihr gehörte. Judi schluckte. Würde er sie umbringen? Einfach so?

»Also?«

»Mein Name ist Norenie.«

»Seid Ihr aus dem Dorf?«

»Ich habe keine Ahnung, welches Dorf Ihr meint.«

Er beugte sich über sie und betrachtete ihre Hände.

»Ihr tragt nicht das Zeichen, aber das muß nichts heißen. Ihr habt diesem Abschaum Obdach geboten und das wird mit dem Tod bestraft.«

»Ich habe schon einmal gesagt: ich weiß nicht wovon Ihr sprecht! Was für ein Dorf, verdammt noch mal!«

Meerenja warf ihr einen warnenden Blick zu, aber sie ignorierte ihn. Sie waren so oder so tot. War ja eine tolle Flucht! Aus dem Kochtopf in das Feuer gesprungen.

»Ich wußte nicht, daß es verboten ist, dieses Land zu betreten. Nehmt Ihr jeden gefangen und droht ihm mit dem Tod, sobald er einen Fuß in dieses Land setzt? Das ist doch Schwachsinn! Wir wissen nicht einmal wer Ihr seid.«

»So? Nicht wer wir sind oder was wir sind?« In seiner Stimme lag ein lauernder Unterton. Dann fiel Judi ein, daß im Westland diese Art von Menschen wahrscheinlich sehr bekannt war. Wenn sie nicht wüßte, was sie sind, würde das heißen, sie komme aus dem feindlichen Land, oder nicht? Verdammt, was sollte sie antworten?

Der Mann lächelte. »Fesselt sie und gebt ihnen das Pferd von Machal. Er braucht es jetzt nicht mehr. Schade um ihn. Wißt Ihr, daß die Strafe für Mord an einem von uns ebenfalls der Tod ist?«

Judi schluckte und ließ sich die Hände binden. Meerenja murmelte irgendwelche Flüche und Verwünschungen vor sich hin. Als einer der Männer sie auf das Pferd heben wollte, trat sie ihm ins Gesicht. Er keuchte und wollte sie schlagen, aber der Anführer wehrte ab.

»Laß sie«, sagte er durch das Gelächter der anderen.

Judi wurde grob hinter sie gesetzt.

»Auch nur ein Wort über unsere Herkunft und wir sind tot«, flüsterte Meerenja ihr zu. Judi nickte, dann fiel ihr ein, daß sie es gar nicht sehen konnte.

»Hört auf zu tuscheln! Das sind wahrscheinlich die einzigen, die entkommen sind. Laßt uns zurückreiten. Los!«

Sie preschten den Weg zurück, den sie gekommen waren und hielten auf den Rauch zu. Vergeblich zerrte Judi an den Handfesseln. Womit hatten sie das nur verdient? Sie gerieten von einem Unglück ins nächste. Jetzt hatten sie endlich eine Gelegenheit gefunden, zu fliehen, da fielen sie den nächsten Wahnsinnigen in die Hände. War ja großartig.

Die Landschaft flog nur so an ihnen vorüber. Sie konnte verbranntes Holz riechen und nach ein paar Minuten konnte sie auch erkennen, was da gebrannt hatte. Es war ein Dorf. Zumindest das, was davon übriggeblieben war.

Qualmende Balken, die einmal Häuser gewesen waren, tote Tiere. Sie mußte einen Schrei unterdrücken, als sie näher kamen und sie sah, daß dort nicht nur diese am Boden lagen. Frauen, Kinder und Männer lagen verstreut zwischen den Häusern. Alle waren tot. Judi schnürte es die Kehle zu und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie ritten langsamer und schließlich im Schritt durch die verkohlten Überreste des Dorfes. Sie wollte den Blick abwenden, dann erblickte sie eine Frau, die auf dem Bauch lag und eine Hand weit von sich gestreckt hatte. Jetzt wußte sie auch, welches Zeichen die Männer gemeint hatten, das sie auf ihren Händen nicht gefunden hatten: den Drachen, den die Magier trugen.

»Nein«, flüsterte sie und schloß die Augen.

Der Anführer hielt an und blickte stirnrunzelnd auf den Boden. Dann stieg er ab und rief: »Hier war jemand. Es ist vielleicht nur ein paar Minuten her.«

»Aber wer? Noch ein Überlebender, Meas?«

Das war also sein Name. Meas kam auf sie zu und blickte sie eine Weile schweigend an. »Wer hat noch überlebt?«

»Ich sagte doch …« Der Schlag kam so schnell, daß sie ihn gar nicht kommen sah. Ihr Kopf flog in den Nacken und sie sah bunte Sterne.

»Ich warne Euch, treibt kein falsches Spiel mit mir«, zischte er.

Was sollte sie denn antworten? Sie wußte es doch wirklich nicht! Judi hob schützend die Hände vor das Gesicht, als Meas zu einem weiteren Schlag ausholte.

Da schrie Meerenja plötzlich auf, sprang aus dem Sattel, ehe sie jemand daran hindern konnte, und rannte auf eine reglose Gestalt zu, die vor den schwarzen Balken eines Hauses lag.

»Armah! Nein!« Sie drehte die Frau um und Judi wandte entsetzt das Gesicht ab. Sie mußte sich bemühen, nicht zu erbrechen. Das Gesicht der Frau war blutüberströmt und das abgebrochene Ende eines Pfeils ragte aus ihrer Brust.

»Ihr kennt dieses Dorf also nicht, wie?«, sagte Meas höhnisch. Er gab dem Mann neben sich einen Wink, der daraufhin Meerenja in die Höhe zog und mit sich zerrte. Sie schrie, wehrte sich und fuhr mit ihren Nägeln schließlich durch sein Gesicht. Sie hinterließ rote Kratzer und der Mann versetzte ihr eine schallende Ohrfeige, worauf sie benommen zusammensank. Dann hob er sie hinter Judi wieder in den Sattel.

»Also, wer hat noch überlebt?«

»Ich weiß es nicht«, murmelte Judi, die Augen geschlossen und immer noch gegen die Übelkeit ankämpfend. »Verdammt noch mal, ich weiß es nicht

Meerenja weinte leise hinter ihr.

Meas verzog wütend das Gesicht. »Wie Ihr wollt. Los! Wir reiten weiter. Laßt sie liegen! Sollen sie die wilden Tiere holen, die werden sich freuen.«

Sie ritten weiter, diesmal nicht ganz so schnell. Waren das die Spuren von Necar gewesen? Würde er sie retten? Ach, was dachte sie da? Warum sollte ausgerechnet er sie retten? Er war es doch, der sie erst gefangengenommen hatte und sie hierher verschleppte. Würde er sie zurückholen, damit er nicht auf sein Geld verzichten mußte? Und warum hatte er sich gefürchtet? Diese Leute hier hatten doch denselben Beruf wie er. Judi verstand das alles nicht. Krampfhaft versuchte sie, die Bilder aus ihrem Kopf zu verbannen. All diese toten Menschen, und das nur wegen eines anderen Glaubens!

Sie ritten noch eine Stunde weiter, dann sah Judi wieder Rauch am Himmel, allerdings stammte dieser von Lagerfeuern. Sie hatten das Lager der Skuda erreicht. Einige Kinder liefen ihnen entgegen.

»Papa! Papa! Hast du die bösen Leute getötet? Wann kann ich endlich mit dir reiten?«, rief ein Junge, der vielleicht sechs Jahre alt war.

Meas lachte, beugte sich im Sattel vor und hob den kleinen Jungen zu sich aufs Pferd.

»Ja, die bösen Leute sind tot und auch die, die ihnen Schutz gewährt haben.«

»Und wer sind die da?« Der Kleine zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Judi und Meerenja.

»Das sind Gefangene. Sie gehören zu den Leuten im Dorf.«

Der Junge nickte ernst und blickte dann feindselig zu ihnen hinüber. Judi erwiderte seinen Blick ebenso grimmig, worauf er ihr die Zunge rausstreckte. Meas setzte ihn wieder ab, zerstrubbelte seine Haare und wartete, bis sie neben ihm angekommen waren.

»Ein Fluchtversuch und Ihr seid tot. Bringt sie ins Zelt und bindet sie gut!«

Grob wurde jede von ihnen aus dem Sattel gezerrt und auf ein niedriges Zelt zugestoßen. Es war völlig leer. Der Boden bestand nur aus trockenem, feinen Pudersand. Die Männer banden sie an den breiten Pfahl, der im Boden eingelassen war und gingen dann wieder.

»Wer war die Frau?«, fragte Judi.

»Eine gute Freundin meiner Mutter. Nachdem diese gestorben war, zog sie durch das Land und verweilte nie lange an einem Ort. Sie kam uns noch oft besuchen, aber ich hätte nie gedacht, daß sie sich so weit an das Westland wagen würde. Sie erzählte mir, sie wolle mit einer Gruppe von Magiern in ein Dorf reisen und dort einige Tage bleiben. Auch sie war eine Magierin. Was daraus geworden ist, hast du ja gesehen.« Meerenjas Stimme zitterte und sie begann von neuem zu weinen. Judi wollte ihre Hand ergreifen, aber die Fesseln hinderten sie daran.

»Diese verdammten Schweine! Sie werden dafür bezahlen.« Ihre Freundin zog die Nase hoch.

»Ich glaube, sie werden versuchen, uns irgendwie dazu zu bekommen, daß wir ihnen verraten, was bei uns so vor sich geht. Und ob wir wissen, ob sie angreifen werden und so weiter. Du darfst auf keinen Fall etwas sagen, ja?«

»Natürlich nicht«, antwortete Judi prompt.

Die Zeltplanen wurden zur Seite geschoben und Meas trat in das Zelt.

»Ich hoffe, Euch gefällt die Unterkunft«, sagte er mit einem bösen Lächeln.

»Da Ihr ja das Dorf gar nicht kennt, und seine Bewohner auch nicht«, fügte er mit einem spöttischen Blick auf Meerenja hinzu, »Kann ich Euch leider nichts zu Essen geben. Es liegt an Euch, wann Ihr welches bekommt.«

»Ihr seid doch nichts weiter als ein dreckiger Westländer. An Euch verschwende ich auch nicht ein Wort! Eher verhungere ich!«

Meas schlug ihr ins Gesicht. »Ich würde aufpassen, was du da sagst, dreckige Nordländerin.«

»Mörder!«

Meas lächelte wieder. »Es macht Spaß, weißt du? Ihr seid nicht mehr als Tiere und so werdet ihr auch gejagt und jeder der euch hilft. Das Feuer wird zuerst gelegt, damit ihr leichter zusammengetrieben werden könnt, wie ängstliche Rinder, dann werden die Kinder vor den Augen ihrer Eltern getötet, dann die Frauen vor den Augen ihrer Männer und diese zum Schluß.«

Meerenja schrie auf, versuchte nach ihm zu treten und spuckte ihn an. Aber er lachte nur weiter, erhob sich betont langsam und verließ dann das Zelt. Meerenja schrie ihm wüste Verwünschungen nach, riß wie eine Wilde an den Fesseln und heiße Tränen rannen über ihre Wangen. Judi versuchte sie zu beruhigen, aber es half nicht. Schließlich sank sie schluchzend in sich zusammen und reagierte nicht mehr, weder auf Judis Worte noch auf das Gelächter, das von draußen zu ihnen hereindrang.

Am Morgen des nächsten Tages wurde Judi von dem Geruch nach Essen geweckt. Ihr Magen knurrte laut. Man hatte die Plane am Eingang absichtlich zur Seite gerollt, so daß sie den Topf, in dem eine Suppe brodelte, gut sehen konnten. Auch Meerenja war wach geworden und starrte mit leerem Blick nach draußen. Die Einwohner des Lagers hatten sich um die Flammen versammelt, löffelten genüßlich in ihren Schalen und lachten hin und wieder bösartig auf. Judi konnte nicht verstehen, worüber sie scherzten, aber denken konnte sie es sich allemal.

»Stör dich nicht daran. Irgendwann wird ihnen der Spaß noch vergehen.«

Judi nickte und richtete ihren Blick auf den kleinen Jungen, den sie gestern schon gesehen hatte. Als er ihren Blick bemerkte, stand er auf, die Schale mit der Suppe vorsichtig balancierend, und setzte sich dann in einem Meter Abstand vor sie in das Zelt. Er grinste und führte den Löffel langsam zu seinem Mund. Die Männer und Frauen draußen brachen abermals in schallendes Gelächter aus.

»Man sieht, daß es dein Sohn ist, Meas. Ganz der Vater.«

Meerenja verzog das Gesicht und trat Sand in die Richtung des Jungen. Der Kleine begann zu weinen, als seine Suppe voller Sand war. Dann stand er auf und kippte den Inhalt ihrer Freundin ins Gesicht.

»Laß gut sein, Dewin, und komm her«, rief Meas. »Hier bekommst du neuen Eintopf. Bring deine Schale mit.«

Dewin warf ihnen noch einen bösen Blick zu, den Judi mit einem herablassenden Lächeln erwiderte, und ging dann schmollend zu seinem Vater zurück.

»Ekelhaftes, kleines Miststück«, murmelte Meerenja. »Wenn ich den in die Finger kriege, ziehe ich seinen Hosenboden stramm, daß er nicht mehr sitzen kann.« Sie schüttelte den Kopf um die Gemüsebröckchen aus ihren langen, schwarzen Haaren zu bekommen.

Judi grinste. »Was meinst du, wird Necar wohl kommen?«

Ihre Freundin zuckte mit den Schultern und sie schwieg. Langsam beendeten die Leute das Frühstück und gingen dann ihren Arbeiten nach. Die Plane wurde wieder vor den Eingang gerollt. Draußen schien die Sonne und es mußte herrliches Wetter sein, aber drinnen war es nicht richtig hell. Zum hundertsten Male versuchte Judi, die Fesseln irgendwie zu lösen, aber das einzige Ergebnis war, daß sie sich die Handgelenke wundscheuerte. Judi hielt in ihren vergeblichen Versuchen inne, als ein Mann das Zelt betrat. Er hatte nicht nur Perlen in seinen Haaren, sondern auch in seinen langen Bart eingeflochten. Stumm hielt er ihnen eine metallene Wasserflasche an die Lippen und ging dann wieder. Wenigstens etwas. Verdursten mußten sie schon mal nicht. Dann kam Meas in das Zelt. Man sah ihm an, daß er sich das Grinsen verkneifen mußte, als er die Möhrenstückchen und Kartoffelscheiben in Meerenjas Haar erblickte. Er hockte sich vor sie hin und sah sie mit gespieltem Mitleid an.

»Ich würde mich wirklich wohler fühlen, wenn Ihr mir verraten würdet, wo noch mehr von Eurer Sorte leben. Ich würde mich auch schon damit zufrieden geben, wenn Ihr mir einige Verräter nennt, die diese Magierbrut unter ihre Fuchtel genommen haben. Oder sonst irgend etwas über diesen Abschaum verratet.«

»Dieser Teil des Landes gehört Euch nicht. Ihr habt kein Recht, so mit seinen Bewohnern umzuspringen! Sie sind nicht Euch untertan.« Meerenjas Stimme zitterte vor zurückgehaltener Wut.

»Ich quäle Kinder nicht gerne, das müßt Ihr mir glauben.«

»Aber töten, das macht Euch nichts aus, wie?«

»Es muß sein, weil …«

»Verschwendet Eure Worte an jemand anderen! Vielleicht interessiert der sich dafür.«

»Ich muß sagen, Ihr habt Mut, junge Nordländerin. Aber geht nicht zu weit.«

»Ihr könnt mich mal!«

»Sind denn alle so unfreundlich im Norden? Ich möchte meine Frage wiederholen: wißt Ihr irgend etwas über …«

»Seid Ihr schwerhörig? Wir verschwenden unseren Atem nicht an Euch«, fuhr Judi ihn an.

»Ich kenne Mittel und Wege, Eure Zungen zu lösen, nur sind diese nicht sehr angenehm. Ich möchte sie nicht unbedingt anwenden, aber wenn Ihr mir keine andere Wahl laßt …«

»Ich fange vor Mitleid gleich an zu weinen«, erwiderte Judi grimmig.

»Ich muß sagen, Ihr seid schwierig.«

Meerenja reagierte wie bei Dewin zuvor: sie förderte Meas eine gehörige Ladung Sand ins Gesicht. Judi schloß die Augen und wartete auf einen Schlag aber er kam nicht. Meas atmete tief ein, drehte sich um und ging wieder.

»Meinst du, daß das sonderlich klug war?«

»Es ist mir egal. Wir werden so oder so sterben«, gab ihre Freundin zurück.

Judi seufzte. Sie hatte ja recht. Necar würde bestimmt nicht mehr kommen. Er hatte sich bis jetzt nicht gezeigt und würde es auch weiterhin nicht tun. Und falls doch, bezweifelte sie, daß Meas sie freigeben würde, Lohn hin oder her.

Gegen Mittag kam Meas wieder.

»Ich habe Euch wahrscheinlich zu früh gefragt. Ich gebe Euch eine letzte Möglichkeit. Wollt Ihr mir irgend etwas sagen?«

Sie schwiegen beide beharrlich.

»Ich verstehe nicht, wie Ihr nur so stur sein könnt. Ihr könntet es so einfach haben.«

»Was einfacher? Einen einfacheren Tod? Das ist doch lächerlich!«

Der Anführer trat Meerenja hart in die Seite. »Meine Geduld mit Euch geht allmählich zu Ende.« Er packte das Haar ihrer Freundin und riß ihren Kopf nach hinten. Sie verzog das Gesicht, sagte aber kein Wort. Meas zog seinen Dolch und hielt ihn ihr an die Kehle, aber sie lächelte nur. »Na los, stecht zu! Glaubt mir, Ihr bereitet mir damit nur eine Freude, weil ich Euer dreckiges Gesicht nicht mehr sehen muß, Erran

Die Hand des Mannes begann zu zittern, aber dann nahm er ihn wieder hinunter und sagte: »Damit würde ich es Euch zu einfach machen.«

»Verdammt, was wollt Ihr eigentlich? Wir wissen nichts und wenn, würden wir nichts sagen. Es ist zwecklos.«

»Und was ist, wenn ich deiner kleinen Freundin die Kehle vor deinen Augen durchschneide?«

Judi hielt die Luft an, als der Dolch in ihre Richtung wanderte. Meerenja sagte nichts, sondern schluckte nur und sah Judi an. Der Dolch hatte ihre Kehle mittlerweile erreicht und sie atmete tief ein. Dann blickte sie Meas gerade in die Augen und sie spürte - sie verstand sich selbst nicht mehr - keine Angst. So würde es nur schneller vorbei sein. In seinen Augen loderte Wut auf, als auch Meerenja keine Regung zeigte, sondern ihn nur anstarrte. Mit einem Ruck nahm er den Dolch zurück und schlug Judi so hart ins Gesicht, daß ihr Kopf mit voller Wucht gegen den Balken schlug und sie das Bewußtsein verlor.

~ ~ ~

»Ihr müßt etwas essen! Das hilft Eurer Enkeltochter auch nicht weiter.«

»Ich habe keinen Hunger«, sagte er scharf und die Frau ging wieder.

Wütend krachte seine Faust auf den Tisch. Warum hatte er nicht besser aufgepaßt? Jetzt wußte er nicht einmal, wie es ihnen ging. Waren sie in Gefangenschaft? Hatten sie sich verirrt? Oder waren sie sogar schon … Nein, er verdrängte diesen Gedanken. Sie waren am Leben und er durfte sie mit seinem Trupp nicht in Gefahr bringen. Niam sah ärgerlich auf, als sich die Tür öffnete, halb weil er vermutete, diese Nervensäge von einer Frau würde wieder hereinkommen, um ihn zum Essen zu bewegen, und halb, weil er auch von niemand anderem gestört werden wollte.

»Herr …«, begann der Mann, aber Niam ließ ihn gar nicht erst ausreden.

»Habe ich nicht gesagt, daß ich nicht gestört werden will?«, fuhr er ihn an.

»Sicher, Herr, aber …«

»Und was sucht Ihr dann hier? Wenn ich mich nicht irre, stört Ihr mich gerade, oder?«

»Aber Herr, da draußen …«

»Ihr sollt mich in Ruhe lassen!«

»Herr, laßt mich ausreden!«

»Was ist, zum Henker? Dann sprecht doch endlich!«

»Da draußen ist eine Frau, die Euch dringend sprechen will.«

»Und was will sie?«

»Sie hat gesagt, das kann sie nur Euch selbst sagen. Sie hat eine Wunde am Kopf, wollte sich aber nicht helfen lassen. Sie sagt, es sei dringend.«

»Dann laßt sie ein. Und sorgt dafür, daß wir nicht, nicht gestört werden.«

»Jawohl, Herr.« Der Mann senkte den Kopf und ging. Nur einen Moment später eilte eine junge Frau herein. Ihr Kleid war schmutzig und auf ihrer Stirn klebte getrocknetes Blut. Ihr langes blondes Haar hing wirr durcheinander.

»Herr.« Sie verbeugte sich und Niam wies sie lächelnd auf einen Platz nahe am Kamin. Viel Zeit würde er ihr nicht schenken können, da er wieder hinunter zu seinen Schülern mußte. Die Pause wäre gleich um.

»Wie ist Euer Name?«, fragte er, nachdem er sich ihr gegenüber gesetzt hatte und sie forschend ansah. Hier in Djorgian wohnte sie nicht, er hatte sie noch nicht gesehen.

»Amika, Herr.« Man sah ihr an, daß sie sich beherrschen mußte, nicht gleich mit ihrer Nachricht herauszuplatzen.

»Und was führt Euch hier her?«

»Ich habe für einen Tag einem Mann und zwei Kindern Obdach geboten. Sie waren freundlich und … und zuerst merkte man nichts, aber dann … Sie hatten ihr Proviant vergessen, da eilte ich ihnen nach, um es ihnen zu bringen. Sie waren zu Pferde, aber sie ritten nicht sehr schnell und so konnte ich sie einholen. Als der Fremde sich hinunter beugte, um mir das Bündel abzunehmen, sah ich, daß die beiden Kinder gefesselt waren und ich erkannte Dehus auf dem Arm des Mannes. Aber ehe ich reagieren konnte, schlug er mich nieder.«

»Zwei Kinder sagt Ihr?« Niam wurde hellhörig.

»Ja, gefangengehalten von einem Westländer.«

»Wißt Ihr die Namen noch? Wie sahen sie aus?«, drängte er weiter.

»Ich bin mir nicht sicher. Er heiß Ne… Necar? Ich glaube schon, und die Kinder hießen Mahria? Nein. Ich weiß es wirklich nicht mehr.«

»Meerenja und die andere Judi?«

»Ja! Meerenja stimmt, aber Judi? Nein.«

»Vielleicht Norenie?«

»Ja, so hießen sie. Meerenja und Norenie.«

Niam wurde weiß. Also doch.

»Was habt Ihr? Kanntet Ihr sie?«

»Meerenja ist meine Enkeltochter.«

Amika sah ihn aus großen Augen an.

»Ich danke Euch für die Nachricht. Vor der Tür steht ein Mann, sagt ihm, er soll Euch ein Zimmer geben und einen Heiler rufen. Ihr bekommt auch etwas zu essen.«

Amika dankte ihm und ging.

Verdammt, was sollte er jetzt tun? Die Grenzen des Westlandes waren groß, er konnte schlecht überall suchen, und er mußte sich um die Stadt kümmern. Er mußte den Trupp doch aussenden. Er mußte sie retten. Und dann konnte er sich um den Stein kümmern. Entschlossen stand Niam auf und rannte die Treppe hinunter. Seine Schüler konnten warten.

~ ~ ~

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺166,91

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
451 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783937817170
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:
Metin
Ortalama puan 4,7, 289 oylamaya göre
Ses
Ortalama puan 4,2, 741 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 4,8, 82 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 4,3, 48 oylamaya göre
Ses
Ortalama puan 4,8, 77 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre