Kitabı oku: «SINODIS», sayfa 6
»Oma Louise, was machst du da drin?«
»Dazu kommen wir später. Lass deine linke Hand dort, wo sie sich jetzt befindet, ruhig liegen. Nicht bewegen.« Überflüssig zu sagen, denn ich war wie zu Stein erstarrt. Louises Kopf schwenkte zurück zu Alfons.
»Hallo mein Sohn, wie ich sehe, hast du Amily gut und behütet hergebracht. Ich werde den Raum jetzt sichern.«
Sohn? Dieser antwortete gehorsam: »Jawohl.«
Man konnte deutlich vernehmen, wie verborgene Riegel einrasteten. Das Herz rutschte mir in die Hose. Ich flüsterte: »Jack? Hilf mir.« Der Boden unter meinen Füßen ruckelte, dann sank die Kammer ab wie ein überdimensionaler Aufzug. Unterdessen drehte sich Oma zu mir zurück.
»Amily, mein Kind, mir ist klar, dass du viele Fragen hast. Es liegt in deiner Natur, alles wissen zu wollen. Für’s Erste brauchst du nur zu wissen, ich bin nicht deine Großmutter. Ich bin deine biologische Mutter und seit fünfzig Jahren die Hüterin des Wissens.« Die Gedanken in meinem Kopf wirbelten durcheinander und äußerten sich in einem stechenden Schmerz. Mir blieb kaum Zeit zum Nachdenken. »Bitte gib jetzt den kleinen Zettel, den du in der Rolle gefunden hast, Robert Norrier.«
»Ja, - Mutter?« Ich biss mir auf die Zunge, nachdem ich das Wort über meine Lippen gequetscht hatte. Ich hatte doch eine Mutter. Robert nahm den Zettel entgegen, betrachtete ihn durch eine Lupe und bettete ihn im Zentrum der Metallplatte. Die Zeit schien stillzustehen, der verzierte Goldring setzte sich schließlich in Bewegung, drehte sich im Uhrzeigersinn und stoppte dann in einer bestimmten Position.
»Nun Amily, schaue vor dir auf dein Segment. Welches Symbol siehst du dort?«
»Da steht der griechische Buchstabe Phi.«
»Gut. Jetzt muss der Ring aus der Einkerbung entfernt werden.« Der Boden ruckelte, die Verriegelung löste sich aus der Falle, der ganze Raum begann, sich gegen den Uhrzeigersinn um hundertachtzig Grad zu drehen. In Folge saß ich genau in Blickrichtung einer großen Tür. Ich war aufgeregt, aber vor allem neugierig, was sich dahinter wohl verbergen mochte. Nun legte Robert seinen Ring in die vorgesehene Einkerbung, die Tür öffnete sich wie von Geisterhand. Er entfernte den Ring. Alfons trug zwei davon und streifte sie vom Finger. Einen von ihnen platzierte er rechts oben, kurz vor der Metallplatte, den anderen am unteren Ende in der jeweiligen Einkerbung und drehte beide gegenläufig um neunzig Grad. Licht entflammte im Nebenraum, eine Plattform fuhr aus, bis sie in ihrer Endposition einrastete. Walter Müllers, Jacks sowie der Ring von Claire Nui, den Sergej stellvertretend in die Einkerbung gelegt hatte, mussten synchron im Uhrzeigersinn bis zum Anschlag gedreht werden. Nunmehr illuminierte ein riesiger Raum, gleichzeitig drehte sich der goldene Kreis weiter. Jeder schrieb seinen Buchstaben oder Symbol auf und reichte es dem Wächter Robert. Der sah sich alles an. Es schien, als ratterte in seinem Kopf eine Maschine, die errechnete, wie der Code wohl lauten würde. Er stand auf und gab das Ergebnis in eine Tastenkonsole ein, die sich aus der Wand herausdrehte. Sekunden später erhellte sich der Raum, weitere Riegel entsperrten hörbar.
»Willkommen hier unten im Allerheiligsten, alle miteinander. Darf ich jetzt Amily bitte, mir zu folgen?« Alfons schritt voran, die anderen verblieben im Raum, ohne zu murren. Mein Pulsschlag beschleunigte sich. Natürlich wollte ich unbedingt wissen, was es noch zu entdecken gab. Wir blieben vor einem Parabelbogen aus Felsgestein stehen.
»So, Amily, strecke jetzt deinen Arm aus, dann sag laut und deutlich deinen Namen.« Ich schaute Alfons verdutzt an.
»Nenn deinen Namen!« Artig streckte ich den Arm aus.
»Mein Name ist Amily Simon.« Ich konnte meinen Arm nicht mehr bewegen, so sehr ich es auch versuchte, und stand kurz vor einer Panikattacke. Ein merkwürdiges, gleißendes Licht kam von oben herunter und verharrte vor mir auf Kopfhöhe. Es war so hell, dass ich die Augen zukneifen musste. In meinem Kopf vernahm ich eine Frage:
»Welches Symbol steht für dich?«
»Phi«, rief ich laut. Ich glaubte wahrzunehmen, wie sich eine Glaswand öffnete. Ich riss die Augen auf, um ja nichts zu verpassen. Ein kräftiger Luftstrom blies mir entgegen und der Saal wurde vollständig von Licht durchflutet. Ich sah als Erstes das Abbild Alexander des Großen auf einer beachtlichen Goldscheibe von der Decke hängend. Ich war völlig gebannt und hielt mir die Hände vor den Mund. Alfons trat dicht an meine Seite.
»Das ist erst der Anfang.« Völlig verwirrt schaute ich ihn an.
»Der Anfang von was?«
»Komm Amily, wir müssen uns ans Protokoll halten und zurück an die Tafel.«
»Okay. Trotzdem hätte ich gern eine Erklärung«, meinte ich halblaut. Ich folgte meinem Bruder - der im Übrigen tat, als hätte er nichts gehört - immer wieder ungläubig zurückschauend. Dann stand ich vor meinem Platz, blickte zu Jack, der hilflos die Achseln zuckte. Ich setzte mich und dachte: leck mich am Arsch! Die älteren Männer räusperten sich, was mich veranlasste, mich entsetzt umzusehen.
»Habe ich das schon wieder laut gesagt?«
»Ja, allerdings«, entgegnete Jack.
»Oh nein. Entschuldigen Sie, meine Herren, aber ich ...«
Ich trank das mir angebotene Glas Wasser in einem Zug leer und lehnte mich zurück. Von Alexander hatte ich nur ein Dokument gefunden und folgerte daraus, dass es auf diese Metallplatte gelegt werden musste. Folglich platzierte ich es mitten darauf, aber nichts geschah.
Alle anderen verhielten sich mucksmäuschenstill. Von ihnen war keine Hilfe zu erwarten. Dann kam mir die Idee, mein Symbol, nein, meinen Ring in die Kerbe zu legen. Es geschah immer noch nichts. Ein leichtes Ruckeln deutete an, dass ich fast richtig lag. Und nun? Ach, nach rechts drehen, wie blöd. Danach ertönte ein leises Summen, und wie aus dem Nichts tauchte eine dreidimensionale Karte auf. Ich schrak kurz zurück, gab mir dann aber Mühe, nicht die Fassung zu verlieren. Jetzt ergriff Walter Müller das Wort:
»Diese Karte, meine Dame und die Herren, zeigt drei Orte, an denen die Syndikate einige Weltschätze dieser Erde in schwer bewachten Bunkern versteckt halten.«
»Ich unterbreche nur ungern, aber sind wir jetzt die Diebe?« Meine forsche Einmischung wurde augenblicklich gerügt.
»Ich darf wohl bitten!«
Ich stand auf und entschuldigte mich sofort bei Walter. »Verzeihung, das war respektlos von mir.«
»Ist gut, meine Liebe. Für Sie ist alles noch neu und befremdlich.« Na endlich, das hatte mal jemand erkannt. Er fuhr mit seinen Ausführungen fort und ich musste feststellen, dass ich seine Stimme und seine Aussprache hasste.
»Die Schätze sind uns und den Regierungen teils schon vor sehr langer Zeit entwendet worden. Nach heutigem Stand stellen sie einen enormen Wert da. Regierungen werden erpressbar gemacht oder gezwungen, etwas von der Volks-Wirtschaft des Landes abzutreten.«
Davon hat Alfons also gesprochen, dachte ich.
»Genau, meine Liebe, genauso.« Hatte ich schon wieder laut gesprochen? Da brachte sich das Hologramm meiner Mutter/Oma Louise mit ein und sagte:
»Exakt die gleiche Schwäche habe ich auch, Amily.«
»Tatsächlich?«, heuchelte ich, damit ging es mir auch nicht besser. Allerdings erahnte ich so langsam die Tragweite des Ganzen. Er, Müller, habe fünf Jahre damit verbracht, einen dieser Orte ausfindig zu machen, und dabei eine Idee entwickelt, wie man diesen Bunker gefahrlos ausräumen könne. Der letzte Wächter, Robert Norrier, erhob das Wort:
»Uns wurde vor Jahrhunderten ein großer Teil des Schatzes von unseren eigenen Templern geraubt, ein anderer Teil liegt bis heute im Vatikan.« Er senkte beschämt sein Haupt und verkündete, dass eine Gruppe aus siebzehn falschen Templern den Schatz an private Sammler verscherbelt hätte. Richtige Templer kämen ohne jeden Besitz oder gar großen Reichtum aus, wie der Titel »Die arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem« bereits besage.
»Drei Käufer sind uns namentlich bekannt. Es sollte möglich sein, diesen Teil des Schatzes wiederzubeschaffen. Nur fehlt uns der Schlüsselstein dazu, ein Anhänger an einer Kette mit dem Symbol für Loyalität. Sie ist wahrscheinlich aus reinem Silber gefertigt.« Während er sprach, zeichnete er mit der Hand mehrere Kreise in einer bestimmten Anordnung in die Luft. Alle blickten sich ratlos an, keiner sagte etwas. Ich stotterte leise:
»Die hab ich. Das ist meine Kette. Ich bekam sie seinerzeit als Geschenk zur Konfirmation von meiner ... Mutter.« Die Männer schauten mich erwartungsvoll an. Das Hologramm, das ich schwer als meine echte Mutter ansehen konnte, drehte sich zu mir.
»Ach, ich weiß es jetzt, deine Tante war die Auserwählte, die wir nie gefunden haben.« Am liebsten hätte ich mir die Ohren zugehalten, doch ich ergriff das Wort und bat Alfons, ihm etwas zuflüstern zu dürfen und löste ein allgemeines Grinsen ob meiner Naivität aus.
»Amily, wir reden ausschließlich laut miteinander, um Missverständnisse auszuschließen. Aber ich weiß, was du sagen möchtest. Die Entscheidung liegt bei dir.« Ich stand auf, streichelte flüchtig Jacks Nacken, ging an Alfons vorbei und blieb neben Robert Norriers Stuhl stehen. Dort nahm ich schweren Herzens die Kette und legte sie Robert in die Hand.
»Passen Sie gut auf meine Kette auf, das ist alles, was ich besitze.« Robert bedankte sich mit einer Verbeugung.
»Das werde ich. Keine Sorge.« Kurz bevor ich wieder Platz nahm, fielen mir die Ringe unter den Stühlen auf, dachte mir aber nichts dabei und setzte mich wieder.
Ich schluckte schwer. Es hatte mich Beherrschung gekostet, so lange still zu halten, bei den vielen Fragen, die noch ungeklärt waren, doch nun fasste ich mir ein Herz.
»Darf ich sprechen?«
»Aber gerne, Amily.«
»Danke.« Ich schaute Alfons fest in die Augen, wählte meine Worte überlegt. »Bruder, ich bin nun schon einige Tage bei Euch und dies ist nicht die erste Versammlung, der ich beiwohnen darf. Trotzdem wurde mir bisher weder von dir noch von ihr«, ich deutete auf die Hüterin »überhaupt ansatzweise erklärt, was es auf sich hat mit der Auserwählten.« Ich schlug die Augen nieder, um die entsprechende Demut auszudrücken. Langsam begriff ich, wie die Jungs hier tickten. Das Hologramm von Louise rotierte. Ein Zeichen für Aufregung?
»Du hast recht, Kind. Ich hätte gern persönlich mit dir darüber gesprochen, aber wenn es nun so ist, sei dir der Wunsch gewährt. Alle paar Generationen wird eine Auserwählte geboren. Die Frau, die sich deine Mutter nennt, hat versucht, dich vor uns zu verbergen. Als wir herausfanden, dass du in Hamburg lebst, haben wir dich beobachten lassen. Es war nur zu deinem Besten.« Mehr kam nicht.
Alfons wollte nach Protokoll fortfahren, als eine ohrenbetäubende Sirene losging. Eine Art Sicherheitstür verschloss den Parabelbogen, die Laufplattform wurde eingezogen, die Tür zu dieser schloss sich automatisch. Was war geschehen? Der Pilot warf einen Blick auf eine Konsole, die Einstellungen verschiedener Überwachungskameras zeigte.
»Claire Nui hat sich aus dem Sicherheitstrakt befreit.« Sergej war aufgebracht, warf aber Alfons nur einen vielsagenden Blick zu. Damit war Frau Nuis Urteil gefällt.
»Kümmer dich darum!«, befahl Alfons grimmig.
»Wird erledigt.«
»Plan B!«, kommandierte der Präfekt. Daraufhin verteilte Sergej seltsame Miniatur-Atemgeräte mit Beleuchtung und erläuterte kurz deren Anwendung. Ich stülpte mein Atemgerät über meinen Kopf, legte es aber noch nicht an. Die älteren Herren sahen lustig aus mit der Gummimaske auf ihren Köpfen. Sergej wandte sich an Alfons:
»Um Amily kümmere ich mich persönlich.« Und an mich gerichtet: »Hab keine Angst.«
»Ich habe keine ...«
»Maske!«, brüllte der Pilot. Im gleichen Augenblick schossen Metallringe aus dem Stuhl, auf dem ich saß, die mich in Sekundenschnelle an Ober- und Unterarmen, Hüfte und Beinen fesselten. Der Stuhl schnellte mit mir in die Tiefe und tauchte in kaltes Wasser. Mein Herzschlag setzte kurz aus. Ich verspürte grenzenlose Angst. Mein Herz raste. Ich versuchte, kontrolliert zu atmen. Das Licht am Beatmungsgerät schaltete sich endlich ein. Ich befand mich in einer Röhre, ähnlich einer Wasserrutsche im Spaßbad, doch plötzlich ruckelte es heftig und mein Gefährt kam zum Stillstand. Was war das? Konturen einer schwach beleuchteten Höhle schälten sich aus der Dunkelheit. Ich befand mich in einer Art Becken, mehrere Meter tief. Wo waren die anderen? Außer mir war niemand zu sehen. Die Metallringe an meinem Stuhl entriegelten sich quälend langsam. Der Stuhl blieb unten, ich trieb an die Wasseroberfläche und fand Halt am Rand der Röhre. Auf die Hände stützend hievte ich mich schwungvoll auf den Boden der Höhle und zog das Atemgerät ab. Zaghaft rief ich:
»Ist da jemand?« Es blieb beim Echo meiner Stimme. Plötzlich wurde es in der Grotte hell. Überall glitzerte es farbenfroh. Das Geräusch einer sich öffnenden Tür hallte wider und Fußtritte waren zu hören. Lautlos glitt ich zurück ins Wasser, schnappte mir das Beatmungsgerät, legte es an und hielt mich am Stuhl fest. Meine Blicke schweiften über den Grund der Höhle, dort erkannte man Umrisse einer Person. Es konnte jeder sein. Männlich ganz gewiss, einen Meter und neunzig groß und … scheiße, bewaffnet! Ich tauchte ab. Was jetzt, Amily? Denk nach! Ich zog mich wieder auf die Sitzfläche und suchte verzweifelt nach einem Schalter, bis eine plötzliche ruckartige Bewegung des Stuhls mich in Panik versetzte. Vereinzelte Schüsse hallten hinter mir. Ich hatte große Mühe, mich festzuhalten, während der Sitz mit mir darauf an Geschwindigkeit zulegte. Das Anschnallsystem funktionierte nicht. Mit den Füßen umklammerte ich die Stuhlbeine und die Armlehnen mit meinen Händen. Schlagartig wurde es taghell, mein Gefährt stoppte.
Bäume. Wieso Bäume? Der Stuhl stellte sich vollautomatisch in die senkrechte Position. Mein Signal aufstehen zu dürfen. Ich befreite mich von dem Atemgerät, das ich nun nicht mehr brauchte und legte es auf die Sitzfläche. Rechts neben mir war eine Plattform mit ähnlichen Ornamenten wie auf der Tafel zu sehen. Obwohl ich misstrauisch war, nahm ich die vertrauten Symbole als Hinweis, dass ich mich auf sie stellen konnte.
13 – Unterschlupf
Wie angewurzelt stand ich nun dort, schaute mich verängstigt um, aber da war nichts als Wald, der mich umgab. Nach ein paar Sekunden drehte sich die Plattform schleppend rechtsherum und sank in die Tiefe. Viele kleine Lichtpunkte, vermutlich LED-Lichter, beleuchteten den Schacht, nachdem sich die Öffnung oben wieder geschlossen hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam die Plattform zum Stillstand, ein Ausschnitt in der Wand des Schachts öffnete sich nach außen. Dort stand jemand. Ich erkannte Sergej sofort an seiner Statur und fiel ihm weinend in die Arme.
»Meine liebe Amily, du bist wohlauf. Das ist gut. Etwas ist schiefgegangen. Wir waren so in Sorge.«
»Es war unglaublich!« Mir wollten die Worte nur so hinaussprudeln, aber Sergej unterbrach mich:
»Später. Wir müssen sofort weg. Bitte erzähl es mir im Auto.« Er nahm mich an die Hand wie ein kleines Kind. Wir durchstreiften den Wald, den er anscheinend wie seine Westentasche kannte, ungefähr eine Stunde lang. Zum Glück war es nicht allzu kalt. Nach einer Weile begann meine Kleidung zu trocknen. Sergej bat mich, in einem Dickicht zu warten. Keine fünf Minuten später fuhr er mit einem Geländewagen vor, stieß die Beifahrertür auf und rief mich. Mit ein paar großen Schritten hatte ich das Auto erreicht, sprang hinein, schlug die Tür zu und verriegelte sie. Sergej fuhr wie ein Besessener über die Waldwege, nach rechts, nach links, ganz steil bergab, dann wieder bergauf, ohne an Geschwindigkeit zu verlieren. Obwohl ich angeschnallt war, wurde ich heftig durchgeschüttelt. Sergej erkundigte sich immer wieder fürsorglich nach meinem Befinden.
»Mit mir ist alles okay«, versicherte ich ihm.
Mitten in der Nacht trafen wir in einer Kleinstadt am Waldrand ein. Ab diesem Zeitpunkt fuhren wir gemäßigt. Das vorletzte Haus am äußeren Stadtrand war das Ziel, es war von außen beleuchtet wie ein Tannenbaum, und wir fuhren in die Hofeinfahrt, direkt in die Garage. Sergej betätigte eine Fernbedienung, das Garagentor schloss sich knarrend.
»So Amily, du kannst aussteigen. Hier sind wir absolut sicher, nur ich kenne diesen Ort. Allerdings muss ich noch mal weg, zwei weitere Personen abholen. Du kannst dich währenddessen mal ordentlich ausschlafen. Alles Notwendige wirst du vorfinden.«
»Danke.« Ich umarmte ihn herzlich und bat:
»Bringen Sie mir bitte Jack heil zurück.«
»Das werde ich.« Sergej besaß die gleiche Eigenschaft wie Alfons sich zu sorgen und trotz aller Schwierigkeiten freundlich und höflich zu bleiben. Ich versuchte zu grinsen, aber meine Gedanken galten ausschließlich Jack.
»Ach, Amily, wichtig: Du brauchst nur zu sagen: Tür auf und sie öffnet sich.« Das Garagentor fuhr wieder hoch. Ich warf die Beifahrertür zu, er wollte sofort aufbrechen, um die anderen zu finden. Ich schenkte ihm ein Lächeln, drehte mich um und sprach die Zauberworte. Wie von Geisterhand öffnete sich die erste Tür und ich konnte hineingehen. Dann vernahm ich das Aufheulen des Motors und wie der Wagen schließlich aus der Einfahrt fuhr und davonraste. Langsam, auf wackligen Beinen, stieg ich eine Treppe hinauf, ein einzelnes Licht glimmte im Treppenaufgang. Eine doppelflügelige rotbraune Tür mit Schnitzereien, Symbolen in Altgriechisch und Latein, stand offen. Ich durchschritt diese, eine kleine Wandlampe warf ein spärliches Licht in den Raum. Ich rief »Licht«, aber keine Veränderung. Also suchte ich nach dem Wandschalter und fand einen schmalen Kippschalter, den ich betätigte. Der Raum erstrahlte durch einen gewaltigen Kronleuchter an der Decke. Alles hatte einen antiken Touch, fast schon mittelalterlich. Die massiven Bodenplatten gaben dem Zimmer optisch mehr Fläche. Es gab einen alten Sekretär mit einer betagten Lampe drauf, daneben befand sich ein monumentaler Kamin mit reichlich Verzierungen. Es wirkte wie eine Lounge-Ecke. Nach der aufregenden Fahrt brauchte ich allerdings dringend eine Toilette, die ich nach Verlassen des Raumes Linkerhand fand. Anschließend wusch ich mir Hände und Gesicht. Eine Tür weiter, die auch zu einem angrenzenden Schlafzimmer führte, fand ich ein geräumiges Badezimmer. Jetzt wünschte ich mir ein schönes heißes Bad. Spontan ließ ich heißes Wasser in die Wanne. Eine Tüte mit Meersalz und Badehandtücher lagen auf dem Rand der Wanne. Ich riss den Beutel auf und gab etwas von dem wohlriechenden Salz ins Wasser. Mein klammes Kleid, ein Fall für die Mülltonne, streifte ich vom Körper, dann kontrollierte ich noch die Schussverletzungen, aber diese sahen gut aus. Ich stieg in die Wanne, glitt in das warme Nass, stellte das Wasser wieder ab und versank bis zur Nasenspitze darin. Ist das schön entspannend! Trotzdem ertappte ich mich immer wieder dabei, Geräusche wahrzunehmen. War Sergej schon zurück? Nein, natürlich nicht. Nach dem dritten Fehlalarm fiel ich endlich in einen Zustand der Entspannung. Meine Muskeln entspannten sich nach diesem anstrengenden Tag, auch das Rauschen in meinen Ohren ebbte letztlich ab. Ich stieg völlig erledigt aus der Wanne, zog den Stöpsel, trocknete mich ab und wickelte mir das Tuch um den Kopf. In einem kleinen Schränkchen fand ich ein Pflegeöl, damit rieb ich meine Haut ein. Nebenan im Schlafzimmer legte ich mich, eingewickelt in ein großes Handtuch, ins Bett. Augenblicklich schlief ich ein.
Ein Sonnenstrahl weckte meine Sinne. Ich räkelte mich, warf die Bettdecke zurück und stand auf. Mein Badetuch rutschte dabei zu Boden. Am Fenster schaute ich nachdenklich in die Ferne. Meine Gedanken kreisten wieder einmal nur um den Einen. Lustlos tapste ich ins Bad und machte mich frisch, anschließend öffnete ich den Kleiderschrank im Schlafzimmer. Lächelnd, als hätte ich es irgendwie erwartet, entdeckte ich das altbekannte Kleid sowie frische Unterwäsche aus dem Backsteinhaus in Bormes. Ich nahm das Kleid hinaus und registrierte grinsend, dass die schwarze Rolle unversehrt im Schrank lehnte. Innerlich bedankte ich mich bei Sergej. Anschließend erkundete ich das Haus ein wenig, bis ich schließlich auf der Außenterrasse angekommen war. Eine Liege und ein Tisch standen einladend in der Sonne.
Ich holte das Handtuch sowie ein Buch, das auf dem Nachttisch gelegen hatte, ein Thriller, ganz nach meinem Geschmack, und legte mich in die Sonne. Die krampfhaften Versuche zu lesen scheiterten ob meiner inneren Unruhe. Die wärmende Sonne ließ mich schnell schläfrig werden und einschlafen. Ein Gefühl der Zärtlichkeit überkam mich, mein Schoß verlangte nach Jack. Ein lautes Donnern ließ mich zusammenzucken. Hatte ich das nur geträumt? Außer mir war niemand sonst hier. Meine Haut brannte. Aufgrund meiner Haarfarbe und dem hellen Teint war ich prädestiniert für Sonnenbrand. Ich lerne es wohl nie. Ich klemmte mir den Roman unter den Arm, schnappte mir das Handtuch und verschwand im Schlafzimmer. Dort legte ich mich nackt quer auf das Bett, wo ich erneut einschlief. Dann, irgendwann bekam ich nur schwer Luft, was mich erwachen ließ. Irgendetwas lastete auf mir. Ich fühlte mich erdrückt.
»Jack, bist du das?« Keine Antwort. Ich versuchte, das Gewicht von meinem Körper zu schieben, doch es ging nicht. Eine dumpfe Stimme sagte zu mir:
»Heute bist du fällig, meine Liebe.« Wut kochte in mir hoch und setzte ungeahnte Kräfte frei. Ich konnte mich befreien, holte mit geballter Faust aus und schlug zu. Dann griff ich mit der anderen Hand nach dem Buch, damit prügelte ich wie wild auf den Angreifer ein, bis der keinen Mucks mehr von sich gab. Ich schaltete das Licht ein und da lag Jack. Ich schrie auf ihn ein:
»Du Arsch, bist du nicht ganz dicht?« Aber er regte sich nicht mehr. Bitterlich weinend gab ich ihm einen Kuss. »Das wollte ich nicht.« Er packte mich kraftvoll und küsste mich zurück. Ich war erregt, sehnte mich nach seiner Nähe, aber nicht auf diese Weise. Ich flehte ihn an, mich loszulassen, verkroch mich unter meiner Bettdecke und weinte. Wie konnte er mir das nur antun? Jack streichelte mir den Rücken, nur langsam erholte ich mich von diesem Schreck. Ich drehte mich verweint um und verpasste ihm eine saftige Ohrfeige.
»So, mein Lieber, das hast du davon!« Jack fasste sich erschrocken an die Wange. Meine Gefühle waren eine einzige Achterbahnfahrt.
»Machst du das noch einmal, dann ist was los, verstanden?« Meine ungefilterte Wut traf ihn. Doch Jack überraschte mich, er senkte sein Haupt, Tränen tropften von seiner Wange. War ich zu weit gegangen? Ich hob sein Gesicht an. Meine Finger zeichneten sich deutlich auf seiner Wange ab. Das schlechte Gewissen überkam mich, hatte aber nicht die Absicht, mich zu entschuldigen. Schließlich war ich im Recht. Ich küsste ihn liebevoll, doch er wandte sich wortlos ab, verkroch sich unter seiner Decke und weinte herzzerreißend. Mir war übel, ich rannte ins Bad, übergab mich über der Toilette, putzte meine Zähne und ging zu Jack. Aber er hatte sich in Rauch aufgelöst. Ich suchte ihn im ganzen Haus und im Garten aber weit und breit kein Jack. Meine Tränen flossen wie Sturzbäche.
Was hatte ich nur getan? Jack, du bist doch mein Ein und Alles.
»Ich liebe dich über alles«, rief ich und hoffte, dass er mich hörte. Ich rollte mich unter meiner Decke zusammen und bekam einen Weinkrampf.
»Jack, Jack, bitte komm zurück«, schluchzte ich und schlief ein.
14 – Pläne
Am frühen Morgen duftete es nach Kaffee. Ich schlug meine verquollenen Augen auf, sah Jack und klammerte mich fast panisch an ihn.
»Jack, Jack! Ich tue es nie wieder!« Ich übersah in meiner Aufregung sogar seine Nacktheit.
»Was ist mit dir, Amily? Was hast du?«
»Ich wollte dich nicht ohrfeigen!«, brach es aus mir heraus. Er erwiderte verdutzt:
»Aber ich bin doch eben erst mit dem Piloten angekommen. Ich weiß nicht, was du meinst.« Ich schaute Jack genau an, da waren keine Fingerabdrücke in seinem Gesicht. Wie das? Immer wieder küsste ich ihn und hatte ein enorm schlechtes Gewissen.
»Amily, hör doch, du hast mir keine Ohrfeige verpasst.«
»Nicht?« War es nur ein Traum gewesen? Fortwährend musste ich ihn umarmen und küssen. Jack wirkte total erledigt, aber ich war wie ausgewechselt. Nachdem die Anspannung von mir abgefallen war, verspürte ich einen gewaltigen Hunger.
»Ihr wart aber lange weg«, gab ich zu bedenken. Auf der Suche nach etwas Essbarem fand ich eine Packung Zwieback im Küchenschrank.
Ich frühstückte im Bett, eine krümelige Angelegenheit, aber heute war mir alles egal. Jack auch, denn der schnarchte wie ein Brummifahrer. Ich bemühte mich, den angefangenen Roman weiterzulesen, wurde aber ständig in meiner Konzentration gestört.
So, mein Freund, dachte ich, jetzt reicht es. Ich füllte den Zahnputzbecher mit kaltem Wasser, schlich ins Schlafzimmer zurück und schüttete es ihm über dem Kopf.
»Warte du nur, Fräulein!« Die Kissenschlacht war eröffnet, die in seinen Armen endete, mit Küssen, die mich verzauberten, Hände, die endlich taten, was ich so sehr wollte. »So, erzähl mir, was war los, als ich nicht da war?« Die Worte sprudelten aus mir heraus, bis ich an die Stelle kam, an der ich ihm eine gelangt hatte. Zwangsläufig kullerten bei mir wieder die Tränen. Jack unterbrach mich.
»Amily, du hast nur geträumt.«
»Ja, ich weiß«, dann küsste ich ihn liebevoll. »Also, wieso hat das so lange gedauert bei euch? Sergej wollte bloß kurz weg, aber dann ...«
»Stimmt. Wir stießen auf unvorhergesehene Schwierigkeiten.« Ich verdrehte die Augen.
»Sprecht nur alle weiter in Rätseln, ich liebe das. Wäre nur nett, wenn du mich anrufen könntest. Es gibt da so eine Erfindung, die nennt sich Mobiltelefon.« Jack fuhr sich durchs Haar.
»Ich ahnte, dass du dir Sorgen machst.«
»Sorgen? Ich halte das für leicht untertrieben. Zumal noch immer niemand den Anstand hatte, mir zu erklären, was hier eigentlich gespielt wird.«
»Du hast recht, aber es steht mir nicht zu. Das ist Alfons Aufgabe.«
»Weil?«
»Es gibt Regeln. - Er ist der Präfekt.« Jack redete um den heißen Brei. Da konnte man nur verzweifeln.
»Aber was gehen mich eure Regeln an?« Völlig entgeistert starrte Jack mich an.
»Amily, Schatz! Du bist ein wichtiger Teil der SINODIS.«
»Wenn du es sagst. Na schön, ich werde Alfons danach befragen, um ja niemandem auf den Schlips zu treten.«
Jack schien zufrieden und ich gab mich geschlagen. Genauso gut konnte ich mit der Mauer im Garten reden.
Apropos Garten - am Nachmittag lagen wir gemeinsam auf der breiten Sonnenliege, ich schmiegte mich an ihn. Mit meinem Kopf auf seiner Brust lauschte ich seinem regelmäßigen Herzschlag und fing leise an zu summen. Da klopfte es an der Terrassentür. Wir schauten auf. Sergej teilte uns mit gebührendem Abstand mit, dass er Alfons holen würde und spätestens morgen Abend zurück sei. Er wünschte uns einen angenehmen Aufenthalt. Ich kicherte nur und wartete den Moment ab, bis der Motor aufheulte. Ich wollte ihn, Mr. Jack, das ganze Paket, mit anschließenden Briefmarken anlecken. All mein Ballast war von mir abgefallen und wir tauschten eng umschlungen auf der Liege Zärtlichkeiten aus. Jack war ein Meister darin, binnen Sekunden das Thema zu wechseln. So auch jetzt.
»Liebste, wo wollen wir denn kirchlich heiraten?« Ich machte große Augen und antwortete ein bisschen zögerlich:
»Eine Kirche brauche ich nicht unbedingt. Wenn ich wählen dürfte, wäre mir das alte Backsteinhaus am liebsten, da habe ich mich wohlgefühlt. Aber Alfons und Sergej müssen dabei sein.«
»Einverstanden. Deine Wünsche sind ja bescheiden.«
Im Bad machte ich mich frisch und zog mir anschließend eine Panty über. Ein ausgewogenes Essen - frischer Obstsalat, aufgeschlagenes Eiweiß und zwei Steaks - würde wahre Wunder bewirken. Zum Nachtisch gab es Schokoladeneis mit Vanillesoße. Ich stellte alles auf den Tisch und rief nach meinem Verlobten. Er war auf der Terrasse eingeschlafen. Ich schenkte ihm einen Kuss und er regte sich schlaftrunken.
»Komm aus der Sonne, ich habe uns was Leckeres zubereitet.« Ich führte Jack in die Küche. »Ich hoffe, du magst Rindfleisch?«
»Wow.« Er schaute erfreut. »Ich liebe Steaks. Es ist schon ewig her, dass ich ein richtig gutes Stück Fleisch gehabt habe.« Ich war erleichtert, dass es ihm mundete, denn kochen gehörte nicht zu meiner großen Leidenschaft. Jack verschlang sein Mahl, als hätte er tatsächlich tagelang nichts gegessen. Wir tauschten verliebte Blicke.
»Möchtest du noch Schokoladeneis?«
»Ja, bitte. Unbedingt. Amily, du bist so liebenswürdig zu mir. Ist etwas Besonderes?«
»Quatsch, wie kommst du darauf? Ich werde gleich meinen Hengst satteln und reiten, bis du die weiße Flagge hisst, Schatz!« Sein verschmitztes Lächeln quittierte dies wohlwollend.
»Wir werden sehen. Bekomme ich jetzt das Eis?«
»Aber natürlich.« Das Schokoladeneis dekorierte ich mit zwei Kirschen und Vanillesoße. Zwischendurch streifte ich die Panty ab und ging dann zu Jack zurück, doch er war mit sich beschäftigt. Beim Abstellen der Eisschale auf dem Tisch berührten meine Brüste seinen Arm. Ups!
»Bitte entschuldige.«
»Kein Problem«, erwiderte er lässig. Für mich auch nicht, ich drehte mich um, spürte seine brennenden Blicke auf meinem Po. Lasziv platzierte ich mich auf dem Stuhl, spielte die Karten der Verführung vollends aus. Mit den Füßen auf der Sitzfläche verspeiste ich den Nachtisch, immer ein Auge auf Jack gerichtet. Seine Geilheit war ihm anzusehen.
Jetzt kam meine Geheimwaffe zum Einsatz. Hüftschwingend stolzierte ich aus der Küche, stellte im Vorbeigehen ein Schälchen Obstsalat vor ihm ab und setzte mich wieder auf den Stuhl.
»Du verwöhnst mich.« Jack war so konsterniert, dass er mir tatsächlich anbot, die Eisgläser in die Küche bringen, als wir sie ausgelöffelt hatten. Ich dankte und reichte ihm mein leeres Schälchen, berührte seine starken Hände und flüchtete auf die Liege in der Sonne. Die Sonnencreme, die ich im Badezimmer entdeckt hatte, verteilte ich sorgfältig auf meiner Haut, mich räkelnd, sodass jede Stelle ihren Anteil bekam. Jacks schwerer Atem teilte mir per Morsecode seinen Grad der Erregung mit. Wie ich diesen Augenblick genoss. Natürlich würde ich gleich die Zeche dafür bezahlen müssen, doch ich hatte meine Genugtuung.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
