Kitabı oku: «Traum-Zeit», sayfa 5
Sein scherzhafter Tonfall trug bestimmt nicht dazu bei, Maries Herzschlag zu beruhigen. Auch nahm er keinerlei Rücksicht auf die unbequeme Position der unfreiwilligen Testperson.
Statt ihm zuzustimmen, schüttelte Sophie allerdings den Kopf. Zusätzlich zuckte ihre Hand.
Das irritierte den Fachmann. „Nicht? Du denkst, dass deine Schwester krank ist?“, hakte er erstaunt nach.
Dieses Mal nickte Sophie und versuchte ihm etwas mitzuteilen, was er wiederum nicht kapierte. Marie, die deutlich besser begriff, was ihre kleine Schwester da äußerte, zog energisch das Hörrohr weg, reichte es dem Doktor und brachte sich auf der gegenüberliegenden Bettseite in Sicherheit.
Allerdings machte das die Situation definitiv komplizierter, weil mein künftiger Ur-Uropa nun neugierig geworden war. „Deine Schwester hat Schmerzen“, vergewisserte er sich bei Sophie, denn das konnte selbst ein Unbedarfter aus ihrer Mimik deuten. „Wo hat sie denn die?“
Sophie bemühte sich sichtlich, ihm das zu erklären, doch Doktor Langholz war ebenso schwer von Begriff wie ich. Außerdem versuchte Marie uns parallel abzulenken.
Als Konsequenz runzelte der Arzt missbilligend die Stirn. „Wäre es nicht einfacher, Fräulein Reichenbach, Sie verwendeten Ihre Energie darauf, mir zu erklären, wo Ihre gesundheitlichen Probleme liegen, statt Ihre Schwester durcheinander zu bringen?“
Das hatte Marie ganz offensichtlich nicht vor. „Es ist nichts Wichtiges“, wiegelte sie ab und gab Sophie ein unmissverständliches Zeichen, sich da rauszuhalten.
„Dann teilen Sie mir eben das Unwichtige mit. Haben Sie nun Schmerzen oder nicht?“
„Nein, äh ich meine, zurzeit nicht.“ Maries Verlegenheit wurde fast greifbar.
„Sie verspüren also manchmal Schmerzen“, rätselte der Arzt unbeirrt weiter.
„Sophie übertreibt ganz schrecklich. Sie hat neulich mitbekommen, wie ich unpässlich war und von Schwester Johanna ein Mittel dagegen bekam. Das ist alles“, gestand Marie schließlich. Ihre Wangen brannten inzwischen vor Scham. „Jetzt muss ich aber dringend los. Ich bin spät dran.“
Das stimmte. Es war schon nach drei Uhr.
„Kann ich Sie trotzdem kurz sprechen. Vor der Tür vielleicht?“
Marie erschrak spürbar. Laut sagte sie: „Ja, sicher“, räumte die Kinderbibel in die mitgebrachte Umhängetasche, nahm ihr gestricktes Umschlagetuch vom Stuhl und verabschiedete sich von den Zimmerinsassinnen. Zuletzt umarmte sie ihre Schwester.
Neben der breitschultrigen, hochgewachsenen Gestalt des Stationsarztes schien meine Ur-Uroma beinah zu verschwinden. Dazu trug er eine dermaßen ernste Miene zur Schau, dass selbst mir flau im Magen wurde. Irgendetwas stimmte da nicht.
„Die Lunge Ihrer Schwester ist gerade komplett frei. Das ist die gute Nachricht“, begann der Doktor nach einigem Zögern.
„Aber es gibt auch eine schlechte Nachricht, nicht wahr?“, kombinierte Marie mit bangem Herzen.
„Ja. Ich habe bei der Untersuchung letzte Woche festgestellt, dass Sophies Herz schwach und unregelmäßig schlägt. Nun hat sich meine Vermutung leider gefestigt. Es rührt nicht von der momentanen Erkältung her. Wahrscheinlich hat sie von Geburt an einen Herzfehler. Wurde diese Diagnose von einem meiner Kollegen bereits untermauert?“
Marie schüttelte den Kopf und wagte erst einmal nicht nachzufragen. Weil er allerdings ebenfalls beharrlich schwieg, gab sie sich einen Ruck. „Was bedeutet das?“
Es gehört bestimmt nicht zu den liebsten Tätigkeiten eines Arztes, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. „Dass Ihre Schwester so alt wurde, grenzt eigentlich an ein Wunder. Es liegt sicher an der liebevollen Betreuung. Ich kenne kein anderes, derart schwer behindertes Mädchen, das sich in so guter Verfassung befindet. Sie hat kaum Versteifungen an den Gliedmaßen. Von Schwester Johanna habe ich mitbekommen, dass Sophie sogar Lesen gelernt hat, wie auch immer Sie geschafft haben, ihr dies beizubringen. Auch die Laute- und Gestensprache, mit der sie kommuniziert, finde ich sehr interessant.“
„Meine Schwester ist klug. Sie kann sich bloß schwer mitteilen.“ Marie wusste mit Komplimenten gerade wenig anzufangen. Das Urteil des Arztes hatte ihr einen Schock versetzt. Als Konsequenz daraus kämpfte sie mit den Tränen. „Wieviel Zeit bleibt uns noch?“ Ihre Stimme klang ganz dünn und brüchig.
„Das weiß ich nicht.“ Der Doktor legte in einer spontanen Geste des Mitgefühls eine Hand auf Maries Schulter. Meine Ur-Uroma zuckte daraufhin aber so heftig zusammen, dass er sofort wieder auf professionelle Distanz ging und sich räusperte. „Jede Infektion stellt eine ernste Gefahr für sie dar. Andererseits ist Sophie erstaunlich zäh. Vertrauen Sie einfach förderhin auf unseren Herrgott. Als Christenmensch darf man sich seiner Hilfe gewiss sein“, erwiderte er schließlich.
Mit seiner letzten Aussage hatte er selbstverständlich Recht. Sophies Zukunft lag in Gottes Hand. Für meine Urahnin brach dennoch ihre Welt zusammen. „Gibt es denn nichts, was man dagegen tun kann, außer Beten, meine ich?“, fragte sie verzweifelt.
„Kaum. Verbringen Sie so viel Zeit wie möglich mit ihr, am besten an der frischen Luft. Sobald sie Krankheitszeichen zeigt, werden wir sie behandeln. Mehr zu tun bleibt uns nicht. Sie wird im Heim von den Schwestern gut versorgt.“
In Maries Inneren schien sich ein Geschwür gebildet zu haben, das jederzeit zu platzen drohte. Sollte dies vor Ort passieren, dürfte es um ihre mühsam aufrechterhaltene Fassung geschehen sein.
Ich empfand die Ungerechtigkeit, in der meine Ur-Uroma zu leben genötigt war, einmal mehr überaus schmerzlich. Hundert Jahre später würde es Herzmedikamente, spezifische Operationstechniken und eine professionelle Betreuung für Sophie geben. Doch damals musste man notgedrungen die Gegebenheiten akzeptieren.
„Ihr eigenes Herz, Fräulein Reichenbach ist übrigens völlig intakt“, fuhr Doktor Langholz fort, als Marie nur dastand und mit zitternden Händen Knoten in ihr Wolltuch knüpfte, aber kein Wort mehr herausbrachte. „Ich habe vorhin einen kleinen Trick angewandt, weil ich dachte, dass es sinnvoll sei, zu überprüfen, ob es sich um ein erbliches Leiden handelt und ich Sie Beide nicht beunruhigen wollte.“ Er räusperte sich erneut und nickte ihr dann abschließend zu. „Und wegen Ihrer monatlich auftretenden Beschwerden dürfen Sie bei Bedarf gern in meiner Sprechstunde vorbeischauen. Dieses Problem haben viele junge Frauen und man kann da in der Regel gut Abhilfe schaffen.“
Kapitel 8:
Ein paar Tage später kam mir die Idee, meine Tante anzurufen. Sie freute sich von mir zu hören und erkundigte sich nach Neuigkeiten. Ich berichtete ihr von meiner Trennung.
„Schade, Florian machte eigentlich einen recht netten Eindruck“, meinte sie, beließ es aber dabei. Ich auch.
Wir plauderten dafür eine Weile über dies und das, vorzugsweise über ihre Töchter, wovon eine den falschen Freund und die andere den falschen Beruf habe. Die jüngste, Svenja, stellt eine pubertäre Dauernervenprobe dar.
Irgendwann kam ich auf das eigentliche Anliegen meines Anrufes. „Sag mal, weißt du eigentlich wie deine Urgroßeltern hießen?“
„Lass mich raten, du warst bei deiner Oma zu Besuch?“, gab sie anstelle einer Antwort resigniert von sich. „Es wird immer schlimmer. Man könnte seit Neuestem denken, Uroma Marie wäre eine enge Vertraute für sie gewesen. Dabei kannten sich die zwei nicht mal besonders gut.“
„Echt jetzt?“, brachte ich überrascht heraus.
„Sie starb, soviel ich weiß, Ende der Fünfziger. Da war Mutter zehn Jahre alt. Meine Großeltern betrieben eine Landwirtschaft und wohnten nicht im selben Ort. Da sah man die Verwandtschaft nur selten.“
„Und dein Urgroßvater?“
„Er ist bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen.“
„Oh... War er Soldat im zweiten Weltkrieg?“
„Nicht im zweiten, im ersten. Kurz vor der Geburt seines jüngsten Sohnes wurde er eingezogen. Er hat im letzten Kriegsjahr an der russischen Front als Lazarettarzt gedient. Zumindest wurde mir das erzählt.“
Ich verdaute schwer an dieser Information. Eine lange Ehe war Marie offenbar nicht beschieden gewesen „Wie viele Kinder hatten die beiden denn?“
„Fünf. Eine recht sportliche Leistung für Zeit, in der sie ein Paar waren. Mit dreißig wurde meine Urgroßmutter bereits Witwe und alleinerziehende Mutter. Doch irgendwie scheint sie sich durchgekämpft zu haben. Bis zu ihrem Tod arbeitete sie sogar als Physiotherapeutin, obwohl sie nie in einer Schule gewesen war und es den Beruf als solchen noch gar nicht gab. Das hat mir eine alte Diakonisse erzählt, die mit ihr befreundet gewesen sein musste. Man hat sie im Krankenhaus sehr geschätzt…. Maries ältester Sohn, Großonkel Elia, studierte später wie sein Vater Medizin und leitete bis 1943 eine Behindertenanstalt im Norden Deutschlands. Weil er sich weigerte, seine Patienten im dritten Reich auszuliefern, wurde er eingesperrt und verstarb später im Gefängnis an einer Lungenentzündung. Hanna, also meine Großmutter, wohnte bis zu ihrem Tod hier ganz in der Nähe, auf dem Bauernhof ihres Mannes. Dann gab es noch eine Anne Sophie, die früh an Typhus verstarb. Ein weiterer Sohn, Daniel, fiel im zweiten Weltkrieg und Jonathan, der Jüngste wanderte mit zwanzig Jahren nach Amerika aus. Dort leben seine Nachfahren bis heute. Doch das weißt du ja.“
„Hieß die Familie zufällig Langholz?“
„Deine Oma scheint dich ja genauestens informiert zu haben. Wenn ihr Gedächtnis nur in anderen Dingen so gut funktionieren würde. Ihr Sparbuch suchen wir bis heute.“ Tante Sabine seufzte leidgeprüft. „Aber immerhin haben wir das Bild gefunden, das bei ihr jahrelang im Schlafzimmer hing. Sie hat uns alle des Diebstahls bezichtigt. Helmut entdeckte es hinter dem Schuhregal, als wir das Haus räumten.“
„Da wird sich Oma aber freuen.“
„Sicher, bloß weiß ich nicht, ob es sinnvoll ist, es ihr noch mal zu geben. Sie bringt es fertig und versteckt es gleich wieder. Aber ein Gutes hat es: Dadurch konnte ich dir detailliert Auskunft geben. Mutter hat nämlich freundlicher Weise die Namen der Personen und die wichtigsten Daten auf der Rückseite vermerkt, vermutlich aus Angst, sie zu vergessen.“
Mir stockte der Atem. „Du hast dieses Bild gerade vor dir?“
„Klar. Denkst du, ich habe unseren Familienstammbaum im Kopf? Es befindet sich bei Mutters sonstigen Sachen. Alles, was an verwertbaren Dingen auftaucht und nicht ohnehin bei ihr im Pflegeheim gelandet ist, kommt zu mir ins Gästezimmer. Sogar ein paar ihrer ehemaligen Möbelstücke stehen dort rum. Wenn du zufällig Bedarf an einer wurmstichigen Kommode hast, könnte ich dir behilflich sein.“
„Unter Umständen hätte ich diesen tatsächlich.“ Bei Dingen, für die andere keine Verwendung mehr finden, erwacht in mir immer sofort Ehrgeiz, neue Nutzungsmöglichkeiten zu kreieren. Vielleicht liegt es an meinen schwäbischen Spargenen, in Kombination mit meiner Unfähigkeit, Sachen wegzuwerfen. Oder dass jahrelang, als Mutter nicht mehr arbeiten konnte und sich aus Stolz weigerte, Almosen anzunehmen, es in unserem Leben finanziell eng zugegangen war… Obwohl ich inzwischen ein gutes Einkommen habe, kann ich schwer von diesem Verhaltensmuster lassen. Das wissen die Leute aus meiner Umgebung und fragen nach, bevor sie Möbel auf den Sperrmüll und Kleidungsstücke in den Container geben. Entsprechend sieht es in meiner Wohnung aus und genauso zusammengewürfelt kleide ich mich.
„Wer ist auf dem Foto denn drauf?“
„Im Prinzip alle, von denen wir eben geredet haben, inklusive Uropas Tochter aus erster Ehe. Keine Ahnung, wie sie hieß. Ihr Name ist so stark verwischt, dass ich ihn nicht entziffern kann. Doch ich meine mich zu erinnern, dass sie später Diakonisse wurde. Das Bild muss gemacht worden sein, bevor Uropa in den Krieg zog. Übrigens steht fest, dass du deiner Ur-Uroma erstaunlich ähnlich siehst.“
Mein Mund fühlte sich plötzlich trocken an. „Könntest du das Bild und die Rückseite abfotografieren und mir per WhatsApp schicken?“
Meine Tante ist diesbezüglich modern ausgestattet, vermutlich sogar auf einem neueren Stand als ich. Das kommt davon, weil ein Teil ihrer Töchter fast nur noch auf diesem Wege mit ihr kommuniziert.
„Klar, mach ich.“
Fünf Minuten später brummte mein Handy. Ich öffnete mit zittrigen Händen die Nachricht und wurde nicht enttäuscht. Mir schaute mein Ebenbild vom Spiegel entgegen, samt ihrem Ehemann, Doktor Langholz. Er stand, sie mehr als einen Kopf überragend, neben ihr. Auf dem Arm hielt er ein kleines dunkelhäutiges Mädchen mit wildem lockigem Haar, das seine dicken Ärmchen vertrauensvoll um seinen Hals geschlungen hatte. An seiner anderen Seite befand sich eine ernst dreinblickende Jugendliche mit blonden langen Zöpfen, vermutlich die besagte Tochter aus erster Ehe. Marie, deren vorgewölbter Bauch eine weitere Geburt ankündigte, hatte ihre Hand auf einen schelmisch grinsenden dunkelhaarigen Jungen mit Brille gelegt. Die Sehhilfe wirkte mittlerweile fast wieder modern und hätte aus dem aktuellen Optikerkatalog stammen können. Zwei strohblonde Kinder, bei denen die Verwandtschaft zum Vater schwer zu leugnen war, ein Junge und ein Mädchen, vermutlich Hanna und Daniel, tummelten sich zu Füßen des Ehepaares.
Das Foto kam für die damalige Zeit, in der man Menschen am liebsten geordnet in Reih und Glied positionierte, ausgesprochen lebendig daher. Marie blickte jedoch im Vergleich zu den anderen ziemlich melancholisch drein, wobei das dem Anlass geschuldet sein dürfte. Die Vorstellung, dass Samuel ein Jahr später bereits tot war und auch keine der übrigen Personen mehr lebte, tat mir weh.
Kurz vor dem Einschlafen traf mich dann noch eine weitere Erkenntnis. Etwas, beziehungsweise jemand fehlte auf dem Gruppen-Porträt. Warum war mir das nicht gleich aufgefallen? Niemals hätte man diese Person vergessen oder mit Absicht ausgegrenzt. Sophies Abwesenheit konnte folglich nur eines bedeuten…
Kapitel 9:
Es wunderte mich nicht im Geringsten, dass ich in der nächsten Nacht erneut auf Zeitreise ging. Schließlich hatte ich das Familienbild auf meinem Handy so oft angeschaut, dass mein Display vom ewigen Zoomen demnächst Abnutzungserscheinungen zeigen musste.
Ich fand mich, beziehungsweise Marie mit Onkel Konrad am Tisch beim Abendbrot wieder. Das Esszimmer sah genauso steif und unpersönlich aus wie beim letzten Mal.
Von Tante Klara und Josefine war nichts zu sehen, doch ich meinte im Verlauf des Gespräches herauszuhören, dass die Cousine inzwischen geheiratet hatte und die beiden Frauen einen netten Abend miteinander verbrachten und nebenbei deren neues, häusliches Umfeld aufzuhübschen gedachte. Wahrscheinlich fehlten ein paar gehäkelte Spitzendeckchen oder unpraktische Staubfänger für die Vitrine, musste ich boshaft denken.
Der Onkel schien ausnahmsweise bester Stimmung zu sein und hatte beim Essen kräftig dem Rotwein zugesprochen. „Wie alt bist du letzten Monat geworden? 18 nicht wahr?“, erkundigte er sich plötzlich mehr oder weniger zusammenhangslos.
Marie nickte vorsichtig. Ich nahm diese Information dagegen erstaunt zur Kenntnis, weil ich meine Vorfahrin für deutlich älter geschätzt hätte, als ich sie im Spiegel erblickte. Auf dem Foto, das mir Tante Sabine zugeschickt hatte, war sie es als Mutter von viereinhalb Kindern dann ja auch.
„Somit bist du im heiratsfähigen Alter. Wir sollten uns über deine Zukunft Gedanken machen. Vielleicht hast du ja bereits einen heimlichen Verehrer?“
„Nein. Außerdem möchte ich Diakonisse werden“, packte Marie die Gelegenheit beim Schopf und brachte mutig ihren Berufswunsch vor.
„Im Ernst?“ Man merkte dem Onkel die Verblüffung an. Dann lachte er schallend, als hätte sie einen Witz gemacht. „Du meine Güte. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Eine dunkelhäutige Diakonisse, wo gibt es denn so was? Ich denke, wir finden eine bessere Verwendung für dich.“ Seine Hand legte sich unvermittelt auf ihren Arm.
Ich spürte Maries Abneigung überdeutlich. Sie wäre am liebsten aufgesprungen und nach draußen gerannt.
„Was hältst du davon, wenn du mich in nächster Zeit vermehrt in der Firma unterstützt?“, schlug er mit schmeichelnder Stimme vor. „Ich kann eine tüchtige, sprachlich begabte Hilfskraft wie dich gut gebrauchen.“ Seine Hand wanderte noch ein Stück weiter nach oben.
In mir begann eine Warnglocke zu läuten.
„Ich möchte lieber mit Krüppeln und Schwachsinnigen arbeiten“, beharrte Marie und ignorierte die Hand so gut sie konnte.
„Das liegt daran, weil du es nicht besser kennst. Wenn du dich in Zukunft etwas entgegenkommender zeigst, finden wir bestimmt eine befriedigende Lösung. Es muss nicht zu deinem Schaden sein. Du wirst dich wundern, wie großzügig ich sein kann. Deine Tante braucht von unserem Abkommen nichts zu wissen.“ Mit einem Mal grabschten die Finger direkt nach ihrer Brust.
Marie schnellte mit einem entsetzten Aufschrei hoch, wurde aber vom Onkel hart gegen den Esszimmertisch gedrängt.
„Jetzt tu nicht so prüde, Mädchen. Du willst es doch in Wirklichkeit ebenso. Deine Mutter hatte schließlich auch nichts dagegen, sich für Geld und eine gesellschaftliche Stellung einem älteren Mann anzubiedern.“
Ich geriet äquivalent zu Marie in Panik. Diese versuchte verzweifelt, die aufdringlichen Finger abzuschütteln und sich von dem zum Unhold mutierten Onkel freizumachen. Keuchend vor Gier und wie von Sinnen umklammerte er seine Nichte und versuchte ihr gleichzeitig das Kleid hochzuschieben. Jetzt näherte sich auch noch sein sabbernder Mund. Als sich seine Lippen fordernd auf ihre pressten und seine Zunge ekelhaft feucht nach einem Zugang suchte, verlieh ihr dies ungeahnte Kräfte. Obwohl Marie keine Übungsstunde in Jiu-Jitsu absolviert hatte, verhielt sie sich angesichts dieser Horrorsituation erstaunlich besonnen. Weil der Onkel mindestens das Doppelte wie sie wog, hatte sie ihm gewichtsmäßig wenig entgegenzusetzen. Aber sie nutzte seine Abgelenktheit, während sich seine Finger am Hosenschlitz zu schaffen machten, trat ihn erst vors Schienbein, stieß anschließend mit aller Kraft ihre Faust in seinen Magen und tauchte, während er japsend nach hinten gegen den Stuhl kippte, unter seinen Armen hindurch.
Aus dem Zimmer stürzend, rannte sie direkt gegen Tante Klaras Korsett versteifte Gestalt. Die schien diese Situation richtig einzuschätzen und bestimmte mit eiskalter, schneidender Stimme: „Geh sofort in deine Kammer, Marie.“
Das ließen wir uns kein zweites Mal sagen. Dennoch hörte ich, wie sie das Esszimmer mit den Worten „Konrad, dafür bist du mir eine Erklärung schuldig“ betrat.
In ihrer Dachstube angekommen, rückte Marie den Tisch vor die Tür, weil diese nicht abschließbar war und lehnte sich schwer atmend dagegen. Voller Abscheu versuchte sie dann, die Speichelspuren von Gesicht und Hals zu wischen. Immer noch zitternd legte sie sich anschließend ins Bett. Sie wagte es nicht einmal, sich auszuziehen, sondern schlüpfte in ihrer kompletten Kleidung unter die Decke.
Sie hatte einen Schock erlitten. Das war glasklar. Bestimmt war sie nicht einmal richtig aufgeklärt worden. Dies fand, wenn man den entsprechenden Romanen und Filmen Glauben schenken mochte, erst kurz vor der Hochzeit statt, wenn überhaupt.
Ich hätte ihr einiges dazu mitteilen können, zumindest theoretisch. Hinter seliger Unwissenheit kann sich im 21. Jahrhundert niemand verstecken. Dafür gibt es bereits ab der Grundschule den entsprechenden Unterricht, von der Freizügigkeit der Medien ganz zu schweigen. Außerdem habe ich ja Mona. Den praktischen Teil der Aufklärung hatte in schöner Regelmäßigkeit, Florian angeboten zu übernehmen, war jedoch auf taube Ohren, abwehrende Hände und zu guter Letzt ein gezielt platziertes Knie gestoßen. Stellte dieser Traum etwa die Konsequenz aus seinem Übergriff von neulich dar? Möglicherweise hatte ich die unerquickliche End-Episode unserer maladen Beziehung doch nicht unbeschadet weggesteckt.
Seltsamer Weise hörte die Geschichte an dieser Stelle nicht auf, was ich eigentlich erwartet hätte. Nach einem gefühlten Sekundenschlaf durfte ich meine Ahnfrau in einen neuen Morgen begleiten.
Wir trafen sehr bald auf ihre Tante. Diese schaute drein, als habe sie über Nacht ein Magengeschwür bekommen. Sie wollte das Frühstück im Wohnzimmer einnehmen. Der Grund dafür dürfte sein, dass der Speiseraum noch Spuren des gestrigen Kampfes trug. Marie hatte es bisher nicht gewagt, ihn zu betreten.
Onkel Konrad konnte ich zu meiner Erleichterung nirgendwo entdecken. Er musste das Haus in den frühen Morgenstunden ohne Mahl verlassen haben.
Tante Klara befahl, kaum, dass das Essen weggeräumt war, ihre Nichte zu sich. „Setz dich“, bestimmte sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch erlaubte. Ihr Mund zeigte sich noch schmallippiger als sonst und auf ihrer Stirn standen gleich mehrere neue Falten. „Ich habe heute Nacht kein Auge zugetan und deinem Onkel ergeht es nicht besser. Er ist sehr aufgewühlt.“
Meine Ahnin nahm diese Information erstmal schweigend zur Kenntnis.
„Ich verstehe nicht, wie du uns das antun konntest.“ Die Nasenflügel der Tante begannen zu beben und ihre Stimmlage schraubte sich steil nach oben. „Wir haben unser ganzes Vertrauen in dich gesetzt, dir eine Heimat geboten, dich und deine Schwester all die Jahre finanziell unterstützt und nun das.“
„Was habe ich denn getan?“, brachte Marie entgeistert heraus.
„Das wagst du zu fragen? Tu nicht so unschuldig. Du hast dich gestern deinem Onkel angeboten und Geld dafür verlangt. Und weil er ablehnte, kam es zu dieser unseligen Auseinandersetzung. Du brauchst gar nicht zu versuchen, ihn jetzt bei mir anzuschwärzen.“ Tante Klara rührte bei diesen Worten allerdings nervös in ihrer Kaffeetasse und blickte vorsichtshalber in eine andere Richtung.
„Das stimmt nicht.“
Als Reaktion fiel der Löffel klirrend in die Untertasse. „Schluss, kein weiteres Wort mehr in dieser Sache. Ich dulde deine Aufsässigkeit nicht länger. Allein, wenn ich dran denke, wie schamlos du dich an Josephines Hochzeit aufgeführt hast. Es wird Zeit, dass du unter die Haube kommst und ein Ehegatte dir Manieren beibringt, bevor es zu spät ist.“
„Ich will nicht heiraten“, widersprach Marie angesichts der vorherrschenden, explosiven Atmosphäre überaus mutig. „Ich möchte Diakonisse werden und Krankenpflege lernen.“
„Diakonisse? Wer hat dir denn diesen Unsinn in den Kopf gesetzt? Dazuhin werden sie dich dort kaum nehmen. Bei den barmherzigen Schwestern hält man nichts von mannstollen Weibern. Du kannst von Glück reden, wenn du einen Bräutigam abkriegst. Die Männer werden sich bei deinem Aussehen, deiner mangelhaften Bildung und deinem aufsässigen Wesen keinesfalls um dich reißen. Ganz abgesehen von deiner bedauernswerten Schwester, die mitversorgt werden muss.“
Jetzt war es um Maries Ruhe vollends geschehen. Sie fuhr erschrocken vom Stuhl hoch. „Was? Ihr wollt meine Schwester ebenfalls loswerden?“
Der Drachen von einer Tante hüstelte daraufhin gekünstelt und schlug eine etwas tiefere Tonlage an. „Mein liebes Kind. Du bist hier nicht in der Lage, Forderungen zu stellen. Dein Vater hat uns schließlich nur einen Sack voller Schulden hinterlassen.“
„Drum will ich ja arbeiten gehen.“
Tante Klara seufzte schwer geprüft angesichts von so viel Ignoranz. „Spar dir deine Widerrede. Es ist eine beschlossene Sache. Dein Onkel wird heute anfangen, sich nach geeigneten Kandidaten umzuhören.“ Sie zeigte an, dass das Gespräch an dieser Stelle beendet sei.
Dies hätte Marie besser akzeptiert, aber in ihr kochte angesichts dieser Willkür eindeutig das Blut. „Und was ist, wenn ich mich weigere?“
Daraufhin richtete Tante Klara zum ersten Mal an diesem Morgen den Blick auf ihre junge Verwandte. „Du weißt genau, dass du nicht länger hierbleiben kannst. Dazuhin würde sich dein Onkel bei einer Zuwiderhandlung genötigt sehen, deine Schwester im Armenhaus der Stadt unterzubringen und du kannst dir sicher denken, was das bedeutet.“
An dieser Stelle wachte ich auf. Ich brauchte dieses Mal echt lange, bis ich mich in meiner Gegenwart zurechtfand.
