Kitabı oku: «Traum-Zeit», sayfa 6
Kapitel 10:
Beim Mittagessen wenige Tage später fragte Mona unvermittelt: „Was ist eigentlich mit dir los, Ronja?“
Aus meinen Gedanken hochschreckend, entgegnete ich reflexartig: „Was soll schon los sein? Nichts.“
„Red keinen Blödsinn. Du wirkst die halbe Zeit abwesend.“
„Es geht mir gut“, erklärte ich reichlich unglaubwürdig. Deshalb schob ich „gerade ist nur jede Menge los“ hinterher.
„Was zum Beispiel?“
„Ach, du kennst doch meinen Hang, unorthodoxe Aufgaben an mich zu reißen. Letztes Wochenende habe im Sternehaus ausgeholfen.“ Das Sternehaus ist eine Unterkunft für Menschen mit Handicap ganz in meiner Nähe, wo ich seinerzeit mein Praktikum hatte machen wollen. Aus irgendeiner Anwandlung heraus war ich neulich auf die Idee gekommen, dort vorbeizuschauen. Das Personal muss mein Interesse gespürt haben und bot mir an, ein Wochenende mitzuarbeiten. Es war herausfordernd gewesen und hatte mir trotzdem sehr gefallen.
„Spielst du immer noch mit der Idee umzusatteln?“ Mona schaute mich forschend an.
Das war eine schwierige Frage. Ich hatte an diesem Wochenende gespürt, dass mein Herz während einer solchen Arbeit deutlich eher bei der Sache war, als beim Bearbeiten von Kundenanfragen. Gleichzeitig weiß ich, dass es verrückt ist, einen gutbezahlten, sicheren Job aufzugeben, um eine Ausbildung anzufangen, die auf lange Sicht zu schlechten Arbeitszeiten, geringer Bezahlung und Knochenschinderei führt. „Vielleicht.“
Mona nickte düster. „Was hältst du davon, wenn du einfach der Reihe nach erzählst, was dir auf dem Herzen liegt.“
Das war mein Startschuss. Ich versuchte in den folgenden Minuten in Worte zu fassen, was eigentlich unmöglich schien, berichtete von meinen letzten Träumen und den Überlegungen dazu, zeigte ihr das Familienbild auf meinem Handy und erzählte von dem Prospekt, auf dem das Schwachsinnigen- und Krüppelheim abgebildet ist.
Mona unterbrach mich kein einziges Mal. Zwischendurch vergaß sie sogar zu kauen, obwohl sich Spaghetti Carbonara auf ihrem Teller befanden, weil sie sich heute ausnahmsweise keine Diät verordnet hatte.
Als ich endete, schwieg sie immer noch und machte den Eindruck, als wolle sie, ganz gegen ihre Gewohnheit, erst nachdenken, bevor sie losredete. „Die Sache ist fast ein bisschen unheimlich, Ronja. Hast du mal über Seelenwanderung oder Reinkarnation nachgedacht?“, meinte sie schließlich.
„Falsche Fraktion. So was gibt es bei uns Christen nicht.“
„Was hast du sonst für eine Erklärung?“
Ich zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich weiß bloß, dass man das, was ich momentan erlebe, Klarträume oder luzides Träumen nennt.“ Wikipedia hat mir neulich freundlicherweise geholfen, meine nächtlichen Visionen einzuordnen.
„Und das heißt?“
„Man ist sich die ganze Zeit über im Klaren, dass man träumt, auch wenn man, genau wie beim normalen Traum, nur begrenzte Einflussmöglichkeiten auf die Handlung besitzt. Darüber hinaus hat man aber den Eindruck real zu fühlen, zu hören, riechen, denken, sehen und zu schmecken, teilweise sogar plastischer als im wirklichen Leben. Es gab Leute, die auf diese Weise Probleme gelöst oder komplexe chemische Formeln entdeckt haben. Denn das Schöne daran ist: Wenn man aufwacht, bleibt die Erinnerung an das Erlebte vollständig erhalten, als wäre es in echt passiert.“
„Abgefahren“, sagte Mona, wirkte aber nicht, als ob sie das ebenfalls bräuchte. „Und warum sind deine Träume ausgerechnet hundert Jahre alt und handeln von deinen Vorfahren?“
„Ich schätze mal, weil ich Bilder von ihnen gesehen habe, die mich aus irgendeinem Grund beeindruckten. Das Familienfoto hing jahrelang bei meiner Oma im Schlafzimmer. Als Kind war ich wohl ein paar Mal bei ihr zu Besuch. Und der Prospekt von der Diakonissenanstalt ist für jeden frei zugänglich.“ Woher ich jedoch zu wissen glaubte, wie mein Urahn gerochen hat, überstieg jegliche Logik.
Obwohl ich ihr Letzteres aus gutem Grund unterschlug, erkannte meine Freundin die Mängel in meiner Argumentation sofort. „Von ein paar alten Bildern entsteht normalerweise keine detaillierte Geschichte.“
Das war mir vom Prinzip her klar. Trotzdem entgegnete ich bemüht locker: „Du kennst meine blühende Phantasie.“ Wieso diese aber jede Menge intime Dinge von Menschen zu kennen meint, denen ich nie begegnet bin, finde ich phasenweise selbst äußerst beunruhigend. Beginnt so Schizophrenie? Indem sich ein Gehirn selbständig macht?
Zum Glück riss mich das freche Grinsen meiner selbsternannten Lebensberaterin aus meinen ungemütlichen Überlegungen. „Das ist allerdings ein Pluspunkt für dich, meine Liebe. Ich finde es übrigens echt krass, wie ähnlich du deiner Ur-Großmutter siehst.“ Sie nahm mein Handy, zoomte meine Doppelgängerin zu sich heran und studierte sie nochmals eingehend.
Ich nickte, das zweite fehlende „Ur“ großzügig ignorierend. „Vor allem, weil der Rest meiner Verwandtschaft optisch in eine total andere Richtung geht.“
Monas Zeigefinger verschob daraufhin die Großaufnahme wenige Zentimeter nach rechts. Als Konsequenz tauchten ein Paar charmante Grübchen in ihren Wangen auf, die bei Männern wie Wunderwaffen wirken. Sie flirtete doch nicht etwa mit einem Bild? Ihr Blick verweilte zumindest wohlwollend auf meinem Ahnherrn. „Vermutlich in die deines Urerzeugers, des gutaussehenden Gynäkologen.“ Diesen Teil meiner Geschichte hatte sie vorhin mit sichtlichem Behagen aufgenommen. „Ein bisschen kann ich dich sogar verstehen. Mit so jemand hätte ich auch gern mal eine Hochzeitsnacht verbracht. Wobei die Vorstellung, dass er heutzutage 130 Jahre alt sein dürfte, natürlich etwas pervers und gruselig ist.“ Sie gab mir bedauernd mein Handy zurück.
„Und was soll ich jetzt machen?“ Eigentlich war das eine rein rhetorische Frage. Was konnte man schon gegen verrückte Träume unternehmen? Schlafmittel nehmen? Milch mit Honig trinken? Am besten wäre wohl eine generalisierte Gehirnwäsche, inklusive Fleckenlöser, Weichspüler und gründlichem Schleuderprogramm.
Mona ließ sich von lautem, fatalistischem Denken keineswegs abschrecken. Sie drückte mitfühlend meinen Arm und erklärte: „Auch, wenn dein Uropi voll knackig aussieht, müssen wir versuchen, diese Sache aus deinem Kopf zu bringen. Man darf sein Leben nicht an verstorbene Leute hängen. Es genügt, wenn deine Oma so drauf ist.“ Plötzlich kam ihr eine Idee und sie zeigte sich sogleich wild entschlossen. „Ich werde die nächsten Nächte bei dir schlafen. Wenn ich merke, dass du zu träumen anfängst, männliche Gestalten in weißen Nachthemden auftauchen oder es in irgendeiner Form unheimlich wird, wecke ich dich.“
Als ich widersprechen wollte, weil ein abenteuerlustiger Teil von mir, trotz aller Dramatik, ja auch Gefallen an diesen nächtlichen Ausflügen fand, hob sie gebieterisch die Hand und sprach: „Keine Widerrede. Ich stehe um Punkt zehn Uhr bei dir auf der Matte. Warne deine Mitbewohner bitte vor. Ich will weder hinterrücks einen Minigolfschläger über die Rübe bekommen, noch alten Männern in Feinripp-Unterhosen begegnen.“
Mona hat von meinen letzten, anschaulichen Berichten offenbar ein kleines Trauma zurückbehalten. Andererseits liebäugelt sie mit meiner Eis-Flat und versucht sich deshalb gnadenlos bei meinem Lieblingsitaliener einzuschleimen.
„Und Jochen?“, brachte ich ihren derzeitigen Lebensabschnittsgefährten in Erinnerung.
„Ach, der wird es verschmerzen“, meinte sie leichthin.
Obwohl wir aus dem Alter der Pyjama-Partys längst herauswaren, beließ ich es bei ihrem Vorschlag. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in der kommenden Nacht ins beginnende 20. Jahrhundert katapultiert werden würde, war ohnehin gering. In meinen letzten Träumen hatte ich mich mit versäumten Prüfungen, Ex-Flo und einer nervigen Geburtstagsfeier herumgeplagt.
Ach ja, zum Thema Florian gab es endlich eine frohe Kunde. Er hat es geschafft, eine Freundin zu finden, die seinen moralischen Ansprüchen genügte. Hin und wieder sah man eine der jungen, ansehnlichen und überaus vollbusigen Auszubildenden, die gerade in seiner Abteilung ihren Dienst versahen, mit zerknautschter Bluse und Laufmaschen aus einem leerstehenden Konferenzraum stelzen. Seine christliche Phase ruht äquivalent dazu. Auch die diffamierenden Bemerkungen mir gegenüber werden spärlicher. Er bevorzugt es nun, wo immer dies möglich ist, mich zu übersehen, was mir mein Berufsleben spürbar erleichtert.
„Du trägst also immer noch dieselben braven Schlafanzüge wie vor fünfzehn Jahren“, stellte Mona fest, nachdem sie es sich auf meiner Gästeliege gemütlich gemacht hatte.
„Ich würde sie in erster Linie als bequem bezeichnen.“
„Am bequemsten daran dürfte sein, dass sie dir potentielle Männer auf Abstand halten.“ Was man von Monas Nachtkleidung nicht behaupten konnte. Ihr Shirt war so kurz, dass der Phantasie wenig Raum und Stoff blieb.
Trotz unserer kontroversen Ausstattungen lagen wir anschließend vereint in der Dunkelheit, belebten Erinnerungen an ehemalige Lehrer, verkorkste Frisierversuche mit einem Plätteisen und unsere gescheiterte Karriere als Popstar-Duo. Dabei fühlten wir uns einander nah, wie schon lange nicht mehr.
„Gut, dass du diese Träume hast, Ronja. Sonst würden wir das garantiert nicht machen. Schlaf gut, Süße. Und solltest du gleich deinem Gynäkologen-Opa begegnen, sag ihm, er darf gern einen Abstecher bei mir machen.“
Kapitel 11:
Ich erwachte im Schwachsinnigen-Heim. Marie massierte gerade ihre kleine Schwester durch und hielt deren Gelenke geschmeidig.
Draußen schüttete es. Der Wind rüttelte an den einfach verglasten Fenstern. Überall ächzte und knarzte es. Durch die Scheiben fiel lediglich diffuses Licht. Trotzdem brannten keine Lampen im Haus. Offensichtlich galt es Gas, Petroleum und Kerzenlicht zu sparen. In diesem Halbdämmer konnte man nicht einmal lesen. Alles fühlte sich feucht und ungemütlich an. Zentralheizungen oder sonstige Annehmlichkeiten gab es nicht, sondern nur einen wuchtigen, gusseisernen Ofen, der bei Bedarf durch eine Art Abluftkanal ein bisschen Wärme in die einzelnen Patientenzimmer verteilte.
„Grüß Gott, Marie.“ Schwester Johanna steckte auf ihrem Rundgang den Kopf durch den Türspalt. Ihr rotes Haar befand sich mal wieder in Rebellion zur Haube. „Würdest du eine halbe Stunde bevor du heimgehst, bei Doktor Langholz vorbeischauen? Er will dich sprechen.“
Ich bekam bei dieser Information unwillkürlich Herzklopfen. Marie offenbar ebenso, wenn auch garantiert aus einem anderen Grund.
„Keine Bange, nicht wegen Sophie“, sagte die junge Diakonisse, die deren Blick richtig deutete. „Es geht um eine Kontroll-Untersuchung wegen deiner Arbeit hier. Du bist schließlich eine Art Hilfskraft bei uns auf Station. Außerdem willst du dich demnächst als Diakonisse bewerben.“ Sie lächelte, doch das Lächeln wirkte krampfhaft. Hatte sie etwa Ärger bekommen?
„Wo finde ich ihn?“
„Irgendwo im Haus. Da, wo es Arbeit für ihn gibt.“
Eine Stunde später, nachdem Marie mit ihrer Schwester und einigen anderen Patientinnen im Lichthof, dem hellsten Punkt des Stockwerks, Lieder gesungen und danach alle wieder in ihren Betten abgeliefert hatte, machte sie sich auf den Weg.
Sie erkundigte sich bei Stationsschwester Inge nach dem Doktor. Die meinte, dass er auf der Männerstation anzutreffen sei.
Mit reichlichem Unbehagen betrat ich gemeinsam mit Marie das untere Stockwerk. Dort schlugen uns noch penetrantere Gerüche entgegen. Menschliche Ausdünstungen und Ausscheidungen kombiniert mit einem essighaltigen Putzmittel schienen mir den Grund-Cocktail für diesen Gestank zu bilden.
Vom Zuschnitt her ähnelten die beiden Geschosse einander. Es gab die gleiche Aufteilung der Zimmer, nur, dass hinter diesen Türen männliche Patienten lebten. Einer davon saß im unbequem wirkenden, hölzernen Rollstuhl auf dem Gang und brummte mit tiefer Stimme vor sich hin.
Im Dienstzimmer hielt sich eine ältere Diakonisse auf, die mir vom Sehen her bekannt vorkam. Hatte sie sich auch auf dem Jubiläumsprospekt befunden?
Marie fragte nach Doktor Langholz. Sie wurde angewiesen, in Zimmer 8 nachzuschauen.
Während wir uns dem besagten Zimmer näherten, hörte ich ein Brüllen, das eher aus dem Mund eines Tieres, statt eines Menschen zu stammen schien. Es klang, als käme es genau aus diesem Raum. Verunsichert klopfte meine Ur-Uroma.
Weil ihr zaghaftes Pochen keinerlei Wirkung zeigte, probierte sie es kräftiger. Auch dieser Versuch ging im Lärm unter. Zu guter Letzt donnerte sie mit der ganzen Faust gegen die Tür. Dies brachte endlich den gewünschten Erfolg. Das Geschrei wurde von einem noch lauteren „Herein“ übertönt.
Ihren restlichen Mut zusammennehmend, drückte Marie die Klinke nach unten und wagte einen vorsichtigen Schritt ins Krankenzimmer. Dort blieb sie allerdings wie angewurzelt stehen.
Ich zuckte im ersten Moment ebenfalls zurück. Unsere Augen hatten sich so an das Halbdunkel gewöhnt, dass sich das Licht von mehreren großen Lampen förmlich in meine Netzhaut einzubrennen schien. Diese waren auf ein einzelnes Bett gerichtet. Über das sah ich Doktor Langholz mit hochgekrempelten Ärmeln gebeugt, neben ihm eine kräftige Diakonisse. Die beiden machten sich an einem Insassen zu schaffen, der keine Anzeichen von Kooperation erkennen ließ.
Der Arzt schaute auf, entdeckte die Besucherin und winkte uns zu sich. „Kommen Sie, Fräulein Reichenbach. Wir können just Hilfe gebrauchen.“
Marie trat zögernd ein paar weitere Schritte näher, wirkte aber, als wolle sie liebend gern auf dem Absatz kehrtmachen und nach draußen flüchten.
Bei dem Anblick, der sich mir bot, konnte ich ihren Wunsch ohne Probleme nachvollziehen: Der Patient war mittleren Alters und von stämmiger Statur. Er besaß einen dunklen Bart und jede Menge genauso dunkle Haare auf dem Kopf und am sonstigen Körper. Auf seinem Bett liegend, wehrte er sich nach Leibeskräften. Was Marie jedoch am meisten erschütterte, war, dass der Mann keine Windel trug. Man sah dadurch Dinge, die sie so wohl nicht kannte und sicher am liebsten auch nie gesehen hätte. Sie wusste vor lauter Verlegenheit kaum, wo sie hinschauen sollte.
„Versuchen Sie ihn oben festzuhalten. Der Patient hat einen Leistenbruch und dieser ist eingeklemmt. Ich will versuchen, den Darm in den Bauchraum zu reponieren. Dazu muss der Kranke stillliegen“, wurde ihr erklärt.
Marie atmete tief durch, trat neben das Krankenlager und konzentrierte sich vorzugsweise auf das Gesicht des Mannes. Er blickte schmerzerfüllt und zugleich wütend drein.
„Ergreifen Sie seine Arme unterhalb der Schultern. Den Rest schaffen Schwester Martha und ich.“
Die gute Diakonisse lag im Prinzip quer über den Beinen des in panischer Notwehr befindlichen Rebellen, um diese am Ausschlagen zu hindern und fixierte nebenbei mit ihren Händen beherzt seinen Unterleib.
Marie griff unsicher zu. Der Mann starrte uns mit blutunterlaufenen Augen an und bäumte sich erneut brüllend auf.
„Umfassen Sie ihn mit ganzer Kraft“, forderte der Doktor. Auf seiner Stirn perlte vor Anstrengung der Schweiß.
Es machte nicht den Eindruck, als wolle meine Ur-Urgroßmutter diesem Wunsch uneingeschränkt nachkommen, aber sie drückte immerhin etwas fester zu. Daraufhin passierten ein paar unvorhersehbare Dinge: Der haarige Wilde hörte plötzlich auf zu schreien, schaute uns staunend an, seine Gegenwehr erlosch und er begann trotz seiner offensichtlichen Schmerzen zu grinsen. Bevor Marie wusste, wie ihr geschah, hatte er seine Arme um sie geschlungen und presste sie wie eine lebende Puppe an sich. In dieser Position hielt er endlich still.
Ich roch Schweiß und stinkenden Atem, der garantiert von seinen fauligen Zahnstummeln herrührte. Es drehte mir beinah den Magen um.
Marie versuchte sich im Gegenzug zu befreien. Doch der Mann dachte gar nicht daran, uns freizugeben.
Ich hätte meiner Leidensgefährtin gern geholfen, allerdings hatte man mir wiederum nur eine passive Rolle in diesem Drama zugedacht.
Weil der Patient nun halbwegs ruhig dalag, konnte Doktor Langholz seine Behandlung durchführen. „Wunderbar, es hat geklappt“, meinte er schließlich und wischte sich aufatmend mit dem Handrücken über die nasse Stirn. „Schwester Martha, Sie können jetzt das Bruchband anlegen.“
Die Schwester eilte zum Tisch, um das notwendige Material zu holen.
Wir waren währenddessen immer noch in der Umklammerung gefangen und Marie begann die Hoffnung aufzugeben, dieser je wieder zu entrinnen. Zumindest erlahmte ihr Widerstand, obwohl dieser menschliche Bär ihr gerade glucksend die Schläfe vollsabberte.
„So Hans, nun musst du das Fräulein aber loslassen“, befahl Schwester Martha, als der Verband festgezurrt war.
Hans besaß jedoch kein Interesse, ihrem Befehl Folge zu leisten, weshalb der Stationsarzt uns zur Hilfe eilen musste. „Auch, wenn einem eine junge Dame gefällt, darf man sie noch lange nicht behalten“, rügte er den vereinnahmenden Patienten. Ich meinte ein leises Schmunzeln in der ärztlichen Stimme zu vernehmen.
Dank des gezielten Eingreifens begann sich die uns umgebende Armschraube endlich zu lockern. Marie brachte sich daraufhin rasch in Sicherheit. Heimlich trocknete sie mit dem Ärmel ihres Kleides die schlabbrige Schläfe. Mich schüttelte es innerlich vor Ekel.
„Sie müssen Hans entschuldigen“, versuchte die Diakonisse zu erklären und deckte den Unterkörper des Patienten rasch mit einer frischen Windel ab. Allerdings ließ sich das Offensichtliche im Licht der Lampen nur schwer verbergen. „Unsere Patienten sind zwar geistig schwach, körperlich halt dennoch erwachsene Männer.“
„Sie haben unserem Hans auf alle Fälle einen recht ordentlichen Dienst erwiesen, Fräulein Reichenbach. Gegebenenfalls können wir Sie ja öfter auf der Männerstation einsetzen“, ergänzte der Doktor. Als er jedoch Maries Entsetzen bemerkte, fügte er grinsend hinzu: „Keine Bange, das war nur ein Scherz.“
Meine Vorfahrin schien den Humor ihres künftigen Mannes nicht zu teilen.
Einmal mehr wuschen sie sich gemeinsam die Hände. Marie hätte sich bestimmt am liebsten komplett gereinigt und umgezogen. Zumindest hätte ich es an ihrer Stelle gern getan.
„Ich bin für die nächste halbe Stunde oben auf der Frauenstation zu finden, anschließend schaue ich hier noch mal vorbei“, informierte der Doktor die diensttuende Diakonisse. Danach wandte er sich an Marie: „So, nun kommen Sie mal mit. Wie ich sehe, hat Schwester Johanna Ihnen meinen Auftrag ausgerichtet.“
Während wir ihm folgten, fuhr er sich mit den Fingern durchs deutlich zu lange Haar, um seine Frisur zu glätten, die in Folge des Kampfes am Krankenbett in Aufruhr geraten war. Sogar seine Kleidung zeigte Spuren davon. Wahrscheinlich sah Marie nicht wesentlich besser aus.
Dieser Gedanke schien auch ihr gekommen zu sein, denn sie kontrollierte im Halbdämmer des Treppenhauses, im sich spiegelnden Fenster ihr Äußeres und fand die Befürchtung bestätigt. Das Kleid war zerknittert und ihre Locken begannen sich aus dem Zopf zu lösen. Sie steckte rasch eine Spange hinein, die sie offenbar rein prophylaktisch mit sich führte.
Auf der Frauenstation angelangt, eilte Doktor Langholz im Stechschritt voraus, so dass Marie fast rennen musste, um hinterherzukommen. Am Ende des Korridors öffnete er eine Tür. Diese trug die Aufschrift privat und war normalerweise verschlossen. Doch er besaß ganz offensichtlich den Schlüssel hierzu.
Gemeinsam betraten wir den mir unbekannten Raum. Darin stand eine Art schmale, hohe Liege, zwei Stühle, ein großer Schrank und ein weiteres, deutlich kleineres Schränkchen mit verschiedenen Schubladen, Fächern, Fläschchen und anderen Utensilien. Selbstverständlich gab es auch eine Waschgelegenheit.
„Das ist unser Behandlungsraum“, erklärte der Doktor. „Wir nutzen ihn vor allem für die mobilen Patienten. In den Schränken lagern die gefährlichen Medikamente und Opiate. Darum ist in der Regel abgeschlossen.“ Mein Urahn deutete auf das Waschbecken in der Ecke. „Wenn Sie sich ungestört frisch machen wollen…. Ich muss kurz ein paar Dinge mit Schwester Inge besprechen. Saubere Handtücher befinden sich im Regal daneben.“ Damit ließ er uns, ohne auf eine Antwort zu warten, allein.
Marie nahm das Angebot dankbar in Anspruch, wenngleich sie nur eine Katzenwäsche an sich und ihrer Kleidung vollzog. Trotzdem fühlte ich mich danach besser.
Als es einige Minuten später klopfte und mein hypothetischer Ur-Uropa erneut das Zimmer betrat, hatte ich sogar Zeit gehabt, mich umzuschauen. Ich fand es sehr interessant, wie überschaubar dieser Behandlungsraum ausgestattet war. Natürlich gab es so gut wie keine technischen Geräte. Dafür Verbandsmaterial, ein paar Flaschen mit Arznei, Spritzen, diverse Untersuchungsinstrumente, deren Funktionsweise ich bestenfalls erraten konnte, Tücher und Salben. Das wenigste davon sah vertrauenerweckend aus. Die dicken Kanülen der Glasspritzen hinterließen bei mir eine Gänsehaut. Zudem wurde alles garantiert bloß oberflächlich gereinigt und anschließend wiederverwendet. Sterilisation und Einmalartikel waren damals noch Fremdworte. Bestimmt hockten die Bakterien hier dicht auf dicht. Ich besaß folglich keinerlei Interesse, in näheren Kontakt mit dem Inventar zu geraten. Warum waren wir überhaupt hier?
Doktor Langholz ließ uns nicht lange im Unklaren. „Wenn Sie so weit sind, dürfen Sie auf dem Untersuchungsbett Platz nehmen. Ich würde gern Ihr körperliches Befinden überprüfen.“
Er wollte Marie untersuchen? Dann waren Schwester Johannas Worte also keine Formalität gewesen? Wie lief so eine Eignungs-Kontrolle damals ab? Hoffentlich brauchte es keine Blutabnahme!
Meine Ur-Uroma ignorierte den ärztlichen Wunsch erstmal, blieb hartnäckig an ihrem Platz stehen und erwiderte: „Ich bin gesund.“
„Davon gehe ich aus. Nichtsdestotrotz sollte ich mich dessen vergewissern. Setzen Sie sich, bitte.“ Seine Hand wies ihr unmissverständlich den Weg.
Nach einer derart klaren Aufforderung blieb Marie nichts Anderes übrig, als seiner Bitte Folge zu leisten. Ärzte waren damals Halbgötter in Weiß.
Der Doktor zündete das Licht oberhalb der Behandlungsliege an, nahm auf einem der Stühle Platz und befand sich dadurch auf Augenhöhe mit uns, keinen Meter entfernt. Dies erhöhte Maries Leidensdruck spürbar. Von Anziehungskraft konnte im Moment keine Rede sein.
„Ich habe so gut wie nie einen Katarr oder Fieber und wasche mir immer gründlich die Hände, wenn ich mit Patienten zu tun habe“, versuchte sie die Sache abzukürzen.
Er nickte beiläufig, beobachtete uns dabei aber unverwandt.
„Und ich spreche alles, was ich hier mache, mit den Schwestern ab und berichte hinterher.“
In die markant blauen Augen schlich sich ein schwer zu deutender Ausdruck. „Das ist löblich und es gibt von meiner Seite keinerlei Zweifel, dass Sie Ihre Arbeit sehr gewissenhaft verrichten, Fräulein Reichenbach. Danke übrigens, dass Sie mich eben derart tatkräftig unterstützt haben. Ich wollte mich vorhin nicht über Sie lustig machen. Mir ist bewusst, dass die Situation für Sie alles andere als spaßig war.“
„Eigentlich bin ich den Umgang mit Schwachsinnigen ja gewohnt“, wiegelte Marie sofort ab. „Müssen Sie sonst etwas von mir wissen?“ Sie schaute auffällig zur Tür, vermutlich um zu signalisieren, dass sie dieses Gespräch gern beenden wolle.
Nach ein paar Sekunden Stille sagte er völlig unvermittelt: „Ja, wäre es möglich, dass Sie schwanger sind?“
Mir setzte das Gehirn aus. Was sollte das heißen? Marie blieb äquivalent dazu der Mund offenstehen. Ich spürte, wie die Hitze in ihr regelrecht hochschoss. Hatte ich in meinem Traum ein paar wesentliche Szenen verpasst?
Meine Ur-Uroma offensichtlich ebenso. „Wie kommen Sie zu einer derartigen Annahme?“, erkundigte sie sich steif.
„Schwester Johanna hat mir von Ihrem Onkel erzählt. Es ist schlimm, wenn einem solche Dinge widerfahren. Ich verstehe, dass Sie von Ihren Verwandten wegmöchten. Eine Schwangerschaft würde jedoch mit Ihrer Bewerbung als Diakonisse kollidieren. Das verstehen Sie sicherlich“, versuchte er zu erläutern.
Ein eisernes Band schien sich um meine Brust zu legen. Mir fehlten in der Tat zentrale Teile der Geschichte. War es etwa nicht bei dem mir bekannten Übergriff geblieben? Wenn Marie mit jemandem darüber gesprochen hatte, klang die Sache keinesfalls mehr harmlos. Oder was gab es sonst für einen Grund, warum man einen Ehegatten für die Nichte suchen wollte? Wahrscheinlich sollte dadurch ein Skandal vertuscht werden. Mir wurde innerlich heiß und kalt.
Maries Stimme klang zittrig, als sie „Ich ho… hoffe und bete, dass ich kein Kind bekomme“, stammelte.
„Das heißt, Sie haben Zweifel“, stellte der Doktor klar.
Statt einer Antwort schaute sie betreten zu Boden.
Einerseits wünschte ich meiner Doppelgängerin, dass dieses peinliche Kreuz-Verhör bald endete, andererseits wäre es gut, Gewissheit zu bekommen. Ich hatte plötzlich das Familienbild vor Augen. Mir war bereits beim ersten Anschauen aufgefallen, dass der älteste Sohn etwas aus dem Raster fiel. Er sah weder Marie noch Samuel richtig ähnlich. Bisher hatte ich mir nichts weiter dabei gedacht, doch nun tat sich mir fast wie von selbst eine grausame Szenerie auf und spulte mehr oder weniger im Zeitraffer ab. Dies wäre zumindest ein plausibler Grund, warum Marie ihren Berufswunsch nicht weiterverfolgen konnte. Aber warum hatte Doktor Langholz sie dann geheiratet? Aus Mitgefühl und in dem Wissen, dass eine ledige Schwangere von aller Welt geächtet würde? Alleinerziehende Mütter standen damals bestimmt nicht hoch im Kurs. Nach einer Vergewaltigung durch den Onkel konnte ich sogar nachvollziehen, warum Marie in der Hochzeitsnacht eher zurückhaltend agiert hatte. War das der Grund gewesen, warum sie ein dunkles Brautkleid hatte tragen müssen? Weil das weiße Kleid, jungfräulichen Bräuten vorbehalten blieb.
„Wann war Ihre letzte Blutung?“
„Vor knapp sechs Wochen“, brachte meine arme Ur-Uroma mühsam heraus.
Na gut, damit bestand wenigstens noch eine klitzekleine Hoffnung. Die Periode kann sich, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, bei Stress auch mal verspäten.
„Haben Sie irgendwelche körperlichen Beschwerden, von Ihren wiederkehrenden Monatsschmerzen abgesehen? Übelkeit, Kopfdruck, Schwindel, Darmwinde…“
Marie sparte sich eine Entgegnung und schüttelte nur den Kopf.
„Gut. Sind Sie einverstanden, wenn ich Sie untersuche? Im Anschluss kann ich Ihnen mehr sagen. Wir holen selbstverständlich Schwester Johanna hinzu.“
„Ich denke, d… das ist unnötig“, stotterte Marie. Als sie jedoch seinen befremdeten Gesichtsausdruck angesichts ihrer prompten Ablehnung bemerkte, ergänzte sie: „Also ich meine, dass Schwester Johanna kommt. Sie hat um diese Zeit immer eine Menge zu erledigen und kann schwerlich von ihren Patientinnen weg.“
Insgeheim wunderte es mich, wie ergeben meine Ahnfrau in eine gynäkologische Untersuchung einwilligte. Ich hätte mit mehr Widerstand und Schamhaftigkeit von ihrer Seite gerechnet.
Dies schien ihr künftiger Bräutigam genauso zu sehen, denn jetzt wirkte er noch irritierter, zögerte sogar, sagte aber schließlich: „Das entspricht zwar nicht den Gepflogenheiten, doch, wenn es Ihnen so lieber ist, werde ich in Ihrem Falle eine Ausnahme machen.“
Marie atmete zittrig durch und fragte: „Wie lange wird das ganze dauern? Ich sollte eigentlich nach Hause.“
Diese Aussage kam mir angesichts der zurückliegenden Geschehnisse beinahe zynisch vor, allerdings blieb ihr vermutlich keine Wahl. Sie war ihren Verwandten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
„Nur wenige Minuten. Falls der Befund aber Abweichungen von der Norm aufweist, müssen Sie zur speziellen Diagnostik in der Frauenklinik vorstellig werden. Haben Sie bereits Erfahrung mit dieser Form der Untersuchung?“
Ich schluckte insgeheim, weil ich tatsächlich damit aufwarten konnte und daher kein Interesse besaß, diese Erinnerung aufzufrischen, schon gar nicht durch die Hand meines eigenen Ur-Urgroßvater. Mona hat mich vor einem Jahr mal zu ihrer Gynäkologin geschleppt, da Vorsorge wichtig sei und frau, wenn die eigene Mutter mit Mitte Fünfzig an Unterleibskrebs verstirbt, nicht vorsichtig genug sein könne.
„Ich war nie zuvor bei einem Arzt“, hörte ich Marie sagen.
Eine 18- jährige, die keinerlei Arztbesuche vorweisen konnte? Sowas wäre in Deutschland heutzutage undenkbar. Kinder und Jugendliche durchlaufen ein komplettes Vorsorge-Raster.
„Dann erkläre ich Ihnen, wie das Ganze von statten geht. Sie können Ihr Kleid anlassen. Es genügt, wenn Sie sich zurücklegen und den Unterleib freimachen. Das ist nötig, damit ich diesen Bereich bei Ihnen gezielt abtasten kann.“
Erst jetzt fiel bei Marie der Groschen. Gleichzeitig schlug das Entsetzen erbarmungslos zu. „Sie wollen, dass ich…“, versuchte sie zu sagen. Dann schnappte ihre Stimme über und brach.
„Es ist beim ersten Mal vielleicht etwas ungewohnt, aber keine Bange, Sie werden außer einem leichten Druck kaum etwas spüren“, versuchte er sie zu beruhigen.
Marie setzte mehrmals an. Endlich kam ein krächzendes „Das geht nicht“ heraus.
Bevor Doktor Langholz überlegen konnte, wie er jetzt reagieren sollte, war sie von der Liege gesprungen und aus dem Raum gestürmt.
Wir rannten, als ob der Teufel persönlich hinter uns her wäre. Marie stürzte vor Hast beinah die Treppe des Schwachsinnigen-Heims hinunter. Plötzlich leuchtete ihr jemand ins Gesicht. Das Licht gehörte zu einem Handy und hinter diesem klebte… Mona. „Hey, ganz ruhig. Niemand tut dir was. Vor wem oder was bist du auf der Flucht?“
Es brauchte Minuten, bis sich mein Herzschlag beruhigt hatte und meine Gehirnwindungen sich langsam entkrampften. Maries schockiertes Begreifen hockte mir fest im Nacken. Eins war klar: Meine Urahnin saß wacker in der Tinte. Vom Onkel unter Umständen schwanger zu sein und sich vor demjenigen, der ihr helfen konnte, auf der Flucht zu befinden, waren insgesamt schlechte Voraussetzungen für eine glückliche Wendung der Ereignisse.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
