Kitabı oku: «Traum-Zeit», sayfa 4
„Famos. Wir sind heute ohnehin schlecht aufgestellt. Sie wird sehr erleichtert sein“, verabschiedete sich die junge Schwester und winkte uns herzlich zu.
Kurz darauf erschien eine alte Diakonisse mit einem weiteren Essenstablett und machte sich dran, die beiden anderen Frauen, die sich mit Sophie das Zimmer teilten, zu füttern. Die zwei lagen apathisch da und gaben nur ab und zu lallende Töne oder ein Stöhnen von sich. Das Haar hatte man ihnen kurzgeschoren und sie trugen leinene Kittel als Kleidung.
Nachdem Marie ihre Schwester ebenfalls gefüttert hatte, bewegte und massierte sie deren Gliedmaßen durch. Dies tat sie in meinen Augen äußerst geschickt.
Zum Schluss wurde Sophie gewickelt. „Ich weiß, dass du lieber auf den Nachtstuhl sitzen möchtest, aber es geht leider nicht. Dafür fehlt das Personal.“
Das Mädchen malte mit ungelenker Hand Zeichen in die Luft und stieß einige Laute aus, bei denen selbst ich als Laie merkte, dass sie keinesfalls lustig klangen.
„Ja, ich auch“, antwortete Marie. „Doch wir müssen dankbar sein, dass Onkel Konrad dieses Heim für dich bezahlt und ich jeden Mittag zu dir kommen darf. Wenn ich eine Möglichkeit finde, werde ich dafür sorgen, dass du wieder bei mir wohnen kannst. Das verspreche ich. In Ordnung?“
Sophie nickte zwar, aber in ihren Augen schimmerte es feucht.
Eine halbe Stunde später brachte Marie ihre Schwester nach draußen. Sie hatte sie zuerst huckepack die Treppe hinuntergetragen, im Schlepptau weitere agile Behinderte, die wie Fohlen um sie herumsprangen oder an ihrem Kleid zerrten. Ich wunderte mich, wie eine schmächtige Frau gleichzeitig so stark sein konnte. Es kostete sie scheinbar kaum Anstrengung, ihre menschliche Last in den altmodischen Rollstuhl mit hölzernen Rädern zu hieven und das sperrige Gefährt über die geschotterten Wege zu schieben.
Nach wenigen Metern gelangten wir zu einer Parkbank. Dort ließ man sich nieder, die Behinderten teilweise im kurzgemähten Gras sitzend. Marie las nun aus einer antiquarisch anmutenden Kinderbibel vor. Wiederum konnte ich die Schrift schwer entziffern, doch die Geschichte kannte ich. Sie handelte vom barmherzigen Samariter.
Zwei pomadisierte Herren in Anzügen und weißen Kitteln, vermutlich Ärzte, liefen an der Gruppe vorbei. Der eine beobachtete meine Doppelgängerin durch sein Monokel genauso unverhohlen wie es die Leute auf der Straße getan hatten. Marie tat jedoch, als bemerke sie dies nicht.
Sophie war mittlerweile auf ihrem Schoß platziert. Die übrigen Patientinnen wurden immer wieder am Arm oder Kopf berührt, persönlich mit Namen angesprochen oder bekamen geduldig erklärt, was sie wissen wollten.
Mich faszinierte, wie liebevoll, klug und ohne Vorbehalte Marie mit diesen fremdartigen Menschen umging. Obwohl ich selbst kaum etwas verstand, merkte ich, dass sie aus der Vielzahl von wirren, verwaschenen Äußerungen Sinn ableiten und mit jeder einzelnen Patientin auf der für sie passenden Ebene kommunizieren konnte.
Um drei Uhr mit dem Schlag der Kirchturmglocke endete die Vorlesestunde. Marie lieferte ihre Patiententruppe wieder auf Station ab. Beim Abschied weinte Sophie.
Im Haus der Verwandten wartete weitere Arbeit auf uns, die erst mit dem Anrichten des Abendessens und dem Aufräumen der Küche endete. Um 21 Uhr durfte Marie erschöpft Feierabend machen.
Josefine hatte sich währenddessen mit Freundinnen vergnügt und gelangweilt am Klavier falsche Töne produzierend die Stunden totgeschlagen. Nun plauderten Mutter und Tochter im warmen Salon und besaßen offensichtlich kein schlechtes Gewissen, die junge Verwandte derart hart für sich schuften zu lassen.
Im Herzen die soziale Ungerechtigkeit empfindend, kehrte ich mit Marie in ihre kalte, spartanische Dachkammer zurück. Ich kam mir schäbig vor, wegen meiner bequemen Lebensart, die aus einem technisierten Haushalt, Fertigprodukten und meinem vollklimatisierten Arbeitsplatz samt dem entsprechenden Einkommen bestand, das mir den Luxus der Eigenständigkeit ermöglichte.
Wir schliefen gemeinsam ein, nur durfte ich im Gegensatz zu Marie im Jahr 2016 erwachen.
Kapitel 6:
Am nächsten Morgen fuhr ich zum ersten Mal seit vier Jahren mit dem Rad zur Arbeit. Dies tat ich aus Solidarität zu Marie. Ich schämte mich anschließend für meinen ergonomisch geformten Bürostuhl, den höhenverstellbaren Tisch, das gute Kantine-Essen, für das ich keinen Finger krummzumachen brauchte und all die anderen Vergünstigungen und Annehmlichkeiten meiner Zeit, die ich bis gestern nie hinterfragt hatte.
Ich grüßte die Putzfrauen mit einem warmen Lächeln, als sie gegen Ende meiner Arbeitszeit ihren Dienst antraten und kniete in Gedanken an die vergangene Nacht mit schmerzenden Knien und gebeugtem Rücken auf den Boden, um das Parkett meines kleinen Wohn-Esszimmers auf Hochglanz zu polieren.
Auch zur Hausaufgabenhilfe in der Flüchtlingsunterkunft begab ich mit anderem Bewusstsein. Ich hatte den Job vor einem viertel Jahr wegen meiner minder ausgeprägten Fähigkeit, „nein“ zu sagen, übernommen und trat seither einmal wöchentlich mit mäßiger Begeisterung diesen sozialen Dienst an. An diesem Abend versuchte ich mein Bestes zu geben.
Manchmal besitze ich jedoch den Hang, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Bevor ich aus lauter schlechtem Gewissen einen Zweitjob im Dritte Welt Laden annahm, beschloss ich meine Oma zu besuchen.
Jede Fahrt mit meinem uralten, von meiner Mutter geerbten Opel gleicht einem Abenteuer und die siebzig Kilometer zum Pflegeheim stellen ein stetes Risiko dar. Der Mann von der TÜV-Prüfstelle hatte wohl Mitleid; anders kann ich es mir nicht erklären, warum ich vor einem halben Jahr noch einmal eine Plakette bekommen habe. Na gut, mein Onkel, der gelernter Automechaniker ist, hatte meine grüne Rostlaube vorher ein Wochenende lang in seine liebevolle Obhut genommen.
Die Leute vom Gesprächskreis nennen mein Gefährt Methusalem und haben mir empfohlen, grundsätzlich nur halbvoll zu tanken, um bei dem demnächst unvermeidlichen Liegenbleiben den Wertverlust zu minimieren. Entgegen aller Unkenrufe und Spötteleien hat er mich aber noch nie im Stich gelassen.
Methusalem und ich kamen auch diesmal ohne Zwischenfall an, obwohl das Gebläse ständig aussetzte, das Radio bereits seit Jahren nicht mehr funktioniert und ich deshalb jedes undefinierbare Motorengeräusch ungefiltert mitbekomme.
Nachdem ich ihn im Parkhaus abgestellt hatte und über die Brücke Richtung Pflegeheim schlenderte, meinte ich ein Déjà-vu zu haben. Natürlich nicht in der Art, dass ich glaubte, schon einmal hier gewesen zu sein, denn das war ich unzählig viele Male in den letzten Monaten. Nein, mir fiel Maries Besuch bei ihrer Schwester in der Diakonissenanstalt ein. Etwas an dieser Umgebung erinnerte mich daran. Es sah ähnlich aus wie in meinem Traum, nur, dass dort alles altmodischer gewirkt hatte. Einige der Gebäude glichen von der Form und Größe auffällig meiner Wahrnehmung aus Maries Augen. Obwohl im Laufe des Jahrhunderts natürlich einige neue, wesentlich funktionalere hinzugekommen waren, wie das überdimensionale Parkhaus zum Beispiel. Vor hundert Jahren hatte es hier bloß einen Droschken-Unterstellplatz gebraucht.
Ich erreichte die Pforte des Pflegeheims und schaute nach oben. Von einer Sekunde zur nächsten zog Gänsehaut über meinen Körper. Dort stand in großen Lettern „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Der Spruch war nicht nur derselbe wie in meinem Traum, die Buchstaben glichen sich auch verdächtig. Ich befand mich vor der Schwachsinnigen- und Krüppelanstalt, modernisiert zwar und der heutigen Zeit angepasst, jedoch unverkennbar.
Eigentlich sollte mich das nicht weiter erschüttern, denn in Träumen schafft man es oft, bekannte Dinge zu kombinieren und in andere, bislang unvertraute Zusammenhänge zu bringen. Ich habe beispielsweise schon Leute miteinander verheiratet, die nicht einmal von der Existenz des anderen wussten. Ganz zu schweigen davon, dass bei mir nachts regelmäßig Mitmenschen sterben, um am nächsten Tag wieder putzmunter am Arbeitsplatz zu erscheinen.
Was mich an meiner neuen Art zu träumen vielmehr erschreckte, war das System, das sich dahinter zu verbergen schien. Ich meinte, mitten in eine sehr real wirkende Geschichte geraten zu sein, die sich mir Stück für Stück zu enthüllen begann.
Um meine Gänsehaut mit einer Portion Realismus zu glätten, sprach ich die diakonische Schwester an, die an der Pforte Dienst schob. Echte Diakonissen gibt es hier nur noch vereinzelt. Ich wollte von ihr wissen, ob dies schon immer ein Altenheim gewesen sei.
„Oh, nein“, erwiderte die Pförtnerin freundlich. „Bis zum zweiten Weltkrieg wurden hier geistig und körperlich behinderte Menschen betreut. Während des Nationalsozialismus hat man diese aber wie andernorts auch in spezielle Lager deportiert. Einige von den Diakonissen haben sich damals diesem Transport aus Protest angeschlossen. Im Krieg wurde das Haus dann als Lazarett für verwundete Soldaten umfunktioniert. Als Alten- und Pflegeheim wird es erst seit knapp fünfzig Jahren genutzt.“
Ich versuchte interessiert zu nicken, während mein Gehirn nach einer plausiblen Erklärung suchte, woher ich dies gewusst haben konnte.
„Anlässlich des 150- jährigen Jubiläums unserer Diakonissenanstalt wurde eine Festschrift mit alten Bildern herausgebracht. Da ist eine Fotografie drin, die das Heim im ursprünglichen Zustand zeigt. Ich habe einige Exemplare hier. Möchten Sie eins?“
„Gern.“
Die Schwester reichte mir den Prospekt über den modernen Empfangstresen, der sogar einen Computer beherbergte und schlug die entsprechende Seite gleich auf.
Es war das Haus aus meinem Traum. Und nicht genug, in geschwungenem Bogen stand über dem bekannten Bibelspruch: Schwachsinnigen- und Krüppelanstalt. Außerdem befanden sich ein paar Diakonissen in ordentlicher Aufstellung neben dem Eingang und ich hätte schwören können, dass eine davon Stationsschwester Inge und die dritte von links oben Schwester Johanna war.
Mein Gehirn kam zu dem Ergebnis, dass ich diesen Prospekt kennen musste, obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern konnte. Eventuell hatte meine Oma ihn mir einmal gezeigt oder er war im Pflegeheim rumgelegen. Doch wie hatte ich es geschafft, mir alles derart genau einzuprägen, dass ich Monate später detailliert davon träumen konnte?
Meine wirren Gedanken erst einmal von mir schüttelnd, begab ich mich ins alte, ehrwürdige Treppenhaus. Es strahlt Behaglichkeit aus, die meiner Meinung nach von dem warmen Holz der Stufen und dem geschwungenen Geländer stammten. Im Gegensatz zu meinem Traum roch es dort jetzt angenehm nach Bohnerwachs und einem blumigen Reinigungsmittel. Die ausgetretenen Stufen glänzten honigfarben. Sie und der Handlauf wirkten, als wären sie sorgsam restauriert worden. Nur die seitlichen Streben sahen nach originaler, dunklerer Patina aus und wiesen an manchen Stellen tiefe Einkerbungen in den Schnitzereien auf. Ich strich vorsichtig mit der Hand darüber und überlegte, ob meine Traum-Marie wohl einmal am selben Platz gestanden haben mochte?
Mittlerweile ist nebendran ein behindertengerechter Fahrstuhl eingebaut worden, den die meisten Besucher vorzugsweise nutzen. Ich stieg jedoch, wie Marie, Stufe für Stufe in den zweiten Stock.
Dort erinnerte nichts mehr an früher. Die knarzenden Holzdielen waren einem pflegeleichten Bodenbelag gewichen und selbst die Raumaufteilung wirkte verändert. Durch die sich automatisch öffnende Schiebetür betrat ich den hellen Aufenthaltsbereich.
Oma befand sich heute in keiner guten Verfassung. Sie steuerte in einem ziemlich abenteuerlichen Outfit auf mich zu. Es bestand aus einer geblümten, rosa Bluse kombiniert mit einem roten knielangen Rock im Schottenmuster und grünen Filzpantoffeln. Zusätzlich hatte sie sich neonfarbene Haarspangen mit Schmetterlingsdekor ins dauergewellte graue Haar gesteckt. Klein und etwas pummelig wie sie war, ähnelte sie in dieser Aufmachung eher einer aufmüpfigen Gartenzwergin als einer betagten Seniorin.
Im Eilschritt durchquerte sie den Raum, so dass ich Mühe hatte, Schritt mit ihr zu halten. Sie fürchtete sich offenbar vor etwas. „Du musst aufpassen, Marie“, warnte sie mich und drehte sich die ganze Zeit um, als würde jemand auf uns lauern.
Ich hieß also erneut Marie, zumindest für den Moment. Wieso wählte meine Großmutter ausgerechnet diesen Namen? Vielleicht konnte ich das herausbekommen.
„Das mache ich“, versuchte ich sie erst mal zu beruhigen. Das Pflegepersonal hat mir erklärt, dass man demente Menschen am besten in ihrer Welt belässt und nicht versucht, sie für die Realität zu gewinnen. Einem Patienten beispielsweise zu erklären, dass seine geliebte Mutter seit einem halben Jahrhundert tot ist, hätte denjenigen mit Sicherheit in eine Krise gestürzt.
„Dein Onkel und deine Tante sind keine guten Menschen“, flüsterte Oma mir ins Ohr und blickte immer noch höchst besorgt drein.
Leider besaß ich keinen blassen Schimmer, ob ich für sie weiterhin Marie war oder mich wundersamer Weise in Enkeltochter Ronja zurück verwandelt hatte. Im letzteren Fall hätte sie gerade ihre eigene Tochter und den Schwiegersohn diffamiert. Falls erstere gemeint wären, konnte ich dies, dank meines Traumes von neulich, sogar nachvollziehen. Weder Onkel Konrad noch Tante Klara hatten sympathisch gewirkt. Zu etwas waren meine nächtlichen Ausflüge also gut. Ich schaffte es, besser bei den konfusen Äußerungen meiner Oma mitzuhalten.
Auf einmal kam mir eine Idee. Unter Umständen redeten wir ja von derselben Marie. Falls diese eine real existierende, wenn mittlerweile auch historische Person war, konnte mir meine Großmutter eventuell Auskünfte über sie geben. Verrückte Antworten auf verrückte Träume. Das dürfte ganz gut zusammenpassen. Ich musste meine Fragen nur sinnvoll verpacken. In mir begann detektivischer Spürsinn zu erwachen. „Weißt du zufällig etwas von Sophie?“, stieg ich betont harmlos ein.
„Sie ist tot. Das solltest du doch wissen. Du hast sie schließlich selbst im Bett gefunden“, kam es prompt zurück. Dabei funkelte sie mich entrüstet an.
Weil meine Großmutter seit langem keine Rücksicht mehr auf Jahreszahlen nimmt und theoretisch auch einen Spontantrip in die Gegenwart gemacht haben könnte, wusste ich leider nicht viel mehr. „Und wer ist Christine?“ Der Name war in der Hochzeitsnacht ebenso gefallen. Mein Fast-Bräutigam hatte versprochen, ihr ein verständnisvoller Vater zu sein.
„Stell keine derart dummen Fragen“, wurde ich daraufhin gemaßregelt. „Ihr denkt, ich kann mir nichts merken, aber ich weiß noch alles.“
Manchmal hat meine Oma kurze Anwandlungen von Selbsterkenntnis. Dies sind die schlimmen Phasen ihrer Krankheit, denn dann begreift sie, dass sie dement ist. Und das lässt sie an sich selbst zweifeln. Heute flackerte dieses Wissen jedoch nur für wenige Sekunden auf. Ihr Ärger fiel von einer Minute zur anderen in sich zusammen. Sie strich mir tröstend über den Arm. „Dein Samuel fehlt dir sicher ganz schrecklich, Großmama.“
Großmama?!! Ich schluckte hart. Sie hielt mich für ihre Großmutter?! Das konnte ich kaum als Kompliment auffassen. Ich fühlte mich im Rekord-Tempo altern. Zudem lag mir auf der Zunge „Welcher Samuel?“ zu fragen. Doch das schluckte ich ebenfalls hinunter und überlegte lieber. Hatte Omas Großvater, also mein Ur-Urgroßvater Samuel geheißen? Oder gab es einen anderen Verwandten mit diesem Namen? Leider waren meine bisherigen Ahnenforschungen bei meiner Großmutter steckengeblieben, was sich nun böse rächte. Ein kleiner Familienstammbaum wäre gerade überaus hilfreich. Wenn ich an profunde Informationen kommen wollte, musste ich es cleverer anfangen.
Ich probierte es mit der halbwegs unverbindlichen Aussage: „Samuel ist ein guter Mann.“
„Allerdings. Du kannst froh sein, dass er dich trotz deiner vielen Marotten genommen hat. Können wir jetzt zu Sabine? Da wohne ich nämlich, weil man mich nicht allein zuhause bleiben lässt. Sabine ist meine Tochter. Und wer bist du?“
„Ich bin Ronja, deine Enkelin“, versuchte ich mutig zu vermitteln, die Chance nützend, dass sie sich mir zeitlich etwas anglich.
Meine Großmutter blinzelte erstaunt. „Ach, habe ich Enkelkinder? Sabine ist doch ein kleines Mädchen und Frank hat erst letzte Woche seine Lehre abgebrochen.“
„Ich bin Franks Tochter.“
„Unsinn. Frank hat nicht mal eine Freundin und wenn er so weitermacht, bekommt er auch keine“, seufzte sie und wirkte einen Moment lang tieftraurig.
Bevor ich etwas entgegnen konnte, holte uns eine der Schwestern zum Abendessen. An ein weitergehendes Gespräch war die nächste Stunde nicht zu denken. Im Anschluss ging Oma schlafen.
Ich reiste mit ein paar Antworten im Gepäck und wesentlich mehr Rätseln nach Hause.
Den Prospekt vom Jubiläum der Diakonissenanstalt las ich vor dem zu Bett gehen in einem Schwung durch, schaute mir alle Bilder genau an und legte ihn offen auf den Nachttisch neben mich, das Foto von Sophies Pflegeheim aufgeschlagen.
Zu meiner eigenen Überraschung funktionierte es. Ich schlief ein und erwachte in meinem zweiten, bessergesagt in Maries Leben.
Kapitel 7:
Weil eine Grippe unter den Insassen und einem Teil des Personals grassierte, bot Marie an, die beiden Frauen im Zimmer ihrer Schwester mitzuversorgen. Die nächsten Stunden pendelte sie deshalb zwischen den Betten hin und her. Gretel, die ihre Schlafstätte direkt neben Sophie hatte, musste zudem gewickelt und umgekleidet werden.
Es macht echt keinen Spaß, einer erwachsenen Frau die schmutzige Windel zu wechseln. Vor allem, wenn die Geruchsorgane im Traum voll funktionsfähig sind. Am liebsten hätte ich diese Szene übersprungen. Doch Marie störte es nicht. Sie besaß, wie es den Anschein machte, Routine.
Dennoch mühte sie sich spürbar ab, der behinderten Patientin im Anschluss ein frisches Leinenhemd überzuziehen. Gretel wirkte keineswegs kooperativ und war zudem deutlich schwerer als sie.
Auf dem Gipfel ihrer kämpferischen Mühsal betrat ein Besucher das Krankenzimmer. Marie blickte auf und mich überflutete ohne jegliche Vorwarnung eine gewaltige Hitzewoge. Da stand er: Groß, blond und mit leuchtend blauen Augen. Ich erkannte ihn auf Anhieb wieder, obwohl er bei unserer letzten Begegnung seine Haare deutlich kürzer getragen hatte. Dennoch gab es keinerlei Zweifel, dies war ihr Ehemann.
Allerdings schien ihn Marie, im Gegensatz zu mir, nicht zu kennen, was mich vermuten ließ, dass wir erneut in der Zeit zurückgerutscht sein mussten. War dies etwa das erste Zusammentreffen meiner Ur-Urgroßeltern?
Samuel, oder wie auch immer ihr künftiger Bräutigam hieß, schritt ohne zu zögern ans Krankenbett und meinte: „Ich helfe Ihnen. Zu zweit geht es leichter.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, packte er geschickt mit an.
Marie wirkte merklich verunsichert, schwieg aber und hielt den Blick gesenkt. Erst als Gretel fertig angekleidet und wieder friedfertig in ihrem Bett lag, bedankte sie sich höflich und begab sich in die Ecke des Raumes, um sich zu waschen.
Ihr Zukünftiger trat neben sie und tauchte seine Hände ebenfalls in die blecherne Schüssel.
Mich überkam urplötzlich das Bedürfnis ihn anzufassen, um mich zu vergewissern, dass dies kein Wunschtraum war. Natürlich funktionierte das nicht, weil ich ja in Maries Körper feststeckte und diese ihm scheinbar lieber aus dem Weg ging. Zumindest schaute sie konsequent in eine andere Richtung und achtete darauf, dass sich ihre Hände nicht versehentlich berühren konnten.
Nebenbei begriff ich, dass Hygiene damals aus einer Schüssel kalten Wassers und einem Stück Seife bestand. Alle wuschen sich in derselben trüben Brühe die Hände, bis man den Inhalt wegleerte und neu befüllte. Kein Wunder, dass damals schlimme Krankheiten im großen Stil übertragen wurden.
„Sie sind Sophies Schwester, nicht wahr?“ erkundigte sich mein Traum-Mann, während er sorgsam seine Hände abtrocknete und dann Marie das Handtuch reichte.
„Woher wissen Sie das?“ Meine Ur-Urgroßmutter in spe machte immer noch einen auf misstrauisch.
„Von Ihrer Schwester natürlich.“ Er zwinkerte der Besagten zu.
Sophie strahlte ihn unübersehbar an und nicht nur Marie stand vor einem Rätsel. Es wirkte, als ob die Kleine ihn tatsächlich kennen würde.
Bevor wir näher darüber nachgrübeln konnten, stürmte Johanna mit wehender Schürze und geröteten Wangen ins Zimmer. Sie deutete die Situation auf Anhieb richtig. Verlegen murmelte sie: „Oh, du hast Gretel bereits gewickelt und umgezogen.“ Als nächstes schaute sie zu dem Besucher und sagte ohne sonderliches Erstaunen: „Schön, dass Sie schon da sind, Herr Doktor. Wir haben Sie erst gegen Abend erwartet.“
Marie erstarrte wie vom Donner gerührt und mich verblüffte die Nachricht ebenso. Mein Vorfahre war Arzt? Bei unserer ersten Begegnung hätte ich ihn eher für einen Waldarbeiter gehalten, wegen seiner Statur und dem Geruch, der irgendwie an frisch gesägtes Holz erinnert hatte. Warum trug er dann keinen weißen Kittel? Auch wirkte er noch sehr jung, kaum älter als ich.
„Die Zwillingsgeburt verlief Gott sei Dank unkomplizierter als befürchtet“, berichtete er der Krankenpflegerin. „Da man mich, falls kein Notfall dazwischenkommt, erst wieder zur Spätvisite drüben in der Frauenklinik erwartet, habe ich beschlossen, mich in der Zwischenzeit hier nützlich zu machen. Arbeit scheint es ja, wie mir dünkt, genug zu geben.“
Ich atmete gleich mehrmals tief durch. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Ärzte einzuwenden. Aber wieso musste er ausgerechnet Frauenarzt sein? Oder gab es damals keine klassischen Spezifizierungen und man behandelte als Mediziner einfach alles, was einem unter die Finger geriet? Dass er sich im Behindertenbereich einbrachte, sprach wohl für meine Theorie.
Vor lauter Überlegungen hätte ich beinahe einen Teil des Gesprächs verpasst.
An Marie gerichtet, fuhr der Doktor fort: „Ich heiße Langholz und bin seit einem Monat für die medizinische Betreuung dieses Heimes mitverantwortlich. Letzte Woche musste ich feststellen, dass Ihre Schwester von einem Atemwegskatharr befallen ist. Sie bekam ein paar Tage lang morgens und abends ein spezielles Präparat dagegen. Wenn Sie gestatten, möchte ich nun den Heilungsfortschritt überprüfen.“
War die Kleine etwa krank? Sie hüstelte zwar vor sich hin, doch es klang nicht bedrohlich.
Meine Vorfahrin nickte. „Selbstverständlich. Sophie ist leider sehr anfällig gegen Krankheiten jeglicher Art.“
Wir entdeckten zeitgleich die Tasche, die neben der Tür abgestellt worden war. Aus dieser holte der Arzt jetzt ein eigenartiges Gerät. Vorne gab es eine Art Trichter, der in ein langes Holzstück überging, das innen hohl schien. Dies musste ein urtümliches Stethoskop sein.
„Sie brauchen mir nicht zu assistieren, Schwester Johanna. Das kann Fräulein Reichenbach übernehmen. Dank Ihnen kennt sie sich zweifellos bestens mit der Materie aus.“ Er blinzelte der jungen Pflegerin verschwörerisch zu.
Erst jetzt fiel mir auf, dass deren weiße Haube gegen eine dunkle eingetauscht worden war. Solche standen nur echten Diakonissen zu und unterschieden diese von den normalen Pflegekräften. Johanna hatte also inzwischen ihren Eid abgelegt und wurde nun offiziell als Schwester tituliert. Allerdings würde keine wie auch immer geartete Kopfbedeckung ihren rebellischen Haarknoten vor der Auflösung retten können.
Nachdem Schwester Johanna fluchtartig den Raum verlassen hatte, räusperte er sich und sagte zu Sophie gewandt: „So, junge Dame. Schauen wir mal, ob der Hustensaft seinen Dienst verrichtet hat. Das mit dem Abhorchen kennst du ja. Deine Schwester wird dir jetzt das Hemd öffnen.“ Auffordernd schweiften die Augen des Doktors in unsere Richtung, bevor er sich aufs Krankenbett setzte, um mit zwei Fingern nach dem Handgelenk der Patientin zu tasten. Widerspruch oder Arbeitsverweigerung standen offenbar nicht zur Debatte.
Marie begann gehorsam die Knöpfe des Kittels aufzumachen, bis er „Das genügt, danke“ sagte.
Behutsam drückte der Doktor das Hörrohr nun auf die kindliche Brust. Den Kopf schieflegend, schob er sich das andere Ende des Trichters ans Ohr. „Versuche mal zu husten.“
Die kleine Patientin strengte sich an und brachte etwas Hustenähnliches zustande. „Das hört sich schon viel besser an. Als nächstes kommt dein Herz dran.“ Er verrückte das Rohr etwas und lauschte wiederum mit ernstem Gesichtsausdruck.
Marie und ich bekamen unterdessen Gelegenheit, Doktor Langholz zu beobachten. Er sah auch bei Tageslicht betrachtet recht attraktiv aus, von seiner bleichen Haut und der altmodischen Frisur einmal abgesehen. Für einen Mann besaß er ausgesprochen schöne Hände. Außerdem gefiel mir sein dominantes Kinn, welches von einem kleinen Grübchen abgemildert wurde. Und sein Mund war der absolute Hammer, entschlossen und doch sensibel. Ich musste unwillkürlich an unseren nächtlichen Kuss denken, was zur Folge hatte, dass sich ein sehnsüchtiges Kribbeln in mir breitmachte. Gleichzeitig kaute ich hart an der Erkenntnis, neulich mit einem Gynäkologen das Bett geteilt zu haben, zumindest mental und im Traum.
"Möchtest du auch mal horchen?“
Schuldbewusst zuckte ich aus meinen unlauteren Gedanken hoch und sah die Kleine eifrig bejahen.
„Gut, dazu bräuchten wir aber eine Patientin.“ suchend schaute er sich im Raum um, bis sein Blick bei uns hängen blieb. „Wie wäre es mit deiner Schwester?“, meinte er dann, als wäre ihm die Idee gerade erst eingefallen.
Sophies bernsteinfarbene Augen leuchteten vor Begeisterung. Marie dagegen gab sich keine Mühe, motiviert zu wirken.
Das störte den Doktor nicht im Geringsten. Er nahm den Trichter von Sophies Brust und reichte ihn über das Bett. „Lassen Sie mal sehen, ob Schwester Johannas Lehrbücher bei Ihnen Früchte getragen haben. Setzen Sie das Hörrohr bitte auf Ihr Herz. Sie dürfen das Kleid dafür ausnahmsweise geschlossen lassen.“
Marie hielt das Untersuchungsinstrument unschlüssig in der Hand und brachte vor lauter Verblüffung erst einmal kein Wort heraus. Endlich stammelte sie: „W… Woher wissen Sie…?“
„Dass Sie medizinische Studien betreiben? Oh, es gibt in einem Krankenhaus deutlich weniger Geheimnisse als man landläufig denkt. Spannender fände ich zu wissen, warum Sie sich überhaupt für dieses Thema interessieren?“
„Ich möchte Diakonisse werden. So wie Schwester Johanna“, gestand Marie.
Wie bitte? Hatte ich mich verhört? Was sagte sie da? Wie kam sie denn auf so eine verrückte Idee?
„Das scheint mir ein recht ungewöhnlicher Wunsch für jemanden in Ihrem Alter zu sein. Den meisten jungen Frauen steht der Sinn doch eher nach Heiraten und eine Familie gründen“, argumentierte der Doktor. Natürlich, schließlich wollte er sie ja, wenn man meinen Träumen Glauben schenken durfte, demnächst zu seiner Frau machen.
Allerdings stand er mit diesem Wunsch vorerst alleine da. „Mein Ziel ist es, einen Beruf zu erlernen.“ Meine Ur-Uroma straffte bei dem Wort „Beruf“ unwillkürlich die Schultern und schob ihr Kinn vor. Dadurch versuchte sie offenbar ihrer schmächtigen Gestalt etwas mehr Würde und dieser revolutionären Idee einen gewissen Nachdruck zu verleihen.
Ihr Gesprächspartner quittierte dies mit einem Schmunzeln. Vielleicht täuschte ich mich aber auch, denn er kratzte sich sogleich, als jucke ihn der verdächtige Mundwinkel. „Und wenn es Sie irgendwann reut?“, gab er nach einer knappen Pause zu bedenken. „Diakonisse zu werden, stellt eine lebenslange Entscheidung dar.“ Er studierte bei diesen Worten Maries Gesichtszüge, als könne er darin die Ernsthaftigkeit ihrer Gesinnung ablesen.
Obwohl es meine Ur-Uroma merklich Mühe kostete, seinem durchdringenden Blick standzuhalten, nahm sie die Herausforderung an und schaute nicht weg. Ihre Stimme klang sogar forsch, als sie: „Das weiß ich, Herr Doktor“ erwiderte. „Es ist keine Marotte, da bin ich mir sicher. Ich habe es seit drei Jahren als Herzenswunsch und glaube nicht, dass sich in Zukunft an meiner Gesinnung etwas ändern wird. Ich bin der Überzeugung, dass ich die Ausbildung schaffen kann. Dazuhin wäre ich auf diese Weise in der Nähe meiner Schwester.“ Die Argumente waren, im Gegensatz zu ihrer sonstigen Schweigsamkeit, förmlich aus ihr herausgeplatzt.
Die Mimik ihres Gesprächspartners wirkte, als ob er einiges darauf zu entgegnen wüsste. Er unterließ es jedoch und meinte nur: „Das ist freilich Ihre ganz persönliche Entscheidung, Fräulein Reichenbach... Falls Sie die Aufnahme-Voraussetzungen erfüllen, wird sich das Mutterhaus bestimmt freuen, eine weitere tüchtige Schwester zu bekommen. Und jetzt zeigen Sie mir bitte, was Sie gelernt haben.“
Ich hatte parallel genug Stoff zum Nachdenken. Meine Doppelgängerin und potentielle Ur-Urgroßmutter schien es ernst, mit ihrem Berufswunsch zu meinen. Wie kam es dann, dass sie doch heiratete? Es war äußerst dumm, dass mir aktuell eine Menge wichtiger Informationen fehlten.
Doktor Langholz überprüfte als erstes den korrekten Sitz des Abhörgerätes, indem er genauso aufmerksam Maries Herzschlag lauschte, wie er es zuvor bei ihrer Schwester getan hatte. Dann nickte er zustimmend, gab das Ende des Rohres an Sophie weiter und schob es dieser ans Ohr. Damit das starre Gerät gleichermaßen Maries Brust und das Ohr ihrer Schwester berühren konnte, musste sich Erstere weit über das Bett beugen.
„Hörst du dieses schnelle Klopfen?“, erkundigte sich der Arzt bei der Kleinen. „So klingt ein Herz, wenn jemand aufgeregt oder gar ein wenig verärgert ist.“
Das Mädchen stieß als Antwort ein paar unartikulierte Laute aus.
Obwohl der Doktor diese garantiert nicht zu übersetzen vermochte, zwinkerte er seiner Patientin belustigt zu. „Ansonsten würde ich sagen, deine Schwester macht einen ausgesprochen gesunden Eindruck, oder was denken Sie, Frau Kollegin?“
