Kitabı oku: «Geschichten aus dem Koffer», sayfa 5

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6. Dezember: Nicki und der Nikolaus (K)

Nicki lag im Bett und wälzte sich hin und her. Er konnte nicht schlafen. Wie sollte er auch, da in dieser Nacht der Nikolaus kommen sollte. Und den wollte er auf keinen Fall verpassen!

Er würde natürlich in seinem Zimmer bleiben, damit der Nikolaus ihn nicht bemerkte. Aber durch das Schlüsselloch könnte er ja gucken. Wenn er sich weit genug nach links stellte, konnte er gerade eben die Eingangstür erkennen. Das hatte er ausprobiert. Er wollte ja nichts dem Zufall überlassen. Den Vorhang, der den hinteren Flurteil, an dem sein Zimmer lag, vom vorderen Eingangsflur abtrennte, hatte er extra ein wenig zur Seite geschoben. Der war zwar auch vorher schon offen gewesen, hatte ihm aber ein klein wenig die Sicht versperrt.

Doch wann würde der Nikolaus kommen? Er lag doch schon so lange im Bett. Mama und Papa waren auch schon schlafen gegangen. Draußen erhellte nur noch das kleine Nachtlicht im Bad die Wohnung. Nicki seufzte. Das hatte er vorhin erst wieder überprüft. Und immer noch war vom Nikolaus nichts zu hören.

Wenn er wirklich so große und schwere Stiefel anhatte, wie man immer auf Bildern sehen konnte, müsste man ihn doch eigentlich gut hören können. Hätte er auch seinen Stab dabei? Und die Mitra auf? Nicki überlegte. Eigentlich wäre das doch unpraktisch, so viel mit sich rumzuschleppen. Und dass die Bischofsmütze wirklich wärmte, bezweifelte er auch. Vielleicht dürfte er für den nächtlichen Einsatz ja auch eine normale Mütze anziehen. Dann wäre ihm zumindest nicht ganz so kalt.Und worin transportierte er überhaupt die Geschenke? Musste er einen schweren Sack schleppen, so wie der Weihnachtsmann? Ein Rollkoffer wäre doch eigentlich viel praktischer. Aber auch lauter. Vielleicht doch nicht so praktisch.

Nicki überlegte. Vielleicht sollte er im nächsten Jahr dem Nikolaus einen Brief schreiben. Dann wäre er ja in der Schule. Mama und Papa würden ihm bestimmt dabei helfen. Dann würde er dem Nikolaus vorschlagen, auf den Stab zu verzichten und eine Mütze aufzusetzen. Der Nikolaus könnte auch seine große Bommelmütze haben. Die rutschte ihm ohnehin immer über die Augen. Nicki grinste und stellte sich vor, wie der Nikolaus mit seiner bunten Mütze von Haus zu Haus ziehen würde.

Da hörte er ein Rumpeln. Etwas rutschte weg und landete unsanft auf dem Boden. Nicki schreckte hoch und rieb sich die Augen. Was war das? Der Nikolaus? Sollte er etwa kurz geschlafen haben?

Nicki schlug die Decke zurück und rutschte aus dem Bett. Leise schlich er zur Tür, beugte sich vor und blickte durchs Schlüsselloch. Im Flur war alles dunkel. Aber war da im Wohnzimmer nicht ein kleiner Lichtkegel? Und schimpfte da nicht jemand leise vor sich hin? Nicki lauschte. Nein. Derjenige schimpfte nicht. Da hatte jemand Schmerzen!

Nicki überlegte. Was sollte er machen? Hingehen? Dann würde er den Nikolaus vielleicht für immer verscheuchen. Hatte er nicht gehört, dass der Nikolaus nur zu denjenigen kommen würde, die ihm nicht auflauerten? Aber wenn er nun wirklich Hilfe bräuchte? Nicki zögerte. Was sollte er tun?

Nein, er konnte nicht an sich denken, er musste helfen. Papa sagte ja auch immer: „Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.“ Deshalb musste er nachschauen. Nicki nahm sich seinen Kuschelhasen vom Bett, klemmte ihn unter seinen linken Arm, drückte die Türklinke hinunter und schlich in den Flur. Im Durchgang zum Wohnzimmer lag ein großes Etwas auf dem Boden, das sich vor und zurück bewegte. Es war fast schon ein Berg. Doch dieser Berg redete. Leise, mit dunkler Stimme.

„So etwas Dummes, habe ich schon wieder nicht aufgepasst. Das kommt davon, wenn man keine Ersatzakkus mitnimmt. Ich bin ja auch selber schuld. Mit meiner guten Lampe wäre mir das nicht passiert. Ah, ich glaube, es wird dick. Und Schnee gibt es auch nicht. Womit soll ich denn jetzt kühlen?“

Nicki räusperte sich. „Entschuldigung!“

Der Berg drehte sich um. Nicki sah, dass es ein Mann war. Alt, aber doch auch nicht so alt. Der Teil des Gesichts, der nicht von einem Bart verdeckt war, hatte viele freundliche Falten. Und auf dem Kopf trug er eine dicke Bommelmütze. In der Hand hielt er ein Windlicht, in dem eine Kerze flackerte.

„Ah, der Nicki“, brummte der Mann, lächelte aber freundlich. „Solltest du nicht eigentlich im Bett liegen und schlafen?“

„Ja, schon … Aber ich wollte doch zu gern mal den Nikolaus sehen …“

„Dass der in deinem Wohnzimmer auf dem Boden hockt, hattest du wahrscheinlich nicht gedacht, oder?“

Nicki schüttelte den Kopf und wagte sich etwas dichter heran. „Bist du wirklich der Nikolaus? Der wirkliche, echte Nikolaus?“

Der nächtliche Besucher nickte.

„Boah!“ Nicki kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mit offenem Mund stand er im Durchgang zum Wohnzimmer. Doch dann fiel ihm ein, dass der Mann ja auf dem Boden saß. „Aber was ist denn los? Ich habe ein Rumpeln gehört. Bist du hingefallen?“

„Ja, ich weiß auch nicht …“, erzählte der Nikolaus. „Plötzlich ist mein Fuß weggerutscht, und ich habe mich auf dem Boden wiedergefunden. Mit diesem Licht kann man aber auch nichts erkennen …“ Er hielt das Windlicht in die Höhe. „Es ist mir ein Rätsel, wie das früher funktioniert hat. Aber da waren meine Augen ja auch noch besser, und ich hatte mich noch nicht an das viel hellere elektrische Licht gewöhnt …“

Nicki sah auf den Durchgang und verzog das Gesicht. „Meine Autos!“

„Wie bitte?“, wunderte sich der Nikolaus.

„Ich hatte gestern meine Autos in einer Schlange dort abgestellt. Sie haben auch auf den Nikolaus gewartet. Und in einer Schlange, weil ja nicht alle gleichzeitig zum Stiefel können. Da müssen sie ja warten. Und da bist du wahrscheinlich drauf ausgerutscht.“

Der Nikolaus nickte. „Das könnte sein. Ich hoffe, ich habe dein Auto jetzt nicht zerstört.“

„Ach nein, das geht schon“, winkte Nicki ab. „Mein Papa tritt da auch ständig drauf. Und Mama meinte noch, ich soll das wegräumen, damit du nicht drauf ausrutschst. Aber dazu hatte ich keine Lust.“ Nicki drückte den Hasen an sich. „Es tut mir leid! Kommst du trotzdem nächstes Jahr wieder?“

Der Nikolaus lachte. „Wenn du möchtest, dass ich wiederkomme, dann komme ich auch.“

Erleichtert atmete Nicki aus.

„Aber sag mal“, fuhr der Nikolaus fort, „mein Knöchel fühlt sich ganz merkwürdig an. Hättest du …“

„Ich kann dir Eis bringen! Das macht Mama auch immer, wenn ich hinfalle.“

Nicki rannte in die Küche und kam kurz darauf mit einem Kühlpack und einem Tuch wieder. „Hier! Wickle das am besten ein. Dann wird es nicht zu kalt.“

Der Nikolaus nahm es dankbar entgegen und hielt es sich an seinen Fuß. Nicki versorgte ihn noch mit selbstgebackenen Keksen und Milch. Dabei unterhielten sie sich.

Später verabschiedete sich der Nikolaus von seinem neuen Freund und ging in die Nacht hinaus. Nur wer genau hinsah, konnte erkennen, dass er leicht humpelte. Nicki schob die Autos zur Seite, brachte das Kühlpack wieder in den Tiefkühler und schlich mit seinem Hasen zurück ins Bett.

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„Guten Morgen!“ Nickis Mutter strich über die Bettdecke. „Es ist Nikolausmorgen!“ Sie lächelte. „Oder fast schon Nikolaustag. Du hast so lang geschlafen, dass wir beschlossen haben, dich jetzt doch mal zu wecken.“

Nicki gähnte. Seine Mutter lachte.

„Da konnte wohl jemand gestern lang nicht einschlafen, könnte das sein?“

Nicki grinste. „Könnte sein.“ Er strampelte mit den Beinen die Decke zurück. Dann stutzte er. „Hat der Nikolaus denn was gebracht?“

„Ja, ich denke schon.“ Seine Mutter lächelte. „Zumindest vermute ich, dass es von ihm ist, was da steht.“

„Aber …“ Nicki dachte daran, wie er den Nikolaus zu Tür begleitet hatte. Sein Stiefel hatte da immer noch leer im Wohnzimmer gestanden. Aber wie konnte dann …

„Ach, hätte ich beinahe vergessen.“ Nickis Mutter drehte sich wieder zu ihm um. „Du hast ja doch deine Autos zur Seite geräumt. Das finde ich ganz toll!“

Nicki grübelte. Dann hatte er es ja doch nicht geträumt. Aber wer hatte dann die Geschenke gebracht? Irgendwie war das alles sehr geheimnisvoll. Aber auch sehr schön!


6. Dezember: Die neue Decke (J&E)

Oh, was ist das?

Jenny zieht etwas aus dem Sack, in dem immer die Sachen für mich sind. Ich habe ihn gestern direkt erkannt, als mein Frauchen ihn im Keller aus dem Koffer geholt hat. Der Beutel selbst riecht schon richtig gut. Nach Pansen und Kaustangen und Schweineohren und allen anderen Sachen, die ich im Laufe der Jahre bekommen habe. Aber das, was Jenny da hervorzieht, ist definitiv nichts zum Fressen.

Eher etwas zum Einkuscheln. Oder Draufliegen. Zum Einrollen und gemütlich Schlafen.

Jenny legt es vor mich hin, und ich schnuppere interessiert daran. Es riecht neu, nach Fabrik und Plastikverpackung, die aber schon eine Weile weg sein muss, denn ich rieche auch mehrere Menschenhände. Aber nur schwach.

„Ist das nicht die gleiche Decke, die wir schon haben?“, fragt Jenny ihre Mutter.

Ich wage mich auf mein Geschenk, drehe mich im Kreis, lasse mich fallen und schaue mein Frauchen an. Sie lächelt mir zu. Genauso freundlich hat sie mich auch angeschaut, als ich gewagt habe, meine Augen aufzumachen, und ich sie dann im Scheinwerferlicht das erste Mal gesehen habe. Das ist schon lang her. Ganz lang. Damals war Jenny noch so klein, dass wir zusammen durch das Haus gekrabbelt sind. Inzwischen fährt sie morgens immer mit ihrer Freundin mit dem Fahrrad los und ist dann ganz lange weg. Ihre Tasche, die sie dabei mitnimmt, ist groß und scheint auch schwer zu sein, und Jenny riecht nach ganz vielen Menschen, nach Arbeit und manchmal auch nach Stress. Aber mich begrüßt sie trotzdem immer, sobald sie wiederkommt, und streichelt mir über den Kopf. Zumindest dann, wenn ich ihre Ankunft nicht verschlafe. Das kommt in letzter Zeit leider häufiger vor. Ich brauche nämlich viel Schlaf, viel mehr als früher. Und dann bekomme ich nicht immer mit, wenn mein Frauchen vom Schreibtisch aufsteht, um Jenny hereinzulassen.

„Ja, du hast recht, es ist die Decke“, bestätigt mein Frauchen. „Oder zumindest fast. Genau die gleichen Farben gab es nicht mehr. Bei der alten Decke war, glaube ich, das Grau früher ein bisschen heller.“

Jenny lacht. „Das weißt du noch? Ich erkenn da nichts mehr.“

Stimmt, meine Decke ist wirklich schon ziemlich alt und durchgelegen. Und sie wurde oft gewaschen. Zum Beispiel dann, wenn ich mal wieder Frauchen entwischt war und mein matschiges Fell auf meinem Schlafplatz trockengerieben hatte. Geschimpft hat sie nie. Nur den Kopf geschüttelt und gesagt, dass sie mal wieder nicht aufgepasst hätte. Zugegeben: Meistens habe ich schon brav an der Tür gewartet. Aber wenn sie abgelenkt war, dann konnte es schon mal passieren, dass ich zu meinem Platz gestürmt bin.

Ach, das waren noch Zeiten, als ich in meinen Beinen noch viel Kraft hatte. Manchmal vergesse ich es und mache beim Spaziergang einen großen Satz über eine Pfütze. Puh, da muss ich danach dann ganz schön kämpfen, dass ich vor lauter Schwung nicht umfalle. Aber noch schlimmer ist, dass ich nicht mehr so gut höre. Früher wusste ich immer genau, wo sich mein Frauchen aufhielt. Aber jetzt? Jetzt weiß ich es oft nicht. Manchmal steht sie plötzlich neben mir, und ich habe keine Ahnung, von wo sie gekommen ist. Zum Glück hat sie mein Problem aber inzwischen verstanden und nimmt mich immer mit, wenn sie in ein anderes Stockwerk geht.

Ich glaube, die neue Decke gefällt mir. Sie ist viel weicher als mein bisheriger Schlafplatz. Und dass ich darauf eine leckere Stange bekomme, die Jenny auch noch aus dem Beutel gezogen hat, ist natürlich auch nicht zu verachten. Wie gut, dass Jenny gesagt hat, dass sie noch nicht zu groß dafür ist, ihre Stiefel zu putzen und hinzustellen. Sonst hätte ich heute Morgen wahrscheinlich auch nichts bekommen. Das wäre schade gewesen, denn wenn geputzte Stiefel im Wohnzimmer stehen, gibt es immer etwas besonders Tolles. Das weiß ich noch aus den letzten Jahren. Jenny sieht auch ganz glücklich aus, wie sie da in ihren Stiefeln kramt und es dabei raschelt.

Ich glaube, ich bleibe einfach erst einmal hier liegen. Von hier aus habe ich alles im Blick. Und wenn ich müde bin, kann ich einfach die Augen schließen und von meinem Leben träumen. Das gefällt mir nämlich eigentlich ganz gut. Das hätte ich nicht gedacht, damals, als ich mit eiskalten Pfoten im Freien hockte und wartete und hoffte und wartete.


7. Dezember: Die kleine Hexe Elli Einfallsreich und ihre zauberhaften Weihnachtsplätzchen (K)

Die kleine Hexe Elli Einfallsreich schaute auf das große Loch im Dach über ihr und auf den sich schnell in Richtung Himmel entfernenden Kessel. Und peinlich berührt wusste sie, was nun kommen würde.

„Na, der Kessel dürfte bald die Erdumlaufbahn erreicht haben“, krächzte der Rabe Anaximander, der bei ihr zur Untermiete wohnte. „Eventuell hat er sogar die Chance, als Komet in die Geschichte einzugehen.“ Er deutete auf den Feuerschweif, den der Kessel hinter sich her zog.

Elli ärgerte sich über Anaximanders Besserwisserei, die ihr nur zu gut bekannt war. Das Problem war nur: Der Rabe hatte oftmals einfach recht, und momentan fiel ihr auch keine gute Erwiderung ein.

„Aber ich sage es ja schon ständig“, ergänzte Anaximander mit schiefgelegtem Kopf, um die Flugbahn des Kessels besser verfolgen zu können, „ihr Hexen könnt ja einfach nicht hören! Hätte ich mich nicht auf den Schrank gerettet, wäre ich jetzt der erste Rabe im Weltall.“

Sie wusste, was nun noch folgen würde.

„Es ist wirklich so, wie mir früher mein Großonkel erzählt hat. Er sagt seiner Hexe auch immer, dass sie dabei ist, einen Fehler zu machen. Und was folgt dann? Sie macht den Fehler. Wie damals, als sie am Freitag hexen wollte, und was macht sie? Hext am Freitag! Mein Großonkel sagte noch: Mach das nicht! Du wirst erwischt. Und was macht sie? Zack, sie hext weiter. Und was passiert? Na?“

„Sie wurde erwischt. Ich kenne die Geschichte. Sie ist allgemein bekannt“, seufzte Elli. Der Kessel war mittlerweile kaum noch zu erkennen. Für einen Moment wirkte es so, als sei ein heller Stern am Abendhimmel zu sehen.

„Genau, sie wurde erwischt! Und man kann diese Geschichten nicht oft genug erzählen!“

„Aber das sind Geschichten von vorgestern, Anaximander. Keiner Hexe ist es mehr verboten, freitags zu hexen!“

„Mein Großonkel sagt immer: Es war nicht alles gut damals, aber es gab wenigstens Regeln. Und die Hexenausbildung war auch besser. Damals hätte keine Hexe versucht, ihren Untermieter ins Weltall zu schießen.“

Empört stemmte Elli ihre Arme in die Seite und stellte dabei fest, dass sie immer noch die Schöpfkelle in der Hand hatte: „Also erlaube mal, ich komme im nächsten Jahr aufs Hexenlyzeum! Ich bin keine kleine Hexe mehr, ich bekomme eine umfangreiche und fundierte Ausbildung!“

Anaximander krächzte und krächzte und wollte nicht mehr aufhören. Er lachte, dass es ihn schüttelte: „Was haben die euch denn auf der Hexengrundschule beigebracht? Offenbar nichts Nützliches, sonst hättest du kapiert, was es bedeutet, wenn ich dir das Buch Zauberhafte Backideen empfehle.“

Elli schielte auf das aufgeschlagene Backbuch auf dem Küchentisch, der durch die vorangegangene Explosion einer Rührschüssel eine halbe Stunde zuvor am Rand noch etwas Glut aufwies. Auch einige Seiten des Buches waren leicht versengt, und Elli hoffte, dass sie in der Stadtbibliothek keinen großen Ärger bekommen würde. Wenigstens stand das zweite Buch, Backen wie durch Zauberhand, unversehrt im ebenso unbeschädigten Küchenregal.

„Ich habe dir gesagt, das sind Bücher für nicht-magische Menschen. Die machen alles mit den Händen und backen ganz normal im Backofen. Zaubern bedeutet da nicht, dass man zaubern muss.“

„Aber ohne Zaubern dauert das doch viel zu lange!“

„Ist aber erheblich ungefährlicher.“

Elli zog ihre Augenbrauen zusammen. Dem will ich’s jetzt aber mal zeigen! Sie atmete tief ein und schwenkte dann ihren Zauberstab durch die Luft, nur um zu bemerken, dass sie keinen Zauberstab, sondern die Schöpfkelle in der Hand hatte und Teigreste in der Küche verteilte. Sie errötete und griff nach dem Zauberstab. Anaximander krächzte schon wieder vor Vergnügen.

Wild schwenkte sie ihre Hand, murmelte einen Zauberspruch, es gab einen großen Knall und viel Rauch, und das Loch in der Decke war verschwunden.

Ha, dachte Elli, von wegen nichts gelernt! Zufrieden verschränkte sie die Arme vor ihrem Körper und beugte sich wieder über das Backbuch. Schließlich wollte sie die besten Plätzchen der Welt backen.

„Sag mal, warum haben wir denn jetzt Karotten an der Decke?“

Elli folgte Anaximanders Blick. Das Loch in der Decke war in der Tat gestopft, nur hatte sie offenbar den Zauberspruch doch nicht ganz korrekt wiedergegeben. Anstelle von Holzbrettern waren dort Mohrrüben zu sehen. Erneut errötete sie.

„Lass mich mal aufzählen, was du heute alles schon geschafft hast.“ Der Rabe, immer noch auf dem sicheren Schrank sitzend, streckte einen Flügel vor und zählte mit seinem Schnabel ab: „Zuerst wolltest du die Butter verdoppeln und hast sie in stinkenden Krötenschleim verhext. Dann wolltest du Zucker unterrühren und hast den Kochlöffel in einen Hubschrauber verwandelt, der deine Fenstervorhänge zerschnitten hat und dann aus dem Fenster geflogen ist. Wer weiß, wo der Kochlöffel nun sein Unwesen treibt. Danach wolltest du Eier aufhexen, und die Eier sind nun überall, nur nicht in der Schüssel. Anschließend endete dein zweiter Rührversuch mit einer Explosion der Rührschüssel und einem am Rand auch jetzt noch glühenden Arbeitstisch. Dein Kessel ist unterwegs zum Jupiter, und wir haben seit einigen Sekunden nun auch noch Karotten an der Decke. Es ist kein Wunder, dass euer Hexen-Schulsystem bei der letzten PIWA-Studie so erbärmlich abgeschnitten hat.“

Ja, die PIWA-Studie, das Programme for International Witchcraft Assessment. Elli konnte es nicht mehr hören. Angeblich seien die Hexen in anderen Ländern viel besser ausgebildet. Aber war das wirklich so? Und, mal ganz ehrlich: Welche Hexe in so jungen Jahren war denn schon in der Lage, mit nur wenigen Hexensprüchen eine derartig grundlegende Verwüstung wie sie anzurichten? Das mussten doch die anderen Hexen erst mal hinbekommen!

Andererseits half ihr das alles nicht. Sie hatte nicht mehr viel Zeit, und die Gäste würden kommen. Sie hatte ihre Freunde eingeladen, um ihre neuen Plätzchen vorzustellen. Schließlich sollten diese Plätzchen die besten der Welt werden. Und morgen wollte sie ganz viele davon auf dem Adventsbasar der Kirchengemeinde verkaufen. Schließlich sollte viel Geld damit verdient und für Kinder gesammelt werden. Nur: Wie sollte das jetzt alles gelingen? Sollte sie es doch nach der Methode ohne Magie versuchen?

Elli schaute zu der großen Uhr an der Wand, einem Erbstück ihrer Urururgroßmutter. Es war ein Monster aus dunklem Holz, mit einem riesigen Pendel, auf dem ein Totenkopf abgebildet war, und zwei schweren Gewichten in der Form von Hexenbesen. Zu jeder halben und vollen Stunde sprang ein Geier aus der kleinen Tür und verkündete die Uhrzeit. Der Kessel hatte, bevor er die Decke durchschlug, die Zeiger ganz offensichtlich versengt, aber auch jetzt noch war unverkennbar zu erkennen: Die Gäste kamen gleich.

Und während sie noch versuchte, einen geeigneten Zauberspruch in ihrem Hexenbuch zu finden, der ihr erlauben würde, aus dem Nichts die besten Plätzchen der Welt zu zaubern, sprang der Geier aus der Uhr und meldete kraftvoll und laut: „Es ist halb Sieben, halb Sieben!“

Und natürlich klopfte es auch schon entschlossen an die Tür. Ihr erster Gast war gekommen, und wie fast immer war es Lieutenant Bones, das Skelett. Lieutenant Bones war die Pünktlichkeit in Person, überaus zuverlässig und immer unterwegs in Erfüllung seiner Pflicht. Er war als Soldat im Ersten Weltkrieg gestorben, hatte sich aber einfach geweigert, auch wirklich tot zu sein. Schließlich ging die Pflicht vor. Und so war er als Skelett immer noch auf der Erde und beriet heutzutage Hexenschulen in Sachen Disziplin und Zeitmanagement.

„Hallo, Lieutenant Bones“, sagte Elli, während das Gerippe zackig vor ihr salutierte. „Entschuldigen Sie die Unordnung, aber es ist etwas schiefgegangen ...“

„Guten Abend, Fräulein Elli“, schnarrte Bones. „Woll’n mal doch sehen, was wir da machen können. Alles eine Frage der Planung und Organisation, junge Dame.“ Mit den knochigen Armen auf dem Rücken betrat er das Haus und blickte sich in dem Chaos um. „Vermute, Sie wollen Plätzchen backen? Ist denn die Truppe schon vollzählig angetreten?“

„Äh, nein, Sie sind der Erste.“

„Gut, gut“, nickte Lieutenant Bones. „Dann haben wir noch ein wenig Zeit, um uns anders aufzustellen und den Feind genauer in den Blick zu nehmen. Was macht der Tross?“

„Die Versorgung ist derzeit noch halbwegs sichergestellt, Sir“, krächzte der Rabe mit an den Kopf gelegten Federspitzen des rechten Flügels, bevor Elli antworten konnte. „Sofern die Hausherrin nicht auch noch den Rest der Lebensmittel in Raketen oder grünen Schleim verwandelt.“ Die letzten Worte verloren sich in belustigtem keuchendem Krächzen.

Lieutenant Bones‘ Schädel drehte sich zu Elli und starrte sie aus seinen leeren Augenhöhlen vorwurfsvoll an: „Fräulein Elli, haben Sie eine Aufstellung Ihrer Lagerbestände? Bitte händigen Sie mir diese aus.“

Aufstellung? Lagerbestände? Elli hatte keine Aufstellung. Sie wusste so ungefähr, was in ihrer Vorratskammer war, und wenn etwas aus war, flog sie auf einem ihrer Besen zum Einkaufen. Aber eine Aufstellung? Wozu? Und überhaupt, dachte sie, wie konnte man als Skelett eigentlich ohne Augen gucken?

Ihre Überlegungen wurden durch die Ankunft des nächsten Gastes unterbrochen. Sigismund von Schreckenfels war eingetroffen und bemühte sich verzweifelt, durch Anklopfen auf sich aufmerksam zu machen. Doch da er ein Geist war, konnte er nichts berühren. Außer die Bekleidung, die er getragen hatte, als er zum Geist geworden war. Und so war sein Anklopfen eher wie das Winken einer durchscheinenden Hand durch die Eingangstür. Er hätte auch einfach durch die Tür schweben können, doch er war ein Geist von tadellosem Benehmen, und er wäre niemals ohne Aufforderung hereingeschwebt.

Elli öffnete die Tür: „Sehr verehrter Herr von Schreckenfels, treten Sie doch bitte ein!“

Der Geist nahm seinen großen Hut mit den noch größeren Federn ab und verneigte sich tief: „Es ist mir eine Ehre, sehr verehrte Jungfer Elli. Ich möchte keineswegs unverschämt anmuten, wenn ich mir dennoch erlaube, Ihnen zu sagen, wie bezaubernd Sie aussehen.“

Elli merkte, dass sie wieder errötete. Sigismund von Schreckenfels war fast 400 Jahre alt, aber sein Charme hatte sich bestens gehalten.

„Wäre es mir möglich gewesen, Jungfer Elli, hätte ich mir auch erlaubt, Ihrer Lieblichkeit ein Sträußlein Blumen zu überreichen. Nur, es ist Winter, und außerdem ...“, traurig streckte er seine Hände vor, mit denen er nichts greifen konnte. Und dann verneigte er sich abermals und wedelte mit seinem großen Hut durch die Luft, bevor er in den Raum schwebte und sich interessiert umschaute: „Jungfer Elli, haben Sie umdekoriert? Möhren an der Decke? Und warum glimmt Ihr Küchentisch? Ich gebe zu, nicht alles in der neuen Zeit werde ich verstehen.“

Anaximander öffnete seinen Schnabel, doch ein mahnender Blick Ellis ließ ihn schweigen. Wehe, warnte sie stumm, oder du kannst dich nach einer neuen Unterkunft umschauen!

Ehe sie die Tür schließen konnte, war ein weiterer Gast eingetroffen. Madame Arachnia, die Spinne, krabbelte über die Schwelle, winkte mit ihrem ersten Beinpaar und blinzelte mit allen acht Augen: „Guten Abend, Elli-Kindchen. Wie freue ich mich, bei dir zu sein.“ Aus einem Beutel zog sie ein zusammengefaltetes Blatt hervor und überreichte es der Gastgeberin.

„Danke schön“, sagte Elli artig und wagte nicht, das Blatt aufzufalten. Madame Arachnias Geschenke waren stets äußerst ungewöhnlich.

„Ooooh“, machte die Spinne, nickte den anderen Anwesenden zu und flüsterte dann: „Das ist etwas ganz Besonderes. Das Blatt habe ich in einer Neumondnacht gepflückt und mit Wasser benetzt, das aus einer Quelle stammt, die in der ersten Adventsnacht, außer in Schaltjahren, da in der Nacht vor der ersten Adventsnacht, besondere Kräfte besitzt.“ Verschwörerisch nickte sie. „Oh ja, Kindchen, und wenn du Blatt und Wasser zusammenführst und dann vierzehn Tage aufbewahrst, dann hast du den Weg zur ewigen Jugend!“

„Ewige Jugend?“, schnarrte Lieutenant Bones und klapperte mit seinen Knochen. „Schauen Sie mich an, Verehrteste. Oder Herrn von Schreckenfels.“

„Sie beide hätten mehr auf mich hören sollen, dann würden Sie auch gesünder aussehen“, gab Madame Arachnia pikiert zurück. „Elli-Kindchen, hör nicht auf die beiden. Achte auf deine Ernährung. Wenn du nicht so enden möchtest, dann fügst du, das ist etwas problematisch im Winter, nach vierzehn Tagen eine frische, selbst geerntete, mit der linken Hand in Scheiben geschnittene Mohrrübe hinzu, ...“

„Selbst geerntete Mohrrübe? Kein Problem, die haben wir ab sofort unter unserem Dach ganzjährig im Angebot“, meldete sich Anaximander vom Schrank aus.

„... und in der Neujahrsnacht bereitest du alles mit biologisch angebautem Spinat zu. Du wirst sehen, Elli-Kindchen, deine Haut bleibt zart und weich, und deine innere Energie wird für ein ganzes weiteres Jahr aufgeladen.“

Elli war sprachlos. Wo bekam sie biologisch angebauten Spinat im Winter her? Musste sie den auch selbst ernten? Aber sie dankte der Spinne nochmals für ihr Adventsgeschenk.

„Wer ist denn noch geladen?“, fragte Sigismund von Schreckenfels.

„Die weiteren Gäste kommen erst, wenn es richtig Nacht ist“, antwortete Elli. Und sie musste ihren Besuchern gestehen, dass das Plätzchen-Essen nicht stattfinden konnte, da sie noch keine Plätzchen hatte. Und dass sie nun traurig sei, dass ihre Gäste nichts zu essen hatten und dass sie so auch kein Geld für die Kinder morgen auf dem Adventsbasar der Kirche sammeln konnte.

„Organisation“, schnarrte Lieutenant Bones, „alles nur eine Frage der Organisation.“

Mitleidig neigte Sigismund von Schreckenfels seinen Kopf zur Seite: „Jungfer Elli, mit Verlaub, ich erinnere mich an Gertrude, die Köchin auf der Burg meines Vaters. Und sie konnte wundervoll backen. Sie machte die besten Weihnachtsplätzchen, die es gab.“ Sehnsüchtig zog der Geist Luft durch die Nase. Oder tat zumindest so, da er die Luft nicht einsaugen konnte. „Auch nach so vielen Jahrhunderten erinnere ich mich an ihren Duft.“

„Das hilft mir aber nicht“, antwortete Elli, „es sei denn, Gertrude ist auch ein Geist. Wir brauchen doch das Rezept. Ich glaube, der einzige Weg ist, wenn ich es noch einmal mit Zaubersprüchen ...“

Die Reaktion aller Anwesenden war eindeutig, und Madame Arachnia führte die Gedanken der Besucher zusammen: „Es mag sicherer sein, wenn wir es auf die übliche Art machen.“ Und sie fügte hinzu: „Und so ist es dann auch ökologisch-nachhaltig.“

Sofort entstand geschäftiges Treiben. Sigismund von Schreckenfels zählte die Bestandteile von Gertrudes Rezept auf. Allzu oft hatte er in der Küche der Burg gehockt, wenn sie die Plätzchen buk, um schon vorher Teig zu naschen. Elli wog die Zutaten ab, Anaximander öffnete die Eier mit seinem Schnabel, Madame Arachnia griff nach zwei Kochlöffeln und begann kraftvoll zu rühren. Lieutenant Bones schritt wichtig zwischen den anderen auf und ab und ließ von Zeit zu Zeit Anweisungen zur disziplinierteren Vorgehensweise erschallen.

Bald schon hatten sie einen leckeren Teig erstellt, den Sigismund von Schreckenfels mehrfach versuchte zu kosten, doch sein Finger glitt wieder und wieder einfach nur durch die Schüssel. Lieutenant Bones vermeldete, während ihm Teig von den Kieferknochen tropfte: „Ausgezeichnet. Wirklich ausgezeichnet. Hätten wir damals im Ersten Weltkrieg eine derartige Verköstigung gehabt, wir hätten nur gegessen und nicht gekämpft!“

Elli holte die Ausstechförmchen, während Madame Arachnia den Teig auswalzte. Es waren ganz besondere Ausstechförmchen, denn es waren nicht nur Sterne, Weihnachtsbäume, Engel, Weihnachtsmänner und Schaukelpferde. Elli hatte auch Fledermäuse, Besen, Spinnen, Kröten, Zauberhüte und sogar – darauf war sie besonders stolz - einen Drachen. Sie hatte so viele Ausstechförmchen, dass sie ein ganzes Täschchen füllten. Schnell hatten die Freunde unzählige Plätzchen ausgestochen und nach und nach in den Backofen geschoben, während sie die nächsten Plätzchen herstellten. Lieutenant Bones stand zwischen Küchentisch und Ofen und gab den Takt des Ausstechens vor, indem er mit seinem Offiziersdegen gegen seine Stiefel schlug.

Und dann war der Moment gekommen, als die ersten fertigen Plätzchen aus dem Ofen genommen werden konnten. Elli hatte den Ofen geöffnet, und Sigismund von Schreckenfels schwebte durch sie hindurch, um das Ergebnis besser in Augenschein nehmen zu können.

„Hervorragend. Wenn sie so riechen und schmecken, wie sie aussehen, werden sie deliziös sein!“ Er wollte nach einem Topflappen greifen, um das Backblech aus dem Ofen zu ziehen, doch zu seiner Enttäuschung glitt seine Hand durch Topflappen und Tischplatte.

„Elli-Kindchen“, säuselte Madame Arachnia, „die Plätzchen duften wundervoll. Siehst du, so etwas geht nur mit Handarbeit und nicht mit Zauberei. Und das ist auch gesünder.“

„Insbesondere für die Anwesenden, damit sie nicht ins All geschossen werden“, meldete sich Anaximander aus dem Hintergrund.

Madame Arachnia war mit ihren Gesundheitsratschlägen noch nicht am Ende: „Wiewohl, ich muss anmerken, dass es den Kindern auch gut täte, weniger Plätzchen und mehr Obst und Gemüse zu essen.“

„Aber verehrteste Madame Arachnia“, wandte Sigismund von Schreckenfels ein und neigte höflich seinen Kopf in Richtung der Spinne, „wir haben doch Weihnachten. Da gehören Plätzchen einfach dazu.“

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