Kitabı oku: «Die verriegelte Tür hinter dem Paradies. Ein Roman frei nach Heinrich von Kleist», sayfa 8
Und noch etwas müsstest du dir klarmachen: es würde auch nicht leicht für dich, was das Verhältnis zu deinen Kameraden angeht, das wirst du dir denken können: dort müsstest du damit rechnen, dass viele dich ablehnen, weil du arm bist und die anderen zumeist aus wohlhabenden Bürgerfamilien stammen; hier, unter den Kindern aus dem Viertel, würdest du höchstwahrscheinlich auch ausgegrenzt, würdest auch hier nicht mehr richtig dazugehören - ein Außenseiter wärest du also schließlich überall.“ Bei diesen Worten hatten beide unwillkürlich zu Nomis Pult hinübergeblickt.
„Ich sage dir das alles nur“, fuhr Mäuthis fort, „damit dir so deutlich wie möglich ist, worauf du dich einließest, wenn du deine Entscheidung triffst.“
Zum Schluss machte er Johannes aber noch einmal Mut: er traue ihm das uneingeschränkt zu, und dieser Weg würde ihm so viel mehr Möglichkeiten eröffnen, seine Fähigkeiten für sein Leben zu nutzen. – „Überleg dir also gut, ob du dir das alles zumuten möchtest. Und hab dabei bloß keine Angst, ich würde es dir übel nehmen, wenn du schließlich ‚nein‘ sagst. Denk allein daran, was für dich das Beste scheint. Nur vergiss nicht, wenn du ja sagst, musst du da nicht allein durch, du dürftest hundertprozentig auf mich zählen.“
Damit entließ Mäuthis ihn in einen weiteren Tag der Schwindelgefühle. Ziellos lief er in der Gegend umher, kickte gedankenverloren Steine vor sich her, hielt nach seinen Freunden Ausschau; wenn er aber welche von weitem sah, wich er doch aus und mied das Zusammentreffen. - Würden die ihn wirklich nicht mehr mitmachen, nicht mehr an ihrem Leben teilhaben lassen, bloß weil er auf eine andere Schule ginge? Würden sie ihn auslachen, ihn verachten? Wären sie neidisch und gehässig? - Pah, sollten sie doch, die wären ja selber blöd! Er jedenfalls würde sein wie immer und ihnen gar keinen Grund geben, sich gegen ihn zu wenden!
Am Abend erzählte er endlich auch seiner Mutter von dieser neuen Aussicht. Bis dahin hatte er sich schon entschlossen, dass all die Schwierigkeiten, vor denen sein Lehrer ihn gewarnt hatte, ihn nicht abschrecken sollten, eher gerade im Gegenteil!
Seine Mutter erschrak nicht schlecht vor dem, was ihr Sohn ihr da unterbreitete. Des Vaters Wunsch nach einer guten Ausbildung für den Jungen in allen Ehren, aber darunter war doch wohl nicht mehr zu verstehen gewesen, als dass er regelmäßig und die vorgeschriebenen Jahre lang die Volksschule besuchen und möglichst gute Noten erzielen solle, um dann eine anständige Handwerkslehre machen zu können?
Für den nächsten Nachmittag hatte Herr Mäuthis seinen Besuch bei der Mutter ankündigen lassen. Er kam, um ihr Einverständnis zu erbitten, das für das Vorhaben erforderlich sein würde, und sah gleich, dass er hier zuerst einmal starke Vorbehalte und große Ängste würde beschwichtigen müssen. Da mischten sich konkrete Einwände wie die Sorge vor finanzieller Überforderung mit diffusen Befürchtungen angesichts des völlig unbekannten Terrains, das sie, selbst denkbar schlecht ausgerüstet, betreten sollte; sicher auch davor, dass der Sohn ihr entfremdet, ihr abhandenkommen würde.
Ihre materiellen Sorgen entkräftete er, indem er auch ihr die Möglichkeit eines Stipendiums auseinandersetzte. Man werde versuchen, nicht nur einen Freiplatz, wo lediglich kein Schulgeld bezahlt werden müsse, sondern ein volles Stipendium zu erhalten, wo zusätzlich auch eine Extraunterstützung für die weiteren nötigen Ausgaben wie Kleidung, Bücher, Hefte und solche Dinge bezahlt werden. Er habe sich schon einmal umgehört und Kontakte aufgenommen, bevor er das Thema überhaupt zur Sprache brachte, und könne sagen, es gebe mindestens eine Stelle, an der sie gute Aussichten hätten. Da müsse der Junge nur hingehen und sich persönlich vorstellen. Wenn der Gründer und Vorsitzende der Stiftung einen guten Eindruck gewinne, dann könne eigentlich fast nichts mehr passieren. Bei dem Vorgespräch habe der ein großes Interesse an Johannes’ „Fall“ gezeigt und ihm schon recht viel Hoffnung gemacht.
Frau Reiser rückte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und sah immer noch nicht glücklicher aus. „Aber müssen muss ich nicht, oder, diese Einwilligung geben? Ich könnte auch ‚nein’ sagen, nicht wahr?“
„Mutter!“, protestierte Johannes leise auf scharf eingezogenem Atem und sah sie erschrocken an.
„Ich weiß ja nicht... dann muss er den ganzen Tag nur lernen und lernen, das ist doch auch nichts für ein Kind. Und wer weiß, was alles für seltsame Sachen sie ihm da beibringen wollen...“
„Nein, natürlich sind Sie dazu nicht verpflichtet, sonst hätte es ja auch wenig Sinn, Sie überhaupt zu fragen“, gab Herr Mäuthis zu. „Aber sind Sie denn wirklich sicher, dass Sie ihrem Sohn diese Chance vorenthalten wollen? Ja natürlich, er wird viel arbeiten müssen, besonders am Anfang, damit er aufholt, was die anderen ihm schon voraushaben. Latein wird er ganz von vorne lernen müssen...“ Da machte Johannes große Augen - davon war noch gar nicht die Rede gewesen, und ein wenig verließ ihn bei dem Gedanken schon der Mut - „... aber ich hab ihm auch versprochen, dass ich ihm so viel helfen werde, wie ich kann, um ihm den Einstieg zu erleichtern. Wir werden die Ferien über jeden Tag arbeiten...“ - er sah zu Johannes hinüber und lächelte ihm aufmunternd zu, „Ja, ich weiß, davon habe ich noch gar nichts erzählt. Aber das werden wir auch noch hinkriegen, wenn alles andere klappt, oder?!“
„Aber warum?“, schaltete die Mutter sich wieder ein. „Warum wollen Sie sich so viel Mühe machen? Und warum ausgerechnet mein Junge?“
„Ja, warum?“, erwiderte Herr Mäuthis. „Vielleicht einfach, weil Ihr Sohn mich so sehr an mich selbst erinnert, auf eine Weise. - Das Handwerk meines Vaters hätte ich erlernen und sein kleines Geschäft weiterführen sollen, das wäre mein vorgezeichneter Weg gewesen. Aber da war immer dieser Wunsch, über das hinauszugehen, was sich von selbst verstanden hätte, weiterzukommen, in des Wortes doppelter Bedeutung, diese Neugier auf das, was wohl hinter dem Tellerrand liegen mochte. Und bei Johannes habe ich all das von Anfang an wiedererkannt. Natürlich hatte ich es mit Sicherheit leichter, hatte eine günstigere Ausgangsposition und weniger Hürden zu überwinden. Dafür aber sehe ich auch, dass seine Kräfte größer sind als meine je gewesen wären, und deswegen bin ich davon überzeugt, dass er es schaffen könnte. Und ich bringe das einfach nicht fertig, kann nicht schulterzuckend zusehen, wie da ein junges Leben mit gestutzten Flügeln auf allen Seiten von Mauern umstellt ist, an denen es sich den Schnabel blutig stößt, und wie seine hilflosen Sprünge in die Freiheit sich in dichten, dunklen, staubigen Vorhängen verfangen - lassen Sie uns ihm doch Schwingen bauen für sein Sehnen - sie benutzen und fliegen muss er dann ohnehin selbst!“
Frau Reiser hatte kaum etwas von dem verstanden, was er da alles gesagt hatte, aber sie hatte gesehen, wie er sich in Begeisterung und Leidenschaft redete, und sie hatte Johannes gesehen, der mit leuchtenden Augen zugehört hatte und sie jetzt bittend ansah. Und sie hatte herausgehört, wie viel dieser Mann, für sie eine absolute Respektsperson, von ihrem Jungen hielt, und das war sowieso der sicherste Weg, sie zu gewinnen. Sie seufzte resigniert, „Ach, dass auch dein Vater nicht mehr da ist! Wie soll denn ich bloß wissen, was richtig ist?!“
„Aber der war doch immer so für Schule und Lernen und so, das hast du doch selbst immer erzählt!“
„Ja, schon, aber wer denkt denn gleich an so etwas! Aber wenn dein Lehrer so sehr überzeugt ist, werde ich mich am Ende doch nicht dagegenstellen.“
„Sein Vater wäre einfach stolz auf ihn gewesen“, sagte Herr Mäuthis, „da bin ich mir sicher. Und es kann ja ihm und Ihnen nichts passieren: haben wir Erfolg, und kommt er gut klar, haben alle gewonnen. Geht es schief, macht er dort weiter, wo er jetzt steht.“
Am Ende hatten die vereinten Überredungskünste von Schüler und Lehrer schließlich erreicht, dass letzterer doch noch die von der Mutter unterschriebene Einwilligung zu dem Stipendienantrag und dem Antrag auf Zulassung zum Gymnasium mitnehmen konnte. Am nächsten Tag sollte Johannes dann mit ihm zu dem potentiellen Wohltäter gehen, um, so gut er konnte, selbst für seine Sache zu plädieren.
Nachdem Mäuthis gegangen war, standen Mutter und Sohn einander gegenüber und sahen sich eine ganze Weile lang stumm an. Die eine versuchte, eine aufkommende Panik zu unterdrücken und den Impuls, hinterherzustürzen und das Papier wieder zurückzuverlangen. Der andere war dagegen wie betäubt von dem Lauf, den die Dinge nahmen. Er konnte kaum fassen, dass dies alles wirklich, in der echten wahren Wirklichkeit, mit ihm geschehe, dass es nicht nur ein Traum, ein Spiel sei; solange das noch nicht richtig bei ihm angekommen war, konnte er auch noch keine der zu erwartenden Reaktionen zeigen: Vorfreude, Furcht, Aufregung, alles dies war noch von einer Art Überrumpelungsbenommenheit in Schach gehalten.
„Was hab ich da nur getan?!“ fing die Mutter plötzlich an zu flüstern. „Kann denn das überhaupt gut gehen? ...Sag schon, Hannes, hab ich das Richtige getan?“
„Ja doch, Mutter, ja! Mach dir keine Sorgen. Alles wird gut, wirst schon sehen!“ Plötzlich fing er an zu lachen. „Pass auf, wenn ich dann ganz reich und ... berühmt bin, dann bau ich dir das schönste Schloss und kauf dir die schönsten Kleider, und du brauchst nie mehr zu rackern und zu schuften und zu sparen, und wir haben immer genug zu essen, und ich bin ein wichtiger Mann, und du bist ganz stolz auf mich...“ Während er so bramarbasierte, kam ihm selbst das alles immer unwahrscheinlicher vor, und er musste wieder und wieder lachen.
Die Mutter sank inzwischen ganz kraftlos auf die Bank und schüttelte den Kopf. „Also, was du dir da alles zusammenphantasierst!“, warf sie dazwischen.
„Na, und wenn schon! Dann wird’s halt kein Schloss, und ich nicht berühmt, ist doch auch egal. Es kann doch aber nichts wirklich Schlimmes passieren. Wovor sollten wir uns denn eigentlich fürchten?“
„Ich weiß auch nicht. Mir wär am liebsten, wenn alles so ist und so bleibt, wie ich’s kenne, alles andere macht mir einfach bange.“
„Und vielleicht kommt es ja am Ende gar nicht dazu. Wenn morgen dieser Vorsitzende, oder was er nun ist, findet, dass ich so ein Stipendium nicht verdiene, dann bleibt ja sowieso alles beim Alten.“
Sie aber sah dem Sohn schon die ersten Flügelspitzen wachsen, sah ihn als zukünftigen „feinen Herrn“ seiner Mutter, „die mal grade eben lesen und schreiben konnte“, in Scham den Rücken kehren und zum Absprung, zum weiten, freien Flug – weg von ihr - ansetzen, was er wiederum unter Protest und hoch und heiligem „großem Ehrenwort!“ weit von sich wies.
So trösteten, ermutigten die beiden sich gegenseitig, eine Art gemeinsames Pfeifen im Dunkeln, bis die Mutter sich seufzend aufraffte, um sich an ihre Arbeit zu machen.
Jetzt hielt es Johannes nicht länger drinnen, und er rannte hinaus auf einen seiner ziellos-unruhigen Streifzüge. Angetrieben von einem übersteigerten, aber ungerichteten Impuls stürmte er durch die Straßen, blind für alles um ihn her, während vor seinem inneren Auge Bild um Bild aufschien. Da sah er sich einer Gruppe geschniegelter Jungen in blitzsauberen Matrosenanzügen gegenüber, die ihn skeptisch, verächtlich, hochmütig von oben bis unten musterten und sich dann kaltschultrig abwandten; sah sich über Büchern voller unentzifferbarer Hieroglyphen schwitzen, verlegen stammelnd, weil er die Lektion nicht verstanden hatte, hörte Hohngelächter um sich und blickte in ein böses, ungeduldiges Lehrergesicht; zum Trost und Mutmachen stellte er sich schnell das Gegenteil vor: eine Lehrerfrage steht im Raum, unwissendes Schweigen der ganzen Klasse, er allein meldet sich, gibt die richtige Antwort, erhält unwillig bewundernde Blicke von den Mitschülern und ein aufmunterndes Lob des Lehrers. Er erinnerte sich wieder der Honoratiorenrunde, deren Gesprächen er damals beim Maskenfest zugehört hatte und an die neidvoll-ehrgeizigen Wünsche, die das bei ihm geweckt hatte. Dabei schien aus der gleichen Erinnerung heraus der vage Eindruck eines seltsam freundlich zusprechenden weißen Maskenlächelns aus unwahrscheinlicher Bläue auf und verstärkte noch das Gefühl der herzklopfenden, hoffnungsfrohen Erregung, das ihn durch die Straßen trieb.
Wohin würde das alles führen? Würden ihm wirklich ganz neue Türen offen stehen? Was würde er wohl aus seinem Leben machen können mit dieser Chance, oder das Leben aus ihm? Halb angedachte Pläne, gute Vorsätze und Phantasien von Reichtum und Ansehen drängten einander abwechselnd aus seinen Gedanken, und erst, als er nach einer guten Weile ganz ungeplant wieder in seine Straße zurückgelangt war, außer Atem und müde gelaufen, ohne die geringste Vorstellung, wo alles er herumgekommen war in diesen letzten ein, zwei Stunden, da kamen mit der körperlichen Erschöpfung auch die Gedankenturbulenzen allmählich zur Ruhe. Plötzlich fiel ihm wieder ein, dass die ganze Sache ja längst nicht ausgemacht war. Noch stand ihm ja dieses Auswahlgespräch bevor. Du liebe Zeit, da malte er sich schon alle möglichen tollen Sachen aus, während er sich doch wohl viel eher auf morgen hätte vorbereiten sollen! Was er da wohl alles gefragt würde? Hätte er nicht vielleicht besser noch mal in seine Schulbücher geschaut? Schade, dass er sich bei Herrn Mäuthis nicht noch erkundigt hatte, was man dort von ihm erwartete!
In langsamem, nachdenklichem Schlenderschritt ging er jetzt zwischen Häusern und Höfen hindurch, hinunter zum Kanal, um an seinem Lieblingsplatz noch etwas auszuruhen und den Booten und Kähnen nachzuschauen. Gerade wollte er sich auf den Stein unter der Weide setzen, da glaubte er, von irgendwo in der Nähe ein Geräusch zu vernehmen, das er im ersten Moment nicht einordnen konnte. Bald aber kam es ihm vor, als sei es kein bloßes Geräusch, sondern eine menschliche Stimme, ein leises, immer wieder ganz verstummendes Summen. Er hielt inne und versuchte zu lauschen, und da schienen die Töne, die bis zu ihm drangen, eine Melodie zu ergeben, schlicht und doch fremd, so schön, wie er es noch nie gehört hatte. Neugierig trat er unter der Weide hervor und ging am Rand des Wassers entlang. Schon wenige Schritte weiter, von einem Gebüsch bislang verdeckt, sah er Nomi am Ufer sitzen, mit den Zehen des einen Fußes im Wasser baumelnd, den einen Arm auf einen Wäschekorb an ihrer Seite gelehnt, in der anderen Hand die rote Rosenblüte, derentwegen sie heute in der Schule gehänselt worden war (‚oh, man trägt neuerdings rot... man ist wohl verliebt?‘; ‚Quatsch‘, hatte sie zu Elsa gesagt, die sich die Wirkung aus der Nähe ansah, ‚jetzt haben bloß die roten auch angefangen zu blühen, und von den weißen gibt es nicht mehr so viele.‘), das Gesicht zum Wasser gewendet und selbstvergessen vor sich hin summend. Er blieb stehen, unschlüssig, ob er einfach so weiter zuhören oder sich bemerkbar machen sollte. Aber da war sie sich der fremden Gegenwart schon bewusst geworden und wandte sich rasch um.
„Ah, du bist’s. Tag, Johannes.“
„Ach, bitte, sing doch weiter, Nomi! Ich wollte dich nicht stören!“
„Wie, hab ich denn gesungen?“
„Klar, weißt du das gar nicht? Nur ganz leise, ich hab’s gar nicht richtig hören können. Aber es war so schön! - Kannst ... willst du es mir nicht noch mal vorsingen?“, bat er verlegen. Nomi wurde rot und wehrte genauso verlegen ab. Als er aber seine Bitte ganz ernsthaft wiederholte, schaute sie ihn noch mal kurz zweifelnd an und meinte dann einfach: „Also schön“, sah wieder hinaus auf das Wasser, überlegte einen Moment und begann erneut zu singen; diesmal aber richtig, deutlich, wenn auch so verhalten, dass schon in geringer Entfernung ihre Stimme von den Geräuschen des Windes in den Zweigen und Halmen, des Wassers zwischen den Ufersteinen und der vorbeiziehenden Schiffe übertönt worden wäre, und mit Worten, von denen jedoch Johannes, der sich inzwischen neben sie gesetzt hatte, trotz allen Bemühens nichts verstehen konnte. Bald war er sicher, dass das nicht am Gesang lag, der etwa die Worte verfremdet hätte, sondern dass sie wirklich in einer anderen Sprache sang. Verwundert blickte er zu ihr hinüber und staunte nun erst recht: Was war denn mit Nomi geschehen? Wo war das scheue, jederzeit nichts als Ablehnung erwartende Mädchen geblieben? Hier war jemand, den er noch nie gesehen hatte. Das Gesicht halb abgewandt, den Blick nach den Schiffen, dem Wasser gerichtet, aber in Wirklichkeit schien er, nach innen gekehrt, etwas Drittes, vollkommen anderes zu schauen; der Gesichtsausdruck konzentriert, ernsthaft und zugleich aus ihrem Innersten heraus leuchtend, entflammt von einer verhaltenen Leidenschaft, so zurückgenommen wie die Stimme, die sie nie über eine mittlere, nur ihm zugedachte Lautstärke erhob und dennoch dem wechselnden Ausdrucksverlangen ihres Gesanges beweglich anzupassen wusste.
Etwas ganz Außergewöhnliches schien hier vorzugehen, etwas, das Johannes noch nie erlebt hatte und dem er, als etwas nur undeutlich Empfundenem, keinen Begriff zuzuordnen, das mit keinerlei Erfahrungen aus seinem gewöhnlichen Leben zu vergleichen er imstande gewesen wäre. Es war, als habe Nomi vor seinen Augen einen Schritt in eine andere Welt getan, eine Welt, in der sie – im Unterschied zu dieser hiesigen, alltäglichen - wirklich zuhause war, mit der sie und in der sie mit sich selbst im Reinen war und wo sie eine Souveränität und Unangreifbarkeit besaß, die ihr nichts und niemand streitig machen konnte; und als sei sie im selben Moment eins geworden mit ihrem Gesang, restlos mit ihm verschmolzen - sie war der Gesang, und der Gesang war sie, da gab es keinen Unterschied mehr zwischen beiden.
Und was war aber das auch für ein Gesang!
Wovon das Lied handelte, konnte er natürlich nicht mitbekommen. Es musste aber doch eine Ballade traurigsten Inhalts sein, der wehmütigen, leid- und sehnsuchtsvollen Melodie nach zu urteilen. Aber auch hier geschah ein seltsamer, neuartiger Zauber: so schmerzlich die Stimmung, in die ihn die fremd-schönen Intervalle, der magische Fluss der Melodik hineinzogen, so sehr wirkte dieselbe Musik auch wieder als ihr eigenes Gegenmittel, war Verwundung und Balsam, Hoffnungslosigkeit und Hoffnung, Sehnsucht und Erfüllung zugleich, auch dies untrennbar und beides in einem.
Während sich Strophe um Strophe des langen Lieds der Kehle des schmächtigen und anscheinend doch so starken Mädchens entwand, in Ausdruck und Gesangsweise keine einzige der anderen gleich sondern jede offenbar ihrem je unterschiedlichen Inhalt angepasst vorgetragen, hörte er aufmerksam zu, vollständig gefangen genommen und alles andere vergessend. Er hatte ja nicht gewusst, dass es so etwas gab! Was er bisher an Musik gekannt hatte, waren ein paar Gassenhauer, ein paar Schlager, die gerade in Mode waren, Militärgeschmetter von den Festtagsparaden, Jahrmarktsgedudel und solche Tanzmusik, wie sie auf dem Maskenball erklungen war. Das eine oder andere hatte ihm gut gefallen, dann hatte er es vor sich hin gepfiffen, wenn er froher Stimmung war, manches konnte auch mal eine schlechte Laune aufheitern. Aber nun hatte er den Eindruck, er habe bisher nicht im Entferntesten gewusst, was Musik eigentlich sein konnte. Eine tiefe Ergriffenheit bemächtigte sich seiner und die Ahnung eines Reichtums, den die Welt, den das Leben, verheißungsvoll, noch bereithalten mochte.
Als das Lied zu Ende war, blieben die beiden lange stumm nebeneinander sitzen, ohne sich auch nur anzusehen. Nach einer Weile brach Johannes den Bann, indem er ein heiseres „Danke!“ brummte. Wie beeindruckt, wie ergriffen er wirklich war, hätte er nicht auszudrücken vermocht.
„Gern gescheh’n!“ erwiderte Nomi ebenso leise. Dann fügte sie hinzu und sah dabei endlich zu ihm herüber: „Hab das lange nicht mehr richtig und ganz, von Anfang bis Ende, gesungen.“
„Aber sag mal, was für eine Sprache war das denn?“
„Die Sprache meiner Mutter“, war die Antwort.
„Wieso? War deine Mutter gar keine Deutsche? - Wer bist du, Nomi? Woher kommst du wirklich?“
„Nein, das stimmt schon alles: Ich komme von hier, bin Deutsche, wie mein Vater. Nur meine Mutter war eine Roma, eine Zigeunerin, wie man sie so nennt.“
Johannes war sprachlos. Also war doch etwas dran gewesen an den Gerüchten und die fremdartige Aura keine Einbildung.
„Na so was!“ brachte er nur hervor. „Warum hast du das denn aber damals in der Schule nicht zugegeben? Ist doch nichts dabei - im Gegenteil: das ist doch riesig spannend!“
Nomi lächelte, fast ein wenig spöttisch. „Nein, danke, ich hatte keine Lust auf das Geschrei und die Beschimpfungen. Außerdem: niemand hat mich nach meiner Mutter gefragt, nur danach, was ich bin. Und ich bin nun mal, was mein Vater ist“, und man konnte einen Ton von Bitternis nicht überhören.
„Also, dann bist du doch nicht im Pferdewagen umhergezogen, oder? Schade eigentlich. Aber erzähl doch mal!“ bettelte er.
Jetzt lachte Nomi wirklich. „Nein, ich glaube nicht. Ich weiß nicht mal, ob ich dort noch geboren bin.“
Wieder verstummte sie. Dann fügte sie hinzu: „Du musst mir versprechen, dass du niemandem, hörst du, niemandem etwas davon weitererzählst!“
„Aber warum ist das denn so ein Geheimnis? Ich wär doch stolz darauf, wenn meine Eltern irgend so was Besonderes, Ausgefallenes wären. Ich meine, nicht dass ich die umtauschen wollte, aber wenn sie, so wie sie sind oder waren, was anderes als eben ... einfach so ganz normal wie alle wären, dann wär ich da irgendwie stolz drauf!“
„Aber ich bin ja doch stolz!“ sagte Nomi heftig. „Das ist es ja gerade!“
Und als er sie verwirrt und fragend ansah: „Du verstehst das nicht. Meine Mutter und alles, was zu ihr gehört, ist das Größte, Beste, was ich habe, heilig, sozusagen. Und wenn ich drüber spräche, würde ich nur Spott und Hohn und dumme Beleidigungen hören.“
„Aber doch nicht von mir!“
„Weiß ich doch. Deshalb erzähl ich es dir ja auch. Aber du kriegst doch selbst mit, wie die meisten anderen reden und tuscheln und feixen. Das ist immer und überall dasselbe. Solange sie sich nur über mich lustig machen, ist mir das gleich. Ich bin ja nun mal eben keine Zigeunerin“, wiederholte sie trotzig. „Aber ... aber meine Mutter, die ... die werfe ich denen nicht vor die Füße!“ Sie hatte Tränen in den Augen, als sie nun wieder nach draußen auf den Kanal schaute.
„Hast du denn schon an vielen Orten gewohnt, bevor ihr hierher gezogen seid?“
„Ach, unzählige, keine Ahnung wie viele!“
„Und überall waren sie so ... so hässlich zu dir? So wie Rudolph zum Beispiel?“
Sie nickte. „Du siehst, ich bin längst dran gewöhnt.“
„Aber etwas verstehe ich nicht: Warum hast du denn eigentlich neulich dem Rudolph aus der Patsche geholfen? Du weißt schon, als du die beiden Kerle in die falsche Richtung geschickt hast, damit er ihnen entwischt? Das wollte ich schon lange fragen.“
„Ach das. Hatte ich schon ganz vergessen. Woher weißt du denn davon?“
„Ich war zufällig in der Nähe und hab alles gesehen. Da hast du doch glatt den gerettet, sozusagen, der dich am meisten und schlimmsten piesackt. Warum bloß?“
Nomi sah kurz zur Seite, zuckte dann mit der Achsel und fragte zurück: „Und du? Was hättest du denn gemacht? Hättest du ihn etwa verraten?“
„Hmmm. Nein“, antwortete Johannes. „Aber das ist doch auch was anderes. Wir sind ja sozusagen Freunde. Das kann man von dir und ihm ja wirklich nicht behaupten. Er ist schließlich dein größter Feind hier, und da hättest du die Gelegenheit gehabt, es ihm heimzuzahlen.“
„Ach Gott, Feind... Na ja, Mühe gibt er sich ja...“, sagte sie lächelnd und zuckte wieder die Schultern: „...keine Ahnung - ich weiß auch nicht. Die hätten doch kein heiles Haar an ihm gelassen!“
Im Grunde brauchte er auch gar keine Erklärung mehr dafür, es war mit einem Mal überhaupt nicht mehr so unbegreiflich, und er wechselte das Thema: „Wovon handelt denn dein Lied nun eigentlich?“
„Na, wovon solche Lieder eben handeln: von der Liebe, von zweien, die sich suchen und nicht finden, von Herzweh, und so weiter. Mutter hat es mir beigebracht.“
„Dann kannst du also diese Sprache richtig sprechen?“
„Ja. Wenn wir allein waren, hat sie oft so mit mir gesprochen.“ Noch jede Menge schöner Lieder habe sie sie gelehrt, bunte, märchenhafte Geschichten erzählt und die Lehren, Werte, Regeln und Gesetze ihres Volkes erklärt, habe ihr berichtet, wie es früher, vor ihrer Heirat, gewesen war. Nomis Leben, so hart es auch damals schon sein mochte, war gut und rund und richtig gewesen, solange die Mutter noch dagewesen war; die Quelle alles dessen, was dem Mädchen Halt und Kraft gab, all ihrer Lebenswärme und undemonstrativen frühreifen Weisheit war diese Mutter, diese enge Mutter-Tochter-Liebe und die unausgesprochen hochgehaltene und hartnäckig verteidigte Treue zu ihr, das wurde aus allem, was und wie sie davon erzählte, spürbar.
„Aber warum seid ihr denn eigentlich nicht bei ihren Leuten geblieben?“ wollte Johannes wissen, dem es um die Pferdewagen wirklich leid war.
„Na, wegen meinem Vater.“
„Also, an seiner Stelle wäre ich lieber mit denen rumgezogen als meine Frau ins normale Leben wegzuholen!“
Er blickte den Wasserlauf entlang, auf dessen kleinen Wellen die Lichtreflexe der spätnachmittäglichen Sonne tanzten. Zwischen dem Ufergebüsch der nächsten Biegung glitt ein langgestrecktes, flaches Boot gemächlich aus dem Gesichtsfeld. Darüber schossen jauchzend und kreischend wilde Banden von Mauerseglern hin und her und warfen sich ausgelassen, tollkühn und vertrauensselig in das nach Westen zu wie durch hauchdünn ausgeschlagenes feinstes Gold hindurch immer gläsern-grünlicher, immer lichter, immer ätherischer durchscheinende Himmelsblau hinein. Von dorther hatte die sinkende Sonne in diesem Augenblick einen freien Durchlass gefunden geradewegs aus den Weiten des Himmels zwischen allen Hindernissen aus Gebirgen, Häusern, Bäumen hindurch, so dass das rötlich-gelbe Licht sich in Nomis schwarzem Haarschopf fing und ein überirdischer Strahlenkranz sie zu umgeben schien.
Nach ein paar Sekunden Schweigen sagte Nomi: „Er hatte gar keine andere Wahl. Sie wollten ihn nicht mehr bei sich haben, haben ihn weggejagt aus der Sippe. Da ist Mutter mit ihm gegangen.“
„Warum? Weil er keiner von ihnen war?“
„Nein, er hatte wohl irgendwas angestellt, gegen ihre Gesetze verstoßen. Ich weiß das nicht so genau.“
„Und ... und ist sie jetzt schon lange tot?“
„Drei Jahre oder ein bisschen mehr. Das ist lang, oder? Trotzdem: manchmal glaub ich, ich kann mich besser an sie erinnern und an die Zeit, wo sie noch da war, als an alles, was seither gewesen ist; und jeden Tag wünsch ich sie mir zurück, immer, immer!“
„Mein Vater ist schon ganz lange tot, da war ich nicht mal drei. Ich kann mich leider fast gar nicht erinnern.“ Er lächelte leicht bei dem Versuch, die vagen Bilder, die ihm geblieben waren, abzurufen. „Sehr groß muss er gewesen sein. Wenn er mich auf seinen Schultern hat reiten lassen, habe ich alles von ganz hoch oben betrachtet. Und bei uns auf der Kommode steht ein Foto von ihm, deshalb weiß ich, wie sein Gesicht war.“ Plötzlich lachte er: „Das würde sich doch prima ergänzen, denke ich grade: du und dein Vater und ich und meine Mutter - das wäre zusammen wieder eine komplette Familie.“
„Bloß nicht!“ Nomi wehrte erschrocken ab. „Das wünschst du deiner Mutter nicht!“ Sie biss sich auf die Lippen und sah zur Seite, wie wenn sie die Worte bereute, sobald sie gesagt waren.
„Na, war ja nur ein Scherz“, beschwichtigte er. „Ist er denn wirklich so schlimm, dein Vater?“
Nomi schwieg.
„Die Leute sagen furchtbare Sachen von ihm. Dass er dich ganz elend schlecht behandelt vor allem.“
Mit abgewandtem Gesicht und in einem leisen, gepressten Ton sagte Nomi nur: „Er ist mein Vater!“, und es war deutlich, dass sie zu dem Thema nichts weiter zu sagen wünschte. Das war indessen schon eloquent genug, und Johannes spürte eine Auflehnung, eine Empörung in sich aufsteigen, und leistete im Stillen einen hochherzigen, ritterlichen Schwur, er werde von jetzt an ihr Beschützer sein und nicht mehr zulassen, dass ihr von irgendjemandem, auch nicht von ihrem Vater, ein Leid geschehe. Wie er das anstellen wollte, hatte er freilich keine Ahnung.
„Trotzdem: dann wärst du ja meine Schwester. Und ... und das fänd ich richtig toll.“ Noch war er gerade Kind genug, um auf keinen anderen Gedanken zu kommen, wenn er auch undeutlich spürte, dass es nicht genau das traf, was er sich wünschte und was er empfand. „Ja, so einen Bruder könnt ich schon brauchen“, gab Nomi lachend zu.
„Sag mal“, fing sie wieder an, „was war das damals eigentlich für ein Spiel, als ich ganz neu hier war - da seid ihr alle, die ganzen Kinder aus der Straße, dort drüben an der Mauer gewesen und irgendwie alle übereinander geklettert, und Fritz ist dann doch runtergefallen, weißt du noch?“
„Oh je, und ob ich das noch weiß! Erinnere mich bloß nicht an diesen Tag!“ Und er erzählte ihr von seinem Missgeschick mit dem Buch.
„Herr Mäuthis scheint ja große Stücke auf dich zu halten, nicht? Na, du bist ja auch der Beste in der Klasse.“ Sie lachte auf: „Ich bin immer noch dabei zu überlegen, ob ich die Frage richtig verstanden habe, da hast du schon die Antwort. Es ist schon genau richtig, dass du demnächst auf die höhere Schule gehst.“
„Was?!? Woher hast du das denn schon?“
„Rudolph hat das vor ein paar Tagen herumposaunt, als wir alle auf dem Nachhauseweg waren. Das konnte man gar nicht nicht hören. Er hatte wohl an der Tür gelauscht, als Mäuthis mit dir drüber gesprochen hat. - Stimmt es denn nicht?“
„Na, jedenfalls ist es überhaupt nicht sicher. Morgen muss ich erst so eine Art Prüfung bestehen oder ein Vorstellungsgespräch bei jemandem, der solche Hilfen vergibt für Arme-Leute-Kinder. Ich weiß selbst nicht, wie das wird.“
„Wünschen tust du’s dir aber schon, oder?“
„Aber ich hab auch ordentlich Angst.“