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Kitabı oku: «Im Reiche des silbernen Löwen IV», sayfa 15
»Wie streng du sein kannst, Effendi, wie unerbittlich kalt und streng! Das wußte ich noch nicht.«
»Meine Freundin, es handelt sich hier nicht um mich, sondern um das Wohl und Wehe vieler, vieler Menschenkinder,« antwortete ich. »Da hat etwas ganz Anderes zu sprechen, als das, was man »das Herz« zu nennen pflegt. Auch ist das Schicksal dieses Mannes ja noch nicht fest bestimmt. Es steht in seiner Hand. Er kann sich retten, wenn er Reue zeigt. Und grad das, was ich mit ihm vorhabe, ist geeignet, ihn am schnellsten zu dieser Reue zu führen.«
»Was wird das sein?«
»Ich gebe ihm ein Gefängnis, wo er sich zu entscheiden hat: Wahnsinn oder Reue. Weiter gibt es dort nichts.«
»Wo?«
»Unten im Bassin, im finstern Bergesinnern, ein kalter, nasser Sitz auf jenem Stein, auf dem wir das Skelett gefunden haben. In solcher Art Gesellschaft wird man mürbe!«
»Entsetzlich, entsetzlich! Effendi, bist du ein Mensch?«
»Schakara, Schakara! Ich will ihn retten. Und wer den Ausweg aus der innern Hölle nur durch die äußre Hölle finden kann, dem muß man diese öffnen. Mit Baklawa45 das Raubtier zähmen wollen, ist Unsinn und bringt doppelte Gefahr. Wir lassen ihn bis nachts im Turme liegen und schaffen ihn sodann an Ort und Stelle. Ich wette, daß es gar nicht lange dauert, so tut er das, was ich ihm voraussagte: Er bittet mich um die Genehmigung, mir seine ganze Schuld gestehn zu dürfen. – – – Was sehe ich da unten im Duar? Ist etwa Pferdemarkt?«
»Nicht Markt, doch aber Schau, und zwar für unser Rennen. Der Chodj-y-Dschuna hat sie anbefohlen. Ein jeder Dschamiki, der sich beteiligen will, muß sich mit seinem Pferde bei ihm melden. Hierauf wird dann die Rennbahn abgesteckt, und Jeder kann sich üben nach Gefallen.«
»So gehen wir hinab! Ich machte sehn, was sich für Kräfte stellen.«
»Wird dich das nicht zu sehr anstrengen?« fragte Schakara.
»Keinesfalls. Ich fühle, daß ich neues Blut besitze, und neues Blut bringt immer neue Kraft, im Körper wie im Geiste. Ich fand noch nie bei einem andern Kranken, daß die Genesung sich so wunderbar beeilte, wie sie bei mir es tut. Was ich noch vor drei Tagen für ganz unmöglich hielt, das kommt mir jetzt, wo ich die Fläche überblicke, die vielen Pferde unten stehen sehe und rechts da drüben meinen Assil schaue, in meiner Stimmung recht gut möglich vor – – – ihn gegen unsre Feinde selbst zu reiten.«
»Effendi, welch ein Gedanke!« rief Kara aus, indem seine Augen leuchteten. »Wenn das mein Vater hört, läßt es ihn schnell genesen!«
»Nur nicht sogleich entzückt! Ich bin noch viel zu schwach, kann höchstens daran denken, jedoch nichts bestimmen. Trotzdem, trotzdem, trotzdem! Nimm die Begeisterung, die Euch beseelen wird; denk auch ans Andere: daß wir geschlagen werden, von Ritt zu Ritt besiegt von solchen Gegnern, und stelle dich dann vor die letzte Tour, die das Verlorne wiederbringen kann, so werfe ich mich auf den schlimmsten Gaul und reite mit, daß alle Knochen fliegen, die seinen und die meinen, bis miteinander wir zusammenbrechen, wir beide tot, jedoch am Ziel – – – als Sieger!«
Wir kehrten nicht erst nach dem hohen Hause zurück, sondern gingen in entgegengesetzter Richtung hinüber nach den Steinbrüchen und den dortigen, breiten Weg hinunter in den Duar. Das war ein Jubel, als man uns bemerkte! Die Begeisterung, von welcher ich gesprochen hatte, schien sich schon heute eingestellt zu haben. Es gab so viele, fernwohnende Dschamikun, die mich noch nicht gesehen hatten. Die drängten sich alle, alle herbei, und jeder von ihnen hatte es ganz besonders darauf abgesehen, uns zu versichern, daß wir das Rennen unbedingt gewinnen würden.
Wir gingen mit dem Chodj von Pferd zu Pferd. Ein jeder Besitzer war bemüht, uns von den Vorzügen des seinigen zu überzeugen. Darum freute es mich, daß der Chodj sich als vortrefflicher Kenner zeigte. Er ließ sich nicht durch Worte enthusiasmieren, blieb kalt, bedächtig, überlegen und wies Alles zurück, was keinen Erfolg versprach. Aber grad dadurch erreichte er, daß unser Vertrauen stetig wuchs, und als wir zu Ende waren und er uns nach unserm Urteile fragte, konnte ich ihm zu seiner wie auch meiner Freude sagen:
»Das Material ist gut. Nicht nur im gewöhnlichen Sinne, sondern sogar in Beziehung auf den ungewöhnlichen Zweck. Nachdem ich diese Pferde gesehen habe, bin ich unbesorgt. Ich habe nicht gewußt, daß die Dschamikun so viel des edelsten Blutes besitzen, und kann die Gegner nicht begreifen, daß sie gewagt haben, mit uns anzubinden.«
»Der Grund ist leicht einzusehen,« antwortete er. »Sie prahlen mit ihren Pferden, geben ihnen hochtrabende Namen, wie zu Beispiel »das beste Pferd von Luristan«, bringen die Stammbäume derselben unter das Publikum und verbreiten über ihren unschätzbaren Wert so viele und so vollmäulige Geschichten, daß es schließlich Niemand mehr wagt, daran zu zweifeln. Jeder, der doch vielleicht noch den Mut besitzt, eine Wette einzugehen, tut dies aber unter dem Drucke der Angst, höchst wahrscheinlich besiegt zu werden, und da die Angst niemals zum Guten führt, so stellt sich stets auch hier die Niederlage ein. Man verliert; aber nicht das Pferd ist schuld, sondern die Furcht, welche die Energie und Geistesgegenwart des Reiters lähmte. Bei uns aber ist das anders. Wir sprechen nicht von unserer Zucht; ja, wir halten sie sogar und ganz geflissentlich geheim. Und besondere Stammbäume? Wozu diese, wenn überhaupt alles edel ist? Und das ist es ja, was wir erreichen wollen und erreichen werden! Auch wissen wir nur allzu gut, wie oft solche Stammbäume täuschen, zumal bei fortgesetzter Binnenzucht. Darum greifen wir fleißig nach außen hin, um zu verbessern, zu veredeln. Sodann hüten wir uns vor prunkenden Namen. Sie sind doch bloß nur Sand, den man schließlich sich selbst in die Augen streut. Kein vernünftiger Mensch glaubt mehr an Namen. Darum wählen wir zur Benennung grad unserer allerbesten Pferde nur Worte, welche möglichst schüchtern, ja oft sogar herabsetzend klingen, dabei aber eine bessere, tiefere Bedeutung haben, die nur von uns selbst, aber von keinem Fremden verstanden wird. Das wirst du noch sehen. Denn unsere Hauptrenner sind heut noch gar nicht hier, weil eine Prüfung bei ihnen nicht nötig ist. Aus allen diesen Gründen ist man über das, was wir besitzen, fast gar nicht orientiert. Frag draußen im ganzen Lande herum, ob wir imstande sind, ein großes Rennen gegen auswärtige Pferde zu gewinnen. Man wird lächeln, sogar über Sahm, deren Name übrigens der einzige ist, der nicht verschwiegen klingt, und dir sagen, daß man uns Ritt auf Ritt besiegen würde. Doch mögen sie nur kommen. Wir wissen, was wir haben, und verstehen, es zu reiten. Und was die Angst betrifft, nun, lähmen wird uns nichts. Weißt du, wer unser bester Reiter ist?«
»Wohl du?«
»O nein, o nein, sondern der Ustad selbst. In dem Augenblicke, an welchem er den Sattel berührt, ist er nicht mehr der Ustad der Dschamikun, sondern etwas ganz, ganz Anderes. Er gleicht dann einem plötzlich jung gewordenen Djinni46, dem jede Faser des Pferdes untertänig ist, und wer es mit ihm aufnehmen will, der wagt mehr, als er denkt! Hierbei fällt mir ein, dir zu sagen, daß der Scheik ul Islam einen Eilboten heim nach Chorremabad geschickt hat, natürlich nicht von hier, sondern von unterwegs aus, denn wir sollten höchst wahrscheinlich nichts davon erfahren. Aber dieser Bote traf auf einen unserer Pferdehirten, begann aus Rache für unser Verhalten hier ein Wortgefecht mit ihm und war dabei so unvorsichtig, sich zu verraten. Er rief dem Hirten höhnisch zu, daß wir verloren seinen, weil Ghulam el Multasim zum Ustad der Takikurden erhoben werde. Hältst du das für möglich oder nur für eine Lüge, um uns zu ärgern, Effendi?«
»Ghulam el Multasim, der Bluträcher, der Ertappte und Ueberführte, der vollständig Ehr- und Gewissenlose – – – Ustad der frommen, kurangerechten Takikurden? Warum soll das nicht möglich sein? Ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich, nachdem ich den Scheik ul Islam kennen gelernt habe. Dergleichen Leute sind zu Allem fähig. Warten wir es ruhig ab! Geschieht es wirklich, so kann es uns nur nützlich sein.«
»Nützlich? Uns? Dieser Mensch an der Spitze unserer neidischesten Feinde?«
»Ja. Denn wird man einmal zum Kampf gezwungen, so ist es besser, man hat den ganzen Pöbel hübsch beisammen, weil man die Hiebe dann umso dichter fallen lassen kann. Es sollte mich freuen, wenn es würde!«
Da begann es in den buschigen Brauen des Chodj-y-Dschuna zu spielen; seine Augen leuchteten auf, und er sagte in frohem Tone:
»Dank sei Chodeh! Ich sehe immer mehr, daß wir uns keinesfalls zu sorgen brauchen. Ich habe dir bereits gesagt, daß ich hier verschiedene Stellen bekleide. In gewissem Sinne bin ich auch so etwas Aehnliches wie Sypahsalar47 und weiß also genau, was es bedeutet, wenn wir das »Dschamikun in Waffen!« rufen. Ich wittre Krieg. Hast du vielleicht den Wunsch, einmal Heerschau zu halten?» «
»Allerdings; aber ich versage mir seine Erfüllung. Es würde Aufsehen erregen, und ich wünsche aber sehr, daß man uns für unvorbereitet halte. Man soll unbedingt der Meinung sein, uns vollständig zu überrumpeln. Sei noch verschwiegen! Wir werden uns zur rechten Zeit besprechen, sobald ich meine, daß sie gekommen sei. Die Fäden sind bereits in meinen Händen.«
Da kam der Pedehr, zur Schau leider zu spät, doch versicherte er, sich der Sache umso eifriger anzunehmen. Er war oben im Walde in seiner Jagdhütte gewesen und versprach mir in liebenswürdigster Weise, gleich neben der seinigen auch für mich eine bauen zu lassen und sie mir zu schenken.
Hierauf trennten wir uns, und ich ging mit Schakara und Kara Ben Halef heim. Der Letztere hatte seinen täglichen Uebungsritt zu machen, und die Erstere bat ich, von jetzt an ein Auge auf Pekala zu haben und sie zu verhindern, etwa nach den Ruinen zu gehen. Oben angekommen, besuchte ich meinen Halef und seine Hanneh.
Sie hatten sich da oben auf dem ebenen Dache der Halle vortrefflich eingerichtet und freuten sich über diese meine erste Visite hier in ihrem »Duar«, wie sie es nannten. Ich sage »sie«, denn Halef schlief nicht, sondern war wach. Als ich mich zu ihm gesetzt hatte und ihm zärtlich über die abgemagerten Hände strich, sagte er:
»Mein lieber, lieber Sihdi! Ich habe gehört, daß jetzt du der Herr des hohen Hauses bist. Wie kannst du das Alles nur versorgen, ohne daß ich imstande bin, dir mit zu helfen!«
Seine Stimme klang verhältnismäßig kräftig; sein Atem versagte nicht mehr, und seine Augen hatten wieder Leben.
»Sorge dich nicht!« antwortete ich. »Ich brauche keine Hilfe.«
»Aber du bist ja selbst noch krank und schwach!«
»Krank nicht mehr, sondern gesund, vollständig gesund. Und was die Schwäche betrifft, so fühle ich, daß sie mit jeder Stunde geringer wird. Ich erhole mich mit einer Schnelligkeit, die zum Erstaunen ist, und hoffe, daß dies nun auch bei dir der Fall sein werde.«
Als ich hierauf von der Pferdeschau erzählte, war es, als ob das zugleich heilende Medizin und stärkende Nahrung sei. Und das wirkte augenblicklich. Seine Wangen bekamen Farbe und seine Züge fast lebhafte Beweglichkeit. Das Wettrennen war der Punkt, an welchem für ihn die Spannkraft neu geboren zu werden schien. Darum blieb ich mit ihm bei diesem Gegenstande, bis er ermüdete und schließlich die Augen schloß, um mitten im Gespräche einzuschlafen. Inzwischen war es Mittag geworden, und ich aß mit Hanneh und Schakara in der Halle.
Dann, als ich hinauf in meine Wohnung kam und das Tal überschaute, sah ich zahlreiche Reiter ihre Pferde auf der Rennbahn tummeln, was von jetzt an jeden Tag und zwar von früh bis abends geschah. Ich blieb den ganzen Nachmittag oben, auch zum Abendessen, welches ich mir heraufbringen ließ. Kara wußte Bescheid. Ich hatte ihm denselben während unserer Heimkehr von der Pferdeschau erteilt. Er stand, als alle Andern, Schakara ausgenommen, schliefen, mit neuen Fackeln unten im Hofe bereit.
Wir gingen erst hinab nach dem Landeplatze, um die Fackeln in das Boot zu legen. Es war der zweite Tag des neuen Mondes, die Sichel am Himmel schon breiter und heller als gestern. Sie leuchtete uns. Nun benutzten wir den schon früh erwähnten, breiten Steinbruchweg, von welchem aus die hier ebene Fläche bis zu dem Quaderturm hinüberführte. Da dieser eingestürzt war und also oben offenstand, war es auch in ihm mondeshell. Für den Nebenbau, durch welchen wir mußten, hatte Kara ein Talglicht mitgenommen, welches angebrannt wurde.
Der »Aschyk« lag noch genau so, wie wir ihn verlassen hatte. Es war ihm unmöglich gewesen, sich zu bewegen. Man sollte denken, daß diese Qual, verzehnfacht durch den Schmerz, den die scharfen Fesseln verursachten, ihn veranlaßt hätte, sich gefügig zu zeigen. Das war aber keinesweges der Fall. Am Morgen hatte er seine Zuflucht schließlich doch zur Bitte genommen; nun aber schien er sich das wieder anders überlegt zu haben. Er empfing uns mit Vorwürfen, sprach von seiner »Botschaft des Friedens«, nannte sich wiederholt den »Auserwählten«, den »Missionar«, ohne dessen Hilfe wir verloren seien, und erdreistete sich endlich gar, zu sagen, daß er uns verzeihen und bei dem Schah-in-Schah für uns bitten wolle, wenn wir unsere Fehler einsehen und sofort verbessern würden. Ich machte durch dieses blöde, prahlerische Geschwätz einen Strich, indem ich ihn summarisch fragte:
»Kennst du den Scheik ul Islam persönlich?«
»Nein, nein, nein!« behauptete er zornig.
»Hast nichts, gar nichts mit ihm zu tun?«
»Nichts, nichts und dreimal nichts!«
»Bist nicht in seinem Auftrag hier bei uns?«
»Nein, nein und tausendmal nein!«
»Gut! Jetzt bin ich überzeugt; aber wovon, das wirst du sehen. Wir geben dir jetzt die Füße frei, doch weiter nichts. Du hast mit uns zu gehen, gehorsam, still, wenn du den Tod vermeiden willst. Wir wissen mit entsprungenen Verbrechern umzugehen und kehren uns nicht daran, daß sie im Schutz des Scheik ul Islam stehen! Merkst du etwas?!«
Da sagte er nichts mehr! Kara nahm ihm die Riemen von den Beinen und ließ ihn aufstehen. Er wankte infolge der Blutstockung so, daß er gehalten werden mußte. Doch als wir ihn erst einmal draußen im Freien hatten, bekam er nach und nach immer festern Schritt. So kamen wir den Berg hinab und an die Landestelle. Als er aufgefordert wurde, in den Kahn zu steigen, weigerte er sich und begann, wieder laut zu werden. Da warf ihn Kara einfach nieder, zwang ihm ein Stück mitgebrachtes Zeug als Knebel in den Mund, fesselte ihm die Beine wieder und schob ihn dann hinüber in das Boot, um ihm dort die Augen zu verbinden. Dann stiegen wir ein und ruderten nach dem Kanale.
Als wir das Gestrüpp am Eingang desselben hinter uns hatten, wurde die Fackel angebrannt und in das erwähnte Loch gesteckt. Erst schoben und dann ruderten wir uns weiter, bis wir das vordere Bassin erreichten. Der Aschyk sollte nicht wissen, wo der Weg zur Freiheit zu suchen sei, denn es war meine Absicht, ihn von den Fesseln zu befreien, und er konnte vielleicht ein guter Schwimmer sein, obgleich dies von einem binnenländischen Perser, dessen Mutter Erde ihn so trocken behandelt, nicht zu vermuten war. Darum trieben wir das Boot in das Becken hinein, bis der Kanal nicht mehr zu sehen war, und nahmen ihm dann die Binde von den Augen. Der Knebel verhinderte ihn am Sprechen und sein Gesicht lag so im Schatten, daß wir weder die Augen noch das Spiel der Mienen beobachten konnten, doch nahm ich an, daß der Anblick dieses schauerlichen Ortes von nicht geringem Eindruck auf ihn sein werde. Um diesen zu verstärken, nahmen wir uns die Zeit zu einer vielfach verschlungenen Rundfahrt. Da er auf dem Boden des Fahrzeuges lag, sah er nur, was oben war, und mußte also die Größe des Beckens in hohem Grade überschätzen. Das wollte ich!
Als ich meinte, daß es genug sei, hielten wir bei dem Steine an, auf welchem das Gerippe lag, dasselbe Gerippe, welches in meinem Traume so vorzüglich schwimmen konnte und so viel gesprochen hatte. Nun aber war es still. Die Beine eng und fast bis zu den Rippen emporgezogen, grinste es uns an, als ob es sich trotz seines Schweigens freue, einen Gesellschafter zu bekommen, der diese entsetzliche Einsamkeit mit ihm zu teilen habe. Er aber sah es nicht und ahnte es auch nicht.
Wir schoben, damit er das Skelett nicht sofort bemerken möge, das Boot nach der andern Seite des Steines. Kara legte den obern Teil seines Anzuges ab, um ihn nicht zu beschmutzen, und kletterte hinauf. Ich packte den Gefangenen am Genick und richtete ihn empor. Er war fast so starr wie eine Mumie und hatte die Augen zu. War das Ohnmacht, Schreck oder nur Verstellung? Kara faßte ihn von oben; ich schob nach; so brachten wir den Aschyk mit größerer Leichtigkeit hinauf, als zu vermuten gewesen war. Ich hatte angenommen, daß er sich möglichst widersetzen werde. Nun wurden ihm die Fesseln ab- und der Knebel aus dem Munde genommen. Dann stieg Kara wieder zu mir herunter und wickelte ein Paket auf, welches mit den Fackeln zusammengebunden gewesen war. Es enthielt für mehrere Tage Brot. Er warf es hinauf.
Bis jetzt hatte der Gefangene ruhig gelegen; nun aber regte er sich. Er tastete zunächst wie blind umher. Dann richtete er, auf die Hände gestützt, den Oberkörper auf, starrte erst rundum in die gähnende Finsternis hinein und dann zu uns herunter und stieß dann einen Schrei aus, dessen Echo wie aus Wahnsinnstiefen von allen Säulen widerklang.
»Was ist das hier, was, was, was, was?« heulte er. »Die Hölle, in die wir unsere Opfer stürzten! Die Finsternis, über welche wir lachten, wenn wir von oben herablauschten und die Körper auf das Wasser schlagen hörten! Und da liegt Brot, Brot, Brot! Gibt es denn hier noch gute Geister, die sich sogar des Teufels noch erbarmen, wenn er in der Verdammnis zu sich kommt?«
Er betrachtete uns. Sein Gesicht war vor Angst verzerrt, doch nahm es allmählich einen andern Ausdruck am. Die Wirkung des Schreckes begann zu weichen. Er besann sich.
»Du bist es, Effendi, du!« rief er in fast frohem Tone aus. »Also doch anders, anders als ich dachte! Was soll ich hier? Warum habt Ihr mich an diesen Ort gebracht?«
»Du gehörst hierher,« antwortete ich. »Der Mörder zu den Ermordeten!«
»Ich, ich – – mordete nicht! Das waren Andere! Diese meine Hand ist frei davon. Ich habe sie nie, nie, nie zum Sturze hergegeben! Sie ist vom Morde rein, rein, rein!«
Er hob die Hand wie zum Schwure empor.
»Aber geliefert hast du die Opfer und schadenfroh auf ihren Fall gelauscht. Was ist wohl teuflischer als das! Nun hast du Zeit zum stillen Weiterlauschen! Sie kommen, sie kommen, diese Opfer; darauf verlasse dich!
Du wirst sie hören, du Friedensbote unseres Schah-in-Schah! Es ist dir hier der ganze Raum und alle Zeit gegeben für das, was sie mit dir zu reden haben. Wir lassen dich allein; wir werden dich nicht stören!«
Ich griff zum Ruder, Kara auch.
»Halt, halt! Bleibt!«,schrie er auf.
Das Boot begann, sich zu bewegen.
»Nicht fort, nicht fort – – – nicht fort ohne mich! Ich muß mit, mit, mit!« bat er.
Ganz so, wie wir unten um die Säule bogen, kroch er oben in gleicher Richtung weiter. Da sah er das Skelett und brüllte förmlich auf:
»Der Tod, der Tod – – – leibhaftig, als Gerippe! Hinweg, hinweg, hinweg! Das halte ich nicht aus!«
Er erhob sich auf die Kniee, streckte uns die Hände nach und flehte:
»Erbarmen, Effendi, Erbarmen! Hier gehe ich zu Grunde!«
Da hielt ich an und antwortete:
»Was habe ich dir heut früh vorausgesagt? Du werdest auf den Knieen liegen und mich um was für eine Erlaubnis bitten?«
»Dir mein Geständnis machen zu dürfen!« jammerte er.
»Nun gut! Ich habe mein Wort erfüllt. Was tust du nun, um dich zu retten?«
»Die Wahrheit sagen. Weiter kann ich nichts!«
»So sprich!«
Ich tat einen Ruderschlag, um ihm wieder näher zu kommen. Sobald er dieses Zeichen der Geneigtheit sah, kehrte ihm der verlorene Mut zurück. Noch vor dem Gerippe schaudernd, von dem er sich ab- und zu uns wendete, wagte er doch, von Neuem zu lügen und zu leugnen:
»Ich weiß, du prüfst mich nur, Effendi. Du willst sehen, ob ich ein Mensch bin, der sich Unwahres ersinnt, um sich zu retten, und wirst mich dann, wenn ich es nicht tue, nur um so höher schätzen. Ich habe mit dem Scheik ul Islam wirklich nichts zu tun. Nimm mich jetzt wieder mit, und führe mich in dein Haus, so werde ich dir die Beweise geben, daß ich nur zu Euerm Glück zu Euch gekommen bin. Ich teile dir alle Geheimnisse dieser Ruinen und die sämtlichen Absichten Eurer Feinde mit. Ihr wandelt schnurgerad in das Verderben. Ich aber zeige Euch den Rettungsweg! Die Faust ist hoch erhoben, die Euch treffen soll. Wenn nicht schon heut, so fällt sie doch ganz sicher morgen auf Euch nieder. Ich aber, der ich Alles weiß, werde als Euer Beschützer bei Euch wohnen und – – —«
»Und dann mit deiner Pekala beim neuen Schah in Isphahan erscheinen!« fiel ich da ein. »Du Narr! Das war die letzte deiner falschen Karten. Zu denken, daß wir diesem Trumpfe glauben, nachdem wir alle andern schon als falsch erkannten, ist nicht mehr Wahnsinn, ist Vermessenheit! Fort, Kara, nur fort!«
Uns von ihm abwendend, senkten wir die Ruder. Einige kräftige Schläge und der Stein lag schon im tiefsten Dunkel.
»Halt, halt! Ich will gestehn, gestehn – – – gestehn!« schrie es hinter uns, und alle Säulen hallten es wider.
Wir kehrten uns nicht daran und überließen ihn der Finsternis, die nicht nur um ihn, nein, auch in ihm gähnte.
