Kitabı oku: «Im Reiche des silbernen Löwen IV», sayfa 24
Was diese Beute betraf, so hatte der Ustad im Namen sämtlicher Dschamikun auf sie verzichtet. Sie sollte nur unsern Verbündeten zufallen, und diese ernannten sogleich an Ort und Stelle eine Kommission, welche die einzelnen Stücke zu taxieren und gerecht zu verteilen hatte. Das geschah denn auch, und grad als der letzte Schatten in der Ritze der Kluft verschwunden war, hatte auch das letzte ihrer Pferde seinen neuen Herrn bekommen und die letzte ihrer Waffen ihre neue Stelle gefunden. Da war es nun aber auch beinahe Abend.
Die Bewachung der Gefangenen wurde den Kalhuran anvertraut, von deren Scheik man sicher sein konnte, daß er dieser seiner Pflicht genügen werde. Was hier nun noch zu geschehen hatte, konnte mir gleichgültig sein. Darum beschloß ich, heimzureiten, und Dschafar Mirza gesellte sich zu demselben Zweck zu uns. Da sahen wir weit draußen im Osten einen Kamelreiter kommen. Sein Tier war kein gewöhnliches. Es entwickelte eine Schnelligkeit, welche Dschafar zu dem Ausrufe veranlaßte:
»Das kann nur ein Eilbote sein! Vielleicht wieder vom Schah-in-Schah!«
Er hatte ganz richtig vermutet. Wir ritten so, daß der Mann auf uns treffen mußte, und erfuhren da, daß er vom Beherrscher komme und je einen Brief an Dschafar Mirza und an den Ustad der Dschamikun habe. Der Erstere bekam seinen Brief und las ihn sofort. Es war ein langer, schmaler, starkbesiegelter Zettel dabei. Dschafar lächelte, sagte aber jetzt noch nichts. Wir ritten weiter, mit dem Kuriere Schritt haltend. Aber meinem Syrr schien der Geruch des Kamels unangenehm zu sein. Er schüttelte den Kopf wie gegen einen lästigen Mückenschwarm und drängte seitwärts ab. Das half nicht genug. Da bäumte er sich unwillig auf und setzte sich dann in einen Galopp, der mich weit, weit eher als die Andern vor das Zelt Ahriman Mirzas brachte. Der Ustad war noch da. Er sagte, daß er soeben erst mit dem Lesen fertig geworden sei und mir erst morgen mitteilen werde, was er hier so ganz unerwartet gefunden habe. Ich erzählte ihm, in welcher Weise die Schatten entwaffnet und untergebracht worden waren, und dann kam der Kurier, welcher das Schreiben abgab.
Es war inzwischen so dunkel geworden, daß wir im Zelte Licht anbrannten, damit der Ustad es lesen könne. Es enthielt zwei Bogen, beide mit dem Siegel und der eigenhändigen Unterschrift des Beherrschers. Den einen gab er mir mit dem Bemerken, davon Gebrauch zu machen, sobald es mir beliebe. Es war – – – die volle, bedingungslose Begnadigung des Aschyk. Den andern steckte er ein, ohne jetzt schon über seinen Inhalt zu sprechen. Es war ihm zunächst um den Transport der Truhe zu tun, die er unmöglich hierlassen könne. Es sei nicht nur Wahnsinn, sondern geradezu Verrücktheit, derartige Papiere nicht besser aufzubewahren als der Prinz. Da erbot sich der Kurier, die Truhe mit auf sein Kamel zu nehmen. Er mußte ja mit nach dem Duar, um dort zu warten, bis der Bericht des Ustad und die Antwort Dschafars fertig waren. Sie wurde ihm hinaufgegeben und oben festgebunden, und dann ritten wir heim.
Heim! Ja, es ist Heimatsgefühl, welches mir dieses Wort aus der Feder fließen läßt. Wer sich bei guten Menschen nicht daheim fühlt, für den gibt es überhaupt keine Heimat, weder hier noch dort. Er hat sie sich erst zu – – – ersühnen! Und wer da nicht weiß, daß es auch geistige und seelische Stätten gibt, welche köstlicher und heiliger sind als jedes irdische Vaterhaus, der ist ärmer als selbst der Bettler, dem die kleinste Herberge einen Platz zum Ruhen gewährt. Zu so einer heiligen Stätte war mir das Haus des Ustad geworden, und der Duar hier im Tal zu einem Wohnsitz von lieben Verwandten. Darum war der Tag ihrer Befreiung von Schatten und Schemen nicht bloß für sie, sondern auch für mich ein Freudentag, und ich horchte froh auf, als jetzt ganz da vorn eine krachende Salve von allen Kanonen ertönte und mit ihrem Donner die Feuer der Höhen erweckte.
Wir ritten langsameren Schrittes, um den sich entwickelnden Anblick hastlos zu genießen. Da stiegen zuerst drüben am Beit-y-Chodeh die Flammen auf, als ob dort ein Jesaias stehe, der sein »Mach dich auf, und werde Licht!« in Feuergluten erschallen lasse. Und das ganze Tal gehorchte; die Berge »machten sich auf«, und auf allen Höhen »wurde Licht«. Und hoch über diesen Bergen zündete auch das Firmament jetzt seine Leuchten an und ließ »das Licht von oben« niedersteigen. Die Alabasterkrone erschien, uns im Sternenscheine gezeigt, als ob sie der Erde vom Himmel entgegengestreckt werde, weit hinaus in das Dunkel der Bergestiefe ragend. Da machte sich auch dieses Dunkel auf, gehorsam zu sein. Es begannen Fackeln zu leuchten, von fröhlichen Kindern im Duar herumgetragen. Hierauf strebten auf der stehengebliebenen, vordern Cyklopenmauer, zu beiden Seiten des heut entstandenen Kirchenplatzes, zwei gewaltige Flambeaus in die Höhe, von mächtigen Holzstößen erzeugt, welche Schakara hier hatte aufhäufen lassen, um den Bereich der Vernichtung zu illuminieren. Das gab eine solche Fülle von Licht und tagesähnlicher Helle, daß die Finsternis enteilte und, sich in ängstlich zitternde Schatten auflösend, an der Bergwand emporkletterte. Und mitten aus diesem häßlichen, zappelnden Schreck trat in erhabener Schönheit und imponierender Ruhe die makellose, herrliche Gestalt des Gebetes hervor, einer Offenbarung gleich, einer Manifestation der frohlockenden Menschheitsseele. Der Eindruck dieser Erscheinung war so unmittelbar packend und so unwiderstehlich, daß der Ustad sein Pferd anhielt, auch dem meinigen in den Halfter griff und, aber nur leise, sagte:
»Halt – – warte! Laß die Andern fort; sie stören!«
Sie ritten weiter. Wir aber stiegen ab und standen lange, lange, in die Gedanken versunken, oder richtiger, die Gedanken förmlich atmend, mit denen uns die Seele des aus dem Fluche erlösten Gegners überflutete.
»Mein liebes, kleines, längst gewünschtes Kirchlein!« unterbrach der Ustad endlich und tief aufatmend unser Schweigen. »Nun kann und darf ich dich wohl endlich bauen! Ich habe nichts, gar nichts hinwegzuräumen vom Platze, den ich mir dachte; ein Anderer tat es für mich. Die Wasser der Bassins sind in den See gewichen und werden dort verbleiben. Die versunkenen Quader geben mir den allerbesten Grund. Die riesigen Würfel und Rundstücke zu den Pfosten und Säulen der Halle sind zwar aus dem Neuen herzustellen, doch ist hier überall das reichste Material dazu vorhanden. Aufs leere Postament wird dieses Bild gehoben, und wenn dann meine Dschamikun begreifen, daß Beten eine Kunst, und zwar die allerhöchste ist auf Erden, obgleich Natur sie schon den Kindern lehrt, so ist die Einsicht und Erkenntnis da, selbst mit dem kleinsten Kirchlein gern fürlieb zu nehmen. Schon sehe ich den Ort der Andacht ragen, der zeigen soll, wie groß, wie groß der Herr, wie aber winzig, winzig klein das arme Menschlein ist. Schon höre ich dort am Berg die Glocken hell erklingen, die übers ganze Tal – – horch!«
Er hielt inne, denn hinter uns waren die Freudensalven zu hören, mit denen die heimkehrenden Krieger den im Widerscheine der Flammen strahlenden See und den schimmernden Duar begrüßten: Darum schwangen wir uns wieder auf und eilten, den letzteren zu erreichen. Wir hielten dort gar nicht an, sondern ritten direkt hinauf zum Hause. Noch vor dem Tore holten wir Dschafar und Kara mit dem Kurier und dem Aschyk ein, die sich unten etwas verweilt hatten. Im Hofe angekommen, wurden wir von der noch immer hier postierten Besatzung mit Jubel begrüßt und erfuhren, daß die Katastrophe auf dieser Seite des Berges nicht den geringsten Schaden angerichtet habe. Der Kurier wurde diesen Leuten als Gast übergeben. Der Ustad ließ die Truhe nach seiner Wohnung tragen und folgte auf dem Fuße hinterher, so wichtig war sie ihm. Dschafar ging nach der seinigen, um sich umzukleiden, denn wir hörten, daß ein festlicher Schmaus für uns und die sämtlichen Anführer vorbereitet werde. Kara eilte zu Vater und Mutter. Er wollte zwar vorher die Pferde besorgen, doch nahm ich das auf mich; der Aschyk half mir dabei.
Als wir sie durch den Hof und nach der Weide führten und dabei an der offenen Küche vorüberkamen, sah ich, daß da drin die in der Kochkunst wohlerfahrene Frau des Chodj-y-Dschuna als heutige Gebieterin waltete. Sie hatte das große Werk übernommen, den Hunger aller unserer Diplomaten und Feldherren zu befriedigen. Schakara‘s Aufgabe aber war gewesen, »die prunkende Tafel zu decken«. Da ich sie nicht sah, so vermutete ich sie in der Halle, wo gegessen werden sollte.
Ich überließ die andern Pferde dem Aschyk, versorgte nur Syrr und ging dann hinauf zu mir, nicht durch das Haus, sondern von außen. Noch hatte ich die Plattform nicht erreicht, so sah ich Schakara, welche oben an den Stufen stand, mich zu begrüßen. Wie kam es doch, daß wir einander nur die Hände reichten und nichts dazu sagten? Sie zog mich zur Balustrade und zeigte hinab, auf das Gebet. Wir sahen es von hier aus in noch vollerer Gestalt als von unten, auch den Sockel. Warum erschien es mir jetzt noch schöner, erhabener und eindrucksvoller als vorher? Ich faltete die Hände. Da fragte Schakara:
»Effendi, kennst du die Sage von Chodeh, dem Eingemauerten?«
Schon wollte ich antworten: »Du hast sie mir ja selbst erzählt!« Aber ihr Gesicht stand im alabasternen Schimmer des Gebetes, und da sah ich, daß sie schalkhaft lächelte. Darum blieb ich still. Nach Kurzem fragte sie abermals:
»Effendi, kennst du die Sage von dem verzauberten Gebete?«
Natürlich antwortete ich auch dieses Mal nicht. Da fuhr sie fort:
»Bevor du kamst, stand ich hier und dachte darüber nach, ob diese beiden Sagen wohl ganz dasselbe meinen. Ich glaube, ja. Und wenn das richtig ist, so habe ich den Berg gefunden, den ich suchte.«
Drittes Kapitel: Vor dem Rennen
Am nächsten Morgen vermaß ich mit Karas Hilfe die Ruinen, so unauffällig wie möglich. Die Aufmerksamkeit der Dschamikun war derart auf den Rennplatz gerichtet, daß sie uns gar nicht beachteten. Ich fand, daß meine Vermutungen mich nicht getäuscht hatten. Die Seitenkanäle lagen genau unter den sich amphitheatralisch erhebenden einzelnen Stockwerken. Und das Alabasterzelt stand, allerdings in viel größerer Höhe, ebenso genau über der Nische des hintern Bassins.
Nachdem ich dieses festgestellt hatte, machte ich einen Spazierritt, ja, einen Spazierritt, freiwillig, ohne daß ich vom Pferde dazu gezwungen wurde. Es ging vortrefflich, rund um den See, hübsch langsam und bedächtig, bis Assil auf den Gedanken kam, doch auch mal einen Trab mit mir zu versuchen. Das schukkerte ein bißchen, und ich kam einige Male etwas schief auf die Seite; aber ich konnte mich doch unmöglich vor meinem eignen Pferde blamieren und so hielt ich es nolens volens aus. Da kam mir eine Schar von Jungens entgegen, welche, hier wie überall, den künftigen Ereignissen vorzugreifen suchten. Die kleineren saßen auf alten Ziegenböcken, die größeren auf Eseln. Laut schreiend, lachend, jubelnd kam mir diese Bande entgegen, mit allen Beinen zappelnd und mit allen Händen in der Luft. Sie füllten den ganzen Weg und Keinem fiel es ein, mir auszuweichen. Das sah Assil ebenso gut wie ich. Er wollte sie nicht über den Haufen rennen, prallte mitten im Trabe auf die Seite und stand fest. Das gab für mich zwei ganz unerwartete Stöße, die mich allerdings nicht im geringsten geniert hätten, wenn ich schon wieder bei vollen Kräften gewesen wäre. So aber war ich nicht stark genug, mich in den Bügeln zu halten. Ich verlor die Balance und wäre wohl herabgestürzt, wenn ich nicht schnell den zweiten Stoß benutzt hätte, in möglichst unlächerlicher Weise aus dem Sattel zu kommen. Ich schwang mich auf den Sattelknopf stützend, das eine Bein über das Kreuz des Pferdes auf die andere Seite herüber, um der Sache den Anschein zu geben, als ob ich absichtlich habe hinabgleiten wollen, doch hatte ich diesem Schwunge trotz meiner Entkräftung oder noch wahrscheinlicher grad wegen derselben zu viel Kraft gegeben und kam darum nicht nur ganz elegant vom Pferde herab, sondern setzte mich noch viel eleganter auf den Boden nieder.
Für einen Augenblick war ich ganz starr darüber, daß mir, mir, mir so Etwas hatte geschehen können. Auch Assil drehte den Kopf herum, hob sehr verwundert den Schweif und spielte mit den Ohren, als ob er diese ganze, kolossale Fatalität für gar nicht wahr, sondern nur für eine ausgesonnene Geschichte halte. Dann stand ich auf und gab mir Mühe, ein möglichst unbefangenes Gesicht zu machen, ungefähr so, wie ein Pudel, der beim heimlichen Milchtrinken ertappt worden ist und sich noch schnell den weißen Schnurrbart abwischen will, aber doch nicht kann. Es verfing auch nicht im Geringsten.
Die Zeugen meiner »öffentlichen Sitzung« waren halten geblieben, und alle Ziegenböcke, Esel und Jungens richteten ihre Augen auf mich. Von den ersteren Kreaturen will ich nicht reden; auch die Knaben gaben sich aus Ehrfurcht vor dem »Effendi« alle Mühe, nicht laut aufzulachen, aber in ihren Gesichtern lachte es um so deutlicher; mehrere kicherten. Das war schon aufrichtiger. Der Aufrichtigste aber war ein lang aufgeschossener, wahrscheinlich etwas vorlauter »Hans in allen Gassen,« der vor Wonne von seinem Esel sprang und, mit den Armen windmühlend, in ein schallendes Gelächter ausbrach, in welches erst die nur Kichernden und dann auch alle Andern sich bewogen fühlten, einzustimmen.
»Abgerutscht, abgerutscht!« schrie der Schlingel, indem er einen Freudensprung tat und dabei in die Hände klatschte.
Er schien der Anführer und Vergnügungsdirektor dieser lustigen Erinnyen zu sein, denn »Abgerutscht, abgerutscht!« ertönte es nun aus allen Kehlen, wobei alle Beine sprangen und alle Hände klatschten.
»Herunter hat er gemußt, herunter!« jubelte er vor.
»Herunter hat er gemußt, herunter!« triumphierte der ganze Chor ihm nach.
»Und gesetzt hat er sich sogar, gesetzt, so wie ich hier!«
Er ließ sich bei diesen Worten niederplumpsen. Im nächsten Augenblicke saß die ganze Räuberbande an der Erde, und Alles schüttelte sich vor Vergnügen und schrie dazu:
»Gesetzt hat er sich sogar, gesetzt, so wie ich hier!«
Natürlich lachte ich mit. Nun aber kam es schlimmer:
»Dann stand er stolz wieder auf, mit einem solchen Gesicht!«
Bei diesen Worten krebste sich der Naseweis langsam in die Höhe und ahmte nach, wie unbefangen ich hatte erscheinen wollen, aber so übertrieben, daß es auch für mich selbst eine Wonne war, ihm zuzusehen.
»Dann stand er stolz wieder auf, mit einem solchen Gesicht!« frohlockte es in allen Tonlagen, deren eine jugendliche Kehle fähig ist. Ein Jeder erhob sich zunächst auf alle Viere, balancierte sich dann langsam und vollends in die Höhe und versuchte hierauf, das vorgezeichnete Gesicht so treffend wie möglich nachzumachen. Der Eindruck keines Lustspieles, keiner Posse kann so hinreißend sein wie die Wirkung dieser improvisierten, höchst wohlgelungenen Burleske. Was ein Anderer an meiner Stelle getan hätte, geht mich nichts an. Der Knabe war begabt, war originell. Ich fragte ihn:
»Bist du wohl im Reiten ebenso schnell wie mit dem Munde?«
»Noch schneller!« versicherte er.
»So? Dann höre, was ich dir sage, mein Junge! Ich sehe, daß Ihr Wettrennen macht. Hier fangt Ihr wieder an und reitet bis zur letzten Bucht hinunter. Wer zuerst ankommt, der erhält ein großes Pul-i-Säfid66 von mir. So steigt also wieder auf, und reitet los!«
Da waren sie alle im Nu auf ihren Ziegenböcken und Eseln. Ich hob die Hand, und die frohe Hetze begann. Natürlich waren die Esel den gehörnten Rennern schon sehr bald weit voraus. Das gab ein tolles Schreien und Strampeln, um doch noch nachzukommen! Ich aber stieg vergnügt wieder auf und folgte langsam hintendrein. Das Seeufer machte weiterhin eine Biegung, welche mir den Anblick der Rennenden entzog. Als ich diese Stelle erreichte und um sie gebogen war, sah ich gar nicht weit von mir das ganze »Feld« wieder eng beisammen. Man war abgestiegen und schien die Burleske hier zu wiederholen, wie ich an den Bewegungen bemerkte und an dem Gelächter, welches zu mir her scholl.
Mich nähernd, sah ich den langen Improvisatore am Boden sitzen. Er rieb sich hinten das Kreuz und machte ein unaussprechlich jämmerliches, elendes Gesicht. Um ihn herum fielen soeben alle seine Genossen nieder und riefen lachend durcheinander:
»Er wollte auf, setzte sich aber wieder nieder!«
Und einer von ihnen, der das Amt des Vorsprechers übernommen hatte, fuhr fort:
»Nun scheuert er sich da in dieser Gegend!«
Indem er dieses sagte, fuhr er sich mit beiden Händen nach dem Kreuze und begann, zu reiben. Die Andern machten es ihm schleunigst nach und wiederholten lachend:
»Nun scheuert er sich da in dieser Gegend!«
»Und schneidet dabei folgendes Gesicht!« fügte er hinzu, indem er das Minenspiel des vom Esel Gestürzten nachahmte.
»Und schneidet dabei folgendes Gesicht!« repetirte die lustige Gesamtheit, indem auf den Gesichtern aber alle möglichen Uebergangsstaffeln von der einfachen Betrübnis zur höchsten Verzweiflung zu sehen waren.
In diesem tragikomischen Augenblicke erreichte ich die jubelnden Bewunderer meiner Reiterkünste.
»Was ist denn geschehen?« fragte ich.
Sie standen höflich auf. Auch mein Kritikaster kam langsam und seufzend in die Höhe.
»Der Esel hat mich abgeworfen, Effendi,« antwortete er, fast weinend über die von dem Tiere an ihm verübte Niederträchtigkeit.
»Ohne daß dir der Weg versperrt worden ist, wie Ihr es bei mir tatet?«
»Ja, ohne!« gestand er, indem er nun wirklich und laut zu heulen begann.
»Beruhige dich, mein Junge. Das ist weiter nichts! Du bist nicht der Erste und wirst nicht der Letzte sein, der über Andere kritisiert und dann vom eigenen Esel abgeworfen wird. Damit ist das Rennen zu Ende. Aber trotzdem sollt Ihr Euer Pul-i-Säfid haben. Hier; teilt Euch drein, Jungens!«
Ich griff in die Tasche und warf das Silberstück unter sie hinein. Sie stürzten sich alle über dasselbe her, am schnellsten der soeben noch heulende Schlingel. Seine Kreuzschmerzen wurden durch den Anblick des Geldes augenblicklich kuriert. Ich aber ritt vergnügt von dannen, um, daheim angekommen, zu meinem Hadschi Halef hinaufzusteigen. Er war wach, und zwar noch munterer als gestern. Kara hatte ihm erzählt, was ich in Beziehung auf meine etwaige Beteiligung am Rennen gesagt hatte, und er war darüber so begeistert, daß er mich mit den Worten empfing:
»Hamdulillah, wir werden das Rennen gewinnen, Sihdi!«
»Wer behauptet das?« fragte ich.
»Ich, Hadschi Halef Omar, der Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar! Du reitest ja mit, und da werden wir auf alle Fälle siegen!«
»Nicht so laut, mein Halef, sonst wirst du ausgelacht!«
»Warum? Von wem?«
»Weil ich soeben vom Pferd gefallen bin.«
»Du? Kara Ben Nemsi Effendi, der jedes Pferd hinwirft, aber es nicht ihn?!«
»Ja, ich!«
Nun setzte ich mich nieder und erzählte. Ich war bei guter Stimmung, und so gelang mir mein Bericht derart, daß der brave Hadschi sich in ein Lachen verwickelte, aus welchem er gar nicht wieder herauskommen konnte. Sich vorzustellen, daß sein Sihdi vom Pferde »gerutscht« sei, war das Allerlustigste, was er sich nur denken konnte.
»Wieder eine Arznei!« sagte er, als er sich endlich beruhigt hatte. »Das kuriert! Alle Tage zweimal so lachen, Vormittags einmal und Nachmittags einmal, da werde ich in kürzester Zeit gesund und mache das Rennen auch noch mit! Denn, weißt du, Sihdi, der Frohsinn ist der allerbeste Arzt. Ueber ihn kommt kein Hekim und Hekimbaschi67. Darauf kannst du dich verlassen!«
Nach dem Mittagsschläfchen, welches ich mir gönnte, kam ein Kalhuri-Reiter, welcher mir eine Botschaft von dem Ustad brachte. Es war eine gute. Der Schah befand sich zur Zeit nicht in Isphahan, sondern auf seinem uns viel näher liegenden Schlosse Mihribani, und zwar mit fast seinem ganzen Hofstaate, ein Umstand, welcher die Abwesenheit des Ustad ganz bedeutend abkürzen konnte. Der Bote suchte dann seinen Gebieter, den Scheik der Kalhuran auf, dem er eine wichtige Mitteilung zu machen hatte. Wie ich dann erfuhr, betraf sie die Bruderhilfe von Seiten sämtlicher Kalhuran, falls die Dschamikun von irgend einer andern Seite angegriffen werden sollten. Der Ustad schien also unterwegs Beobachtungen gemacht oder Dinge erfahren zu haben, welche sich hierauf bezogen.
Später saß ich, in einem seiner Werke lesend, auf meinem platten Dache, da sah ich Schakara. Sie war drüben in den Ruinen, auf dem wüsten Vorhofe der zweistöckigen Etage, über deren schmaler Tür sich die zwei zerbrochenen Tafeln befanden. Da ich grad am Schlusse eines Kapitels angekommen war, legte ich das Buch weg, um sie zu überraschen. Sie hatte ein Gefäß in der Hand und schien Brom- oder Himbeeren zu pflücken, die es dort in Masse gab. Daß dieser Vorhof voll dorniger Sträucher und Stachelranken war, habe ich bereits gesagt.
Ich stieg also meine Stufen zum Glockenwege hinüber und ging von hier aus auf dem schmalen Ruinenfelde nach dem Turme, in welchem wir den Aschyk festgenommen hatten. Hier war eine Treppe gewesen, welche in den Vorhof, wohin ich wollte, hinuntergeführt hatte. Jetzt war sie kaum noch zu erkennen, verwittert, zerbröckelt und mit allerlei Geröll ausgefüllt, aber für bedächtige Füße doch noch gangbar. Ich glitt mehr, als ich stieg, diese Steilung hinab und wand mich zwischen den Beerenranken hindurch, um zu Schakara zu kommen. Da sah sie mich. Sie deutete nach der entgegengesetzten Seite und sagte:
»Wärest du doch von daher gekommen; da ist es viel bequemer. Da findet man sich sogar des Nachts zurecht!«
Ich sah freilich, daß von dem breiten Steinbruchwege der Zugang zu diesem Vorhofe ein viel kürzerer und leichterer war. Das hatte nichts Auffälliges. Dennoch hielt ich ihre letzten Worte fest und fragte, als ich sie erreichte:
»Des Nachts? Weißt du das so genau?«
»Wie aufmerksam du bist und Alles gleich bedenkst!« antwortete sie, indem sie das Gefäß zu Boden setzte. Es waren wirklich Hubub68 darin. »Ich bin allerdings schon hiergewesen, des Nachts.«
»Allein?«
»Allein und doch nicht allein. Von unsern Leuten war Niemand hier, dafür aber Andere.«
»Wer?«
»Ja, wer das wüßte! Ich wollte dir es später sagen, weil du dich schonen sollst. Aber weil du nun einmal hier bist und auch gleich fragst, will ich es dir nicht länger vorenthalten. Du weißt, daß ich mich bei den Dschamikun befinde, um zu beobachten; was, das sage ich dir schon noch. Ich gehöre nicht zu den Frauen, welche vor der Nacht erschrecken und sich fürchten, wenn es dunkel ist. Wer nur das Gute will, braucht nirgends Angst zu haben. Und ich liebe grad das Sternenfirmament und den guten Mond, der so verschwiegen tut und doch so gern erzählt, wenn man ihn nicht verachtet.«
»Ich auch.«
»Auch du? Wieder ähnlich! Das war also der Mond, mein alter lieber Freund, der kam zu mir, als ich nicht weit vom Garten saß, und zeigte mir die magische Gewalt der alten Mauern, der man kaum widerstehen kann, wenn sie in seinem Glanze wie erzittern. Ich mußte mich erheben und mit ihm hier herüber. Wie kam es doch, daß er mich grad bis dort zur Ecke führte, wo der Gedanke auf mich wartete, mich in den tiefen Schatten hinzusetzen? Der Abend war so schön. Er wartete auf seine Mitternacht. Und als sie kam, floß silbern ihr Gewand, und auf dem Haupte trug sie alle Sterne. Doch hinter ihr kroch leise es heran, verstohlen, heimlich, jeden Laut vermeidend, fast so, wie ich mir ein Gewissen denke, das sich durchs Leben nur noch schleichen kann. Es waren Menschen. Sie kamen nicht zusammen, sondern einzeln. Dort von dem breiten Pfad nach hier herüber und huschten alle nach der engen Tür, in welcher sie verschwanden. Der Letzte kam nach einer längern Pause. Sein Angesicht war schwarz; wovon, das konnte ich nicht sehen, weil ich so fern von seinem Wege saß. Er war sodann der Erste, der, wie mir schien, nach einer halben Stunde den Bau verließ und nach den Brüchen ging. Nach wieder einer Pause erblickte ich den Nächsten, der ihm folgte. Sie kamen allesamt zurück, doch ebenso vereinzelt wie vorher. Ich hatte sie gezählt und schlich dem Letzten nach. Er stieg nicht ganz hinunter. Er wandte sich zur Seite, um den Duar herum, als ob er ihn vermeiden müsse und doch hinüberwolle nach dem See. Das lenkte meinen Blick hinaus ans Wasser. Ich habe scharfe Augen, und günstig war mir meines Freundes Licht. Ich sah, daß Reiter sich von dort entfernten, genau so einzeln wie die Fremden hier.«
»Hat sich diese Beobachtung später wiederholt?« fragte ich.
»Nein. Ich sah es nur einmal.«
»Wieviel Personen waren es?«
»Sechs, mit dem Letzten.«
»Kannst du dich vielleicht auf den Tag besinnen?«
»Sehr genau. So Etwas merkt man sich. Am nächsten Montag werden es vier Wochen.«
»Sprachst du mit irgend Jemand schon davon?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Ich schwieg, weil das mit meinem Zweck zusammenhängt, doch dachte ich sehr oft darüber nach. Ich wollte an demselben Mondestag mich wieder dorthin an die Ecke setzen, um zu erfahren, ob sie kommen würden.«
»Schakara!« rief ich da aus.
»Was, Effendi? Worüber bist du so überrascht?«
»Daß du so deutlich ahnst! Daß das in dir so klar am Tage liegt, was ich aus der Verborgenheit mit aller Mühe zerre! Du sollst die Seele sein und bist sie wirklich! Dschanneh, Dschanneh, die sicherer empfindet und überzeugender das Ferne schaut, als es dem Geist, dem stolzen, möglich ist!«
»Dschanneh?« fragte sie. »Hast du dieses Wort von Marah Durimeh gehört? Es ist mein Kosename. So nannte sie mich stets, wenn sie mich zärtlich, lobend an sich zog und mir das Haar mit Mutterlippen küßte.«
»Wirklich? Wirklich? Kosename? Mein Kind, wenn Marah Durimeh in solchem Augenblick dir einen Namen gibt, so liegt in diesem Kosen tiefste Wahrheit. Man ruft dich »Schakara«, damit du »dankbar« seist. Wofür? Nicht nur Dschanneh zu heißen, es wirklich auch zu sein!«
»Ich verstehe dich nicht, Effendi, und doch fühle ich, daß du nichts Falsches sagst. Ich sprach von meiner Wiederkehr nach jener Ecke dort. Ich wollte gern erfahren, ob sich in dieser Mäjmä-i-Yähud vielleicht ein – – —«
»Mäjmä-i-Yähud?« unterbrach ich sie schnell. »Sonderbar, höchst sonderbar! Wie kommst du auf diesen Namen für grad diese Etage?«
»Ich weiß es nicht. Ich halte sie dafür. Das kommt mir so empor und auf die Zunge!«
»Ja, ich verstehe. So muß es sein! Du ahnst und darfst nicht ahnen! Dschanneh, Dschanneh, das unbewußte Wissen! Wir gehn gleich jetzt nach dieser deiner Ecke und setzen uns dort nieder. Ich habe zu erzählen. Du wirst sie kommen sehen, am hellen Tageslicht, die Schatten alle und zuletzt die Männer, die du des Nachts damals gesehen hast.«
Wir gingen hin. Es gab jetzt nicht Mondes- sondern Sonnenschatten dort. Ein großer, niedriger Stein lag da; der diente uns als Bank. Ich begann meinen Bericht da, wo ich am Tigris die Sillan belauscht und zum ersten Male das Wort Mäjmä-i-Yähud gehört hatte, und berichtete ihr Alles, was dann geschehen war und bestimmt zu sein schien, grad mich, den Fremden, den eigentlich ganz Unbeteiligten, als den gefährlichsten Feind der Schatten heranzuziehen. Sie hörte still zu, ohne Unterbrechung, wie das so ihre liebe, verständige Weise war. Als ich geendet hatte, holte sie tief Atem und sagte:
»Effendi, liegt nicht in dem Allen ein fester, zielbewußter und sicher vorwärtsschreitender Wille? Kein Fatum, kein Kismet, sondern eine Führung, eine Oberleitung, welche zwar dich erkoren hat, ihre Absichten auszuführen, aber dir doch jeden möglichen Spielraum für deine eigenen Gefühle, Gedanken und Entschlüsse läßt? Wer hat dies angeordnet, und wer sind all die Guten, Mächtigen, die dich in jeder Not beschützen und stetig dafür sorgen, daß deine Augen immer weiter und immer klarer sehen dürfen? Du gehst den Weg, den du den deinen nennst; er ist es auch, jedoch zugleich der ihre. Weich ja nicht von ihm ab! Laß dich nicht auf die Pfade Anderer hinüberlocken! Du würdest diesen starken Schutz verlieren und nicht Gebieter, sondern Sklave sein! Das ist dieselbe Führung, die auch mich, sobald du kamst, zum hohen Hause brachte. Das sehe ich jetzt ein. Wir reichen uns die Hände, zum Heil der Dschamikun. Und nun ich dieses weiß, kann ich jetzt offen sprechen: Hast du Zeit, Effendi?«
»Für meine Seele stets. Das bist du ja – – Dschanneh!«
»Wie mich das freut, daß dieser liebe Name mir auch aus deinem Brudermunde klingt! Du weißt, daß ich von Marah Durimeh beauftragt bin, im Stillen hier zu forschen. Der Ustad sollte zwar nichts davon wissen, doch aber dann das Resultat erfahren. Du ahnst es nicht, wie weit sie blickt, die hohe Frau im ärmlichen Gewande! Und ihre scheinbar schwache, kleine Hand, wie ist sie doch so mächtig, wenn es gilt, den Guten zu bewahren vor dem Bösen! Sie kennt die Schatten, kennt auch ihr Gebahren und läßt sie nicht aus ihrem scharfen Auge. Für diese Gegend hier soll ich dies Auge sein. Darum mein stilles Wandeln überall und auch mein Forschen hier in den Ruinen.«
»Sogar des Nachts! Hast du denn wirklich keine Furcht?« fragte ich.
»Furcht? Fürchtest du dich wohl, Effendi?«
»Nein.«
»So sag, warum soll die Seele Angst haben, wenn nicht einmal der Geist sich ängstiget? Kennst du denn diese beiden noch so wenig, daß du wohl ihn für riesenstark, doch aber sie für hilfsbedürftig hältst? Ich bitte dich, glaub an das Gegenteil! Denk an die Seele deines eignen Volkes! Laß alle, alle Geister Eurer Weltgeschichte sich gegen sie, die Wunderbare, wappnen, was wird sie tun? Nur lächeln? Angst aber gibt es nicht! Vor wem denn auch?! Du weißt es ja, ich wollte wiederkommen, um jene sechs Geheimen zu belauschen, was jedenfalls nicht ganz gefahrlos wäre, und doch ist mir dabei nicht eingefallen, an Furcht auch nur zu denken. Ich ging am Tag nach der erwähnten Nacht dann wieder her, die Spuren zu betrachten. Sie führten in das Allerheiligste, wo man gesessen hatte, doch jeden Falles zu Beratungszwecken.«
»Sahst du noch Weiteres?«
»Nein.«
»Wo liegt das »Allerheiligste«, von dem du eben sprachst?«
»Es ist der zweite Raum durch jene schmale Tür.«
»Ich bitte dich, ihn mir zu zeigen.«
»Jetzt?«
»Ja.«
»So warte! Es ist vollständig dunkel drin; ich aber hole Licht.«
»Im Hause drüben?«
»Nein. Ich habe Kerzen hier versteckt, weil ich sie öfters brauche.«
Sie entfernte sich, kam jedoch schon nach kurzer Zeit wieder. Ihr Versteck lag also in der Nähe. Wir gingen nach der erwähnten, schmalen Tür. Von weitem sah es so aus, als ob der Gestrüpphaufen vor derselben ganz undurchdringlich sei; aber er war an der Mauer hin so vollständig niedergetreten, daß man gut passieren konnte. Und das schien gar nicht selten zu geschehen!