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Kitabı oku: «Im Reiche des silbernen Löwen IV», sayfa 25

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Als wir eingetreten waren, befanden wir uns in einem quadratischen, hohen Raume, welcher drei Türöffnungen besaß, natürlich ohne Türen. Durch die eine waren wir gekommen. Links führte die zweite in einen langen, schmalen Saal, grad vor uns die dritte in das Allerheiligste. Auch rechts war eine Tür gewesen, aber schon längst vermauert worden. Ich habe diese Etage zweistöckig genannt. Von außen schien sie es zu sein, der untere Stock ohne, der obere mit Fenstern, schmale, wagerecht liegende Lichtlöcher, wie man sie in Deutschland zuweilen an alten Scheunen sieht. Von einer Innenbeleuchtung durch die Sonne hatte da keine Rede sein können. Die Versammlungshalle, in welcher wir uns befanden, ging durch beide Stockwerke. Die Decke wurde durch eine einzige, überaus starke Mittelsäule getragen, welche aus einem großen, steinernen Wasserbottich zu steigen schien, der jetzt natürlich aber trocken war. Hatte man sich in diesem steinernen »Meer« gereinigt, wie später in dem gegossenen? Der Boden bestand aus großen Platten, die aber vor Schmutz nicht zu sehen waren.

Wir brannten eine Kerze an und gingen nach der gegenüberliegenden Tür, um in das Allerheiligste zu treten. Wie war Schakara zu diesem Worte gekommen? Kannte sie die Bibel? Diese Abteilung war kleiner und niedriger als die vordere und vollständig fensterlos. Es gab da eine schwere, schlechte Luft. Drei Wände waren kahl; die hintere nicht. Dort stand Etwas, was ich für einen Altar hielt. Ein Israelit hätte es wahrscheinlich für eine Nachbildung oder gar für das Uroriginal der Bundeslade gehalten. Und darüber zog sich, so breit wie diese Hintermauer war, eine Art von Empore hin, zu welcher früher eine Treppe geführt hatte, die aber nicht mehr existierte. Man sah die Stellen noch, wo die einzelnen Stufen an die Seitenwand gestoßen hatten. In der Mitte sahen wir dreimal drei steinerne, einst für die Priester bestimmte Sitze. Auch hier bestand der Boden aus Platten. Der auf ihnen liegende Schmutz war noch größer als draußen.

Schakara bewies mir, daß die sechs fremden Männer auf diesen Steinen gesessen hatten. Wir sahen die Stellen, wo die Talglichter, die sie mitgehabt hatten, festgetropft und dann wieder losgerissen worden waren. Der zurückgebliebene Talg war noch so sauber, daß diese fettigen Flecke nicht über vier Wochen alt sein konnten. Und als wir genauer suchten, fanden wir ähnliche, aber viel ältere Flecke in Menge. Das stimmte ganz genau mit dem, was wir wußten und was wir uns dachten.

Nun nahm ich Schakara das Licht aus der Hand, um nach weiteren Spuren zu suchen. Sie konnte hierin doch nicht die Erfahrung besitzen, die ich hatte. Ich fand nichts, als menschliche Fußstapfen. Aber endlich, als ich eben aufhören wollte und in die letzte, hintere Ecke leuchtete, sah ich einen andern Eindruck im tiefen, mehligen Staube. Das war von keinem Fuße, sondern von einer starken Stange oder etwas Aehnlichem, welche hier eingestoßen und oben an die Empore gelehnt worden war. Und gar nicht weit davon lagen zwei losgebrochene, kurze Holzästchen, die ich aufhob und aufmerksam betrachtete.

»Warum so nachdenklich, Effendi?« fragte Schakara. »Zwei Stückchen Holz, weiter nichts! Wer weiß, wie sie hierhergekommen sind!«

»Wer? Ich weiß es. Und – – weiter nichts, sagst du? Es ist viel, sehr viel! Als ich diesen Raum sah, in welchem die Pädärahn ihre geheimen Versammlungen abhalten, dachte ich sogleich daran, in welcher Weise man sie belauschen könne, wenn sie Montag wiederkommen. Man müßte vorher da hinauf auf die Empore steigen. Das war mein Gedanke. Jetzt sehe ich, daß ich nicht der Erste bin, dem dieser Einfall gekommen ist. Sie sind schon belauscht worden.«

»Von wem?«

»Das sagen mir diese beiden Aestchen leider nicht. Man hat eine Leiter oder wenigstens eine Stange gebraucht, um die Empore zu erreichen, aber keines von beiden gehabt. Darum ist man in den Wald gegangen, um sich ein passendes Baumstämmchen zu holen. Die Aeste wurden abgeschnitten. Einige dürre Zweigreste aber blieben. Das stemmte man hier unten in den Boden und legte es oben an. Beim Hinaufklettern wurden die beiden Aestchen abgebrochen. Sie und das Loch hier verraten mir das. Wenn man in dieser Weise hinaufklettert und die Stange nach sich zieht und sie lang niederlegt, kann man fast sicher sein, nicht entdeckt zu werden.«

»Das leuchtet mir ein, Effendi. Wer mag wohl der Betreffende gewesen sein?«

»Ein Dschamiki keinesfalls, denn ein solcher hätte es nicht nötig gehabt, zu einem solchen Behelfe zu greifen.«

»Kein Dschamiki – – —!« sagte sie nachdenklich. »Effendi, da fällt mir Etwas ein. Ich habe eine solche ganz roh zugeschnittene Stange gesehen.«

»Wo?«

»Droben in dem Quaderturme, wo Ihr den Aschyk ergriffen habt.«

»Wann?«

»An dem Morgen, an welchem ich hier nach diesen Spuren suchte. Ich ging dann durch die obere Etage, auch in den Turm. Da sah ich ein Fichtenstämmchen liegen, ganz so, wie du es beschrieben hast. Auch die Länge stimmt. Ich dachte, ein Dschamiki sei hier gewesen; darum fiel es mir nicht auf. Am Nachmittage kam ich wieder hin; da war es weg.«

»Ah, der Aschyk! Er! Er belauschte die Pädärahn! Also gehört er nicht zu ihnen! Falls er ein Sill ist, ist er nur ein gewöhnlicher! Hat er dem Scheik ul Islam hierüber zu berichten? Oder tut er es nur, weil er zu den Sillan gehört, die sich gegen ihren Aemir empören69 wollen? Es gilt, nicht allzu schnelle Schlüsse ziehen. Wir haben ja Zeit, hierüber nachzudenken. Komm!«

Wir gingen. Draußen wendeten wir uns nach der dritten Tür, die nach dem langen, schmalen Saale führte. Wir fanden nichts Auffälliges. Aber als wir an sein Ende kamen, gab es keine Wand, sondern einen Schutthaufen, der nicht ganz bis hinauf zur Decke reichte.

»Schakara!« rief ich laut und verwundert aus. »Mein Traum, mein Traum! Das ist das Geröll, ganz genau das Geröll, von welchem herunter mich der »Zauberer« beobachtete! Mich dünkt, ich müsse seinen Kopf da oben erscheinen sehen. Das ist doch sonderbar!«

»Sonderbar?« fragte sie. »Effendi, Effendi, du weißt wirklich noch gar nicht viel von deiner Seele! Und doch seid Ihr auf Euer Müdschewwedet70 so stolz! Suchst du nicht auch nach der Treppe, auf welcher du im Traum hinaufgestiegen bist zum Schatten an der offnen Tür?«

»Die liegt drüben auf der andern Seite, die zugemauert ist.«

»So laß dort öffnen, und ich bin überzeugt, daß sie vorhanden ist!«

»Das werde ich wohl tun, jedoch zu seiner Zeit. Jetzt möchte ich hinaus, nur wieder an die Sonne! Aber warte; da fällt mir Etwas ein. Da hinter diesem Schutt geht es ja tief hinunter in das Wasser, wo der Aschyk ist. Ich muß ein Lebenszeichen von ihm haben!«

Ich kletterte hinauf. Sie folgte mir sogleich, indem sie mein Gewand ergriff.

»Um Chodehs willen, stürze nicht hinab!« warnte sie.

»Keine Sorge! Ich bin vorsichtig!«

»Ich halte dich dennoch und lasse dich nicht los! Stürzest du, so gehe ich auch mit unter!«

»Das ist Dschanneh, Dschanneh, die Seele, die mit dem Geiste steigt und mit ihm fällt!«

Der Haufen war oben breit und fest, doch nahm ich mich in Acht. Schakara hielt mich trotzdem noch fest. Ich atmete hier eine feuchte Luft. Die Decke über mir war von Schimmel überzogen. Nun rief ich laut, wieder und wieder. Nach dem dritten Male kam Antwort, aber was für eine! Es war, als ob da unten hunderte von Stimmen zeterten und brüllten, eine Folge des vielfachen Widerhalles. Verstehen konnte ich nichts. Doch genügte es ja, zu wissen, daß er noch lebte und nicht vom Steine herabgeglitten und ertrunken war. Ich kroch also zurück und stieg hinab zum festen Boden. Da wischte Schakara sich den Schweiß von der Stirn und bat:

»Effendi, nie, nie wieder so etwas Fürchterliches! Das mußt du mir versprechen!«

»Ich denke, du hast weder Furcht noch Angst?« antwortete ich.

»Nur um mich selbst! Für Andre aber kann und muß ich zittern! Komm schnell hinaus! Ich muß dich draußen sehen!«

Sie zog mich fort und gab mich erst dann wieder los, als wir den Vorhof erreicht hatten. Sie konnte nicht anders; es lag in ihrem Wesen. Nun atmete sie auf, tief und froh, und sprach:

»Da drin sah ich nichts als den Untergang, als das Verderben! Die Zeit ist da; es kracht schon überall! Hier aber stehe ich im klaren Sonnenlicht und sehe schon von fern die Hilfe kommen. Im Osten sind bereit die Kalhuran, und dort, wo sich die höchsten Berge öffnen, erscheint die Hilfe Marah Durimehs. Ich brauche ihr das Zeichen nur zu geben, so sendet sie die kampfgewohnten Scharen, die sie bereit hält gegen unsre Feinde.«

»Sie hält Hilfe bereit?« fragte ich schnell. »Das wäre ja köstlich für uns! Sie ist also überzeugt gewesen, daß es zum Kampfe kommt?«

»Ja. Und sie hat sich vorbereitet. Ihr sollt Euch auf den Schah-in-Schah verlassen, ja. Er hat euch lieb und ist der Herrscher dieses Reiches. Aber die, welche sich seine »Hohen« nennen, verwandeln seine Liebe unterwegs in Haß und spiegeln aller Welt die große Lüge vor, er habe ihnen die Gewalt gegeben, die doch nur er allein besitzen kann. Der Ungehorsam schließt sich ihnen an und macht sie scheinbar stark, dem Herrn zu widerstehen. Wer still des Herrschers gute Wege wandelt, wird angefeindet, möglichst unterdrückt. Wer aber sich vor jenen »Großen« beugt, aus Dummheit, oder auch des Vorteils wegen, den unterstützen sie auf jede Art und Weise. Der Schah ist gütig, aber auch gerecht. Er straft nicht gleich. Doch kommt dann seine Zeit, so fällt das Wort, das wie ein Hammer schmettert. Der kluge Untertan greift ihm nicht vor. Die Trägheit nur braucht immerwährend Hilfe. Für Jeden aber, der Charakter hat, ist es wohl Mannesseligkeit, zu wissen, daß er sich füglich selber helfen könne. Effendi, komm; Charakter ist vorhanden! Wir greifen gern mit eignen Händen zu. Und wenn der Schah das sieht, wird er sich freun. Denn darin grad, daß wir es selbst vollbringen, liegt seine größte Macht: direkte Volkesliebe!«

Sie hatte sehr ernst gesprochen. Nun nahm sie das Gefäß auf und fügte mit herzlichem Lächeln hinzu:

»Diese Beeren pflückte ich für dich und den kranken Hadschi. Natursäfte! Besser als Alles, was die Kochkunst unverständig mischt!«

»Gib sie ihm alle, Schakara! Ich habe Charakter und pflücke mir jetzt selber!«

Da verwandelte sich ihr Lächeln in jenes kurze, wohlklingende Lachen, welches ich so gern von ihr hörte.

»So gehe ich voran,« sagte sie. »Hanneh weiß, daß ich komme.«

Ich blieb noch eine ganze Weile, um mir die großen, weißen Himbeeren schmecken zu lassen. Da hörte ich meinen Namen rufen. Als ich mich umdrehte, sah ich Kara Ben Halef, welcher an der schon einmal erwähnten Mauerstelle herabgeklettert und dann auf mich zugeeilt kam.

»Sihdi, ich bringe dir Besuch, sehr hohen Besuch,« sagte er.

»Wen?«

»Das darf ich dir nicht sagen.«

»Woher?«

»Auch das soll ich verschweigen. Du sollst selbst kommen und sehen.«

»Etwas Gutes?«

»Sehr, sehr!«

Da ich jetzt noch nicht klettern wollte, gingen wir zum Glockenweg hinauf. Unterwegs erzählte mir der junge Haddedihn:

»Ich machte meinen Uebungsritt, dieses Mal nach dem Hasenpasse. Da kam mir ein Reitertrupp entgegen, bei dem sich einer der Dschamikun befand, die mit dem Ustad fortgeritten sind. Der Anführer war ein sehr vornehmer Perser. Er wußte, daß der Ustad verreist ist, und fragte nach dir; er habe dich zu besuchen. Ich kehrte selbstverständlich mit ihnen um und bin soeben angekommen. Er hat mit Schakara gesprochen und auch mit dem Pedehr. Beide beeilten sich sofort, die obere Etage des Wartturmes aufzuschließen, wo sich einige Stuben für besondere Gäste befinden. Da soll er wohnen. Jetzt ist er in der Halle.«

»Wieviel Dienerschaft?«

»Nur drei Stallburschen für die Pferde.«

»So ein vornehmer Herr? Und in dieser unsichern Gegend!«

»Für seine Sicherheit hatte er gesorgt. Es hatte ihn eine Schar von Kalhuran bis an den Paß begleitet und war dort von ihm entlassen worden. Es sind im ganzen acht Pferde, vier zum Reiten, drei für das Gepäck und ein lediges, welches wertvoll zu sein scheint, denn es ist ganz und gar in einen Anzug geschnallt, der nur die Hufe, die Nüstern und die Augen sehen läßt. Sogar der Schweif ist sorgsam eingewickelt, in einen leichten, dünnen Schleierstoff, wie vornehme Damen ihn vor dem Gesicht tragen. Ist das nicht sonderbar?«

»Hiernach scheint das Pferd allerdings von größtem Wert zu sein. Wir werden ja sehen!«

Als wir in den Hof kamen, befanden sich die Pferde schon nicht mehr da. Sie waren einstweilen in das Gewölbe gebracht worden, in dem sich die gefangenen Soldaten befunden hatten. Ich ging in die Halle. Da saß der Fremde mit dem Pedehr. Er trug einen persischen Reiseanzug. Als er mich kommen sah, sprang er auf. Er erkannte mich und ich ihn.

»Dschafar!« rief ich aus.

»Mein Retter!« klang es aus seinem Munde.

Dabei eilte er auf mich zu, schlang die Arme um mich und küßte mich fünf, sechs, acht mal, auf den Mund, auf die Stirn, auf die Wangen, wohin er nur gleich kam! Ich war damals in den Vereinigten Staaten zuweilen etwas streng gegen ihn gewesen; das schien er aber vollständig vergessen zu haben. Er strahlte förmlich vor Freude; die meinige war ebenso herzlich, aber stiller, und doch dauerte es längere Zeit, bis alles schnell fragende Hin und Her vorüber war und wir uns niedersetzten. Der Pedehr war so vernünftig, zwei Hukah‘s71 kommen zu lassen. Das Rauchen derselben und das stete Bemühen, sie nicht ausgehen zu lassen, zwang uns zum ruhigeren Gespräche. Da wir uns jetzt nicht im »wilden Westen«, sondern im innersten Oriente befanden, nannten wir uns nach der Sitte dieser Gegend sofort du. Sonderbarer Weise schien er um keinen Tag gealtert zu sein, und von mir behauptete er, daß ich jetzt jünger aussehe als damals. Der persischen Anstandslehre zu gehorchen, hielt ich ihm gegenüber nicht für nötig. Man hat geduldig zu warten, bis dem Andern die ersehnte Mitteilung beliebt. Das fiel mir aber gar nicht ein. Ich fragte ihn sehr einfach, woher er wisse, daß ich mich hier bei den Dschamikun befinde. Da sah er mich kopfschüttelnd an und fragte:

»Hast du denn nicht gewußt, daß ich ein Bekannter des Ustad bin?«

»Doch!«

»Und da hast du dir nicht gedacht, daß es sein Erstes war, mich zu benachrichtigen, als du hier angekommen warst? Ich hatte erzählt, was ich dir zu verdanken habe, und wie sehr ich wünsche, dich einmal wiederzusehen! Er hat mich wiederholt über dein Befinden unterrichtet, dir aber nichts davon sagen dürfen, weil ich dich hier überraschen wollte. Nun bin ich endlich da! Und habe dich zu grüßen! Von wem?«

»Nun?« fragte ich.

»Vom Schah-in-Schah.«

»Von – – – dem?!« rief ich erstaunt aus.

»Da gibt es doch nichts zu verwundern! Es ist vielmehr sehr einfach! Ich erzählte ihm von dir. Und nicht nur einmal, sondern öfters. Du hieltest mich da drüben in Amerika für einen Unwissenden, einen unvorsichtigen Träumer. Aber – – – « fügte er mit seinem Lächeln hinzu – – – »diese Träumerei war Tebdil, war Haßlama72, obgleich ich zugebe, daß ich die Verhältnisse allerdings nicht kannte, sondern sie erst studieren wollte und mir dabei zuviel zugetraut hatte. Meine Aufgabe war – – – doch davon vielleicht später! Kurz, der Schah lernte dich aus meinen Erzählungen kennen, und nicht bloß kennen, sondern mehr. Er erfuhr Alles, was ich von dir wußte. Und kürzlich stellte sich auch noch ein Anderer ein, der ihm noch mehr als ich von dir erzählen konnte. Das war ein Engländer, welcher David Lindsay heißt und – – —«

»Lindsay ist in Isphahan?« unterbrach ich ihn schnell.

»Nicht mehr, sondern schon wieder fort.«

»Wohin?«

»Zunächst nach Jesd hinüber, so viel ich weiß. Dann will er hierher, um mit dir weiter zu reisen. Ich glaube aber nicht, daß er dazu kommen wird. Ein Verwandter, der bei ihm ist, nämlich ein General, aber kein Original, hat ihn so in Beschlag genommen, daß du wohl kaum hoffen darfst, deinen sonderbaren Freund jetzt wiederzusehen. Er wurde mir vorgestellt und erzählte mir von dir, aber so viel und so interessant, daß ich ihn bat, mich zu besuchen. Ich machte den Schah auf ihn aufmerksam. Die Folge war ein sehr unterhaltender Abend zu Dreien. Der Gegenstand des Gespräches waren seine Reisen mit dir und die Absichten, welche du mit diesen Reisen verbindest. Du wirst wissen, daß der Schah Bücher schreibt. Auch ich bin Schriftsteller. Man nennt mich sogar Dichter. Da ist es begreiflich, daß er sich sehr lebhaft für dich interessierte und sich freute, dich jetzt hier in seinem Lande zu wissen. Als er erfuhr, daß ich dich besuchen werde, gab er mir seine Grüße mit und außerdem noch zweierlei. Ueber das Eine wirst du dich freuen, denn es ist ein Zeichen seiner Huld. Das Andere aber ist etwas so Eigentümliches, daß es dich wahrscheinlich befremden wird. Ich bin nicht ermüdet, bedarf also nicht der Erholung von dem heutigen Ritte und halte es darum für das Beste, mich dieser beiden Aufträge sofort zu entledigen. Hast du Zeit, Effendi?«

»Ja.«

»So komm mit mir jetzt dorthin, wo ich wohnen werde!«

Wir gingen nach dem Turme, zwei steinerne Stiegen hinauf. Die Reitknechte hatten das Gepäck bereits heraufgebracht. Es war Niemand da als Schakara, welche ordnete. Sie wollte sich sofort entfernen, ich bat sie aber, zu bleiben. Während er eines der Pakete öffnete, trat ich an das Fenster. Es gab hier eine fast ebenso schöne Aussicht wie drüben bei mir.

Nun war das Paket aufgemacht, und er begann, auszulegen. Ich sah eine lange, weite Sirdschameh73 von kostbarer, blauer Seide, ein weißseidenes Pirahen74, ein Alkalok75 von feinster, dunkelblauer Baumwolle, mit enganliegenden, silbernen Knebeldressen, eine ebensofarbige Käba76 aus dünner, aber unverwüstlicher Kaschamira, einen wenigstens sechs Meter langen Kemär77, fast spinnwebenfein, als Gürtel um den Leib zu winden, eine Dschubbeh78 mit köstlichem Pelzwerk verbrämt, eine hohe, schwarze Lammfellmütze von jener Art, die nur ein Kaiser verschenken kann, ein Paar Pantoffel, ein Paar Schuhe und ein Paar Reitstiefel von weichstem Gazellenleder.

Schon die Bibel spricht von »Feierkleidern«, welche die Könige verschenkten. Es ist das eine orientalische Sitte, die man in einigen Ländern bis heute beibehalten hat. Besonders liebte es der Schah, in dieser Weise seine Gunst zu zeigen.

»Schau her!« forderte mich Dschafar auf. »Dieses Ehrenkleid habe ich dir vom Beherrscher zu überbringen. Es wurde von ihm eigenhändig ausgewählt, nachdem ich ihm deine Gestalt beschrieben hatte. Aus den Stoffen magst du ersehen, ob diese Ehrung eine gewöhnliche ist oder nicht. Du bist gewohnt, tiefer zu blicken. Ich weiß, daß dieser Anzug für dich mehr bedeutet, als er für einen Andern sein würde. Allah gibt seinen Geistern verschiedene Gewänder, scheinbar schöne und scheinbar häßliche. Man nennt sie alle »Leib«. Vor ihm ist nur das Schlechte häßlich und nur das Gute schön. Nur auf den Menschen kommt es an, ob er die Kleidung würdigt oder nicht!«

So Etwas hatte ich ja ganz unmöglich erwarten können! Meine Freude wurde verdoppelt, als Dschafar ein zweites Paket öffnete, welches einen ähnlichen Anzug für meinen Hadschi Halef enthielt. Ich sah den braven Freund schon jetzt im Geist in Wonne schwimmen! Das war ja noch nie, noch nie passiert, daß ein Haddedihn vom Schah-in-Schah geehrt worden war, und noch dazu in dieser Weise!

Es ist nicht meine Art, den Dank, den ich gern still empfinde, in viele laute, wohlklingende Worte zu kleiden. Ich verstand die beiden Geber des Geschenkes, und Dschafar verstand auch mich, obwohl ich nur wenig sagte.

»Und nun das Zweite, das Sonderbare!« begann er wieder. »Ich lenkte meinen Ritt hierher zunächst nach dem Schlosse Mihribani, wo sich der Herrscher jetzt befindet. Eine Tagesreise, nachdem ich es verlassen hatte, traf ich mit dem Ustad zusammen, der zu ihm wollte. Er bat mich, zu warten und dann mit ihm zu reiten, wenn er zurückkehren werde; ich ging aber nicht hierauf ein. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir Vieles, wenn auch nicht Alles, was hier geschehen ist. Ich erfuhr auch, daß du von Syrr gehört hast, dem angeblichen Geschenk des Schah-in-Schah, dem rätselhaften Pferde. Ich bitte dich, mir mitzuteilen, was du jetzt von ihm weißt!«

Ich sagte ihm, was ich über Syrr erfahren hatte; es war nicht viel und klang ziemlich dunkel.

»Man hat dir Wahres und Falsches berichtet,« sagte er dann. »Es war ein köstlicher Gedanke vom Beherrscher, sein bestes, grad sein allerbestes Pferd ganz im Verborgenen und ohne jeden Zeugen so zu schulen, wie es mit Syrr geschehen ist. Es trägt nur ihn allein. Zu dem alten Kunststück mit dem Abwerfen Anderer ist es zu gut, zu edel. Aber es gehorcht eben nur dem Schah-in-Schah. Setzt sich ein Anderer auf, so bleibt es eben stehen. Am Zügel führen läßt es sich, reiten aber nicht. Damit es nicht durch seine vielen Stallbediensteten und die Mucken anderer Pferde verdorben werde, hat er es zu mir getan, wo es nicht belästigt wird. Mein kleiner aber schöner Stall steht fast ganz leer, und weil ich nicht das bin, was man einen »Reiter« zu nennen pflegt, ist Syrr nicht der Gefahr ausgesetzt, daß ich ihn behellige. Ich habe ihn also nicht geschenkt bekommen; dieses Gerücht ist falsch. Wenn der Herrscher ihn braucht, kommt er zu mir und stellt ihn dann auch selbst wieder ein. Aber er ist keineswegs dagegen, son- sondern es macht ihm vielmehr Spaß, wenn angebliche Reitvirtuosen mich bitten, beweisen zu dürfen, daß Syrr ihnen gehorchen müsse, er möge wollen oder nicht. Es ist noch Keiner dagewesen, der dies fertiggebracht hat, sondern es hat ein Jeder mit Beschämung abziehen müssen, weil er das Geheimnis zwischen dem Schah und diesem Pferde nicht entdecken konnte. Du schaust mich an, Effendi. Du lächelst. Glaubst du etwa, daß du es entdecken würdest?«

»Es käme auf eine Probe an,« antwortete ich.

Da fiel er rasch ein:

»Die sollst du machen!«

»Wann?«

»Wann es dir beliebt!«

Da sah ich ihn freilich noch ganz anders an als vorher.

»Dschafar!« rief ich aus. »Ich hörte, Du habest ein vollständig verhülltes Pferd mitgebracht. Soll ich etwa gar vermuten, daß – – —«

Ich empfand es als Wagnis, den begonnenen Satz auszusprechen. Er aber lachte fröhlich auf und tat es an meiner Stelle:

»Daß dieses Pferd der Syrr des Herrschers ist? Ja, er ist es. Ich habe ihn mitgebracht.«

Da sagte ich kein Wort. Ich war fast erschrocken. Dann kam mir die Sprache wieder:

»Welche Kühnheit von dir! Was wird der Schah-in-Schah tun, wenn er es erfährt! Er stellte den Syrr bei dir ein, damit er unbelästigt bleibe, und du schleppst ihn so viele Tagereisen weit hierher zu uns, allen, allen den Gefahren ausgesetzt, vor denen dieses kostbare Pferd grad durch dich bewahrt werden sollte!«

Nun lachte er noch herzlicher als vorher und antwortete:

»Eine Strafrede statt des Lobes! Du bist ja förmlich zornig, Effendi! Aber ich nehme das als gutes Zeichen und will dich beruhigen. Wisse, daß ich nichts, gar nichts gewagt habe. Wir wurden, nämlich Syrr und ich, von einer Abteilung der Leibgarde bis zu den Kalhuran und dann von diesen Euren Freunden bis fast ganz hierher gebracht. Es konnte uns also unterwegs nichts geschehen. Und grad um das Pferd nicht anzustrengen, habe ich nicht auf den Ustad gewartet, sondern bin langsam vorausgeritten. Und wenn ich sage Leibgarde, so soll das heißen, daß ich es nicht ohne die besondere Erlaubnis des Beherrschers tat. Ja, er selbst ist es, der den Gedanken angeregt hat, Syrr mit nach hier zu nehmen!«

»So bin ich starr!«

»Starr? Ich werde dich sofort wieder lebendig machen, indem ich dir sage, daß ich den Syrr für Niemand bringe, als für dich allein!«

»Für mich? Sei ernst!«

»Ja, ja; für dich! Und das kam so: Daß du ein guter Reiter seist, das hatte ich erzählt, doch ist das nicht der Grund. Die Andern alle, welche nichts erreichten, hatten ja geglaubt, nicht nur gute, sondern sogar virtuose Reiter zu sein. Aber ich hatte auch von deiner Findigkeit gesprochen, von deiner Aufmerksamkeit für alles Tiefere und von deiner Liebe zu den Tieren. Lindsay erzählte so viel von dir und deinem Rih, dem herrlichsten Pferde der Haddedihn. Der Schah erfuhr, wie du dich zu den Pferden und überhaupt zur Kreatur verhältst, und als ihm dein Sprung über die Verräterspalte und gar das gräßliche Wagestück berichtet wurde, daß du, vorn und links den Abgrund, rechts die Felswand, hinter dir die Feinde und unter dir den kaum vier Fuß breiten Stein, durch einige liebe Worte dein zitterndes Pferd bewegtest, sich vorn zu erheben, den halben Körper über der Tiefe, und langsam umzuwenden – – – da rief er aus, daß du es vielleicht sein könntest, dem Syrr außer ihm gehorchen würde, weil ein freundliches Wort von dir genügt habe, die Todesangst des Pferdes in ruhiges Vertrauen zu verwandeln. Und als er hörte, daß ich dich besuchen werde, ging er mit sich zu Rate, ob er mir den Syrr anvertrauen solle oder nicht. Ich selbst riet ihm ab, weil ich nicht glaubte, eine solche Verantwortlichkeit auf mich nehmen zu können. Aber grad mein Widerstand schien ihm die Gewähr zu bieten, daß das Pferd nicht nur daheim, sondern auch während dieser Reise in guten Händen sei, und so befahl er mir, es mitzunehmen. Ich sage, er befahl; so durfte ich mich nicht länger weigern.«

»Dschafar – – – Mirza – – – vor allen Dingen, wie soll ich dich titulieren?«

»Du nennst mich einfach Dschafar; ich will es so. Die Andern mögen immerhin Mirza sagen!«

»Ich danke dir! Nun wieder zu dem Pferde! Ich kann mir nicht denken, daß dir der Schah den köstlichen Syrr bloß aus reiner Neugierde anvertraut hat, nur um zu erfahren, ob es mir gehorchen werde. Es muß noch ein anderer, höherer oder tieferer Grund vorhanden sein.«

»Der ist auch da! Bezeichne ihn, wie du willst; ich nenne ihn psychologisch. Der Herrscher nannte es ein Problem, und zwar ein wichtiges Problem. Er ist nicht etwa neugierig, sondern gespannt! Das ist doch wohl ein Unterschied! Er sagte sogar, Syrr sei zwar unbezahlbar, aber keineswegs ein zu hoher Preis für die Lösung, doch wolle er warten, ehe er hiervon spreche. Effendi, Effendi, merkst du, was der Beherrscher will?«

»Ja.«

»So gieb dir Mühe!«

»Mühe? Dschafar, Dschafar! Mühe tut es am allerwenigsten; ja, sie würde nur verderben! Wenn mich das Pferd nicht gleich beim ersten Anblick liebgewinnt, brauche ich gar nicht zu probieren; es würde doch vergeblich sein. Sag mir, was frißt es wohl am allerliebsten?«

»Sein größter Leckerbissen ist ein Apfel.«

»Hat es irgend eine Untugend, welche zu schonen ist, wenn man es nicht erzürnen will?«

»Nein, keine einzige.«

»Irgend eine empfindliche Körperstelle, die man nicht berühren darf?«

»Auch nicht. Effendi, ich höre, du bist Kenner. Du fängst es richtig an, ganz anders als jene Virtuosen, die nur das Vieh im edlen Pferde sehen!«

»Nun, das liegt eben im Virtuosentum. Noch deutlicher im Wort Dressur! Liebt Syrr den Stall?«

»Nein. Das Freie ist ihm lieber, sogar des Nachts.«

»Hat er Eigenheiten in Beziehung auf das Wasser, auf das Futter?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»So will ich die Probe wagen. Aber ich bitte dich um Eins!«

»Um was?«

»Von diesem Augenblicke an bin ich der Herr des Pferdes. Kein Mensch darf es ohne meine Erlaubnis berühren, auch du selbst nicht!«

Da wurde er ernst.

»Weißt du, was du da auf dich nimmst, Effendi?« fragte er.

»Alles!«

»Jeden Andern würde ich abweisen, denn das Pferd ist nicht mein, sogar den Ustad, den ich doch so kenne! Dir aber will ich vertrauen. Syrr sei dein Eigentum, natürlich nur für die Zeit meines Aufenthaltes hier. Bist du zufrieden?«

»Ja, ich danke dir!«

»So geh hinab zu ihm, indessen ich es mir hier wohnlich mache!«

Das war auch für Schakara das Zeichen, sich zu entfernen. Sie nahm mein »Feierkleid« mit, um es hinauf zu mir zu tragen. Halefs Anzug wollte Dschafar selbst überbringen.

»Denn ich kenne ihn aus Lindsays Erzählungen,« sagte er lächelnd. »Es hat höhern Wert für ihn, den Boten des Schah-in-Schah persönlich zu empfangen.«

Unten ging ich sofort in das Gewölbe, in welchem die Pferde standen. Die Reitknechte waren da.

»Weiß hier schon Jemand, daß Ihr den Syrr mitgebracht habt?« fragte ich.

»Nein,« lautete die Antwort. »Dschafar Mirza hat uns verboten, davon zu sprechen.«

»So verschweigt es auch weiterhin. Niemand soll es wissen. Jetzt ist er mein. Ich werde ihn selbst bedienen; es hat ihn von jetzt an kein Anderer zu berühren. Wie ist er gesattelt, wenn er den Schah-in-Schah trägt? Wohl Reschma?«

»Nein, sondern arabisch.«

»Wie verhält er sich zu andern Pferden?«

»Er mag sie nicht; er ist stolz; aber er tut ihnen nichts. Wenn sie ihm nahe kommen, geht er fort. Er hat sich noch von keinem berühren lassen, auch selbst noch keines berührt.«

»Kannst du das so genau wissen?«

»Ja, denn ich bin Dschydd79 und habe Syrr von Anfang an gepflegt.«

»So werde ich mich an dich wenden, wenn ich Etwas wissen will. Liebt er das kalte Wasser?«

»Es ist ihm sogar eine Wonne. Er lächelt froh, wenn man ihn wäscht. Der Beherrscher hatte ihn einmal mit am Narghis-See. Da war er noch jung und lief frei herum, das schönste Füllen, das es auf der Erde gab. Da war er fast gar nicht aus dem Wasser herauszubringen. Effendi, ich bitte dich, nimm ihn in Acht! Ich habe ihn so lieb!«

»Sei unbesorgt; er ist in guten Händen! In welcher Sprache redest du mit ihm? Persisch natürlich?«

»Nein nicht persisch, sondern meine Muttersprache. Ich bin ein Dschubeileh-Araber.«

Da ließ ich mir diejenigen Worte und Ausdrücke aufzählen, welche dem Syrr geläufig waren, und nahm ihn dann aus dem Gewölbe heraus, um ihn hinter nach der Weide zu führen. Schakara hatte den Anzug hinaufgebracht und kam jetzt wieder herunter. Sie war bei meinem Gespräch mit Dschafar zugegen gewesen, hegte das lebhafteste Interesse für das Pferd und bat mich, mitgehen zu dürfen. Als wir durch den Garten kamen, pflückte ich zwei Aepfel, einen gewöhnlichen Küchenapfel und einen edlen, nach Rosinen duftenden Sib-y-Kischmisch-Apfel. Jeden in einer Hand, hielt ich dem Pferde beide zugleich vor. Es faßte nicht etwa hastig zu, sondern es beroch sie mit Bedacht und griff dann zu dem duftenden. Da sagte Schakara:

»Effendi, das ist kein »Vieh«. Es beherrscht den Appetit; es wählt; es folgt nicht der Gier, sondern dem prüfenden Sinne. Und schau, wie langsam es kaut, fast wie ein Mensch, der eine Delikatesse genießt. Ein anderes Pferd hätte schon längst nach dem zweiten Apfel gelangt. – – – Nun nimmt es ihn, fast leise, zögernd, als ob es dir einen Gefallen tun wolle, indem es nun auch den weniger guten frißt. Syrr ist edel, sehr edel. Ich habe ihn schon lieb!«

69.Siehe Band I, pag. 409.
70.Psychologie.
71.Persische Tabakspfeifen.
72.Inkognito, Verstellung.
73.Persische Hose.
74.Hemd.
75.Weste.
76.Leibrock.
77.Shawl.
78.Ueberrock, auch zum Reiten bequem.
79.Persischer Name, bedeutet »Fleiß«.
Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
710 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain