Kitabı oku: «Scepter und Hammer», sayfa 5
»Wer war es?«
»Ein hoher Herr, aber ein Schurke: der Herzog von Raumburg.«
»Heiliges Mars- und Brahmenwetter! Eine Zigeunerin und ein Herzog! Sie muß ganz verteufelt hübsch gewesen sein.«
»Das war sie, Steuermann, und das war ihr Unglück.«
»Da hat sie wohl gar geglaubt, Herzogin zu werden?«
»Was er ihr vorgeschwatzt und versprochen hat, weiß ich nicht. Sie aber ließ sich bethören, entfloh von uns und ging zu ihm.«
»Habt Ihr sie nicht zurückgefordert?«
»Wir thaten es wiederholt, jedoch vergeblich.«
»Da schlage der Blitz in die Kombüse! Wäre ich ihr Vater oder ihr Bruder gewesen, so hätte ich mich Bord an Bord mit dem Herzoge gelegt, ihn geentert, das Mädchen fest ins Schlepptau genommen und wäre dann mit ihr davongesegelt, daß es ihm nicht gelungen wäre, mich wieder einzuholen.«
»Stopp, alter Heißsporn! Wollte ein Zigeuner einen Herzog ansegeln, so wäre dies ganz derselbe Wahnsinn, als wenn ein einruderiges Fischerboot eine eisernen Panzermonitor über den Haufen rennen wollte. Wir mußten sie verloren geben und wurden aus dem Lande gewiesen mit der Deutung, daß man kurzen Prozeß mit uns machen werde, falls wir es uns wieder beikommen ließen, die Grenze zu überschreiten. Vater und Mutter starben vor Gram; ich sollte Vajda des Stammes werden, verzichtete jedoch darauf und ließ die Meinigen allein ziehen. Ich blieb zurück, da ich von den sterbenden Eltern die Verpflichtung überkommen hatte, über Zarba zu wachen und sie zu rächen, falls ihr Böses geschehe. Daher kehrte ich trotz aller Gefahr in das Land zurück, ward aber ergriffen und für lange Zeit in das Gefängniß gesteckt. Als ich es verließ, erhielt ich doch meine Freiheit nicht wieder, denn ich wurde auf ein Schulschiff transportirt, welches ich lange Jahre nicht verlassen durfte. Ich wurde zu den niedrigsten Diensten kommandirt, und als man mich endlich auf ein Kriegsschiff versetzte, auf welchem ich als Leichtmatrose angestellt wurde, geschah es unter der strengen Weisung, daß ich niemals die Erlaubniß bekommen solle, an das Land zu gehen. So habe ich ein langes Leben als Gefangener zur See verbracht, bis wir einst geentert wurden und die Flagge streichen mußten. Hierdurch erhielt ich meine Freiheit wieder, nahm bei verschiedenen Nationalitäten Dienste und suchte dabei immer nach einer Gelegenheit, wieder in die Heimath zu kommen, um mit dem Herzoge abzurechnen. Das ist mir jetzt gelungen. Ich habe meinen Namen nicht verändern können, aber das Alter und die Anstrengungen haben das Ihrige gethan; Es wird mich Niemand wiederkennen, und ich kann ohne Sorge ein Land betreten, welches mir bei Todesstrafe verboten wurde.«
»Das sind ja ganz verteufelte Geschichten, Bootsmann, die Du mir da erzählst! Es ist Dir verdammt schlimm ergangen, Alter, doch das wird nun wohl anders werden. Ich bin Dein Freund, das weißt Du, und was ich habe, das ist Alles auch Dein Eigenthum. Ich muß Dir nämlich sagen, daß ich Zeit meines Lebens sehr sparsam gewesen bin und ein Sümmchen besitze, um welches mich mancher Mann beneiden würde. Darum meine ich, daß – »
»Stopp, Alter, so ist es nicht gemeint! Ich kann und werde von Dir niemals auch nur einen Pfennig annehmen, denn – »
»Heiliges Mars- und Brahmenwetter, was fällt Dir ein, Bootsmann! Glaubst Du etwa, der Steuermann Balduin Schubert von Seiner Majestät Kriegsschiff Neptun nenne sich den Freund eines braven Mannes, ohne es auch zu sein, he? Als wir im indischen Meere an der Felseninsel strandeten, auf welcher Du als Einsiedler lebtest, hast Du mich alten Narren beinahe aus dem Rachen des Haifisches gezogen, der so ganz absonderlichen Appetit auf mein Fleisch hatte; das konntest Du getrost bleiben lassen, wenn Du jetzt nicht mit mir theilen, sondern lieber verhungern willst!«
»Weißt Du so genau, daß ich hungern werde?« sein.«
»Von ihnen nicht, aber von der Insel.«
»Von der Insel? Wieso?«
»Schau her!«
Der Zigeuner griff unter die Weste und zog ein ledernes Beutelchen hervor, welches er öffnete. Sein Inhalt bestand in Steinen, welche auf den ersten Anblick voll ständig werthlos erscheinen mochten.
»Steine?« meinte der biedere Steuermann kopfschüttelnd. »Was willst Du mit ihnen, he?«
Der Andere lächelte selbstbewußt.
»Für was hältst Du diese Steine?«
»Für – nun, alle Wetter, für Steine natürlich!«
»Das sind sie allerdings, aber was für welche! Hier diese acht sind Diamanten, deren kleinster jedenfalls mehr werth ist, als alle Deine sauer erworbenen Ersparnisse. Die andern sind Rubine, Saphire und Topase, für welche mir jeder Juwelenhändler so viel zahlt, daß ich nicht Noth zu leiden brauche, selbst wenn ich tausend Jahre alt werden sollte.«
»Heiliges Mars- und Brahmenwetter! Ist das wahr?«
»Weßhalb sollte ich Dich belügen?«
»Allerdings! Aber sage, Du Glückskind, wie bist Du denn eigentlich zu diesen Kostbarkeiten gekommen?«
»Das sollst Du ganz gewiß erfahren, doch jetzt ist keine Zeit dazu, denn mir klebt vor Durst und Hunger die Zunge am Gaumen, und dort das einsame Häuschen scheint ein Krug zu sein, in welchem wir bekommen können, was wir brauchen.«
»Hast Recht, alter Seebär. Auch mir ist es inwendig wie einem Dreimaster, der ohne Ladung und Ballast auf den Wogen schlingert und jeden Augenblick kentern kann. Ich muß mir irgend Etwas in die Luke gießen und hoffe, daß es nichts ganz Schlechtes sein werde!«
Sie traten in die niedrige und arg verräucherte Gaststube des Kruges und fanden zwei Tische vor, deren einer bereits von zwei Männern besetzt war, welche die Neuangekommenen mit neugierigen Blicken musterten. Die seltsame Kleidung des Steuermanns mochte ihr Erstaunen erregen.
Der Wirth brachte auf Wunsch des Letzteren reichlich Speise und Trank herbei, denen die beiden hungrigen und durstigen Seeleute mit bestem Appetite zusprachen. Als sie nach beendigter Mahlzeit die Messer von sich legten, meinte Schubert, sich behaglich die Magengegend streichend:
»So das wäre geschehen! Und nun sage mir doch einmal, welchen Ort oder welchen Menschen Du hier oben in den Bergen zu suchen hast!«
»Später!« antwortete Karavey einsilbig, indem er einen mißtrauischen Blick auf die Gäste warf, die sich jetzt erhoben hatten, um den Krug zu verlassen.
Sie griffen in die Taschen, um ihre Zeche zu entrichten, und dabei zog der Eine von ihnen einen kleinen, zusammengefalteten Zettel mit hervor, welcher unbeachtet vor ihnen und dem Wirthe zu Boden fiel. Der Wirth begleitete Beide hinaus bis vor die Thür, wo sie noch einige Zeit ein angelegentliches und leise geführtes Gespräch unterhielten. Diese Gelegenheit benutzte Karavey, um das Papier aufzuheben und zu entfalten.
»Was willst Du mit dem Wische, Bootsmann?« frug Schubert.
»Nur sehen, was er enthält. Kannst Du lesen?«
»Nein, nur etwas buchstabiren. Warum?«
»Ich kenne nur die Zeichen der Zigeunersprache. Hier stehen drei Worte. Wie heißen sie?«
»Zeig her. Vielleicht bringe ich sie heraus!«
Er forschte lange auf dem Papiere herum, ehe er begann:
»Ta – ta – tannenschlucht – — Pa – pa – parole – Ka – ka – Karavey – also: Tannenschlucht. Parole: Karavey.«
»Karavey? Das ist ja mein Name! Ist es wahr, daß er hier zu lesen steht, Steuermann?«
»Er steht hier!« bekräftigte der gefragte, stolz auf seine Lesefertigkeit.
Der Zigeuner blickte sinnend vor sich nieder. Dann frug er: »Wofür hast Du die beiden Bursche wohl gehalten?«
»Hm, viel Kluges und Ehrbares war es wohl nicht. Sie hatten keine braven Augen.«
»Ich halte sie für Pascher.«
»Kannst Recht haben, Alter!«
»Dann ist auch der Zettel zu verstehen.«
»Wieso?«
»Sie haben in der Tannenschlucht heut ein Geschäft.«
»Aber wie kommt Dein Name dazu, als Parole zu gelten?«
»Das ist mir auch ein Räthsel. Es muß Einen unter ihnen geben, der ihn kennt.«
»Und dieser Eine muß der Anführer sein, denn nur von diesem wohl wird die Parole ausgegeben.«
»Was Du da sagst, ist sehr wahrscheinlich. Weißt Du, daß ich große Lust verspüre, die Tannenschlucht auszusuchen?«
»Heiliges Mars- und Brahmenwetter, bist Du bei Sinnen? Ein guter Bootsmann hält stets die Augen offen; Du aber wärest ja vollständig mit Blindheit geschlagen, wenn Du Dich ohne Ursache mitten unter dieses Volk vor Anker legen wolltest!«
»Und wenn ich nun eine gute Ursache dazu hätte?«
»Wie lautet sie?«
»Das Ziel meiner Wanderung liegt ganz in der Nähe der Tannenschlucht.«
»So kennst Du diesen Ort, he?«
»Sehr gut, von meinen früheren Wanderungen her. Eine halbe Stunde oberhalb der Schlucht stand damals ein Häuschen, in welchem unser ständiger Lowenji wohnte.«
»Was bedeutet dieses Wort?«
»Es heißt soviel wie Beschützer, Verberger, Verheimlicher – »
»Oder Hehler, Gelegenheitsmacher, nicht?« lachte der Steuermann.
»Auch richtig! Der Gitano ist ein gehetzter Hund, der sich nur wehren kann, wenn er nicht nach dem Gesetze fragt. Sein Lowenji wohnt stets an der Grenze zweier Länder, und die Lowenja, wie wir seine Hütte nennen, darf nie verlassen stehen; sie wird nach seinem Tode sofort mit einem neuen Lowenji besetzt, damit uns nie die Zuflucht und die Hilfe fehlt. Alle seine Geheimnisse erben auf den Nachfolger über, der Alles weiß, was man bei ihm erfragen will.«
»Ah, jetzt verstehe ich! Du gehst nicht geraden Weges zur Residenz, sondern hierher, um Dich bei dem Manne nach Deiner Schwester zu erkundigen?«
»So ist es. Die Lowenja ist ganz sicher bewohnt, und ihr Besitzer wird mir wohl Auskunft geben können, wo Zarba jetzt zu finden ist, wenn sie noch am Leben ist. Vielleicht erfahre ich bei ihm auch, was es für eine Bewandtniß mit dieser Losung hat.«
»Ist es weit zu ihm?«
»Beinahe noch zwei Stunden.«
»So laß uns aufbrechen, damit wir noch vor Nacht dort ankommen!«
Sie bezahlten dem wieder eintretenden Wirthe das Genossene und verließen den Krug.
Die Straße stieg immer höher zwischen den Bergen hinauf; die Gegend wurde wilder und wilder, und als nach anderthalb Stunden der Zigeuner in einen Seitenpfad einbog, schlugen die dunklen Zweige der Tannen und Föhren dicht über ihren Köpfen zusammen. Nach einer beschwerlichen Wanderung gelangten sie an eine mit üppigem Farrenkraut und Dorngestrüpp überwucherte Waldblöße, an deren Rande ein Häuschen stand, dem auf den ersten Blick ein mehr als hundertjähriges Alter anzusehen war.
»Hier ists!« meinte Karavey, indem er über die Blöße hinweg gerade auf die Hütte zuhielt.
»Eine ganz niederträchtige Kabine, Alter,« antwortete der Steuermann. »Man sollte meinen, diese Bude brauche kein einziges Segel aufzuhissen, um beim ersten Windstoße wrack zu gehen. Wer da drin wohnt, ist wahrlich nicht zu beneiden!«
Bei der niedrigen Thüre angekommen, klopfte der Zigeuner. Nur auf ein mehrmaliges Klopfen ließen sich schlürfende Schritte vernehmen; es wurde von innen geöffnet, und die Spitze einer fürchterlichen Habichtsnase erschien in dem schmalen Spalt, der vorsichtiger Weise freigegeben wurde.
»Wer ist draußen?« frug eine schnarrende Stimme.
»Wer wohnt hier?« lautete die Gegenfrage des Zigeuners.
»Tirban, der Waldhüter.«
»Seid Ihr es selbst?«
»Ja.«
»So tretet hervor! Ich habe Euch nach Etwas zu fragen.«
»Zu fragen? Das könnt Ihr auch so thun; Ihr werdet meine Antwort auch durch die Spalte hören.«
»Dieses Haus ist die Lowenja der wandernden Gitani?«
»Wie meint Ihr das?«
»Ich frage, ob Ihr der Lowenji seid!«
»Hm! Wer seid denn Ihr, und wie lautet Euer Name?«
»Ich heiße Karavey.«
»Karavey? Zarba‘s Bruder, der einst unser Vajda werden fürchtete?«
»Ich bin es!«
Jetzt wurde die Thür vollständig geöffnet, und es zeigte sich eine Gestalt, die man für noch älter als die Hütte hätte halten mögen. Sie war außerordentlich dürr und tief gebeugt; aber die kleinen, listigen Augen blitzten über die fürchterliche Nase hinweg in noch jugendlichem Feuer, und die Bewegung, mit welcher der Alte jetzt hervortrat und dem Angekommenen die skeletartige Hand entgegenstreckte, war schnell und energisch, wie man es bei diesem Alter sicher nicht erwartet hätte.
»Sei mir willkommen, Herr, und Bhowannie segne Deinen Eingang in meine arme Hütte! Wer ist der Mann, der bei Dir ist?«
»Ein Freund, der mir so viel gilt wie ich selber.«
»So mag auch er willkommen sein. Tretet ein, und nehmt fürlieb mit dem, was ich Euch bieten kann!«
Sie traten in den engen, niederen Raum, der außer einem armseligen Lager nichts enthielt als einen rohen Tisch und zwei eben solche Bänke.
»Du nanntest den Namen meiner Schwester,« begann Karavey, als sie sich niedergelassen hatten. »Lebt sie noch?«
Volke.«
»Wo werde ich sie finden?«
»In drei Tagen hier bei mir, wenn Du sie hier erwarten willst.«
»Das dauert mir zu lang. Wo ist sie jetzt?«
»In der Hauptstadt, wo Du sie erfragen kannst im Hause des Hofschmiedes Brandauer.«
»Hat sie einen Mann aus unserem Volke?«
»Nein.«
»Oder – oder – Kinder?«
»Nein – ich weiß es nicht.«
»Sieh diesen Zettel! Mein Name steht darauf. Weißt Du, auf wessen Befehl?«
Der Alte ergriff das Papier, warf einen Blick darauf und fuhr zurück.
»Von wem hast Du diese Worte?«
»Von zwei Fremden, die sie im Kruge verloren.«
»Sie werden ihre Strafe erhalten. Wem am Abende die Ordre fehlt, der hat die ganze Strenge der Vajdzina zu erwarten.«
»Wer ist jetzt die Vajdzina und über wen gebietet sie?«
»Das – das wirst Du später erfahren,« antwortete Tirban mit einem sprechenden Blicke nach dem Steuermanne.
»Du kannst meinem Freunde ganz dasselbe Vertrauen schenken wie mir. Also, auf wessen Befehl wurde mein Name als Parole gegeben?«
»Auf den Befehl Deiner Schwester.«
»Ah!«
Er stieß nur diesen Ruf aus und saß dann eine ganze Weile schweigend und in Nachdenken versunken da. Dann erhob er sich.
»Es ist gut, alter Tirban; ich weiß genug. Das Andere werde ich von Zarba selber hören, die ich in der Schmiede suchen gehe.«
»So willst Du mich schon wieder verlassen, ohne mir zu erzählen von dem, was Du bisher erfahren hast?«
»Ja ich gehe. Nun ich erfahren habe, daß sie noch lebt, habe ich keine Ruhe, bis ich sie sehen und sprechen kann. Was meine Erlebnisse betrifft, so – aber, wer ist der Mann, der da auf das Haus zuschreitet?«
Sein Auge war durch das kleine, halb erblindete Fenster auf dann:
»Ich kenne diese Menschen nicht und werde auch nicht öffnen. Er ist kein Mann unseres Volkes und soll Euch nicht hier bei mir sehen.«
Der Fremde klopfte an die verschlossene Thür, ohne daß ihm von innen Antwort gegeben wurde. Als auch nach wiederholtem Klopfen Alles ruhig blieb, trat er zum Fenster und rief:
»Tirpan, öffne! Zarpa pefiehlt es.«
»Zarba? Es ist ein Bote von ihr. Ich muß ihn einlassen!« meinte der Waldhüter.
Er verließ die Stube und brachte nach wenigen Augenblicken den Mann herein.
»Du kommst von Zarba?« frug er ihn.
»Ja, von Zarpa, die pei uns wohnt.«
»Wo ist das?«
»Ich pin Opergeselle pei dem Hofschmiedemeister Prandauer. Hier ist ein Zettel, den sie mit Pleistift geschriepen hat. Kein Mensch kann das verrückte Zeug lesen, sie aper hat gemeint, daß Du schon wissen wirst, was sie meint.«
Der Alte nahm den unversiegelten Zettel, schlug ihn auseinander und warf einen Blick auf die seltsamen Charaktere, mit denen er beschrieben war. Während dieser Zeit hatte der Steuermann den Boten scharf fixirt; es war ihm sofort dessen harte Aussprache des B aufgefallen.
»Du bist ein Schmied?« frug er ihn.
»Ja,« antwortete der Gefragte, indem er einen verwunderten Blick auf die äußere Erscheinung des Steuermanns warf. »Opergeselle pei dem Hof-, Zeug-, Huf- und Waffenschmiedemeister Prandauer in der Hauptstadt.«
»Hast Du noch Eltern?«
»Nein.«
»Oder sonstige Anverwandte?«
»Nein. Nur einen Pruder, der auf das Wasser gegangen ist.«
»Wie heißest Du?«
»Thomas Schupert ist mein Name. Warum?«
»Und Dein Bruder heißt Balduin?«
»Ja, Palduin. Ich hape ihn wohl an die dreißig Jahre nicht gesehen. Aper wie kannst Du seinen Namen wissen?« erkennen?«
»Palduin – Palduin Schupert? Ists möglich, Du wärst mein Pruder? Donnerwetter, ist das eine Freude. Komm an mein Herz; komm an meinen Pusen und laß Dich umarmen, wenn Du es wirklich pist, lieper Durchprenner Du!« —
Sechstes Kapitel: Der Beginn des Kampfes
Es war am Abende. Der Herzog von Raumburg Excellenz saß an seinem Schreibtische. Zur Seite desselben hatte auf einem Sammtfauteuil sein Sohn, der Erbprinz von Raumburg, Platz genommen. Ihre Unterhaltung war eine lebhafte, aber nicht sehr freundliche.
»Und wie weit bist Du mit dieser famosen Prinzessin Asta?« frug der Vater.
Der Sohn zuckte die Achseln.
»Sie wissen ja, Papa, daß ich diese zarte Angelegenheit nicht als eine gewöhnliche Liaison zu behandeln habe. Ein Projekt von solch eminenter Wichtigkeit muß Zeit finden, sich langsam aus sich selbst heraus zu entwickeln.«
»So! Das heißt doch mit anderen Worten, daß Du gerade noch auf dem Punkte stehst, von welchem auszugehen ich Dir befahl?«
»So ziemlich, chŠr Papa. Unsere Dame scheint nicht den Willen zu besitzen, ihre Gefühle der Politik oder den Traditionen irgend eines Herrscherhauses zu opfern. Lassen wir also ihrem Herzchen Zeit, unseren Intentionen entgegen zu kommen, ohne eine Ahnung von ihnen zu haben!«
»Zeit? Heißt das sprechen wie ein Offizier, welcher gewohnt sein soll, jede und also auch diese Art von Eroberung im Fluge zu vollbringen?«
»Sie vergessen, Papa, daß es Festungen gibt, welche nicht durch einen kühnen Handstreich, sondern nur nach langwieriger Belagerung genommen werden können!«
»Ich glaube nicht, daß Prinzeß Asta zu dieser Art befestigter Plätze gehört, ganz abgesehen davon, daß wir nicht die Zeit zu einer langsamen Cernirung und Aushungerung besitzen. Ihre Vorzüge und die glücklichen Chancen einer solchen Allianz fallen nicht blos uns in das Auge, das weißt Du genau wie ich. Daher habe ich allen politischen Scharfsinn angestrengt und kein Opfer gescheut, diesen Besuch, welcher Dir alle möglichen Vortheile bietet, zu Stande zu bringen, und ich habe natürlich das Recht, zu erwarten, daß Du den Moment so viel wie möglich benutzest.«
»Das thue ich ja, Papa, aber unsere Dame ist – ist – nun ja, sie ist, was ich bei einem Pferde obstinat oder maulhart nennen möchte. Es hilft weder Trense noch Schenkeldruck. Scheint sie nichts zu ahnen, oder will sie nichts ahnen, kurz und gut, sie zeigt nicht die mindeste Spur eines auch nur leisen Verständnisses für die liebenswürdigen Absichten, welche wir ihr entgegenbringen.«
»So bist Du in dieser Angelegenheit zu zart, was doch sonst in ähnlichen Dingen ganz und gar nicht Deine Art und Weise ist. Ich erwarte von Dir, binnen wenigen Tagen einen positiven Erfolg verzeichnen zu können. Die Interessen beider Staaten sind bisher aus einander gegangen; ich habe mir Mühe gegeben, sie wenn auch nur scheinbar zu vereinigen, und darf erwarten, daß Du das Ziel aller meiner Bestrebungen kennst und mich auch nach Kräften unterstützest, es zu erreichen. Seine Majestät beginnt zu altern; das Übrige brauche ich wohl nicht näher zu dokumentiren.«
Ein Diener trat ein und überreichte auf einem silbernen Teller eine Karte. Der Herzog ergriff sie mit den Spitzen zweier Finger und warf einen Blick darauf.
»Doktor Max Brandauer? Kenne den Namen nicht. Was will der Mensch zu so ungewöhnlicher Zeit? Es muß wohl etwas Wichtiges sein, was einen Unbekannten zu dem Wagnisse bestimmt, mich jetzt zu stören.«
Durch die dargereichte Hand wurde der Prinz entlassen, während ein leises Neigen des Hauptes dem Diener sagte, daß die Audienz gewährt werde. Die eine Thür schloß sich hinter dem Prinzen, und die andere öffnete sich, um den Schmiedesohn einzulassen, welcher sich nach einer höflichen Verbeugung in aufrechte Stellung emporrichtete, um die Anrede des Herzogs zu erwarten.
»Was wünschen Sie?« frug dieser stolz. »Ich erwarte natürlich, daß die Seltsamkeit Ihres Erscheinens durch die Natur Ihrer Angelegenheit entschuldigt werde. Es ist jetzt nicht die Zeit, in welcher ich unwichtige Besuche zu empfangen pflege.«
Excellenz.«
»Ah! Ich kannte Sie bisher nicht als einen Beamten meines königlichen Vetters!«
»Das bin ich auch gegenwärtig nicht. Ich bin der Sohn des Ihnen wohl wenigstens dem Namen nach bekannten Hofschmiedes Brandauer.«
Die strengen Züge des Herzogs nahmen einen deutlichen Ausdruck ungewöhnlicher Spannung an.
»Ich kenne diesen Namen. Was kann der König mir durch den Sohn eines Schmiedes zu sagen haben. Jedenfalls sind Sie im Besitze irgend einer Legitimation, da Sie begreifen werden, daß ich nicht so ohne Weiteres jede obskure Persönlichkeit als Vermittler zwischen der Majestät und mir anerkennen kann.«
»Hier, Durchlaucht!«
Er überreichte ein Billet, welches der Herzog überflog, um seinen Blick dann fragend wieder auf Max zu richten.
»Ich ersehe aus diesem Handschreiben nicht den Zweck Ihres Kommens.«
»Dann haben Majestät jedenfalls gemeint, daß es zuweilen Schmiedesöhne und andere obskure Menschen gibt, welchen es nicht schwer fällt, sich einer Botschaft mündlich zu entledigen,« antwortete der Doktor mit einer sehr leisen Verbeugung seines Hauptes.
Die Züge des Herzogs verfinsterten sich.
»Vergessen Sie nicht, vor wem Sie stehen, Herr Brandauer, und kommen Sie zur Sache!«
»Durchlaucht befehlen und ich gehorche. Es verlautete nämlich das Gerücht, daß ein gewisser Herr von Wallroth, Hauptmann der Artillerie, von gewisser Seite und aus gewissen Gründen für wahnsinnig erklärt worden sei und auf eine unverantwortliche, ja sogar geradezu verbrecherische und unmenschliche Weise im Irrenhause festgehalten und zu Tode gepeinigt werde.« —
Der Herzog erhob sich. Sein Gesicht war um einen Schatten bleicher geworden.
»Wirklich ein höchst interessantes Gerücht, Herr Brandauer. Wer hat es erfunden und weiter kolportirt?«
»Dem Ursprunge und der Verbreitung eines Gerüchtes läßt sich gewöhnlich nur schwer nachforschen. Allerdings liegt hier eine Ausnahme vor, doch bin ich leider nicht ermächtigt, die Fragen Ew. Durchlaucht zu beantworten.«
»So werde ich Sie zu zwingen wissen. Dieses Gerücht tangirt mich natürlich im höchsten Grade —«
»Ah —!« klang die halb ironische Unterbrechung.
»Was unterstehen Sie sich, Herr! Ich sage, dieses Gerücht tangire mich im höchsten Grade, da die Verwaltung der betreffenden Anstalt meiner obersten Leitung unterstellt ist, und ich wiederhole, daß ich Sie nöthigenfalls zwingen werde, mir das Vorhandensein und die Entstehung des Gerüchtes, von welchem Sie sprechen, ausführlich nachzuweisen.«
»Eine solche Zwangsmaßregel dürfte wohl außerhalb des Machtbereiches Ew. Durchlaucht liegen, da Seine Majestät —«
»Wohl die Macht besitzen, zu begnadigen, nicht aber in den Lauf einer Klage oder Untersuchung einzugreifen. Was hindert mich, Sie festnehmen zu lassen?«
»Ich, der obskure Schmiedesohn, Excellenz!«
»Ah! Der Umstand, daß mein königlicher Vetter die seltsame Passion besitzt, sich zuweilen an dem Ambose Ihres Vaters zu erlustiren, ist für mich kein Grund zu irgend einer Nachsicht gegen Sie. Ich befehle Ihnen also, mir den Erfinder dieses Gerüchtes mitzutheilen!«
»Ich kenne keinen zwingenden Grund, diesem Befehle gehorsam zu sein, und wenn ich demselben trotzdem nachkomme, so geschieht es nur, um meinerseits einer unangenehmen Erledigung meines Auftrages überhoben zu werden. Ich könnte mich recht gut hinter andere Persönlichkeiten verbergen, doch gibt es auch obskure Leute, welche stolz genug sind, eine solche Feigheit zu verschmähen. Der Erfinder und Verbreiter des Gerüchtes steht vor Ihnen, Durchlaucht.«
Der Herzog trat überrascht einen Schritt zurück.
»Und das – das wagen Sie zu sagen?«
»Ich sage es einfach; ein Wagniß ist dabei nicht zu erkennen, da jeder gegen mich gerichteten Gewaltmaßregel durch meinen königlichen Pathen vorgebeugt worden ist. Allerdings habe ich mich eines falschen Ausdruckes bedient, als ich sagte, daß ich der Erfinder des Gerüchtes sei; es wurde nicht erfunden, sondern es erzählte die lautere Wahrheit.«
»Ich wäre begierig, den Beweis zu hören!«
»Die Einlieferungsakten des Hauptmanns befinden sich bereits in den Händen Seiner Majestät —«
»Unmöglich!«
»Nicht nur möglich, sondern sogar Thatsache. Diese Akten brauche.«
»Wer hat das Schriftstück ausgehändigt?«
»Der Anstaltsvorstand natürlich. Er wurde sogar gezwungen, eine andere Akte auszuliefern, welche ihm durch einen Expressen übermittelt wurde, um der Mutter des Hauptmanns ganz dasselbe Schicksal zu bereiten, welches ihren Sohn in die Nacht des Wahnsinns oder des Todes stürzen sollte.«
Der Herzog mußte sich sammeln. Er stützte sich mit der Hand auf den Schreibtisch und frug dann mit belegter Stimme:
»Die Mutter des Hauptmanns? Er ist mir bei meinen Besuchen in der Anstalt vollständig entgangen. Hat er eine Mutter?«
»Allerdings, und natürlich wohl auch einen Vater.«
»Wie heißt sie?«
»Es ist eine Zigeunerin Namens Zarba, und der Vater, welcher auch noch lebt, ist ein —«
»Pah, wir haben es hier wohl nur mit der Mutter zu thun!«
»Ganz, wie Excellenz wünschen! Also das Gerücht fand bei mir seinen Ausgang und wurde —«
»Ich begreife nicht, wie Sie auf eine solche Absurdität fallen konnten!«
»Ich pflege weder absurd zu denken, noch abgeschmackt zu handeln, Excellenz. Also das Gerücht wurde von mir dem Könige mitgetheilt, welcher mich mit dem Auftrage beehrte, als Regierungskommissär die Anstalt zu besuchen. Ich fand die Bestätigung meiner Vermuthungen, befreite sofort den Hauptmann sammt seiner Mutter und erstattete meinem hohen Auftraggeber Bericht über den Sachverhalt. Die Folge davon ist eine gegen den Leiter des Irrenhauses und den Oberarzt einzuleitende Untersuchung. Sie können dem Schicksale, in Haft genommen zu werden, wohl nicht entgehen.«
Die Züge des Herzogs wurden noch bleicher als vorher, doch seine Augen blitzten zornig, als er frug:
»Und dies Alles geschah ohne meine Genehmigung?«
»Ich habe noch nie gehört, daß ein unumschränkter Herrscher zu irgend einer Handlung der Genehmigung eines seiner Diener, und wenn es der erste und oberste derselben ist, bedarf. Auch blieb wohl keine Zeit übrig, Excellenz zu benachrichtigen. Leider scheint sich herauszustellen, daß eine sehr hochgestellte Person bei der bevorstehenden Untersuchung leicht kompromittirt werden könnte; Majestät haben die gnädige Absicht, dies zu vermeiden, und wünschen daher, eine Andeutung an die betreffende Adresse gelangen zu lassen. Außer dem Könige, den beiden aus der Anstalt Befreiten und mir ist bisher Niemand in die Angelegenheit eingeweiht, und ich erkenne es als eine Huld des Herrschers, daß er keine andere Persönlichkeit als mich beauftragte, diese Andeutung zu überbringen.«
»Und welchen Zweck hat diese Andeutung?«
Der Doktor zuckte mit den Achseln.
»Keinen andern, als den bereits erwähnten. Es scheint mir nicht unmöglich, daß sich der Hauptmann nebst seiner Mutter dahin bringen lassen, von einer Untersuchung abzustehen. Ein Äquivalent für die ausgestandenen Leiden müßte allerdings geleistet werden.«
»In wessen Händen befinden sich die aus der Anstalt mitgenommenen Schriftstücke?«
»In denen des Königs.«
»Sie bedurften einer Legitimation von Seiten des Ministers?«
»Allerdings, doch wurde diesem Herrn nicht die mindeste Mittheilung über den Zweck meiner Visitation gemacht.«
Der Herzog wandte sich dem Fenster zu und blickte einige Minuten lang hinaus in die Nacht. Dann fuhr er plötzlich scharf auf dem Absatze herum.
»Sie sind nicht im Besitze einer amtlichen Stellung, Herr Doktor?«
»Nein.«
»Aber ein Mann von Ihrem Wissen sollte sich doch unbedingt nützlich zu machen suchen. Ich würde bereit sein, Ihnen eine Bahn zu eröffnen, falls Sie gesonnen wären, irgend eine Art des staatlichen Dienstes zu betreten.«
Max verbeugte sich so tief wie möglich.
»Ich danke, Excellenz! Noch habe ich diese Absicht nicht; sollte sie sich aber einst einstellen, was ich keineswegs bezweifele, so bin ich bereits an die Adresse meines Pathen gewiesen, der es übel vermerken würde, einen Mangel an unterthänigem Vertrauen bei mir zu entdecken. Darf ich erwarten, daß unsere gegenwärtige Konferenz beendet ist?«
»Gehen Sie!«
Die Thür schloß sich hinter dem Doktor; der Herzog blieb allein zurück. nimmermehr!«
Er schritt erregt in dem Zimmer auf und ab, dann faßte er nach dem Glockenzuge.
»So wird es gehen. Sie müssen verschwinden; sie müssen stumm gemacht werden!«
Auf sein Zeichen kam ein Diener herbei.
»Eile in Civil nach dem Seidenmüllerschen Gasthofe. Dort wohnt ein Herr Aloys Penentrier, den Du schleunigst zu mir entbietest. Dann schickst Du mir den – den – ja, den Polizeikommissär Hartmann, und endlich gehst Du nach dem königlichen Schlosse und suchst ohne Aufsehen den Kammerlakaien Grunert zu finden. Ihn bringst Du nach meinem Garten, wo er auf der Terrasse auf mich zu warten hat!«
Excellenz!«
Der Diener entfernte sich, warf in seiner Wohnung einen Mantel über, setzte eine Civilmütze auf und verließ den Palast seines Gebieters. Am Flusse löste er einen Kahn von der Kette, stieg ein und ruderte sich aus allen Kräften stromauf, dem andern Ufer entgegen.
Als er dort ankam, stieg eben Max aus seiner Gondel. Er hatte keine Veranlassung zur Eile gehabt und war also von dem Diener, der ihm jetzt keine weitere Beachtung schenkte, eingeholt worden.
»Der Lakai des Herzogs, der mich eingelassen hat,« murmelte er überrascht; »und in solcher Eile! Jedenfalls hat er Aufträge erhalten, welche die Folge meines Besuches sind. Ich muß ihn beobachten!«
In vorsichtiger Distanz folgte er dem Diener bis an den Gasthof der ehrsamen Wittfrau und Kartoffelhändlerin Barbara Seidenmüller. Unter einer Thür an der gegenüberliegenden Straßenseite stehend bemerkte er zwei Fenster des ersten Stockes erleuchtet und konnte zwischen den Gardinen hindurch deutlich den kleinen Rentier erkennen, welcher den Auftrag des war.
»Der Jesuit und der Polizist?« frug sich Max. »Da ist irgend eine Teufelei im Werke. Sie trennen sich. Der Kommissär geht nach dem Flusse und der Diener in der Richtung des Schlosses. Folge ich dem Einen oder dem Anderen? Ich kehre zum Herzoge zurück und wage es, durch den verborgenen Weg seine Bibliothek zu erreichen. Dort kann ich Alles hören und brauche, selbst wenn ich ertappt werden sollte, keine ernstliche Gefahr zu befürchten.«
Max führte diesen Entschluß sofort aus. Sich des Fährmannes von Neuem bedienend gelangte er kurze Zeit nach dem Polizisten an das jenseitige Ufer, passirte das Palais an der hinteren Fronte desselben, versicherte sich, daß er unbeobachtet sei, und stieg dann in den Garten. Sich zu der Terrassentreppe schleichend stieg er durch das Fenster, welches er sofort wieder in die Öffnung befestigte, hinab und verfolgte langsam den Gang, mit dessen Einzelnheiten er noch vollständig vertraut war. Die nothwendige Vorsicht war Schuld, daß er nur langsam vorwärts kam; doch gelang es ihm, geräuschlos die Bibliothek zu erreichen, in welcher heute kein Licht brannte. Im Arbeitszimmer vernahm er Stimmen. Er näherte sich der PortiŠre und kam gerade noch zur rechten Zeit, um den sich verabschiedenden Penentrier zu bemerken.